Paradies, irisch - Jürgen Lodemann - E-Book
Beschreibung

Dieser Roman erzählt den denkwürdigen historischen Fall eines irischen Wirtschaftswunders um 1550. Vor 32 Jahren unter dem Titel 'Lynch' von Lesern und Rezensenten gefeiert, ist das Buch nun endlich wieder lieferbar, ist nach jahrelangen Recherchen erneuert und erweitert um wesentliche Fundstücke, 'eine im wahrsten Sinne des Wortes sinnenreiche Angelegenheit', so seinerzeit der WDR. Lodemann erzählt 'in sinnlich deftiger Sprache'. Da öffne sich, fand die Kritik 1976, 'ein irisches Schlaraffenland, in dem es sich lesend wohl sein lässt wie schon lange nicht mehr'. Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm bekundete, alles 'sei so anschaulich, dass man sich bei diesen Festen gegenwärtig fühlt', die Stuttgarter Zeitung las ein 'opulentes Festmahl der Sprachlust ', die Süddeutsche eine 'Welt fast ungetrübten Glücks', wo man 'alles dürfen durfte', bis es dann zu dem kam, was Erich Fromm eine 'Tragödie der Gerechtigkeit' nannte. 'Paradies, irisch' erzählt den verblüffend aktuellen Fall einer frühen Versöhnung in der Terrorgeschichte zwischen Engländern und Iren, Katholiken und Protestanten - unter dem weitsichtigen Bürgermeister Lynch, von dem es heißt, er sei der unselige Namensgeber für eine Perversion der Justiz. Ein idealer Einstieg in die Schönheit und Geschichte Irlands. Sprachmächtig zieht einen diese Erzählung durch 'eine unerhörte Begebenheit'. 'Eine Tragödie der Gerechtigkeit.' Erich Fromm

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Paradies, irisch

Jürgen Lodemann

Paradies, irisch

Roman

– der Kulturhauptstadt

VORBERICHT

In Galway am Atlantik, in der westlichsten Stadt Europas regierten im Mittelalter vierzehn große Familien. Von London aus waren sie an die irische Westküste geschickt worden. Das Fischerdorf blühte auf, Galway entwickelte sich unter den Dynastien der Lynch, Browne, Joyce, Blake, Skerrett und der anderen großen Sippen zur Handelsstadt, zu einem eigenständigen Stadtstaat. Galway wurde mehr und mehr unabhängig von der britischen Krone.

Um 1550 ereignete sich etwas Unerhörtes. Damals regierte die Stadt der Bürgermeister und Richter Fitzstephen Lynch. Was damals passierte, schildert James Joyce 1912 in italienischer Sprache in einer Zeitung in Triest. Seinen Artikel überschreibt er La Città delle Tribù – ›Die Stadt der Stämme‹.

»… Von allen Stämmen der berühmteste war derjenige der Lynchs. Über die Jahrhunderte hatten immer wieder Mitglieder dieser Familie den Posten des Bürgermeisters inne, wenigstens dreiundachtzigmal. Das tragischste Ereignis in der Geschichte der Stadt war ein Verbrechen, das der junge Lynch begangen hatte, der einzige Sohn des Bürgermeisters und Richters Fitzstephen Lynch.

Dieser Bürgermeister, ein reicher Weinhändler, hatte eine Reise nach Spanien gemacht, wo er wieder bei seinem Freund, bei einem gewissen Gomez, zu Gast war. Der Sohn dieses Gomez, der jeden Abend den Erzählungen der Gäste gelauscht hatte, fühlte sich vom weit entfernten Irland so sehr angezogen, dass er seinen Vater bat, den Gast begleiten zu dürfen, wenn dieser wieder in seine Heimat zurückkehrte. Der Vater zögerte. Die Zeiten waren unsicher, Reisende pflegten ihr Testament zu machen, ehe sie zu bekannten oder unbekannten Gestaden aufbrachen. Doch Bürgermeister Lynch verbürgte sich für die Sicherheit des Jünglings, und so reisten sie zusammen ab.«

Nach ihrer Ankunft in Galway, berichtet Joyce weiter, »befreundete sich der junge Spanier mit dem Sohn des Bürgermeisters, einem eigensinnigen jungen Mann, der einer Agnes den Hof machte, der Tochter eines anderen Handelsherrn. Bald aber verliebten sich auch Agnes und der Fremde ineinander, und eines Nachts …«

Hier verlassen wir den Zeitungsartikel. Nutzen von nun an Archive, Chroniken und neue Fundstücke. Und Jahrzehnte in Irland, auch in Nordirland.

DIE PERSONEN

AUS DEN HERRSCHENDEN FAMILIEN:

John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch, Bürgermeister, Richter und HandelsmannMary Lynch, geborene Blake, seine FrauPatrick Lynch, ihr SohnJohn Joyes, Handelsmann, StadtratElisabeth Joyes, geborene Skerrett, Johns FrauAgnes Joyes, ihre Tochter, Freundin des Patrick LynchDaniel Blake, HandelsmannBetty Blake, seine Frau, Schwester der Agnes JoyesPatricia Blake, genannt Piepsie, Betty Blakes zweijährige TochterGeorge Blake, Bruder des Daniel BlakeJulia Blake, Schwester von George und DanielMutter BlakeVater BlakeRonald Skerrett, Handelsmann, StadtratJohn Browne, HandelsmannAlexander Kirwan, anglikanischer Stadtpriester

AUS SPANIEN:

Juan GomezRicardo Gomez, Juans Vetter, katholischer PaterAlvarez Gonzalez, BaumeisterCosta, Steinmetz

AUS DEN ENGLISCHEN GRAFSCHAFTEN:

Graf Cluricaun auf Killmanroy mit Gemahlin TheodoraGraf Cork auf Larminie mit Gemahlin Esther

AUS DEM IRISCHEN GALWAY:

Marc Kelly, Schiffszimmermann, WerftbesitzerDouglas O’Donnoghue, Bierbrauer, StadtratDorothy O’Donnoghue, geborene McDonnell, seine FrauFrederic Fitzpatrick, Schreiber bei Lynch, Sänger, Kerkermeister, HenkerJeremiah McDonnell, Seiler, StadtratMartha McDonnell, seine TochterJessy Murray, Lynchs SteuermannEdward O’Flaherty, Hauptmann der StadtgardeIsobella O’Flaherty, seine FrauDun MacDonald, Steinmetz

AUS DER UNTERSTADT,DEM DÖRFLICHEN VORORT CLADDAGH:

William O’Brian, Fischer, Märchenerzähler, StadtratClaire, Samuel und David, seine KinderPatrick MacBride, FischerFlann O’Flaherty, Edwards Vater, Fischer, StadtratRoy Gallagher, MatroseTobby Keats, Knecht bei den JoyesHelen, Dienstmagd bei den JoyesRonn O’Connel, FischerMike Pitt, FischerKate, Kräuterfrau

VORABEND

Patrick Lynch, der Junge mit dem zarten gelben Haar, legte sich einen neuen Schenkel zwischen die Zähne, sog und schlotzte das Fleisch und genoss es. Und sah, dass Alexander Kirwan, der Priester, wenn er sich zu Mutter Mary hinüberbeugte, zur fast blinden Lady Lynch, dass er dann seine Finger, als müsse er sich aufstützen, auf Julia Blakes Schenkel drückte. Pat sah sich das an, zog sich das Knöchelchen aus den Lippen, hielt das Wippende eine Weile zwischen Daumen und Zeigefinger vor sich hin, warf es dann wie einen lästigen Gedanken über die Schulter, schnippte es hinter sich in den Raum, betrachtete das Schwitzwasser auf Priester Kirwans Kopf, ließ sich das seidenweiche Fleisch im Mund zergehen und zum Gaumen rutschen und hörte am Geheul und Gefiepe hinter sich, dass auch die Köter Geschmack fanden an der Mahlzeit.

Schaufelte sich einen neuen Haufen Dampfendes aus dem Kessel und sagte sich, dass es höchste Zeit wurde, dass der Vater heimkehrte aus Spanien, weil seine Mutter nun doch zu blind geworden war, um noch erfolgreich die Abendtafel der Lynchs überwachen zu können. Früher waren Übergriffe von Geistlichen und Sippenhäuptlingen und anderen Gevattern von Mutter Mary mit Knurrlauten gestoppt worden und nach kurzem Lächeln hatte Lady Lynch dann ihre Unterhaltungen fortgesetzt. Inzwischen lächelte sie nur noch und das ermunterte viele, ach, die Mutter bemerkte weder Alexander Kirwans Finger auf Julias schönen Beinen noch das Treiben am unteren Ende des Tisches.

Dort war man zwar ebenfalls der Meinung, es werde Zeit, dass Bürgermeister John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch heimkehren und für Ordnung sorgen sollte, aber man hielt sich wenig an solche Einsichten, goss Wein im Unmaß durch die Gurgeln, verschüttete kostbaren Malaga, machte lautstark Aufhebens von der Menge der Wildkeulen, Geflügelschlegel, Austern oder Froschschenkel, die man verspeist zu haben vorgab, beteuerte sich wechselseitig, wie wenig man von einander hielt, im einzelnen wie im ganzen, und mahnte, schneller zu stopfen, damit die demnächst heimkehrenden Spanienfahrer vom Besseren weniger vorfänden, lallte Grobheiten und versprach sich nebenan im Badehaus greifstarke Nachspiele. Als Betty, die volle Frau, über ein solches Angebot ihres Schwagers George kreischen musste, sprang der weinselig fleischesdurstige Schwager auf den Tisch und wollte eben mit einer Gebärde, wie sie nur dem alten Fitzstephen Lynch zugestanden hätte, von oben herab eine Rede halten, als Mary Lynch, ohne mit ihrem Lächeln aufzuhören, den Kopf hob. »George, ich sehe zwar nur noch wenig, aber dafür höre ich um so peinlicher, was du für Reden führst, zumal mit den Frauen.«

Da grinsten die Tafelfreunde schadenfroh, sogar Hausmeister Frederic Fitzpatrick, der Sänger und Henker, der sonst still saß wie ein Stein, verzog einen seiner Mundwinkel, den schieferen, und, als Mary weiterredete, verschob er auch den anderen. »Und am Wackeln der Tischplatte spüre ich, wie George Schwätzbold unsere guten Abendsitten mit Füßen tritt. Komm auf den Boden, Junge.«

Dem George Blake hatte noch nie niederstädtische Maulfäule aus dem Hals geschwiegen. »Verehrte Lady Mary, was heißt ›gute Abendsitten‹, wo denn sind die geblieben, wenn wir hier seit zwei Stunden tafeln und Euer Frederic noch immer kein einziges Gebet gesungen hat, nicht mal ein unchristliches.«

Für diese Rede bekam der Mann auf dem Tisch deutlichen Beifall, »jawohl!« jaulte die Runde und »Frederic!« grölte es kommandostark, »weiß der Geier, George hat recht, wo bleibt Fitzpatricks Sangeskunst!«

»Wo bleiben die Gebete an die Gnomen?!« rief George.

Da meinte Pater Ricardo, der in Galway erst seit neun Monaten wohnte und an diesem Ort als erster mit einer Gabel zu speisen verstand, sich einmischen zu sollen. »Hochgeschätzte Mary Lynch, zwar seid Ihr hier die Frau des Hauses, die Herrin eines stolzen Hauses in nahezu spanischem Stil, zwar tragt ihr den Vornamen der Gottesmutter und Euer Sohn trägt den Namen des heiligen Patrick, doch an dieser Tafel und überhaupt in Lynch’s Castle sind, seit Euer Gemahl seine neue große Reise begonnen hat, traurige Vorgänge zu beobachten, da ist immer mal wieder die Rede von Leprechauns, aber nicht nur von Zwergen, sondern auch von Elfen und Feen und Gnomen, niemals jedoch, solange ich hier bin, hörte ich Reden oder Lieder von der Himmelsmutter Maria oder vom heiligen Patrick.«

»Guter Pater Ricardo«, sagte die Mutter, »ihr erinnert mich an einen hageren Gesandten aus London, der meinen Mann eines Tages gefragt hat, ob die Lynchs es wirklich wagen würden, Galway eine eigene Verfassung zu geben, gegen die britische Krone. Da hat ihm mein Mann, da hat ihm Marcus Tullius geantwortet, Galway gehorche längst einer höheren Krone. Der Vernunft.«

»Der Vernunft?« In des Paters Antlitz schimmerte Enttäuschung. »Was hat Gottes Vernunft zu tun mit Kobolden und Geistern?«

»Unsere Stadt, wie ihr bemerkt haben dürftet, hat zu tun mit gleichem Recht für alle. Für Gnomen ebenso wie für Engländer oder Spanier oder für Leprechauns. Und sogar für die alteingeborenen Iren. Das finde ich überaus vernünftig.«

»Gestatte, Bruder im Geiste«, meldete sich da Alexander Kirwan, der Stadtpriester, der feiste und sehr zufriedene Mann, der hob nun beide Hände, also auch die Finger, die zuvor anderes gefühlt hatten, und sagte: »Die Sitten in diesem stolzen Hause, bester Don Ricardo, die finde auch ich überaus fromm und vernünftig, ja, und sogar gottesvernünftig. Kluge Kirchenväter raten seit langem, dass man die Gnomen und Erdkräfte, wenn sie friedlich bleiben sollen, täglich freundlich bedenken und besprechen soll, jedenfalls regelmäßig besingen.«

»Aber ja, klug ist es, sie zu besingen«, rief nun wieder George Blake und wendete sich auf dem Tisch nach allen Seiten herum, als erwarte er von irgendwoher noch Widerspruch. »Noch gestern hat mir Märchenmann O’Brian erklärt, dass sämtliche Gespenster seit je Latein verstehen und dass alles Latein, das die Katholiken von vorn lesen, bei den Gnomen von hinten gelesen wird. Zum Beispiel ›Sator arepo tenet opera rotas‹, diese Weisheit jedenfalls, so sagte mir der Märchenmann William O’Brian, die könne man sehr korrekt von vorn wie von hinten lesen und dann begreife man, es heiße dies in beiden Richtungen dasselbe: ›Der Schöpfer errichtet und vernichtet seine Werke im ewigen Kreislauf‹. Hört Ihr, Herr Pater Ricardo? und hörst auch du, Frederic Fitzpatrick? alle Klugen sagen, am ewigen Kreislauf ist schier nichts zu rütteln und das bedeutet: Jetzt bist du dran!«

So rief George und stand noch immer zwischen Schüsseln und Kesseln. »Und dran bist jetzt auch du!« grunzte er und stakste sieben rumpelige Schritte über den Tisch, Teller und Messer hatten zu hüpfen, und George fiel dort, wo seine Schwägerin Betty Blake hockte, auf die Knie, dass die Tafel krachte, beugte sich über die volle Frau und griff sich mit seinen Ruder- und Segelklauen Bettys Brust aus dem Mieder, und zwar die linke, weil an der rechten Piepsie saugte, ihr zweijähriges starkes Töchterchen, und drückte sein Maul so breit auf das rote Signal im Weißen, dass Frau Betty mehrfach nach Luft schnappen musste, als müsste sie niesen, George aber gab nicht nach, die gute Schwägerin bog sich hoch und ließ einen Schrei los, von dem die Hunde in der Halle zu jaulen begannen und von dem Großvater Blake die Bemerkung ableitete, die Deckenbalken, da sie auch jetzt nicht herunterstürzten, seien aus sorgfältig abgehangenem Eichenholz.

Bei diesem Spaß waren Kirwans Priesterfinger längst wieder auf dem sanften Rock des Fräuleins Julia und rutschten hingegeben ins Nähere und Wärmere, Mary Lynch aber erkundigte sich bei Pat: »Sohn, ich vermute, George benimmt sich unziemlich? Was machte er mit seiner Schwägerin?«

»Ich denke, er benimmt sich lustig«, antwortete Sohn Pat und beobachtete das Messer und die Gabel, mit denen Pater Gomez einen Hähnchenschenkel zu zerstückeln begann, dem frommen Gast aus Malaga gelang das mit Bedacht und Akkuratesse.

Frederic Fitzpatrick aber hatte sich nun erhoben, der stand nun da und wollte singen. George stieg zurück auf seinen Platz, Betty verstaute ihre Massen, Piepsie hatte derweil nicht aufgehört zu saugen. Henker Frederik, das Hausfaktotum der Lynchs, wollte jetzt also singen, doch bevor er den Mund auftun und Luft holen konnte, hörten Pat und fast alle, was Mary Lynch murmelte. »Wahrscheinlich geht’s wieder um Wettstreit. Mit Wettstreit der Männer, mit Männerstreit begann und endet alles. Opera rotas.«

»Mit Streit?« fragte Sohn Pat, der Junge mit dem zarten gelben Haar.

»Mit Wettstreit«, sagte die Blinde.

Spaßbold George nickte: »Auch Märchenmann O’Brian sagt, Streiten und Wetten ist Anfang und Ende. Am Anfang, ich bin sicher, war’s ein lächerlicher Hahnenkampf, der entscheiden sollte, wer von zwei Männern recht hatte. Hab ich recht?«

»Am Anfang von allem«, sagte Mary, »war ein jämmerlicher Wettlauf.«

»Ire gegen Ire?«

»Weil der König im Norden behauptet hatte, das Pferd des Königs im Süden sei langsamer als eine schwangere Frau, bestand der König im Süden darauf, dass seine Frau, die hochschwanger war, einen Wettlauf machen sollte mit dem Pferd des Königs im Norden.«

»Und das fand statt?«

»Das fand statt.«

»Wer gewann?«

»Die Frau war erste im Ziel. Im Ziel aber gebar sie. Und hat, im Sterben, Irland verflucht. Die jungen Männer zu immerwährendem Wetten und Streiten. Die jungen Frauen zu immerwährender Schwangerschaft.«

Als in der Schreckensstille, die nun folgte, alle ein wenig gründlicher anfangen wollten mit Nachdenken und schweigsam wurden, da hat der Sänger und Henker Frederic Fitzpatrick seinen Mund tatsächlich aufbekommen, hat aber nicht gesungen, sondern geredet, was selten, was höchstens alle drei Wochen vorkam. Und weil Fitzpatrick die Klage des Paters Gomez nicht überhört hatte, sagte er Folgendes: »Also gut, dann singe ich heute von Maria.«

Der krumme Henker und Sänger Frederic, dessen schiefe Figur statt eines ordentlich gerundeten Kopfes die Krone der Verkrümmtheit trug, wollte nun tatsächlich ein Maria-Lied singen, ein Freundlichkeitsliedchen, dem andalusischen Gast Gomez und Mary Lynch zuliebe. Frederics Linien von Kinn und Backen, von Stirn und Nacken schienen etliche Male unschlüssig gewesen zu sein, welche Richtung sie endgültig einschlagen sollten, immer wieder nahmen sie überraschend andere Wendungen. Und nun stand er da, dieser winkelreiche fünfundsiebzig Jahre alte Frederic Fitzpatrick, der Henker und Hausgeist in diesem enormen Bau, in Lynch’s Castle, stand da mit einem roten Fleck über dem linken Backenknochen, der sich immer dann zeigte, wenn die Poesie ihn ergreifen wollte oder schon ergriffen hatte, riss sein Maul auseinander, heulte los und sang.

Pat, der gelbe Junge, hörte unterdessen nicht auf, an Froschschenkeln und Krebsscheren zu nagen. Neben ihm schaute seine Mutter lächelnd in sich hinein, unten am Tisch kippte George sich neuen Malaga ins Lästermaul, und Pater Ricardo aus Spanien tat unverändert so, als säße außer ihm und Mary nur der Heilige Geist an Lynchs Abendtafel und seien die wichtigsten Gottesgaben Hühnchenfleisch und Gabelzinken. Kirwan, sein deftiger Bruder von der anderen, von der neuen Kirche, besprach weiterhin stumm den Schoß der süßen Julia Blake, Fräulein Blake jedoch stierte auf die edlen Züge des spanischen Paters. Und Pat schloss die Augen und sah deutliche und von Mal zu Mal verlockendere Bilder seiner Agnes, der zweifellos Schönsten im keltisch gälischen Galway.

Frederic, mit knäbischer Nasenstimme, legte los.

Vor Zeiten, ihr Freunde, da gab es zwei Brüder,

in Galway gab’s die, und zwar, ich meine

James war der Große, mit dem ging es nieder,

und John, tatsächlich, so schlicht hieß der Kleine.

Maria, was hattest du vor mit den beiden?

Diese Frage beschäftigte auf der Stelle die gesamte Runde, die wurde sofort nachgesungen, mit Kraft und Vielstimmigkeit. Der Krumme tat derweil seine Nase in den Becher, ihre Fliederfarbe machte klar, dass er sie oft hineingesteckt hatte.

»Wo bleibt der Gnom!« schrie George. Fitzpatrick schien das zu überhören, sang unbeirrt die nächste Strophe.

Der Vater, der liebte den James, den Großen,

dem vermachte er Handel und Haus und Grund.

Seinen mickrigen John hat er so gut wie verstoßen,

der bekam nur die Klitsche mit Stroh von dem Hund.

Maria, was hattest du vor mit den beiden?

Jetzt fragten alle schon gleich beim ersten Mal, zusammen mit Frederic, was die immer wieder unerklärliche Maria mit den dermaßen verschieden ausgestatteten Brüdern im Sinn hatte, und der Sänger, diesmal vom Kehrreimsingen entlastet, nutzte die Pause zu einem doppelten Zug aus dem Topf, den er dann, als die Tafelbrüder die zagende Frage zu Ende geklagt hatten, der Nachbarin Betty hinschob, zum Nachfüllen.

Die Stimmung war gut. Zwar saß Pater Ricardo zwischen Pat und George unbewegt und aufrecht wie ein Grabkreuz und verzog keine Miene, jetzt aber legte er die Gabel immerhin beiseite und lauschte und es schien, als singe er die Maria-Zeile teilweise und zögernd mit, hatte jedenfalls sein schönes Gesicht ein wenig erhoben, blickte vom Hühnchenfleisch weg, sah zum singenden Hausmeister hinüber, ja, am Auf- und Zugehen seines feinen spanischen Mundes war zu erkennen, dass er den Refrain mitzusingen suchte, was bislang nicht vorgekommen war bei Frederics Liedern mit all ihren zweifelhaften Ereignissen. Mochte sein, die Anrufung der Christusmutter hatten den dünnen dunklen Mann in derart leichtsinnige Stimmung versetzt.

Wer nahm ein Weib und kriegte zwölf Kinder?

John war’s und kriegte sie selten satt.

Allmählich verreckten ihm Rinder und Kinder,

James aber war der Lord in der Stadt.

Maria, was hattest du vor mit den beiden?

Nun, da die Ungerechtigkeit auf Erden wieder mal bewegend deutlich geworden war und geradezu himmelschreiend, jetzt, weil da auch jetzt nur noch ein Wunder helfen konnte, sang auch der kluge und fromme Don Ricardo den Schluss von Beginn an mit, und die junge Julia, glasigen Blicks, schlug gar ein Kreuz. Wie würde das wieder enden, sicherlich auch diesmal mit Bestrafung hier und mit Belohnung dort, fragte sich nur, für wen und wie das gelingen und wie das verteilt werden würde auf den armen John und den reichen James, mit dem ganz offensichtlich auch an diesem Abend vor allem die Lynchs gemeint waren oder aber die Blakes oder die Joyes. Georges Mutter, die alte Blake am unteren Ende der Tafel, die tuschelte aufgeregt erste Deutungen in ihres Gemahls Miesmuschelohren, offenbar hatte Großmutter Blake das neue Abendlied des Fitzpatrick durchschaut, Kirchenfrommes kam selten dabei heraus, der Pater würde sich wieder erschrecken müssen.

»Wo, zum Henker, bleibt der Gnom!« rief ihr Sohn, George Blake rief das diesmal an die Hallendecke, ließ das an die Balken hinaufschallen, weil er mit einer Antwort an diesem satten Abend schon gar nicht mehr rechnete, von diesem Sänger erst recht nicht, doch nach dem Gnom musste er rufen, das verlangte sein Ruf als Zwischenrufer und Schwätzbold.

Früh trieb der John sein letztes Rind

durch das Moor in die Stadt. Warum früh, fragt ihr?

Weil am Markt dann erst wenige Viecher sind,

da bekommt man vernünftige Preise dafür.

Maria, was hattest du vor mit den beiden?

Pat Lynch bemerkte beim Kehrreimsingen, dass Julias glubschiger Blick immer noch allein dem Pater Ricardo galt, nicht etwa dem einheimischen saftigen Alexander Kirwan, der ihr den guten Griff machte. Zum Henker, statt sich an Galways ortseigenen Gottesmann zu halten, versenkte sich diese dumme Cousine in die südländische Fratze, mit Kalbsglanz in den Augen.

Früh kam auch der Gnom, drang durch Nebel und Moor

und bot unserm John ein Fass für das Rind.

Da zauberst du, was du willst, draus hervor,

ob Reichtum, ob Glück, ob Gesundheit fürs Kind!

Maria, was hattest du vor mit den beiden?

Pat mochte sich gar nicht beruhigen beim Anblick dieser Julia und vergaß diesmal, den Kehrreim mitzuheulen. Den einen walken lassen, dem anderen sich auftun? Rätselhaft fand er die halbgare Göre, schleunigst hinüber musste er zu seiner Agnes Joyes, die wartete längst, nun sah er wieder die listigen Glitzeraugen seiner Agnes, diese hellgrau blitzenden Augen unterm dunklen Haar, die konnten funkeln wie kein Stern am Himmel, und so überhörte Pat um ein Haar, wie glänzend es inzwischen dem armen John ging in Fitzpatricks neuer Ballade.

Der John, der griff zu, rollt’ nach Hause das Fass

und lebte vergnügt und in gnomischen Freuden.

Doch der James bekam Wind, den störte der Spaß,

der konnte Vergnügen bei anderen nicht leiden.

Maria, was hattest du vor mit den beiden?

»Frederic!« schrie nun wieder der George und rief mitten in die Ballade eine seiner immer mal wieder unpassenden Fragen: »Wie, zum Henker, fühlst du dich, seit du im neuen Galway-Gesetz der Galgenvogel bist?« Keine Antwort kam, kein Kommentar, das war auch besser so, zu ergriffen war die Runde vom Lied über die feindlichen Brüder, zu neugierig, wie es enden würde mit dem großen James und dem kleinen John und mit dem Glücksfass, zu bewegt war die alte und ewig neue Geschichte der harten Ungerechtigkeit, als dass man sich jetzt an Frederics spezielle Aufgabe erinnern lassen wollte. Wie’s denn wäre, hatte George vor der Abreise den Richter und Bürgermeister Lynch gefragt, als das neue Galway-Gesetz heraus war und von allen gebilligt und abgesegnet, wer denn, wenn’s wirklich mal römisch-rechtlicher Ernst würde, wer denn dann die Vollstreckung auszuführen hätte. »Wozu haben wir unseren Frederic?« hatte Fitzstephen Marcus Tullius Lynch gemurmelt und an die Geschichte vom Köhler David Gallagher erinnert, der vor fünf- undfünfzig Jahren tatsächlich aufgehängt worden war auf dem Galwayer Galgenplatz, auch damals schon vor dem Osttor. Und von wem? »Wozu haben wir unseren Frederic?!«

Frederic winselte weiter die Geschichte von Reichtum und Neid, und seine helle alte Stimme klang nun leiser, klang verzagt, ja schwermütig.

James handelte hoch und stapelte tief,

James bot unserm John halb Galway vor Hass,

doch erst, als er geheim mit Johns Eheweib schlief,

da wusste er alles vom Gnom und vom Fass.

Maria, was hattest du vor mit den beiden?

Diese wüste Wendung behagte dem Pater aus Spanien nun wieder gar nicht, diesmal beteiligte er sich nicht am Kehrreimsingen. Frederic Fitzpatrick aber kam nun zum Schluss, trat jetzt hinter seinen Stuhl, was er immer tat vor der letzten Strophe und das wusste man an dieser Abendtafel so gut, dass Großmutter Blake die Miesmuschelohren ihres Mannes endlich nicht mehr beflüsterte und sogar Julia ihren Blick von Don Ricardo löste, so dass nun alle nur noch sorgenvoll den krummen Sänger betrachteten. In der Hoffnung auf ein gutes Ende schlugen die Frauen noch rasch ein Kreuz, auch wenn das in der neuen Religion nicht mehr vorgesehen war.

Früh trieb auch James ein Rind durch das Moor.

Auch zu ihm drang der Gnom mit einem Fass für das Glück.

Doch sprangen elf Gnome daraus hervor,

die erschlugen den James in die Erde zurück –

Maria, das hattest du vor mit den beiden!

»Maria!« freute sich Mary Lynch, auch die Blakes samt Priester Kirwan freuten sich, Betty auch wieder lauthals, nur Pater Ricardo blieb still und hatte wohl allerhand Probleme mit dem tatkräftigen Zusammenwirken der Maria und der heidnischen Erdkräfte, alle anderen jedoch lehnten sich nun mit Behagen zurück und unter tiefen Schlucken, zufrieden, dass die Himmlische einmal mehr fürs Gute und Gerechte gesorgt hatte, man nickte, lächelte, rülpste, Pater Ricardo aber erhob sich, um zu gehen, verbeugte sich stumm zur Lynchmutter, als würde sie von seinem zierlichen Bückling was sehen können, der Spanier hielt auch in liederlichen Stunden korrekte Formen ein, mochte immerhin die himmlische Mary seine Manieren registrieren.

Pat und George blickten ihm nach, sahen, wie er gezirkelten Schritts aus der Halle ging, so gestochen und gerade setzte er die zierlichen Beine zwischen die verdauenden Hundebälger, dass George herausprusten musste und auch Betty und Pat zu kichern hatten, doch stören ließ sich der Spanier davon nicht, anmutig und unbeirrt zeigte er auf gezwirbelten Beinen seinen Schreitgang und verließ elegant die Halle, verließ sie durch eine dunkle Seitentür, George aber sprang auf und zog seine schwere Schwägerin vom Stuhl, stemmte die gute Betty samt Piepsie vor sich her und schob sie in Richtung Badehaus. Während die anderen dem quietschenden Strampelgespann nachblickten und zu folgen begannen und auch Priester Kirwan sich am Tisch nicht länger aufhalten mochte und dem fröhlichen Paar hinterdrein schwankte, dorthin, von wo man nun schon Plumpsen hörte und Spritzen und wirres Gekreisch, während also fast alle anderen hinüberschwappten ins Dampfende, in Herrn Marcus Tullius Fitzstephen Lynchs sagenhaftes Badehaus, sah der junge Pat Lynch, wie Fräulein Julia, wie die grüne glasige Julia zu Mary Lynch hinübergesäuselt hatte »Dann geh auch ich«, wie die jetzt kurz vor der Badehaustür zur Seite wich, durch die dunkle Seitentür, wie die auf ihren ungesicherten Weinbeinen plötzlich in eine ganz andere Richtung stakste, zum Hof hinüber, als sei sie es, die in Don Ricardos Kapellenhaus spanischen Unterricht zu nehmen hätte. Da sagte Pat: »Mutter, erlaube, dass ich zu Pater Ricardo gehe ins Kapellenhaus, zu spanischem Unterricht.«

Er stand auf, doch die Mutter hielt ihn fest. Ob Ricardo denn jetzt schon gehen und nicht lieber noch ein bisschen weiterfeiern wolle, fragte sie, bedauernswert blind. – »Er ist weg, als erster hat er sich verabschiedet«, sagte Pat und blickte zum anderen Ende der Tafel, weil er sehen wollte, wohin jetzt noch die alten Blakes gingen, ja, mit Ausnahme von Julia wollten alle hinter George und Betty und Kirwan her, allesamt ins Badehaus, wenn die Tür aufging, kam mit dem Fackellicht Johlen und Geschrei.

Nur Frederic Fitzpatrick, neben Mary und Pat Lynch noch immer an der Tafel, dem war das alles einigermaßen egal, der achtete auf keine Zwirbelbeine und Dampfschreie und Nebenwege, der sah weder diesen noch jenen Umtrieb mit Geistlichen oder mit Schwägerinnen, sondern zog sich die Weinkanne an seinen Platz, damit die nicht von Ann und den Küchenvetteln fortgeschleppt würde, zog sie dicht an sich heran, hängte sein winkelreiches Gesicht über den Topf und soff sich neue Gnomenkräfte an.

»Dann geh du nur, Jungchen«, lächelte Mary, hielt aber ihren Sohn noch fest. »Lern Spanisch, dein Vater wird sich freuen, wenn du dich mit dem Gomez-Sohn, der da kommen soll, sofort gut unterhalten kannst, obwohl ich mich erinnere, dass auch der junge Sohn unser Handels-Englisch schon ganz gut beherrscht hat und sogar das Lateinische. Solltest du jetzt aber, wie ich fast vermute, gar nicht zu Don Ricardo wollen, sondern –«, sie zog nun ihren Sohn noch enger an sich heran, so dass der saufende Frederic den Namen, den sie jetzt nennen wollte, nicht würde verstehen können, nein, von Agnes durfte vorerst niemand irgendetwas wissen, »– so will ich dir nur eines sagen: Dein Herz magst du elfmal riskieren. Doch niemals den Kopf verlieren.«

Pat nickte heftig, aber die Mutter sah das nicht, ach, die sah vollkommen andere Dinge. »Auch hab ich gehört, du hättest im Bowling Green, hättest im Kegelgarten die alte Schoß-Hexe Sheela-na-Gig wieder ausgegraben, obwohl Pater Ricardo sie ganz und gar verdammt hat, versenkt hat er sie im Erdreich.« – »Aber sie gehört an unsere Kirche St. Nicholas, seit je, Kirwan hat mir’s erklärt, oben links über den Haupteingang gehört sie.« – »Schon wahr, nur der Pater sieht das anders, Seiler McDonnell hat ihm geholfen, das abzuschrauben und zu vergraben im Bowling Green, im Kegelpark, das Schreckbild, die Frau mit dem übergroßen Schoß.«

»Priester Kirwan hatte mich heftig gebeten, hol mir das Freudending wieder aus der Erde, die Gnomen muss man ehren wie die Heiligen. Kirwan will die Sheela-na-Gig wieder befestigen lassen vorn an St. Nicholas, neben der Meerfrau.« – »Ich weiß, Kirwan ist zum Glück lebenslustig. Überall, wo lustige Leute leben, prangen an Kirchen solche Steine, sogar in England.« Und ihr ›Jungchen‹ konnte sich nun endlich losmachen von der Mutter, schlich sich hinaus, Pat lief mit den Hunden in den Hof, aber am Kapellenhaus des Paters ging er vorüber, ging auch an Fitzpatricks Kerker vorbei. Schon seit drei Jahren stand das graue Verlies leer. Was scherte das alles ihn, den guten gelben Jungen, der sah nun die Augen und den wilden Schoß und gab, weil er fast über ihn gestolpert wäre, einem schenkelverfressenen Köter einen Tritt, dass der davonsprang, mit hellem Ton und schniefend.

Hier draußen roch er die Mondnacht, den lauen Wind, Südwind war das, mit solchem Wind würden die Schiffe bald hier sein, in diesem milden Wind sprang er über die Mauer auf die Hinterstraße, die zum Joyes-Haus hinunterführte, am stinkigen Kanalbach entlang. Wie dieses Kanalwasser heute so silbrig leuchtete, heute, an einem Dienstag, ekelhaft schön rumorte das zwischen bleichen Schädelsteinen hinunter, tat edel und elfengrau, dabei durfte in den Kanal nur donnerstags nicht geschissen werden, weil in dieser Stadt der Weinhändler, weil in diesem wasserreichen Galway an den Donnerstagen noch immer gebraut werden durfte, nach altverteidigtem Vorrecht des Bierbrauers Douglas O’Donnoghue.

Was wussten von solchen Vorrechten und Vorschriften Mond und Wasser und Elfensteine, das Brauwasser gurgelte in sich herum und zerspiegelte den alten himmlischen Freund, zersplitterte das Himmelslicht in vielerlei Glitzermonde und ließ das Silbrige neben Pat die Steine hinunterspringen zum Joyes’ Castle hin, dorthin, wo Agnes wartete.

Wie er aber so den alten Hinterweg hinunterstolperte zum rauschenden Hauptfluss, zum wilden großen Corrib hin und wie er im Stolpern versuchte, die fünf lateinischen Wörter zu murmeln, die George gewusst hatte, die man von vorn wie von hinten lesen konnte und die so oder so dasselbe sagten – opera arepo – mehr fiel ihm erst mal nicht ein – und wie er zu bedenken begann, ob es stimmte, dass vor und hinter allem das Wettstreiten der Männer lauerte, da raunzten ihn plötzlich aus der Ecke an O’Brians Schafstall drei Großväter an. Die hatten sich von zuhause weggedrückt, hatten sich’s gemütlich gemacht in der Ecke hinter William O’Brians Nebenhäuschen, bei der warmen Nacht hatten die ein Feuer mit Holz und Torf gezündelt, um zu räuchern und Bier zu bechern und über die neuen Zeiten zu grumbeln, und wie sie so gerade mittendrin waren im vorsichtigen oder frechen Gemäkel über Gott und Lynch und die stolze neue Galwaywelt, da kam Pat vorbei, der Kronprinz, na, da konnten die drei den schlecht an O’Brians Schafstall vorbeilaufen lassen und so tun, als wären sie gar nicht hier, nein, da hieß es: Komm her, Söhnchen, setz dich zu uns, schau, da ist noch ein Becher, aus dem hat zwar schon der Bierbär O’Donnoghue getrunken, aber der musste zu seinen Kesseln und Fässern oder wer weiß, wohin der musste – trink, Junge, trink was Gutes!

»Nicht wahr, du staunst, dass wir hier mitten in der Nacht herumsitzen?« – »Und du aber? so spät noch? wohin?« Das wollte O’Flaherty wissen. – »Lasst euch nicht stören.« – »Rendezvous mit einer geheimen Prinzessin, nicht wahr?«

»Zur Bucht hin. Schauen, ob sie vielleicht schon kommen, im Mondlicht wären sie jetzt zu sehen, beim Eingang der Bucht, am Black Head. Der Vater aus Spanien. Und die anderen zwei.«

»Keine Sorge, das würde gemeldet. Mit viel Geschrei.«

Die hatten sich aus Mauersteinen einen Ofen gesetzt, kniehoch nur, aber das reichte, um unten Holz und Torf einzulegen, um heftig Qualm räuchern zu lassen und um oben junge Heringe in den Rauch zu hängen, auf Weidenstöcke gespießt, gerade war wieder eine Spießrunde fertig, das sollte er mal probieren, auch wenn er im Castle schon gegessen hätte, so gute, so frisch Geräucherte bekäme er so bald nicht wieder, jedenfalls nicht mehr in Galway, knurrte MacBride, und Märchenmann O’Brian nickte dazu und Gottseidank, übers Essen und Trinken hatte man was zu reden mit dem jungen Lynch und der ließ sich von O’Brian den Lateinspruch vorsagen, den die einen von vorn und die anderen von hinten kannten und immer meinte der dasselbe, und Pat lernte das nun auswendig.

»Trinken kann man ebenfalls immer, das nützt von vorn wie von hinten, jedenfalls Dunkles vom O’Donnoghue.« O’Flaherty bot ihm noch einmal einen Becher, MacBride aber knurrte: »Bier und Hering? Ist ihm nicht gut genug. Engländer mögen Besseres.« – »Weil ich satt bin, bin ich Engländer?« – »Die Lynchs, die Joyes, die Blakes, sie allesamt bleiben Engländer.« – »Wie lange? Fünfhundert Jahre? Tausend?« – Aber Pat nahm dann den Becher und trank das Dunkle, tat das nicht ungern und setzte sich endlich.

Trank und schaute sich die alten Köpfe an, sah, wie ihre Gesichter leuchteten, vom Mond bekamen die Licht und ab und an vom Öfchen her, immer wenn der Deckelstein vom Feuer genommen wurde, sah er, wie da der Flammenschein über sie sprang und die wässrigen Augen blitzten. Diese Nölbaschen, diese Käuze, die musterten auch ihn sehr genau, den Junior, als ahnten sie, wohin es den in Wahrheit zog, jetzt noch in der Nacht, aber wenn sie’s genauer gewusst hätten, dann hätten sie enorm zu denken und zu maunzen gehabt und wären nicht so freundlich geblieben auf ihre verknurrte Art.

»Schönes Plätzchen habt ihr hier.«

»Schon wahr«, seufzte O’Flaherty. Und der Rundkopf und Märchenerzähler William O’Brian erläuterte: »Man sieht die Bucht. Das ist das Wichtigste. Siehst du, wie sie schimmert, hell unter den düsteren Bergen, von hier aus bis zum Black Head hin?«

In der Tat, hinter O’Brians Schafdach glitzerte es. Und fern darüber standen die schwarzen Schatten, die runden Felsenberge. Silberlicht goss sich über die Galway-Bucht und hob am hintersten Eck auch den Black Head dunkel heraus wie einen riesigen Geisterbuckel. Davor, vorn rechts sah man im Mondschimmer den Mount Golgatha, mit der Steilkante zur Bucht. Dieses Wassergeglitzer, klar, das weckte den alten Jammer in den Bierköpfen. Und dann war’s Patrick MacBride, der das nicht länger zurückhalten mochte, nach einem Schluck aus dem Krug.

»Pat Lynch junior«, holte der alte Fahrensmann Patrick MacBride bedeutsam aus und hob beide Hände. »Unter deinem großen Vater mag Galway blühen, mag es wachsen und qualmen wie es will, dein großer Fitzstephen jedoch weiß im Grunde nicht, was er anrichtet. Du hörst es nicht gerne, aber wissen solltest du’s. Rechtzeitig. In jungen Jahren musst du das begreifen, nicht erst, wenn alles zu spät ist und im Wasser liegt. Wenn dein Vater dich zum Ass und zum Obersten gemacht hat hier, und das wird er tun, sie werden dich wählen, schüttel nicht den Kopf, das wäre der erste Lynch, der das nicht versucht und der letzte, der das nicht geschafft hätte.«

Nach so viel Rede war dem Großvater MacBride die Kehle trockengelaufen, er schüttete sich Dunkles nach, ächzte, hustete, fand aber die weiteren Worte nicht. Mit Mondaugen schielte er hinter sich, und darauf hatte O’Flaherty, der rotglühende Vielweibermann, nur gelauert, ohne Zögern und langes Einleiten konnte und musste nun Flann O’Flaherty einspringen und fortsetzen.

»Pat, hier beim Feuer, kurz vor der Totenstunde, da sagen wir’s dir, dem Kronprinzen, offen – sagen es auch ohne dass Fee Banchee erst ihre schwarzen Rufe hören lassen muss, die vermaledeite, die Todesfee.«

»Was willst du mir sagen?«

»Bevor dein Vater heimkehrt, morgen oder den Tag danach, schon jetzt sagen wir es dir in Deutlichkeit, und uns verrackerten Alten kann keiner eine Wahrheit krumm nehmen, wir liegen ohnehin bald unterm Grün –«

»Nun sag’s ihm«, brummte O’Brian.

»Teufel, lass mich ausreden«, giftete O’Flaherty, »schenk lieber dem Jungen nach. Was ich sagen wollte – wir haben ein klägliches, ein Affenleben in unserem alten Claddagh, das doppelt so alt ist wie euer goldenes Galway. Und zwar seitdem die Räte der edlen Stadt Galway deinen Vater, der, Gott sei’s geklagt, ein Ausbund ist an Vernunft, spätestens, seit die Herren Räte deinen Vater Tullius nicht nur fast alles regieren, sondern obendrein alles richten lassen. Ich weiß, was du sagen willst, Pat, du willst mir sagen, erstens sei ich doch selber im Rat von Galway und zweitens geht es uns gut, willst du sagen, ja, besser als je zuvor geht es uns, in der Tat, es geht uns kurios, so toll geht es, dass jeden Morgen euer Sänger Fitzpatrick nur eine von eueren Hausvetteln rausjagen muss, hinunter ins Claddagh, damit sie bei uns zur Küchentür reinschreien kann, Graf Cluricaun auf Killmanroy oder sonst ein versoffener englischer Adelssack hinter den Bergen braucht zwei Fass vom Einunddreißiger und zwar sofort, dann sucht man nicht lang und denkt nicht groß an frühere Fahrensfreiheit zur See, dann müssen wir ran, dann ist mein Sohn Edward oder sind die Söhne O’Brian oder Sohn MacBride gerade in wichtigen Soldatengeschäften unterwegs oder sie segeln mit unseren englischen Herrschaften um Andalusien herum und dienen den spanischen Geschäften des Herren Lynch oder des Herrn Joyes oder der Herren Blake, kurzes Elend: Ich alter Flann O’Flaherty und MacBride und der olle Märchenmann William, wir drei Saufnasen, wir sind dann dran, die Großväter selber spannen die Gäule vor und machen den Fuhrknecht für Väterchen Fitzstephens großartiges Galway – na? was sagt ihr? ist es so?«

»Es ist so«, bruddelte William O’Brian. – »Und man kann sagen, was immer man sagen will, Engländer bleiben sie«, knurrte MacBride. – »Auch das ist so«, nickte O’Flaherty, »selbst wenn die Lynchs, Blakes, Joyes und Skerretts noch weitere hundert Jahre spanische Schwimmpaläste bauen und wenn sie am Ende aus dem alten Fischfangstädtchen ein neues Rom machen.«

»Selbst dann bleiben wir Engländer?« Pat tat belustigt.

»Und neuerdings Protestanten«, sagte MacBride, »Papstverräter.«

»Die uns Iren für Papisten halten, für hirnrissig, für Barbaren«, wusste O’Flaherty.

»Und die uns schuften lassen wie Sklaven.«

»Sklaven?

»Als Fuhrknechte, als Dock- und Drecksarbeiter«, sagte MacBride.

William O’Brian freilich meinte: »Das hat auch sein Gutes.«

»Wieso, Dummbeutel«, kodderte MacBride. »Du meinst, wir kriegen fürs Kaputtrackern so viele Münzen wie nie zuvor, dreimal, fünfmal so viele wie die Großväter – aber für das Silber, das spür ich jeden Abend, verkaufen wir unsere Seele, muss ich das ausgerechnet dir erklären?«

Märchenmann William ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Nicht nur die Bezahlung, auch die Sitten sind auf die Dauer netter geworden. Die Frauen und die Priester fröhlicher. Das Essen besser. Die Häuser gemütlicher und regendicht. Bei fast allen.«

»Ist das ein Trost?« fragte O’Flaherty. »Wir sind Fuhrknechte.«

»Handelssklaven«, verbesserte MacBride.

»Das nennt sein Vater anders. Das nennt er: Galway aus dem Schlaf reißen. Aber wo denn bleibt uns Schlaf! Sähe meine Mutter, für wen ich rackere und nach wessen Kommando – wehe über mich.«

»Sie sieht es, Flann«, knurrte MacBride, »sie sieht’s gewiss.«

»Aus ihrem Fegefeuer heraus sieht sie’s«, bestätigte O’Brian.

»Richtig. Und das ist das Üble am Fegefeuer, dass man in der Vorhölle endlich all die Niedertracht sieht, die auf Erden immer nur verhüllt umherschleicht, nett und lieblich eingekleidet. Sobald du aber zu deiner Mom kommst, Flann, fegt sie dir im Fegefeuer das Fell. Wirst sehen.«

So maulten die drei noch manchen Altersjammer und vergaßen bisweilen den jungen Mann, den unbändige Sehnsucht trieb, schon allzu lange wartete jetzt Agnes Joyes, die Schöne, die Liebevolle, die hellen Augen unterm dunklen Haar, aber nun hing er hier fest bei diesen drei Alten und musste freundlich sein und geduldig.

Und als O’Flaherty merkte, dass Pat sich gern davongestohlen hätte, wusste der eine andere Bosheit zu zischeln. »Vom spanischen Pater hörten wir, dass du den Stein wieder ausgegraben hast, die Teufelsfigur, das Bild vom schlingmäuligen Riesenschoß.«

»Das Bild, so hat’s mir Kirwan erklärt, ist uraltes Galway-Gut – was hast ausgerechnet du gegen lustige Frauen. Erstens hat Priester Kirwan mich darum gebeten, weil Sheela-na-Gig zum Schmuck seiner Kathedrale gehört. Ab morgen wird sie an St. Nicholas wieder zu sehen sein. Und zweitens ist die Schoß-Hexe, sagt Kirwan, nicht nur Schmuck, sondern ein hilfreicher Schatz, ein Schutz gegen das Grimmigste, gegen die Banchees, gegen alle Übel und schwarzen Todesgeister, in euerem Claddagh wie in Galway.«

Da sagten sie erst mal nichts mehr, die Brummbrüder. MacBride stellte sich ins Dunkle und begann zu pissen und sagte: »Kann sein, da hat er recht. Das freche Schoßgesicht, das sorgt für Spaß. Vor allem für dich, Flann, das stimmt. Aber ansonsten bleiben die Übel bestehen. Denn die Verräter des Fischers Petrus, die englischen Stämme, die lassen von Galways goldenem Glück zwar Silbermünzen springen, am Ende aber nur den Dampf, der hier vor mir aufsteigt.«

Da lenkte im Feuerschein der Flann O’Flaherty seine Wasseraugen noch einmal auf Pat Lynch und jaulte: »Du meinst, ob wir nun über Fischgründe fahren oder mit Fassfuhren in die Grafschaften, da sei eines so gut oder schlecht wie das andere, Hauptsache sei eine gute Bezahlung?«

Pat zog es vor, nicht zu antworten, nickte nur und wollte endlich weg, dort unten im Joyes-Turm beim Hafen, über den Dächern im oberen Fenster, da meinte er immer noch Licht zu sehen, Agnes wartete. Nun beugte sich aber O’Flaherty noch einmal vor, zeigte ihm sein feuerrotes Triefgesicht, tätschelte Pats Schulter gönnerhaft, der listige Vielvater O’Flaherty, dessen Familiensinn in Galway bedeutenden Ruf genoss, zumal bei den Frauen, Witwentröster nannten sie ihn und erzählten sich bis hinunter nach Limerick, dass O’Flaherty auch Isobella, die Schwester seiner Frau, verheiratet mit seinem Sohn Edward, mit drei Buben versehen hatte, alle drei mit der Neigung zu feuerroten Gesichtern, hätte aber Frauen wie Kinder ordentlich versorgt und ließe sie allesamt in seinem breiten Haus wohnen, unten an der anderen Hafenseite, im Claddagh, in der irischen Niederstadt – O’Flahertys Familiensinn berechtigte ihn also zu solch großväterlichem Handauflegen, wenn auch kaum zu den Worten, die er jetzt meckerte: »Dein Alterchen, dieser John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch, der ist mindestens der Zweitklügste zwischen Cork und Connemara, aber – weißt du, Pat – ich mache mir herzlich wenig aus allzu viel Klugheit, und, bei meiner mannstollen Großmutter, das ist die Wahrheit – die Wahrheit!« Zog die Hand von Pats Schulter zurück, rückte und ruckelte seine krummen Hüften zurecht und ließ, kaum hatte er zum zweiten Mal das Wort ›Wahrheit‹ herausgebracht, einen lang klagenden Darmwind in die Nacht heulen. Da sang er einen so traurigen und innigen Ton, dass Märchenmann William O’Brian kopfnickend und lächelnd gestehen musste, Flann O’Flaherty habe trotz seiner ungehobelten Sitten in den meisten Fällen schon doch auch recht.

»Wahrheit!« hörten sie nun jedoch von dort, wo MacBride inzwischen seine Hose geschlossen hatte, und »Londoner Geschwall!« rief der und dann: »›Wahrheit! Was ist das?‹, fragt schon Pilatus in der Bibel. Wahrheit, Freunde, hängt ab von der Menge der Drinks in meinem Hirn.«

»Wie wahr«, fand der Märchenmann O’Brian. »Mir jedenfalls macht Bier wahrere Wahrheiten als Malaga.«

»Pat, du hast es nie erlebt«, nörgelte MacBride, der sich wieder vor den Ofen hockte, »man kann es einem Lynchkopf wie dir auch gar nicht verdenken, dass du keine Ahnung hast. Als einer, der spanisches Latein kann und das Abrakadabra der Handelsgauner, als Kronprinz dieser schönen neuen Welt kannst du unmöglich wissen, was es heißt, dass die Seele auf eigenem Kahn fährt. Nicht gesteuert wird, sondern selber steuert.«

»Gott, es reicht«, mahnte Märchenmann O’Brian. »Was kann das Jungchen dafür?«

»Am Ende ist das Jungchen Lord Lynch, ist Ass und Boss und Häuptling und obendrein Richter«, fauchte Flann.

»Also gut, lassen wir ihn in Ruhe«, befand MacBride. »Und die Idioten, so sagt mir das jetzt mein siebter Drink, die Idioten sind in Wahrheit wir. Denn seit dieser nette Kronprinz neben uns sitzt, reden wir nicht mehr irisch, sondern schnarren dieses unsägliche Englisch, oh ja, wir selber, wir Saufsäcke sind in Wahrheit die Deppen, kriechen ihnen in den Hintern, sogar in ihre lächerliche Sprache. Sollen doch die Lynchs irisch reden statt lateinisch und spanisch.«

»Ich sag’s ja«, ächzte Flann, »Gott lasse uns verwesen. Aber auch dein kluger Vater Marcus Tullius, in ein paar Jahren liegt auch er dort, wo nun Galways berühmtester Spanier liegen muss, unterm Dreck.«

»Aber Christophorus Columbus«, sagte O’Brian, »der hat zuvor immerhin eine neue Welt entdeckt.«

»Nichts anderes will mein Vater«, stieß Pat hervor.

»Was will er?« Die drei Alten richteten ihre Augen auf ihn, jeder ein bisschen anders als der andere, O’Brian recht eng, Flann aber sehr weit.

»Galway zu einer Neuen Welt machen. Hat er mir gesagt. Mit gerechten Gesetzen. Für alle, auch für Leute ohne Grundbesitz, auch für Leute, die gälisch reden.«

»Oh ja«, sagte Flann, »so etwas wollen viele Englische, so etwas lieben sie, die Heidenlümmel. Pater Ricardo hat uns das genau erklärt. Die Londoner Heidenlümmel wollen ein Paradies auf Erden, also nicht dort, wo es hingehört, nämlich zur heiligen Mutter Gottes, sondern hier unten in unserem Jammertal wollen sie prassen, weiß der Teufel, die englischen Schlaumeier und Klugredner versündigen sich.«

Pat schaute sich um. »Mein Vater macht im neuen Galway-Gesetz keine Ausnahmen. Hat Gälisch dem Englischen gleichgesetzt. Wer will, kann sogar Latein lernen und reden. Selbst Grainne Ni Máille, die Räuberin Grace O’Malley, hat Latein gelernt. Eines Tages, das seh ich schon kommen, da überfällt die wilde Grace mit ihren Männern abermals unser Galway und stellt uns dann Bedingungen in der Sprache der Römer. Aber redet nur weiter alle eure Klagen und Beschwerden, nur wäre es ein wenig sinnvoller, ihr würdet das alles meinem Vater sagen – ich jedenfalls muss jetzt heim.« Er stand auf. »Euer frisch Gebrautes ist gut, von dem versteht ihr was und nun genießt weiter unser irdisches Jammertal.« Und ging fort und tat, als ginge er zurück zum Turm, aus dem er gekommen war, zum Schein zurück zum Lynch-Castle, und es freute ihn, dass er ihnen zuletzt noch gut Bescheid gesteckt hatte, den Quengelbolden, den Nörgelkrautern, auch weil er vom Latein der Räuberfrau geredet hatte, sollten doch auch die Claddaghköpfe sich anstrengen und Denken lernen und Latein. Als er die Räuberin aus dem Connaught pries, waren sie baff gewesen, kam kein Wort mehr über die Sauflippen.

Weg war er, Pat Lynch, der ›Kronprinz‹, und nahm erst mal wieder die Richtung zurück, die Mäkelväter durften nicht das Geringste spitzkriegen von seinem Drang ins Joyes-Gelände. Vater Fitzstephen hatte ihn vor seiner Abreise beiseite genommen, »Pat, ich bemerke, wie gut du mit Agnes stehst.« – »Woher weißt du das?« hatte Pat gefragt und hatte damit alles verraten, so dass der Alte eine Weile nur freundlich lächeln konnte. Um schließlich zu sagen: »Lass es niemanden merken. Bis wir zurück sind.« – »Warum? Was ist falsch dran?« – »Wenn rauskommt, dass Joyes und Lynch sich verbinden könnten – ach – die Stadtpolitik lass mich machen. Warte drei Monate. Weck keine schlafenden Hunde. Ich wünsch dir Glück.«

Daran hatte Pat wiederholt zu denken und wollte verstehen, was an seiner Liebe zu Agnes falsch sein könnte oder gefahrvoll, was da zu verbergen war, wenn »Lynch und Joyes sich verbinden«, das wäre doch nichts weniger als das Ende eines sehr alten Wettstreits zwischen den beiden stärksten Clans in Galway. Pat hörte wieder die Stimme der Mutter, dein Herz magst du elfmal riskieren, doch niemals den Kopf verlieren. Diese Stimme hörte er auch jetzt, weitab von O’Brians Schafstall, als er über eine Mauer stieg und einen Umweg nahm und in ein sumpfiges Schweinefeld springen musste, in ein Wiesenstück, das zum Glück nach der wochenlangen Dürre trocken lag, da kam er auch im Dunkeln gut durch, blieb im Modder nicht stecken.

Auf dem verdorrt brackigen Terrain ging es zum Garten der Joyes, dort musste er auf eine zweite Mauer hinauf und oben weiterlaufen, in der Balance, der Mond schien hell genug, so dass auf der Mauerkante die Wackelsteine rechtzeitig zu erkennen waren, ja, auch auf dem Wackelsteinwall hielt Pat sich in gutem Gleichgewicht, balancierte in Eile, wie im Flug darüberhin, nun direkt auf das Joyes-Haus zu, unten im Saal war noch Licht, aber oben im Dachfenster nicht mehr, immerhin stand, wie verabredet, das Fenster zu ihrer Kammer offen, wenn das Mondlicht nicht täuschte.

Aber nun, zwischen dem Obstgarten der Joyes und dem Hof waren bis zum Burgturm nur noch wenige Meter, nur noch wenige Balancierschritte bis zur ersten Stallwand wären zu gehen gewesen, da brach unten im Joyes-Castle die Hallentür auf und polterten unter krachendem Gelächter zehn, zwölf oder noch mehr Hausgeister in den Hof, Sklavenfiguren lärmten und stoben da auseinander, wiehernd und paarweise, Pat blieb stehen im Schreck, stand starr auf der Mauer, da stolperten welche hinter die Bäume, mehrere verkrochen sich im Heuschuppen, einige gingen wohl zu den alten Räucherfischern und Zechern hinüber, nein, nicht alle bewegten sich weg, zwei jedenfalls verschwanden überhaupt nicht, diese beiden, zum Donner, die fanden es hier draußen im warmen Wind am bequemsten und meinten, unter der Mauer, auf der Pat balancierte, sei es am gemütlichsten, die wollten sich’s im Freien machen, ekelhaftes Packvolk. Pat erkannte den Tobby Keats, an der quiekigen Stimme merkte er, dass es der Tobby war, der vergriff sich an der Neuen, an Helen, an der frischen Küchenhilfe der Elisabeth Joyes, aus dem Connought, zugefahren mit einer der Fassfuhren wie so viele, die von Galways großem Glück gehört hatten und hier Arbeit suchten und fanden, klar, dass dieses junge Weib, dass diese lautlose glatte Helen dem Tobby Keats zu Willen war, auch die musste was tun, wenn sie was werden und bleiben wollte in dieser Stadt des Aufstiegs, wo man es als Magd mit einem Balg vom Keats immer noch besser haben würde als sämtliche Hungerleider drüben im rauen und leeren Connaught, besser als die Sklaven dessen, der sich Graf Cluricuan nannte, des englischen Bauernschinders, des Londoner Lügengrafs und Mordlords.

Musste das aber nun ausgerechnet jetzt und hier sein, direkt unter Pat Lynchs Nase, an der Mauer, auf der er sich jetzt ein wenig hinter dem Apfelbaumstamm zu verbergen versuchte, auf der er nur noch fünf oder sieben Schritte bis zum Stall unterm Turm hätte gehen müssen, zum Haus der Agnes, just unter diesen Apfelbaum hier schob Tobby die Neue gegen den steinernen Wall, hob ihr den Rock, und die, so neu sie war, machte sehr verständig mit, hielt sich mit den Händen am obersten schweren Kantenstein fest, streckte dem Keats ihre Hinterkugeln hin, die schimmerten in der Mondnacht wie Milch in den Wannen, Himmel, nun trieben es die schlafenden Hunde, vor denen der Vater gewarnt hatte, direkt unter Pat Lynch, er hatte sich geduckt, als könnte das bisschen Apfelbaum ihn verschwinden lassen, das Baumgezweig war kaum doppelt so hoch wie die Mauer, wer denn im windreichen Galway konnte schon großartig über die Mauern hinauswachsen.

Patrick Lynch wartete also, kniend, das helle Gesicht wendete er ab, drehte sich zur Seite, zum offenen Fenster dort oben, das sah er jetzt deutlich offen, aber neben und unter ihm, zu seinen Füßen, da sah er auch, zum Greifen nah, die weißen Hände der tüchtigen Neuen, sah, wie diese Hände sich festkrallten an dem harten Eckstein und sah, was für eine Korbflasche diese Helen abgestellt hatte, neben ihren Händen hatte sie die dort hingestellt, Pat hätte zugreifen, hätte sich bedienen können, hätten ihn Vater und Mutter nicht von früh an vorsichtig gemacht und klug und bedachtsam, ach, aber wenigstens ein Schluck jetzt aus dieser Flasche, in dieser verdammten Wartezeit voller Grunzen und Keuchen, ein Schluck wäre jetzt hilfreich gewesen, immer neu geigten die beiden nun ein und dasselbe Musikstück, fiedelten die heiß geliebten Galwayer Grundmelodien so wie das ganze Nächte lang die Streicher und Fiddler und Pfeifer in Irish Town musizierten oder auch in der Oberstadt, mit der immer gleichen Lust die gleichen Folgen mal eine Tonlage höher, mal tiefer, mal mit diesem, mal mit jenem Geschnörkel, diese gälische Ächz- und Hüpf- und Pieps-Musik aus dem Claddagh, die musizierte nun mit stoßendem Klatschen und Seufzen der Tobby Keats mit dieser biegsamen neuen Helen, das klang, als stapften da und schnauften Pferde, wenn sie die Wein-Fuhren ins Connaught hinaufzogen, in die Joyce-Berge zu den fernen Herrensitzen, wo es endlich auf der anderen, der nördlichen Hangseite steil hinabging und wo im Abwärtstanz hohe Fahrkunst nötig war und geschicktes Lenken und Eingreifen, lange konnte das nun unmöglich mehr gehen, wenn wenigstens der Mond nicht – das Gesicht ruhig halten – Gesichter schimmerten am hellsten –

Äußerste Heftigkeit war da sehr dicht bei äußerstem Stillhalten, und das Stillhalten war zweifellos die schwerere Aufgabe – sator arepo tenet opera rotas – inzwischen hatte Pat Lynch alle fünf Wörter perfekt im Kopf, aber sein Fuß begann nun zu kitzeln, das linke Gelenk wollte einschlafen, wenn er jedoch den linken Fuß bewegt hätte, wären Brocken in den Hof gefallen und am nächsten Tag wäre die Nachricht durch ganz Galway herum, vor welchem Haus der junge Lynch nachts auf die Knie zu sinken pflegte. Statt dessen erlaubte er sich jetzt den Griff zum kühlen Ding dort vor sich, griff im milchigen Licht frech zur Flasche, zur offenen, zur birnenförmigen im Korbgeflecht, hob die und nahm einen gründlichen Schluck und setzte das sanft und geräuschlos wieder ab, auf den bleichen Stein neben den weißen Mondlichthänden.

Bevor ein Steinchen ins Rollen geriet und schlafende Hunde wach wurden, kam die Gier des Tobby Keats an ihr Ziel, da durchzitterte auch den Mondhintern ein wonniges Beben, ein Anblick, der in Pat Lynch noch lange nachwirkte, fast wie ein Schrecken, denn die Antwort der Helen schien zu melden, das neue große Glück von Galway sei nun so allgemein geworden, dass es bis hinunter zu den Armen durchgeschlagen war, dort unten sogar zu den Frauen, ja, dass die Paradieslust nun alle ergriffen hatte, welch bewegende Signale.

Unter Seufzen und Japsen klatschte Keats seine flache Hand anerkennend auf die Kugeln, derb klang das, wie beim Pferdehandel, Helens Rock fiel zurück, doch der praktische Standort bei der Mauer war damit noch nicht aufgegeben, Joyesknecht Tobby kraulte seine Neue im Rücken und Nacken und die ließ sich’s gefallen, die zeigte sich hingegeben, sollte das Ganze etwa noch mal von vorn – opera rotas – da griff sich Pat einen der lockeren Mauersteine und schleuderte den mit Wucht drüben gegen das Schuppentor, wo die Holzwand mit dumpfem Donnern antwortete, die beiden Liebes-Arbeiter schraken zusammen und gewiss auch manche andere im Versteck dort drinnen und dahinter, Helen schnappte sich die Korbflasche, duckte sich unter Tobbys Verwirrung hindurch und rannte weg und sprang, darauf hätten sie schon vorher kommen sollen, in den nächsten Baumgarten hinüber, Tobby hinter ihr her, die tauchten unter zwischen Bohnen und Apfelbüschen – in Sheelana-Gigs Namen, der Weg zum Joyes-Haus war endlich frei. Pat balancierte die letzten sieben Schritte, stieg auf das Ziegenstalldach, erreichte von dort das Wohndach und kroch auf allen Vieren über moosige Steinplatten hinauf, auf das offene Fenster zu, dorthin, wo im schwarzen Viereck der Dachgaube das vertraute Gesicht schimmerte, denn Agnes hatte den Lärm in Hof und Garten nicht überhört.

»Küchenschaben«, ächzte er beim Hineinrutschen ins Zimmer, »Lustpack.«

Sie bedauerte und küsste ihn und schmeckte ihn ab und empörte sich. »Bier! Nach O’Donnoghues Bier riechst du.«

»Drei Großväter bei O’Brians Schafstall, die hielten mich fest, die räucherten da und soffen und stänkerten gegen meinen Vater, deswegen das Bierstinken, die Verspätung, sollte ich denen sagen, auf mich wartet Agnes? Und wonach, bitte, duftest du?« Inzwischen war seine Nase in diesen wie in jenen Körperwinkeln. »Ganz und gar höllisch riechst du, nach Sheela-na-Gig, oder noch schlimmer, nach Agnes Joyes, teuflisch widerlich liederlich duftet hier alles nach Moor- und Meerfrau Jolly Joy Joyes –«

Gürtel und Kittel waren längst geöffnet, doch auch noch neben und unter ihm, auch in den Kissen blieb ihre Stimme erstaunlich deutlich. »Wann kommt er denn nun endlich, dein gewaltiger Vater?«

»Bei diesem Südwind schon morgen. Und Meerfrauen wirft er ins Wasser. Moorfrauen taucht er unter.«

»Und wenn dann der Empfang ist, der große städtische Empfang für den Gast aus Malaga?«

»Was dann?«

»Werden dann ausnahmsweise auch die bösen Joyes eingeladen? Nicht bloß Blödgesichtige wie die alten Blakes oder die Julia?«

Pat schnaufte, hatte alle Hände voll zu tun. »Merkst du nicht, dass ich dich einlade, höchstpersönlich hier und jetzt, besonders hier, erst recht hier vorn, mit allem, was dran ist, Teufel auch.«

»Julia Blake ist in St. Nicholas an mir vorbei, ohne Gruß, ohne Blick.«

»Sei froh. Die Glubschkuh.«

»Die setzte sich neben Isobella O’Faherty. Die brabbeln schon.«

»Lass die brabbeln. Neid. Dummheit.«

»Bierberserker! Wehe, ich bin nicht beim Empfang.«

»Hier und jetzt ist Empfang!« rief er und genoss ihre Empfangsgier, obwohl sie sich zu wehren schien und sich aufbog und ihn niederringen wollte, ihn, den Patrick Lynch.

»Ich verrate es deinem Vater, alles was du hier treibst, deinem glorreichen Vater und dann auch meinem, was du dir hier erlaubst, Frechheit, Dreistigkeit, Schamlosigkeit. Auch deiner armen blinden Mutter sag ich das, hey, du stieseliger Bierstinker – diesmal dachte ich, kommt er überhaupt nicht, heute ist er zur Julia. Oder zur Claire, zur süßen Claire –«

»Beschwer dich bei Tobby Keats, hier unten beim Schweineplatz, zehn Schritt vor euerm Turm musste Tobby es machen mit der Neuen, mit Helen.« – »Ich wollte schon rüber zu George.« – »Zu George?« – »Der müffelt nicht nach Bier. Der duftet.« – »Duftet? Wonach?« – »Nach rotem Malaga.« – »Wehe.« – »Du tust mir weh.« – »George Blake riecht ganz und gar nach deiner Schwester Betty, nach eurer breiten fetten Betty, mitsamt Piepsie.« – »Nichts Neues.« – »Zu George wolltest du? Ich warne dich!« – »Oh ja, warne mich. Du warnst so schön –«

So ging das eine Weile, ging als Warnen oder als Drohen und dann als Ringen hin und her, der Lustwettstreit sang und schnurrte an beiden Leibern hinauf und quer und hinunter, Pat fand sich gepackt in seinen Nackenhaaren, wurde gedrückt und geknetet und umschlungen, so dass ihm, als er für einen Moment nicht aufmerksam war oder zu nachgiebig, Hören und Sehen verging, bis schließlich nur noch seine Seufzer blieben, grunztiefes Wonneklagen, über dem sie beide, Prinzessin und Kronprinz, in Abgründen versanken voller Milch und Mondlicht. Und ohne die Hunde von Galway geweckt zu haben, gegen die Lynch-Dynastie oder gegen den Joyes-Clan, leisteten sie so in Europas westlichstem Hafen der handelspolitisch günstigsten Verbindung die bestmögliche Vorarbeit, ja, es schien sich an der zentralen Antlantikseite Irlands auch diesmal nicht nur alles zum Guten zu wenden, sondern zu ungewöhnlich Lebendigem, zu den erstaunlichsten Prächtigkeiten.

TAG DER ANKUNFT

Die Mittagsstunde war schon vorüber, da ging der Alarm durch die Stadt. Kinder schrieen es von Haus zu Haus, sie seien zu sehen, die drei Schiffe, zuerst das Lynch-Schiff, die Galeone des Richters, des Lord Mayors John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch, aber auch schon das Joyes-Schiff und auch das der Blakes sei deutlich zu sehen, alle drei am Horizont, Frederic Fitzpatrick, der Sänger und Henkersknecht habe sie entdeckt, wie sie vor dem Black Head aufkreuzten, aber nein, nur deswegen habe er die gesehen, weil Kate, die Hexe, ihm das gesteckt und versichert hätte, nein, dies seien keine Wolken vorm Schwarzen Haupt der Burren-Buckel, nein, dies seien sie, die Heimkehrer, die drei Galway-Galeonen. Und so war es. Alle drei Schiffe waren eingetroffen und standen dort, noch fünf Meilen entfernt, standen unter voller Besegelung.

Ja, wie da nun alle Bewohner den gelb gebrannten Wiesenhügel bei der Fischerstadt Claddagh hinaufrannten, erst mal durch eine Tür in der Mauer, einer hilfsweisen Tür in der hilfsweisen Stadtmauer fürs Fischerdorf, die Tür war sehr eng, die ließ immer nur einzeln jemanden hindurch, da war Geschiebe und Geschimpfe, da war unter den Leute eine allgemeine, eine aberwitzige Aufregung.

Sogar Mutter Mary ließ sich hinaufführen auf den Hügel, obwohl sie doch gar nichts sehen konnte, von der Bucht nichts und von all der Aufregung nichts, die nun auf dem Hügel herumwuselte, trotzdem, sie wollte dabei sein und ließ sich berichten. »Jawohl! alle drei!« tönte Priester Kirwans begeisterter Bass, und Sohn Patrick bestätigte es, und von der Stadt her kamen nun auch die Blakes, um auch nur wieder dasselbe zu verkünden, als wären noch nie zuvor drei Segler auf den Hafen von Galway zugetrieben. Immerhin, drei Kauffahrtschiffe von dieser Größe? Von solcher Pracht? Daran konnte sich nicht einmal Großvater William O’Brian erinnern, Galways lebende Chronik, Galways Märchenmann.

Aber mit dem Einlaufen war das an diesem Tag so eine Sache. Zwar waren auf allen Schiffen, wie jeder sah, der sehen konnte, alle Segel gesetzt, aber der laue Südwind, der die schöne stolze Flotte früher als erwartet am Horizont herangeschoben hatte, dieser Südwind, der flaute nun vollkommen ab.

Die Luft stand. Und die drei großartigen Handelssegler desgleichen.

Stille legte sich über das Land. Die felsigen Burren-Berge leuchteten, als sei auf den kahlen Höhen Schnee gefallen. Helligkeit und Stille legte sich über die Menschen und das Meer, als hätten sich sämtliche Nebelfeen und Windbräute in Sonnenfeuer aufgelöst, als sei alles Fauchen und Pfeifen der Sturm-Gnome, das sonst fast durchs ganze Jahr die Atlantikstadt heimsuchte, erstarrt in Stille.

Windstille? Wann war in Galway je ein Tag ohne Wind gewesen. Von Alexander Kirwans rotem Schädel rutschten Schweißtropfen in den Nacken. Betty Blake, Tochter Piepsie am weißen Busen, ließ sich aufs harte Gras nieder, Flann O’Flaherty kniff die Triefaugen eng und murmelte alte gälische Flüche und William O’Brian wusste von solchen Flüchen noch ältere, unverständliche und zweifellos noch wüstere. Da kratzten sich viele den Kopf, und an die hundert Leute starrten eine träge Stunde oder zwei auf das graue Wasser hinaus. Dort hinten rührte sich nichts. Und hier, rings um Galway, tat sich ebenfalls nichts. Aus war’s. Nur unten am Claddagh-Hügel krümmte sich das kleine Trag- und Zugtier von Mike Pitt, da krümmte sich dieser alte Esel und schickte seine rauen Schreie über die Stadt und auf die Bucht hinaus, sieben Schreie hintereinander weg, über die wartenden Leute hinweg, als wollte der Esel sie allesamt verhöhnen.

Aus war’s. Auch Mary Lynch, den Stillstand schnuppernd, hatte zu lächeln aufgehört. Man sah, wie sie mit erhobenem nassen Finger einem Luftzug nachspürte und keinen fand und wie sie den Kopf schüttelte. Jeder, der mitkriegen wollte, wie es denn nun noch weitergehen könnte, hielt sich in ihrer Nähe auf. Und dann sagte Frau Mary leise: »George und Pat und Tobby«, sagte sie, »wann war euer letztes Wettrudern? Ist mein Pat unter euch noch immer der Beste?«