Panik - Alexander Gordon Smith - E-Book

Panik E-Book

Alexander Gordon Smith

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Beschreibung

Wenn sich die ganze Welt gegen dich verschwört

Cal, Brick und Daisy sind ganz normale Jugendliche – bis vom einen auf den anderen Tag ihr Leben zu einem Albtraum wird: Ihre Familien, ihre Freunde, Unbekannte, die sie auf der Straße treffen, wollen sie plötzlich umbringen. Wie Tiere wollen sie sie in Stücke reißen, um sofort danach so zu tun, als sei nichts geschehen. Die drei erkennen, dass sie nur eine Chance haben: Sie müssen sich zusammentun und herausfinden, was mit den Menschen in ihrer nächsten Umgebung passiert ist. Koste es, was es wolle …

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Seitenzahl: 597

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Das Buch

Der 17-jährige Cal, sportlich und gut aussehend, ist bei Jungs und Mädchen gleichermaßen beliebt, alle mögen ihn und suchen seine Nähe. Als er während eines Fußballspiels von einem seiner Gegner bösartig attackiert wird, ist Cal noch versucht, es auf den Eifer des Gefechts zu schieben. Doch als sich nach dem Spiel, im Café, plötzlich der blanke Hass in den Augen seiner Freunde spiegelt, begreift er, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt.

In einem Online-Forum lernt er Brick kennen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat: Auf dem Parkplatz einer Tankstelle griffen ihn seine Freundin und etliche zufällig Vorbeikommende an. Einfach so. Cal und Brick beschließen, sich zu treffen. Auf dem Weg zu Brick rettet Cal die verängstigte Daisy, die von einem wütenden Mob verfolgt wird.

So unterschiedlich die drei sind, so haben sie doch eines gemeinsam: Ihr Leben ist in Gefahr. Sie müssen herausfinden, was mit den Menschen, die einst ihre Vertrauten und Freunde waren, passiert ist. Warum sie es ausgerechnet auf Brick, Cal und Daisy abgesehen haben.

Den dreien bleibt nicht viel Zeit. Und sie können niemandem mehr trauen …

Der Autor

Alexander Gordon Smith, Jahrgang 1979, hat sein ganzes Leben Geschichten und Büchern verschrieben: In England hat er sich bereits einen Namen als Autor und als Gründer eines kleinen, unabhängigen Verlages gemacht. Nebenher gibt er Kurse in Creative Writing. Er lebt in Norwich.

Alexander Gordon Smith

Thriller

Aus dem Englischen von Kristof Kurz

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel The Fury bei Faber and Faber, London

Copyright © 2012 by Alexander Gordon Smith

Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Die Shakespearezitate sind der Ausgabe Shakespeare’s dramatische Werke, übersetzt von A.W. Schlegel, Berlin: Johann Friedrich Unger 1797 (darin: Romeo und Julia und Hamlet) entnommen.

Umschlaggestaltung: init.büro für gestaltung, Bielefeld

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-09838-4

www.heyne-fliegt.de

Für Ariana Winter Edwards.

Danke, dass du mich zum Onkel gemacht hast!

PROLOG

Dum-dum… Dum-dum… Dum-dum…

MITTWOCH

Was sind wir anderes als Könige von Staub und Schatten? Herren des Verderbens, die Imperien sich erheben sehen und glauben, dass sie für alle Zeit Bestand haben.

Die sich einreden, dass das Ende nie kommen wird,

dass die Nacht nie hereinbrechen und der Abgrund sich nie auftun wird.

Was sind wir anderes als unbekümmerte Narren?

Das Ende wird kommen, die Nacht hereinbrechen und der Abgrund sich öffnen.

Und dann wird der Zorn die Menschen heimsuchen;

und in seinem Licht wird die Welt brennen.

Uralte Prophezeiung

BENNY

Bristol, 16:15 Uhr

An einem ganz normalen Mittwochnachmittag im Juni wollte die Welt Benny Millston töten.

Er hatte Geburtstag. Seinen fünfzehnten. Nicht, dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. Er saß still in einer Ecke des Zimmers in der kleinen Schuhschachtelwohnung, in der er lebte, seit sich seine Eltern vor drei Jahren getrennt hatten. Seine Mum lag auf dem Sofa zu seiner Linken und rupfte gelangweilt den Schaumstoff aus den Löchern, die der Hund in den alten grünen Bezug gebissen hatte. Sie glotzte über ihren gewaltigen Bauch hinweg auf den Fernseher und hatte vor Staunen den Mund geöffnet, als käme das Letzte Gericht und nicht Glücksrad.

In der anderen Ecke fläzte sich seine Schwester Claire in einem Korbstuhl. Sie war immer seine kleine Schwester gewesen, bis vor einem Jahr seine richtige kleine Schwester gekommen war. Alison, der jüngste Zuwachs der Millstons, zappelte in einem Kinderstuhl, der in der Tür zwischen Wohnzimmer und Küche stand, und prügelte wie besessen mit einem Plastiklöffel auf ihr Essenstablett ein. Der Hund, ein alter Jack-Russell-Terrier, den er als Kind auf den Namen Crapper getauft hatte, saß unter ihr und schnappte jedes Mal nach dem Löffel, wenn er ihm zu nahe kam. Aber er war zu alt und zu faul, um es richtig zu versuchen.

Niemand hatte ihm zum Geburtstag gratuliert.

Was Benny nicht weiter kümmerte. Er machte sich eher Sorgen, weil den ganzen Tag über niemand auch nur ein Wort zu ihm gesagt hatte.

Und nicht nur heute. Seit letzter Woche gingen seltsame Dinge vor. Er konnte es nicht genau beschreiben; er wusste einfach, dass hier irgendwas faul war. Die Leute verhielten sich anders. Klar, er war nicht der Beliebteste in der Schule– bei Weitem nicht–, aber in den letzten Tagen hatten ihn selbst die Jungs, die eigentlich seine Freunde waren– Adam, Ollie, Jamie– völlig ignoriert. Nein, ignoriert war vielleicht das falsche Wort. Sie hatten mit ihm gesprochen, aber so, als ob er gar nicht da wäre. Sie hatten durch ihn hindurchgesehen. Und was sie gesagt hatten– Benny, wir brauchen keinen Mitspieler mehr. Wir sind hier gerade beschäftigt, Benny. Bis später, Benny–, war ehrlich gesagt ziemlich verletzend. Sie taten so, als hätte er ihnen mächtig ins Gesicht gefurzt. Sie taten so, als würden sie ihn hassen.

Daheim war es auch nicht besser. Der Wortschatz seiner Mum, der sich üblicherweise auf »Nein, jetzt sofort«, »Keine Widerrede« und »Ich hab zu tun« beschränkte, hatte sich verschlimmert. Ziemlich stark sogar. Gestern hatte sie ihm sogar befohlen, sich zu verpissen, worüber er so erschrocken war, dass er am liebsten an Ort und Stelle in Tränen ausgebrochen wäre. Claire verhielt sich ebenfalls seltsam. Sie hatte zwar nichts gesagt, sah ihn aber komisch an, wenn sie dachte, dass er es nicht merkte. Wie Kinder einen Fremden anstarren, der ihnen möglicherweise gefährlich werden konnte.

Genau wie jetzt, fiel ihm auf. Sie starrte ihn aus ihren dunklen Augen misstrauisch oder gar ängstlich an. Sobald sich ihre Blicke trafen, wandte sie sich wieder dem Fernseher zu, zog die Beine an und schlang die Arme um sich. Wie ein Igel, der von einem Hund beschnuppert wird. Benny bekam eine Gänsehaut auf dem Arm. Obwohl es ihm eiskalt den Rücken hinunterlief, schoss ihm das Blut in die heißen Wangen.

Was zum Teufel war hier nur los?

Benny rieb sich die Schläfen. Sein Kopf dröhnte. Das ging jetzt schon seit ein paar Tagen so. Anfangs war es nur ein nerviges Klingeln in seinen Ohren gewesen, doch inzwischen fühlte es sich an, als würde jemand mit einem Fleischhammer auf sein Hirn einschlagen. Und zwar in einem bestimmten Rhythmus, wie ein Herzschlag:

Dum-dum…

Dum-dum…

Dum-dum…

Sein Puls konnte es nicht sein, es war ein ganz anderer Takt. Am ehesten erinnerte es ihn an jemanden, der energisch gegen eine Tür klopft und unbedingt reingelassen werden will. Als er vor einer Stunde von der Schule gekommen war, hatte er zwei Paracetamol genommen, aber die hatten so gut wie nicht geholfen. Ihm war, als würde ihm buchstäblich der Schädel platzen.

Kein Wunder. So einen Stress hatte er noch nie gehabt.

Nein, das war kein Stress. Sondern Angst.

Claire starrte ihn jetzt wieder an, und ihr eindringlicher Blick ließ den Raum schrumpfen, als würden sich die mit einer schäbigen Blumentapete bedeckten Wände um ihn herum zusammenziehen. Er stand auf, und seine Schwester zuckte tatsächlich so erschrocken zusammen, als würde er mit einem Kricketschläger auf sie losgehen. Er öffnete den Mund, um sie zu beruhigen, aber er brachte kein Wort heraus. Bis auf diesen ohrenbetäubenden Puls in seinem Kopf konnte er nichts mehr hören. Als hätte er eine riesige Flugzeugturbine zwischen den Ohren.

Benny ging in die Küche. Claire sah ihm hinterher. Genau wie seine Mutter, die den Kopf noch immer auf den Fernseher gerichtet hatte, die Augen aber so weit verdrehte, dass das blutunterlaufene Weiß darin Halbmonden ähnelte. Er drehte ihnen den Rücken zu und zwängte sich an Alisons Stuhl vorbei. Seine kleine Schwester hörte auf, mit dem Löffel herumzuspielen, und sah ihn entsetzt an.

»Nicht weinen«, flüsterte er und streckte den Arm nach ihr aus. Sie drückte sich mit aller Kraft in den Stuhl, so fest, dass sich ihre rundlichen Finger vor Anstrengung weiß verfärbten. Sie weinte nicht. Dazu hatte sie viel zu viel Angst.

Da spürte er es in seinem Kopf: einen instinktiven Befehl, der durch die dröhnende Migräne schoss– Lauf!–, aus einem Teil seines Gehirns, der ganz tief verborgen war. Lauf.

Dieser Impuls war so mächtig, dass er schon fast gehorcht hätte, dass seine Hand schon zum Griff der Hintertür wanderte. Dann humpelte Crapper arthritisch unter Alisons Stuhl hervor und kam auf ihn zu. Der Hund sah ihn so voller Zärtlichkeit und Vertrauen an, dass sich Benny ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Er ging in die Hocke, um ihm das drahtige Fell zu streicheln und ihn hinterm Ohr zu kraulen. Crapper ließ die Zunge heraushängen. Seine Krallen klickten über das Linoleum, der kurze Schwanz wedelte so schnell wie ein Kolibriflügel.

»Alles klar, mein Kleiner«, sagte Benny und kitzelte den Hund am Bauch. »Du hasst mich nicht, oder?«

Plötzlich war die Stimme in seinem Kopf verschwunden, selbst das hämmernde Pochen hatte nachgelassen. Alles war in Ordnung– er hatte nur eine schlechte Woche, mehr nicht. Claire war ebenfalls ein Teenager, gerade dreizehn geworden, und ihre Rivalität hatte sich in den letzten Monaten zugespitzt. Wie könnte es auch anders sein, wenn sie wie Sardinen in diese stickige Bruchbude gequetscht waren? Außerdem war ihre Mutter entweder depressiv oder hatte Wutanfälle, besonders seit sich Alisons Vater– ein großer, ruhiger Mann namens Rob, den Benny höchstens zwei-, dreimal gesehen hatte– entschlossen hatte, nicht mehr zurückzukommen.

Benny gab Crapper einen sanften Stups auf die feuchte Schnauze, dann richtete er sich auf. Dabei schoss ihm das Blut in den Kopf, und der Raum drehte sich erneut. Er öffnete den Geschirrschrank und suchte nach einem sauberen Glas.

Selbst wenn alles normal ist, ist es nicht so besonders, dachte er, als er das Glas mit Wasser füllte. Normal war scheiße. Er nahm einen tiefen Schluck und sah sich um. Sein Blick blieb an einem roten Gegenstand oben auf dem Schrank hängen. Irgendetwas lag dort im Schatten. Benny zuckte mit den Schultern, stellte das Glas ab, zog einen Stuhl heran und stellte sich darauf. Schließlich stand er auf Höhe einer rechteckigen Schachtel, die in purpurfarbenes Geschenkpapier eingewickelt und sorgfältig mit Geschenkband samt Schleife verschnürt war.

Benny grinste so breit, dass ihm die Wangen fast noch mehr wehtaten als sein Kopf. Mit einem leisen Lachen hob er die Schachtel auf. Sie war groß und schwer– ungefähr so schwer wie eine Xbox. Mit einem Mal war er so aufgeregt, dass sich sein Magen verkrampfte. Seine Mum hatte ihm noch nie eine Spielkonsole geschenkt– weder eine PlayStation noch eine Wii, noch nicht mal eine DS. Aber sie hatte gesagt, dass er eine kriegen würde, wenn er alt genug wäre. Dummerweise hatte sie nicht gesagt, wie alt ›alt genug‹ war. Jetzt wusste er es: fünfzehn!

Er sprang vom Stuhl, schleppte die Schachtel ins Wohnzimmer, wobei er beinahe Alison von ihrem Stuhl geschubst hätte. Das war also der Grund, warum seine Mutter und seine Schwester so komisch waren– sie wollten ihn ärgern und taten so, als hätten sie seinen Geburtstag vergessen. Und dann hätten sie ihn mit dem krassesten Geschenk überrascht. Vielleicht war es sogar eine 360 mit Modern Warfare 3. Gleich würden sie sich zu ihm umdrehen, ihn mit der Schachtel sehen und ihn angrinsen. O Mann, jetzt hast du alles ruiniert! Seine Schwester würde lachen. Du hast bestimmt gedacht, dass du gar nichts kriegst. Mach ruhig auf, würde seine Mutter sagen, gerade läuft sowieso nichts im Fernsehen, da kannst du sie mal ausprobieren.

»Danke, Mum!«, rief Benny und ließ sich mit der Schachtel auf dem Schoß in den Sessel fallen. Unter der Schleife steckte eine Geburtstagskarte. Er zog sie mit vor Aufregung tauben Fingern hervor und öffnete sie.

Für Benny, damit du endlich aufhörst, uns zu nerven! Einen wunderschönen Geburtstag und alles, alles Liebe wünschen dir Mum, Claire und Alison.

»Cool!«, sagte er. »Ich wusste die ganze Zeit, dass ihr nur Spaß macht.«

Die Kopfschmerzen waren verschwunden, genau wie dieses pulsierende Hämmern. Völlig unerwartet war es doch noch ein schöner Nachmittag geworden. Er riss das Papier so heftig entzwei, dass es auf den Boden fiel. Darunter kam eine grün-weiße Schachtel zum Vorschein, die mit Xbox-Logos bedeckt war– wie ein wunderschöner Schmetterling, der gerade aus seinem Kokon schlüpft. Seine Mum hatte sich aus dem Sofa gewuchtet und watschelte mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. Endlich würde er die Umarmung und die Küsse bekommen, die schon lange überfällig waren. Er legte sich schon mal die passenden Widerworte zurecht: Mum, hör auf, ich bin fünfzehn und nicht fünf– freute sich aber trotzdem darauf, wollte wieder Kind sein, wenn auch nur für diesen einen Moment. Einfach nur glücklich.

Die Ohrfeige ließ ein Feuerwerk im Wohnzimmer explodieren, grelle Lichtblitze tanzten vor seinen Augen. Er fiel in den Stuhl zurück, vor Schreck fiel ihm die Schachtel von den Knien und fiel krachend auf den Teppich.

Du machst sie ja kaputt!, war sein erster Gedanke. Dann kam der Schmerz, brannte so heiß wie Feuer. Und unmittelbar darauf folgte die zweite Ohrfeige auf die andere Wange. Es klingelte in seinen Ohren, und sein Gesicht fühlte sich an, als stünde es in Flammen. Er sah auf. Tränen ließen den Raum verschwimmen, als stünde er unter Wasser. Er erkannte seine Mum, zumindest eine verwischte Silhouette von ungefähr denselben Ausmaßen. Sie holte aus und ließ den Arm niedersausen.

Krach! Diesmal war es keine Ohrfeige, sondern ein richtiger Schlag. Benny wurde schwarz vor Augen. Nur weg hier! Er schmeckte warmes Kupfer auf seiner Zunge und seiner Kehle, genau wie damals, als er den Fußball auf den Mund bekommen hatte.

Blut.

Panisch sprang er aus dem Stuhl und schubste seine Mum so fest von sich, dass sie nach hinten stolperte. Mit rudernden Armen taumelte sie durch den engen Raum. Es sah fast komisch aus, wie in einem YouTube-Video. Sie grunzte wie ein verschreckter Eber. Benny starrte in ihre schwarzen Schweinsäuglein– da war nichts Menschliches mehr.

»Mum«, wollte er sagen, doch das Wort steckte in seiner Kehle fest. Sie schwankte, vollführte einen seltsamen barfüßigen Stepptanz, fand das Gleichgewicht wieder und ging erneut auf ihn los. Alles war so laut. Das schwere, heisere Keuchen seiner Mutter und noch etwas anderes: ein anschwellender Ton wie ein pfeifender Wasserkessel. Benny brauchte einen Sekundenbruchteil, bis er kapierte, dass seine Schwester aus Leibeskräften kreischte. Sie sprang so schnell vom Sessel, dass er keine Zeit mehr hatte, ihr auszuweichen, rammte ihn und legte ihre dünnen Arme um seinen Hals. Dann traf ihre Mum sie beide, warf sie zu Boden wie Bowlingkegel.

Benny kam mit dem Kopf voran auf dem Teppich auf. Seine Mutter landete auf ihm. Er konnte nichts mehr sehen, ihr unglaubliches Gewicht drückte ihn gegen den Boden, raubte ihm den Atem. Er roch ihren Schweiß, ihr Shampoo und den Nagellack, bäumte sich mit aller Kraft auf, schlug nach ihr, konnte jedoch keine Kraft in seine Hiebe legen. Sie schlug zurück. Dicke Fäuste trommelten auf seine Schläfen, sein Genick und seine Stirn ein.

Etwas Weißglühendes bohrte sich in seine Schulter, aber er konnte den Kopf nicht drehen, um sich umzusehen. Sein Schmerzensschrei wurde durch die Brust seiner Mutter gedämpft, die auf sein Gesicht drückte. Es wurde immer schlimmer. Er spürte, wie etwas Feuchtes den Pulloverärmel hinunterlief.

Das kann nicht sein das kann nicht sein.

Konnte es doch; er sah Lichtpunkte vor seinen Augen tanzen, ein Hilfeschrei seines an Sauerstoffmangel leidenden Gehirns. Und, was noch schlimmer war: Er konnte den Tod spüren, seinen Tod, der irgendwo in den dunklen Winkeln der Gestalt über ihm lauerte.

Diese Furcht verlieh ihm Kraft, und schließlich wurde so viel Adrenalin durch seinen Körper gepumpt, dass er einen kräftigen Schlag auf das Kinn seiner Mum landen konnte. Ihr Kopf wurde zurückgeschleudert. Sie gab ein blutiges Grunzen von sich und rollte zur Seite. Mühsam zwängte er sich unter ihr hervor, als müsste er sich aus Treibsand befreien. Seine Fingernägel bohrten sich in den Teppich. Jetzt bemerkte er, dass Claire ihre Zähne in seinen Oberarm geschlagen hatte. Ein Fleischfetzen hing aus ihrem Mund. Ihre Augen sprühten vor Zorn. Seine Faust landete fast unwillkürlich auf ihrer Nase. Mit einem Schrei ließ sie los und fiel nach hinten.

Irgendwie schaffte Benny es, sich aufzurappeln. Er sah, dass sich Crappers Kiefer um den Knöchel seiner Mutter geschlossen hatte, begriff selbst inmitten dieses Durcheinanders, dass ihm der Hund das Leben retten wollte. Mum rollte wie ein gestrandeter Wal auf dem Boden herum und gab grässliche, ächzende Töne von sich. Sie wollte sich ebenfalls aufrichten, wilde Entschlossenheit funkelte in ihren irren Augen. Sie wollte aufstehen, um ihn endgültig fertigzumachen.

Claire kam wie ein Zombie auf ihn zugewankt. Benny schubste sie mit beiden Händen gegen die Wand. Sie prallte zurück und ging wieder auf ihn los. Dieses Mal hielt Crapper sie auf. Er sprang über Moms zappelnden Körper, biss in Claires Oberschenkel und riss sie zu Boden.

Benny sprang mit zwei Sätzen durch das Wohnzimmer. Vor ihm war die Küchentür, er sah bereits den Hinterausgang. Er könnte es schaffen, könnte entkommen. Könnte.

Plötzlich bemerkte er eine Bewegung neben sich und drehte sich in dem Augenblick zum Fenster um, als es zersplitterte. Glassplitter regneten in den Raum. Er ging in die Hocke und legte die Arme schützend vors Gesicht. Dann prallte etwas gegen ihn, und hätte er sich nicht mit einer Hand abgestützt, wäre er beinahe erneut zu Boden gegangen. Er stieß sich ab wie beim Hundertmeterlauf, wollte losrennen, doch dann schloss sich eine Hand um seinen Fuß und zerrte so fest daran, dass er mit dem Gesicht voran auf den Teppich fiel. Er trat um sich und wandte sich dem neuen Angreifer zu: ein Fremder in Jeans und einem grünen Latitude-T-Shirt hatte beide Hände um Bennys Bein gelegt. Sein Gesicht– blutverschmiert und mit Glasscherben bedeckt– war zu einer Grimasse blanker Wut verzerrt.

Der Mann zog Benny zu sich heran wie ein Angler einen Fisch am Haken. Claire hatte sich inzwischen von Crapper befreit. Der Hund rannte heulend in Kreisen durch den Raum, das Weiße in seinen Augen schien das Hellste im Raum überhaupt zu sein. Seine Mum war ebenfalls wieder auf den Beinen, und eine weitere Person versuchte, durch das Fenster einzusteigen– der schon über siebzig Jahre alte Mr. Porter, dessen vom grauen Star getrübte Augen hasserfüllt funkelten. Seine Hände waren so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Benny wollte sich herumdrehen, doch der Mann war zu stark. Seine Finger bohrten sich wie Metallstäbe in sein Fleisch. Er zog mit aller Kraft, schon hatten seine Finger beinahe Bennys Knie erreicht.

»Mum!«, rief er. »Hör auf! Hör auf damit!«

Sie warfen sich alle gleichzeitig auf ihn, sie waren so schwer, dass er das Gefühl hatte, von ihnen in ein dunkles Grab gerissen zu werden. Er schlug um sich, doch irgendwann konnte er seine Beine nicht mehr bewegen. Dann landete etwas Schweres auf seinem Rücken. Dicke Finger schlossen sich um seinen Hals, drückten gegen seine Luftröhre, sodass er nur noch pfeifend atmen konnte. Er ließ den Kopf zurückschnellen, versuchte, die Hände abzuschütteln, und sah, wie zwei weitere Personen durch das eingeschlagene Fenster stiegen, verschwommene Silhouetten im Sonnenlicht. Sie drängten sich in den engen Raum, schlugen, kratzten, traten, bissen. Bis auf ihr schweres Atmen und das blecherne Lachen aus dem Fernseher war nichts zu hören.

Dann traf etwas viel Härteres als eine Faust seinen Hinterkopf, und es wurde dunkel um ihn. Er konnte die Schläge noch hören, sie aber nicht mehr spüren. Er schloss die Augen, ließ sich dankbar in eine angenehme Benommenheit sinken, ließ Schmerz und Verwirrung hinter sich…

Es hörte so plötzlich auf, wie es begonnen hatte. Er wollte atmen, konnte jedoch nicht. In den letzten Sekunden seines Lebens hörte Benny, wie sich die Hintertür öffnete, hörte die Schritte von feuchten Schuhen, hörte das Knarren des Korbstuhls, als sich seine Schwester wieder setzte, hörte den Hund winseln.

Und dann– ganz unglaublich– füllte seine Mum in der Küche den Teekessel.

Mit diesem vertrauten Geräusch, einem Geräusch, das er an jedem Tag seines Lebens vernommen hatte, verließ er diese Welt. Eine gewaltige, unermessliche Wolke aus Kälte und Dunkelheit senkte sich über ihn.

Sein Herz setzte aus, und eine kalte, blaue Flamme stieg mit einem stummen Heulen in ihm auf. Benny Millston starb auf dem Teppich im Wohnzimmer, während seine Mum Tee machte.

Donnerstag

Der Himmel kennt keinen Zorn wie Liebe, die zu Hass wird.

William Congreve, Die trauernde Braut

Cal

Oakminster, East London, 14:32 Uhr

Jeder mochte Callum Morrissey.

Er war Kapitän der Fußballmannschaft der zwölften Klasse. Ein guter Schüler, ohne sich groß anstrengen zu müssen. Ein netter Kerl. Und das wusste er auch. Gerade sprintete er mit dem Ball die rechte Flanke des Fußballplatzes hoch. Er rannte so schnell, dass der Wind sogar noch die Rufe der Menge übertönte. Der gegnerische Abwehrspieler– ein richtiges Tier, so groß und hässlich wie Shrek– war direkt vor ihm. Er war groß, aber langsam. Cal täuschte links an, spielte den Ball durch die baumstammdicken Beine seines Gegners, rannte rechts an ihm vorbei und direkt auf das Tor zu.

Im Strafraum warteten bereits Dan und Abdus, zwei seiner besten Freunde. Sie wedelten mit den Armen und riefen ihm zu, er solle endlich abgeben. Cal spielte einen weiteren Verteidiger aus und überlegte kurz, ob er das Tor nicht selbst schießen sollte. Nein, so egoistisch war er nicht. Außerdem hatte er bereits einen Treffer gelandet, ein Freistoß, mit dem sie 3:1 in Führung gegangen waren. Wäre doch schöner, wenn auch andere nach dem Spiel etwas zu feiern hätten.

Er holte tief Luft. Er genoss es jedes Mal, wenn die Zeit stillzustehen schien, wenn die Sekunden sich dehnten, sodass er sogar die Zeit hatte, den goldenen Sonnenschein auf dem Platz zu betrachten. Die Uhr über der Tribüne zu seiner Rechten– auf deren Zifferblatt »präsentiert von den Union Garage-Autowerkstätten« stand– zeigte 14:32 Uhr. Noch dreizehn Minuten, dann war das Spiel vorbei und sein Team dem Finale der Schulmeisterschaften ein Stück näher. Sie würden durchs Klassenzimmer marschieren, als ob sie die Meisterschaft schon gewonnen hätten, und vielleicht würde sogar Georgia kurz von ihrem Buch aufsehen, um ihm zu gratulieren. Sie konnte ihn ja nicht ständig ignorieren– nicht, wenn er so gut spielte wie heute.

Er holte aus, bereitete einen Steilpass mitten in den Strafraum vor, als er plötzlich einen heftigen Schmerz im Knöchel spürte.

Er ließ sich fallen. Es war, als würden sich glühende Eisen in sein Fleisch bohren. Er blinzelte sich die Tränen aus den Augen, biss die Zähne zusammen und schaukelte vor und zurück, wobei er seinen Knöchel umklammert hielt.

Dann sah er sich um. Das Spiel lief einfach weiter. Truman– derjenige, der ihn gefoult hatte– rannte mit dem Ball davon. Die anderen folgten ihm, als wäre Cal gar nicht da– sogar Mr. Platt, sein Sportlehrer, der bei dem Spiel den Schiedsrichter machte.

»Hey!«, rief er und hob die Hand, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Das war ja keine Schwalbe gewesen oder so– Blut durchtränkte seinen Knöchel, Shreks Stollen hatten fünf tiefe Kratzer auf seinem Bein hinterlassen. Er rief noch mal, aber es war niemand in Hörweite.

Cal rappelte sich auf und bemühte sich, das Gewicht nicht auf den linken Fuß zu legen. Der Schmerz ließ nach, verwandelte sich in ein unangenehmes Pulsieren. Hätte schlimmer kommen können– bei einem so brutalen Foul hätte er auch einen Knochenbruch davontragen können. Dann wäre er die Sommerferien oder noch länger außer Gefecht gewesen. Das würde er Truman heimzahlen. Wütend lief er in seine eigene Hälfte zurück. Sollten sie ihn doch vom Platz stellen, wen interessierte das schon? Sein Team lag so weit vorne, dass es das Spiel in den letzten Minuten gar nicht mehr verlieren konnte.

Gerade war ein gegnerischer Mittelfeldspieler namens Connor im Ballbesitz. Cal kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern ging auf Truman los, der sich gerade keuchend vorgebeugt und die Hände auf die Knie gestützt hatte.

»Hey«, sagte Cal und lief schneller. Sein Körper zitterte vor Vorfreude. Truman drehte sich gerade rechtzeitig um, damit er Cals Faust sah, die auf seine Wange zugeschossen kam. Es gab einen dumpfen Schlag, und der Kopf des Jungen wackelte wie ein Punchingball. Einen Augenblick lang dachte Cal, er würde zu Boden gehen, doch Shrek blieb auf den Beinen. Seine hässliche Visage verzog sich vor Wut.

Nein, das war nicht nur Wut. Der Blick, den er Cal zuwarf, war viel mehr als das. Einen Moment lang funkelten Shreks Augen unergründlich und so hasserfüllt, wie es Cal in seinen siebzehn Jahren noch nie gesehen hatte. Sein Gesicht war so wutverzerrt, dass es aufgedunsen und irgendwie krank wirkte. So sah jemand aus, der töten wollte.

Cal wich instinktiv zurück. Mr. Platt kam auf sie zugerannt und blies dabei in seine Pfeife, immer und immer wieder. Das schrille Geräusch wurde lauter, während Truman die gewaltigen Fäuste ballte. Mit offenem Mund– wie ein Dorftrottel–, aber entschlossenen, wütenden Augen kam er auf ihn zu.

Irgendjemand packte Cal von hinten und hielt die Arme an seinen Körper gepresst. Ein anderer schubste ihn und schrie ihn an. Sofort war er von einer wütenden Menge umringt. Es war, als wäre er in einem Motor gefangen, dessen Kolben unaufhörlich auf ihn eindroschen.

»Weg da«, schrie er, als sich Finger in seine Brust bohrten. Um ihn herum herrschte Chaos. Ein gegnerischer Spieler schubste ihn so hart, dass er beinahe umgefallen wäre, als er gegen den Jungen hinter sich prallte. Dann sah er Mr. Platt, dessen Wangen unglaublich rot angelaufen waren und der weiter in seine Pfeife blies. Der Lehrer streckte den Arm aus, packte Cals Schulter, damit er nicht umfiel.

»Das reicht!«, bellte er, wobei die Pfeife an ihrer Kordel auf seine Brust fiel. »Aufhören, hab ich gesagt! Sofort!«

»Ganz ruhig, Cal.« Die Stimme gehörte Joe McGowan, dem Rechtsaußen, der ihn festhielt. »Lass gut sein, Mann.«

»Schon gut, Alter«, sagte er. Über dem Lärm der Menge war er kaum zu verstehen. »Aber sieh dir mal mein Bein an. Der Penner hätte es mir fast abgerissen.« Er griff in seine Socke, dann hielt er seine blutbefleckten Finger hoch und wedelte damit vor Shrek herum. »Siehst du das?«

»Es reicht!«, brüllte Mr. Platt. Er sah aus, als stünde er kurz vor dem Herzinfarkt. Er pfiff noch einmal, scheuchte alle beiseite und griff in seine Tasche. Dann hielt er Cal die rote Karte mit einem Enthusiasmus vor das Gesicht, als wäre er ein Priester, der einem Vampir das Kruzifix zeigt. »Du bist raus, Morrissey. Das hat ein Nachspiel. Und jetzt runter vom Platz.«

Truman holte noch einmal halbherzig aus. Er schien ganz froh darüber, dass ihn seine Teamgefährten zurückhielten. Jetzt sah er nicht mehr so verbissen drein, eher verwirrt, als wüsste er nicht, wo er gerade war. Vielleicht hatte Cal doch härter zugeschlagen als beabsichtigt. Mr. Platt wandte sich mit der roten Karte in der Hand dem Oger zu.

»Treib’s nicht zu weit, Truman«, sagte er. »Sonst stell ich dich gleich mit raus. Hast Glück, dass ich das Foul nicht gesehen habe.«

Unter Pfiffen und Jubelrufen verteilten sich die Spieler langsam erneut auf dem Platz. Cal strich sich das Trikot glatt, und als er wieder aufsah, starrte ihn Joe mit hochgezogener Augenbraue an.

»Alles klar?«, fragte er. Cal nickte, und Joe fing an zu grinsen. »Dem hast du’s ordentlich gegeben, Mann. Fein gemacht!«

Joes Lächeln war ansteckend, und Cal lachte. Das Adrenalin hatte den Schmerz in seinem Bein gedämpft. Es war durchaus von Vorteil, die letzten zehn Minuten nicht mitspielen zu müssen. Und ein ganz bestimmter Vorteil saß sogar in der ersten Reihe. Joe streckte die Faust aus, und Cal stieß seine dagegen.

»Mach noch ein Tor für mich, ja?«

»Alles klar«, antwortete Joe und rannte davon. Mr. Platt hatte den Ball ungefähr zehn Meter von der Stelle positioniert, an der Cal Truman geschlagen hatte. Wieder pfiff er und scheuchte Cal erneut vom Spielfeld.

»Ist ja gut«, murmelte Cal und trottete so langsam wie möglich davon. Vor dem Publikum hob er die Arme, machte ein bisschen Schattenboxen wie Rocky, und der Jubel verfolgte ihn bis zum Spielfeldrand. Er ging zu seinen Klassenkameraden hinüber, die in der ersten Reihe auf Klappstühlen im Schatten der Tribüne standen. Eddie Ardagh klopfte ihm auf den Rücken.

»Der Penner hat’s drauf angelegt«, sagte er. »Hat dich einfach so umgeholzt.«

»Du hättest ihn nicht schlagen dürfen«, sagte Megan Rao und schüttelte den Kopf, wobei sich aus ihrem Haar eine purpurrot gefärbte Strähne löste, die sie hinter das Ohr zurücksteckte. »Das vergisst der nicht so schnell. Truman hat sie nicht alle.«

»Der soll nur kommen«, sagte Cal und ließ sich auf den freien Platz zwischen Megan und Georgia fallen. Georgia Cole. Wie immer hatte sie ihre perfekte Stupsnase in einen Roman gesteckt. Sie bemerkte ihn erst, als er sie leicht mit dem Ellbogen anstieß. Cal ließ es dabei bewenden– schließlich wollte er nicht zu verzweifelt wirken. Stattdessen wandte er sich wieder dem Spielfeld zu, wo sein Team gerade den nächsten Angriff startete. Dieses hohle, satte Plopp, wenn jemand den Ball traf, war das schönste Geräusch überhaupt, besonders im Sommer. Aber im Sommer klang sowieso alles besser.

Dann sah er Truman, der alleine vor dem gegnerischen Strafraum stand und sich die Wange rieb. Er hatte keine Angst vor ihm, obwohl Truman eineinhalb Jahre älter und um einiges größer war und mit Vorliebe kleinere Mitschüler drangsalierte. Cal hatte eigentlich vor niemandem Angst. Er machte Choy Li Fut-Kung Fu, seit er acht war. In eine richtige Rauferei war er zwar noch nie geraten, aber er hatte keinen Zweifel, dass er auf alle Fälle seinen Mann stehen würde.

Er sah wieder Trumans Gesicht vor sich, nachdem er ihm den Schlag verpasst hatte, den dumpfen Hass in seiner Miene, die kochende Wut. Er hatte wie ein echter Psychopath ausgesehen, wie in den Horrorfilmen. Megan hatte recht– jeder wusste, dass Truman verrückt war. Doch jetzt beschlich Cal der Verdacht, dass er wirklich verrückt war.

»Durst?«, fragte Eddie und hielt Cal eine Wasserflasche mit abgerissenem Etikett hin.

»Du weißt doch, dass ich das Zeug nicht mag«, sagte er und zog eine Dose Dr. Pepper aus Megans offenem Rucksack. »Wasser ist ungesund.« Er öffnete die Dose, nahm einen tiefen Zug und rülpste so laut, dass es ihm fast den Kopf von den Schultern hob. »Das hier ist die wahre Erfrischung.«

»Ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst«, murmelte Eddie. »Von dem vielen Zucker müssten deine Organe doch schon längst zusammenkleben.«

»Los!«, rief Megan und sprang etwa einen Meter in die Luft. Cal sah, dass Ab mit dem Ball in den Strafraum dribbelte und schoss. Der Torwart sprang los und streifte den Ball mit einer Fingerspitze, was ausreichte, um ihn abzulenken. Cal sprang auf und legte die Hände an den Kopf.

»Mann, das war knapp«, sagte er und ließ sich so heftig zurückfallen, dass er gegen Georgias Buch stieß. Sie warf ihm unter ihrem blonden Pony einen gespielt finsteren Blick zu. »Sorry, George, aber Bücherwürmer haben hier nichts zu suchen.«

»Ich bin nicht freiwillig hier«, antwortete sie. Irgendwie machte sie ihre wütende Miene noch hübscher. Sie sah aus wie die Models mit Schmollmund auf den Modezeitschriften. Cals Magen krampfte sich zusammen, sein Körper schien plötzlich Tonnen zu wiegen, als hätte sich die Schwerkraft gerade verdoppelt. Für einen lächerlichen Augenblick– trotz des Sieges, trotz der Aufregung um Truman, trotz der Sonne und der Aussicht auf einen Nachmittag mit seinen Freunden– glaubte er, in Tränen ausbrechen zu müssen. Er drehte sich mit brennenden Augen und kribbelnder Haut um. Er holte einmal tief und keuchend Luft, dann war es vorbei.

»Wie geht’s deinem Bein?«, fragte Georgia und lächelte schüchtern, als wüsste sie ganz genau, was gerade in ihm vorging. Er sah an sich herab zu den roten Linien auf seinen zerknitterten Socken, wo ihm Shreks Stollen die Haut aufgerissen hatten. Der Blutfleck war bereits getrocknet.

»Ich weiß nicht«, sagte er. »Könnte tödlich sein. Vielleicht brauch ich gleich eine Mund-zu-Mund-Beatmung.«

»Iiii«, rief Georgia und schlug leicht mit dem Buch nach ihm. »Dann frag Eddie.«

»Ich könnt’s machen«, trällerte Megan und warf Cal einen Luftkuss zu.

»Gott sei Dank«, murmelte Eddie.

Cal lachte höflich, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. Irgendetwas nagte an ihm, er fühlte sich nicht besonders, aber das war nach einem solchen Match nichts Ungewöhnliches. Das lag zum Teil am nachlassenden Adrenalinpegel, zum Teil am Flüssigkeitsmangel. Er sollte mehr Wasser trinken, doch er hasste das Zeug. Dr. Pepper– mehr brauchte er nicht.

»So eine lahme Gurke«, sagte Megan, als Steve Abelard, der langsamste Mittelfeldspieler, über den Platz trabte.

Cal blendete sie aus, blendete alles aus, genoss einen Augenblick der Ruhe. Er holte tief Luft. Langsam ließ der Druck in seinem Kopf nach. Als er ausatmete, kehrte der Schmerz zurück, und mit ihm ein sanftes Pulsieren, das in seinem Schädel widerhallte, kaum lauter als das Schlagen weit entfernter Vogelflügel.

Dum-dum…

Dum-dum…

Dum-dum…

Daisy

Boxwood St. Mary, Suffolk, 14.47 Uhr

»Ihr macht mir Angst…«

Daisy Brien trat zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die eiskalte Wand stieß und zusammenzuckte. Kim und Chloe, ihre besten Freundinnen, gingen auf sie zu. Sie trugen ihre Zöpfe auf die gleiche Art, dazu bauschige Kleider, die über ihre Füße reichten, sodass es aussah, als würden sie schweben. Sie starrten sie mit großen Augen an. Geisteraugen.

»Hallo, hört auf damit!«

Sie hatten sie in die Ecke getrieben. Zu beiden Seiten versperrten ihr vollgepackte Kleiderstangen den Weg wie die Hecken in einem Labyrinth. Da war kein Durchkommen. Der einzige Ausweg führte durch eine Tür, die sie im Zwielicht nicht sehen konnte– nur das grüne Notausgang-Licht mit dem kleinen rennenden Männchen darauf. Es schien meilenweit entfernt zu sein. Kim und Chloe waren jetzt sehr nahe, und Kim streckte langsam eine Hand in weißer Spitze aus. Ein kalter Finger fuhr über Daisys Gesicht.

»Lass das!«

»O wie sie auf die Hand die Wange lehnt«, sagte Kim mit schauriger Geisterstimme. »O wär Fred doch der Handschuh auf dieser Hand und küsste ihre Wange!«

Chloe hob die Hände und wedelte damit vor Daisy herum.

»Eins, zwei, drei, dann sitzt euch der Stoß in der Brust«, stöhnte sie. »Da wäre Fred sicher auch gern.«

»O Fredeo«, fügte Kim hinzu. »Wer hätt es je gedacht?«

»Wer furzet in der Nacht?«, fragte Chloe. Das war zu viel. Alle drei prusteten los, und helles Gelächter erfüllte die Garderobe wie Sonnenlicht. Daisy lachte so laut, dass sie fast geplatzt wäre. Chloe ging in die Knie, wobei sich ihr Kleid in tausend Falten um sie herum ausbreitete und sich ein heimeliger Geruch nach Staub und altem Stoff ausbreitete.

»Ihr seid furchtbar«, sagte Daisy, sobald sie wieder Luft in die Lunge bekam. Sie gab Kim einen spielerischen Klaps auf die Schulter, der durch ein dickes Schulterpolster abgefedert wurde. »Ich sag doch, ich will nichts von ihm!«

»Aber er ist doch dein Fredeo«, sagte Chloe und streckte die Hände aus. Kim nahm eine, Daisy die andere, und gemeinsam halfen sie ihr auf die Füße. »Fredeo und Daisia, die schönste Liebesgeschichte der Welt.«

»Er will überhaupt nichts von mir wissen«, sagte sie. »Und außerdem ist er schon in der Zehnten, oder?«

»Die Dame, wie mich dünkt, gelobt zu viel«, sagte Kim und wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Falsches Stück, du dumme Nuss«, erwiderte Daisy. Sie drängte sich an ihnen vorbei, verließ das Labyrinth der Theatergarderobe und ging auf den riesigen Spiegel zu ihrer Linken zu, der wie in einer Broadway-Garderobe von Glühbirnen eingerahmt wurde. Sie betrachtete ihr Spiegelbild im kränklich gelben Licht. Eigentlich gefiel sie sich ganz gut– das lange braune Haar zu einem Dutt mit vielen Zöpfen aufgetürmt, dazu das schöne weiße Kleid, fast ein Brautkleid. Der hohe, enge Kragen ließ sie größer und schlanker wirken, als sie tatsächlich war. Und älter, fünfzehn statt fast dreizehn.

Und damit genau im richtigen Alter für Fred…

Sie spürte die Hitze in ihren Wangen und war froh, dass sie Make-up trug. Das dicke Rouge verdeckte diese Peinlichkeit. Sie holte ihre Handschuhe aus spinnwebdünner Seide heraus. Sie reichten ihr bis zum Ellbogen, und es war ein Albtraum, sie anzuziehen. Als sie vor drei Monaten erfahren hatte, dass sie die Rolle der Julia beim Schultheater spielen sollte, wäre sie vor Angst fast gestorben: Der Romeo ging in die zehnte Klasse! Allein bei der Vorstellung hätte sie sich am liebsten in einer finsteren Ecke verkrochen, bis alles vorbei war.

Aber nein, sie hatte sich ihrer Angst gestellt und die Herausforderung angenommen, genau wie es ihre Eltern ihr beigebracht hatten. Und trotz ihrer Proteste hatte ihr die Aufmerksamkeit gefallen, die ihr zuteil geworden war. Dennoch musste sie sich immer wieder sagen, dass er nur so tat, dass dieser fünfzehnjährige Adonis, der ja schon eine Freundin hatte, sich nicht in einer Million Jahren für die echte Daisy Brien interessieren würde.

»Ich kann mir meinen Text nicht merken«, sagte Chloe, deren Spiegelbild nun neben Daisys trat. Sie war einen halben Kopf größer, obwohl sie jünger war.

»Du musst doch nur dreimal was sagen«, lachte Daisy und zog den ersten Handschuh über. Chloe spielte Lady Montague, Romeos Mum. Sie tauchte überhaupt nur in zwei Szenen auf, brachte aber ständig ihren Text durcheinander. Kim war Tybalt, Julias Vetter. Die Schauspiellehrerin hatte entschieden, dass in dieser Inszenierung ein Mädchen diese Rolle übernehmen würde. Sie stand an der Seite, lehnte gelangweilt gegen ein Regal voller Schminke und ließ ein Pappschwert langsam durch die Luft schwingen.

»Ob man damit wirklich jemanden umbringen kann?«, fragte Kim. »Mrs. Jackson zum Beispiel?«

Die drei Mädchen betrachteten das verbogene Schwert und mussten erneut lachen. Sie wurden vom Quietschen der Garderobentür unterbrochen, durch die ein rundes, bebrilltes Gesicht spähte.

»Hab ich da gerade meinen Namen gehört?«, fragte Mrs. Jackson. »Braucht ihr irgendwas?«

»Nein, alles klar, Mrs. Jackson«, sagte Kim, stieß mit dem Schwert in die Richtung der Lehrerin. Stirb stirb stirb, murmelte sie kaum hörbar. »Wir üben nur unseren Text.«

»Sehr gut«, sagte Mrs. Jackson. »Aber beeilt euch. Die Kostümprobe fängt in…« Sie sah auf die Uhr, was eine Ewigkeit dauerte. »…sieben Minuten an.«

Sie blieb noch einen Augenblick stehen, als wartete sie darauf, dass man sie entließ. Schließlich zog sie den Kopf wieder zurück.

»Dazu hab ich jetzt überhaupt keine Lust«, sagte Daisy und spürte einen unangenehmen Druck auf der Brust. Lust hatte sie eigentlich schon– sie war nur nervös. Wie jedes Mal, wenn sie die Bühne betrat, und es wurde immer schlimmer. Wie sollte das dann erst bei der Aufführung werden? »Will jemand für mich einspringen?«

»Und so tun, als würd ich mit Freddy knutschen? Vergiss es!«, sagte Chloe. »Da küss ich noch lieber Mrs. Jackson.«

»Gelogen!«, sagte Daisy und grinste. Endlich hatte sie sich auch in den anderen Handschuh gequält und strich die Seide um ihren Ellbogen glatt. »Bereit?«

Sie drehte sich vom Spiegel weg und zu Kim um. Ihre Freundin fuchtelte noch immer mit dem Schwert herum, jetzt schneller, wütender. Durch den hellen Schein der Glühbirnen hinter ihr konnte Daisy es nicht genau erkennen, aber sie hätte schwören können, dass sie mit unglaublich finsterem Blick zurückstarrte. Jedes Mal, wenn die mit Alufolie umwickelte Klinge die Luft durchschnitt, formten ihre Lippen dasselbe geflüsterte Wort.

Stirb. Stirb. Stirb. Stirb. Stirb. Stirb. Stirb.

»Äh… Kim?«, sagte Daisy. Kim schlug noch ein letztes Mal durch die Luft, dann zuckte sie zusammen, als würde sie aus einer hypnotischen Trance erwachen. Sie blinzelte ein paarmal verwirrt.

»Hä?«, sagte sie nach einigen Sekunden.

»Schon gut«, sagte Daisy und ging auf die Tür zu. »Also los, bringen wir’s hinter uns.«

Brick

Fursville-Freizeitpark, Hemmingway, Norfolk, 15:03 Uhr

Brick Thomas hasste sie alle.

Er hasste seinen Dad, er hasste seine Stiefmutter, er hasste seine richtige Mutter, weil sie gestorben war, als er noch als rothaariger Hosenscheißer in den Kindergarten ging; er hasste seinen Bruder, der vor zwei Jahren ausgezogen und Fallschirmspringer bei der Armee geworden war; seine Lehrer hasste er so richtig, weil sie ihm gesagt hatten, dass er gar nicht erst zu den Abiturprüfungen antreten müsse, und am meisten hasste er den Beratungslehrer, der seinem Dad erzählt hatte, dass er verhaltensauffällig sei; er hasste seine Freunde, wenn er sie überhaupt noch als solche bezeichnen konnte– schließlich redeten sie nicht mehr mit ihm; und wenn er ehrlich sein sollte, hasste er auch seine Freundin manchmal. Obwohl, da war er sich nicht so sicher, weil sich Liebe und Hass oft so ähnlich anfühlten, dass er keinen Unterschied erkennen konnte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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