Verlag: Oetinger Taschenbuch Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Pala. Verlorene Welt E-Book

Marcel van Driel

4.83333333333333 (18)
Bestseller

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 80000 weitere Bücher
ab EUR 4,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 401

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Pala. Verlorene Welt - Marcel van Driel

Wenn ein Spiel Realität wird und die Welt bedroht. Iris darf die Insel Pala zum ersten Mal verlassen und wird von Mr Oz auf eine riskante Mission geschickt. Zusammen mit Alex soll sie Computersysteme hacken. Denn Mr Oz steht kurz vor dem Ziel – schon bald will er die Welt beherrschen. Wird es Iris mit Hilfe ihres Bruders Justus gelingen, ihn zu stoppen? Und auf wessen Seite steht Alex, der Sohn von Mr Oz und der Junge, in den Iris verliebt ist? Der atemlos spannende dritte Teil der Braingame-Bestseller-Serie.

Meinungen über das E-Book Pala. Verlorene Welt - Marcel van Driel

E-Book-Leseprobe Pala. Verlorene Welt - Marcel van Driel

Über dieses Buch

»Ich würde Ihnen gern die Wahrheit erzählen, aber Sie werden mir nicht glauben.«

Auf Iris wartet die gefährlichste Mission ihres Lebens. Gemeinsam mit Alex soll sie sich in den Kontrollraum der United States Air Force einschleusen, um die GPS-Satelliten lahmzulegen. Während Alex glaubt, gegen das Böse zu kämpfen, ist Iris’ Bruder fest davon überzeugt, dass die beiden eine Katastrophe heraufbeschwören sollen. Doch wem kann Iris trauen: ihrem Bruder, der schon lange untergetaucht ist, oder dem Jungen, in den sie verliebt ist? Und vor allem: Wen muss sie stoppen, um die Welt zu retten?

 

Eine Insel, auf der du gefangen bist.

Eine Welt, in der niemand sicher ist.

 

 

 

 

 

Für meine treuen Leser

 

 

 

 

 

»Das Ziel des Spiels zu entdecken,

ist das Ziel des Spiels.«[1]

– Daniel Schorr in dem Film THE GAME

»Siegreiche Krieger gewinnen zuerst im Kopf

und ziehen dann in den Krieg.

Unterlegene Krieger ziehen erst in den Krieg

und versuchen dann zu siegen.«[2]

– Sunzi, chinesischer General und Militärstratege

(ca. 400 v. Chr.)

Superhelden

Auf der ganzen Welt spielen Jugendliche das Online-Game Superhelden. Doch nur die Besten unter ihnen erreichen die geheimen Level auf der virtuellen Insel Pala. Niemand weiß, dass es diese Insel wirklich gibt. Und niemand weiß, dass die besten Spieler gar nicht freiwillig dort sind, sondern entführt wurden, um auf Pala zu Superspionen ausgebildet zu werden.

Fertig ausgebildete Spione heißen Superhelden. Sie werden auf internationale Missionen geschickt. Nur der geheimnisumwitterte Mr Oz kennt das große Ziel.

Seit ihr Vater Selbstmord begangen hat, ist die dreizehnjährige Iris fast ununterbrochen am Gamen. Sogar nachts sitzt sie vor dem Computer, damit sie keine Albträume bekommt. Am liebsten spielt sie Superhelden. Ihr Bruder Justin hat ihr den Link dazu geschickt. Als sie das Spiel beendet hat, schickt Mr Oz seine Superhelden Alex und Fiber auf Mission nach Holland, um Iris zu entführen. Mr Oz hat mit Iris etwas vor, aber selbst Alex und Fiber wissen nicht, was.

 

Als Iris auf Pala ankommt, findet sie heraus, dass schon jemand anderes aus ihrer Familie auf der Insel gewesen ist: ihr Bruder Justin. Auch er wurde hier zum Superhelden ausgebildet. Justin ist jedoch auf spektakuläre Weise die Flucht gelungen. Iris macht ihn in Texas ausfindig, aber Justin weigert sich, seine Schwester bei sich zu behalten. Er will, dass Iris nach Pala zurückkehrt, um herauszufinden, was Mr Oz wirklich im Schilde führt. Deshalb passt er den Chip in Iris’ Hals an, um jederzeit Kontakt zu ihr aufnehmen zu können. Und er stiehlt Mr Oz einen Lieferwagen voller Geräte, mit deren Hilfe er einen amerikanischen Satelliten kapert.

 

Auf Pala geht es Iris immer schlechter. Die Albträume werden schlimmer, und sie findet kaum noch in den Schlaf. Das liegt auch daran, dass sie nachts in Justins Auftrag durch die Gänge streift. Gemeinsam versuchen die Geschwister herauszufinden, was Mr Oz vorhat. Tagsüber aber geht das Training auf Pala normal weiter – das Training und auch die Tests. Um ein Superheld zu werden, müssen sich die Kandidaten auf Pala einem Abschlusstest stellen. Iris und YunYun schaffen es nicht nur, den Test zu bestehen, sondern sie entdecken mit Justins Hilfe – der dank des Chips zu seiner Schwester in Kontakt steht – sogar eine geheime Werkstatt auf Pala. Dort arbeitet Terry, den alle für tot halten, heimlich an einem mechanischen Monster, das Jabberwocky genannt wird. Wozu Mr Oz dieses Monster braucht, weiß Iris nicht.

Ein Teil des Tests ist ein Verhör, bei dem YunYun von einem unbekannten Mann mit starkem amerikanischem Akzent gefoltert wird. Da Iris die Augen verbunden sind, ahnt sie nicht, dass der Mann Alex ist. Alex, in den sie sich immer mehr verliebt.

 

Als Fiber herausfindet, dass Justin seiner Schwester Iris hilft, gibt sie die Position seines Lastwagens an die AFOSI durch, eine militärische Organisation in Colorado, die Terroristen jagt. Justin und seine Handlangerin Olina werden daraufhin umgehend festgenommen. Iris hat keine Ahnung, was mit Justin geschehen ist, schafft es aber auch ohne seine Hilfe, den Test zu bestehen. YunYun kostet der Test jedoch beinahe das Leben. Sie muss schwer verletzt in den Krankentrakt gebracht werden.

Nach dem Test gibt man Iris Pillen, die dafür sorgen, dass sie keine Albträume mehr bekommt, und der Alltag hält wieder Einzug. YunYun geht es langsam besser. Iris und sie sind jetzt ausgebildete Superhelden und warten auf neue Anweisungen von Mr Oz.

 

 

 

Damals

Seit dem Tod seines Vaters saß Justin beinahe nur noch am Computer. Und wenn er nicht am Programmieren war, hatte er Streit. Mit seiner Mutter, mit Iris, mit Frau Kroon, die ihn für einen Nichtsnutz hielt. Die Noten in seinem letzten Zeugnis waren massiv im Sinkflug gewesen.

Monatelang war er damit beschäftigt gewesen, Software zu manipulieren. Bei eBay hatte er einen Code gekauft (mit einer gehackten Kreditkarte) und auf seinem PC verschiedene Tests durchgeführt. Danach stellte sich für ihn nicht mehr die Frage, ob er eine echte Bank hacken konnte, sondern, was er tun würde, wenn er erst einmal drinnen war.

Unmengen von Geld auf ein Geheimkonto überweisen? Das klang verführerisch. Aber war er es nicht, der immer schrie, dass zu viel Geld korrupt machte? Vielleicht konnte er das Geld für einen guten Zweck verwenden? Es den Tierbefreiungs-Aktivisten schenken? Nein, die waren selbst ihm zu radikal.

Erst mal musste er versuchen, in die Bank reinzukommen.

Es kostete ihn nur einen Tag.

In der darauffolgenden Woche loggte er sich täglich bei der Bank ein und beobachtete die Transaktionen. Millionen von Euros wurden auf Hunderttausenden von Konten hin und her gebucht.

Justin wusste nicht, was er tun sollte. Jedes Mal, wenn er ein neues Ziel vor Augen hatte, war es, als würde der Geist seines Vaters hinter ihm auftauchen und den Kopf schütteln. Das Geld gehörte ihm nicht, er hatte nicht das Recht, darüber zu bestimmen, was damit geschehen sollte.

Justin griff nach der Maus und wollte gerade die Software entfernen. Doch dann zögerte er. Monatelang hatte er hieran gearbeitet. Und jetzt wollte er alles einfach so wegwerfen? Wollte seine Pläne, die Welt zu verändern, einfach so beerdigen, nur, weil sein toter Vater nicht damit einverstanden war?

Plötzlich schien sich der Bildschirm wellenartig zu bewegen. Das Bild verschwand und wurde durch die Aufnahme einer Webcam ersetzt. Ein flammender Kopf füllte den Monitor aus.

»BEEINDRUCKEND, JUNGERMANN.«

»W-wer sind Sie?«, stotterte Justin.

»WENNDUMITMROZREDENMÖCHTEST, MUSSTDUDEINEWEBCAMANSTELLEN, JUSTIN.«

Mr Oz? Was war das denn für ein Name? Und woher kannte er seinen?

Wie in Trance stellte Justin die Webcam an, die auf dem Bildschirm montiert war. Normalerweise benutzte er sie nur beim Gamen. Doch die seltsame Gestalt auf der anderen Seite – wer immer sie auch war – hatte es ganz offensichtlich geschafft, Justins Webcam anzuzapfen.

War sein eigener Computer gehackt worden? Wer war dazu denn in der Lage?

»SOISTESBESSER. JETZTKANNDICHMROZZUMINDESTSEHEN. DUWILLSTDIEWELTVERÄNDERN, JUSTIN? VIELLEICHTKANNICHDIRHELFEN.«

»Etwas verändern kann jeder«, sagte Justin. »Aber meistens kommt doch wieder das Gleiche dabei heraus.«

»DUHASTABSOLUTRECHT. EINPARADIGMENWECHSELISTNOTWENDIG. NEUESBLUT, EINENEUEGENERATIONMITNEUENIDEALEN. MENSCHENWIEDU, JUSTIN.«

»Was soll das heißen?«

»ICHWILL, DASSDUFÜRMICHEINSPIELENTWICKELST. EINONLINE-GAME, MITDEMKINDERUNDJUGENDLICHEWIEDUGETESTETUNDAUSGEWÄHLTWERDENKÖNNEN. DAMITWIRSIETRAINIERENUNDAUSIHNENEINEARMEEBILDEN, MITDERWIRKORRUPTIONBEKÄMPFEN. EINEARMEEAUSKINDERN, MITBESSERENIDEENFÜRDIEWELT, ALSERWACHSENESIEHABEN. EINEWELT, INDERGLEICHHEITWIRKLICHGLEICHHEITBEDEUTET. EINEWELTOHNEARMUTUNDREICHTUM, INDERDIEMITTELGERECHTVERTEILTSIND. EINEWELT, INDERKINDEROHNEBEDROHUNGDURCHKRIEGUNDHUNGERAUFWACHSENKÖNNEN. WIEKLINGTDASFÜRDICH, JUSTIN?«

Wer könnte zu einer Welt ohne Krieg und Hunger Nein sagen?, fragte sich Justin. Genau das hatte er sich immer gewünscht.

»Aber warum Kinder?«, fragte er zögernd. »Was macht uns …« Er fand nicht die richtigen Worte, um seinen Satz zu beenden.

»ESGIBTWÖLFEUNDSCHAFE, JUSTIN. UNDJEDEGEMEINSCHAFTAUSSCHAFENMUSSIRGENDWANNEINEREGIERUNGAUSWÖLFENKREIEREN.«

»Alle Menschen sind gleich«, erwiderte Justin. »Genau das ist der Grund, weshalb wir Probleme haben.«

»DASSTIMMT. ABERDIEMENSCHENBRAUCHENTROTZDEMFÜHRUNG, SONSTTREIBENDIESCHAFEVONDERHERDEWEG.« Der Mann, der sich Mr Oz nannte, schwieg einen Moment, bevor er fortfuhr. »WILLSTDUEINWOLFSEIN, JUSTIN, ODEREINSCHAF?«

Justin musste an etwas denken, was sein Vater einmal gesagt hatte: dass absolute Freiheit nicht existierte, weil die Menschen die Freiheit gar nicht ertragen konnten.

»Ein Wolf.«

»WIRSTDUMIRBEIMEINERSUCHEHELFEN?«

»Ich glaube schon«, sagte er.

»ESGIBTBEREITSEINEERSTEVERSIONDESSPIELS, EINE, MITDERMROZNICHTSEHRZUFRIEDENIST. MROZWILL, DASSDUAUFSEINEINSELKOMMST, UMEINNEUESSPIELZUENTWICKELN. KÖNNTESTDUZUMIRREISEN?«

Justin nickte. Er dachte an das Geld von der Bank, an das er herankommen konnte. »Ja, Sir.«

»GUT. UND, JUSTIN?«

»Ja, Sir?«

»ERZÄHLDEINERFAMILIENICHT, WOHINDUWIRKLICHFÄHRST. ERFINDEIRGENDETWAS.«

»Ja, Sir.«

»DEINEFAMILIEKOMMTINACHTUNDSECHZIGSEKUNDENNACHHAUSE. MROZMAILTDIRDIEDETAILS. SEHENWIRUNSAUFPALA, SUPERHELD?«

»Ja, Sir.« Justin hatte keine Ahnung, was oder wo Pala war, aber es klang wie der perfekte Ort. Ein Spiel entwickeln und die Welt retten. So aussichtslos, wie ihm sein Leben seit dem Tod seines Vaters erschienen war, so vielversprechend winkte ihm jetzt die Zukunft. Eine Zukunft, auf die er sich freuen konnte.

Das Videobild verschwand, und sein eigener Bildschirm nahm wieder Gestalt an. Statt die Software zu löschen, klickte er auf das Icon Call of Duty. Hinter ihm ging die Zimmertür auf.

»Wie war es in der Schule?«, fragte Justin.

»Bist du schon wieder am Zocken?«, entgegnete seine Schwester.

Justin machte sich nicht die Mühe, ihr zu antworten. Stattdessen sagte er: »Vergisst du immer noch, anzuklopfen, Iris? Du hast doch ein fotografisches Gedächtnis. Wieso ist es dann so schwer, sich das zu merken?«

»Ich habe es nicht vergessen. Ich höre einfach nicht auf dich. Ist ja auch nicht gerade so, als würdest du hier mit einem Mädchen rummachen. Du hockst einfach nur am Computer und spielst dämliche Spiele.«

Er ignorierte seine Schwester. Sollte sie doch reden. In ein paar Tagen war er sowieso fort, auf dem Weg nach Pala.

Schriever Air Force Base

Justin hatte das Gefühl, in einer riesigen Plastikbox eingesperrt zu sein. Die Wände des Verhörzimmers bestanden aus Kunststoffpaneelen, die genauso strahlend weiß gestrichen waren wie Boden und Decke. Über seinem Kopf hingen LED-Lampen, die den Raum gleichmäßig ausleuchteten. Es war nicht der kleinste Schatten auszumachen.

Der einzige Schatten war er selbst. Shade, so nannten sie ihn auf Pala. Bilder von seiner Zelle auf der verfluchten Insel tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Genau wie hier hatten darin nichts weiter als ein Tisch und zwei Stühle gestanden. Aber das Verhörzimmer war zumindest um einiges größer als die Zelle, in die Mr Oz ihn eingesperrt hatte.

Der Holztisch, an den der Soldat ihn gesetzt hatte, war hellblau und im Boden verankert. Er war der einzige Farbklecks im Raum. Vielleicht gab es den Tisch, damit die Gefangenen ruhig blieben? Justin wusste aus Erfahrung, dass man aggressiv wurde, wenn man ganz allein eingesperrt war.

Er vermutete, dass es sehr schwierig werden würde, aus dieser Zelle zu entkommen. Vergleichbar mit seiner Flucht von der Insel.

In Gedanken war er bei seiner Schwester, die immer noch auf Pala war. Hatte sie den Test bestanden? Hatte YunYun den Angriff der mechanischen Dinosaurier überlebt? Wie weit war Mr Oz inzwischen mit seinen Plänen?

Direkt vor ihm hing ein Spiegel. Weil der Raum nur auf dieser Seite beleuchtet war, konnte Justin lediglich sein Spiegelbild sehen. Auf der anderen Seite der Scheibe standen seine Vernehmer. Er wusste, dass sie durch das Glas hindurchschauen konnten und daher dasselbe sahen wie er: einen erschöpften Jungen mit halblangen, dunklen Haaren und Kinnbart, der sich seit Wochen nicht rasiert hatte. Die Frage war nur: Für wen oder was hielten sie ihn? Für einen Studenten, der sich einen geschmacklosen Scherz erlaubt hatte? Für einen Terroristen? Einen Dieb?

Er kam sich vor, als wäre er in einer amerikanischen Krimiserie gelandet. Nur, dass er nicht in einem schäbigen Polizeirevier hockte, sondern auf der Schriever Air Force Base: einem Militärstützpunkt in Colorado, der Heimatbasis des Air Force Space Command, dem Kontrollzentrum für mehr als hundertsiebzig Kommunikations- und Spionagesatelliten. Justin saß hier, weil er einen Satelliten der zweiten Kategorie gekapert hatte, um mit Iris in Kontakt treten zu können. Irgendjemand hatte ihn und Olina verraten. Wahrscheinlich Fiber. Wie sonst hätte ihn die AFOSI finden sollen?

Dabei wollte er doch nur Iris aus den Klauen von Mr Oz befreien. Sonst nichts.

Nein, korrigierte er sich selbst. Eigentlich war er hier, weil er die Welt verändern wollte. Weil er sich dazu hatte überreden lassen, Dinge zu tun, die sich durch nichts entschuldigen ließen. Dass er hier feststeckte, war seine eigene Schuld. Schließlich hatte er Sachen gemacht, die er bei anderen auch nicht akzeptieren würde.

 

Der Mann und die Frau kamen abwechselnd herein, um ihn zu befragen. Während einer von ihnen bei ihm war, taxierte der jeweils andere ihn wahrscheinlich von der anderen Seite des Spiegels. Vielleicht machten sie sich auch Notizen.

Der Mann war Anfang dreißig, tippte Justin, und ziemlich aggressiv. Er schrie Justin an, dass er alles gestehen müsse, dass er ins Gefängnis kommen würde und es seine letzte Chance sei, sich jetzt noch aus der Affäre zu ziehen. Justin schwieg und sah ihn an, als wenn er kein Soldat in Uniform, sondern ein Sechstklässler mit großer Klappe wäre. Sein Schweigen machte den Mann nur noch wütender, was natürlich genau Justins Absicht war. Nach einer Weile zog der Soldat wieder ab.

Die Frau war ein anderes Kaliber. Sie schien die Ranghöhere von beiden zu sein, und sie war auch etwas älter. Sie war viel ruhiger und freundlicher. Gefährlicher. Wie eine Raubkatze, die ihr Opfer erst mit dem Kopf anstupste, bevor sie mit ihrer Klaue zuschlug.

Guter Bulle, böser Bulle. Die Taktik kannte er aus den Filmen, die er mit Iris und seinem Vater zusammen verschlungen hatte. Der nette Polizist sorgte dafür, dass man sich wohlfühlte, der böse versuchte, einen aus der Reserve zu locken. Ohne es zu merken, gestand man alles.

Aber Justin nicht.

Die Frau hatte sich als Isabela Orsini vorgestellt. Sie gehörte zur United States Air Force Office of Special Investigations, kurz AFOSI. Dabei handelte es sich um eine Militärbehörde, die gelegentlich bei Verbrechen, meist aber bei Terrordrohungen und Spionage eingesetzt wurde. Und das Kapern eines Satelliten fiel gleich in alle drei Kategorien.

Die Fakten sprachen gegen ihn, er war fucked, jedenfalls, wenn er ihr glaubte.

Aber das war er ja sowieso schon. Seit er sich auf Mr Oz eingelassen hatte, war er verflucht. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert, hatte sein Vater einmal zu ihm gesagt. Justin hatte nicht auf ihn hören wollen, hatte damals wahrscheinlich nicht einmal begriffen, was sein Vater damit meinte. Das Ziel heiligt die Mittel, war sein Motto gewesen. Die Menschen sollten aufhören, Fleisch zu essen, sollten gegen die globale Erwärmung kämpfen und die Finger von Tierversuchen lassen. Er hatte recht, und der Rest der Welt musste sich seiner Meinung anpassen.

Diese Arroganz war ihn teuer zu stehen gekommen.

Isabela stellte ihm Fragen, und er verweigerte eine Antwort nach der anderen. Sie fragte ihn nach seinem Namen, woher er stammte. Justin musste an den Test auf Pala denken, an das Verhör.

Den Vornamen durfte man nennen, den Nachnamen, Alter und Blutgruppe. Auf Pala durfte man auch noch sagen, wo man herkam und zu welcher Familie man gehörte, aber damit fing er gar nicht erst an. Er wollte nicht, dass sie wussten, wer er war, er wollte lediglich für Olina Zeit gewinnen. Also stellte er sich doof. Nach einer Weile verschwand Isabela Orsini wieder.

Jetzt saß er allein am Tisch in dem Zimmer, das an eine Plastikbox erinnerte, und betrachtete sich selbst im Spiegel. Er versuchte, wie Superman direkt durch das Glas hindurchzublicken.

Vergeblich. Auch wenn er sich Superheld nennen durfte, war er nicht Clark Kent.

Justin legte die Hände auf den Tisch und begutachtete seine Fesseln. Er hatte Handschellen aus Metall erwartet, wie im Film, aber diese hier waren aus Plastik und hatten nicht einmal ein Schloss. Sie sahen aus wie Kabelbinder. Der Soldat hatte Justins Handgelenke zusammengedrückt, das Plastik darumgewickelt und die Fesseln mit einem Handgriff zugezogen.

»Wir nennen sie PlastiCuffs«, hatte er gesagt, »und man hat uns genau beigebracht, wie man sie anlegt.« Er zog die Fesseln enger, sodass Justin gezwungen wurde, seine Handgelenke noch mehr zusammenzudrücken. »Wenn wir sie zu fest zuziehen«, fuhr der Soldat fort, »könnte es passieren, dass wir die Blutzufuhr abschneiden. Und das ist natürlich nicht unsere Absicht. Unser Präsident verbietet uns, Gefangenen Schmerzen zuzufügen.« Um seine Geschichte zu unterstreichen, zog er die Handschellen noch einmal extra an.

Justin biss die Zähne zusammen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Das Vergnügen gönnte er seinem Bewacher nicht. Erst als der Soldat das Verhörzimmer wieder verließ, wagte er es, durchzuatmen.

Zum Glück war er vorbereitet gewesen. Auf Pala waren Fesseln, Seile und Bänder Teil des Trainings. Dabei hatte Justin gelernt, dass man die Muskeln aufblasen sollte, soweit es ging, wenn man gefesselt wurde. Dadurch gewann man ein paar Millimeter Platz. Justin entspannte sich und fühlte, wie sich zwischen dem Plastik und der Haut ein winziger Raum ausbreitete. Die Fesseln zwängten ihn noch immer ein, aber zumindest war seine Blutzufuhr nicht in Gefahr.

Wie es wohl Iris ging?

Justin schob den Stuhl mit dem Fuß nach hinten und stand auf. Er tat, als würde er völlig in sich ruhen, ging auf die Spiegelwand zu, drückte die Nase gegen das Glas und versuchte, hindurchzusehen.

Wenn er die Augen halb zusammenkniff, konnte er erkennen, dass sich dahinter ein kleiner Nebenraum verbarg. Er war leer, abgesehen von einem dürftig geschmückten Weihnachtsbaum. Wo waren die beiden? Waren sie bei Olina? Wurde auch sie hier festgehalten, oder hatte man sie an einen anderen Ort gebracht?

Oder war sie bereits entkommen?

Verhör

Olina spürte, dass sie angestarrt wurde. Abgesehen von einem Tisch und zwei Stühlen war der Raum leer. Sie ließ sich auf einem der beiden Stühle nieder und betrachtete sich in dem Spiegel, der vor ihr hing.

Auf Hawaii war Korruption an der Tagesordnung, Polizisten waren dabei möglicherweise noch schlimmer als Politiker. Obwohl Hawaii Teil der USA war, schien es doch in vielerlei Hinsicht eine andere Welt zu sein.

Olina vermutete, dass das Militär hier in Colorado loyaler war als in ihrer Heimat. Und das machte ihre Aufgabe ein ganzes Stück schwieriger. Ehrliche Menschen waren schwerer zu beeinflussen.

Der Soldat, der sich als Jason Lizik vorgestellt hatte, hatte sie mit einer Plastikkordel gefesselt. Zum Glück hatte er sie nicht ganz fest zugezogen. Sie konnte ihre Hände nach wie vor bewegen. Vielleicht würde ihr das später noch helfen.

Olina legte die Arme auf den Tisch und zwang sich, ruhiger zu werden. Die Tischplatte war hellgelb und erinnerte sie an die Sonne, die beinahe jeden Tag über Honolulu schien.

Sie vermisste ihre Stadt und ihre Familie.

Olina schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Justin verließ sich auf sie, sie durfte ihn nicht enttäuschen. Er hatte sie im Krankenhaus aufgespürt und dort rausgeholt. Jetzt musste sie zusehen, dass sie Justin hier rausbekam, damit sie zusammen Mr Oz aufhalten konnten. Erst danach konnte sie nach Hause.

 

Isabela quetschte sich an dem Weihnachtsbaum vorbei und sah, dass der Junge sich die Nase an der Glasscheibe platt drückte. Konnte er sie sehen? Schnell schloss sie die Tür hinter sich, um das Licht zu dimmen.

Welcher Idiot hatte den Baum hier aufgestellt? Manchmal ließ die Professionalität auf der Flugbasis zu wünschen übrig.

Irgendetwas an dem Jungen da drüben war seltsam. Zunächst hatte sie ihn älter geschätzt, was nicht allein an seinem Kinnbart lag, sondern vor allem an dem Blick in seinen Augen. Sie kannte diesen Ausdruck, sie hatte ihn früher schon gesehen, bei Soldaten, die mit ihr in Afghanistan gedient hatten.

Soldaten mit Kriegstraumata.

Sie hörte, dass Jason hinter ihr das Zimmer betrat.

»Weißt du schon mehr über den Lieferwagen?«, fragte sie, ohne den Blick von dem Jungen abzuwenden. Sie sprach leise, auch wenn die Scheibe keine Geräusche durchließ. Sie ging immer gern auf Nummer sicher.

»Volkswagen-Transporter, der häufigste Lieferwagen der Vereinigten Staaten«, murmelte Jason. Er hielt einen Stapel Papiere in der Hand, die er mit prüfendem Blick studierte. Es war gar nicht so einfach, schnell alle Infos zu erfassen. »Herkunft des Busses: nicht nachvollziehbar. Verschiedene Nummernschilder im Kofferraum, aus verschiedenen Staaten. Das von Colorado war wohl frisch angeschraubt. Hightech-Gerätschaften im Laderaum, Computer, Bildschirme und so weiter. Besser als unser Material.«

»Also eine Profi-Ausstattung?«

»Viel zu professionell für zwei Teenager. Es ist unmöglich, ohne richtig viel Geld auf der Bank und die richtigen Kontakte an dieses Zeug zu kommen. Und selbst dann …«

»Also ist der Wagen gestohlen.« Das war keine Frage.

»Es gibt keine Diebstahlsanzeige, in keinem Staat.«

»Dann hat der Bus also jemandem gehört, der das Ganze lieber geheim halten will. Terroristen? Kriminelle?«

Jason nickte. »Vielleicht Al-Qaida.«

Das bezweifelte sie. Konvertierte Moslems trugen meist eine andere Art von Bart, wenn sie einen hatten. Aber das konnte natürlich auch Teil seiner Scharade sein.

»Und das Mädchen?«

»Sie sitzt in Zimmer B. Sie behauptet steif und fest, dass sie nichts damit zu tun hat und er sie auf der Straße aufgesammelt hat. Ich bin geneigt, ihr zu glauben.«

»Ich nicht. Irgendwas stimmt da nicht. Verhör sie noch einmal. Mach es ihr schwer. Ich werde dem jungen Mann auf den Zahn fühlen.«

»Allein?«

»Glaubst du, ich werde nicht mit ihm fertig, Jason?«

»No, ma’am, aber die Vorschrift …«

»Es ist kurz vor Weihnachten, Jason. Wir sind hochgradig unterbesetzt. Du setzt das Mädchen unter Druck, ich den Jungen. Punkt.«

 

Isabela öffnete die Tür zu Zimmer A und trat ein.

»Sit down«, befahl sie und schloss die Tür hinter sich.

Der Junge stand immer noch vor der Spiegelwand und musterte sie ohne ein Zeichen von Angst.

»Ich stehe lieber«, antwortete er ruhig.

Ein Spiel, dachte sie, er spielt mit mir ein Spiel. Solange er stand, war er ihr physiologisch gesehen überlegen, schließlich war er bestimmt fünfzehn Zentimeter größer als sie. Isabela verfluchte ihre italienischen Vorfahren, die vor drei Generationen nach Amerika ausgewandert waren.

Sie war kurz davor, nach ihrem Schlagstock zu greifen, ließ es dann aber doch sein. In diesem Stadium schon mit Schlägen zu drohen, schwächte lediglich ihre Position. Ihre Aufgabe war es, sein Vertrauen zu gewinnen, nicht, ihn mit körperlicher Gewalt unter Druck zu setzen. Dafür hatte sie Jason.

»Unsere Stühle sind allerdings sehr komfortabel«, sagte sie. »Die besten, die Uncle Sam auftreiben konnte. Sit down«, sagte sie ein zweites Mal. »Please.« Sie lächelte.

Der junge Mann nickte und schlich zu seinem Stuhl. Erst als er saß, nahm sie ihm gegenüber Platz. Noch immer ragte er mit Kopf und Schultern über ihr auf.

»Warum willst du unsere Fragen nicht beantworten?«

Der Junge zuckte die Achseln. »Mit Ihnen zu reden, macht mir nichts aus. Mit ihm schon.« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Tür.

»Und warum, wenn ich fragen darf?«

»Er ist der bad cop. Sie sind der good cop. Er ist hässlich. Sie sind hübsch. Ich stehe auf ältere Frauen«, fügte er hinzu.

Wieder versuchte er, sie einzuwickeln. Isabela zauberte ein Lächeln zum Vorschein.

»Well, thank you. Ich bin jünger, als ich aussehe, aber nachts aus dem Bett getrommelt zu werden, ist schlecht für die Haut. Und mein Kollege Jason ist in Wirklichkeit ein ganz Netter. Er hat nur etwas gegen Terroristen, und das kann man ihm nicht verdenken.«

»Ich bin kein Terrorist.«

»Sondern? Was bist du dann?«

»Ganz normal. Ein Junge eben.«

»Und dein Name ist?«

Sie sah, dass er zögerte.

»Justin.«

»Nachname?«

»Einfach nur Justin.«

»Justin, ich habe ein Problem«, begann sie. »Wir haben dich in einem Lieferwagen in der Nähe der Schriever Air Force Base aufgegriffen. In einem Lieferwagen voller Geräte, die so hoch technisiert sind, dass selbst wir sie uns nicht leisten können. Meine Techniker haben deine letzten Aktivitäten untersucht, und die Ergebnisse … Ich war geschockt, Justin, das darfst du ruhig wissen. Und das passiert mir nicht so schnell.«

Justin legte seine gefesselten Hände auf den Tisch und sah sie mit stoischer Miene an.

»Du bist mithilfe deiner Gerätschaften in den KH-14GAMBIT eingedrungen. In einen Spionagesatelliten. Das ist eine Straftat, für die du lebenslänglich kriegen könntest. Aber das ist es gar nicht, was mich so erschreckt.«

Immer noch keine Reaktion.

»Mein Problem ist, dass der KH-14GAMBIT gar nicht existiert, jedenfalls nicht offiziell. Offiziell sind wir erst bei KH-11, inoffiziell inzwischen bei Nummer 13. Und die 14? Um ehrlich zu sein, wusste selbst ich bis gestern Abend nichts von seiner Existenz, so neu ist das Ding.«

»Na dann«, sagte Justin. »Wenn der Satellit nicht existiert, kann ich ihn doch auch nicht gehackt haben, oder?«

Sie starrte den Jungen an, und er starrte emotionslos zurück.

»Aber er existiert, Justin. Meine Frage ist bloß: Wie kommt ein Junge – wie alt bist du? Zwanzig? – an Informationen, die nicht einmal ich habe? Ein junger Mann, der keinen Zugang zu unserem System hat. Ein junger Mann, den es offiziell gar nicht gibt, kapert einen Satelliten, den es offiziell genauso wenig gibt. Verstehst du, dass mich das beunruhigt?«

»Vielleicht«, sagte der Junge, »existieren weder ich noch der Satellit, und Sie sprechen mit einem leeren Stuhl.«

»Vielleicht«, flüsterte Isabela, »sollte ich dir eine runterhauen?«

»Nur zu«, sagte er. »Ich kann ohnehin nichts dagegen tun.« Er hob seine gefesselten Hände.

 

»Wie alt bist du?«, fragte Jason Lizik das Mädchen. Sie saßen sich am Tisch in Verhörzimmer B gegenüber. Es unterschied sich nicht wirklich von Zimmer A, abgesehen davon, dass der Tisch hier gelb war statt blau. Meistens wurden in diesem Zimmer Militärangehörige verhört. Im besten Fall wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit oder Prügeleien, ansonsten wegen Betrug oder Hehlerei. Bisher war erst ein einziges Mal Mord dabei gewesen. Nie zuvor hatte ihm hier eine Minderjährige gegenübergesessen.

»Fünfzehn«, antwortete sie schüchtern. »Können Sie mir die abnehmen?«, fragte sie und hielt ihm ihre gefesselten Hände vors Gesicht. »Mir tun die Handgelenke weh.«

»Nicht so sehr wie deinem Entführer«, antwortete er grinsend. »Ich hab seine ganz besonders fest zugezogen, extra für dich.«

»Danke«, sagte sie zögernd. Sie sah ihn ängstlich an, als ob sie ihn für den Feind hielt.

»Du brauchst keine Angst mehr zu haben, er ist eingesperrt und kommt vorläufig auch nicht mehr raus. Du bist in Sicherheit.«

»Warum habe ich die dann um?«

»Weil meine Chefin denkt, dass du zu ihm gehörst.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie hellblaue Augen hatte. Das hatte er bei einer Afroamerikanerin noch nie gesehen, und er hatte viele dunkelhäutige Kollegen.

»Sie halten mich gegen meinen Willen fest«, griff sie ihn unerwartet an. »Sie sind genauso schlimm wie er.«

»Ist schon gut. Du brauchst nur ein paar Fragen zu beantworten, dann lass ich dich gehen, okay?«

Sie sagte nichts, sondern blickte stur zu Boden.

»Okay?«, wiederholte er.

Sie nickte leicht.

»Woher kommst du?«, fragte er. Er versuchte, so ruhig und entspannt wie möglich zu klingen.

»Ursprünglich aus Hawaii«, sagte sie, noch immer ruppig. »Aber vor ein paar Jahren sind wir nach Colorado gezogen.«

»Warum sollte man ein tropisches Paradies gegen The Springs eintauschen?«, fragte er erstaunt. So nannten die Einheimischen Colorado Springs. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand freiwillig hierherziehen würde, schon gar nicht jetzt, wo der Winter sie im Griff hatte.

Das Mädchen zuckte die Achseln. »Wegen der Schule. Die staatlichen Schulen auf Hawaii sind furchtbar schlecht, und eine Privatschule konnten wir uns nicht leisten.«

»So schlimm können die doch gar nicht sein.«

»Glauben Sie mir, meine Mutter ist Lehrerin, sie sind sogar noch viel schlimmer. Alle halten Hawaii für ein Paradies, aber alles und jeder dort ist korrupt!« Sie spuckte die Worte beinahe aus.

»Schon gut, entspann dich!« Er hob beruhigend die Hände. »Erzähl mir etwas von dem Jungen. Was weißt du von ihm?«

Olina zuckte die Achseln. »Nichts. Nur, dass er Justin heißt.«

»Was hast du auf der Straße gemacht?«

Jason war froh, dass er normal mit ihr reden durfte. Bad cop war eine Rolle, die er nur widerwillig spielte, vor allem bei Frauen.

Olina holte tief Luft und begann zu erzählen. »Ich bin von der Schule nach Hause gelaufen. Normalerweise nehme ich den Schulbus, aber ich war zu spät, ich …«

»Wo gehst du zur Schule?«, unterbrach er sie.

»Palmer High, downtown. Ich bin im ersten High-School-Jahr«, antwortete sie, ohne zu zögern.

»Okay, erzähl weiter.«

»Er ist erst an mir vorbeigefahren. Dann hat er abgebremst und mich gefragt, ob ich mitwill.«

»Und das war wo in The Springs?«

Olina nannte ihm den Straßennamen. Sie sah ihn nicht an, sondern starrte auf den Tisch, als wäre ihre Vergangenheit in die Tischplatte eingeritzt und als würde sie die Ereignisse vorlesen.

»Er hat gesagt, dass er Justin heißt, und er hat Englisch gesprochen. Aber ich glaube, er stammt nicht von hier«, murmelte sie. »Er ist kein Amerikaner, meine ich.«

 

»Du bist kein Amerikaner«, sagte Isabela beiläufig. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Justin zuckte kurz zusammen. Es fiel ihm regelrecht schwer, nicht seine Bewunderung zu zeigen. Inderpal hatte mit ihm seinen amerikanischen Akzent trainiert, bis er nicht mehr von dem eines echten Amerikaners zu unterscheiden war. Die Dame war gut. So gut, dass sie auch seine Reaktion registrierte, so minimal sie auch war.

»So I am right. Woher stammst du?«

»Aus den Niederlanden«, antwortete er widerwillig. »Aus Utrecht.« Er wusste, dass er ihr etwas geben musste, um sie bei Laune zu halten.

»Also, Justin aus Utrecht, dann lass uns damit anfangen, wie du es in die USA geschafft hast.«

Er runzelte die Stirn.

»Du stehst nicht im US-VISIT. Alle ausländischen Besucher werden seit 2007 von unserem Computersystem registriert, wenn sie ins Land kommen. Nur, wer sowohl in Amerika geboren als auch kein Krimineller ist, taucht nicht im System auf. Du bist kein Amerikaner, wie wir gerade festgestellt haben, also lautet meine Frage: Wie bist du unregistriert über die Grenze gekommen?«

»Schon mal etwas von falschen Pässen gehört?«

»Das erklärt noch immer nicht die Fingerabdrücke.«

»Ich hatte auch falsche Fingerabdrücke.«

»Das ist unmöglich.«

Justin schwieg. Das erschien ihm in diesem Fall am besten. Sicher wusste auch sie, dass es durchaus Möglichkeiten gab, falsche Fingerabdrücke herzustellen. Man musste nur genügend Geld haben.

»Okay, es ist nicht unmöglich«, gab sie zu. »Aber es ist teuer und sehr kompliziert. Fast so kompliziert, wie einen ultrageheimen Satelliten zu hacken.«

»Nicht da, wo ich herkomme.«

»Dann lass uns doch mal darüber reden, woher du kommst. Wir reden jetzt nicht über Utrecht, nehme ich an?«

Zeit schinden, Justin, Zeit schinden. Olina braucht Zeit. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Kennen Sie die Filme, in denen die Hauptfigur zum Polizisten sagt: ›Ich werde Ihnen alles erzählen, aber Sie werden mir nicht glauben?‹ Und dann sagt der Polizist: ›Lassen wir es drauf ankommen?‹«

Die Frau ihm gegenüber nickte. »So etwas habe ich schon mehrfach gesehen, durchaus.«

»Ich würde Ihnen gern die Wahrheit erzählen, aber Sie werden mir nicht glauben.«

Die Frau brachte ein digitales Aufnahmegerät zum Vorschein und legte es mitten auf den Tisch.

»Lassen wir es drauf ankommen.« Sie spielte das Spiel mit und stellte den Rekorder an.

Justin nickte und begann zu erzählen. »Irgendwo mitten im Ozean liegt eine Insel. Offiziell hat sie keinen Namen und gehört zu keinem Staat. Wir nennen sie Pala. Dort bin ich ausgebildet worden. Dort ist auch meine Schwester.«

»Warum?«

»Sie ist auf die Insel entführt worden, genau wie Hunderte andere Jugendliche, nachdem sie im Internet ein Online-Game gespielt haben.«

Isabela schüttelte den Kopf. »Hunderte von Jugendlichen, die auf eine Insel entführt wurden, ohne dass jemand davon weiß? Unmöglich.«

»Nein, das ist nicht unmöglich«, antwortete Justin. »Die Kunst besteht darin, nicht zu viele Kinder aus demselben Land zu holen. Manche verschwinden einfach, anderen geschieht angeblich ein Unglück. So wie meiner Schwester«, fügte er hinzu.

»Deine Schwester … Wie heißt sie?«

»Iris, sie heißt Iris.«

Palaver

»Iris?«

Iris drehte den Kopf zur Tür, ohne YunYuns Arm loszulassen. Ihre Freundin konnte sich zwar inzwischen wieder ohne Rollstuhl fortbewegen, allerdings noch nicht ohne Krücken. Und schon gar nicht auf einem Laufband, auch wenn das Gerät auf die langsamste Stufe eingestellt war.

Sie sah, dass Fiber den Fitnessraum betrat und sich zwischen den Geräten hindurchdrängte, die im Saal verstreut waren. Crosstrainer, Laufbänder, Rudergeräte. Alle wurden von Teenagern zwischen zwölf und zwanzig Jahren genutzt.

Alex hatte ihr erzählt, dass das anfangs ein ziemliches Problem gewesen war. Denn die meisten Sportgeräte waren für Erwachsene konstruiert. Und obwohl eine ganze Reihe von baumlangen Jugendlichen auf Pala herumlief, gab es auch genügend von kleinerer Statur. Schließlich hatte Mr Oz beschlossen, einen Teil der Geräte aus China zu importieren, wo auf viel kleineren Geräten Sport getrieben wurde. Sie mussten lediglich die chinesische Software auf die englische Sprache umstellen. Das war die Aufgabe von Fiber gewesen, Palas Haus-und-Hof-Hackerin.

Als Einzige hier im Fitnessraum trug sie Uniform, alle anderen hatten Sportkleidung an.

Fiber war nicht nur Hackerin, sondern auch Goth und noch dazu eine absolute Kampfmaschine. Niemand konnte sie im Eins-gegen-eins-Gefecht besiegen, noch nicht einmal die Jungs. Sogar Russom musste gegen Fiber klein beigeben, und er war immerhin gut zwei Meter groß.

Iris spannte unwillkürlich die Muskeln an. Wenn Fiber in der Nähe war, ging sie automatisch in Habachtstellung. Sie suchte Blickkontakt zu YunYun, die das Laufband sofort auf Stopp setzte und sich an den Seitenstangen festhielt, sodass Iris ihren Arm loslassen konnte. Iris war in Alarmbereitschaft.

Fiber grinste. »Wie ich sehe, ist mein Unterricht nicht umsonst gewesen«, sagte sie. »Ganz ruhig, chill mal. Mr Oz braucht dich.«

Iris schluckte. Es war so weit. Der Moment, dem sie voller Angst entgegengesehen hatte, war gekommen. Wollte Mr Oz sie immer noch auf ihren Bruder ansetzen?

»Jetzt sofort?«, fragte sie.

Fiber nickte.

Iris drehte sich zu YunYun um. »Kommst du alleine klar?«, fragte sie und versuchte, möglichst beiläufig zu klingen. »Es kann sein, dass ich wegmuss. Von der Insel«, flüsterte sie dann.

»Auf eine Mission?«, fragte YunYun erschrocken.

Iris nickte und legte YunYun ganz kurz die Hand auf die Schulter. »Kommst du ohne mich zurecht?«, fragte sie.

Vor ein paar Wochen war YunYun beinahe gestorben, aber jetzt lächelte sie, als würde sie nicht gerade eine schmerzhafte Genesung durchmachen. »Geh du nur die Welt retten.« Und lautlos fügte sie hinzu: »Alles Gute.«

Iris rannte Fiber hinterher, die schon wieder auf dem Weg zum Ausgang war. Bei Tessa, mit der YunYun abgesehen von ihr selbst am meisten Kontakt hatte, blieb sie kurz stehen und bat sie, ein Auge auf YunYun zu haben. Währenddessen arbeitete ihr Herz mit doppelter Schlagkraft. Was würde passieren?

Auf dem Gang versuchte sie, Fiber einzuholen.

»Wie geht es YunYun?«, fragte Fiber.

Iris zuckte die Achseln. »Sie hat schlimme Schmerzen, aber sie jammert nicht. Sie glaubt noch immer, dass wir hier etwas Gutes tun. Du solltest stolz auf sie sein.«

Fiber konnte Leute, die ständig herumnörgelten, nicht ausstehen. Und Iris ging davon aus, dass Fiber dieselben Ziele anstrebte wie Mr Oz.

Aber zu ihrer Überraschung schüttelte Fiber den Kopf. »Was mit YunYun während des Tests passiert ist, hätte nicht geschehen dürfen.«

Iris war erstaunt über die Heftigkeit, mit der Fiber das sagte. Mr Oz zu kritisieren, war ein No-go auf Pala, auch wenn Fiber sich deutlich mehr leisten durfte als die meisten anderen. Trotzdem machte sie nur selten negative Bemerkungen über ihren Anführer und seine Methoden.

Iris nickte. »Da hast du recht«, antwortete sie. »Aber die Frage ist: Was tun wir dagegen?«

Fibers einzige Reaktion war, dass sie schneller lief. Iris biss sich auf die Lippen. Blöde Nuss.

Iris fiel auf, dass sie nicht in Richtung Bibliothek ging, wo Mr Oz in seinem Aquarium herumschwamm, sondern in Richtung Beobachtungsraum.

»Und du?«, fragte Fiber schließlich.

Ja, dachte Iris. Was tue ich? Sämtliche Energie war aus ihr gewichen, seit Mr Oz ihr den Auftrag erteilt hatte, Justin nach Pala zurückzuholen. Wenn sie sich weigerte, würde YunYun dafür büßen, das hatte er geschworen. Wenn sie Ja sagte, verriet sie Justin. Sie wurde gezwungen, zwischen den beiden Menschen zu wählen, die ihr am wichtigsten waren.

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete sie wahrheitsgemäß. »Ich würde sehr gerne etwas tun, aber …«

»Das meine ich nicht! Wie geht es dir? Was ist mit deinen Albträumen?«

Ach so, das.

Fiber hielt die Tür zum Beobachtungsraum auf. Iris trat ein, und Fiber folgte ihr und schloss die Tür. Dann nahm sie in dem Sessel Platz, der mitten im Zimmer stand, lehnte sich zurück und gab Iris ein Zeichen, sich ebenfalls zu setzen.

»Und? Krieg ich keine Antwort?«

Iris zögerte. »Solange ich jeden Tag meine Pillen schlucke, geht es ganz gut«, sagte sie und senkte den Blick.

»Aber?«

Iris schwieg.

»Iris. Was verheimlichst du mir?«

Iris kniff die Augen fest zusammen. »Seit einer Woche nehme ich die Pillen nicht mehr«, sagte sie.

»Warum nicht?«

»Ich habe plötzlich Dinge vergessen.«

Sie wartete, bis Fiber die Neuigkeit verarbeitet hatte.

»Dein fotografisches Gedächtnis?«

Iris nickte unmerklich. »Die Pillen helfen zwar gegen die Albträume, aber sie machen mich vergesslich.«

»Dann wirst du genau wie wir.«

Jetzt hob Iris den Kopf und öffnete die Augen. »Nein«, sagte sie. »Schlechter.«

Von ihrem Platz aus konnte Iris alle sechsunddreißig Bildschirme sehen, die jeweils einen Ausschnitt von Pala zeigten. Auf einem Monitor bewegte sich YunYun auf dem Laufband. Tessa hatte Iris’ Platz eingenommen.

»Die beiden sind ziemlich oft zusammen, findest du nicht?«, fragte Fiber.

»Was willst du damit sagen?«, fragte Iris schnippischer, als sie wollte.

»Gar nichts. Warte kurz, bevor du weitererzählst.« Fiber zog aus einer Schublade eine schwarze Halbkugel heraus.

»Woher hast du die?«, fragte Iris. Der Anblick des Apparats weckte in ihr eine ganze Reihe an Erinnerungen. An Justin und seine Stimme in ihrem Kopf, an die Stille, als er plötzlich verschwunden war.

Fiber sagte nichts, sondern drückte die Kugel mit der flachen Seite zunächst gegen ihren eigenen Hals und dann gegen den von Iris. Das kalte Metall an der Haut fühlte sich vertraut an. Aber wie kam Fiber an Justins Unsichtbarkeits-Gadget? Sie hatte es doch zerstört?

»Endlich allein, Iris«, sagte Fiber mit übertrieben verliebter Stimme und klimperte kurz mit den Wimpern. Iris musste trotz allem lachen. Ab und zu erhaschte sie einen Blick auf die Fiber, die sie auf dem Kreuzfahrtschiff kennengelernt hatte und die sie viel netter fand als die fluchende eiskalte Kröte, die Fiber hier auf Pala spielte.

»Hast du Justins Ansibel nachgebaut?«, fragte sie.

»Ha! Nicht einfach nachgebaut, ich habe ihn gehackt und verbessert!«, sagte Fiber. »Wir sind immer noch als Punkte sichtbar, wie sonst auch. Nur, dass es jetzt so aussieht, als würden wir auf der Insel herumlaufen. Mr Oz ist komplett paranoid geworden, nachdem Justin und du das System gehackt habt, daher habe ich es nicht gewagt, uns ganz unsichtbar werden zu lassen. Aber in diesem Zimmer können wir frei palavern. Niemand kann uns sehen oder hören.«

»Bitte was?«

»Palavern. Uns besprechen, czca gadanina. Das ist ein altes Wort, und ich finde, es passt hierher. Schließlich sind wir ja auf fucking Pala. Also, du hast plötzlich Sachen vergessen und darum die Pillen abgesetzt. Macht Sinn. Aber was ist danach passiert? Sind die Albträume zurückgekommen?«

»Anfangs schon. Dann haben die Halluzinationen angefangen.«

Fiber betrachtete sie stirnrunzelnd. »Das musst du mir erklären.«

»Menschen, ich sehe Menschen, die mit mir reden. Meine Mutter, Justin.« Sie zögerte eine Sekunde. »Meinen Vater.«

»Hmm. Klingt nicht gut.«

Iris schüttelte den Kopf. »Gar nicht gut. Also habe ich die Pillen wieder genommen, und der Spuk hat aufgehört. Aber sofort habe ich auch wieder Dinge vergessen. Ich wollte zur Ärztin, um die Dosierung zu besprechen, bloß …«

»Ja, die Ärztin. Irgendwie scheint die verschwunden zu sein. Sehr praktisch auf einer Insel«, antwortete Fiber. »Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb ich mit dir einen Plan besprechen möchte.«

»Was für einen Plan?«, fragte Iris.

Fiber sah sie nachdenklich an. »Wir werden Mr Oz ermorden. Jedenfalls, wenn du dich dazu in der Lage siehst.«

Für einen Moment glaubte Iris, zu halluzinieren. »Wie bitte? Was werden wir tun?«

Colorado

Isabela lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und musterte Justin spöttisch. Das Aufnahmegerät auf dem Tisch zeichnete die Stille auf.

»Du willst mir also weismachen, dass es irgendwo im Ozean eine Insel gibt«, sagte sie schließlich. »Eine Insel, von der die Vereinigten Staaten nichts wissen und auf der Hunderte von Kindern und Jugendlichen von einem gewissen Dr. Oz ausgebildet werden, der die Welt erobern möchte, wie die Bösen im James Bond-Film?«, fragte sie.

»Es ist mir egal, was Sie glauben«, antwortete Justin.

»Ich hab’s schon kapiert«, sagte Isabela. »Du hältst dich für Bruce Willis. Für den Actionheld aus so einem zweitklassigen Film. Und ich bin die blöde Polizistin, die den Ernst der Lage nicht erkennt. Ich weiß, wie diese Rolle funktioniert, und würde sie mit Vergnügen für dich spielen, Justin. Aber soll ich dir mal was sagen?« Sie beugte sich vor und sah ihn fest an. »Das hier ist das echte Leben. Ja, es gibt böse Menschen, doch die sind alle gleich. Sie wollen jemanden in die Luft jagen, weil sie wütend sind oder weil sie glauben, das Recht dazu zu haben. Oder sie wollen ans große Geld kommen und siedeln in ein Land um, das kein Auslieferungsabkommen hat. Nur wenige wollen die Welt erobern. Das ist … ein unpraktischer Plan.«

»Da haben Sie nicht unrecht«, antwortete der Junge nachdenklich.

»Warum erzählst du mir dann nicht, was wirklich passiert ist? Warum hast du den Satelliten gehackt? Wie bist du an den Lieferwagen gekommen? Wer ist Olina? Warum hast du sie mitgenommen?«

»Das sind ziemlich viele Fragen.«

»Such dir eine aus. Warum hast du den Satelliten gehackt?«

»Ich wollte meiner Schwester helfen. Über den Satelliten hätte ich mit ihr Kontakt aufnehmen können.«

»Mit deiner Schwester auf der Insel.«

»Ja.«

»Warum ist sie dort?«

»Ich … ich bin mir nicht sicher«, sagte Justin. »Anfangs brauchte Mr Oz sie, um mich unter Druck zu setzen, aber jetzt … Sie hat ein fotografisches Gedächtnis. Soweit ich weiß, als Einzige auf der Welt.«

»Und was hat er mit den Kindern vor?«

»Wir repräsentieren die neue Ordnung. Mr Oz will die Welt vernichten und neu aufbauen. Er ist überzeugt, dass wir alles anders machen werden, aber daran glaube ich nicht.«

»Und ich glaube dir nicht«, sagte sie.

»Das habe ich doch von Anfang an gesagt.«

Isabela presste die Fingerspitzen aneinander. Er versuchte, Zeit zu schinden, auch wenn sie keine Ahnung hatte, warum. Sie beschloss, sich auf seine Geschichte einzulassen. Nicht, weil sie ihm glaubte, sondern weil sie wollte, dass er sich selbst in die Enge trieb.

»Du hast gesagt, dass ihr gegen euren Willen auf die Insel entführt wurdet, nachdem ihr ein Online-Game gespielt habt?«

Justin nickte.

»Wie heißt das Spiel?«

»Superhelden.«

Isabela zückte ihr Handy. »Check mal, ob es ein Online-Game gibt, das Superhelden heißt. Höchste Priorität!« Sie steckte das Smartphone wieder weg. »Aber wenn auf deiner Insel Hunderte von wütenden Teenagern herumlaufen, warum wehren sie sich nicht? Ein einzelner Mann kann doch keinen Volksaufstand verhindern? Schon gar nicht, wenn sein Volk aus durchtrainierten Jugendlichen besteht?«

»Oh doch. Mr Oz ist sehr … beeindruckend«, sagte Justin. »Niemand wagt es, sich gegen ihn zu stellen, niemand außer mir. Und auch ich konnte alleine nichts ausrichten. Darum bin ich geflohen und bekämpfe ihn von hier aus.«

Er glaubt selbst nicht daran, erkannte Isabela auf einmal. Was sie zunächst für Mut gehalten hatte, war nichts als Schuldgefühl. Diesen Blick kannte sie nur allzu gut. Justin fühlte sich aus irgendeinem Grund verantwortlich.

Seine Schwester.

»Danke«, sagte sie. »Du hast mir gerade etwas sehr Wichtiges mitgeteilt.« Sie stellte das Aufnahmegerät aus und stand auf. Sie wusste genau, was sie zu tun hatte.

 

»Du solltest was tun?«, fragte der Mann, der ihr gegenübersaß.

»Ich sollte ihn … verwöhnen, wenn er mit dem fertig war, was auch immer er im Lieferwagen gemacht hat«, antwortete Olivia mit gesenktem Blick. »Er sagte, ich sei seine Belohnung für später …«

Sie sah, wie Jason rot anlief. Ha! Männer sind so berechenbar, dachte Olivia. Wenn sie in einem kurzen Rock über die Straße lief, wurde ihr nachgepfiffen oder jemand fragte, ob sie einen Freund hatte. Aber wehe, wenn andere Männer sich danebenbenahmen, dann verwandelten sie sich plötzlich in Ritter auf weißen Pferden. Männer waren viel leichter zu manipulieren als Frauen. Vielleicht, weil Frauen diese Kunst besser beherrschten.

»Wie gut, dass wir rechtzeitig dazwischenkamen«, sagte Jason.

Sie nickte mit schüchternem Blick. Er sah ihr immer noch direkt in die Augen.

»Ich glaube dir«, sagte er schließlich.

Sie hatte behauptet, dass Justin sie entführt hatte, hatte beschämt geschaut, ein Schluchzen heruntergeschluckt und war seinem Blick ausgewichen. Die Story hatte sie mit so vielen Details gespickt – welche Straße, welche Schule –, dass sie für ihn glaubwürdig klang. Olina hatte alle Register gezogen, kein Wunder, dass er ihr glaubte.

Das war ihre Gabe.

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte sie leise. »Meine Mutter fragt sich bestimmt schon, wo ich bleibe.« Wieder streckte sie ihm ihre gefesselten Handgelenke hin. Das Wichtigste war, dass sie freikam. Danach konnte sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

»Das Problem ist«, antwortete der Soldat zögernd, »dass meine Vorgesetzte dir nicht glaubt. Wir haben die Telefonnummer angerufen, die du uns gegeben hast, aber wir erreichen deine Mutter nicht.«

Natürlich nicht, dachte sie. Die Nummer gehörte zu einem Handy, das sie für ein paar Dollar in The Citadel gekauft hatten, der großen Shopping Mall im Osten von Colorado Springs. Sie hatte die Mailbox mit der Stimme ihrer Mutter besprochen und das Handy danach versteckt.

»Meine Chefin will Beweise dafür, dass du die Wahrheit sprichst«, fuhr er fort. »Ohne Beweise lässt Isabela dich nicht gehen.«

»Was soll ich denn beweisen?«

Jason stand seufzend auf. »Warte hier«, sagte er und verließ den Raum.

Sie war allein und steckte immer noch fest. Geduld, Olina, sprach sie sich selbst Mut zu. Es ist bald geschafft.

 

»Ich verliere langsam die Geduld, Jason«, murmelte Isabela. »Ich möchte den Fall noch diese Woche aufgeklärt haben.« Sie stand mit ihrem Kollegen im Büro und besprach die Ergebnisse der Verhöre.

Jason zuckte verzweifelt die Achseln. »Was soll ich dir sagen? Ich glaube immer noch, dass sie die Wahrheit erzählt.«

»Geh zurück und sprich sie auf eine Insel an. Frag sie über Kinder aus, die ein Online-Game spielen und auf eine Insel gebracht werden.«

»Was?«

»Just do it, okay? Aber vorher sollst du noch etwas für mich herausfinden. Justin hat erzählt, seine Schwester sei entführt worden.«

»Und das glaubst du ihm?«

»Das ist das Einzige, was ich ihm glaube. Weder die Sache mit der Insel noch mit diesem Mr Oz stimmt, aber dass seine Schwester verschwunden ist, schon. Ich habe den Schmerz in seinen Augen gesehen. Er glaubt, es wäre seine Schuld.«

»Und was soll ich jetzt tun?«, fragte er.

»Nimm Kontakt mit der niederländischen Botschaft auf und erkundige dich nach vermissten Mädchen der letzten zwei Jahre, die Iris heißen.«

»Yes, ma’am.«

»Ich werde jetzt noch einmal mit ihm reden. Wenn wir nicht bald brauchbare Antworten kriegen, sitzen wir noch Weihnachten hier.«

 

»Das ist der Plan, Olina. Du erzählst mir alles, und ich helfe dir, von hier wegzukommen«, sagte Jason. Er hatte sich wieder ihr gegenüber hingesetzt, aber ihre Fesseln nicht gelöst.

»Ich habe Ihnen schon alles gesagt«, kreischte sie. Warum tat er nicht, was sie sagte? Hatte sie ihre Gabe verloren? War er immun?

»Justin hat von einem Ort erzählt, an dem Kinder zu Elitesoldaten ausgebildet werden. Ich weiß, wie das klingt, aber hat er mit dir darüber gesprochen? Je mehr dir einfällt, desto schneller kann ich dich hier rausholen.«

Shit, dachte Olina, das ist eine ganz schlechte Wendung. Der Soldat vor ihr konnte ohne Zustimmung seiner Chefin nichts entscheiden. Um ihn abzulenken, begann sie, draufloszuplappern. Sie musste seinen schwachen Punkt finden.