1,99 €
Mit den Paradoxen der Stoiker richtet Marcus Tullius Cicero ein ebenso elegantes wie scharfes Gedankenspiel an seinen Freund Marcus Brutus. In zugespitzten Thesen verteidigt er scheinbar widersinnige Lehren der Stoa – etwa, dass nur der Weise wahrhaft frei sei oder allein die Tugend Glück verleihe – und prüft sie mit den Mitteln römischer Rhetorik. Cicero verwandelt philosophische Lehrsätze in lebendige Reden, verbindet moralische Strenge mit politischer Erfahrung und macht abstrakte Gedanken zu einer Herausforderung an den Leser selbst. Dabei geht es nicht um blinde Zustimmung, sondern um geistige Schärfung: Was bedeutet Tugend im öffentlichen Leben? Wie lässt sich Freiheit unter den Zwängen von Macht und Ehrgeiz denken? Die an Brutus gerichtete Schrift Paradoxa Stoicorum ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie Philosophie zur Kunst des Überzeugens wird – zeitlos, provokant und überraschend aktuell.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2026
Marcus Tullius Cicero
Paradoxe der Stoiker
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
~
Vorwort I
I. Beurtheilung der Schrift. – Zeit der Abfassung.
Vorwort II
Erstes Paradoxon.
Zweites Paradoxon.
Drittes Paradoxon.
Viertes Paradoxon.
Fünftes Paradoxon.
Sechstes Paradoxon.
Impressum neobooks
Stuttgart.Krais & Hoffmann.1864.
Bei meiner Uebersetzung von Cicero's Cato, Lälius und Paradoxen habe ich die gründliche und durch Besonnenheit des Urtheils ausgezeichnete Textesrecension von Karl Halm in der zweiten Auflage der Orelli'schen Ausgabe (M. Tullii Ciceronis Opera quae supersunt omnia ex recensione Jo. Casp. Orellii editio altera emendatior. Volumen quartum. Turici, sumptibus ac typis Orellii Füsslini et Sociorum. MDCCCLXI) zu Grunde gelegt. Nur an wenigen Stellen sah ich mich veranlaßt von derselben abzuweichen. Wo dieß aber geschehen ist, habe ich es jedesmal in den Anmerkungen angezeigt, sowie auch die Gründe angegeben, die mich dazu bestimmt haben.
Außerdem standen mir für die Beurtheilung des Textes, sowie für die Uebersetzung und Erklärung desselben folgende Hülfsmittel zu Gebote:
M. Tulii Ciceronis Cato Major seu de senectute et Paradoxa recensuit et scholiis Jacobi Facciolati suisque animadversionibus instruxit Aug. Gotth. Gernhard. Lipsiae apud Gerhardum Fleischerum jun. 1819.
M. T. Ciceronis Laelius sive de amicitia dialogus recensuit et scholiis Jacobi Facciolati suisque animadversionibus instruxit Aug. Gotth. Gernhard. Lipsiae apud Gerhardum Fleischerum. 1825.
M. T. Ciceronis Laelius sive de amicitia dialogus. Mit einem Commentar zum Privatgebrauche für reifere Gymnasialschüler und angehende Philologen bearbeitet von Dr. Moritz Seyffert. Brandenburg 1844. Druck und Verlag von Adolph Müller.
M. T. Ciceronis Cato Major sive de senectute dialogus erklärt von Julius Sommerbrodt. Leipzig, Weidmann'sche Buchhandlung. 1851.
M. T. Ciceronis ad T. Pomponium Atticum de senectute liber, qui inscribitur Cato Major, für den Schulgebrauch erklärt von Gustav Lahmeyer. Leipzig, Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1857.
M. T. Ciceronis de amicitia liber, qui inscribitur Laelius, für den Schulgebrauch erklärt von Gustav Lahmeyer. Leipzig, Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1862.
Cicero's Paradoxa und Traum des Scipio, aus dem Lateinischen übersetzt und mit Anmerkungen erläutert. Berlin, bei Karl Matzdorff. 1791.
Des Marcus Tullius Cicero Cato der Aeltere oder Gespräch vom Greisenalter, Lälius oder Gespräch von der Freundschaft und Paradoxien, übersetzt und erläutert von Friedrich Carl Wolff. Altona bei Johann Friedrich Hammerich. 1805.
Cicero's Lälius oder Abhandlung von der Freundschaft, übersetzt von Dr.. Eucharius Ferdinand Christian Oertel. Ansbach, in der Gassert'schen Buchhandlung. 1821.
Marcus Tullius Cicero vom Greisenalter und von der Freundschaft, verdeutscht und erklärt von Dr. Karl Roth. Landshut, 1833. Druck und Verlag der Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung von Joseph Thomann (Joh. Nep. Attenkofer).
Cicero's Cato oder vom Alter und Lälius oder von der Freundschaft, übersetzt von Friedrich Jacobs in der Sammlung von Reinhold Klotz: Cicero's sämmtliche Werke in Deutschen Uebersetzungen, Leipzig 1841. Verlag von Karl Focke.
Cicero's paradoxe Sätze der Stoiker, übersetzt von Johann Friedrich Schröder. Leipzig 1841, in derselben Sammlung.
Marcus Tullius Cicero's Cato der Aeltere oder vom Greisenalter und Lälius oder von der Freundschaft, übersetzt von Wilhelm Matthäus Pahl. Zweite Auflage. Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1857.
Hannover, am 20. April 1864.
R. Kühner.
Einleitung zu den Paradoxen.
1. Cicero's Abhandlung, welche Paradoxe der Stoiker überschrieben ist, bildet eine Ergänzung zu der Schrift von dem höchsten Gute und Uebel, wo er im III. Buche §. 15 in der Erörterung der Stoischen Lehre die Paradoxe erwähnt. Was dort kurz berührt ist, wird hier ausführlich entwickelt. Paradoxe werden von den Stoikern kurze Lehrsätze genannt, welche einen Gedanken aussprechen, der gegen die Meinung (παρὰ δόξαν) der großen Menge streitet oder zu streiten scheint. Aus der großen Anzahl der Stoischen Paradoxe hat Cicero nur sechs wichtigere zum Gegenstand seiner Betrachtung gemacht, da sich auch die übrigen nach den gegebenen Erörterungen leicht beurtheilen und erklären lassen.
2. Ueber die Absicht, die er bei Abfassung dieser Schrift gehabt hat, spricht sich Cicero in dem Vorworte zu derselben deutlich aus. Er will die Wahrheit dieser Lehrsätze darthun und sie durch eine klare und blühende Sprache der großen Menge annehmbar machen. An diesen Sätzen, sagt er (§. 4), die der gewöhnlichen Ansicht widersprechen, wünsche er einen Versuch zu machen, ob man sie nicht an's Tageslicht, das heißt auf das Forum, hervorziehen und so vortragen könne, daß sie annehmbar befunden würden, und zwar habe er diese kleine Schrift mit um so größerem Vergnügen abgefaßt, weil jene Sätze, näher betrachtet, ächt Sokratisch und durchaus wahr zu sein schienen. Es war ihm daher in dieser Abhandlung weniger darum zu thun diese Lehrsätze in streng philosophischer Weise zu entwickeln als vielmehr dieselben für das Leben fruchtbar zu machen. Sowie in der Schrift von der Freundschaft, so nimmt er auch hier weniger den Standpunkt eines Philosophen ein als den eines praktischen Staatsmannes, indem er mit der ganzen Kraft eines Redners gegen die damals mehr und mehr um sich greifende Lasterhaftigkeit der Römer, und zwar besonders vieler hochgestellter Staatsmänner, kämpft. Zugleich hat er aber auch, wie einerseits aus dem Vorworte, andererseits aus der Darstellungsweise, deren er sich bedient hat, deutlich hervorgeht, die Behandlung der sechs Paradoxe als eine Redeübung betrachtet. Die sechs Abhandlungen tragen ganz das Gepräge von rednerischen Prunkreden an sich; daher auch die so häufige Anwendung der Apostrophe, einer rhetorischen Figur, deren sich der Redner bedient, wenn er sich von der Sache abwendet und eine Person als anwesend anredet.
3. Aber die Ansicht derer ist zu verwerfen, die da meinen, die Schrift sei eigentlich weiter Nichts als Redeübungen, und man dürfe daher keineswegs aus derselben schließen, daß Cicero die darin enthaltenen Ansichten als eigene Ueberzeugung ausgesprochen habe. Denn Cicero selbst sagt zu Anfang des ersten Paradoxon: »Ich befürchte, daß Mancher von euch glaubt, diese Abhandlung sei aus den Untersuchungen der Stoiker, nicht aber aus meiner eigenen Ueberzeugung geschöpft; doch ich will sagen, was ich denke«. Allerdings sucht Cicero die Stoischen Paradoxe in der Rede für Lucius Murena (Kap. 29 und 30) lächerlich zu machen und in der Schrift von dem höchsten Gute (IV. 27 und 28) vom philosophischen Standpunkte aus zu widerlegen. In Betreff der erwähnten Rede sagt Cicero selbst an der angeführten Stelle der Schrift von dem höchsten Gute: »Ich will jetzt mit dir nicht so scherzen, wie ich es über dieselben Gegenstände (die Paradoxe) that, als ich Lucius Murena gegen deine (Cato's) Anklage vertheidigte«. Daß er aber in dem vierten Buche der Schrift von dem höchsten Gute die Sätze der Stoiker zu bekämpfen sucht, darf keineswegs auffallen, da er hier als Neuakademiker auftritt. Aus einer Vergleichung der moralischen Schriften Cicero's erhellt deutlich, daß er sich in der Moral an die Stoische Lehre anschloßS. unsere Schrift: Ciceronis in philos. merit. p. 222 sqq.. In dem Wesen der neuen Akademiker aber lag es bei der Untersuchung einer Frage alle Gründe und Momente, welche für und gegen dieselbe angeführt werden können, sorgfältigst zu untersuchen und gegen einander abzuwägen und so das darinliegende Wahrscheinlichste aufzufindenS. ebendaselbst p. 148 sq..
4. Man hat zu zeigen versucht, daß die einzelnen Abhandlungen der sechs Paradoxe in einem gewissen inneren Zusammenhange ständenS. MoserProleg. ad Parad. XXXVI sq.. Allein diese Versuche verrathen allerdings Scharfsinn, führen aber keineswegs zu einem befriedigenden Ergebnisse.
5. Was die Zeit der Abfassung der Paradoxe betrifft, so läßt sie sich nicht mit Sicherheit bestimmen; aber die richtigste Ansicht scheint die zu sein, daß sie kurz nach Herausgabe des Brutus oder der Schrift von den berühmten Rednern anzunehmen sei. Der Brutus ist im J. R. 707 oder 47 v. Chr. in dem einundsechzigsten Lebensjahre Cicero's, als Cäsar nach Afrika gegen Scipio und den König Juba gegangen war und kurz zuvor den Marcus Brutus zum Befehlshaber von dem Cisalpinischen Gallien gemacht hatte, verfaßt worden. Zu Anfang des Monats April wurden Scipio und Juba von Cäsar besiegt, und wenige Tage darauf nahm sich Cato zu Utika das Leben. Cicero redet aber von Cato als von einem LebendenS. Prooem. §. 2.. Demnach muß man schließen, daß Cicero diese Schrift in der Zeit abgefaßt habe, die zwischen der Herausgabe des Brutus und der Ankunft der Nachricht von Cato's Tode liegt. Die Ansicht von Schütz aber, die einen Zwischenraum von etwa zehn Jahren zwischen dem Anfange und dem Ende der Schrift annimmt, so daß im J. R. 697 (= 57 v. Chr.) das zweite, vierte und sechste Paradoxon, das sechste wenigstens nicht nach 698, das Vorwort aber mit den drei übrigen 707 geschrieben sei, ist von GernhardProlegom. ad Parad. p. XXXVII sq.gründlich widerlegt worden.
Vorwort. Zuschrift an Marcus Brutus. Erklärung der Absicht, die Cicero bei Abfassung dieser Schrift gehabt hat.
Erstes Paradoxon.Nur was sittlich schön ist, ist ein Gut.
