Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Pannfisch für den Paten E-Book

Krischan Koch  

(0)

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Pannfisch für den Paten - Krischan Koch

Krimispaß an der Küste In Fredenbüll herrscht Aufruhr! Auf dem Deichvorland werden gerade mehrere Windräder installiert, was die Naturschützer im Dorf auf den Plan ruft. Sogar Oma Ahlbeck unterstützt die eilig gegründete Initiative »Sei (k)ein Frosch e.V.«, die sich um die bedrohte Rotbauchunke sorgt. Eines Morgens steckt in dem noch feuchten Betonsockel eines Windrades ein Toter. Mischt da etwa auch der mysteriöse Unbekannte mit, der von lauter Männern in dunklen Anzügen bewacht wird? »Dat is BKA«, weiß Polizeiobermeister Thies Detlefsen und wittert sofort einen ganz großen Fall.

Meinungen über das E-Book Pannfisch für den Paten - Krischan Koch

E-Book-Leseprobe Pannfisch für den Paten - Krischan Koch

Krischan Koch

Pannfisch für den Paten

Ein Küsten-Krimi

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

 

Für Christian und unseren gemeinsamen Freund Dino

 

 

»Mit einem netten Wort und einer Pistole erreicht man mehr als mit einem netten Wort allein.«

Al Capone

1

Sechstausend Kilometer vom nordfriesischen Fredenbüll entfernt hat der greise Don Luciano am Valentinstag die männlichen Mitglieder seiner Familie und den Consigliere bei »Fanelli« versammelt.

»Che cos’è? Paolo, was ist mit den Spaghetti?« Die brüchige Stimme des greisen Paten ist nur ein heiseres Hauchen. »Ein neues Rezept?«

»Come sempre, Don Luciano. Alla puttanesca. Alles wie immer«, beteuert der Padrone des kleinen Lokals. »Nur ein Prise Zimt. Un pochino.«

Don Luciano gibt ein missbilligendes Seufzen von sich und dreht Pasta auf eine Gabel. Die sechs Männer der Luciano-Familie sind die einzigen Gäste in dem traditionsreichen Lokal mit den rot karierten Tischdecken im New Yorker Stadtteil Little Italy.

»Wir können uns das nicht bieten lassen!«, schimpft der jüngste Sohn Mario mit vollem Mund, während sein älterer Bruder Tony Richtung Toiletten verschwindet. »Der Caprese-Clan wildert in unserem Revier. Diese Bastarde haben schon wieder einen Spielsalon in der Lower Eastside abkassiert!«

»Nicht beim Essen, Mario.« Mit zittriger Hand tupft sich der hagere Pate Spaghettisoße von den Lippen. »Wir sprechen bei Tisch niemals über Geschäfte.«

Das Familienoberhaupt führt grade sein Rotweinglas zum Mund, als die Glastür des Restaurants aufgerissen wird. Vier Männer mit Maschinengewehren stürmen das Lokal und schießen sofort ohne Vorwarnung wahllos um sich. Eine Karaffe mit Rotwein zerplatzt. Putz stäubt von den Wänden. Die Bilderrahmen mit den alten Schwarz-Weiß-Fotos zersplittern. Die roten Neonbuchstaben mit dem geschwungenen Schriftzug im Schaufenster des Restaurants zerbersten knallend. Mario springt auf. Bei dem Versuch, seine Waffe zu ziehen, wird er sofort von einer Maschinengewehrsalve durchsiebt und sackt augenblicklich in sich zusammen. Don Luciano gibt ein lautloses Krächzen von sich. Auf seiner Stirn unter dem schütteren weißen Haar erscheint eine wie von einer Nähmaschine sauber gestanzte Reihe kleiner Einschusslöcher.

Wirt Paolo stolpert, vom Kugelhagel getroffen, mit sechs Grappagläsern auf einem Tablett an dem besetzten Tisch vorbei in den Garderobenständer hinein. Der Consigliere zappelt, als wäre er vom elektrischen Schlag getroffen. Für einen Moment starrt Don Luciano bewegungslos auf die Fotos des sizilianischen Städtchens Corleone. Ein schmales Blutrinnsal läuft aus seinem Mundwinkel. Dann kippt der Pate des Luciano-Clans mit dem Gesicht auf den Teller seiner geliebten »spaghetti alla puttanesca«. In die Soße mischt sich Blut. Sein schwergewichtiger Leibwächter krallt die dicken Finger in die Tischdecke. Mit fragendem Blick kippt er zusammen mit dem Stuhl um und reißt die karierte Decke mit allem, was darauf steht, Weingläser, Bestecke und sechs halb verzehrte Portionen Pasta, mit sich. Und auch der schmächtige Pate wird mitgerissen.

Tony Luciano hat auf dem Weg zurück von den Toiletten gerade noch rechtzeitig in Deckung gehen können. Durch einen winzigen Spalt in einer Vorratskammer muss er das grausame Massaker am Valentinstag mit ansehen. Es ist nur ein schmaler Schlitz. Aber er kann die Visagen der Caprese-Brüder ganz deutlich erkennen. Kein Zweifel, das sind Romano, Aldo und Matteo Caprese und ihr Killer Louis … Louis the Lobster.

2

»Wat is eigentlich in dem Reetdachschloss von dem Ohrenprofessor los? Da ist ja neuerdings mächtig Betrieb«, krächzt Landmaschinenvertreter a.D. Piet Paulsen. Er sieht seine Imbissfreunde fragend an. Dann wendet er sich wieder seinem Putenschaschlik »Hawaii« zu.

Die Runde in dem Fredenbüller Stehimbiss »De Hidde Kist« rätselt an diesem warmen Junimorgen, was da in dem Ferienhaus des Eppendorfer HNO-Professors Müller-Siemsen auf einmal vor sich geht.

»Hat er verkauft?«, fragt Postbote Klaas und sortiert weiter seine Post auf Stehtisch Zwei.

»Er war ja in letzter Zeit selten da.« Polizeiobermeister Thies Detlefsen setzt die Mütze ab und bekommt von Antje den obligatorischen »Coffee to go«, den er stets im Imbiss trinkt.

»Seine Frau hat sich hier seit Jahren nich mehr blicken lassen.« Imbisswirtin Antje senkt die Stimme. »Die leben ja getrennt. Aber sind wohl immer noch verheiratet.«

»Vielleicht haben sie auch an Feriengäste vermietet«, vermutet Althippie Bounty. »Unsere Gegend ist ja irgendwie im Aufwind. Und soll ja ’n schönes Haus sein.« Der Exkommunarde zieht das Haargummi seines dünnen grauen Pferdeschwanzes stramm. Imbisshündin Susi legt den Kopf schief und sieht ihn, in der Hoffnung auf einen Schokoriegel, verliebt an.

»Vor ’n paar Tagen standen da mehrere Autos mit Wiesbadener Kennzeichen«, hat Klaas beobachtet.

»Komisch.« Paulsen zuckt mit den Schultern.

»Ja nee, dat sollen wohl Ausländer sein.« Antje sortiert ihre Schalen mit Kartoffelsalat.

»Flüchtlinge?«, kräht Paulsen. »In Fredenbüll?«

»Die sollen wohl von Amerika rübergekommen sein … angeblich«, behauptet Antje. »Ham sie bei Alexandra erzählt.« Der »Friseursalon Alexandra« ist neben der »Hidden Kist« der wichtigste Umschlagplatz für Neuigkeiten in Fredenbüll.

»Da sind jetzt wohl so manche auf der Flucht über’n großen Teich, wat man so hört.« Piet Paulsen kommt ins Sinnieren.

»Was hast du da gesagt, Klaas, Wiesbadener Kennzeichen?« Bei Thies klingeln plötzlich alle Alarmglocken. Die Imbissrunde sieht ihn fragend an. »Hallo? Wiesbaden! BKA!«

»Ja, da stand auch ’ne ganze Zeit so ’n Heinzel mit so ’m Walkie-Talkie vor der Tür und hat eine nach der anderen geraucht«, bestätigt der Postbote.

»Freunde, ich sag’s euch. Dat ist ’ne politische Geschichte.« Der Fredenbüller Polizeiobermeister wittert sofort wieder den ganz großen Fall. »USA, FBI, internationale Verwicklungen …« Thies fährt sich unternehmungslustig durch den spärlichen blonden Bart, den er sich seit Kurzem stehen lässt. »Und die Behörden vor Ort sind mal wieder nich informiert.«

»Hätte man vor ’n paar Jahren auch nich gedacht.« Paulsen atmet schwer. »Antje, demnächst sitzen die Amis hier bei dir im Imbiss und essen Putenschaschlik ›Hawaii‹.«

»Nee, Piet, damit ist dat demnächst vorbei.« Antje schüttet die restlichen Ananasscheiben aus der Dose in ein Schälchen. »Dat sind die letzten Ananas.« Fast etwas verächtlich schiebt sie die Schale in den Kühlschrank.

»Wieso vorbei?« Dem ehemaligen Landmaschinenvertreter rutscht vor Schreck seine Gleitsichtbrille auf die Nase. Auch Thies Detlefsen, Klaas und Bounty sehen die Imbisswirtin staunend an.

»Habt ihr mein neues Schild nich gesehen?«

»Wieso? De Hidde Kist?« Klaas sieht die vollschlanke Wirtin fragend an.

»Ja, und weiter?«

Klaas unterbricht das Sortieren der Post, läuft nach draußen und kommt gleich wieder herein. »Gibt’s doch gar nich!« Die anderen sehen ihn fragend an. »Statt ›Internationale‹ steht da jetzt ›REGIONALE Spezialitäten‹. Antje, was heißt dat denn? Nur noch Mettbrötchen?«

»Ja, Klaas, regionale heimische Produkte, dat ist der neuste Trend.«

»Sag ich doch seit Ewigkeiten.« Bounty kichert in sich hinein. Dabei denkt der Althippie allerdings weniger an Pommes aus nordfriesischen Kartoffeln als an die üppig gedeihenden Cannabispflanzen in seinem heimischen Kräutergarten.

»Deine Kokosriegel sind auch nich grad ’ne regionale Spezialität«, konstatiert Thies.

»Und wat ist mit meinen Ananas?« Paulsen versteht die Welt nicht mehr.

»Piet, hast’ hier am Deich schon mal ’ne Ananas wachsen sehen? Ich hab mir überlegt, demnächst wollte ich Putenschaschlik ›Husum‹ machen.«

»Husum?« Der Landmaschinenvertreter verschluckt sich an einem mit Currysoße getränkten Stückchen der exotischen Frucht.

»Mit Apfelringen vom Holsteiner Cox.« Die Imbisswirtin klingt richtig euphorisch.

»Cox mit Curry?« Paulsen ringt hustend nach Luft. »Antje, darauf brauch ich erst mal ’n Klaren … aus heimischer Produktion.«

»Und wat ist mit meinem Ladde Macchiato?« Auch Klaas klingt alarmiert.

»Ich weiß auch nicht, ob die Ausländer aus dem Haus von Müller-Siemsen die regionale friesische Küche mitmachen«, nölt Bounty.

Die Imbisswirtin winkt ab. »Ach was, wir schaffen dat!«

Antje ist mit ihrem Imbiss ja immer nah am Puls der Zeit. Und bisher haben ihre treuen Stammgäste jeden neuen Trend brav mitgemacht. Aber jetzt droht Ärger. Selbst Schäfermischling Susi ist gar nicht gut auf Frauchen zu sprechen. Antje versucht den Imbisshund, seit dem Verzehr einer Gastronomiepackung verdorbener Riesenknacker überzeugte Vegetarierin, mit Tofuwürsten langsam wieder an eine hundegerechte Ernährung heranzuführen. Vor allem die für sie unbekömmliche Schokolade in den Kokosriegeln, die Bounty ihr immer wieder heimlich zugesteckt hat, sind neuerdings Tabu. Susi und auch Bounty sind schwer beleidigt.

»Warum teilt ihr euch dat nich«, schlägt Paulsen vor. »Bounty die Schokolade und Susi die Flocken.«

3

Nicht nur »De Hidde Kist«, im Augenblick ist ganz Fredenbüll in Aufruhr. Und das liegt an den drei Windrädern auf der Wiese vor dem Deich, die früher einmal zum Biohof Brodersen gehörte. Die Montage des ersten Windkraftrades ist fast abgeschlossen. Für die beiden weiteren Rotoren werden gerade die Betonfundamente gegossen. In diesem Zusammenhang ist Klaas’ Bruder Norwin, der in seiner Jugend Fredenbüll verlassen hat, um Maschinenbau zu studieren, nach vielen Jahren in seine nordfriesische Heimat zurückgekehrt – als leitender Ingenieur der Firma »WinWind«. Klaas hatte ihn seit Ewigkeiten nicht gesehen. Bei der feuchtfröhlichen Wiedersehensfeier in der »Hidden Kist« wurden Antjes sämtliche Spirituosenvorräte vernichtet. Am nächsten Morgen hatte Ingenieur Norwin in dem Maschinenraum der Windanlage in luftiger Höhe mit heftigen Schwindelattacken zu kämpfen.

Bei den drei Rotoren soll es nicht bleiben. Auf einem Teil der Biowiese, den der Fredenbüller Geflügelkönig Dossmann kürzlich erworben hat, sollen zehn weitere Windräder errichtet werden. Der Geflügelzüchter hatte Biobäuerin Lara Brodersen zwei Hektar ihrer Wiese abgekauft, zu einem erstaunlich hohen Preis und mit dem Versprechen, darauf ein neues Freiluftgehege für Biohühner einzurichten. Aber davon war schon bald keine Rede mehr. Der Hühnerbaron, berühmt für den Slogan »Freiheit, die man schmeckt« und berüchtigt wegen der Dioxinfunde in seinen Fredenbüller Landeiern hat neuerdings die regenerativen Energien entdeckt. Vor allem die solvente Pacht, die ihm »WinWind« in Aussicht stellt, hat ihm die Sache attraktiv gemacht.

Doch die Meinungen zu dem Projekt sind in Fredenbüll geteilt. Und das ist noch harmlos ausgedrückt. Es formiert sich wütender Protest. Befürworter und Gegner stehen sich unversöhnlich gegenüber. Biobäuerin Lara Brodersen befürchtet ungute Schwingungen durch die Rotoren. Die neu gegründete Naturschutzinitiative »Sei (k)ein Frosch e.V.« mit dem smarten aus der Stadt angereisten Vorsitzenden Jürgen Wesselmann sorgt sich um die Rotbauchunke, die auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht und in den Tümpeln und Gräben des Fredenbüller Deichvorlandes einen letzten Lebensraum hat. Die Fronten verlaufen mitten durch den Ort, sogar durch einige Familien. Während Bürgermeister und Supermarktbesitzer Hans-Jürgen Ahlbeck zu den Initiatoren des Fredenbüller Windparks gehört, sympathisiert seine Mutter, Oma Ahlbeck, mit den Krötenfreunden. Ihr neuer Bekannter, Kurschatten Kurt, den sie bei einer Herz-Reha in Bad Orb kennengelernt hat, ist schließlich passionierter Tier- und Naturfotograf. Thies’ Tochter Tadje kann über ihre Zwillingsschwester Telje, die bei »Sei (k)ein Frosch« engagiert ist, nur den Kopf schütteln. »Telje, mach dich doch nich lächerlich! Rotbauchfrosch? Hallo, geht’s noch?«

Nur in der »Hidden Kist« herrscht weitgehend Einigkeit. Klaas hält sich wegen seines Bruders etwas zurück. Aber Antje fürchtet, die Windräder könnten die wenigen Touristen vertreiben. Piet Paulsen steht Veränderungen grundsätzlich skeptisch gegenüber. Und Thies hat Sorge, dass es zu gewalttätigen Demonstrationen kommt und er plötzlich seiner Tochter mit einem Schlagstock gegenübersteht. Bounty hat sein Herz für die Rotbauchunke entdeckt und besinnt sich unerwartet auf alte Zeiten im Anti-AKW-Kampf zurück. »Die Frösche sind schon geil. Und vom Stehtisch mal wieder raus an die frische Luft in den politischen Kampf, das weckt die Lebensgeister.«

»Bounty, seit wann interessierst du dich für Politik?« Klaas verstaut die Post in seiner Tasche. Auch Schäfermischling Susi sieht den Althippie verwundert an.

»Er hat doch nur Angst, dass die Propeller ihm seine Kräuter wegpusten«, vermutet Paulsen.

»Piet, in der guten alten Zeit waren wir überall dabei. Gorleben, Brokdorf …«, schwärmt der Altkommunarde.

»Bounty, so genau wollen wir dat gar nich wissen«, geht Thies dazwischen.

»Mit den Hubschraubern und Wasserwerfern? War ja damals auch im Fernsehen.« Antje zieht den Korb mit Pommes aus dem heißen Fett und salzt die Fritten. »Hast was abgekriegt von den Wasserwerfern?«

»Ja nö.« Bounty wiegelt ab. »Kleine Dusche. Aber das Beste waren die After-Brokdorf-Partys … Tolle Frauen und verdammt gutes Gras.«

»Na ja.« Paulsen sieht den Althippie über seine Gleitsichtbrille hinweg an. »Jetzt kämpfst du mit Oma Ahlbeck an einer Front.«

4

Es ist ein ungewöhnlich heißer Juni in Nordfriesland. Seit Ostern hat es nicht mehr richtig geregnet. Der Raps ist vertrocknet, ehe er richtig geblüht hat. Den Weiden in den Knicks ist anzusehen, dass sie dringend eine Dusche gebrauchen könnten. Die Schafe schleichen in ihrer dicken Wolle behäbig auf der Deichkrone entlang und suchen in der müden Brise etwas Abkühlung. An der Badestelle Neutönninger Siel ist die Saison längst eröffnet. Telje, Tadje und die anderen Jugendlichen aus Fredenbüll und den umliegenden Orten verbringen die Nachmittage an der See. Am Deich vor der Badestelle stehen die Mopeds, und auf der Liegewiese riecht es nach Sonnenöl und ersten Zigaretten. »So ’n frühen Sommer hatten wir seit den Neunzigerjahren nicht«, behauptet Piet Paulsen.

Der schwarze Sportkombi mit Frankfurter Kennzeichen schiebt sich in zügigem Tempo am Deich entlang durch die Landschaft. Am Straßenrand ziehen immer wieder Schilder vorbei. »KEINEKRÖTENFÜRDENWINDPARK.« Unter dieser Zeile hockt ein dilettantisch gemalter Frosch mit einem knallroten Bauch, darunter groß der Slogan: »SEI(K)EINFROSCH!« Der Mann am Steuer verlangsamt seinen Wagen und lässt die Plakate an seinem Seitenfenster vorbeiziehen. Die Botschaft bleibt ihm ein Rätsel.

»Frogs?« Er ist kurzatmig. »What the fuck is wrong with the frogs?« Sein Atem rasselt. Er hustet und tritt aufs Gas. An dem Auto ziehen die Schafe vorüber und immer wieder der gemalte Frosch. Der Typ zeigt dem Plakat den Mittelfinger. Er fummelt ein Asthmaspray aus der Tasche seines schwarzen Satinblousons, nimmt einen Sprühstoß und hält die Luft an. Der Mann hat blond gefärbte, fast weiße, pomadig nach hinten gekämmte Haare. Unter der künstlichen Färbung ist an den Geheimratsecken der dunkle Haaransatz zu sehen. Er trägt eine Sonnenbrille mit dicken, spiegelnden Gläsern, die wie eine Schweißerbrille aussieht. Seine Augen sind nicht zu erkennen.

Er fährt an einem langgestreckten Backsteinbau ohne Fenster vorbei. »Schützenhaus«, die deutsche Sprache gibt ihm Rätsel auf. Mitten in der flachen Landschaft taucht wenig später eine Baustelle auf. Zwei Kräne hieven Teile eines Windrades in die Höhe. Ein Stück weiter steht ein Laster mit einem Betonmischer, der Zement in eine ausgehobene Grube kleckern lässt. Der Typ in der schwarzglänzenden Windjacke hält seinen Wagen an. Er steigt kurz aus und sieht den Arbeiten einen Moment lang interessiert zu. Dann fährt er weiter.

Der Mann hüstelt und lenkt seinen Sportkombi auf die kleine Tankstelle in Schlütthörn. Das angerostete Tankstellenschild klappert müde in der lauen Brise. Es riecht nach Benzin und alten Reifen, die am Rand der Auffahrt vor sich hin rotten. Die großen Glasscheiben des Kassenhäuschens reflektieren die hochstehende Mittagssonne. Er fährt den Wagen direkt vor den Eingang, steigt aus und geht hinein. Die Tür quietscht beim Öffnen, dann fällt sie scheppernd zu. Gleichzeitig ist ein durchdringend schrilles Klingeln aus einem Hinterraum zu hören. Die Kasse ist nicht besetzt. In dem Kassenraum ist niemand. In einem Regal steht neben eingestaubten Öldosen, Eiskratzern und verblichenen Straßenkarten von Norddeutschland eine ganze Batterie Flachmänner und ein paar eingeschweißte Trockenwürste, die sich nach jahrelanger Reifung in einer Pappbox diesen Namen redlich verdient haben. Der Fremde sieht sich um. Er atmet schwer und schwitzt. Er streicht sich mit einer langsamen Bewegung über die weißen Haare. In den Gläsern seiner Sonnenbrille spiegelt sich das Covergirl des an der Wand hängenden Pirelli-Kalenders.

Er drückt einen Klingelknopf auf dem Kassentresen. Im selben Moment kommt Tankwart Sönke nebenan aus der Werkstatt durch die klappernde Eingangstür. Aus dem Hintergrund schrillt erneut das automatische Klingeln. Auch der Tankwart schwitzt. Über das mit schwarzem Öl verschmierte Gesicht läuft eine Schweißperle. Er sieht den Fremden an und dann nach draußen zu dem Auto mit dem Frankfurter Kennzeichen.

»Da unten in Frankfurt auch so heiß?« Sönke wischt sich mit einem verölten Lappen über das Gesicht und grient den Mann an.

»Shut the fuck up!«, faucht der Fremde kurzatmig. »Ich fragen …«, er hält Sönke seinen Zeigefinger auf die Brust, »… du antworten! Capisce?« Er zieht ein Foto aus seiner Jacke und hält es dem Tankwart hin.

Die aufgerissenen Augen des Monteurs leuchten aus dem ölverschmierten Gesicht heraus. »Ja scheiße, ich wollte bloß freundlich sein. Kundenservice, nä!« Er wirft einen Blick auf das Foto.

»Seen this guy?«

Sönke hatte nicht allzu lange Englisch in der Schule. Aber so viel kann er sich doch noch zusammenreimen.

»Keinen Schimmer. Nie gesehen.« Er schüttelt den Kopf. »Gar nich tanken?«

»Keine Fragen!«, röchelt der Fremde. »That’s none of your damn business!«, faucht er den Tankwart kurzatmig an.

»Bisiness? Na ja, wir sind ’ne Tankstelle, nä.« Sönke klingt kleinlaut.

»Shut up! Where is Friedenbull?«

»Sie meinen Fredenbüll.«

Der Fremde formt die rechte Hand wie zu einer Pistole und deutet mit dem Zeigefinger Sönke genau zwischen die Augen.

Der Mechaniker hebt kurz die Hände. Er versucht ein Grinsen, das ihm gleich wieder auf den Lippen erstarrt. Irgendwie ist ihm dieser Typ unheimlich. Dann zeigt Sönke zur Landstraße. »Hier runter … gleich der nächste Ort.«

»Hotel?«

»Hotel?« Sönke muss kurz nachdenken. »Die Pension von Renate.«

»Renate?« Der Typ nimmt eine Rolle Pfefferminzbonbons aus dem Ständer neben der Kasse, zahlt und geht nach draußen. In der Tür dreht er sich noch mal um. »What the fuck means ›Sei kein Frosch‹?«

»Jo, die ham dat mit den Fröschen … weiß auch nich«, ruft der Tankwart ihm hinterher. Aber da sitzt der Fremde schon wieder in seinem Sportkombi.

Wenige Minuten später fährt er bei Renates Pension vor. Das große Schild »Bed and Breakfast« mit der gemalten Kaffeekanne und den Schäfchen, die über einen Deich springen, ist an der Fredenbüller Dorfstraße nicht zu übersehen. Darunter gibt es seit Kurzem ein zweites, kleineres Schild »Renates Wellnessoase«. Die Pensionswirtin ist sofort an der Tür.

»Vacancies?« Die runden Brillengläser des Fremden leuchten in der Sonne. Renates Gesicht spiegelt sich leicht verzerrt darin. Sie sieht ihn mit großen Augen an. Sie zieht einen Lappen aus der Tasche ihrer Kittelschürze mit dem Seepferdchenmuster und wischt sich die öligen Hände daran ab. »Ich bin Renate.« Sie streckt dem Mann die Hand entgegen. »Dat is nur Massageöl. Ich hab grad Kundschaft.« Der Mann bleibt stumm. »Wellness, nä.« Renate zeigt auf ihr Schild.

Der Typ dreht sich zur Straße um, dann wendet er sich wieder der Pensionswirtin zu. »Bed and Breakfast?«

»Ja, ein Zimmer hätt ich noch frei.«

»I don’t need any breakfast«, hustet der Fremde. »Only the room.«

Renate sieht ihn fragend an. Einen englischsprachigen Gast hatte sie in ihrer Pension bislang noch nicht. Fredenbüll scheint touristisch tatsächlich im Aufwind, wie Bürgermeister Ahlbeck immer sagt. »Ich hab noch an zwei andere Herrn vermietet. Die sind wegen der Windräder und der Rotbauchunke hier.« Renate sieht ihn prüfend an. »Sie auch?« Der Fremde macht nicht den Eindruck, dass er die Fredenbüller Pensionswirtin versteht. »Sie kommen nicht von hier? Oder?«

»Vacation.« Der Fremde schnappt nach Luft. Sein Atem rasselt. Er zückt erneut das Aerosol.

»Oh, dat klingt aber gar nich gut. Asthma, nä?« Die Pensionswirtin sieht ihn mitfühlend an. »Hab ich viele Gäste hier. Kommen wegen der Seeluft.«

»How much?«, fragt der Mann.

»Ach so. Fünfundvierzig Euro … mit Frühstück.«

»No fucking breakfast, okay?«, faucht er sie an. »Capisce?«

5

Auf dem Parkplatz vor dem »Café Wattblick« gibt es keinen freien Fleck mehr. Die Autos haben sich gegenseitig zugeparkt. Auch die große Wiese vor der Badestelle ist vollgeparkt. Auffällig viele Wagen haben auswärtige Kennzeichen. Der Ort besteht eigentlich nur aus dem Café, einem Schleusenhäuschen und der Badestelle mit der weißgestrichenen DLRG-Station. Und auch in dem kleinen Café ist normalerweise nicht viel los. Nur am Wochenende kutschieren ein paar Rentner mit ihrem altersschwachen Diesel im Schritttempo zu Kaffee und Kuchen an den Deich. So einen Auflauf wie an diesem warmen Juniabend hat Neutönniger Siel noch nicht erlebt, nicht zum Osterfeuer und an keinem noch so heißen Wochenende in der Badesaison.

Bounty stellt seine Zündapp-Zweigang, die er seit Kommunenzeiten fährt, in der Nähe des Eingangs ab. Er wirft einen Blick in den kleinen Gastraum des Cafés. Am Ecktisch sitzt eine Familie auf der Durchreise zu den nordfriesischen Inseln. Und wie jeden Nachmittag hat sich Kurt Krösing an seinem Stammplatz am Fenster bei Bienenstich und Pils eingerichtet. Normalerweise hat der pensionierte Beamte des Wasser- und Schifffahrtsamtes Nord die kleine Schleuse, für die er jahrzehntelang verantwortlich war und in die vor zwei Jahren der lichterloh brennende Ober des Cafés gesprungen war, im Blick. Aber heute ist Krösing abgelenkt und verfolgt staunend die in den angrenzenden Raum strömenden Menschenmassen.

Der kleine Saal platzt aus allen Nähten. Die Stuhlreihen sind bis auf den letzten Platz belegt. Daneben und dahinter stehen die Leute dicht gedrängt. Einige hocken im Schneidersitz direkt vor der kleinen Bühne. Die Luft steht. Es riecht nach Schweiß und verschüttetem Bier. Daran ändern auch die geöffneten Fenster nichts. Bounty lässt seinen Blick durch die buntgemischten Reihen schweifen. Halb Fredenbüll ist versammelt. Hühnerbaron Dossmann, auf dessen Land der neue Windpark errichtet werden soll, der Bürgermeister Hans-Jürgen Ahlbeck, der in der Eile gar nicht aus seinem Edeka-Kittel herausgekommen ist, und seine Mutter, die agile Oma Ahlbeck, heute Abend ohne Kurschatten Kurt. Polizeiobermeister Thies Detlefsen und sein Imbissfreund Klaas haben ganz hinten stehend die Lage im Blick. Thies’ Tochter Telje ist an vorderster Front bei den Krötenfreunden dabei. Auch Thies’ Frau Heike und ihre Freundinnen Marret, Dörte und Sandra wollen sich das Event nicht entgehen lassen. Aber es sind auch viele auswärtige Umweltaktivisten aus ganz Norddeutschland angereist.

Gleich an der Tür steht Frau Doktor Babette Barkowsky, die Leiterin der Behörde in Bredstedt, die für die Umweltverträglichkeitsprüfung der Windkraftanlage zuständig ist und die sich heute Abend einen Eindruck von dem Protest vor Ort machen will. Sie trägt einen schwarz glänzenden Hosenanzug. Die Sonnenbrille mit auffällig breiten goldenen Bügeln hat sie sich in die blonden Haare gesteckt. Doktor Barkowsky kippelt auf den hohen Absätzen ihrer Pumps. Ihr Aufzug wirkt in der Versammlung im »Café Wattblick« etwas deplatziert. Einige der Versammelten drehen sich immer wieder nach ihr um. Babette Barkowsky verzieht die sorgfältig geschminkten Lippen zu einem süffisanten Grinsen, so als hätte sie sich in eine Vorstellung des örtlichen Bauerntheaters verlaufen. Dann blickt sie sich suchend nach Sven Blunck um, dem smarten Manager von »WinWind«, der immer mal wieder in Fredenbüll aufkreuzt, um sich vom Fortschritt der Bauarbeiten zu überzeugen. Aber Blunck ist bisher offenbar nicht erschienen.

»Eine Hitze is dat hier drinnen. Schrecklich!«, stöhnt die korpulente Oma Ahlbeck, die sich mit sehr rechtzeitigem Kommen einen Platz in der ersten Reihe gesichert hat.

»Na, Frau Ahlbeck, wo haben Sie denn Ihren Bekannten gelassen?«, fragt die in der Nähe sitzende Heike.

»Der kann heute nich! Fotopirsch!«, verkündet Frau Ahlbeck mit wichtiger Miene und für alle unüberhörbar. »Kurt ist ja Tierfotograf.«

»Ach so, ja, schönes Hobby«, findet auch Heike, die dabei eher an Katzenjunge mit Wollknäueln als an Rotbauchunken im überschwemmten Deichvorland denkt.

Dann schwebt zuallerletzt auch noch Biobäuerin Lara Brodersen im leichten weiten weißen Gewand schwerelos durch den vollgepfropften Saal und ergattert wie durch ein Wunder den einzigen freien Sitzplatz, den alle übersehen haben. An ihrer Esoterik scheint wirklich etwas dran zu sein, denkt Bounty.

Neben einem aufgestellten Froschplakat versucht sich der Vorsitzende der neu gegründeten Bürgerinitiative Gehör zu verschaffen. Durch das vorsintflutliche Mikrofon, das seine Stimme in ein verzerrtes Krächzen verwandelt, kommt er gegen den allgemeinen Tumult kaum an. Irgendwie kommt Bounty der Typ bekannt vor. Aber er kommt nicht darauf, woher. Vielleicht hat er ihn mal im Fernsehen gesehen.

»Die Windkraftanlagen sind ein brutaler Eingriff in das Landschaftsbild«, scheppert es aus den beiden Lautsprechern.

»Du Sprücheklopfer aus der Stadt weißt aber ganz genau Bescheid«, ruft einer dazwischen.

»Lasst uns doch sachlich bleiben.« Hans-Jürgen Ahlbeck hat sich von seinem Stuhl erhoben und steht in seinem Edeka-Kittel mitten im Saal. Ein paar Auswärtige blicken amüsiert. Die Einheimischen kennen ihn gar nicht anders. »Wir müssen an die Zukunft von Fredenbüll denken, wir müssen die ganze Region im Blick haben.«

»Ja, eben …«, ruft einer der Naturschützer.

»Dat ist mein Sohn, der ist Bürgermeister von Fredenbüll!«, klärt Frau Ahlbeck den vor ihr hockenden Pressefotografen auf.

»Ich weiß, Frau Ahlbeck.« Er lässt die Kamera mehrmals klicken.

»Wir wollen hier keine Windmühlen!«, ruft der Dorfadlige Onno von Rissen, der in seinem großkarierten englischen Jackett ins Schwitzen gekommen ist, mit meckernder Stimme. »Wir sind doch nicht in Holland!«

»Die Rotoren …«, haucht die bleiche Lara Brodersen bedeutsam. »Das sind ganz ungute Schwingungen.« Aber ihre dünne Stimme geht in dem lauten Saal unter.

»Wir lassen uns von euch Hamburger Besserwissern nich vorschreiben, wat wir zu machen haben!«, schreit der Monteur der Schlütthörner Tankstelle ins Publikum.

»Ich komm gar nicht aus Hamburg«, protestiert der Typ, der in seinem knallgrünen Shirt selbst wie ein Frosch aussieht. »Ich komm aus Paderborn und ich hab längere Zeit auf Amrum gelebt.«

»Touristen!«, donnert ein anderer Zwischenrufer.

»Lass ihn doch erst mal ausreden!«, ruft die Frau vom Obsthof aus dem benachbarten Schlütthörn, die seit kurzem offenbar auch ihr Herz für die Kröten entdeckt hat.

Amrum! Das ist es, jetzt fällt bei Bounty der Groschen. Der froschgrüne Typ hinter dem Mikrofon ist Jürgen Wesselmann. Genau. Bounty hat ihn über dreißig Jahre nicht gesehen, und er ist wirklich kaum wiederzuerkennen. Wesselmann hatte damals mit seinem alten Kumpel Nils Gerckens auf der Insel Amrum Zivildienst geleistet. Zusammen hatten sie in der alten Vogelwartstation in den Dünen gehaust, wo es drinnen immer nach einem Gemisch aus Schimmel, Marihuana und feuchten alten Socken roch. Mit seinem Rauschebart und den langen fettigen Haaren hatte Wesselmann damals wie der dicke früh verstorbene Leadsänger der Bluesband »Canned Heat« ausgesehen. Inzwischen wiegt er nur noch die Hälfte, sieht drahtig und alterslos aus, hat aber kein Haar mehr auf dem Kopf. Die spärlichen Reste sind radikal kurzrasiert.

Was hatte sein Freund Nils Gerckens ihm erzählt? Jürgen Wesselmann hat richtig Karriere gemacht. Jurastudium, nebenbei Biologie, dann war er beim BUND Fachbereichsleiter für Marketing und Fundraising oder so etwas Ähnliches. Bei dem Fundraising hatte es aber offenbar Probleme gegeben. Die »WinWind« hatte den Naturschützern großzügig gespendet, in der Erwartung, bei dem großen Projekt ›Energiewende‹ moralische Unterstützung zu bekommen. Wesselmann hatte bereitwillig Gelder einkassiert, die auf seinem Konto gelandet waren. Vor allem hatte er die erwartete Gegenleistung verweigert. Zu einer Großdemo für die Energiewende und die weitere Subventionierung der Windenergie hatte die »WinWind« ihre sämtlichen Mitarbeiter, denen es eher um ihren Arbeitsplatz und weniger um den Klimawandel ging, nach Berlin gekarrt. Wesselmann hatte eine seiner endlosen flammenden Reden gehalten, aber nicht wie verabredet über den Segen der regenerativen Energien, sondern ganz im Gegenteil über die Gefährdung der Zugvögel durch die Windparks. Die Windkraft-Lobbyisten waren außer sich und hatten sämtliche Unterstützung der Naturschützer eingestellt. Der BUND hatte Wesselmann daraufhin hochkantig hinausgeworfen. Bounty hatte davon in der Zeitung gelesen.

Wesselmanns unendlicher Sermon über die Verflechtungen der Windkraftindustrie mit staatlichen Behörden und Umweltverbänden, über die bedrohte Rotbauchunke und ihr letztes Refugium im Fredenbüller Deichvorland krächzt mit Aussetzern aus den Lautsprecherboxen und droht in der allgemeinen Geräuschkulisse unterzugehen.

»Wat hast du Besserwisser aus der Stadt mit dem … Dings …« Dossmann fällt der Name nicht gleich ein. »… mit dem R-R-Rotbauchfr-r-rosch zu schaffen?« Das Gesicht des Hühnerzüchters hat mittlerweile die Farbe des Unkenbauches angenommen. Er stampft schimpfend aus dem Saal.

6

Norwin hängt an einem Seil zwischen den Rotorblättern. Er blickt von oben auf die Baustelle, auf das halbfertige Betonfundament für das zweite Windrad, die Baufahrzeuge und die kleine Bude. Aus dem gerade frisch geschütteten Beton staken die Bewehrungseisen heraus. Daneben klafft eine Grube für ein drittes Windrad, und auf der Wiese dahinter sind Löcher für die Fundamente weiterer Windanlagen ausgehoben.

Von hier kann er die ganze Landschaft überblicken. Auf dem Deich und den unendlich weiten Wiesen schleichen Hunderte Schafe durch die brütende Abendhitze. Auf dem Fell der Tiere, die in der Nähe des Windrades stehen, kann er die neonfarben gesprühten Zahlen erkennen. Weiter entfernt sind die Tiere nur als kleine Wolltupfer zu sehen, die im abendlichen Gegenlicht schimmern. Am Rand der Biowiese schwebt auf einem hohen Stab ein Storchennest. Nach Westen gen See thront als einziges Gebäude das propere Reetdachhaus des Hamburger HNO-Professors Müller-Siemsen auf einer Warft. Von dem Haus entfernen sich gerade vier nagelneue silberne Mercedeslimousinen des gleichen Typs. Die Szenerie sieht aus wie in einer Autoreklame. Die ganze Landschaft wird von Minute zu Minute zunehmend in warmes rötliches Licht getaucht. Die lackierte Fieberglasfläche des Rotors leuchtet rosa. Die neu errichtete Windkraftanlage wirft einen langen Schatten über die Wiese. Gleich wird die Sonne rot in der Nordsee versinken. Vom Tümpel klingt das Quaken der Frösche herüber.

Ganz kurz überkommt Norwin hier oben ein Anflug heimatlicher Gefühle. Er ist seit über zwanzig Jahren nicht hier gewesen. Seinen Bruder Klaas hat er seitdem nicht gesehen, zuletzt auf der Beerdigung ihrer Mutter. Damals hatte er gerade mit seinem Ingenieurstudium begonnen. Er wollte einfach nur weg, von den Deichen, den Schafen und den Nordfriesen. Mit dem Friesischen hat er nie viel im Sinn gehabt. Er sieht auch alles andere als friesisch aus. Norwin ist genau wie sein Bruder ein eher dunkler Typ. Aber er sieht besser aus als Klaas. Er ist nicht besonders groß, aber drahtig und wirkt fast ein bisschen italienisch. Allzu viel verbindet ihn letztlich nicht mit seinem Bruder. Klaas ist Postbote in diesem Provinzkaff, und er ist als Ingenieur in der Hightech-Branche Windenergie in der ganzen Welt unterwegs.

Neulich bei der Wiedersehensfeier mit seinem Bruder waren das Bier und die Schnäpse in Strömen geflossen. Sie hatten sich in diesem komischen Imbiss mächtig die Kante gegeben. Das war wirklich eine muntere Nacht. Zusammen hatten sie ›Can’t you hear me knocking‹ gebrüllt, dass in der »Hidden Kist« die Scheiben wackelten. Bei den Stones und ihrem Lieblingsalbum ›Sticky Fingers‹ waren die Brüder sich einig. In den frühen Morgenstunden hatten die beiden, schwer unter Strom, den Baustellenkran zu entern versucht. Sie hatten mächtig Spaß. Aber der Kater am nächsten Morgen hatte Norwin schnell wieder zur Besinnung gebracht. Was waren das für trübe Tassen, mit denen er sich nach dem siebten Doppelkorn verbrüdert hatte? Dieser Rentner, der sich ausschließlich von Putenschaschlik ernährt, der ständig bekiffte Althippie und der dösige Dorfsheriff, der behauptet, in seinem Kaff würden die ganz großen Mordfälle passieren. Was für eine traurige Truppe! Und dass er sich gleich wieder mit seiner alten Freundin Alexandra eingelassen hatte, war auch keine gute Idee. Hätte er sich nicht einfach mal zurückhalten können? Jetzt rückte sie ihm gleich wieder auf die Pelle. Aber aufgewärmte Liebschaften mit etwas verwelkten Dorfschönheiten musste er wirklich nicht haben. Er hatte ihr versucht klarzumachen, dass es nur diese eine Nacht war. Dann war sie gleich ausgerastet. Temperament hatte sie ja. Aber an diesen Streits hatte er kein Interesse. So eine Auseinandersetzung wie eben musste er nicht noch einmal erleben. Nein, er musste sehen, dass er hier schnellstens wieder wegkam.

Die Auffanggurte drücken ihm das durchnässte Shirt auf die Haut. Norwin schwitzt unter seinem Helm. Ein Schweißtropfen läuft ihm die Schläfen herunter. Es ist immer noch warm. Aber in der Höhe weht jetzt eine ganz leichte kühlende Brise. Er lässt das Seil ein Stück laufen, lässt sich neben dem Rotorblatt nach unten fallen. Alle anderen, die Monteure und der Kranführer, haben Feierabend und sind schon gegangen. Eigentlich dürfte er hier gar nicht alleine in der Anlage rumturnen. Es ist auch nicht seine Aufgabe. Norwin ist Ingenieur. Aber in Übersee hat er unter schwierigsten Bedingungen auch etliche Anlagen montiert und ist immer wieder selbst in die Windräder gestiegen, um alles unter seiner Aufsicht zu haben. Er hat mehrere Schulungen für die »Höhenarbeit« in Windkraftanlagen gemacht. Inzwischen ist er fast ein bisschen süchtig danach, am Abend oder frühmorgens eine Weile im Windrad zu klettern.

Er zieht sich am Seil an dem Rotorblatt entlang wieder nach oben. In den letzten Tagen war es fast windstill. So hatten sie das erste der drei Windräder innerhalb kürzester Zeit installiert. Bei dem ruhigen Wetter hatten sie ohne Probleme die Einzelteile des Turmes aufgebaut und verschraubt, das Maschinenhaus und das Getriebe montiert. Heute Nachmittag hatten sie schließlich mit zwei Kränen den Rotoren-Stern nach oben gehievt und eingesetzt.

Eine Gruppe Austernfischer zieht mehrere Kreise um die Baustelle. Zwei der Vögel lassen sich auf einem der beiden Kräne nieder. Ihr schrilles Schimpfen hallt über die Wiesen. Über der Nordsee tropft die blutrote Sonne ins Wasser.

7

Während Norwin sich an seinem Seil die Rotorflächen entlanghangelt, entdeckt er immer wieder Lackschäden, die noch ausgebessert werden müssen. Schlamperei, denkt er, das ist neu, so etwas hätte es noch vor einem Jahr nicht gegeben. Und ob die Verschraubungen wirklich alle richtig sitzen, müsste unbedingt auch kontrolliert werden. Aber in letzter Zeit muss bei »WinWind« alles sehr schnell gehen. Von Projekt zu Projekt wird immer mehr gespart und sie sind deutlich weniger Leute an der Baustelle. Und dann haben Norwin und einige seiner Kollegen seit zwei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Stattdessen wurden sie mit Aktien abgespeist, die sich seitdem im Sinkflug befinden. Der einstige Shootingstar der Börse, »WinWind«, ist zur lahmen Ente geworden.

Die Firma war kurz vor dem Konkurs und ist vor einem Vierteljahr von einem ukrainischen Investor aufgekauft worden. Seitdem gibt es einige Projekte, bei deren Genehmigung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Angeblich waren Gelder an Grundstückseigentümer und auch an Behörden gegangen. Nur seine Gehälter hatte er leider nicht bekommen. Norwin ist stinksauer. Er wollte sich seine Vorgesetzten vornehmen, aber die waren größtenteils gar nicht mehr da. Die Firmenleitung war für ihn nicht zu sprechen. Er wusste nicht mal, wo die jetzt neuerdings saß. Nur Sven Blunck gab es noch, den aalglatten Blunck, der auch für das Fredenbüller Projekt zuständig ist.