Pandemic: Patient Null - Amanda Bridgeman - E-Book

Pandemic: Patient Null E-Book

Amanda Bridgeman

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Beschreibung

Eine unglaubliche neue Romanreihe, die zeigt, was die Menschheit erreichen kann, wenn Experten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass eine globale Pandemie nie wieder ausbrechen kann. Basierend auf dem erfolgreichen Brettspiel Pandemie. Bodhi Patel ist der brandneue leitende Epidemiologe bei der Global Health Agency, dem weltweit führenden Seuchenspezialisten, aber er hat keine Zeit, sich einzuleben: Seine neue Chefin, Helen Taylor, schickt die GHA los, um einen mysteriösen neuen Killervirus einzudämmen, der sich in Brasilien ausbreitet. Vor Ort erfahren sie, dass das Virus in einer Region wütet, die von einem schwer bewaffneten Drogenbaron kontrolliert wird. Damit ist der Wettlauf gegen die Zeit, um ein Heilmittel zu finden, noch viel härter geworden.

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


PATIENT

NULL

Von

AMANDA BRIDGEMAN

Ins Deutsche übertragen von

RENÉ ULMER

Die deutsche Ausgabe von PANDEMIC: PATIENT NULLwird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler, Übersetzung: René Ulmer; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Bernd Sambale;Korrektorat: Peter Schild; Satz: Rowan Rüster; Layout: Cross Cult;Cover-Illustration: Paul Young, Shutterstock, AconyteArt, und Cross Cult;Printausgabe gedruckt von CPI book GmbH, Leck. Printed in the EU.

Titel der Originalausgabe:

PANDEMIC: PATIENT ZERO

First published by Aconyte Books in 2021

Aconyte Books is an imprint of Asmodee Entertainment Ltd

Copyright © 2022 Z-Man Games. All rights reserved.

Pandemic and the Z-Man logo are trademarks of Asmodee Group or affiliates.

German translation copyright © 2022 Cross Cult.

Print ISBN 978-3-96658-869-0 (September 2022)

E-Book ISBN 978-3-96658-870-6 (September 2022)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für alle Mitarbeiter im Gesundheitswesen auf der ganzen Welt: Ärzte, Pfleger, Wissenschaftler und andere, die sich Tag für Tag dem Kampf gegen Viren, Epidemien und Pandemien stellen. Ich möchte Ihnen für Ihre Bemühungen danken, uns alle zu beschützen.

INHALT

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

DANKSAGUNGEN

PROLOG

LIMA, PERU

Schwester Valeria Dulanto wartete geduldig auf den Bus, mit dem Schwester Lucila Apolo ankommen sollte. Er war spät dran. Das Gran Terminal Terrestre brodelte förmlich vor Menschen und Koffern. Für gewöhnlich genoss sie es, das alles zu beobachten und sich zu fragen, wohin diese Leute unterwegs oder wo sie gewesen waren. Doch da sich Schwester Apolos Bus verspätete und das Wetter angenehm war, hatte sie beschlossen, die Zeit in einem Café vor dem angrenzenden Plaza Norte zu verbringen und die Sonne zu genießen. Es lag neben einem Teich, der himmelblau und von hübschen pinken, gelben und roten Blumen umgeben war. Sie saß da, genoss die Wärme und sah lächelnd den Kindern zu, die in der Nähe des Wassers spielten, sich nass spritzten und ausgelassen lachten.

Schwester Apolo hatte sich am Vortag im Kloster gemeldet, um sie wissen zu lassen, dass sie sich nicht besonders gut fühlte und vermutlich Hilfe mit ihrem Gepäck benötigen würde. Valeria war nur zu gerne bereit, der sehr viel älteren Frau behilflich zu sein. Mehr noch allerdings wollte sie hören, was sie zu berichten hatte von ihrer jährlichen Pilgerreise zu den Dörfern an den Ufern entlang des Ucayali und des Amazonas. Valeria träumte davon, eines Tages dieselbe Pilgerreise zu unternehmen, und Schwester Apolo hatte versprochen, sie das nächste Mal mitzunehmen.

Als sie einen großen Bus heranfahren sah, warf sie einen Blick auf ihre Uhr. Überzeugt, dass es sich um Schwester Apolos Bus handelte, ging sie zum Gran Terminal Terrestre zurück und weiter zu der Haltebucht, in der die Fahrgäste laut Fahrplan aussteigen würden. Während der Bus zum Stehen kam, hob Valeria die Hand, um sich vor der blendenden Sonne zu schützen, und versuchte, die Schwester durch die Fenster ausfindig zu machen. Sie erblickte sie jedoch nicht – vermutlich saß sie auf der anderen Seite.

Passagiere machten sich daran auszusteigen: Familien, Pärchen, Arbeiter in Bergbaukleidung. Valeria wartete geduldig und nickte allen, die vorbeikamen, lächelnd zu. Der Strom wurde dünner, dann war es vorbei. Doch keine Schwester Apolo. Valeria trat einen Schritt zurück, versuchte durch die Fenster hineinzusehen, um festzustellen, ob noch jemand im Bus war.

»Hermana!«, rief eine barsche Stimme. Sie drehte sich um: Der Busfahrer kam auf sie zu, ein stämmiger Mann mit mehr Haaren auf der Brust als auf dem Kopf. »Venga!« Er winkte ihr, ihm zu folgen, also stieg sie nach ihm in den Bus. »Sie ist krank«, erklärte er auf dem Weg zum Heck. Valeria ging ihm hinterher, blieb jedoch stehen, als sie Schwester Apolo ausgestreckt auf den hinteren Sitzen liegen sah.

»Lucila!«, keuchte sie.

Schwester Apolo war bleich, schwitzte, hustete und wirkte völlig kraftlos. Sie sah um einiges schlimmer aus, als sie bei ihrem Anruf am Vortag geklungen hatte.

Valeria beugte sich hinunter, um ihre Temperatur zu erfühlen. Sie glühte regelrecht.

»Kommen Sie!« Der Fahrer gab ihr mit Gesten zu verstehen, sich zu beeilen. »Bringen Sie sie raus. Ich muss andere Fahrgäste einsteigen lassen.«

Valeria wischte sich den Schweiß an ihrem Kleid ab, nahm Schwester Apolos Tasche und gab sie an ihn weiter. Er brachte das Gepäck nach draußen, während sie sachte die Wange der anderen Schwester tätschelte.

»Hermana, wir müssen jetzt aussteigen.«

Apolo schlug die Augen auf. Sie brauchte anscheinend einen Moment, um Valeria zu erkennen.

»Ah, Hermana Dulanto«, sage sie matt. »Schön dich zu sehen.«

»Ich freue mich auch.« Lächelnd half Valeria Apolo sich aufzusetzen. Sie schwankte ein wenig, doch mit der Hilfe des Busfahrers gelang es Valeria, sie auf die Füße zu bekommen. Sie legten sich die Arme der kranken Frau um die Schultern und schlurften gemeinsam zum Ausgang des Fahrzeugs und die Treppe hinunter. Als Apolos Füße den Boden berührten, hob sie den Blick zur Sonne und schloss lächelnd die Augen.

»Es ist schön, wieder zu Hause zu sein«, erklärte sie.

Valeria lächelte ebenso. »Du hast uns gefehlt, Hermana. Ich habe sehnsüchtig auf dich gewartet. Ich kann gar nicht erwarten, deine Geschichten zu hören.«

Schwester Apolo holte tief Luft, nur um augenblicklich von heftigem, feuchtem Husten geschüttelt zu werden.

Valerias Lächeln verblasste. »Komm, Hermana. Du bist erschöpft. Wir müssen dich nach Hause bringen, damit du dich ausruhen kannst.«

Valeria betrat die Küche des Klosters. Gerade wurde das Abendessen vorbereitet, und es ging drunter und drüber: Töpfe brodelten, Messer schnitten, und Schwestern plauderten, lachten und summten.

Schwester Alvarez sah sie hereinkommen und wischte sich die Hände an einem bereits feuchten Handtuch ab.

»Wie geht es ihr?«

»Sie ist schwach«, berichtete Valeria. »Ich denke, sie sollte heute lieber nur Suppe essen.«

»Zu schade: Ich habe ihr zur Begrüßung ihr Leibgericht gekocht.«

»Das weiß sie morgen bestimmt sehr zu schätzen, sobald sie sich etwas ausgeruht hat. Haben wir schon was von Hermana Fuentez gehört?«

»Nicht, seit sie sich von Hermana Apolo verabschiedet hat«, antwortete Alvarez.

»Wenn sie anruft, sollten wir ihr sagen, dass es Hermana Apolo nicht gut geht.«

Nickend schöpfte Alvarez Suppe in eine Schüssel und überreichte sie ihr mit besorgtem Blick. »Denke daran, dich zu desinfizieren.«

»Si, Hermana.«

Valeria klopfte an Schwester Apolos Tür. Alles war still, darum fragte sie sich, ob die Schwester schlief – sie war ja sogar zu müde gewesen, sich zu waschen. Dann jedoch hörte sie durch die dicke Holztür diesen schlimmen Husten. Sie öffnete sie, trat ein und stellte die Schüssel auf den Nachttisch. Dann betrachtete sie Apolo: Inzwischen sah sie sogar noch schlimmer aus.

»Hermana, du musst was essen«, sagte sie leise, »um bei Kräften zu bleiben.«

Apolo öffnete die Augen, nickte geistesabwesend. Valeria setzte sich zu ihr und fütterte sie geduldig mit der Suppe, doch einiges davon spritzte ihr auf Hand und Kleidung, weil die Frau so sehr husten musste. Valeria stellte eilig Schüssel samt Löffel weg, wischte den Schlamassel weg und benutzte das Desinfektionsmittel neben dem Bett. Erneut betrachtete sie die kranke Schwester. »Ich rufe Doktor Guterra.«

»Nein.« Apolo winkte ab. »Störe sie nicht um diese Uhrzeit«, keuchte sie. »Ich brauche nur etwas Ruhe … Meine Reise war lang und fordert ihren Tribut.«

Valeria musterte sie. »Wenn es dir morgen früh nicht besser geht, rufe ich sie auf jeden Fall. Du weißt doch noch, wie das mit COVID war, oder, Hermana?«

Apolo winkte lethargisch ab. »Ich brauche nur etwas Ruhe.«

Valeria entschied, ihr nicht noch mehr von der Suppe zu geben. Ein wenig hatte die Schwester ja gegessen, das musste erst einmal reichen. Valeria würde ihr die dringend benötigte Ruhe gönnen.

Sie kehrte in die Küche zurück, wo die anderen Schwestern sich gerade ihr Abendessen holten und an die Tische setzten.

»Sie hat es ja kaum angerührt«, sagte Alvarez, als sie ihr die Schüssel abnahm.

»Es geht ihr wirklich nicht gut«, bestätigte Valeria, während sie sich ein Handtuch nahm, um sich erneut Hände und Kleidung abzuwischen.

»Ich tu das am besten gleich zur Wäsche«, bot Schwester Chio an und hielt ihr die knochigen, vom Alter gezeichneten Hände hin.

»Danke, Hermana.« Valeria gab ihr das Handtuch. Dann nahm auch sie sich einen Teller und holte sich etwas zu essen.

Es war fünf Uhr, als Valeria sich aufmachte, um nachzusehen, ob Schwester Apolo in der Lage wäre, am Morgengebet teilzunehmen. Während der Nacht hatte sie bereits einmal nach ihr gesehen. Die Schwester hatte gekeucht, das Geräusch von Flüssigkeit in ihrer Lunge war besorgniserregend gewesen. Doch immerhin hatte sie geschlafen, wenn auch von Fieberträumen geplagt. Valeria hatte sie eine Weile beobachtet, zugehört, wie sie im Schlaf murmelte, irgendetwas von einem Jungen, Jesus und der ewigen Ruhe. Valeria hatte sie ihren Träumen überlassen und war in ihr Zimmer zurückgegangen. Nach einem Gebet hatte sie beschlossen, gleich am Morgen Doktor Guterra anzurufen.

Doch als sie nun an Schwester Apolos Tür klopfte, antwortete ihr nichts als Stille. Valeria öffnete die Tür und bemerkte sofort, dass vom Keuchen der schlafenden Schwester nichts mehr zu hören war. Als Valeria sie ansah, wusste sie auch warum.

Schwester Apolo lag mit zur Decke gerichtetem Blick reglos da. In ihren weit geöffneten Augen waren deutlich die geplatzten Äderchen zu erkennen. Ihr Mund stand ebenfalls offen. Ihr Hals und das Kissen unter ihrem Kopf waren voller Blut.

»Lucila!«, rief sie, stürzte ans Bett und packte ihre blutverschmierte Hand.

Sie war eiskalt.

Irgendwann in der Nacht hatte Schwester Apolo der Tod ereilt.

Valeria seufzte, sah plötzlich alles wie durch einen Schleier. Sie drückte sich Apolos Handrücken an die Lippen.

»Ach, meine liebe Lucila …«, flüsterte sie. »Möge deine Seele in den Armen unseres Herren ihren Frieden finden.«

Und während ihr die Tränen über die Wangen liefen, griff sie ein weiteres Mal nach Schwester Apolos blutverschmierter Hand.

KAPITEL 1

EDINBURGH, SCHOTTLAND

Doktor Helen Taylor stand am Rednerpult und nahm sich die Zeit, noch einmal durchzuatmen und einen letzten Blick auf ihre Notizen zu werfen. Trotz der hellen Scheinwerfer über ihr konnte sie vage die Gesichter an den Tischen in der ersten Reihe erkennen. Sie freute sich, dass sie die volle Aufmerksamkeit ihres Publikums genoss, und sie lächelte.

»Es ist mir eine Ehre, heute Abend bei dieser Benefizveranstaltung sprechen zu dürfen, die die wundervolle Arbeit unseres Netzwerks aus Forschern unterstützt.« Der klare Klang der Lautsprecher ließ in der Stille ihren britischen Akzent deutlich hervortreten. »Inzwischen haben wir Erstaunliches erreicht, aber wir müssen sicherstellen, dass das auch in Zukunft so weitergeht. Nach allem, was wir erst vor Kurzem durchgemacht haben, ist klar: Es gibt für uns noch viel zu lernen.

Wie Sir Terry bei seiner überaus freundlichen Begrüßung bereits sagte, bin ich die führende Epidemiologin des europäischen Hauptquartiers der Global Health Agency. Diese Behörde ist genau das, was der Name impliziert: Mein Büro befindet sich zwar in Lyon, doch meine Arbeit bringt mich an jeden Punkt der Welt, wo immer man mich braucht. Die GHA strebt danach, allen Menschen gesundheitliche Sicherheit zu bringen, und zwar überall. Dies erreichen wir durch Vorhersagen, zielgerichtetes Eingreifen und Behandlungsmethoden. Wenn man mich fragt, für wen ich arbeite, und ich nenne die Global Health Agency, so scheint man ein grobes Verständnis für den Umfang meiner Tätigkeit zu haben. Doch fragen mich die Leute, was genau ich mache, und ich antworte, ich sei Epidemiologin, dann ernte ich in der Regel nur verständnislose Blicke. Darum habe ich mir angewöhnt, meine Aufgabe so einfach wie möglich zu umreißen: Ich bin eine Krankheitsdetektivin; eine Virenjägerin.«

Das Kichern des Publikums brachte Helen erneut zum Lächeln.

»Krankheitsdetektiv, Virenjäger, das klingt wie aus einem Hollywood-Blockbuster, finden Sie nicht? Ich kann Ihnen allerdings versichern: Unsere Arbeit ist alles andere als glamourös. Das gilt jedoch für die meisten wichtigen Aufgaben innerhalb unserer Gesellschaft. Trotzdem sind sie unverzichtbar.

Krankheitsdetektive machen etwa dasselbe wie Ermittler bei der Polizei, nur dass unsere Serienmörder mikroskopisch kleine Krankheitserreger sind. Doch während ein herkömmlicher Killer vielleicht vierzig Menschen das Leben kosten kann, liegt die Opferzahl bei unseren um ein Vielfaches höher: Oft sind es Hunderte oder gar Tausende. Schlimmstenfalls, sofern sie niemand eindämmt, haben sie das Potenzial, Millionen ums Leben zu bringen. So wie während der letzten Pandemie in den Jahren 2020 und 2021.

Wir dürfen nicht so tun, als hätte sich unsere Gesellschaft nicht verändert: Ausbrüche dieser Art sind heute viel wahrscheinlicher, als das früher der Fall war. Abgesehen von Frischmärkten und dem Wunsch, exotische Tiere zu essen, hat sich das Risiko solcher Bedrohungen auch aus anderen Gründen erhöht. Jeden Tag kriechen unsere Städte näher an Gebiete natürlicher Vegetation heran, und wir kommen plötzlich erstmals in Kontakt mit ihren komplexen Ökosystemen. Eines der Risiken in diesen Gefahrenzonen sind Begegnungen zwischen domestizierten und wild lebenden Tieren: Sie begünstigen die Gefahr viraler Mutationen und einer Übertragung zwischen den Tieren. Sollte ein Virus mutieren und domestizierte Tiere befallen, und diese Tiere werden dann krank, dann besteht die Möglichkeit, dass dieses mutierte Virus auf den Menschen überspringt. Das haben wir bereits häufig erlebt. Wir denken vielleicht sofort an die letzte Krise, die uns alle betroffen hat, aber wir sollten nicht den Ausbruch der Schweinegrippe von 2009 vergessen: Fäkalien wild lebender Fledermäuse infizierten domestizierte Schweine, und die infizierten dann Menschen. Bei der Vogelgrippe 2004 war es dasselbe: Wilde Enten infizierten domestizierte Hühner, und die infizierten dann Menschen. Und dann wäre da natürlich noch der katastrophale Ausbruch der Spanischen Grippe gegen Ende des Ersten Weltkriegs, der einer Theorie zufolge mit infizierten Gänsen in einem kleinen, französischen Dorf seinen Anfang nahm. Das Virus infizierte Soldaten, und die verteilten es bei ihrer Heimkehr nach dem Krieg auf der ganzen Welt … Und diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Tritt ein solches Virus auf den Plan und springt auf Menschen über, so befinden wir uns automatisch im Nachteil. Unser Körper kennt dieses Virus nicht, daher fehlt uns eine natürliche Immunität. Dies erlaubt dem Erreger, sich in Windeseile und häufig mit katastrophalen Folgen von Person zu Person auszubreiten. Wir erforschen dann das Virus unter Hochdruck und arbeiten an Behandlungsmethoden und Impfstoffen, doch das dauert, und manchmal ist diese Arbeit mit Problemen verbunden. In der Zwischenzeit sterben Menschen.

Aber das muss doch nicht immer so sein! Wir müssen doch nicht immerzu versuchen, einen Rückstand aufzuholen! Anstatt nur zu reagieren, können wir vorsorglich agieren. Wir können jetzt in Maßnahmen investieren, um dieser Bedrohung Herr zu werden. Wo Städte und andere Siedlungen in unberührte Natur vorstoßen, können wir potenzielle Gefahrenherde identifizieren. Wir können die Tierwelt dieser Regionen untersuchen, ihre Viren analysieren und feststellen, ob eine Übertragung auf den Menschen möglich ist. Außerdem können wir das menschliche Verhalten in diesen Gebieten untersuchen, um zu verstehen, was genau sie anfällig für eine Infektion macht. Mit diesen Daten können wir dann Vorhersagen treffen, wo es zur nächsten Übertragung kommen könnte. Das würde uns ermöglichen, gezielt dafür zu sorgen, dass die gefährdete Bevölkerung dieser Regionen entsprechende Vorkehrungen trifft. Haben wir bereits die Viren untersucht, die das Potenzial für eine Übertragung bergen, dann sind wir auch bereit, die notwendigen Impfstoffe schnellstmöglich herzustellen, da uns die notwendigen Daten bereits vorliegen. Wir wären in der Lage, unzählige Leben zu retten!«

Sie schwieg einen Moment lang und betrachtete die Gesichter der Versammelten, die in Anzügen und Abendkleidern vor ihren Fünfsternemenüs saßen und teuren Champagner tranken. Es war Zeit, zum eigentlichen Anlass ihrer Rede zu kommen.

»Doch Leben retten kostet Geld. Eine Statistik vor ein paar Jahren hat belegt, dass die wissenschaftliche Gemeinde über einhundertelf verschiedene Virenstämme identifiziert hat. Fünfundzwanzig davon beinhalten Viren, die auch den Menschen befallen können oder die Möglichkeit dazu zeigen … Nur fünfundzwanzig von einhundertelf? Gar nicht so übel, oder?« Sie grinste. »Doch, eigentlich schon! Denn nicht alle Viren dieser Stämme sind auch identifiziert. Einer Schätzung zufolge lassen sich die unentdeckten Viren dieser Stämme auf etwa 1,67 Millionen beziffern. Und wie viele von denen wären bei einem möglichen Kontakt auch für den Menschen gefährlich? Diese Schätzungen belaufen sich auf irgendetwas zwischen 631.000 und 827.000 … Das sind eine Menge Viren!« Sie sah, wie ein paar ihrer Zuhörer überrascht die Augenbrauen hoben. »Dabei ist zu bedenken: Diese Einschätzungen sind bereits ein paar Jahre alt. Doch jedes Jahr identifizieren wir mehr Viren … Man muss sich also vor Augen halten: Es wird kostspielig, diese Viren alle aufzuspüren und zu identifizieren. Vergleicht man jedoch die Kosten des Vorbereitetseins mit denen einer Pandemie, bei der man immer nur reagiert …« Sie ließ die Stille einen Moment lang wirken. »Von welchen Summen ist hier die Rede? Nun, um Ihnen eine grobe Vorstellung zu geben: Die Kosten eines relativ in sich geschlossenen Ausbruchs wie SARS beliefen sich auf dreißig Milliarden Dollar.«

Ein paar Gäste an den vorderen Tischen blickten einander an, als wollten sie sich vergewissern, richtig gehört zu haben.

»Sie haben sich nicht verhört. Ich sagte dreißig Milliarden Dollar! Und das war SARS. Die geschätzten weltweiten Kosten der COVID-19-Pandemie werden noch immer berechnet, aber Sie können mir glauben: Bei der zu erwartenden Summe würden Sie vorzeitig ergrauen!« Sie war immer wieder aufs Neue darüber erstaunt, dass die Kosten Leute eher aufhorchen ließen als die schiere Menge potenziell tödlicher viraler Bedrohungen. Bis COVID hatten die meisten angenommen, das werde sie nie betreffen, Viren seien ein Problem der Dritten Welt, niemals ihres. Ein paar hatte die COVID-Pandemie wachgerüttelt, doch viele waren danach wieder in die alte Selbstgefälligkeit verfallen – wenn sie nicht alles von vornherein geleugnet hatten. Doch die Vorstellung, dass es sie Geld kosten könnte: Darauf reagierte diese Art Mensch. »Dies ist der Preis dafür, unvorbereitet zu sein. Mit jedem Tag werden die Vernetzungen unserer Gesellschaft enger, verwobener, insbesondere dank der Luftfahrtindustrie, die jeden Tag neue Ziele ansteuert. Sollte so etwas wie COVID-19 erneut auftreten – da können Sie sicher sein –, wird es sich rasend schnell bis in den letzten Winkel der Welt ausbreiten. Milliarden und Abermilliarden, um uns ein weiteres Mal zu retten. Oder wir können jetzt sofort weitaus weniger Geld aufbringen, um die vorausplanenden Forschungen zu finanzieren, die es uns ermöglichen, uns vor derartigen Dingen zu schützen.«

Erneut ließ sie ihr Schweigen wirken, während sie jedem Einzelnen an den vorderen Tischen in die Augen sah.

»Je unbedachter man ist, desto schlimmer wird die Krise. Viren interessieren sich nicht für Grenzen, und wenn man ihnen keinen Einhalt gebietet, töten sie wahl- und skrupellos. Dann ist niemand mehr sicher. Wir haben also die Wahl. Wir können vorausschauend handeln, potenzielle Gefahrenherde untersuchen, feststellen, wo sich die Viren höchstwahrscheinlich entwickeln werden, und herausfinden, wie man ihre Übertragung unterbindet. Oder wir können weiterhin nur reagieren, auf den nächsten Ausbruch warten und hoffen, dass es uns gelingt, schnellstens einen passenden Impfstoff zu entwickeln. Ersteres ist die weitaus bessere Lösung. Vorsorge ist immerhin besser als Heilung. Und auch um einiges kostengünstiger …« Sie schenkte ihrem Publikum ein freundliches Lächeln. »Darum bitte ich Sie heute: Seien Sie großzügig und ermöglichen Sie unseren Forschern, ihren Kampf gegen die tödlichen Viren fortzusetzen, ehe sie zu ernsthaften Problemen werden. Alles, was Sie geben, wird direkt dazu beitragen, Leben zu retten – und denken Sie daran: Das Leben, das Sie retten, könnte Ihr eigenes sein. Vielen Dank.«

Applaus brandete in dem noblen Ballsaal auf. Helen winkte und verließ lächelnd die Bühne, während der Moderator ans Rednerpult trat, ihr dankte und die Gäste aufforderte, den Nachtisch zu genießen. Sie kehrte zu ihrem Tisch zurück, umgeben von Musik und Gesprächen. Peter Davidson, stellvertretender Direktor der WHO, blickte ihr entgegen und klatschte Beifall, als sie neben ihm Platz nahm. Allerdings bemerkte sie, dass der Blick seiner blauen Augen nicht zu der Geste passte. Er musterte sie, analysierte sie geradezu.

»Ich denke doch, das lief ganz gut?« Sie fragte sich, was der Grund für seinen Blick war.

Er nickte. »Das war hervorragend. Gut gemacht.« Er sprach mit dem üblichen amerikanischen Akzent, dabei ruhig und zurückhaltend: Man merkte ihm an, dass er sich schon seit Jahren auf dem politischen Parkett bewegte.

»Klingt ja nicht sehr überzeugend.« Nun war sie es, die ihn musterte, während sie nach ihrem Wasserglas griff.

»Du warst gut. Wirklich.« Noch immer den Blick auf sie gerichtet, lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. Das Licht des Ballsaals betonte die silbernen Strähnen in seinem dunklen Haar.

»Warum siehst du mich dann so an? Du machst mir ja regelrecht Angst!«

Er zögerte, dachte über irgendetwas nach. »Nur Arbeitszeug. Sobald wir hier fertig sind, unterhalten wir uns.«

»Worüber?« Mit einem Anflug von Sorge setzte sie ihr Glas ab.

Er beugte sich vor, nahm sein Weinglas und nippte daran.

»Peter?«, drängte sie.

»Nach der Gala«, beharrte er. »Amüsier dich ein wenig.«

»Helen!« Debbie Colson, die Veranstalterin, saß am Nebentisch und winkte sie zu sich heran. »Kommen Sie, ich mache Sie mit allen bekannt!«

Helen erwiderte das Winken lächelnd, dann sah sie Davidson wieder an.

»Du kannst mir nicht sagen, wir müssen uns unterhalten, und mich dann einfach sitzen lassen. Gib mir wenigstens einen Hinweis!«

Er betrachtete sie einen Augenblick lang. »Es geht um das Team.«

»Was ist damit?« Plötzlich wurde sie nervös. »O Gott, du löst uns doch nicht auf, oder?«

»Nein«, versicherte er ihr. »Nein, es wird nur … ein paar Veränderungen geben.«

»Helen!«, rief Debbie erneut.

»Jetzt geh schon.« Davidson bedeutet ihr, zu dem anderen Tisch zu gehen. »Mach, was du so gut kannst: Verzaubere das Publikum. Wir unterhalten uns später.«

Sie sah ihn noch einen Moment lang an, dann stand sie widerstrebend auf. »Ich fliege gleich morgen früh nach Lyon zurück. Worum es also auch geht: Wir werden noch heute Nacht darüber reden.«

Er nickte. »Werden wir.«

Helens Blick ruhte einen weiteren Augenblick lang auf ihm, dann strich sie sich das Kleid glatt und drehte sich mit ihrem besten Gebt-mir-all-euer-Geld-Lächeln zu Debbie um.

KAPITEL 2

LYON, FRANKREICH

Bodhi Patel saß in einem ruhigen, kleinen Café, nahm gelegentlich einen Schluck von seinem Kaffee und betrachtete die Architektur des GHA-Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mit der geraden Linienführung, der weißen Fassade und den verspiegelten Fenstern wirkte es auf geradezu trotzige Weise modern inmitten der vielen historischen Gebäude der Stadt. Dieses Stück Land zwischen der Rhone und der Saône war das Herz eines städtischen Modernisierungsprojekts; ein Ort, an dem man sich der Zukunft zuwenden wollte. Es war also nur passend, dass hier, in La Confluence, seine zukünftige Arbeitsstätte war. Zumindest vorübergehend.

Mit einem sachten Lächeln auf den Lippen warf er einen Blick auf seine Uhr. Es war fast so weit. Er war absichtlich früher hier, um vorher noch seine Aufregung wegen des neuen Postens ein wenig zu zügeln. Zeitgleich war er in Gedanken seine Begrüßung immer wieder durchgegangen. Er wollte einen guten ersten Eindruck machen. Er freute sich über diese Gelegenheit, aus dem Hauptbüro in Atlanta herauszukommen und internationale Feldarbeit zu leisten. In seiner alten Position hatte ihn allmählich Ruhelosigkeit überkommen, zusammen mit dem Gefühl, immer nur dasselbe zu tun. Er wusste, es war an der Zeit, die Flügel auszubreiten und sich der nächsten Herausforderung in seiner Laufbahn zu stellen. Seine Vorgesetzten hatten ihn als »vielversprechendes neues Talent« bezeichnet und ihm eine Beförderung angeboten, für die er allerdings in Atlanta hätte bleiben müssen. Bodhi hatte stattdessen um einen internationalen Posten gebeten, mit der Begründung, dass die Welt mehr zu bieten habe als nur die Vereinigten Staaten und er gerne etwas davon sehen würde. Plötzlich war die Stelle in Lyon frei geworden, und man hatte sie ihm angeboten, um ihn zufriedenzustellen. Es wäre ja nur vorübergehend, und alle hofften darauf, er werde anschließend nach Atlanta zurückkommen und die Beförderung annehmen. Für ihn war der Posten in Lyon das ideale Gesamtpaket: eine Beförderung und zugleich die Gelegenheit, etwas von der Welt zu sehen, wenn auch nur befristet. Er hatte also dankbar angenommen und seinen Vorgesetzten in Atlanta gesagt, er werde während seiner Abwesenheit über ihr Angebot nachdenken. Das würde er auch. Er würde seinen Aufenthalt in Europa nutzen, um sich zu überlegen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen wollte.

Er trank seinen Kaffee aus, ließ etwas Geld auf dem Tisch liegen und begab sich mit eng zugezogenem Mantel in den kalten Februar hinaus. Im frühen Morgenlicht schimmerte die Saône smaragdgrün. Sein Atem stieg in Dampfwolken auf. Auf einem Hügel sah er die Basilika Notre-Dame de Fourvière. Das weiße Bauwerk überragte die umgebenden winterlichen Bäume. Ihre vier hohen Türme mit den schwarzen Kreuzen auf den Spitzen schienen die Kirche von allen Seiten bewachen zu wollen. Er kannte die Kapelle von seiner kurzen Google-Suche, die er noch am Flughafen gemacht hatte. Er hatte seinen Posten so überstürzt antreten müssen, dass ihm die Zeit gefehlt hatte, sich umfassend über die Stadt zu informieren, doch die Geschichte der Basilika hatte sein Interesse geweckt: Sie war der Jungfrau Maria gewidmet, der man nachsagte, sie habe Lyon gerettet, als die Beulenpest 1643 Europa heimgesucht hatte, und erneut während des Cholera-Ausbruchs 1832. Da er auf diesem Gebiet arbeitete, interessierte ihn das natürlich. Er nahm sich vor, sich genauer zu informieren, sobald er Gelegenheit dazu fand. Nun musste er erst einmal herausfinden, vor welchen Seuchen er diese Stadt retten konnte.

Er holte tief Luft und ließ sie langsam wieder entweichen. Dann ging er mit dem Koffer in der Hand auf das verspiegelte Gebäude und seine nähere Zukunft zu.

Bodhi stand am Haupteingang des Gebäudes, aber es war abgesperrt. Er sah sich um und entdeckte neben der Tür an der Wand eine Gegensprechanlage. Er drückte die Klingel, dann hieß es warten.

»Ja?«, sagte eine Frau mit amerikanischem Akzent.

»Hi. Doktor Bodhi Patel meldet sich zum Dienst!«

»Wer?« Sie klang verwirrt.

»Ähm, Doktor Bodhi Patel. Ich bin hier doch bei der Global Health Agency, oder?«

»Ja, aber ich finde Sie nicht auf unserer Besucherliste.«

»Oh.« Er zückte sein Handy und rief die E-Mail mit den Einzelheiten auf. »Ich bin hier, um mit Doktor Helen Taylor zu sprechen.«

»Wie gesagt: Sie stehen nicht auf der Besucherliste«, beharrte die Frau.

»Nun, ich, ähm, ich habe erst gestern meine Anweisungen bekommen und bin direkt von der Niederlassung in Atlanta aus abgeflogen. Das Ganze ging recht schnell.«

Erst herrschte Schweigen, dann sagte die Frau: »Warten Sie.« Er hörte ein lautes, tiefes Summen: Die Tür wurde entriegelt. Er wartete einen Moment. Gerade als er die Tür aufstoßen wollte, zog jemand von innen daran. Er stolperte ins Gebäude, konnte sich jedoch noch abfangen. Nicht unbedingt die Art von erstem Eindruck, auf die er gehofft hatte. Vor ihm stand eine kurzhaarige Afro-Amerikanerin in den Fünfzigern, die ihn über den Rand ihrer roten Brille hinweg verdutzt ansah.

»Wer, sagten Sie, sind Sie?«, fragte sie.

»Doktor Bodhi Patel.«

»Und Sie kommen aus Atlanta?«

»Ja.« Er nickte und lächelte freundlich, obwohl ihn ihre Verwirrung seinerseits verwirrte. »Ähm, hier.« Er zog seinen Ausweis vom Gürtel ab und hielt ihn ihr hin.

Sie warf einen Blick darauf, musterte ihn kurz und zuckte mit den Schultern. »Na schön. Kommen Sie rein.«

Er betrat ein kleines, weißes Foyer, in dem einsam ein schlichter, unbesetzter Empfangstresen stand. An der Rückwand prangte ein Schild: unten der Schriftzug Global Health Agency, oben das vertraute Logo der Erde mit einer EKG-Linie darüber, die die Spitzen und Täler eines gesunden Herzschlags zeigte.

Die Frau bedeutete ihm, ihr zu der Doppeltür unter dem Schild zu folgen. »Ich bin Louise Parker«, stellte sie sich vor, »aber Sie können ruhig Lou zu mir sagen. Ich bin hier die Forschungs- und Datenanalystin.«

»Freut mich Sie kennenzulernen, Lou.«

Am Lesegerät neben der Tür zog sie ihre Schlüsselkarte durch. Als der bestätigende Pfeifton erklang, schob sie die Türflügel auf. Gerade kam ihr von der anderen Seite ein junger Mann mit einer Kaffeetasse in der Hand entgegen.

»Jorge, erwartest du Doktor Bodhi Patel heute?« Sie deutete auf Bodhi, der freundlich lächelte.

»Nein.« Jorge blies über seinen Kaffee und musterte Bodhi.

»Na schön.« Lou winkte Jorge weiter, und er ging zum Empfangstresen hinüber.

Bodhi folgte ihr in einen Raum, der ganz nach der Schaltzentrale der GHA-Einrichtung aussah: groß, oval und voller Arbeitsstationen und Bildschirme, von denen einige besetzt waren. Eine Kakofonie aus Gesprächen und klingelnden Telefonen brach über ihn herein. Die gegenüberliegende Wand wurde von mehreren Bildschirmen eingenommen, von denen jeder etwas anderes zeigte: Auf ein paar liefen Nachrichten, andere zeigten Daten wie globale Temperaturkarten und Ähnliches. Auf beiden Seiten gab es erhöhte Plattformen, sozusagen ein zweites Stockwerk, von wo aus man in angrenzende Räume gelangte. Von Bodhis Standort an der Tür aus führte ein Flur in beide Richtungen um die Zentrale herum und in andere Bereiche. Die Einrichtung war ein wenig anders aufgebaut als die Hauptniederlassung in Atlanta und kleiner. Dennoch kam ihm alles gleich vertraut vor, und er fühlte sich augenblicklich wie zu Hause.

Lou trat an eine große Arbeitsstation gleich links der Tür, und er folgte ihr, wobei er immer wieder zu den anderen Mitarbeitern an ihren Schreibtischen hinsah. Ein paar warfen ihm neugierige Blicke zu, doch die meisten waren zu sehr in ihre Aufgaben versunken, um ihn auch nur zu bemerken. Lous Arbeitsplatz war besser ausgestattet als die anderen: Es gab viele Bildschirme und Tastaturen. Sie nahm Platz und setzte sich ein Headset auf.

»Ich versuche, Helen für Sie zu erreichen«, erklärte Lou, während sie auf einen kleinen im Tisch eingelassenen Bildschirm tippte, um die Verbindung herzustellen. »Sie müsste eigentlich schon da sein.«

»Lou, hast du Robert heute Morgen schon gesehen?«, fragte ein kleiner, stämmiger Mann mit beginnender Halbglatze, der sich gerade näherte. Seine spanisch anmutenden Gesichtszüge passten zu seinem Akzent. Er machte den Eindruck, wichtig zu sein. Er sah Bodhi an. »Wer sind Sie?«

Diese barsche Anrede brachte Bodhi ein wenig aus dem Konzept.

»Er sagt, er sei hier, um mit Helen zu sprechen«, antwortete Lou an seiner Stelle.

»Ich bin hier, um sie zu ersetzen«, erklärte Bodhi.

»Was?!« Beide starrten ihn fassungslos an.

»Ähm, nur vorübergehend, hat man mir gesagt!« Er hob beruhigend die Hände, war jedoch verwirrter als je zuvor. Man schien hier noch weniger zu wissen als er – und er wusste schon wenig. Worauf genau hatte er sich hier nur eingelassen?

»Was?« Der Mann zog wütend die Augenbrauen zusammen. »Wohin geht sie denn?«

»Ich … weiß nicht«, gestand Bodhi verlegen. »Man hat mir nur gesagt, ich soll herkommen.«

»Er ist erst gestern aus Atlanta eingetroffen«, erläuterte Lou und berührte noch einmal ihren Bildschirm. »Sie geht nicht ran.«

»Bodhi Patel.« Um die Stimmung aufzulockern, bot er dem Mann die Hand an.

»Zeigen Sie mir Ihren Ausweis«, verlangte der.

Bodhi gaffte ihn nur an.

»Habe ich schon überprüft«, meldete sich Lou zu Wort.

Dennoch hielt ihm der Mann weiter die offene Hand hin. Seufzend zog Body erneut den Ausweis von seinem Gürtel und übergab ihn. Der Mann reichte ihn sogleich an Lou weiter.

»Scann ihn.«

Sie kam der Aufforderung nach und drehte einen der Bildschirme zu ihm: Er zeigte Bodhis Bild und seine Daten.

»Atlanta, hm?«, las der Mann. Die Hände in die Hüften gestemmt, fragte er: »Und Sie wissen nicht, warum man Sie hergeschickt hat?«

»Nun, nur, dass ich Doktor Taylors Posten übernehmen soll.«

Der Mann betrachtete ihn weiter skeptisch.

»Bodhi Patel«, sagte Lou ernst, »das ist Max Rojas, unser Operations- und Einsatzleiter.« Sie betrachtete Max über den Rand ihrer Brille hinweg. »Du willst dich ja offenbar nicht dazu herablassen, dich selbst vorzustellen.« Sie wandte sich einem Mann an einem anderen Platz zu, der neugierig herüberschaute. »Gabriel? Hast du in Atlanta mit dem Kerl zusammengearbeitet?«

Der Mann stand auf, rückte seine Brille zurecht und kam herbei. Er sah aus, als wäre er direkt einer Giorgio-Armani-Werbung entsprungen: groß, gut aussehend und ordentlich rasiert.

»Bonjour!« Er streckte Bodhi die Hand entgegen. Bodhi schüttelte sie lächelnd, erleichtert, dass ihn endlich jemand freundlich willkommen hieß.

»Hi! Doktor Bodhi Patel.«

»Gabriel Renaud, Eventualfallplanung.«

»Sie sind von hier?«

»Oui«, bestätigte er lächelnd. »Nun, so in etwa. Ich komme aus Montpellier.«

»Ihr kennt euch also nicht«, stellte Lou mit einem Blick auf Bodhi fest. »Vielleicht kennen Sie unsere Quarantäneexpertin, Ekemma Bassey? Sie stammt ursprünglich aus Nigeria, war aber eine Weile in Atlanta.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid, der Name sagt mir nichts. Ich war ein paar Jahre dort. Hat sie vielleicht aufgehört, ehe ich anfing?«

Max schnaubte. »Lou, schick Helen oder Robert zu mir, sobald sie auftauchen«, sagte er gereizt. »Sag ihnen, ich will mit ihnen reden.« Dann stapfte er davon.

»Beachten Sie ihn nicht weiter«, riet Lou. »Feuer ist sein zweiter Vorname.«

Gabriel lächelte wieder. »Darum hat man auch mich dazu auserkoren, eng mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich bin das natürliche Mineralwasser, das seiner Vulkanasche entgegenwirkt.« Er lehnte sich näher an Bodhi heran. »Es ist tatsächlich nichts weiter als Asche. Der Mann spuckt nur äußerst selten richtige Lava.«

»Aber wenn doch …« Lou hob vielsagend die Brauen und machte große Augen.

Bodhi lächelte amüsiert. Dann öffnete sich die Tür hinter ihnen, und ein gebräunter, muskulöser, blonder Mann in Trainingsanzug und Laufschuhen kam herein. Er trabte zu einem Arbeitsplatz, schnappte sich ein paar Schlüssel und kehrte gleich wieder um. Lou packte seinen Arm.

»Das hier ist Bodhi Patel. Er sagt, er sei hier, um Helen vorübergehend zu ersetzen.«

»Ach ja?« Er nickte Bodhi mit schweißglänzender Haut zu. »Justin Thomas. Ich würde Ihnen ja die Hand geben, aber darauf können Sie gerade bestimmt verzichten.« Er hatte einen australischen Akzent. »Was mich zu meinem Vorhaben zurückbringt: Ich will unter die Dusche. Man sieht sich.« Er verschwand in einem der Flure.

»Ah!«, sagte Gabriel und deutete zur Doppeltür. »Die Frau, über die alles spricht!«

Bodhi drehte sich um und sah eine Frau in einem langen Mantel hereinkommen. Ihre Wangen waren gerötet, aber sonst war sie recht blass. Atemlos nahm sie ihre Mütze ab und strich sich das etwas zerzauste schulterlange blonde Haar glatt. Dann erst näherte sie sich eilig der kleinen Gruppe.

»Ruf die Teamleiter zu einer Besprechung zusammen«, bat sie Lou und sah unterdessen Bodhi ratlos an.

Lou nickte. »Hat das was damit zu tun, dass er dich ersetzen soll?« Sie deutete mit dem Daumen auf ihn.

Sie sah den Neuankömmling erneut an. »Oh! Ja. Ja, hallo! Ich bin Helen. Sie sind bestimmt Doktor Patel?«

Bodhi lächelte. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Ganz meinerseits. Ähm, hervorragend«, sagte sie, wobei sie, noch immer etwas durcheinander, den Blick schweifen ließ. »Setzen Sie sich doch! Ich bin gleich bei Ihnen.«

»Verrätst du uns, was das zu bedeuten hat?«, rief Max von einer der Plattformen. Er lehnte sich über das Geländer, um zu ihnen herunterzusehen.

Helen hob den Blick zu ihm. »Sag dem Team einfach, alle sollen ins Besprechungszimmer kommen. Ich bin gleich da.«

Helen folgte dem Flur in Richtung Besprechungszimmer. Dabei ging ihr immer wieder durch den Kopf, was ihr Davidson letzte Nacht nach der Spendengala in Edinburgh gesagt hatte. Oder eher: verschwiegen hatte. Sie verfügte nur über wenige Informationen und war sich nicht sicher, was sie dem Team erzählen sollte, besonders was die Neuigkeiten über Robert anging. Davidson hatte sich bemüht, ihre Befürchtungen zu zerstreuen: es sei alles völlig in Ordnung; sie müsse nur alle beruhigen und sie an die Hand nehmen, damit alles weiter in geregelten Bahnen lief. Das war ja alles schön und gut, nur wohin genau führten diese Bahnen?

»Helen?«, rief eine Frau.

Sie drehte sich um und sah Ekemma auf sich zukommen, die dunklen Augen voller Sorge. »Was ist los? Warum ersetzt man dich?«

»Das erzähle ich euch gleich, Kem.« Sie betrat das Besprechungszimmer. Sie ging zu einem freien Platz am ovalen Tisch und sah sich unter den Anwesenden um. »Wer fehlt?«

»Pilar ist aus den Staaten über Telefon zugeschaltet«, informierte Lou sie.

»Hi, Pilar«, sagte Helen zu dem Lautsprecher auf dem Tisch. »Danke, dass du auch zuhörst! Ich weiß, du hast noch Urlaub. Wie geht’s dir?«

»Ich bin neugierig, worum es geht«, antwortete eine weibliche Stimme. Pilar hielt sich immer knapp, ganz die Soldatin.

»Wo ist Robert?«, wollte Max von Helen wissen. »Ich habe ihn heute noch nicht gesehen.«

»Ach ja: Er wird bei dieser Besprechung nicht dabei sein«, erklärte Helen. »Wo ist Aiko?«

»Sie kommt gleich«, verkündete Justin, der gerade hereinkam, das Haar noch feucht vom Duschen.

»Aiko?«, fragte Bodhi, als hörte er den Namen nicht zum ersten Mal. Aiko kam in ihren typischen Laborkittel gekleidet herein. Ihr langes, dunkles Haar trug sie als strengen Knoten. Helen fiel auf, wie ihm die Gesichtszüge entgleisten: als hätte er gerade ein Gespenst gesehen. Und Aiko stutzte ebenso, als sie ihn sah.

»Bodhi, das ist unsere leitende Virologin, Aiko Ishikawa«, stellte Lou sie vor. »Aiko, das ist …«

»Was machst du denn hier?«, fragte sie Bodhi geradeheraus.

Alle am Tisch beobachteten die beiden.

»Ihr kennt euch?«, fragte Helen.

»Ähm«, stammelte Bodhi, »W… Wir waren auf demselben College.«

»Oh.« Helen lächelte. »Wie klein die Welt doch ist.«

»Was machst du hier?«, fragte Aiko.

»Aiko«, sprach Helen sie an. »Bitte setz dich. Dann erkläre ich es euch.«

Aiko nahm neben Ekemma Platz, und alle blickten Helen erwartungsvoll an.

»Also gut.« Helen holte tief Luft, um sich noch einen Moment Zeit zu verschaffen und sich zurechtzulegen, wie sie es sagen wollte. »Nun, danke, dass ihr alle es so kurzfristig einrichten konntet! Vermutlich sollte ich als Erstes sagen, dass es letzte Nacht sehr gut lief. Ich glaube, ich bin zu ein paar Leuten durchgedrungen, aber das müssen wir vermutlich abwarten. Natürlich gab es die üblichen Schwarzmaler, die mir nach der Gala sagten, die Pharmaindustrie mache einen Reibach, indem sie ständig Ängste schüre, und ich spiele ihnen nur in die Hände.« Sie schüttelte den Kopf. »Ob sie nach einer Runde Ebola wohl immer noch so denken?«

»Helen«, fiel ihr Max ins Wort. »Raus damit: Warum ist er hier, und wo gehst du hin?«

»Ich gehe nirgendwohin, Max.« Sie holte erneut Luft. »Um es kurz und schmerzlos zu machen: Ab sofort bin ich die stellvertretende Direktorin der Lyoner Niederlassung der Global Health Agency.«

Es herrschte Schweigen, bis Gabriel es brach. »Was ist mit Robert?«

»Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht«, verriet Helen. »Man hat mir nur gesagt, er sei bis auf Weiteres beurlaubt.«

»Was?!«, platzte Lou heraus, und ein paar der anderen begannen zu tuscheln.

»Man sagte mir, alles werde in Ordnung kommen«, versicherte ihnen Helen. »Peter Davidson hat mich gebeten, mich um alles zu kümmern, bis man einen Ersatz findet.«

»Warum du?«, fragte Max.

Helen sah ihn an. Sie hatte bereits geahnt, dass er ein Problem mit dieser vorübergehenden Beförderung haben würde: Immerhin war er der Operations- und Einsatzleiter und sie die leitende Epidemiologin. Wie sollte sie ihm verständlich machen, dass sie besser mit Menschen umgehen konnte als er?

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie freundlich lächelnd. »Es ist ja nur vorübergehend, und vorerst verändert sich nichts. Ich übernehme nur einstweilig die Leitung von allem.«

»Und er übernimmt so lange deinen Posten?«, fragte Aiko, wobei sie auf Bodhi zeigte.

Der sah erst Aiko an, dann wieder Helen.

»Ja. Tut mir leid, vermutlich hätte ich damit anfangen sollen. Ich möchte euch allen Doktor Bodhi Patel aus der Niederlassung in Atlanta vorstellen. Er hat sich freundlicherweise bereit erklärt, meine Aufgaben zu übernehmen, bis wir einen angemessenen Ersatz für Robert finden. Ihre Vorgesetzten in Atlanta loben Sie in den höchsten Tönen, Bodhi, darum … Herzlich willkommen!«

»Willkommen, mein Freund.« Justin nickte Bodhi zu.

»Ja, willkommen«, pflichtete ihm Ekemma bei.

»Danke.« Bodhi blickte lächelnd in die Runde. »Ich freue mich, hier zu sein. Ich kann es gar nicht erwarten, meine Fähig…«

Plötzlich gab das Tablet, das vor Lou auf dem Tisch lag, einen Alarm von sich. Sie nahm es an sich und ging die angezeigten Daten durch.

»Was gibt’s, Lou?«, fragte Helen.

»Ich denke, das sollten wir uns genauer ansehen«, sagte Lou.

KAPITEL 3

Bodhi folgte dem Team zu Lous Schreibtisch. Die Hände der Analystin rasten über Schaltflächen, legten eine Karte von Peru auf einen Bildschirm und Wetterangaben auf einen anderen; ein dritter zeigte eine WHO-Alarmseite, und über einen vierten liefen weitere Daten.

Lou deutete auf die Landkarte. »Eine Meldung von einer Doktor Guterra in Lima, Peru, über eine Häufung von Todesfällen in einem Kloster durch ein geheimnisvolles, bislang noch nicht identifiziertes Virus. Die Symptome passen zu einem Influenzavirus, möglicherweise sogar einem, das Ähnlichkeit mit Corona hat. Doktor Guterra denkt, er habe die Anlage nicht verlassen, doch der soeben eingetroffene Alarm weist auf zwei weitere, ähnliche Todesfälle in Doktor Guterras Krankenhaus hin, und die Opfer stehen in keinerlei Verbindung mit den Nonnen des Klosters.«

»Und Doktor Guterra?«, fragte Helen. »Ist sie krank?«

»Nein.« Lou schüttelte den Kopf. »Sie hat sich an alle relevanten Vorsichtsmaßnahmen gehalten. Die Toten in ihrem Krankenhaus müssen sich woanders angesteckt haben.«

Helen betrachtete die Karte, auf der die Todesfälle örtlich erfasst waren, und nickte. »Wir haben hier also eine Anhäufung, die zu einem Ausbruch werden könnte.«

Lou nickte. »Die WHO hat den Vorfall denen hinzugefügt, die nach einer frühzeitigen Untersuchung verlangen, und deswegen ist er natürlich bei uns gelandet. Man fragt, ob wir einen genaueren Blick darauf werfen können.«

Helen sah Bodhi an. »Haben Sie Ihren Pass zur Hand?«

»Ähm, ja. Ich bin ja letzte Nacht noch hergeflogen.«

Dann wandte sie sich Max zu. »Max, wir brauchen Visa für Peru!«

Er nickte. »Welches Team willst du schicken?«

»Sieht so aus, als würde es sich ausbreiten. Könnte also sein, dass wir ein großes Gebiet abdecken müssen. Ich nehme Bodhi, Ekemma und Justin mit … Und wir sollten auch Pilar dazuholen, falls wir ihre Spanischkenntnisse brauchen oder militärische Unterstützung. Ihr Urlaub ist ja fast vorbei, oder?«

Max nickte, aber ihm stand eine Frage ins Gesicht geschrieben.

»Sag ihr, sie soll sich gleich mit uns in Lima treffen. Es wäre sinnlos, wenn sie erst nach Lyon zurückkommt.«

»Na schön, aber warum fliegst du?«, fragte Max. »Ich dachte, du wärst jetzt die Direktorin.«

Bodhi konnte hören, dass der Mann mit etwas unzufrieden war, und fragte sich, was der Grund dafür war. Nörgelte er aus Prinzip, oder herrschte hier ein Machtkampf, von dem Bodhi nichts wusste? Helen bedachte Max mit einem gelassenen Lächeln.

»Ich möchte Bodhi lieber eine Einweisung geben, statt ihn einfach ins kalte Wasser zu werfen«, erklärte sie. »Es könnte Monate dauern, bis man einen Ersatz für Robert findet. Also leite ich das Team vor Ort und du das hier. Wie hört sich das für dich an?«

Max starrte sie an, die Arme vor der Brust verschränkt, sagte jedoch nichts. Stattdessen warf er einen Blick zu Gabriel hinüber, der inzwischen an seinem eigenen Arbeitsplatz saß.

»Fünf Visa für Peru.«

Gabriel nickte. »Schon dabei. Für alle Fälle beantrage ich auch gleich welche für die Nachbarländer Bolivien, Brasilien und Kolumbien.« Gabriel fing an, die Anfragen einzugeben. »In Ordnung, da Bodhi und Pilar US-Bürger sind, gehen für sie alle vier klar. Pilar wird mit ihrem privaten Pass reisen, nicht ihrem militärischen.« Er tippte weiter, wechselte von einer Eingabemaske zur nächsten. »Helens britischer Pass ist auch in Ordnung … Australien ebenso, damit hat auch Justin grünes Licht …« Er verzog das Gesicht. »Nur mit Nigeria gibt es Probleme. Wir müssen uns, so schnell es geht, darum kümmern, damit Ekemma ihr Visum bekommt.«

»Und wieder einmal Nigeria«, seufzte Ekemma.

»Sieh es positiv.« Gabriel grinste. »Lust auf einen kurzen Abstecher nach Paris?«

»Was wir für Visa nicht alles tun …« Ekemma lächelte leicht verwirrt und zuckte mit den Schultern. »Von mir aus können wir gleich los.«

Gabriel nickte, dann tippte er weiter auf seiner Tastatur herum. »Alles klar, ich habe zwei Karten für den nächsten Flug – aber wir müssen sofort los!« Er ging zu einem Aktenschrank und öffnete ihn mit einer Zahlenkombination. Nach kurzem Stöbern in den Hängeordnern fand er das Gesuchte. »Hier sind eure vorausgefüllten Dokumente. Schnappt euch eure Pässe und macht euch auf den Weg!«

Ekemma nickte, dann verließ sie mit Gabriel das Gebäude.

»Du solltest besser anfangen zu packen«, sagte Max zu Helen, um sie dann einfach stehen zu lassen.

Bodhi beobachtete, wie Helen dem anderen Mann hinterhersah.

»Wow«, sagte er. »Noch keine Stunde hier und schon der erste Einsatz … Klasse!«

Helen musterte ihn. »Nicht, wenn Leute sterben.«

Als sie ging, bedauerte Bodhi seine Worte bereits.

»Auf zur Feuertaufe, was?« Justin klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.

Lou bedachte Justin mit einem abschätzenden Blick. »Warum fängst du nicht schon mal mit Bodhis vorbereitender medizinischer Untersuchung an? Und danach kannst du ihm gleich die Einrichtung zeigen.« An Bodhi gewandt erklärte sie: »Justin ist unser leitender Mediziner.«

»Mir nach«, forderte Justin ihn auf.

Bodhi nickte, sah sich jedoch noch einmal in dem geschäftigen Raum um. Die nervöse Aufregung brachte ihn unwillkürlich zum Lächeln. Doch als er bemerkte, dass Aiko ihn von der erhöhten Plattform aus anstarrte, verging es ihm wieder.

Sie stellte eine Komplikation dar, mit der er nicht gerechnet hatte.

Bodhi folgte Justin den Flur entlang, der rechts vom Eingang wegführte. Unterwegs hörte er ein seltsames Klacken. Er suchte nach dem Ursprung: Justin fehlte der rechte Fuß, und an seiner Stelle hatte er eine schwarze, geschwungene Sportprothese. Bei ihrer ersten Begegnung war ihm das dank der Trainingshose und den Sportschuhen nicht aufgefallen. Er fragte sich, warum der Australier jetzt keinen Schuh darüber trug.

»Willkommen in meinem Reich«, verkündete Justin. Er öffnete die Tür mit seiner Karte und bedeutete Bodhi einzutreten.

Der Raum erinnerte an ein Krankenhauszimmer: Es gab vier Betten, und an einer der Wände standen mehrere Schränke mit Glasfronten, in denen sich alle möglichen Gerätschaften befanden. Wie bereits vermutet, war die GHA-Niederlassung in Lyon um einiges kleiner als die in Atlanta. Trotzdem schien es alles zu geben, was man benötigte.

»Setzen Sie sich.« Justin zeigte auf einen der Stühle an einem kleinen Schreibtisch, der in einer der Ecken untergebracht war.

»Sie sind also der Arzt?«, fragte Bodhi.

»Sanitäter. Insgesamt sind wir zu sechst. Wir sind dafür zuständig, dass jeder vor einem Einsatz topfit ist. Die meiste Zeit unterstützen wir aber Ekemma und die anderen von der Quarantäne-Abteilung bei der Einführung ihrer Maßnahmen.«

Bodhi nickte. »Also ist jeder in dem Besprechungszimmer … sozusagen ein Abteilungsleiter oder so was?«

»Ja.« Justin ging an einen der Schränke, suchte nach irgendetwas. Als er sich wieder umdrehte, fühlte sich Bodhi ertappt: Er hatte gerade die Prothese angestarrt. »Nein, Sie bilden sich das nicht ein: Ich habe ein Metallbein. Das andere hab ich in Afghanistan gelassen.«

»Oh, t… tut mir leid«, stammelte Bodhi.

»Muss es nicht.« Justin grinste. »Das hier ist um einiges schneller.«

»Ach, wirklich?«

Justin nickte. »In meiner Freizeit trainiere ich für die Paralympischen Spiele. Ich hoffe, eines Tages in Grün und Gold für Australien anzutreten.«

Bodhi lächelte. »Das ist klasse. Na dann, viel Glück!«

»Danke.«

»Also …« Bodhi ließ den Blick schweifen, während sich Justin daran machte, seinen Blutdruck zu messen. Ihm fiel auf, wie ordentlich alles war, und er fragte sich, ob sich das auf Justins Militärvergangenheit zurückführen ließ. »Wie lange arbeiten Sie schon für die GHA?«

»Inzwischen fast zwei Jahre. Sie kommen aus Atlanta?«

»Ja. Ich war ein paar Jahre dort.«

»Was hat in Ihnen den Wunsch geweckt, das Mutterschiff gegen einen Außenposten wie unseren einzutauschen?«

Bodhi hob die Schultern. »Ich nehme an, mir war nach Veränderung. Ich bin auf der Suche nach der nächsten Herausforderung.«

»Für Sie ist das hier also eine weitere Sprosse die Karriereleiter hoch?«

»Ja und nein. Man hat mir in Atlanta etwas Besseres angeboten, aber …«

»Aber?« Justins Blick bewegte sich zwischen Bodhis Gesicht und seiner Blutdruckanzeige hin und her.

Erneut hob Bodhi die Schultern. »Man hat versucht, mir eine Führungsposition aufzudrängen. Ich mag aber nicht in einem Büro festsitzen. Ich will rauskommen, was von der Welt sehen, mehr an der Front agieren, verstehen Sie?«

»Nachvollziehbar.« Justin nickte. »Na, bei uns bekommen Sie auf alle Fälle eine Menge Flugmeilen zusammen. Nach Peru hat man uns allerdings noch nicht geschickt, das wird also interessant.«

»Bisher waren Mexiko und die Karibik noch das Weiteste, wo mich die GHA hingeschickt hat, ich freue mich also darauf. Selbst wenn es nur ein paar Wochen dauert.«

»Klar. Aber jetzt sagen Sie mal … Wissen Sie, was mit Robert los ist?«

Bodhi schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Er war Ihr letzter Boss?«

»Mhm. Ein guter Kerl. Ziemlich sportbegeistert. Schon seltsam, dass er einfach so unbefristeten Urlaub nimmt. Man hat Ihnen wirklich nicht gesagt warum?«

Wieder Kopfschütteln. »Nein, kein Sterbenswörtchen. Man rief mich gestern ins Büro des Direktors der Atlanta-Niederlassung, bot mir an, meine Sachen zu packen und herzufliegen … Und hier bin ich.«

»Das ging dann ja recht fix.« Justin schüttelte den Kopf, dann stierte er nachdenklich vor sich hin. »Irgendwas ist los, so viel ist klar. Ich hoffe mal, er ist nicht krank oder so.« Er beendete seine Blutdruckuntersuchung und packte die Gerätschaften zusammen. »Wie sieht es mit Ihren Impfungen aus? Bis wir nach Peru aufbrechen, muss alles im grünen Bereich sein.«

»Vor Mexiko hab ich die üblichen bekommen. Müsste also eigentlich alles stimmen.«

Justin nickte, trat an seine Konsole und begann zu tippen. »Ich sehe mal in Ihrem Profil nach … Hinterher gibt es nur noch ein paar Kleinigkeiten zu überprüfen, und dann können wir Sie ins Flugzeug nach Lima stecken!«

Helen betrat ihr kleines Büro und schloss die Tür. Sie zögerte, fragte sich, ob sie jetzt nicht eigentlich Roberts Büro benutzen müsste, kam jedoch schnell zu dem Schluss, dass es dafür noch zu früh war. Außerdem war es ja nur vorübergehend, nicht wahr? Bis sie wusste, warum Robert weg war, wollte sie das Büro nicht wechseln.

Sie setzte sich an den Schreibtisch, klappte ihren Laptop auf und machte sich daran, ihre E-Mails zu überprüfen. Da war eine von Debbie Colson: Sie bedankte sich noch einmal für ihre Rede und versprach, sie bald über die Höhe der Spenden zu informieren. Helen lächelte. Sie hoffte, die Summe konnte sich sehen lassen. Robert hatte ihr immer wieder gesagt, das Operationsbudget der GHA werde zunehmend reduziert und die Finanzierung ihrer Forschung somit praktisch komplett gestrichen. Daran musste sich etwas ändern. Das war eines der Dinge, die sie mit dem neuen Direktor besprechen wollte.

Sie ging ihre restlichen Mails durch, suchte nach einer von Robert, die etwas Licht darauf werfen könnte, was los war, doch erfolglos. Also sah sie sich die neuesten Mitteilungen der WHO an. Bislang gab es nichts Neues über Peru. Ebenso wenig sprang ihr etwas über die umgebenden Länder ins Auge.

Eine Benachrichtigung über eine Mail von Lou öffnete sich: Es waren die Einzelheiten ihres Flugs nach Lima. Er war für später am selben Tag gebucht. Die Route ging über Los Angeles, und sie würden Peru früh morgens erreichen. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Sie musste nach Hause und packen, doch vorher war noch ein weiteres Telefonat nötig.

Nach dem vierten Klingeln nahm Ethan ab.

»Hels? Was ist los?«

»Ich fliege heute noch nach Peru.«

»Ach?« Er zögerte. »Für wie lange?«

»Keine Ahnung. Du weißt ja, wie das läuft.«

»Und ob: Du verschwindest und tauchst erst nach ein paar Tagen oder Wochen wieder auf – und ich weiß die ganze Zeit nicht, was los ist oder wo du bist.«

»Genau so.« Sie lächelte, versuchte die Angelegenheit nicht zu schwer zu nehmen.

»Dann fällt unser gemeinsames Wochenende wohl ins Wasser.« Er klang, als wäre er alles andere als zufrieden. Sie wusste, wie sehr es ihn belastete. Unangenehmes Schweigen machte sich breit.

»Es gibt ja noch das nächste Wochenende.«

»Falls du bis dahin zurück bist.«

»Ethan …«

»Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte, Hels.«

Sie holte tief Luft. »Ein Flug von London nach Lyon dauert keine Stunde, Ethan.«

»Du wolltest Abstand, und den habe ich dir gegeben. Aber diese … Fern-Ehe kann kein Dauerzustand sein. Manchmal musst du auch heimkommen und dich den Dingen stellen. Du musst trauern, Hels!«

Helen seufzte schwer und ließ das Handy einen Moment lang sinken. Sie wollte jetzt nicht darüber diskutieren. »Hör mal, Ethan, ich muss los. Ich ruf dich an, sobald ich in Peru lande.«

»Klar machst du das. Sobald du die Zeit dafür findest.«

Sie sagte nichts. Sein Sarkasmus schmerzte.

»Bis dann«, versprach sie, und beendete die Verbindung. Ihr blieb keine Gelegenheit, die Unterhaltung zu verarbeiten: Jemand klopfte an.

»Herein.«

Die Tür öffnete sich, und da stand Max.

»Max, was gibt es?«

Er blickte den Flur in beide Richtungen entlang, dann sah er sie wieder an. »Was ist wirklich mit Robert los?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Du musst doch was wissen!«

»Tu ich aber nicht. Peter sagte mir nur, er wäre weg und käme nicht wieder. Den Grund wollte er mir nicht verraten.«

»Übernimmst du seinen Posten auf Dauer?«

»Was?« Sie war verblüfft. »Nein, es ist nur vorübergehend.«

»Und falls man ihn dir anbietet?«

»Max … Ich hab gerade erst davon erfahren. Keine Ahnung, was Peter vorhat.« Sie musterte ihn. »Warum? Willst du den Posten?«

»Ich will wissen, warum Robert weg ist.« Misstrauisch erwiderte er ihren Blick.

»Nun, ich hab dir alles gesagt, was ich darüber weiß – nämlich gar nichts.«

Max starrte sie noch einen Moment lang skeptisch an, dann machte er kehrt und ging.

Helen schüttelte den Kopf und sah auf die Uhr. Vor ihrer Landung in Peru musste sie sich noch über einiges Gedanken machen.

Bodhi ging neben Justin her. Die Besichtigungstour war fast vorbei. Er hatte ein paar der Mitarbeiter kennengelernt. Dann waren ihm die Besprechungsräume und die Labore auf der oberen Ebene gezeigt worden, wo Aiko ihm den Rücken zugewandt und so getan hatte, als würde sie arbeiten. Um den Rundgang zügig fortzusetzen, hatte er nicht viele Fragen gestellt. Es fiel Bodhi schwer, mit ihr im selben Raum zu sein. Es war geradezu unangenehm: als wäre die Temperatur plötzlich um tausend Grad gestiegen und er bekäme keine Luft mehr. Er hoffte, sie mussten während seiner Zeit hier nicht zusammenarbeiten. Er war nicht sicher, ob er dazu in der Lage wäre.

Als Nächstes hatte ihm Justin die Mitarbeiterquartiere gezeigt. Man erreichte sie, indem man einem Flur auf der linken Seite des Hauptraums folgte. Das waren mehrere winzige Schlafzimmer für diejenigen, die bis spät in die Nacht arbeiteten. Es gehörten eine Küche und ein kleiner Aufenthaltsbereich dazu. Und nun erreichten sie ihr letztes Ziel: einen großen Lagerraum voller Regale. Auf der einen Seite fand sich jede erdenkliche Ausrüstung, auf der anderen lagen große, bereits gepackte Rucksäcke. Max stand mit einem Tablet in der Hand da und machte Inventur. Als sie eintraten, hob er den Blick.

»Ist er fit und auf dem Laufenden?«, fragte er.

»Kann man wohl sagen«, bestätigte Justin lächelnd. »Er hat die Tour hinter sich, weiß, wo die Notausgänge sind, und seine Untersuchung hat er mit fliegenden Fahnen bestanden. Nun kannst du übernehmen.« Er klopfte Bodhi auf die Schulter, dann ging er.

»Na schön«, sagte Max. »Bestimmt kennen Sie das schon aus Atlanta, aber ich gehe trotzdem noch mal alles mit Ihnen durch. Jeder bekommt einen Standard-Feldrucksack.« Er ging zu den großen Rucksäcken, tätschelte einen. »Darin ist alles, was Sie brauchen.« Er wandte sich Bodhi zu und zeigte ihm sein Tablet, auf dem mehrere Gegenstände aufgelistet waren. »Diese Liste finden Sie auch in Ihrem persönlichen Systemportal. Sie sind für jeden Posten selbst verantwortlich, verstanden? Lassen Sie sich von dem teuer aussehenden Gebäude nicht hinters Licht führen: Wir kämpfen hier um jeden Cent. Sie gehen also gefälligst sorgsam mit dem Zeug um, sonst bekommen Sie es mit mir zu tun. Verstanden?«

»Klar und deutlich«, bestätigte Bodhi – wobei er sich vornahm, sich Max nicht zum Feind zu machen. »Benutzt Lyon ein eigenes System, oder ist es dasselbe wie in Atlanta?«

»Wie in Atlanta. Das wird Lou mit Ihnen als Nächstes durchgehen. Sie ist für die Ausgabe von Kommunikations- und IT-Ausrüstung zuständig, ich für das, was Sie für Ihre Arbeit im Feld brauchen. Damit meine ich Sequenzer, Reagenzgläser, Pipetten – Sie verstehen schon. Das ist alles da drin.« Erneut tätschelte er den Rucksack. »Damit es im Einsatz nicht zu Engpässen kommt, kriegt jeder dasselbe. Die Ausrüstung ist hochqualitativ und der Großteil sofort einsatzbereit. Sie verbinden alles mit Ihrem Laptop: Dadurch werden die Ergebnisse zügig hochgeladen, und das Team hier ist dann in der Lage, schnellstmöglich Unterstützung zu bieten. Sie spüren die Viren auf, klären den Krisenherd und überlassen die Analyse und Heilung den Leuten hier, beispielsweise Aiko. Sie ist nur selten unterwegs; den Großteil ihrer Arbeit erledigt sie hier im Labor.«

Bodhi nickte, auch wenn die Erwähnung ihres Namens kurz schmerzte.

»Probieren Sie mal einen aus!« Max deutete auf einen der Rucksäcke. »Gewöhnen Sie sich an das Gewicht. Ich würde auch empfehlen, Ihre Rückenmuskulatur zu kräftigen.«

Bodhi hob den Rucksack auf. Er war schwer und etwas hinderlich, alles in allem fühlte er sich aber wohl damit.

»Na schön, dann bitte hier unterschreiben.« Max hielt ihm das Tablet entgegen und deutete auf den unteren Bereich des Bildschirms. Bodhi setzte die Fingerspitze auf das entsprechende Feld und malte seine Signatur. »Das war’s. Wenn Sie zurückkommen, bringen Sie die Ausrüstung zu mir: Ich gehe alles durch und zeichne gegen. Verstanden?«

»Verstanden.«

»Gut, dann weiter zu Lou. Die kümmert sich um Ihre Kommunikationsgeräte.«