Paradies Paris - Karen Pflücker - E-Book
Beschreibung

Eine junge Frau verlässt das öde Landleben, um der häuslichen Enge, unter der sie sehr gelitten hat, zu entfliehen. Ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmung lockt sie in die Metropole Paris. Dort begegnen ihr vier Männer, deren Charaktere nicht unterschiedlicher sein können, und die ihr Leben rigoros auf den Kopf stellen. Es geht um Freundschaft, Liebe und Sehnsüchte. Nadines Geschichte ist eine spannende Lektüre voller Überraschungen.

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Seitenzahl:307

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Sammlungen



Genuss ist ein Lied der Freiheit

Aber nicht die Freiheit selbst

Khalil Gibran

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Mut

Kapitel 2: Taschentuch

Kapitel 3: Besitzerwechsel

Kapitel 4: Zweifel

Kapitel 5: Glück

Kapitel 6: Neuanfang

Kapitel 7: Pärchen-Bild

Kapitel 8: Schutzhöhle

Kapitel 9: Ein Freund

Kapitel 10: Zufallsbegegnung

Kapitel 11: Verlust

Kapitel 12: Unentbehrlich

Kapitel 13: Lieblingsskulptur

Kapitel 14: Suche nach …?

Kapitel 15: Zeitmangel

Kapitel 16: Carmen

Kapitel 17: Original

Kapitel 18: Eifersucht

Kapitel 19: Reise in den Süden

Kapitel 20: Weltuntergang

Kapitel 21: Freundschaft

Kapitel 22: Trost

Kapitel 23: Fremder

Kapitel 24: Paradiesisch

Kapitel 25: Achtundsiebzig Jahre

Kapitel 26: Sensibilität

Kapitel 27: Alte Wunden

Kapitel 28: Côte d’Azur

Kapitel 29: Vertrauensfrage

Kapitel 30: Entdeckung

Kapitel 31: Freiheit

Kapitel 32: Auf der Hut

Kapitel 33: Bitte

Kapitel 34: Geschenk

Kapitel 35: Portrait

Kapitel 36: Duktus

Kapitel 37: Studioarbeit

Kapitel 38: Transistorradio

Kapitel 39: Nachbarskind

Kapitel 40: Heirat

Kapitel 41: Salzige Wangen

Kapitel 42: Vertrauensverlust

Kapitel 43: Trotzreaktion?

Kapitel 44: Vermutung

Kapitel 45: Fischeranzug

Kapitel 46: Streit

Kapitel 47: Familienverhältnisse

Kapitel 48: Hohn

Kapitel 49: Zu spät

Kapitel 50: Schock

Kapitel 51: Geheimnis

Kapitel 52: Familientreffen

Kapitel 53: Schulgeld

Kapitel 54: Heimat

1

Mut

Das Telefon schrillt heute bissiger als sonst. Gérard, der es satt hat, immer wieder die Eisen aus dem Feuer zu holen, fordert seinen Chef schroff auf:

– Pierre, wenn Sie nicht sofort in die Galerie kommen, kündige ich.

– Ist etwas passiert? fragt eine müde Stimme.

– Kommen Sie her und überzeugen Sie sich!

Ohne eine Antwort abzuwarten, knallt Gérard entgegen seiner sonstigen Gewohnheit den Hörer wütend auf die Gabel, als würde ein trotziges Kind aufstampfen. Trotz passt nicht zu Gérard, dem immer Ruhe bewahrenden Mann. Was ist nur in ihn gefahren? Ist er etwa krank oder nur überarbeitet?

Der Knall am anderen Ende der Leitung hat den verschlafenen Galeristen wachgerüttelt. Er glaubt sogar, im Hintergrund aufgeregte Stimmen gehört zu haben. Ohne besondere Eile, als hätte er alle Zeit der Welt, sucht er in seinem viel zu großen Kleiderschrank, der das halbe Zimmer einnimmt und bis zur Decke reicht, ein geeignetes Kleidungsstück. Nacheinander zieht er drei Anzüge heraus, schaut sie kopfschüttelnd an und lässt sie auf den Boden gleiten. Sie hätten längst zur Reinigung gemusst.

Als Pierre in der belebten Rue de Rivoli aus dem Taxi steigt, stolpert er über eine Absperrung, die den Eingang seiner Galerie blockiert. Drei Polizisten, einer von ihnen blutjung und besonders eifrig gestikulierend – vielleicht das erste Mal im Einsatz – bücken sich und untersuchen mit geschultem Auge das beschädigte Schaufenster. Auf der rechten Seite der Scheibe ist im unteren Bereich ein Loch zu sehen, um das sich eine hübsche Splitterrosette gebildet hat. Einer der drei Polizisten wendet sich mit einem stechenden Blick an Pierre. Eine lästige Fragerei beginnt:

– Name?

– Pierre Costa.

– Beruf?

– Galerist.

– Wann haben Sie gestern Abend die Galerie verlassen?

– Weiß nicht so genau.

– Es war exakt um fünf Uhr nachmittags. Aber das habe ich Ihnen doch alles schon beantwortet, protestiert Gérard entnervt.

– Lassen Sie uns unsere Arbeit machen, ja? antwortet einer der Polizisten etwas ungehalten.

Obwohl Gérard eine Antwort fast von der Zunge springt, entfernt er sich widerspruchslos in den Verkaufsraum. Er prüft weiter, ob etwas fehlt. Soweit er auf den ersten Blick erkennen kann, steht alles an Ort und Stelle. Die Schaufensterscheibe wurde gerade erst vor einigen Wochen von halbhoch auf bodentief geändert und hatte schon verkaufswirksam Kunden angezogen. Vermutlich ist die Scheibe mit einem spitzen Gegenstand eingeschlagen worden. Das entstandene Loch eignete sich aber nicht zum Einsteigen. Es ist zu klein.

Als die pflichteifrigen Polizisten mit routinierter Perfektion ihre Arbeit beendet und sich verabschiedet haben, nimmt Gérard seinen ganzen Mut zusammen und stellt seinen Patron zur Rede, wie eine Mutter, die ihr Kind regelmäßig ermahnen muss.

– Pierre, so kann es nicht weitergehen!

– Ich war gestern nur aus und bin spät heimgekommen, verteidigt er sich.

– Ja, ich weiß, aber Sie haben wieder verschlafen.

– Ich werde mich bessern, beschwört er seinen Mitarbeiter, der in schwierigen Lebensphasen für Pierre wie ein Vater war.

– Das haben Sie schon so oft versprochen. Ich arbeite gern für Sie, Pierre, aber Sie müssen regelmäßiger in der Galerie sein. Ich schaffe die Arbeit nicht mehr allein. Langsam werde ich zu alt dafür.

Schon lange war es Gérard eine Herzensangelegenheit, mit Pierre darüber zu sprechen. Oft fühlt er sich abgespannt und hätte gern ein paar Stunden mehr für sich. Die Tage in der Galerie empfindet er als ermüdend lang, was noch vor einigen Wochen nicht der Fall war. Und heute scheint ihm der Moment geeignet, um endlich Klartext zu reden.

Pierre lässt die Schelte regungslos über sich ergehen. Gérards Aussage, er werde langsam zu alt für die Arbeit in der Galerie, beunruhigt den Galeristen. Mit leicht erhobenem Kopf und gerunzelter Stirn geht er ein paar Schritte auf Gérard zu. Pierre schaut ihm sorgenvoll in die Augen. Sein unverzichtbarer Mitarbeiter, denkt Pierre, sieht tatsächlich müde aus.

Doch der redet weiter auf seinen Chef ein. Gérard beendet seinen Wortschwall mit der Frage:

– Pierre, vielleicht sollten Sie eine Therapie ins Auge fassen?

Schockartig erstarrt rührt sich der Galerist nicht von der Stelle. Oft genug hat er gelesen, dass Menschen durch eine Therapie noch kränker werden, fast verrückt. Der Therapeut schürft schmerzlich in der Vergangenheit seiner Patienten und fördert die letzte Zerrissenheit aus ihren Seelen zu Tage. Schon allein das Wort »Therapie« ruft in Pierre Erinnerungen an Ereignisse hervor, die er am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen würde. Gekränkt verlässt er wortlos die Galerie.

Gérard ist wieder einmal mit den Geschäften allein gelassen. Er macht ein besorgtes Gesicht und schaut seinem Zögling traurig hinterher. Der zieht die Tür ruckartig mit einem nicht zu überhörenden Geräusch hinter sich zu.

Als Pierre fünfzehn Jahre alt war, musste er einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Der hat ihn aus der Bahn geworfen und holt ihn in regelmäßigen Abständen immer wieder ein. Um seine Einsamkeit zu überwinden, versucht er seit jener Zeit, Freundschaften zu schließen, was ihm aber nicht so recht gelingen will.

2

Taschentuch

Es ist ein heißer Sommerabend. In den Straßencafés sind alle verfügbaren Sonnenschirme aufgespannt, Schattenspender für Flaneure und Touristen, die das unverwechselbare Flair des Pariser Lebens genießen.

Pierre steuert gezielt auf den Eingang des weltberühmten Lidos zu und greift nach seinem eleganten Einstecktuch aus Seide. Er führt seine rechte Hand zur Stirn, wo viele kleine Schweißperlen darauf warten, getrocknet zu werden. Im allerletzten Moment bemerkt er seinen Irrtum und tauscht das Einstecktuch aus gegen ein ebenso elegantes Taschentuch aus weißem Batist. Der Griff in die Innentasche seines Jacketts erlaubt einen Sekundenblick auf das tiefrote Seidenfutter seines eleganten Maßanzugs.

Just in diesem Moment wird Pierre von einem Passanten am Ellenbogen gestoßen. Fast wäre durch diese Rempelei seine kostbare Hornbrille von der Nase gefallen. Aber er ist reaktionsschnell. Blitzschnell streckt er seine rechte Hand nach ihr aus und fängt sie auf. Dabei verliert er sein Taschentuch. Seine Designerbrille, die er erst seit Kurzem besitzt, hat Priorität. Leicht verärgert erreicht er den Eingang des Clubs, nachdem er sich durch den Touristenstrom gekämpft hat.

An der weit geöffneten Tür erwartet ihn ein lächelnder Portier. Die Begrüßung ist herzlich, denn Pierre, wohlgenährter und unverheirateter Besitzer einer florierenden Galerie, ist hier ein beliebter Stammgast. Seine Trinkgelder können sich sehen lassen.

Der überschwänglich gestikulierende Ober führt den verärgerten Gast an seinen Tisch. Pierre stolpert über eine Teppichkante und schaut sich sofort um, ob jemand diese kleine Peinlichkeit gesehen hat. Schnell nimmt er seinen reservierten Platz ein.

3

Besitzerwechsel

Ein vorbeiziehender Clochard hat die unschöne Rempelei auf dem Boulevard des Champs Elysées beobachtet und das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben. Er bemerkt sofort dessen Eleganz und freut sich jetzt schon auf den Erlös, den er erzielen kann, wenn er es verhökern wird. Aber es ist bereits von einigen Fußspuren unansehnlich verschmutzt. Der bettelarme Mann betrachtet das elegante Taschentuch genauer von allen Seiten und denkt:

Einmal in ein solches Tuch rotzen!

Nach kurzer Überlegung schnaubt er kräftig hinein. Seine Hand wird ganz warm. Aber er findet keinen Gefallen daran und weiß nicht, wohin mit dem Taschentuch. Er kann sich nicht erklären, warum die Reichen so vornehme Stofffetzen benötigen, nur um sich den Rotz von der Nase zu wischen. Dafür genügt ihm kräftiges Schnauben mit Griff von Daumen und Zeigefinger an die Nasenflügel und anschließendes schnelles Wegschnipsen der schleimigen Masse auf die Straße.

Der Clochard schwingt das Taschentuch durch die Luft und schlendert zufrieden den langen Weg zur Seine hinunter durch den Jardin des Tuileries. An der Pont des Arts, unter dem Brückenbogen, wäscht er seinen kostbaren Fund im trüben Wasser der Seine und breitet ihn auf einem von der Abendsonne noch warmen Mauerstein zum Trocknen aus. Erst jetzt entdeckt er das Monogramm. Er lächelt, denn das erhöht seinen möglichen Erlös ganz sicher.

4

Zweifel

Es ist heiß im Club. Pierre fingert in seinem Jackett nach einem Taschentuch. Sollte er es ausgerechnet heute Abend verloren haben? Er schaut sich unsicher im Raum um, greift dann nach der Serviette, die sorgsam gefaltet vor ihm auf dem Tisch liegt, und fährt damit entgegen jeglicher Etikette über seine Stirn. Er tupft die vielen Schweißperlen ab. Erschrocken blickt er auf das feuchtfleckige Tuch und steckt es klammheimlich ein.

Pierre fiebert seiner Verabredung entgegen. Er ist ganz bewusst eine halbe Stunde früher in den Lido gekommen, will sich intensiv auf diesen besonderen Abend einstimmen. Was ihn erwartet, weiß er nicht. Aber er ist in Hochstimmung. Eine Stunde ist jetzt vergangen. Noch sitzt er allein am Tisch. Langsam kommen ihm Zweifel. Ist seine Einladung zu aufdringlich gewesen? Hat er sie richtig verstanden an jenem Abend in seiner Galerie? Sie war allein dorthin gekommen und hatte seine Bilder so eingehend betrachtet, dass er den Eindruck gewann, vor sich eine Kennerin der Kunstszene zu haben. Als er sie ansprach, entwickelte sich spontan ein interessantes Gespräch über die Kunst und andere Dinge des Lebens, z.B. über Armut und Reichtum. Zwischen arm und reich machte sie keinen Unterschied. Sie sprach selbstbewusst, zeigte eine natürliche Reflexion auf diesen Gegensatz. Ein Reicher kann arm sein und ein Armer kann reich sein. Es komme auf die Sichtweise an. Er nickte ihr zu und teilte ihre Ansicht, man könne sein Glück auch ohne Besitztümer finden. Das hatte Pierre gefallen und ihn ermutigt, die bescheidene Unbekannte für heute Abend einzuladen. Er hofft, die junge Philosophin nun näher kennenzulernen.

Durch die lange Wartezeit im Lido droht Pierres Stimmung umzuschlagen. Doch in dieser Sekunde hört er den Portier sagen:

– Ja, Mademoiselle, er erwartet Sie schon.

Endlich, da ist sie! Gertenschlank und fünf Zentimeter größer als er. Distanziert aber freundlich streckt sie ihm ihre zarte, feingliederige Hand zur Begrüßung entgegen, kein Wort der Entschuldigung für die Verspätung. Lächelnd mit einem Hauch Verlegenheit steht sie aufrecht vor ihm in ihrem schlichten Kleid, schwarz aus einfacher Baumwolle, kein Schmuck an Hals und Händen. Pierre heißt sie mit einem galanten Handkuss willkommen und rückt ihren Sessel zum Platz nehmen bereit. All seine Zweifel sind im Nu verflogen.

Pierre und die junge Frau schauen sich verlegen und abwartend an. Pierre, weil er von Haus aus ein schüchterner Mensch ist und nicht oft derartigen Umgang hat, und Nadine, weil sie jetzt schon erkennt, dass dieser nette Herr viel zu alt für sie ist. Sie hat es gewusst und ist trotzdem gekommen. Sollte sie ein schlechtes Gewissen haben, dass sie diese Einladung angenommen hat?

Nadines Gedankengang wird unterbrochen, als der Ober die Karte bringt. Sie erhält eine Damenkarte und liest: Austern aus der Normandie, Tournedos Rossini, Canard à l’Orange, Pfirsich Melba. Sie ist verwirrt und hat Mühe, ihre Wahl zu treffen. Schließlich überlässt sie die ihrem Gastgeber.

Beeindruckt und doch unsicher schaut sich die junge Frau um. Am Nebentisch unterhält sich ein älteres Paar, vielleicht um die fünfzig. Es nimmt keine Notiz von ihr und ihrem Begleiter. Das beruhigt sie, und sie flüchtet sich wieder in die Anonymität der Zweisamkeit.

Kurz darauf ertönt laute Musik. Gott sei Dank! Denn bis zu diesem Moment haben sie noch kein Wort miteinander gesprochen. Nadine besucht zum ersten Mal einen derartig eleganten Club. Da, wo sie herkommt, gibt es nur einfache Kneipen, wo häufig über den Durst getrunken wird, um den Frust des spartanischen, öden Landlebens hinunterzuspülen.

Als der schwere Samtvorhang sich öffnet, reißt Nadine ihre Augen auf wie ein Kind, das zum ersten Mal ein Puppentheater bestaunt. Gebannt schaut sie auf die Bühne, wo Kleinkunst vom Feinsten geboten wird. Ein Zauberer lässt Menschen auf der Bühne verschwinden, und das Publikum bricht in heiteres Gelächter aus, als der Bauchredner ein Streitgespräch zwischen Mann und Frau zum Besten gibt. Seiltänzerinnen in duftigen Tüllröckchen gleiten über den Draht, als gingen sie sicher auf einer ganz normalen Straße spazieren. Pierre gefallen besonders die attraktiven Kessler-Zwillinge, die mit ihrem Gastspiel ganz Frankreich begeistern, wenn sie auf der Bühne tanzen und singen.

Solche Momente machen die Menschen glücklich und lassen für kurze Zeit ihren oft schwer zu bewältigenden Alltag vergessen, außer Acht lassend, welch hartes Training für die Akteure damit einhergeht. Nadine fühlt sich versetzt in eine neue, schwerelose Welt.

Pierre beobachtet die junge Frau von der Seite. Sie bemerkt seine Blicke nicht. Gebannt schaut sie auf die Bühne. Ihre Augen tänzeln von rechts nach links wie die Akteure, die ihre einstudierte Choreographie mit schnell wechselnden Schritten perfekt darbieten. Er ist gerührt von Nadines Faszination. Beglückt lächelt er und freut sich einem kleinen Jungen gleich, dem ein lang ersehnter Wunsch endlich in Erfüllung gegangen ist.

Als die Vorstellung zu Ende ist und der schwere Vorhang fällt, bleiben beide stumm. Benommen von der grandiosen Revue starrt Nadine weiter mit halb geöffnetem Mund auf den roten Samt, kann kaum glauben, was sie da gerade gesehen hat, wie die Tänzer leichtfüßig über die Bühnenbretter huschten. Pierre bleibt hingerissen von ihr und ihrer Reaktion, sein Blick klebt an ihr wie Honig an einem Löffel. Er spürt Herzensfreude. Aber diese Freude hält nicht lange an. Denn abrupt richtet sie ihren Blick mit erschreckender Kälte auf ihn und sagt:

– Danke, Monsieur, für diesen schönen Abend. Aber jetzt muss ich gehen.

Wie paralysiert stammelt Pierre:

– Aber wir haben ja noch gar nicht gegessen! Der Ober serviert gleich!

Sie bleibt unbeeindruckt und antwortet nicht.

– Und wir konnten uns noch gar nicht unterhalten!

Sie schaut ihn weiter frostig an.

– Der Abend fängt doch erst an!

Seine Stimme wird lauter und überschlägt sich fast. Aber Nadine, jetzt ganz freundlich, erhebt sich und antwortet mit weicher Stimme:

– Adieu, und vielen Dank! Vielleicht bald mal wieder in Ihrer Galerie?

Ohne Zögern wendet sie sich ab und geht gezielt zum Ausgang. Der Portier hält ihr mit einer ausholenden Handbewegung die Tür auf und verabschiedet sie mit einem breiten Lächeln. Ihr dankendes Nicken füllt nicht die diskret hingestreckte Trinkgeldhand des Obers. Diese Gepflogenheit ist ihr noch fremd.

Erschüttert sackt Pierre im Sessel zusammen. Seine Manieren lassen ihn im Stich. Er konnte sich nicht einmal erheben und ihr ein »Auf Wiedersehen« zunicken. Er ordert einen Whisky und stürzt ihn mit zittriger Hand hinunter. Einer reicht nicht, es sind am Ende fünf, die helfen, seine Enttäuschung zu mildern. Schließlich bringt ein Taxi ihn nach Hause, zum Plaçe Victor Hugo. Müde und entmutigt quält er sich aus dem Auto und erreicht wie ein begossener Pudel mit hängendem Kopf den Hauseingang.

Wie so viele Rendezvous zuvor endet auch dieses in einer herben Enttäuschung.

Nach solchen Abenden stellt sich Pierre zum x-ten Mal die Frage, warum seine Kontaktversuche immer wieder scheitern. In der Galerie hat er mit seinen Kunden keine Probleme, ins Gespräch zu kommen und eine spannende, knisternde Unterhaltung zu führen. Im Gegenteil, dort entwickeln sich häufig erhellende Gespräche, die ihn weit in den Abend hinein noch beschäftigen. Aber es sind eben nur Gespräche, an die er keinerlei Erwartungen knüpft.

Sein Leben braucht eine Wendung!

5

Glück

Am Seineufer ist das Taschentuch trocken. Der leichte Wind löst es an einer Ecke vom Stein, es droht davonzufliegen. Der Clochard wäscht sich geschwind die Hände im Fluss und streift sie an seinen Hosenbeinen ab. Dann rettet er seine Beute, nimmt das Taschentuch an zwei Ecken behutsam auf und faltet es sorgfältig. Auf der Oberseite sind jetzt ganz deutlich die Initialen P. C. zu sehen, in glänzendem Weiß auf Batist gestickt.

Beflügelt zieht er damit von dannen zum Plaçe du Pont Neuf, wo sich unterhalb der Mauer auf dem Square du Vert Galant des Nachts eine Art Schwarzmarkt für Clochards entwickelt hat. Sein Schritt ist beschwingt, fast tänzelt er. Summend betrachtet er sein Schattenbild, das die Abendsonne ihm als Begleiter zur Seite stellt.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit sieht er von weitem eine junge Frau kommen, den Blick auf die Straße vor sich gerichtet. Sie scheint über etwas zu grübeln. Ihr Schritt verlangsamt sich, als sie ihn bemerkt. Er streckt ihr wortlos das Fundstück zum Kauf entgegen. Die junge Frau erkennt sofort, dass es kein einfaches, dünnes Baumwolltaschentuch ist. Nach kurzer Überlegung sagt sie zu ihm:

– Das ist aber ein wertvolles Taschentuch. Was möchten sie dafür haben?

Dem Clochard ist es beim Anblick dieser schönen, jungen Frau unangenehm zu feilschen. Er bleibt stumm und zieht nur die Schultern hoch.

Schließlich gibt sie ihm fünf Francs, mehr, als er je erwartet hätte. Er wundert sich, dass jemand bereit ist, für ein unnützes Stück Stoff so viel Geld zu verplempern.

Zufrieden steckt er das Geldstück in seine Hosentasche und fühlt sich wie Hans im Glück!

6

Neuanfang

Ein einziges Möbelstück steht in dem ungastlichen Raum. Es besteht aus einem dicken Holzbrett auf vier Metallfüßen. Eine schäbige Matratze liegt darauf. Passende Kartons, die Nadine in den Hohlraum unter das Bett schiebt, dienen als Wäsche- und Kleiderschrank. Ihr neues Zuhause ist eine kleine Kammer direkt unter dem Dach eines sechsstöckigen Mietshauses. Ein käfigartiger Eisenaufzug endet im fünften Stock. Der weitere Aufstieg zu Fuß ist mühevoll, besonders mit dicken Einkaufstaschen. Die stark gewundenen Stufen hinauf unters Dach sind viel schmaler als die im Treppenhaus.

Diese einfachen Kammern, die von Studenten äußerst begehrt sind, waren die früheren Pariser Dienstmädchenzimmer, chambres de bonne. Über eine Kleinanzeige an der Sorbonne ist Nadine darauf aufmerksam geworden und hat später erfahren, dass das vierzehnte Arrondissement, wo sie ihre Dachkammer bezogen hat, das Nobel-Viertel in Paris ist.

In dem Dachgeschoss dieses sechsstöckigen Mietshauses befinden sich noch sieben weitere Zimmer. Sie ist die einzige Frau auf dem Flur. Für alle gibt es nur eine Toilette, eine typisch französische toilette à la turque am Ende des Ganges, die man nicht zusperren kann. Nie ist sicher, ob der Benutzer von dort trockenen Fußes wieder herauskommt. Jedes Mal, wenn nachts einer der anderen Bewohner das Hock-Klo benutzt hat, wird Nadine von diesen Geräuschen aus dem Schlaf gerissen, denn ihre Kammer liegt direkt neben dem besagten Örtchen. Aber das macht ihr nichts aus. Sie ist ganz und gar nicht verwöhnt und mit ihrer preiswerten Unterkunft, in der es keine Heizung gibt, mehr als zufrieden.

Nadine hat ihr bretonisches Dorf in der Nähe von Ploumanach schon Anfang Mai verlassen, um ihrer häuslichen Knechtung, unter der sie fast zerbrochen wäre, zu entfliehen und die unerträgliche Provinzialität, in der sie intellektuell zu verkümmern drohte, abzuschütteln. Die internationale Kultur- und Kunstszene hat sie in die Großstadt Paris gelockt. In ihrem Heimatdorf fehlte Nadine das Salz in der Suppe, kurz alles, was ein interessantes Leben ausmacht: anregende Gespräche, Bücher, Kunst, Mode, eben Kultur.

Manchmal fand sie ein Buch am Strand, das Touristen vergessen oder einfach nur achtlos liegengelassen hatten. Heimlich stahl sie sich Zeit, vernachlässigte für einige Minuten ihre Hausarbeit, stillte ihre Begierde nach mehr Wissen. Beißender Brandgeruch holte sie schnell zurück in die Wirklichkeit. Der Reis war übergekocht. Im Nu hatte die zu groß eingestellte Gasflamme den weißen Emailtopf zu einem stinkenden braunen Etwas verwandelt. Die Beschimpfungen der Mutter und das Einziehen des Buches waren unerträglicher, als eine saftige Ohrfeige zu kassieren. Schlagen war nicht in der Natur der Mutter. Sie strafte mit Schweigen und Nichtachtung.

Nadine ist jetzt Mitte zwanzig, aber die frühe und harte Arbeit in ihrer Familie lässt sie älter und reifer erscheinen. Das Einseifen und Waschen der groben Hosen ihres Vaters, die erbärmlich vom Fischfang stanken, empfand sie als Tortur. Auch seine Hemden rubbelte sie mühevoll auf dem Waschbrett mit einfacher Kernseife. Das tägliche Gemüseputzen, wobei sie sich öfter in die Finger schnitt, und die schmutzige Gartenarbeit, die sie hasste und liebte, ließen ihre Hände faltig und rissig werden. An die begehrte Pflegecreme in der handlichen blauen Dose mit weißem Schriftzug und wunderbarem Duft, die die Touristen am Strand benutzen, war überhaupt nicht zu denken. Auch die Aufsichtspflicht für ihre drei viel jüngeren Geschwister und die Sorge, sie könnten davonlaufen und sich verletzen, was ihr viel Schelte der Mutter eingebracht hätte, haben auf ihrem noch jungen Gesicht deutliche Sorgenfalten hinterlassen. Und abends, wenn die Kleinen schliefen und der Vater in seine Kneipe verschwand, angeblich um neue Fangmöglichkeiten zu sondieren, flickte sie mit ihrer Mutter in der dürftig beleuchteten Bauernstube die zerrissenen Hosen und stopfte die Strümpfe für alle. Dabei sprachen Mutter und Tochter kein Wort miteinander. Die Dunkelheit in der Bauernstube brachte in solchen Augenblicken ihre unliebsame Armut unweigerlich ans Licht.

Nadine erkannte irgendwann ihre trostlose Situation: sie war abhängig und der Arbeit ausgeliefert. Sie fühlte sich um ihre Jugend betrogen. Oft weinte sie nachts leise in ihr Kissen, damit es ja niemand höre! Am liebsten wäre sie davongelaufen, aber wie und wohin? Ihre missliche Lage schien ausweglos. Aber eines Tages würde es so weit sein, würde sich ihr Leben ändern, daran glaubte sie ganz fest. In ihren nächtlichen Phantasien entwendete sie darum heimlich mal aus Vaters Hosentasche mal aus Mutters Haushaltstopf einige Centime und versteckte sie in einer Bonbondose, die sie unter ihrem Bett verschwinden ließ. Als stille Reserve für den Tag, an dem die Zeit reif für ihre Befreiung sein würde. Sie träumte von einem Leben ohne Kinder, ohne Verantwortung für andere, nur sie selbst soll im Mittelpunkt stehen, tun und lassen können, was gefällt, ausschlafen dürfen, nachts heim kommen, ohne kontrolliert zu werden, oder erst dann essen müssen, wenn der Hunger an die Magenwände klopft. Frei und unabhängig sein, einfach nur leben! Solche Phantasien gaben Halt, und sie schlief dann schnell ein.

Ihr Vater ist Fischer, ein rauer aber herzlicher Mensch, ihre Mutter dagegen devot und gefühlskalt. Nadine ist die Älteste von vier Kindern. Wie viele Male hat sie ihren Geschwistern die Rotznasen putzen müssen! Meist mit dem Geschirrtuch, das sie gerade in der Hand hielt, dünn gewaschen, mit einigen Löchern. Taschentücher waren in ihrer Familie ein überflüssiger Luxus.

Sie war bereits vierzehn Jahre alt, als die Geburten ihres Bruders Paul und ihrer beiden Schwestern Marie und Madeleine die Familie vergrößert hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie der absolute Liebling ihres Vaters, der ihr seine ganze Zuwendung schenkte. Dieses kleine Mädchen von damals hatte viel Spaß mit dem rauen Seebären. Stets fieberte sie seiner Rückkehr von See entgegen, um mit ihm draußen zu tollen und zu lachen und sich auf der Wiese im Gras zu wälzen und zusammen die Anhöhe herunterzurollen. Er vergötterte seine kleine Tochter, auf die er nach vielen kinderlosen Ehejahren lange hatte warten müssen. Er nahm sie, wann immer es ging, überall mit hin, sogar auf Fischfang. Mit Schwimmweste gesichert und an die Reling gekettet konnte sie alles beobachten. So manches Mal wurde ihr schlecht, wenn sie sah, wie die Fische getötet wurden und blutverschmiert in einer großen Kühlkiste landeten. Er machte auch nicht Halt davor, seine kleine Tochter in seine Stammkneipe zu schleppen. Das führte immer wieder zu heftigen Streitereien zwischen den Eheleuten.

Aber die Fröhlichkeit mit dem Vater hatte ein jähes Ende gefunden. Dieser heiß geliebte Mann veränderte sich ihr gegenüber von einem Tag auf den anderen. In seinem Blick und Handeln war etwas, das jedes junge Mädchen das Fürchten lehrt.

Von da an mied sie ihren Vater.

Direkt nach Abschluss der Grundschule wurde Nadine in den Haushalt eingespannt und musste die sehr viel jüngeren Geschwister mit groß ziehen. Man hatte sie nicht gefragt, ob sie das wollte. Ihre Mutter, die zäh und keineswegs kränklich war, sah es für selbstverständlich an, dass die große Tochter half, dass ein junges Mädchen von vierzehn Jahren zupackte. Die drei Geschwisterkinder verursachten mühevolle Arbeit, an eine Magd war nicht zu denken. Die Mutter, die selbst schon nach vier Grundschuljahren keinerlei Weiterbildung genoss, heiratete sehr jung, versorgte fortan ihren Ehemann und kümmerte sich um den Haushalt – wie es sich gehörte. Deshalb kam es ihr überhaupt nicht in den Sinn, dass ihre vierzehnjährige Tochter einen anderen Weg hätte wählen wollen.

Nadine fügte sich anfänglich widerstandslos in ihr Schicksal. In ihrem Dorf gab es keine Ausbildungsstellen für Mädchen außer, als Magd in einer Familie unterzukommen oder sich schnell zu verheiraten. Aber eine Heirat, es ihrer Mutter gleichtun, kam für sie nicht infrage.

Seit langem hegte Nadine einen großen Wunsch, der ihr aber unerreichbar schien. Mit aufgerissenen Augen lag sie oft abends auf ihrem Bett, hellwach und gleichzeitig todmüde von der Tagesarbeit. Sie träumte von Pinseln und Farben. Sie träumte von Aquarellmalerei, wenn sie mit Pinsel und Farbe etwas auf eine jungfräuliche Fläche zauberte. Sie liebte den Blick auf das weiße sich wölbende Papier, nass durch das Aqua dieser Maltechnik. Ihre Augen verfolgten dann die bunte Pigmentierung, wie sie eigenständig verlief, sich in den kleinen Vertiefungen auf dem welligen Papier sammelte und dort ihre ganze Intensität entfaltete. Viele kleine unvorhersehbare Veränderungen, einem Menschenleben gleich, entstanden auf diese Art und Weise. Das Unvorhersehbare ist es, das sie besonders liebt. In solchen Momenten konnte sie ihre erstickte Phantasie freisetzen und vergaß alles um sich herum. Dann war sie glücklich!

Eines Tages zog ein Werbeblatt beim Kaufmann ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Heißes Blut schoss ihr durch die Adern. Aufmerksam las sie das Angebot. Ihr Herz schlug höher, ihr Puls pochte rhythmisch am Hals, und sie hörte ihn bei jedem Schlag eindringlich flüstern:

Wag es, tu es, wag es, tu es!

Schließlich besiegte ein starker Wille ihr Zögern. Entschlossen füllte sie das Anmeldeformular aus und besuchte von nun an einen Abendkurs für Malerei. Ihre häusliche Situation wurde dadurch erträglicher. Ihr Lächeln, das sie fast verloren hatte, kehrte langsam zurück. Sie malte mit großer Freude. Sie malte nicht gegenständlich, sondern liebte Verschwommenes, Geheimnisvolles, etwas, was der Betrachter erahnen sollte. Nie zeigte sie ihre Bilder zu Hause. Sie wurden in einer Mappe gesammelt und im Werkschrank sicher verwahrt.

Die Kosten für den Abendkurs konnte Nadine durch gelegentliches Kellnern, was ihr sogar großen Spaß machte, selbst bestreiten. Nur der Weg dorthin war nicht ganz ungefährlich. Die Strecke führte sie sechs Kilometer lang über freie Felder und durch ein kleines Waldstück. Einen anderen Radweg hatte sie bisher nicht ausfindig machen können. Auf dem bewaldeten Teil der Strecke packte sie so manches Mal höllische Angst, sie fühlte sich verfolgt. Etwa von ihrem Vater? Noch nie hat sie ihn auf einem Fahrrad gesehen. Den Blick zurück wagte sie nicht, wollte es nicht wissen. Mit zunehmender Dämmerung stieg ihre Angst. Dann trat sie kraftvoll in die Pedale und radelte nach Hause, wo sie schweißgebadet ankam.

In ihrem Dorf leben die Menschen vorwiegend vom Fischfang und vom Tourismus. Nadine nennt es Nomadentourismus. Die Menschen kommen und gehen wieder. Mit ihnen ist es schwer, Kontakte zu knüpfen, erst recht Freundschaften zu schließen. Und die Dorfbewohner sind ihr zu grob und zu schlicht, mit ihren geschundenen Händen und ihrem kleinen Geist. Sie ist auf der Suche nach etwas Besonderem. Sie stellt andere Ansprüche an das Leben als ihre Eltern, will heraus aus der Armut. Obwohl sie nur die Grundschule absolvierte, verfügt Nadine doch über einen messerscharfen Verstand und hat einen sicheren Instinkt, sich wie Tiere in der Natur aus Gefahren herauszuhalten. Ohne arrogant oder verletzend zu wirken, geht sie Problemen meisterhaft aus dem Weg.

Als die Mutter von ihrem Entschluss nach Paris zu gehen erfuhr, ließ sie sie nur zu gern ziehen, denn auf diese Art und Weise endete endlich die Verantwortung für ihr erwachsenes Kind. Eine andere Möglichkeit, sich ihre widerspenstige Tochter endlich vom Hals zu schaffen, hatte sie nicht, zumal Nadine alle Heiratswilligen in die Flucht geschlagen hatte.

Inzwischen waren Paul, Marie und Madeleine elf, zehn und acht Jahre alt und längst aus dem Gröbsten heraus. Auch sie wurden von der Mutter gnadenlos in den Haushalt eingespannt, so dass Nadines Weggang keine Lücke riss. Ihr Vater war kaum noch zu Hause. Die Fischbestände waren rückläufig, und seinen Frust darüber spülte er in der Dorfkneipe hinunter. Gott sei Dank half der Familie ihr Potager, der kleine Gemüsegarten hinter dem Haus, autark zu leben.

In Paris angekommen findet Nadine schnell Arbeit als Packerin in der Drogerieabteilung einer kleinen Filiale der Kaufhauskette Prixunic. Ihr Verdienst reicht gerade für die sehr günstige Miete ihrer Dachkammer im sechsten Stock und einige Kinogänge oder Museumsbesuche. Ihr Kunstwissen steht noch am Anfang, deshalb nimmt sie jede Gelegenheit wahr, aktuelle Ausstellungen zu besuchen, sofern ihr Geldbeutel es zulässt.

Nadine, eine sympathische junge Frau, hat sich gleich nach ihrer Ankunft in Paris mit einem frechen Kurzhaarschnitt einen Großstadtlook zugelegt. Trotzdem wirft sie noch immer ab und an ihren Kopf kompromisslos nach hinten, so, als müsse sie ihre ehemals langen roten Haare, die ihr fast bis zu den Hüften reichten, weiterhin bändigen,. Diese Mähne war ihr schon lange lästig, aber sie wagte den Befreiungsschlag erst, als sie sich – von der Not getrieben – auch aus ihrem häuslichen Zwinger befreit hatte und in Paris einen Neuanfang fand.

Ihre ozeangrünen Augen, in denen der beste Schwimmer ertrinkt, haben die jungen Männer so manches Mal in Unruhe versetzt. Ihre hohe Stirn, ihre schmale lange Nase, übersät von winzig zarten kaum sichtbaren Sommersprossen, und ihr schmaler Mund vervollkommnen ihre attraktive Erscheinung. Sie ist zwar Französin, aber dieses sommersprossige Gesicht und die leuchtend roten Haare lassen eher einen irischen Einschlag vermuten. Vielleicht ist sie eine gute Mischung aus beidem. Nadine weiß um ihre Ausstrahlung, denn entsprechende Komplimente hörte sie oft genug in ihrem Heimatdorf. Deshalb wunderten sich auch alle, warum sie die zahlreichen Bewerber immer wieder abgewiesen hatte. Andere Mädchen wären über so viel Aufmerksamkeit glücklich gewesen. Ihre Abweisung geschah nicht aus Arroganz, sondern aus dem tiefen Wunsch nach Selbstbestimmung.

Der Abend im Lido war für sie nur ein Intermezzo, eine engere Beziehung mit Pierre strebt sie nicht an. Sie fühlt ganz deutlich, dass die Zeit dafür nicht reif ist. Vielleicht wird sie es nie sein, denn sie träumt ihren Traum von Freiheit und Malerei. Sie träumt davon, eine Künstlerin zu werden und vielleicht irgendwann ihre Bilder in einer Galerie ausstellen zu können.

Mittlerweile tut es ihr fast ein bisschen Leid, dass sie den freundlichen Galeristen mit ihrem abrupten Weggang vor den Kopf gestoßen hat. Dieses Verhalten ist sonst nicht ihre Art, aber sie konnte nicht anders. Denn sie spürte seinen Wunsch nach Nähe und Geborgenheit. Ihre gerade gewonnene Freiheit wollte sie unter keinen Umständen wieder einbüßen.

Aber sie stellt sich die Frage: Habe ich etwa nur aus Rücksicht auf seine Freundlichkeit und Höflichkeit, ja sogar Schüchternheit, die spontane Einladung in den Lido angenommen? Er wirkte so hilflos, als er sie aussprach. Oder war es einfach nur Kalkül? Ja. ich bin neugierig und hungrig auf alles, will alles kennen lernen, was sich mir bietet, aber nicht zu jedem Preis. Und den berühmten Lido kannte ich bis zu diesem Abend noch nicht. Außerdem ist es meine erste Einladung gewesen, seit ich in Paris angekommen bin. Nur deswegen gab ich ihm meine Zusage.

Jede Einladung ist ein Geschenk und immerhin auch eine Entlastung meines schmalen Geldbeutels.

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Pärchen-Bild

Träge erhebt sich Pierre aus seinem breiten Bett, tritt ans Fenster und sieht hinaus. Der Himmel ist trüb, genau wie seine Stimmung. Er hat Kopfschmerzen und schlecht geschlafen, wieder einmal haben ihn Albträume geplagt:

Er hört lautes Krachen, sieht Feuer, kann nicht helfen.

Kurz schüttelt er den Kopf, als müsse er seine Gedanken ordnen, in die richtige Schublade sortieren. Dann schlüpft er ohne besondere Eile in seine Kleider. Ohne Rasur und Morgentoilette verlässt er das Haus, umläuft den verkehrsreichen Plaçe Victor Hugo und betritt das Straßencafé gegenüber seiner Wohnung.

Der Ober sieht ihn schon durch die großen Fensterscheiben kommen und stellt – wie jeden Morgen – Kaffee und Croissant auf Pierres Stammplatz bereit. Pierre nickt dem Ober einen flüchtigen Gruß zu und greift die aktuelle Zeitung vom Haken. Sie ist in einem eleganten Zeitungshalter aus glänzendem Buchenholz eingeklemmt und hängt immer am selben Platz, direkt neben Pierres Stammplatz. Er liebt diese kleine Aufmerksamkeit, denn Pierre ist fest davon überzeugt, dass er es diesem freundlichen Ober zu verdanken hat, jeden Morgen die frisch gedruckte Zeitung als Erster lesen zu dürfen. Gleich auf der Titelseite spricht ihn ein bewegendes Foto an. Ein junges Paar hält sich fest umschlungen, es sieht glücklich aus.

Glück, was ist das?

Pierre hat das nie wirklich kennen gelernt. Als Jugendlicher mit fünfzehn Jahren wurde er von einem sehr reichen, kinderlosen Ehepaar aus einem Waisenhaus in dessen Villa geholt. Paul und Claire Costa empfingen ihr neues Familienmitglied herzlich und haben schnell seine Zuneigung gewonnen. Beide hatten unbedingt Pierre haben wollen, keinen anderen Jungen. Eine ganz bewusste Entscheidung, hinter der sich ein Geheimnis verbarg, das Pierre erst lange nach dem Tod von Paul und Claire erfahren hat. Und sie hatten sich ihn unter all den Waisenhauskindern auch deswegen ausgesucht, weil er von der Heimleitung als ein unauffälliger und freundlicher Junge beschrieben worden war. Das ist er noch immer, unauffällig und freundlich.

Paul und Claire, beide schon weit über vierzig Jahre alt und ohne Hoffnung auf eigene Kinder, wollten einen Jungen, der einmal ihre florierende Galerie übernehmen sollte. Pierre lernte viel in seinem neuen kultivierten Umfeld und entdeckte, dass ihn die Kunst wirklich interessierte. Er hatte schon früh ein feines Gespür für gut oder weniger gut. Er hatte ein Gespür dafür, Kunden erfolgreich zum Kauf zubewegen.

Das erkannten Paul und Claire schon nach einigen Monaten und führten ihn ohne Winkelzüge rasch in die Geschäfte der Galerie ein. Jede Handlung wurde minuziös durchdacht und vorbereitet, im Geschäftsleben wie auch privat. Ihr Umgangston war überaus höflich, und sie hörten Pierres Erzählungen gerne zu – was allerdings selten vorkam –, wenn er von seiner Waisenhauszeit berichtete. Pierre war durch diese neue Erfahrung manchmal irritiert. Im Waisenhaus herrschte eine eher ruppige Atmosphäre, die Ansprache war meistens unterkühlt, und über die wenigen privaten Dinge wurde nicht gesprochen. Mit den pubertären Schwierigkeiten und Emotionen hatte jeder für sich allein fertig werden müssen.

Fehlende Schulbildung konnte Pierre schnell nachholen und war früher als erwartet gerüstet, schon bei kleineren Verhandlungen in der Galerie mitzuwirken. Oft stand er mit gespitzten Ohren neben Paul, seinem Ziehvater, wenn der mit einem Kunden verhandelte. Geduldig und konzentriert hörte Pierre einfach nur zu und stellte dann dem Kunden in einem passenden Moment – er fiel nie jemandem ins Wort – die entscheidende Frage:

– Wo werden Sie dieses wunderbare Bild aufhängen?

In seiner Stimme klang ein Begehren, als wollte er dieses wunderbare Bild unbedingt selbst besitzen, was den noch unschlüssigen Kunden zum schnellen Kauf bewegte.

Pierre lebte erst ein halbes Jahr in der Costa-Familie, als Paul und seine Frau sich entschlossen, ein großes Gartenfest zu veranstalten. Geschäftsfreunde wurden eingeladen, Girlanden und Luftballons aufgehängt, wie zu einem Kindergeburtstag. Die Gäste plauderten lautstark und standen gut gelaunt mit gefüllten Gläsern an kleinen Partytischen, die mit weißen Tüchern bedeckt waren und im leichten Wind flatterten.

Der Hausherr, ein sympathischer aber sonst kühler Geschäftsmann, hielt eine emotionale Begrüßungsrede. Die Gäste waren überrascht, und ihre Blicke richteten sich wie auf Kommando gleichzeitig auf ihn, der seine Gäste nun überaus herzlich mit einem zufriedenen Lächeln willkommen hieß. Er wünschte ihnen einen schönen Abend und beendete seine Rede mit den Worten:

– Zum Schluss möchten meine Frau und ich noch eine erfreuliche Nachricht bekannt geben. Wir haben in Pierre einen freundlichen Jungen im Haus, der schon erfolgreich in der Galerie mitarbeitet. Wir sind darüber unsäglich glücklich und möchten dir sagen, lieber Pierre – er geht ein paar Schritte auf Pierre zu und hebt ihm sein Glas entgegen –, dass wir uns entschlossen haben, dich zu adoptieren.

Zum ersten Mal umarmte Paul seinen Zögling und schob Pierre sachte Claire entgegen, damit auch sie ihn beglückwünschen konnte. Die Gäste brachen in Jubel aus, klatschten lange und prosteten einander zu. Ahnungslos und völlig überrascht von der Aktion konnte Pierre nicht anders reagieren, als es den Gästen gleichzutun. Er lächelte und stieß mit ihnen auf die Adoption an. Aber er bekam keine Gelegenheit etwas zu sagen, nämlich, dass auch er sich darüber freute.