Paradies der Verlorenen - Alexis Snow - E-Book
Beschreibung

Wenn Himmel und Erde aus dem Gleichgewicht geraten – wie weit würdest du gehen, um deine Heimat zu retten?   Gwendolyn liebt ihr Leben mit Freunden, Familie, Ehrenamt und Studium in München genau so, wie es ist. Alles scheint perfekt, bis sich die Schatten um sie herum erheben und ein Eigenleben entwickeln. Eine mysteriöse Stimme, die nicht von dieser Welt zu sein scheint, bittet sie um Hilfe, um die ewige Dunkelheit aus dem Garten Eden zu bannen, die sich ebenfalls nach der Erde ausstreckt. Um ihre Heimat und alle, die sie liebt, zu retten, muss Gwendolyn auf die Worte der Schatten vertrauen. Doch was, wenn das bedeutet, sich selbst verraten zu müssen? Ist sie dieser Aufgabe gewachsen, auch wenn sie sich dafür selbst aufgeben muss?   Beatrice Jacoby und Alexis Snow erzählen eine Geschichte über Magie, Engel, Liebe, innere Zerrissenheit und eine tiefe Freundschaft – tritt ein ins "Paradies der Verlorenen".

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Seitenzahl:409

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Sammlungen



Paradies der Verlorenen
Impressum
Dämonengarten
Kapitel 1 - Gwen
Kapitel 2 - Aurora
Kapitel 3 - Gwen
Kapitel 4 - Aurora
Kapitel 5 - Gwen
Kapitel 6 - Aurora
Kapitel 7 - Gwen
Kapitel 8 - Aurora
Kapitel 9 - Gwen
Kapitel 10 - Aurora
Kapitel 11 - Gwen
Kapitel 12 - Aurora
Kapitel 13 - Gwen
Kapitel 14 - Aurora
Kapitel 15 - Gwen
Kapitel 16 - Aurora
Kapitel 17 - Gwen
Kapitel 18 - Aurora
Kapitel 19 - Gwen
Kapitel 20 - Aurora
Kapitel 21 - Gwen
Kapitel 22 - Aurora
Kapitel 23 - Gwen
Kapitel 24 – Aurora
Kapitel 25 – Gwen
Kapitel 26 – Aurora
Gemeinsame Danksagung
Danksagung Alexis Snow
Danksagung Beatrice Jacoby
Die Autorinnen

Paradies der Verlorenen

Alexis Snow und Beatrice Jacoby

 

 

Impressum

 

Copyright © 2019 by Papierverzierer Verlag

Herstellung, Satz, Lektorat, Cover: Papierverzierer Verlag

 

Alle Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Parallelen zu real lebenden Personen und Situationen sind rein zufällig.

 

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

 

 

ISBN 978-3-95962-935-5

 

www.papierverzierer.de

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

 

~ Für meine Mama ~

dafür, dass du mir stets beigebracht hast, an mich selbst zu glauben und stark zu bleiben.

 

~ Für Nina ~

als Erinnerung daran, dass selbst die scheinbar unmöglichsten Träume wahr werden können.

 

 

Dämonengarten 

 

Das Böse glitzert keck in seinen Augen, Finsternis frisst sich so tief in ihn hinein. Sein schwarzer Begleiter, dunkler Schein, flüstert ihm immerzu die bösen Träume ein. Nur das Herz, es will der Hölle nicht taugen. All seine Taten sind düstere Versprechen. Er brachte ewiges Dunkel über den Garten, naschte die Früchte, zu kürzen das Warten, rief nach den Engeln, mischte die Karten,  legte sie aus – endlich mit ihnen zu brechen.  Sie sagten sein Schicksal voraus ohne Gnade,  verrieten die eine Schwäche des falschen Erben,  sie war es, sie stürzte seine Welt in Scherben, die liebe süße Lichtgestalt war sein Verderben,  nahm das böse Gift, drehte am Schicksalsrade.  Böse oder gut, woran die Wahrheit erkennen,  Handeln kann täuschen, ein Blick nur blenden. Geht sie das Risiko ein, nascht sie die Frucht,  macht sie ihn besser oder er sie verrucht?

 

 

- Ella K. Valentine

 

Kapitel 1 - Gwen

 

Ich blinzelte, um den Schatten zu vertreiben, der sich am Rand meines Sichtfeldes bildete. Wahrscheinlich hatte ich mich heute beim Kung-Fu-Training überanstrengt und zu wenig getrunken. Dankend nahm ich die Wasserflasche meiner Freundin Marie an und trank sie gierig fast leer.

Wir saßen auf dem Rand eines Blumenkastens nahe der Kampfsportschule, wie meistens nach dem Training. Da wir nach dem Abitur unterschiedliche Studiengänge gewählt hatten, sahen wir uns nicht mehr so oft wie früher. Einerseits freute ich mich zwar über den Beginn eines neuen Lebensabschnittes, andererseits vermisste ich die gemeinsame Zeit mit Marie und hatte Momente wie diesen besonders zu schätzen gelernt. Hier, mitten im ruhigen Neuperlach waren wir für uns und konnten alles ausdiskutieren, tratschen oder albern sein. Hier konnten wir wir sein.

Der Blumenkasten aus unbequemen Waschbeton war zweimal die Woche eine Wellnessoase, in der ich mich für die harte Arbeit im Studium belohnte. Darum nervte es mich umso mehr, dass ich mich heute kaum darauf konzentrieren konnte, was Marie mir erzählte.

Unkonzentriert wie ich war, konnte ich nur vermuten, dass es um eine unfaire Bewertung ihrer Hausarbeit ging. Der Professor hatte wohl etwas an ihrem Genie nicht verstanden. Trotzdem nickte ich energisch, während Marie sich immer weiter in ihre Tirade hineinsteigerte und dabei durch ihre Grimassen und Tonlagen ihr komödiantisches Talent bewies. Natürlich durchschaute sie mich direkt bei meiner ersten, abwesend gemurmelten Antwort.

»Tut mir leid, dass ich so abwesend bin«, seufzte ich und legte den Kopf in den Nacken.

»Kommt vor. Alles okay bei dir? Ist dir nicht gut?«

»Doch schon, aber …«

»Was aber?« Besorgt rutschte sie an die Kante des Blumenkastens und beugte sich mit einem so musternden Blick zu mir vor, als hätte ich eine lebensbedrohliche Krankheit.

Mir war es zu peinlich zu gestehen, dass ich mich eigentlich wohl fühlte und gar nicht wusste, was mich so umtriebig machte. Das wirkte wie eine blöde Ausrede.

Außerdem wollte ich nicht, dass sie sich Sorgen machte. Es reichte schon, wenn ich mir den Kopf darüber zerbrach, was heute mit mir nicht stimmte. Ständig glaubte ich, im Augenwinkel einen vorbeihuschenden Schatten zu sehen, so als würde mich jemand auf Schritt und Tritt verfolgen. Marie wollte ich diese Beobachtung aber nicht beichten. Allein beim Gedanken daran kam ich mir schon übergeschnappt vor.

»Mir ist einfach ein bisschen schwindelig«, sagte ich stattdessen.

»Bist du sicher, dass du dir nicht mal eine Pause gönnen solltest? Soziale Arbeit zu studieren ist aufwendig genug, aber dann auch noch das Training, die Pendelei nach Hause und deine Ehrenämter … Vielleicht bist du überlastet?! Wie wäre es, wenn du mal ein bisschen kürzer trittst? Dann hättest du auch noch ein wenig mehr Zeit für mich, ganz nebenbei bemerkt.« Sie zwinkerte mir zu. Dabei leuchtete eine schelmische Röte auf ihren zimtfarbenen Wangen.

»Mir liegt das alles so sehr am Herzen. Ich könnte nichts davon aufgeben.«

Die Pflegefamilie, die mich aufgenommen hatte, kurz nachdem man mich in der Babyklappe gefunden hatte, hätte ich mir nicht harmonischer erträumen können. Sie war wundervoll! Als sie mich schließlich adoptierten, ging ich bereits auf die Grundschule und meine Pflegemutter glaubte noch, sie könne keine eigenen Kinder bekommen. Wenig später bekam ich trotzdem einen Bruder: Johnny. So wollte er inzwischen aber nicht mehr genannt werden, weil er ja ach so erwachsen war. All die Gruselgeschichten über schlechte Pflegeeltern waren mir erspart geblieben. Ich könnte mir nicht vorstellen, Blutsverwandte mehr zu lieben als Johnny und unsere Eltern. Darum fuhr ich so oft wie möglich zu ihnen nach Ingolstadt.

Auch auf meine Ehrenämter konnte und wollte ich nicht verzichten. Es ging mir darum, etwas zurückgeben, nachdem ich selbst so viel Glück im Leben gehabt hatte. Ebenfalls stand außer Frage, dem Studium weniger Zeit zu widmen oder gar das Kung-Fu zu schmeißen! Es bildete immerhin den Ausgleich zu allem anderen und ließ mich durchatmen. Für zwei Stunden die Woche konnte ich alles andere loslassen und neue Energie tanken, während ich mich beim Sport auspowerte.

Marie meinte es nur gut, das wusste ich. Aber ich sah keine Möglichkeit, meinen straffen Zeitplan weniger stressig zu gestalten.

Ehrlich gesagt – und das beteuerte ich vor Marie – fühlte ich mich auch überhaupt nicht über alle Maßen belastet. Das konnte also schlecht der Grund für mein heutiges Befinden sein, oder? Trotzdem hatte dieses merkwürdige Gefühl am Morgen wie aus dem Nichts eingesetzt und mich vollkommen aus der Bahn geworfen.

Ich schob es auf das Wetter, trank Maries Wasser auf ihren Wunsch hin aus und strengte mich an, von nun an ordentlich zuzuhören, damit sie endlich aufhörte, mich so besorgt anzusehen.

Deshalb versuchte ich das Flackern ihres Schattens zu ignorieren, was mir aber nicht gelingen wollte. Es machte mich kirre, wie ich ihn in meinem Augenwinkel zucken sah. Es war, als zögerte er mir zuzuwinken, weil Marie zusah. Aber meine beste Freundin war nicht Peter Pan, dessen Schatten ein Eigenleben führte! Und ich war nicht wie Wendy mit Nadel und Faden bewaffnet, um ihn wieder einzufangen – auch wenn der Name stimmte. Ich war eine fast schon erschreckend gewöhnliche Studentin, mit brünettem Dutt und der üblichen Kaffeeobsession.

***

 

Selbst als die Schatten in der Abenddämmerung wuchsen, redete ich mir ein, alles wäre normal. Ich beäugte sie auf dem Nachhauseweg dennoch skeptisch, als Marie und ich sie bis zur U-Bahn-Station vor uns herzutreiben schienen. Natürlich bewegten sich die Schatten nicht von allein, was für ein Unsinn! Trotzdem verabschiedete ich meine Freundin an der Treppe mit einer herzlicheren Umarmung als sonst und nahm selbst die Tram. Damit dauerte es zwar ewig bis nach Hause, aber immerhin musste ich nicht unter die Erde, weg vom Tageslicht.

»Ein Nervenzusammenbruch pro Semester ist normal«, lachte meine Mutter am Telefon, als ich sie wie üblich beim Kochen anrief. »Das gehört zum Studentengefühl, mein Schatz.«

Ihr Humor half mir, etwas über meine Paranoia hinwegzukommen. Ihre Worte spendeten mir Mut und vertrieben meine Angst davor, dass ich durchgedreht sei. Genau deswegen liebte ich sie so sehr. Ich konnte immer auf sie zählen und diese Sicherheit gab mir die Kraft, alles durchzustehen. Mit meiner Familie an meiner Seite, was sollte mir da schon passieren? Es überstieg meine Vorstellungskraft, wie ein Leben ganz allein, ohne solche Menschen aussehen sollte – was mich wiederum in meinem Berufswunsch bestärkte. Ich wollte Kindern helfen, die keine wundervolle Familie hatten.

Das Telefonat mit meiner Mutter beruhigte mich nicht nur, es vertrieb auch das Eigenleben der Schatten. Zumindest bis ich mich an meine Hausarbeit setzte und bis tief in die Nacht arbeitete.

Mein Zimmer wurde lediglich von einer Schreibtischlampe beleuchtet und erneut fingen die Schatten an, sich zu bewegen, was ich nur am Rande wahrnahm. Ich war viel zu sehr in meine Arbeit vertieft. Bis mich ein Klopfen aufschrecken ließ. Aber als ich die Tür öffnete, war da niemand.

Ein dummer Streich von irgendwelchen Erstis, beschloss ich und schnaubte genervt. Gerade wollte ich mich wieder an den Schreibtisch setzen, da hielten meine Beine wie von alleine inne. Die Schreibtischlampe hatte wie in einem Geisterfilm wild zu flackern begonnen und die Schatten begannen wieder, sich zu regen. Erst zuckten ihre Extremitäten nur, dann schien sich jede zu einer eigenen, entrückten Melodie zu wiegen.

Ich rieb mir die Augen, überzeugt davon, endgültig übermüdet zu sein. Nervlich am Ende lief ich zurück zum Schreibtisch und schaltete das Licht aus. Nur um sofort den Schalter der Deckenlampe zu betätigen, damit alles gut ausgeleuchtet wurde.

Doch die Schatten kümmerte das nicht. Sie tanzten weiter.

Wie Stofffetzen im Wind verloren sie jede Form.

Sie streckten sich nach mir aus. Trieben mich langsam rückwärts gehend in Richtung Tür. Ich presste mich dagegen, trat nach einem der Schatten. Dabei bildete ich mir das alles doch bloß ein! Das hier passierte unmöglich wirklich! Mein eigener Schatten konnte sich doch unmöglich nach meinen tretenden Füßen bücken und nach ihnen greifen!

Und trotzdem spürte ich ganz deutlich einen Zug an meinen Knöcheln, als er sie zu fassen bekam.

Erst als es auf der anderen Seite der Tür hämmerte, bemerkte ich, dass ich schrie.

»Hey, alles in Ordnung?!«

Reflexartig riss ich die Tür auf. Kaum drehte ich mich um, erstarrten die Schatten wieder. Regungslos und wohl platziert warteten sie an Ort und Stelle.

»Ich … ähm … da war … «, stammelte ich. Nichts war da, dumme Gans. Nur der obligatorische Nervenzusammenbruch pro Semester, richtig? Alles normal …

»Da war eine Spinne«, log ich meinen verdutzten Nachbarn schließlich mit glühenden Wangen und pochendem Herzen an.

 

***

 

In dieser Nacht ging ich spät ins Bett, ließ das Licht im Bad brennen und lehnte die Tür an. Ruhelos starrte ich auf die bewegungslosen Schatten meiner Möbel. Stundenlang. Ich knüllte meine Daunendecke zwischen meinen Fingern, zog sie schließlich bis zum Kinn hoch und rollte mich in Embryonalstellung zusammen.

Ein kühler Schweißfilm überzog meine Haut. Gedanken an all die Horrorfilme, durch die ich mich Johnny zuliebe gequält hatte, kamen in mir hoch. Ich rutschte in die Mitte des Bettes, klemmte die Decke unter meine Füße und vermied es bewusst mit einer meiner Gliedmaßen auch nur in die Nähe einer Bettkante zu kommen. So wartete ich im Halbschlaf darauf, dass sich Schattenklauen daran emporzogen und etwas mich verschlang. Das Seltsamste daran war nicht einmal, dass die Dunkelheit meine verflixte Fantasie beflügelte und mich dadurch zeitweise fast überzeugte, meine Angst sei tatsächlich begründet. Nach einer Weile verspürte ich sogar ein Gefühl der Enttäuschung, weil sich nichts mehr auf unnatürliche Weise regte.

Ich hätte wirklich schlafen sollen. Aber in dem Moment, als mir gerade die Lider zufielen, geschah es. Ganz deutlich sah ich, wie ein Schatten durch das Licht im Bad huschte. Dicht gefolgt von einem Geräusch – einem Wispern. Instinktiv schob ich es auf meine Angstlust, die Übermüdung und die Bäume, die sich vor dem gekippten Fenster im Wind wiegten. Das Flüstern musste das Rascheln der Blätter draußen sein.

Ich hatte ja keine Ahnung.

Statt mich tiefer in meine Decke einzukuscheln, schlug ich sie weg. So sehr mir die Schatten ein hysterisches Glucksen in die Kehle trieben, so sehr faszinierten sie mich auch. Etwas tief in mir vertraute ihnen, fühlte sich sogar wie magisch von ihnen angezogen.

Wenn ich schon den Verstand verlor, dann konnte ich auch mit wehenden Fahnen untergehen, beschloss ich. Nichtsdestotrotz zitterte mein Fuß leicht, als ich ihn neben dem Bett aufsetzte. Möglichst lautlos, um die munkelnden Schatten im Bad nicht zu verschrecken, rutschte ich von der Kante. In derselben Bewegung griff ich nach dem Oxford Dictionary, dass im Bücherregal verstaubte. Eigentlich war ich friedliebend und rettete selbst Spinnen, anstatt sie zu töten, doch die ein Eigenleben führenden Schatten jagten mir wirklich Angst ein. Meine zweckentfremdete „Waffe“ sollte mir aber nur zum Schutz im äußersten Notfall dienen!

Ich schlich zum Bad, meine weichen Kuschelsocken dämpften meine Schritte. Je näher ich kam, desto deutlicher wurde das Wispern. Wie Flüsterpost ergaben die Laute keinen Sinn. Es waren nicht einmal Worte, doch ich war mir sicher, dass sie etwas bedeuteten, wenn auch in ihrer eigenen Sprache.

Als ich die angelehnte Badezimmertür mit dem Fuß aufschubste, flatterte mein Seidenmorgenmantel daran in der Bewegung mit, wie ein Vorhang im Wind. Mich fröstelte, als selbiger durch das gekippte Fenster strömte und mich der hauchzarte Schatten des Umhangs leicht streifte.

»Gwendolyn«, vernahm ich ein Flüstern.

Es kam nicht von draußen, sondern … aus mir selbst.

Ich bewegte meine Lippen nicht. Stattdessen presste ich sie so fest aufeinander, wie ich nur konnte. Die Schatten zu meinen Füßen zuckten nicht mehr, sondern wirkten beruhigt. Fast als würden sie meinen Schatten streicheln.

»Gwendolyn«, wisperte diese Stimme erneut.

»Ja?«, antwortete ich. Mir fiel nichts besseres ein. Das hier war einfach zu verrückt!

Vorsichtig kniete ich mich hin und streckte eine Hand nach den Schatten aus. Der meines eigenen Zeigefingers kam langsam auf mich zu und winkte mich in einer lasziven Bewegung zu sich, die uns beiden nicht stand.

Der erste Nervenzusammenbruch dieses Semesters hat es in sich, Mama …

»Gwen! Bist du taub?!«

Dieses Rufen entsprang sicher nicht meiner Einbildung, noch war es der Wind – die gedämpfte Stimme erklang direkt vor meinem Fenster. Ich blinzelte überrascht, als ich sie erkannte. Das war Marie! Die Schatten erstarrten, als ich erneut in die Realität zurückgerufen wurde.

Ich folgte Maries Stimme bis zum gekippten Fenster neben dem Schreibtisch, gegen das sie kleine Kiesel warf, wie in einem der kitschigen, historischen Liebesfilme, die wir so mochten. Erleichtert, ihr vertrautes Gesicht im schummrigen Licht der Straßenlaterne vor dem Haus zu sehen, atmete ich aus.

»Ist deine Klingel kaputt?«, fragte meine beste Freundin gerade laut genug, dass ich sie bis nach oben hören konnte.

»Manchmal geht sie nicht.« Sowas gehörte doch zum studentischen Flair einer Wohnung dazu, oder? Es durfte einfach nicht alles funktionieren.

Ich drückte die Tür auf und trippelte ungeduldig auf den Zehenspitzen, während ich nach ihren Schritten im Treppenhaus lauschte. Nach gefühlt endlosen Sekunden empfing ich sie mit einer herzlichen Umarmung.

»Was machst du hier? Alles ok?«

»Bei mir schon«, antwortete sie mit einem sanften Lächeln. »Aber ich habe mir Sorgen um dich gemacht, Gwen. Du hast dich vorhin so merkwürdig verhalten, das hat mich nicht schlafen lassen.«

Auf meine Marie war einfach Verlass!

Wir beschlossen, alle Lichter anzuschalten und bei heißer Schokolade zu quatschen, bis die Sonne aufging. Das hatten wir früher oft gemacht, und schnell fiel mir auf, wie sehr ich das vermisst hatte. Kein Schatten regte sich mehr, solange Marie an meiner Seite war. Sie schenkte mir sogar ein filigranes Armkettchen, passend zu dem, das sie sich neu gekauft hatte.

»Die habe ich auf dem Nachhauseweg gesehen und musste sofort an dich denken, Gwenny. Wenn dir das nächste Mal komisch ist, siehst du es an und stellst dir vor, wie ich mit dir schimpfe. Vielleicht schaltest du dann endlich einen Gang zurück.«

Ich lächelte sie dankbar an.

»Danke, du bist die Beste!«

Ich war überzeugt, dass Maries Magie funktionieren würde. Mit diesem Armband würden die Schatten nicht zurückkehren und alles würde wieder normal sein. Dass normal nicht im Ansatz der richtige Ausdruck für mein Leben war oder für das, was noch vor mir lag, ahnte ich nicht.

 

 

Kapitel 2 - Aurora

 

Sanft lauschte ich dem Wellenrauschen, das ich mir vorstellte. Ich hörte, wie es gegen die Küste brandete, und langsam kam ich zur Ruhe. Im Gleichtakt floss meine innere Energie durch meine Adern und ließ mich alles um mich herum vergessen. Meine Sorgen, meine Ängste und sogar wer ich war. Nichts nahm ich wahr, nur noch diese besondere Quelle der Kraft und meine innere Ruhe. So schöpfte ich eine immense Stärke.

Durch dieses nahezu schwerelose, befreiende Gefühl war ich nun bereit, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Meeresrauschen verblasste und auch die Energie floss nur noch leise durch meine Adern. Es hinterließ ein beruhigendes Nachhallen, aus dem ich noch mehr Kraft schöpfte. Ich musste es nicht sehen, um zu wissen, dass mein Seelenlicht, das mich wie jeden Bewohner dieses Gartens umkreiste, aufleuchtete.

Als erstes erblickte ich Fylip, der seine Augen ebenfalls gerade aufschlug. Seine bernsteinfarbenen Iriden erfassten mich und ein sanftes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Es verblasste sofort wieder und wich einem entschlossenen Blick, alles zu besiegen, das sich ihm in den Weg stellte. Im Moment war das leider ich, aber ich würde dieses Mal nicht verlieren.

Wir lösten beide unsere starre Haltung, wobei er sich mit der Hand durch seine etwas längeren, braunen Haare fuhr, die ihm ins Gesicht fielen. Am liebsten wäre ich bei diesem Anblick dahingeschmolzen, doch ich musste fokussiert bleiben, wenn ich nur den Hauch einer Chance gegen ihn haben wollte.

Fylip sah nämlich nicht nur gut aus, sondern war auch unser bester und stärkster Kämpfer in der Priesterschaft. Deswegen machte es mich stolz, ihn an meiner Seite zu wissen – als Freund und auch als Mentor. Ich war schon immer ehrgeizig gewesen, da von mir stets erwartet wurde, dass ich mein Bestes gab. Schließlich war meine Mutter keine Geringere als die Hohepriesterin des Ordens. Darum hatte ich es bereits als Jugendliche mit stärkeren Gegnern aufgenommen und härter trainiert als sämtliche meiner Brüder und Schwestern. Fylip war der Einzige, den ich noch nicht besiegt hatte. Neben meiner Mutter, selbstverständlich.

Nahezu synchron erhoben wir uns vom Boden, der zum Schutz vor Verletzungen mit olivfarbenen Matten ausgelegt worden war, und nahmen unsere Kampfhaltung ein. Diese Bewegung glich beinahe einem Tanz, den wir vertiefen würden. Ein breites Grinsen stahl sich auf meine Lippen. Ich freute mich sehr darauf, was nun folgen würde.

Wie lauernde Tiere beobachteten wir einander, registrierten jede noch so kleine Bewegung und versuchten vorauszusehen, was unser Gegenüber plante. Ich machte langsam einen Schritt auf Fylip zu, der mich weiterhin im Auge behielt, jedoch ansonsten vollkommen ruhig blieb. Ich wusste, dass er mich provozierte und mich zum ersten Schritt zwingen wollte, doch meine Ungeduld trieb mich weiter voran. Er kannte mich einfach zu gut. Ich wollte kämpfen und ihn nicht stundenlang anstarren. Also machte ich einen Satz nach vorne und versetzte ihm einen leichten Schlag mit der rechten Faust, den er mühelos abwehrte. Ich hatte darauf spekuliert, dass er seine Deckung aufgab, doch das tat er nicht. Was hatte ich erwartet? Schließlich war es Fylip, der hier vor mir stand! Er ging auf meine Finte nicht ein. Natürlich nicht.

Erneut schlug ich zu, dieses Mal mit der hinteren Hand, um mehr Kraft hineinzulegen. Auch diesen Schlag blockte er mühelos, drehte sich ein und wollte mich über seine Hüfte werfen, damit er mich auf dem Boden halten konnte.

Blitzschnell wand ich mich aus dem Griff, indem ich mich seitlich stellte und umdrehte. Dann ließ ich mich fallen und riss ihn mit, so dass er loslassen und sich abrollen musste. Dadurch hatte ich den Raum und die Zeit gewonnen, um etwas zu verschnaufen. Nicht viel, denn Fylip hatte der Ehrgeiz gepackt und er kam direkt wieder auf mich zu, um mich mit mehreren Schlägen in die Defensive zu treiben. Ich wehrte sie ab, wenn auch mehr schlecht als recht. Da ich jedoch zu sehr mit seinen Angriffen beschäftigt war, bemerkte ich nicht, dass er seine Beine mittlerweile so geschickt positioniert hatte, um mich mühelos zu Fall zu bringen.

Laut fluchend landete ich auf dem Rücken, wütend darüber, dass er mich so leicht hatte täuschen können. Diese Gelegenheit nutzte Fylip, um mich auf dem Boden zu halten, indem er sich einfach auf mich legte und seinen Arm um meinen Nacken schlang.

»Gewonnen«, sagte er mit einem strahlenden Grinsen, das meine Wut über die Niederlage im Keim erstickte. Vielmehr brachte es mein Herz zum Stolpern und hinterließ ein sanftes Prickeln in meiner Magengegend.

Anstatt griesgrämig oder sauer zu gucken, schlich sich ebenfalls ein Lächeln auf meine Lippen. Noch immer konnte ich kaum fassen, dass Fylip mein Herz im Sturm erobert hatte. Gefühle verbat ich mir eigentlich zumeist, weil sie nur störten und einen schwächten.

Als meine Mutter vor sechs Jahren ihren ersten Anfall erlitt, war ich am Boden zerstört gewesen. Doch als Tochter der Hohepriesterin wurde von mir erwartet, dass ich mich von solchen Gefühlen nicht unterkriegen ließ. Ich musste stark sein, ganz gleich ob meine Mutter seitdem kaum noch wache Momente hatte und bald ihrer Krankheit erliegen würde. Um meinen Schmerz zu verdrängen, trainierte ich mich mit nur sechzehn Jahren härter als je zuvor. Fylip, der gerade einmal drei Jahre älter als ich war, schien meine Wut und Verzweiflung gespürt zu haben und holte mich aus diesem Loch heraus. Er rettete mich vor mir selbst, bevor ich mich in meinem Zorn verlor.

Seit zwei Jahren gab Fylip mir den Mut und die Kraft, an mir zu arbeiten, ohne zu einem Eisblock zu werden. Langsam aber sicher kitzelte er die Aurora heraus, die ich hätte werden sollen.

Als er mir sanft mit seinen Fingern über die Wange strich, holte er mich aus der Vergangenheit. Seine bernsteinfarbenen Augen musterten mich aufmerksam und ich konnte seine Liebe zu mir deutlich darin erkennen. Dieser Blick sagte mir mehr, als tausend Worte es je vermocht hätten. Langsam kam er näher, bis sich seine Lippen sanft auf die meinen legten und ein prickelndes Gefühl durch meine Adern jagte. Ich erwiderte den Kuss, vertiefte ihn sogar und wünschte mir, dass dieser Moment niemals enden möge.

Viel zu schnell aber tat er es dennoch. Ich protestierte dagegen, bekam dafür noch einen flüchtigen Kuss, bevor Fylip sich erhob und mir eine Hand reichte, um mir aufzuhelfen.

Ich ergriff sie, doch gerade als ich versuchte, mich aufzurichten, gaben meine Beine nach und ich fiel. Aber anstatt auf dem Boden aufzuschlagen, glitt ich immer weiter in ein tiefes Nichts. Fylip und der Trainingsraum verschwammen, bis sie letztendlich verschwanden und mich nichts als Schwärze umgab.

Was war nur los? Was geschah mit mir? Wurde ich etwa ohnmächtig? Normalerweise trainierten Fylip und ich viel länger und es war gerade einmal unsere erste Runde für heute gewesen. Wir hatten den Kampf noch nicht einmal analysiert.

Langsam wich die Dunkelheit leichtem Nebel, der mich an die Schlieren des Schleiers erinnerte. So bezeichneten wir die Verbindung zum Geisterreich, die uns von den Menschen auf der Erde trennte. War ich etwa gestorben? Nein, das war unmöglich. Man starb nicht einfach so von jetzt auf gleich, wenn man kerngesund war.

Ich konzentrierte mich auf die Schwaden vor mir, die langsam wichen und mir ein Bild offenbarten.

Ich sah eine junge Frau, etwa in meinem Alter, mit langen braunen Haaren. Sie hatte ein strahlend blaues sowie ein dunkles Auge, einen schlanken Körper und trug merkwürdige Kleidung. Kam sie von der anderen Seite? Doch warum sah ich sie überhaupt? Ich verstand all das nicht.

Dann veränderte sich das Bild. Ich sah erneut das wunderschöne Mädchen, dieses Mal mit einem blassen Mann mit düsteren Augen und kurzen, schwarzen Haaren. Er naschte von verdorbenen Früchten, deren Saft sein kantiges Kinn herunterlief.

Ich erkannte ihn sofort.

Niemand konnte dieses Gesicht vergessen! Es gehörte Leyon, dem skrupellosen Herrscher unserer Welt, die er in Dunkelheit getaucht hatte.

Wütend ballte ich meine Hände zu Fäusten, doch ich musste meine Emotionen kontrollieren, musste mich auf die Bilder konzentrieren. Mittlerweile ahnte ich, dass sie wichtig sein würden. Es schien, als hätte der Schleier mir eine Vision geschickt.

Ich schien schon etwas verpasst zu haben, denn plötzlich holte das Mädchen aus und stach das Messer in ihrer Hand mitten in Leyons eiskaltes Herz.

Eine Druckwelle aus Licht entstand und ich wurde zurück in die Dunkelheit katapultiert. Zunächst wusste ich weder, wo ich war, noch wo sich mein Körper befand.

Und noch schlimmer: Ich fand den Rückweg nicht.

Panik erfasste mich. Wenn meine Seele sich im Schleier verirrte, würde ich auf ewig zwischen den Welten gefangen bleiben. Ich wollte nicht so enden. Wie eine Verrückte irrte ich in der Dunkelheit umher und stolperte immer wieder über meine eigenen Füße, zu keinem klaren Gedanken fähig. Blind tastete ich um mich herum, doch da war nichts. Ich hatte versagt, sah meine Seele schon rastlos umherirren.

»Aurora? Komm schon, wach auf«, vernahm ich da die besorgte Stimme meines Freundes und folgte ihr. Wäre ich in meinem Körper gewesen, hätte ich wahrscheinlich erleichtert aufgeatmet.

Eine leuchtende Spur wies mir meinen Weg zurück. Mich durchfuhr eine ungewöhnliche Wärme, als ich endlich meine Augen aufschlagen und direkt in Fylips wunderschönes Gesicht sehen konnte. Sobald er bemerkte, dass ich wach war, entspannten sich seine Züge vor Erleichterung. Da ich bereits in seinen Armen lag, schlang ich meine ebenfalls um ihn. Ich brauchte seine beruhigende Nähe, um diese Erfahrung zu verarbeiten. Noch immer raste mein Herz wie verrückt. Er schien das zu verstehen, denn er stellte keine Fragen, hielt mich nur still in seinen Armen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit räusperte ich mich.

»Ich hatte eine Vision!« Meine Stimme überschlug sich nahezu vor Begeisterung, nachdem der erste Schreck überwunden war.

»Das ist wunderbar. Erzähl mir davon«, bat er mich und ich konnte sehen, wie auch er seine Freude kaum zügeln konnte.

Nicht vielen Priestern war es vergönnt, Visionen zu bekommen. Als eine von wenigen vom Schleier auserwählt zu werden bedeutete, dass auch in mir das Potential für eine Hohepriesterin steckte und ich meinem Ziel ein großes Stück nähergekommen war.

»Ich weiß noch nicht genau, was ich mit all dem anfangen soll. Ich habe ein Mädchen gesehen, dass Leyon getötet hat, Fyl. Muss ich es verhindern? Oder ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es geschieht? Ich weiß ja nicht einmal, wer oder wo sie ist.«

Fylip betrachtete mich einen Moment nachdenklich. »Du musst auf die kleinen Details achten. Was ist dir aufgefallen, Aurora? Fang vorne an und arbeite dich langsam weiter voran. Du weißt doch: ein Schritt nach dem anderen.«

Ich nickte und ließ die Vision noch einmal Revue passieren. In Gedanken versunken strich ich mir den Pony zurück, eine Angewohnheit, die ich nicht abstellen konnte. Was hatte ich alles gesehen? Es wollte mir einfach nicht einfallen. Genervt seufzte ich.

»Ich weiß es nicht«, murrte ich und ließ mich im Schneidersitz auf den Boden fallen.

Fylip setzte sich mir gegenüber hin und griff nach meinen Händen. »Du kannst das, Aurora. Konzentriere dich.«

Einen Moment blickte ich in seine warmen Augen, bevor ich es erneut versuchte. Ich schloss meine Augen und versuchte mich auf meine innere Energiequelle zu konzentrieren, doch das Wellenrauschen setzte nicht ein. Es gelang mir nicht, mich zu fokussieren.

Wütend stand ich auf. »Tut mir leid. Ich brauche einen Moment für mich. Ich bin zu aufgewühlt.«

Auch Fylip erhob sich und lächelte mich an. »Dann probieren wir es später weiter. Das ist ja kein Problem.«

Dankend nickte ich ihm zu und ließ ihn im Trainingsraum zurück. Ich blickte starr auf den steinigen Boden vor mir, unsicher darüber, was ich machen sollte. Die Vision hatte mich verwirrt und vollkommen aus der Bahn geworfen. Meine vorher mühsam erarbeitete innere Ruhe war vollkommen dahin.

In den labyrinthartigen Gängen des Tunnelsystems unter dem Baum des Lebens, das unseren Tempel bildete, kannte ich mich blind aus. Ich war hier aufgewachsen. Obwohl uns auch der Schleier an jeden beliebigen Ort bringen konnte, führten einige Wege bis in die Stadt Celeste über uns. Sie ermöglichten uns Priestern, schnell auf oder auch abzutauchen, wenn wir nicht auffallen sollten. Die Bewohner wussten zwar von der Existenz eines Priesterordens, doch wir gaben uns nie offen in der Stadt zu erkennen. Dafür lebten wir in zu gefährlichen Zeiten. Ausschließlich bei der jährlichen Zeremonie zu Ehren der Erzengel, die einst Sonnenfest hieß, nun aber Schattenstunde genannt wurde, traten wir offen als Angehörige des Ordens auf: in Kutten und mit den Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, sowie die Insignien der Seraphim auf die Haut gezeichnet.

Doch mein Weg führte mich nicht an die Oberfläche, sondern tiefer hinein in das Herz des Labyrinths, in dem sich die Gemächer der Hohepriesterin befanden.

Dorthin, wo meine Mutter im Sterben lag.

Ich betete zu den Ahnen und Gott persönlich, dass sie heute lichte Momente hatte, denn noch nie hatte ich sie so sehr gebraucht wie in diesem Augenblick. Nur sie konnte mir helfen, die Vision zu analysieren.

Vor ihrer Tür blieb ich stehen. Ich atmete tief ein, um Mut zu sammeln, bevor ich leise anklopfte. Als ein schwaches »Herein« erklang, atmete ich erleichtert aus. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte, und schnappte panisch nach frischem Sauerstoff. Langsam trat ich ein und mein Blick fiel auf das große Himmelbett, das die magere, blasse Gestalt meiner Mutter zu verschlucken schien. Das Licht ihrer Lebensgeister konnte ich kaum noch ausmachen, weil es mittlerweile viel zu schwach leuchtete.

Der Anblick versetzte mir einen Stich – wenn es endgültig erlosch, starb meine Mutter mit ihm. Ich war so sehr in mein Training vertieft gewesen, dass ich kaum wahrgenommen hatte, wie schlecht es ihr tatsächlich ging. Oder hatte ich es gar dazu genutzt, die Tatsache so weit wie möglich von mir zu stoßen?

»Aurora, Liebes, bist du es?«, vernahm ich ihre leise, zittrige Stimme.

Eilig lief ich auf das Bett zu und ließ mich auf der Kante nieder, während ich nach der Hand meiner Mutter griff. »Ja, Ma, ich bin hier.«

Sie wandte mir den Kopf zu und ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. »Es freut mich, dich noch einmal zu sehen, mein Kind. Wie kommst du mit deinem Training voran?«

Ihre Worte schmerzten in meiner Brust und ich unterdrückte ein Seufzen. Es gab einen Grund, warum ich meine Mutter so selten besuchte. Sie und alle anderen Priester erwarteten, dass ich mich stetig entwickelte. Aber eigentlich kam mir diese Frage gelegen, denn so konnte ich meine Mutter direkt auf meine Vision ansprechen.

»Ich komme sehr gut voran. Der Schleier hat mir heute sogar meine erste Vision geschickt.«

Erstaunt und stolz zugleich sah meine Mutter mich an. »Das ist hervorragend. Was hat er dir gezeigt?«

Ich verzog mein Gesicht zu einer schiefen Grimasse. »Das ist ja das Problem. Ich verstehe es nicht genau. Ich habe eine junge Frau gesehen, die Leyon tötet. Mehr habe ich nicht deuten können.«

»Ja, die Visionen sind immer schwer zu verstehen. Sie zeigen dir lediglich mögliche Ereignisse und selbst diese nur vage. Hör auf dein Herz, Liebes, dann wird es dir den richtigen Weg weisen.« Sie hustete stark, konnte nicht mehr weiterreden. Sie holte rasselnd Luft, als der Krampf nachließ. Ihr flackerndes Seelenlicht verdeutlichte mir, wie schwach sie war und wie viel Kraft sie diese Unterhaltung gekostet hatte. Aber dennoch hob sie ihre schweren Lider und schenkte mir ein Lächeln. Für diesen kurzen Moment sah sie fast wieder so aus wie in meiner Kindheit.

Ich war verwirrt, wollte weiterfragen, denn ich verstand nicht, was sie mir hatte sagen wollen. Doch dann flackerte ihr Seelenlicht ein letztes Mal und sie schloss ihre Augen. Im gleichen Moment erlosch ihr Lebenslicht und nahm ihre Seele mit in den Schleier.

 

 

Kapitel 3 - Gwen

 

Alles lief reibungslos, bis Johnny kam. Seit Marie mir das Armband geschenkt hatte, fühlte ich mich wieder wie früher: auf angenehme Art und Weise gewöhnlich. Ich wusste nicht, ob den Steinen in dem Schmuckstück wirklich eine Wirkung innewohnte oder ob es reine Kopfsache war, aber es war mir egal. Hauptsache war, dass in der folgenden Woche jeder Schatten dort blieb, wo er sein sollte. Ich achtete zunächst so penibel genau darauf, dass meine Freunde und Kollegen die Köpfe schief legten und mich fragten, ob etwas nicht stimmte. Entspannen konnte ich mich erst, nachdem einer weiteren Nacht ohne paranormale Ereignisse ein malerischer Sonnenaufgang über München folgte, den ich auf dem Weg zur ehrenamtlichen Arbeit vor den Vorlesungen genoss.

Ich traute mich sogar in der Dämmerung auf die Hackerbrücke, auf der die Stahlträger und die hohen Bürogebäude um uns herum lange Schatten warfen. Ganz zu schweigen vom Schattenmeer unter dem ZOB.

Johnny war zu Besuch gekommen, weil er ein paar Touren an der LMU besucht hatte. Natürlich ließen wir diese Gelegenheit, uns zu sehen, nicht verstreichen und diese Brücke war sein Lieblingsplatz in München. Ihr wohnte eine absolut urbane Atmosphäre inne, wie mein kleiner Bruder mit einem Funkeln in seinen himmelblauen Augen betonte, als wir auf die Stahlträger klettern.

Von hier aus hatte man tatsächlich einen phänomenalen Blick auf die Gleise und die umliegenden Gebäude, hinter denen die Dämmerung den leicht bewölkten Himmel in eine hinreißende Mischung aus Aubergine und Rosa tauchte. Um uns herum zogen geschäftige Menschen vorbei, die es scheinbar nicht schnell genug in die S-Bahn und damit in den Feierabend schaffen konnten.

Johnny trank eine Cola aus der Dose, fast so als wüsste ich nicht, dass er alt genug für ein Bier am Abend gewesen wäre. Ich mimte die verantwortungsbewusste Schwester und schloss mich ihm an. Dazu spendierte ich ihm ein Eis, obwohl es recht frisch draußen war. Das war Tradition bei uns, wenn ich ihn zum Bus brachte. Und wenn ein Blizzard gewütet hätte, mein kleiner Bruder bekam ein Eis!

Ich genoss die paar gemeinsamen Stunden mit ihm. Wir alberten und tratschten, tauschten uns über Neuigkeiten aus. Doch unser Spaß fand ein jähes Ende, als er begann, mich wegen des neuen Armbandes aufzuziehen.

»Seid ihr nicht etwas zu alt für Freundschaftsarmbänder, du und Marie?« Er tat so, als wolle er nur an seinem Eis lecken, dabei zog er eine Grimasse.

»Bist du nicht etwas zu alt, um mir die Zunge rauszustrecken?«, lachte ich und stupste ihn an.

Er ruderte dramatisch mit den Armen, um mir vorzugaukeln, er würde vom Stahlträger rutschen. Passanten sahen uns schon komisch an, weil ich vor Lachen selbst mit der Balance zu kämpfen hatte. Natürlich fanden sie uns nicht lustig – diese Witze funktionierten nur in unserem Geschwisterkosmos.

Mir selbst wurde es erst zu viel, als Johnny vorgab, mein Armband sehen zu wollen, obwohl er etwas anderes damit vorhatte. Seine flinken Finger streiften es ab. Ehe ich reagieren konnte, wedelte er damit neckend in der Luft herum.

»Gib das wieder zurück, Johnny«, bat ich ruhig, aber bestimmt.

Doch mein kleiner Bruder schaukelte sich an seinem Scherz hoch. Er spielte vor, sich das Armband genau anzusehen, wie die Experten bei der Sendung »Kunst und Krempel«, die unsere Mutter früher immer angeschaut hatte. Angestachelt von meinem zunehmenden Protest, machte Johnny weiter. Er rutschte weg, wann immer ich ihm näherkam. Als ihm das nicht mehr reichte, legte er eine Schippe drauf und ließ das Armband über der Straße pendeln.

»Du hattest deinen Spaß, jetzt gib es wieder her!«, schimpfte ich.

»Entspann dich, Gwendolyn, ich lass es schon nicht fallen.«

Mit einem übertrieben lauten »Ups« tat er so, als würde er mein Armband herunterwerfen. Meine Wut war wie Applaus für ihn. Breit grinsend sprang er auf den Gehweg und spurtete los.

Ich eilte ihm nach und rannte dabei beinah eine ältere Dame um. Unser Katz-und-Maus-Spiel führte Johnny und mich durch den Menschenstrom – ihn lachend und mich fluchend. Bis wir am Brückengeländer angelangt waren. In unserem Gerangel und Gefuchtel kam es, wie es kommen musste.

Johnny rutschte mein Armband aus der Hand. Ich sah es wie in Zeitlupe fallen. Vorher hatte ich geglaubt, solche Momente seien nur ein Klischee aus Schnulzen. Doch es war tatsächlich, als würde die Welt kurz still stehen – bis eine S-Bahn das Armand erfasste. Die Wucht schlug mein Glücksbringer-Armband in unzählige Stücke.

Erschrocken hielt Johnny inne, genau wie mein Herz.

Die Sonne dagegen ging fröhlich weiter unter, zog die Schatten um mich herum immer länger. Minute um Minute. Zentimeter um Zentimeter.

Mit jedem davon schlich sich die Angst vor den Schatten zurück in meine Seele und drohte, mich in die Knie zu zwingen. Doch ich riss mich zusammen.

Ich wollte nicht, dass Johnny ein schlechtes Gewissen bekam, und setzte ein Lächeln auf, als er versprach, mir ein neues Armband zu kaufen.

Das musste er nicht.

Wirklich nicht.

Erstens würde es für mich nicht die gleiche Bedeutung haben und zweitens … tja, zweitens brauchte es das auch nicht, denn ich war ja nicht verrückt. Die Schatten hatten sich nie selbst bewegt! Das war alles nur in meinem Kopf passiert. Ich hatte einen miesen Tag gehabt und nun ging es mir besser. Ich brauchte das Armband nicht.

Nachdem ich Johnny am Bahnhof verabschiedet hatte, versuchte ich mir diesen ermutigenden Gedanken wie ein Mantra einzuprägen. Das half ein wenig. Erleichtert atmete ich aus, als ich an meiner Wohnung ankam. Bis dahin war alles wie gewöhnlich geblieben, darum beschloss ich, nicht mehr auf paranormale Aktivitäten zu warten.

Dass ich neben meiner Furcht auch Neugierde empfunden hatte, war wahrscheinlich das Merkwürdigste daran. Eigentlich sollte ich doch fröhlich sein, mein durchschnittliches, sicheres Leben zurückgewonnen zu haben.

Und trotzdem – die Schatten erinnerten mich an die Tagträume aus meiner Kindheit. Darin hatte ich Tore zu fremden Welten gefunden, indem ich durch Spiegel ging wie Alice im Wunderland. Auf der anderen Seite war einfach alles möglich und manchmal nahm ich Johnny mit in meine Phantasiewelten. Manchmal spielten wir Tiere, manchmal Adlige oder Zauberer und manchmal taten wir als seien wir Wesen, die es eigentlich nicht gab. Aber sowas denken sich Kinder nun einmal aus, richtig? Das hatte nichts zu bedeuten, tanzende Schatten hin oder her.

 

***

 

Ich verbrachte einen ruhigen Abend in Jogginghose, mit Gesichtsmaske und einer anstehenden Hausarbeit. Zwischendurch teilte mir meine Mutter mit, dass Johnny gut daheim angekommen war, und ich telefonierte mit einer anderen Ehrenamtlichen wegen des geplanten Ausfluges mit einer Gruppe Grundschulkinder am Wochenende. Darauf freuten wir beide uns wohl mehr als die Kinder der Hausaufgaben- und Spielgruppe des Gemeindezentrums selbst. Dabei waren sie schon völlig aus dem Häuschen!

Erst als ich das Deckenlicht ausschaltete und mir nur meine Leselampe über dem Bett blieb, wurde mir wieder mulmig zumute. Alle Muskeln in meinem Körper spannten sich an wie bei einem Kaninchen kurz vor dem Sprung, jeden Moment bereit, falls etwas passierte. Ich wollte meiner neuen latenten Verrücktheit nicht so viel Raum geben, aber je mehr ich mich dagegen wehrte, desto verkrampfter wurde ich.

Entschlossen, einfach schnell einzuschlafen, kniff ich die Augen zu. Wenn ich nichts sah, konnte mir mein Gehirn nicht vorgaukeln, dass die Schatten ein Eigenleben führten. Doch kaum sah ich nichts mehr, hörte ich wieder dieses Wispern.

Es rief nach mir.

»Gwendolyn …«

Wie die eingebildete Stimme meinen ganzen Namen sagte, machte mich unruhig. Mich rief nie jemand so, außer er oder sie war wütend.

»Gwen.«

Schon besser …

Moment, argumentierte ich gerade wirklich mit einer Stimme? In meinem Kopf?!

Ich wollte Wasser holen, um mich zu beruhigen. Aufstehen sollte mich erden, außerdem ertrug ich es kaum noch, still liegen zu bleiben. Die eingebildete Stimme machte mich unruhig. Weit kam ich jedoch nicht.

Wie ferngesteuert hielten meine Beine vor der Spiegeltür an meinem Kleiderschrank an. Unfähig, einen weiteren Schritt zu gehen, starrte ich auf mein Spiegelbild. Ich konnte nur die Gesichtshälfte erahnen, die durch die Straßenlaterne vor dem Fenster angeleuchtet wurde. Dieses war wie immer gekippt, so dass frische Luft hereinströmen konnte. Die dünnen Gardinen wehten seicht zwischen mich und mein Spiegelbild, wie der Schleier einer unheimlichen Braut. Der Stoff warf für einen Moment einen Schatten auf meine Haut.

»Gwendolyn …«, hörte ich erneut die Stimme, die mir eine Gänsehaut bescherte. Sie klang hoch und weit entfernt. Ob sie einem Mann oder einer Frau gehörte, konnte ich nicht genau ausmachen.

»Was denn?! Was willst du von mir?«

Zu meinem Entsetzen bekam ich eine Antwort. »Ich will nur mit dir reden, keine Angst. Ist das okay?«

Definitiv nicht! Was sollte bitte daran okay sein, mich langsam in den Wahnsinn zu treiben?!

Ich sah mein Spiegelbild an, als hätte es mit mir gesprochen. Es war leichter, in ein Gesicht zu sehen als ins Nichts. Dadurch bekam die merkwürdige Stimme eine Form und alles, das man greifen oder sehen konnte, war bekanntlich weniger angsteinflößend als etwas Unsichtbares. Es blieb nur die nagende Frage, ob man endgültig den Verstand verloren hatte.

Vorsichtig trat ich einen Schritt auf den Schrank zu. Meine zweifarbigen, vor Schreck geweiteten Augen starrten mich dabei so unnatürlich an, als gehörten sie gar nicht mir, sondern einer Fremden. So kam ich mir gerade auch vor. Niemals war ich so aus der Fassung geraten, dass ich die Realität nicht mehr von einem Tagtraum unterscheiden konnte. Und nun? Nun hob ich eine Hand, als würde ich dem zerzausten Ding im Spiegel zuwinken, auf dessen Stirn sich Schweißperlen sammelten.

»Wer bist du?«, wisperte ich ihr zu.

Da bemerkte ich ein Zucken zu meinen Füßen. Der leichte Schatten, den mir die Straßenbeleuchtung und mein Nachtlicht gaben, regte sich. Diesmal gewann meine Neugierde. Ich knipste die Stehlampe in der Ecke an, damit mein Schatten deutlichere Konturen annahm.

Er winkte mir zu.

Harsch sog ich die Luft ein und wäre beinahe vor Schreck gegen meinen Schreibtisch gesprungen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Was passierte bloß mit mir?!

»Gwendolyn, keine Angst. Ich tue dir nichts.«

Ich krallte mich an der Tischkante fest und versuchte, das Bild vor meinen Augen weg zu blinzeln. Aber der Schatten bewegte sich stur weiter, statt an seinen Platz zurückzuspringen.

»Woher kennst du meinen Namen?«, fragte ich atemlos.

»Der Schleier hat ihn mir verraten.«

Der was? Ich traute mich nicht nachzufragen. Außerdem gab es gerade Wichtigeres: nämlich die Schatten loszuwerden. Meine Furcht trat in den Hintergrund und meine resolute Seite übernahm. Wenn sie schon mit mir sprachen, konnte ich diese Erscheinung vielleicht verjagen, indem ich ihr die Meinung geigte. Immerhin kam ich bei meiner ehrenamtlichen Arbeit mit allerlei schwierigen Persönlichkeiten in Kontakt – hiermit würde ich auch fertigwerden!

Dabei wirkte dieser Schatten eigentlich gar nicht so bedrohlich wie seine Brüder vor ein paar Tagen. Vielleicht half mir ja dieses Gespräch, mehr darüber zu erfahren, welcher Art von Wahnsinn ich gerade verfiel. Ich musste es auf einen Versuch ankommen lassen.

»Und wer bist du? Dieser … Schleier ist meine Gardine und verrät mir leider gar nichts.« Etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Humor war in diesem Moment alles, was mir blieb, um nicht vollends durchzudrehen. Ich glaubte sogar, ein Kichern zu hören – oder war es doch der Wind?

»Mein Name ist Aurora«, hauchte der Schatten und bescherte mir erneut eine Gänsehaut.

»Ein schöner Name.« Wie originell, Gwen. Aber was sollte ich sonst antworten? Was sagte man einem Schatten? Was nahmen die überhaupt wahr?

Ich ging in die Hocke und tippte mit meinem Finger fest auf den Boden, damit mein Schatten mir näher kam und kleiner wurde. Doch Aurora bewegte sich von allein. Sie kam mir zwar entgegen, aber imitierte meine Bewegungen nicht. Was, wenn sie gar kein Schatten war, sondern …

»Bist du tot?«

»Wie bitte?«, hechelte der Wind.

»Bist du ein Geist oder sowas?«

Der Schatten legte ungläubig den Kopf schief, als wäre meine Frage völlig aus der Luft gegriffen gewesen.

»Ich bin sehr lebendig, genau wie du.«

»Genau wie ich?«, hakte ich mit einem Unterton nach, der mir fast leidtat.

»In meiner Welt schon. Auf der anderen Seite, also in deiner Welt, bin ich nur ein Schatten.«

»Und ich?«, rutschte es mir heraus. »Bin ich auch ein Schatten für dich oder kannst du mich sehen?«

Ich winkte vor ihrem Gesicht herum. Da löste sich plötzlich der Schatten von meinen Füßen und floss die Wand hoch, bis sie mir gegenüber stand. Aurora war etwas größer als ich, dafür waren ihre Haare kürzer und sie trug sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Es fühlte sich merkwürdig an, einen Schatten anzustarren, der mir kaum noch ähnelte. Dazu kribbelten meine Fußsohlen leicht, als würden sie die Verbindung vermissen.

Aurora legte ihre dunkle Hand an den Rand der Spiegeltür. Finger für Finger zog sie sich an der glatten Oberfläche rüber in die andere Welt. Auf dem Glas erschienen sie wie matte Spiegelungen im Wasser, blass und kaum auszumachen. Wenn ich zu viel blinzelte, verlor ich sie aus den Augen. Doch ich konnte nicht anders vor lauter Nervosität.

Ich neigte den Kopf auf die Seite, spiegelte Auroras Bewegung, bei der ihr Pony leicht über die Grenzen ihrer Stirn rutschte und für mich sichtbar wurde. Ihr Gesicht zu sehen hätte mir weniger Angst gemacht, als nur die blasse Idee von Farben auf der Spiegeloberfläche. Hätte ihre Stimme nicht so menschlich geklungen, hätte sie mich genauso erschreckt wie die anderen Schatten am Abend zuvor. Vielleicht hatte ich ja auch ihnen Unrecht getan?!

»Was machst du hier? Was wollt ihr Schatten von mir?«

»Ich sagte doch, ich bin kein …« Statt den Satz zu beenden seufzte sie und schüttelte den Kopf.

Da stand ich nun, mitten in meiner dunklen Studentenbude und redete mit einem Schatten, der mich anraunzte wie ein begriffsstutziges Kind. Nichts schien mehr unmöglich. Ganz offensichtlich war ich komplett übergeschnappt – so sehr, dass ein Teil von mir sogar ein bisschen an meine Einbildungen glaubte. Selbst Auroras Behauptung, aus einer anderen Welt zu kommen, fand ich nicht mehr völlig absurd. Natürlich war das alles hier absolut verrückt! Aus dem Mund eines Schattens mit Eigenleben klang es allerdings irgendwie plausibel.

»Gwendolyn, ich möchte mit dir über etwas sprechen.«

»Nein!«, protestierte mein letztes bisschen Verstand. Bestimmt stand gleich wieder mein Nachbar vor der Tür, doch das war mir egal. Sollte er glauben, was er wollte.

»Aber –«

»Ich sagte: Nein! Ich glaube nicht an Schatten, die sprechen können. Oder sich von selbst bewegen. Oder an eine andere Welt.«

Vor lauter Verzweiflung schüttelte ich den Kopf, im Gegensatz zu meinem Schatten. Der zog nur die Schultern hoch und antwortete: »Warum zittert deine Stimme dann so?«

Ein dumpfer Kopfschmerz setzte ein, während ich versuchte zu verstehen, dass ich gerade selbst an meinem Weltbild rüttelte. So sehr ich mich immer noch vor dem Schattenmädchen namens Aurora fürchtete, so intensiv hing ich auch an ihren nicht vorhandenen Lippen. Davon träumte doch jeder einmal, oder? Dass Peter Pan im Fenster steht und man zusammen nach Nimmerland fliegt. Dass alle Vorstellungen von Magie wahr werden und man endlich eingeweiht wird in die Welt des Übernatürlichen. An einem Ort, an dem Abenteuer, wunderschöne Feenwesen und atemberaubende Reittiere warteten?

Trotz meines Protestes begann Aurora unbeirrt, von ihrem Zuhause zu erzählen, vermutlich um mich zu besänftigen. Um nicht an meinen fehlenden Schatten denken zu müssen, setzte ich mich im Schneidersitz auf einen Stuhl. Mir war schon flatterig genug zu Mute. Ich spielte mit dem Schatten der Stifte auf dem Schreibtisch, die alle wackelten wie Gummi. Mein kaum sichtbares Gegenstück erzählte mir von märchenhaften Landschaften in ihrem sogenannten „Garten“ und von faszinierenden Wesen, die ich zu gerne einmal mit eigenen Augen gesehen hätte.

Sie lebte in einem Tempel unter den Wurzeln eines gigantischen Baums, um dessen Stamm und auf dessen Ästen eine Stadt gebaut worden war. Dort zu leben musste unheimlich spannend sein.

»Ich kann mir das gar nicht vorstellen«, gestand ich irgendwann. »München sieht eben aus wie München. Hier passen keine riesigen Bäume hin, die ganze Städte tragen.«

Aurora atmete hörbar aus. Ich glaubte, dass sie schmunzelte.

»Möchtest du es gerne sehen?«

Mein Magen drehte sich um. Eine merkwürdige, üble Vorahnung machte sich darin breit, als Aurora mir eine verschwommene Hand entgegenstreckte. Sie huschte vom Schrank auf die Tischoberfläche. Als sich ihre dünnen dunklen Finger nach mir ausstreckten, kroch die Panik wieder in mir hoch. Reflexartig schaltete ich die Schreibtischlampe an, damit sie vom Tisch verschwand.

Wie schnell mein Brustkorb sich hob und senkte, merkte ich erst, nachdem ich aufgesprungen war. Eine seltsame Stille trat um mich herum ein.

»Aurora?«, testete ich leise. »Bist du noch hier?«

Hoffentlich hatte ich ihr nicht weh getan. Was passierte mit Schatten auf ihrer Seite, wenn das Licht sie von hier vertrieb?

»Hab ich dich verletzt?«, versuchte ich es noch einmal. Mein Herz pochte wie wild, schmerzte beinahe. Jetzt rief ich auch noch nach den Schatten, vor denen ich vor kurzem noch geflohen war. Was stimmte bloß nicht mit mir?

Zunächst antwortete Aurora nicht mehr. Für einen Moment hatte ich Angst, die Chance auf etwas Unvergessliches versiebt zu haben. Ein anderer Teil von mir fühlte sich erleichtert, dass der Spuk vorbei war – bis ein Wispern an mein Ohr drang. Es kam vom Schatten des verrutschten Dutts auf meiner Schulter.

»Gwendolyn?«

»Warum sprichst du wirklich