Paranoid - Wolfgang Ruehl - E-Book

Paranoid E-Book

Wolfgang Ruehl

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Beschreibung

Ein Cyber-Thriller wie ein Road Movie, der den Leser in rasender Geschwindigkeit durch zahlreiche Handlungsorte und in die Welt des internationalen Waffenhandels führt. Zwei junge Männer werden für einen Mord zur Rechenschaft gezogen, den sie nicht begangen haben. Nur mit Hilfe der Tochter des Mordopfers können sie ihre Unschuld beweisen und die wahren Täter überführen.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Ähnliche


Wolfgang Ruehl

Paranoid

Cyberthriller

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Impressum

Kapitel 1

In dieser Jahreszeit hatte er eindeutig nichts zu suchen, dieser Mistkerl. Es war Hochsommer und Hagen hatte nicht die leiseste Ahnung, warum er gerade jetzt und hier von seiner unangenehmsten Kindheitserinnerung heimgesucht wurde. Kein Werbeplakat, keine Weihnachtsmusik, nichts Rotes, ja nicht einmal ein Nadelbaum war zu sehen. Er sog die Luft im Wagen tief ein und konzentrierte sich auf den Geruch. Auch daher konnte es nicht kommen, es roch nach Connolly Leder und nicht nach Aachener Printen. Die Erinnerung an den Kinderfreund in rot wurde eindeutig nicht von einer Geruchswahrnehmung ausgelöst. Kaum verwunderlich, denn Hagen hatte wenig von einem romantischen Träumer. Bei ihm musste sich die Erinnerung einen anderen Weg bahnen. Eher wie ein Croupier seines Unterbewusstseins der eine beliebige Karte auf den Tisch warf, mit der dann gespielt werden musste.

In diesem Fall mit einem Schlüsselerlebnis aus Hagens frühester Kindheit. Er war viereinhalb gewesen. Der Nikolaus war mit seinem Partner, einem ganz in schwarz gekleideten Typen, der kein Wort sagte und bei der Bescherung offensichtlich die Rolle des Bad Cop zu spielen hatte, ins Heim gekommen und wuchtete einen gewaltigen Sack auf die Bühne der Aula. Das Publikum bestand aus den Kindern des Heimes und den Nonnen. Nach der Begrüßung und einer erstaunlich synchron geratenen Erwiderung des Grußes durch die Kinderschar, fragte der Nikolaus, wer denn das jüngste Kind sei und fischte ein erstes Geschenk aus dem riesigen Sack. Hagens Kinderherz begann wie wild zu hüpfen. Er war das jüngste Kind! Er sprang auf und wollte gerade auf die Bühne stürmen, als er feststellen musste, dass ein anderes Kind, deutlich älter als er, schneller gewesen war und das Päckchen einheimste. Hagens Protest wurde von einer der Nonnen mit einer beschwichtigenden Geste abgewiegelt. Seine Hoffnung, zu einem späteren Zeitpunkt mit einem größeren Geschenk entschädigt zu werden, wurde bitterlich enttäuscht. Drei Illusionen trug Hagen an diesem Tage zu Grabe.

Seinen Glauben an die Allwissenheit des Nikolauses, den an die Gerechtigkeit im Allgemeinen und sein Vertrauen in die Vertreter kirchlicher Institutionen. Hagen registrierte verärgert, dass diese längst vergessen geglaubte Erinnerung immer noch größtes Unbehagen bei ihm auslöste.

Er entzündete eine Zigarette und inhalierte tief. Warum kam diese Erinnerung jetzt? Kurz vor ihrem endgültigen Triumph? Er rempelte die Frage beiseite. Unfug, stattdessen kramte er in seinem gut ausgestatteten Fundus angenehmer Kindheitserinnerungen und holte ein paar Perlen hervor, um den Schatten der Nikolaus Erinnerung zu vertreiben. Da war

das legendäre A-Jugend Spiel gegen Bösingen, in dem er drei Tore gemacht und den Gegner quasi im Alleingang pulverisiert hatte. Oder Marita, seine Jugendliebe auf der Abschlussfeier der Realschule: Sie hatte ihn im Werkraum in eine Knutscherei verwickelt, die alle wesentlichen Merkmale eines Duells enthalten hatte, ausgefochten mit Zungen statt Degen. Hagen lächelte. Genug. All das war lange her und hatte mit dem was vor ihnen lag nichts zu tun.

„Alles klar?“, fragte Franjo. „Bestens, alles bene.“ Hagen drehte die Musik lauter.

„Dark was the night, red was the dawn“ tönte die Stimme John Newlins aus den Türlautsprechern, als Franjo und Hagen genussvoll langsam durch das Pariser Villenviertel fuhren. Ein Song, harmlos und schön wie eine freundliche Warnung.

Die Beiden folgten den Anweisungen des Navis und betrachteten die Häuser und prächtigen Gartenanlagen.

„Wie muss ich mir das vorstellen“, wollte Hagen wissen, „kriegen wir den Hauptgewinn gleich in bar wenn wir da aufschlagen oder müssen wir am letzten Spielort noch eine Aufgabe lösen?“

„Schätze, wir müssen noch was tun, “ entgegnete Franjo, „ schließlich haben wir erst neun Aufgaben gelöst. Du kannst ja noch mal ins Netz gehen. Da müsste neben der letzten Aufgabe ein Bild der Trophäe sein, die wir finden müssen.“

Hagen griff nach dem Smartphone und startete die Transadventure App.

„Kommt sofort.“ Er gab das Kennwort ein, wobei ihn seine brennende Zigarette behinderte, die er nach kurzem Zögern aus dem Fenster schnippte.

„Das dauert hier, nicht zu fassen.“

„Das dauert hier genau so lange wie anderswo, du wirst ungeduldig auf der Zielgeraden.“

Auf dem Bildschirm erschien die Flash Animation eines Narren, der den Betrachter grinsend begrüßte und „Well done“ krächzte.

„Na bitte, wer sagt´s denn!“ Auf Hagens Stirn schoben sich drei Falten zusammen. „Hm, so was Ähnliches habe ich mir schon gedacht.“

„Was?“

„Das noch so’n Sexding kommt.“ Hagen hielt Franjo das Display des iPhones vor die Nase und deutete auf ein Paar Handschellen, die im zehnten und letzten Kästchen neben der zehnten Aufgabe abgebildet waren.

Hagen rieb sich die Hände, schaltete Gerät aus und reichte es an den Fahrer weiter.

„Die letzte Aufgabe übernehme ich, das ist nichts für frisch Verliebte.“ Er sah sich um, anerkennend nickend. „Nette Gegend hier.“

„Das kannst du laut sagen.“

„Nette Gegend hier“, brüllte Hagen und lachte. „Hast du noch was zu rüsseln? Ich muss mich in Form bringen, bevor ich die Dame des Hauses an die Pfosten ihres Messingbettes kette.“

Franjo reichte Hagen ein Briefchen und sah sich skeptisch um, während er, den Anweisungen des Navis folgend, in eine Seitenstraße abbog.

„Ich weiß nicht. Das ist mir etwas zu öffentlich hier.“

„Mach dir nicht ins Hemd“, bemerkte Hagen, der im Handschuhfach nach einer Unterlage suchte. Da ist eine Parklücke. Rein da und fertig.“

Franjo parkte ein und Hagen ordnete das weiße Pulver in zwei Lines auf einer CD Hülle, die er seinem Nebenmann reichte. Anschließend knüllte er das Briefchen zusammen und warf es aus dem Fenster.

Franjo rollte einen Geldschein und sog das Pulver ein.

Hagen folgte seinem Beispiel, rieb sich die Nase und kontrollierte sein Riechorgan anschließend im Kosmetikspiegel der Sonnenblende.

„Auf geht’s.“

Das Navi führte die Beiden in eine Sackgasse, die auf beiden Seiten von prachtvollen Villen hinter hohen Mauern gesäumt war. Auf der Straße war kein einziges Fahrzeug zu sehen.

Selbst die Straßenbeleuchtung schien hier heller zu sein, als in den Wohnvierteln, die sie zuvor durchfahren hatten.

„Hol schon mal den Schlüssel raus“, sagte Franjo und deutete auf den Beutel, in dem die gesammelten Trophäen verstaut waren, „wir sind gleich da.“

Hagen kramte den Schlüsselbund hervor und warf den Beutel auf die Rückbank. Er ließ den Schlüsselbund durch seine Finger gleiten und betrachtete ihn liebevoll. Neben dem Emailschild mit dem Grünen Punkt baumelten ein einzelner Schlüssel und eine Infrarot Fernbedienung.

„Sie haben Ihr Fahrtziel erreicht“, verkündete die Stimme des Navigationsgerätes.

Hagen drückte auf den Infrarotsender, woraufhin sich das gusseiserne Tor schwerfällig in Bewegung setzte.

„Das nenn ich mal eine amtliche Casa.“ Er deutete auf das beleuchtete Fenster im ersten Stock. „Die zählen schon die Kohle. Zehn Riesen Mann, wir haben es geschafft. Wir haben es tatsächlich geschafft.“ Hagen rieb sich die Hände und trommelte auf das Armaturenbrett, während sich die Reifen knirschend durch den weißen Kies der Auffahrt gruben. „Hup mal, damit das Empfangskomitee aufläuft. Ich will hier ganz Old-School-mäßig ein Spalier von befrackten Lakaien sehen, wenn die Sieger aufschlagen.“

Franjo hupte tatsächlich, aber nichts rührte sich. Sie parkten den Wagen direkt vor der Einfahrt und näherten sich respektvoll dem riesigen Eingangsportal.

„Was glaubst du, kostet so eine Villa?“ wollte Hagen wissen.

„Ein bisschen mehr als unser Hauptgewinn wird es schon sein, damit kann man wahrscheinlich gerade mal die Betriebskosten für einen Monat bestreiten.“

Franjo klingelte, aber wiederum rührte sich nichts.

„Was machen wir mit der Kohle?“ fragte Hagen. „Wir haben noch zwei Wochen Urlaub. Wie wär’s, wenn wir nach Thailand fliegen? Da kann man tauchen, da gibt es jede Menge Hasen und Magic Mushrooms.“

„Schließ auf, das Spiel ist noch nicht zu Ende.“

„Das Spiel ist noch nicht zu Ende“, echote Hagen mit tiefer Stimme und schob den Schlüssel ins Schloss. „Wir kommen jetzt herein und machen dem Spiel ein Ende, also, jeder Widerstand ist zwecklos.“ Die schwere Eichentüre öffnete sich wie von selbst.

„Hallo, ist da jemand?”

Hagen schaltete das Licht an. Die riesige Halle war beeindruckend und menschenleer. Die beiden sahen einander etwas hilflos an.

Franjo deutete nach oben, Hagen schüttelte den Kopf. „Der SM-Raum ist immer im Keller.“

„Du bist echt krank im Kopf, im Ernst. Das solltest du mal in Angriff nehmen. Wir gehen nach oben, da brennt Licht.“

Franjo nahm zwei Stufen auf einmal und spurtete die Rundtreppe hoch. Hagen folgte ihm. Oben angekommen orientierten sie sich.

„Da.“ Hagen deutete auf den Lichtstrahl unter der Türe am Ende des Ganges.

Franjo bewunderte den Teppich in den sie beim Gehen zentimetertief versanken. Er drückte die Klinke vorsichtig runter und sie betraten ein altmodisch eingerichtetes, Holz vertäfeltes Arbeitszimmer, in dessen Mitte ein zierlicher antiker Schreibtisch stand. Die linke Seite des Raumes füllte eine Bücherwand, auf der rechten stand ein gewaltiger Kamin, der mit Jagdtrophäen umrahmt war, die ganz offensichtlich nicht in europäischen Wäldern geschossen worden waren. Es war nicht das leiseste Geräusch zu hören.

Während Hagen, den Kopf im Nacken, die holzvertäfelte Decke betrachtete, entfuhr Franjo ein Fluch. „Verdammte Scheiße.“

Hagen fuhr zusammen und orientierte sich an Franjos Blickrichtung.

Er sah die Beine eines Mannes hinter dem Schreibtisch liegen. „Fuckch.“

Langsam näherten sie sich der Leiche. Sie sahen einander wortlos an, nur wenige Sekunden, die ihnen aber wie eine Ewigkeit vorkamen. Dann wanderten ihre Blicke wieder zu dem Toten, dessen Kopf durch eine Schusswunde verunstaltet war und der in einer riesigen, schwarzen Blutlache lag.

Hagen überwand seine Lähmung als erster und beugte sich fachmännisch über die Leiche des alten Mannes.

„Sieht genauso aus wie der Stift, der letztes Jahr vom Gerüst gefallen ist. Hirngrütze, guck dir das an.“

„Super, das ist alles was dir einfällt, verdammt noch Mal?“ Franjos graue Zellen arbeiteten auf Hochtouren.

„Was regst du dich auf?“, versuchte Hagen ihn zu beruhigen. „ Wir haben den doch nicht umgelegt.“

„Was ich mich aufrege? Du fragst, was ich mich aufrege? Ich kann dir sagen, warum ich mich aufrege. Wir sind abgezockt worden. Nach allen Regeln der Kunst. Die ganze Nummer war ein abgekartetes Spiel und wir sind die Deppen, wenn das kein Grund ist, sich aufzuregen...“

Hage schüttelten den Kopf, lächelte und schob seinen Freund langsam Richtung Türe: „Hör zu. Kein Grund zur Panik. Alles unter Kontrolle. Wir drücken hier die Escape Taste und verschwinden, ohne irgendetwas anzufassen. Sofort. Wir gehen nicht über Los, ziehen auch keine 10.000 Euro ein und vergessen den ganzen Quatsch. Also, kontrollierter Rückzug, auf geht ?s.“

Franjo zögerte einen Moment, dann nickte er. Die Beiden drehten sich um und hatten die Türe noch nicht erreicht, als der ganze Raum von einem Moment zum anderen in blinkendes blaues und rotes Licht getaucht wurde.

„Don´t fuck...“ „...with Switzerland“, vervollständigte Hagen den Satz.

Eine durch das Megaphon metallisch eingefärbte Stimme sprach in kurzen und bestimmt klingenden Sätzen zu den Beiden.

„Was sagt er?“, wollte Hagen wissen.

„Das Haus ist umstellt und wir sollen mit erhobenen Händen rauskommen“, übersetzte Franjo.

„Sehr originell.“ Hagen hielt seine Hände halbhoch, zögerte und überlegte, ob den Anweisungen der Polizei jetzt schon Folge zu leisten war, oder erst, wenn sie draußen waren. Er betrachtete seine Jacke und die seines Freundes auf der Suche nach roten Punkten von Laserzielgeräten, fand aber keine. „Scheiße. Hast du einen Plan B?”

Franjo war der erste, der sich wieder gefasst hatte.

„Pass auf. Das ist eine abgekartete Sache, soviel ist klar. Wir haben maximal zwei Minuten Zeit, bis die Bullen hier sind. Wahrscheinlich schießen die bei der ersten Gelegenheit. Also: keine unüberlegten Bewegungen. Wahrscheinlich werden wir sofort getrennt und uns eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen.“ Franjo war hochkonzentriert. „Die werden versuchen uns gegeneinander auszuspielen. Keiner gesteht irgendwas. Wir bringen die Story genau so, wie sie passiert ist. Das ist unsere einzige Chance.“ Hagen nickte, wobei sich Franjo nicht sicher war, ob sein Freund ihm überhaupt zugehört hatte.

„Und keiner lässt sich auf einen Deal ein, egal was man ihm anbietet. Hast du das verstanden?“

Hagen nickte. „Kein Deal, die Story im Original bringen, alles easy.“ Dann bewegten sich die Beiden langsam auf den Ausgang zu, die Hände erhoben.

Kapitel 2

Paris

Es gibt postkoitale Depressionen, Belastungsdepressionen, Entlastungsdepressionen, drogenindizierte Depressionen, chronische Depressionen und sicher noch ein weiteres Dutzend. Aus der Sicht eines Psychologen wäre Hagen in seinem momentanen Gemütszustand ein äußerst wertvoller Proband, da er eine Vielzahl dieser Depressionsvarianten gerade gleichzeitig durchlitt.

„Dieses Warten, dieses verdammte Warten“, murmelte er. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit. Er schmorte ohne jegliches Zeitgefühl seit einer gefühlten Ewigkeit in seiner Zelle, ohne dass ihn jemand angesprochen hätte. In regelmäßigen Abständen kam jemand den Gang hinunter, an der Zelle vorbei, um dann wieder zu verschwinden. Überhaupt lief das alles ganz anders ab, als in den Filmen oder im Fernsehen. Bis auf die Verhaftung selbst, die etwas ruppig über die Bühne gegangen war, waren alle ausgesprochen höflich gewesen. Man hatte ihm sogar seine Zigaretten gelassen, die allerdings schon vor Stunden zur Neige gegangen waren. Und jetzt wollten sie ihn wohl weich kochen, soviel war klar. Wahrscheinlich aber hatten sie gerade Franjo in der Mangel. Oder – für einen kurzen Moment keimte Hoffnung in ihm auf - das Ganze war ein verdammt professionell gemachter Scherz wie bei „The Game.“ Quasi der letzte Test bevor sie mit dem Jackpot rüberkommen würden.

Die Handschellen, die letzte von 10 Trophäen. Genau. Gleich würde eine schlanke Mulattin hereinkommen, einen Koffer voll Geld in der Hand und ihn verführerisch anlächeln. In ihrem Schlepptau der Puppet Master und ein grinsender Urs, der sich geschlagen gibt. Hagen wartete einen Moment, bis sich der Gedanke gesetzt hatte. Dann schüttelte er den Kopf.

„Du Schwachkopf, du gottverdammter Schwachkopf“, schrie er laut in seiner Zelle und hämmerte sich mit der flachen Hand vor die Stirne, als wolle er diesen Gedanken mit Gewalt aus seinem Kopf prügeln. Nein, das war kein Spiel, sie waren nach allen Regeln der Kunst gelinkt worden. Diese Gewissheit nahm ihn in Besitz und ließ alle Kraft aus seinen Gliedern weichen.

Er betrachtete seine Fingerkuppen, die immer noch Reste der Druckerschwärze aufwiesen. Die erste einer ganzen Reihe von Prozeduren, die er direkt nach der Ankunft auf dem Revier über sich hatte ergehen lassen müssen. Die Drogen, OK, das würde er zugeben müssen, aber das war Eigenbedarf. Das mit den Schmauchspuren an seiner Hand und der Kleidung würde er erklären können. Hoffentlich hatte Franjo noch die ganzen Adressen. Er hatte sich schon seit Stunden das Hirn zermartert, aber ihm fiel beim besten Willen nicht ein wie der verdammte Ort hieß, an dem der Schießstand war. Sein Gedächtnis, das war ein Problem. Aber andererseits war Franjo in diesen Dingen ausgesprochen gewissenhaft. Das würde sich klären lassen. Contenance bewahren, das war jetzt das Wichtigste, Contenance, er nickte, den Blick abwechselnd auf die vier Ecken der Decke gerichtet. Er konnte sie zwar nicht sehen, aber er wusste, dass sie da waren, die Beobachtungskameras, durch die sie ihn studierten, wie eine Laborratte. Jawohl, Haltung bewahren, mehr konnte er im Moment nicht tun.

Franjo hatte sich den Verhörraum anders vorgestellt, mit einem großen Spiegel, hinter dem sich weitere Polizisten verbergen würden. Mit einer Schreibtischlampe, die ihn blenden würde. Stattdessen befand er sich in einem ganz gewöhnlichen Besprechungsraum. Mit einem großen Tisch in der Mitte und einem kleineren Schreibtisch, sowie den dazu gehörigen Büroutensilien. Eine Strukturtapete in nichts sagendem Grau, das war alles. Kein Fenster. Vor ihm ein Aschenbecher, eine angebrochene Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug, das mit einer Kette am Tisch befestigt war. Er überlegte einen Moment, nahm sich eine Kippe und zündete sie an.

Dann hörte er Schritte auf dem Gang. Wenig später betraten drei Männer den Raum.

Zwei setzten sich ihm gegenüber. Ein Diktiergerät wurde auf den Tisch geschoben und angeschaltet. Der dritte Mann blieb hinter Franjo stehen.

Commissaire Foch hielt eine dünne Akte in der Hand und nickte dem Mann an seiner Seite zu.

„Herr Gönner, Sie sind über Ihre Rechte aufgeklärt worden?“

„Jawohl.“

„Wir haben die deutsche Botschaft verständigt, das ist Vorschrift. Ihr Anwalt ist auf dem Wege, wir erwarten ihn jeden Moment. Sie können unsere Sprache verstehen?”

„Jawohl.“

Der Kommissar nickte. „Wir haben, um Missverständnissen vorzubeugen, trotzdem einen Dolmetscher hier. Sie können also in Deutsch antworten.“ Der Kommissar vergewisserte sich mit einem Blick über den Rand seiner Lesebrille, dass Franjo ihn verstanden hatte. „Können wir bis er eingetroffen ist, kurz auf ihre Angaben zur Person eingehen?”

„Selbstverständlich.“

Der Dolmetscher las Name, Geburtsdatum, Geburtsort und Adresse von einem Blatt ab. „Sind diese Angaben korrekt?“

„Korrekt“, bestätigte Franjo.

„Wissen Sie, was Ihnen zur Last gelegt wird?”, fragte Foch, der nach einem billigen After Shave roch, von der Sorte, die man zu den üblichen Anlässen von ratlosen Angehörigen geschenkt bekommt.

„Nein.“? Franjo sagte dies mit einer verblüffend echt wirkenden Sorglosigkeit. Die drei Männer sahen einander ungläubig an. Hatten sie richtig gehört?

Commissaire Foch notierte etwas auf das Blatt in der Akte. Dann betrat ein Mann den Raum, der sich als Vertreter der Anwaltskanzlei Pleneau vorstellte. Mit sicherem Schritt näherte er sich und begrüßte die Anwesenden. Er nahm neben Franjo Platz.

„Ich bin Alphonse Radiguet, ihr Anwalt.“

„Franjo Gönner, sehr erfreut.“ Das war eindeutig gelogen, denn Franjo hatte einen Mann mit grauen Schläfen jenseits der Fünfzig erwartet und sah sich jetzt einer Person gegenüber, die jünger war, als er selbst. Ende Zwanzig, höchstens Anfang Dreißig. Der Mann sprach allerdings akzentfrei deutsch und strahlte eine bemerkenswerte Selbstsicherheit aus.

„Dies ist kein Verhör“, stellte er klar. „Die Herren beschreiben lediglich den Sachverhalt. Wir werden uns zu keinem der genannten Punkte äußern, bis wir Gelegenheit hatten, Einsicht in die Unterlagen zu nehmen. Bitte, meine Herren.“

Commissaire Foch begann, wobei er seinen Vortrag regelmäßig unterbrach, um dem Dolmetscher Zeit für die Übersetzung zu gewähren.

„Fassen wir den Sachverhalt zusammen, meine Herren. Ihnen wird vorgeworfen den Tod von M. Schoenwater, wohnhaft in der Rue Gilles de Rais, No. 17 herbeigeführt zu haben. Sie sind um 23.45 Uhr am Tatort in Begleitung eines gewissen Hagen Hoffstadt festgenommen worden. Die Gerichtsmedizin hat den Todeszeitpunkt in einem vorläufigen Befund auf 23.30, plus minus eine halbe Stunde, festgelegt. In ihrem Besitz befanden sich die Schlüssel zur Villa, die am Tage zuvor bei einem Einbruch in das Wochenendhaus des Opfers entwendet wurden. Ihre Fingerabdrücke sind neben zahlreichen weiteren Spuren in besagtem Wochenendhaus gefunden worden.

Wir haben die Fingerabdrücke des Herrn Hoffstadt sowohl auf der Tatwaffe, als auch auf den Patronenhülsen gefunden. Des Weiteren haben wir Spuren von Barium und Antimon an der Kleidung und auf der Haut Ihres Begleiters nachweisen können. Eine Untersuchung Ihres Fahrzeuges und Ihrer Kleidung hat ergeben, dass sie beide eine nicht unerhebliche Menge verschiedener illegaler Substanzen bei sich trugen. Eine Untersuchung ihres Blutes hat ergeben, dass sie diese Substanzen auch zu sich genommen haben. Der Haftbefehl lautet auf gemeinschaftlich begangenen Mord. Haben sie das verstanden?”

„Jawohl.“

„Möchten Sie sich zu diesem Sachverhalt äußern?”

„Mein Mandant sieht sich nicht in der Lage, sich zu Vorwürfen zu äußern, die sich im Kern gegen eine andere Person richten“, warf der Anwalt ein, bevor Franjo Gelegenheit hatte, auch nur eine Silbe heraus zu bringen. „Das war es wohl, ich danke Ihnen, meine Herren.“

„Sie sollten“, bemerkte Caspin, „Ihren Mandanten darauf aufmerksam machen, dass sich ein Geständnis nur dann strafmildernd auswirkt, wenn es abgelegt wird, bevor aus Indizien gesicherte Erkenntnisse geworden sind.“ Er baute sich vor dem jungen Anwalt auf, um seinen massigen Körper voll zur Geltung zu bringen. „Und so wie ich das sehe, wird das schon sehr bald der Fall sein, mein junger Freund.“

„Ich bin nicht ihr Freund“, bemerkte der Anwalt in bewusst herablassendem Ton und wenig beeindruckt von Caspins Versuch ihn einzuschüchtern. „Und wir werden Sie wissen lassen, wann wir beabsichtigen, eine Aussage zu machen.“

Der Kommissar schaltete das Diktiergerät mit einer jovialen Geste aus, als wolle er nicht, dass seine folgenden Sätze dokumentiert werden.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag M. Radiguet“, sagte Caspin und setzte ein schelmisches Lächeln auf, „lassen Sie sich von Ihrem Mandanten den Sachverhalt aus seiner Sicht beschreiben. Sie sind hier, wie Sie wissen ungestört. Ich werde derweil in der Kantine einen Kaffee trinken. Und wissen Sie was, Herr Anwalt?“, sein Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen, „ich habe so ein Gefühl, und mein Gefühl täuscht mich selten, dass eine vollständige Aussage hier auf dem Tisch liegt, bevor ich den Kaffee wieder ausgepisst habe.“

Kommissar Caspin nickte, ließ einige Sekunden verstreichen und wandte sich dann zur Tür. „Meine Herren, Sie haben jetzt Gelegenheit sich in Ruhe auszutauschen.“

Franjo sah unsicher zur Seite und bemerkte ein angedeutetes Kopfschütteln, so als wolle der junge Anwalt sagen, „machen Sie sich keine Sorgen, das sind die üblichen Spielchen...“

Caspin gab den beiden Anderen ein Zeichen, woraufhin sie Akten und Diktiergerät einpackten und ebenfalls den Raum verließen. Caspin kam unmittelbar nachdem er den Raum verlassen hatte wieder zurück und warf die Akte demonstrativ auf den Tisch. „Bitte schön.“

Radiguet hatte diese ungewöhnliche Geste besorgt zur Kenntnis genommen.

Er wies seinen Mandanten an, einen Moment zu warten und griff nach der Akte.

„Bevor wir anfangen, lassen sie mich etwas Wichtiges feststellen. Unsere Kanzlei wird Sie und zwar nur Sie verteidigen. Damit wir uns richtig verstehen. Ich kann Ihnen ein befreundetes Anwaltsbüro nennen, das sich um Ihren Freund kümmert. Wir werden seinen Fall unter keinen Umständen übernehmen. Das ist eine Vorbedingung und die ist nicht verhandelbar. Sind sie einverstanden?“

„Nein.“

„Dann, fürchte ich, kann ich nichts für Sie tun.“

„Steckt mein Vater dahinter?“

„Sie sollten sich mit solchen Fragen nicht beschäftigen. Nicht in Ihrer Situation. Sie haben das außerordentliche Glück, Menschen an Ihrer Seite zu wissen, die um Ihr Wohl besorgt sind.“ Franjo amüsierte der väterliche Ton, den der junge Anwalt aufsetzte und fragte sich, ob man das an der Universität lernte.

Während Radiguet sprach, überflog er die Akte, schnell, aber konzentriert und gewissenhaft. Es schien, als fotokopiere er alle wesentlichen Details in sein Gedächtnis. Es erstaunte Franjo, dass der junge Mann das Gespräch fortsetzte, während er die Akte studierte.

„Wenn das, was die Beamten gerade vorgetragen haben, zutrifft, und allem Anschein nach tut es das in den wesentlichen Punkten, sind Sie in großen Schwierigkeiten, Herr Gönner. In sehr großen Schwierigkeiten. Der Mann, dessen Ermordung ihnen vorgeworfen wird, ist nicht irgendwer.“ Er blätterte um und sah Franjo für einen Augenblick an, um sich dann wieder dem Ordner zuzuwenden. „M. Schoenwater gehört, obwohl er belgischer Staatsbürger ist, zu den ersten Kreisen dieses Landes. Und bei uns achtet man auf einander.“

„Wäre ich in weniger großen Schwierigkeiten, wenn eine unbedeutende Person ums Leben gekommen wäre?“, wollte Franjo wissen.

Radiguet verdreht die Augen. „Juristisch gesehen, nein, aber faktisch gesehen schon, denn die Gegenseite wird ihre besten Leute auf den Fall ansetzen.“ Der junge Anwalr begab sich zur Tür. „Ich werde jetzt auf den Gang gehen und mir die Füße vertreten. Ich werde in exakt fünf Minuten wiederkommen und erwarte dann Ihre Entscheidung.“

Franjo nickte und M. Radiguet verließ den Raum.

Franjo griff nach einer Zigarette, entzündete sie und begann nun seinerseits im Raum auf und ab zu gehen.

Was hatte das zu bedeuten? Radiguet wollte Hagen nicht verteidigen, sondern nur ihn. „Mein Mandant sieht sich nicht in der Lage, sich zu Vorwürfen zu äußern, die sich im Kern gegen eine andere Person richten.“

Das hatte der junge Anwalt gesagt. Wie es aussah, lief die Sache darauf hinaus, Hagen die Hauptlast der Anklage aufzubürden. Hagen hatte geschossen, nicht in der Villa und auch nicht auf den Toten, aber das war im Moment nebensächlich. Der junge Mann schien bereits eine Verteidigungsstrategie im Kopf zu haben, was Franjo einerseits beruhigte, ihm andererseits aber auch Kopfzerbrechen bereitete. Kein Deal, das war die Vereinbarung, die sie in der Villa getroffen hatten und daran würde er sich halten.

Einen eigenen Anwalt zu beauftragen war jedoch kein Deal mit der Staatsanwaltschaft und vier Augen sehen mehr als zwei. Es könnte sich also durchaus als Vorteil erweisen, wenn zwei Kanzleien mit dem Fall beauftragt wurden. Zudem waren sie unschuldig. Das würde sich sehr schnell erweisen. Schließlich war das Spiel an dem sie teilgenommen hatten Realität und der Ablauf der vergangenen Tage einigermaßen dokumentiert. Franjo nickte, drückte die Zigarette aus und setzte sich wieder.

Radiguet betrat den Raum. „Wie sieht es aus, sind Sie zu einer Entscheidung gekommen?“

„Ich bin einverstanden mit Ihrem Vorschlag. Allerdings wünsche ich, dass eine namhafte Kanzlei mit der Verteidigung meines Freundes beauftragt wird. Die Kosten dafür übernehme ich.“

„Das ist sehr nobel von Ihnen, wird Ihren Freund aber nicht retten“, entgegnete der Anwalt mit einer Bestimmtheit, die Franjo erschreckte.

Caspin hielt Foch zurück, als dieser die Klinke zum Vernehmungszimmer bereits in der Hand hatte.

„Hör zu Foch, du schuldest mir was. Den bewaffneten Raub in der Rue Hermés habe ich dir überlassen. Ich tauche im Bericht gar nicht auf obwohl es mein Informant war der uns den Tipp gegeben hat und ich den Kerl hoch genommen habe. Jetzt kannst du was für mich tun. Ich brauche das Geständnis der Beiden bevor Cardiff aus Marseille zurück ist. Das ist wichtig. Hörst du? Bevor Cardiff aus Marseille zurück ist. Und diesmal wirst du es sein, der im Bericht nicht vorkommt. Haben wir uns verstanden?“ Foch murmelte etwas Unverständliches.

„Haben wir uns verstanden, Foch?“

„Alles klar. Das ist dein Fall und der ist ganz nach Vorschrift vom Schreibtisch aus gelöst worden.“

Caspin nickte zufrieden, klopfte Foch auf die Schulter und drückte die Klinke herunter.

Das Vernehmungszimmer war nichts anderes als ein normales Büro in dem die Jalousien herunter gelassen worden waren. Im hinteren Teil befand sich ein Arbeitsplatz, im vorderen ein Besprechungstisch, an dem Hagen saß und rauchte. Die Anzahl der Zigarettenstummeln im Aschenbecher deutete auf eine längere Wartezeit hin und war ein untrügliches Indiz für die Nervosität des Wartenden. Caspin wies dem Dolmetscher einen Platz an und klappte seine Mappe auf. Erst dann würdigte er Hagen eines Blickes.

„Mein Name ist Commissaire Caspin und das ist mein Kollege Foch. Da sie der französischen Sprache nicht mächtig sind, haben wir einen Dolmetscher bereitgestellt.“

Caspin begann im Raum auf und ab zu gehen, wobei er die aufgeschlagene Mappe wie ein Lehrer in den Händen hielt.

„Ich will mich gar nicht mit langen Vorreden aufhalten. Mir ist in meiner gesamten Laufbahn kein Fall untergekommen, bei dem die Beweislage eindeutiger war als in Ihrem Fall.“ Er klopfte auf die Mappe, die er in seinen Händen hielt. „Wir haben bereits jetzt eine absolut wasserdichte Kette von unwiderlegbaren Indizien.

Erstens: Sie sind unmittelbar nach der Tat am Tatort festgenommen worden. Zweitens: Ihre Fingerabdrücke befinden sich sowohl auf der Tatwaffe, als auch auf den Patronenhülsen. Drittens: Es wurden Schmauchspuren an ihren Händen und an ihrer Kleidung nachgewiesen. Und - wir haben ihre Fingerabdrücke im Wochenendhaus des Opfers gefunden, in das sie ganz offensichtlich am Vortag eingebrochen sind, um sich des Schlüssels der Villa zu bemächtigen.“ Er ließ die Mappe sinken. „Zudem haben wir nicht weniger als vier illegale Substanzen in ihrem Blut gefunden. Bedauerlicherweise wirkt sich der Umstand, dass sie zur Tatzeit massiv unter Drogen standen, strafmildernd aus.“

Er baute sich vor Hagen auf und sah ihn eindringlich an. „Das bedeutet, wenn Sie jetzt die Gelegenheit nutzen und ein umfassendes Geständnis ablegen – später wird Ihnen das nämlich nicht mehr viel nutzen – dann, und nur dann, werden Sie vielleicht noch ein paar Jahre ihres Lebens in Freiheit verbringen können. Bitte schön, legen sie los.“

Hagen zündete sich am Stummel der aufgerauchten Zigarette eine neue an und wartete bis der Dolmetscher seine Übersetzung beendet hatte.

„ Gut gebrüllt Löwe. Aber jetzt passen Sie mal gut auf. Sie können hier nämlich was dazu lernen. Die Dinge sind nicht immer so wie sie erscheinen. Ich werde Ihnen jetzt mal den wirklichen Ablauf darlegen.“

Hagen stand auf und deutete auf den Computer, der auf dem Schreibtisch hinter ihm stand. „ Können Sie das Ding da drüben anschmeißen? Und den Beutel, den Leinenbeutel brauche ich.”

Caspin wartete bis der Dolmetscher übersetzt hatte, sah Foch an und nickte. Kommissar Foch startete den Rechner, während Caspin etwas Unverständliches in den Gang bellte. Wenig später brachte ein Uniformierter den Beutel und stellte ihn auf den Tisch. Hagen deutet auf den Beutel, in dem sie die Trophäen des Spiels gesammelt hatten.

“Darf ich?”

“Nur zu.”

Hagen kramte verschiedene Gegenstände hervor, ordnete sie sorgsam in eine bestimmte Reihenfolge und breitete sie auf dem Tisch aus. Zum Vorschein kamen: eine Eintrittskarte für ein Rockkonzert, ein Toiletten- Abspülmechanismus, ein zerrissenes T-Shirt, ein Chillum, eine Schachfigur, ein Scratchpad, ein Schlüssel, eine Zielscheibe und die Baseballkappe. Hagen zählte die Gegenstände und nickte.

„Neun, stimmt.“ sagte er. Foch und Caspin sahen sich amüsiert an. Hagen ging auf den Rechner zu.?“ Komme ich mit dem Ding da ins Internet?“ Der Dolmetscher nickte.

Hagen winkte den Kommissar zu sich und ließ sich in den Stuhl fallen. „Manchmal zeigen sich die wahren Sachverhalte erst auf den zweiten Blick, meine Herren.“ Hagen tippte die Internetadresse „transadventure.com“ ein und blickte triumphierend in die Runde.

“Sie werden gleich Gelegenheit haben, Ihre Entschuldigung vorzutragen, in Deutsch, Französisch oder Kisuaheli, das ist mir völlig wurscht.”

Hagen beugte sich über den Screen, Caspin und Foch folgten ihm neugierig.

„Error 404, bad request“ war dort zu lesen.

Panik machte sich auf Hagens Gesicht breit. Er tippte die Adresse ein weiteres Mal ein – mit demselben Resultat.

Er sank kraftlos auf seinen Sitz.

Caspin fasste ihn fast tröstend an der Schulter.

“Netter Versuch. Hören Sie zu. Ich weiß nicht, was Sie da vorhaben. Ob sie auf unzurechnungsfähig machen wollen oder was auch immer. Die Fakten bleiben dieselben und kein Anwalt der Welt wird sie da raus boxen können.“

Die Stimme des Beamten bekam etwas sanftes, fast freundschaftliches.

„Erleichtern Sie Ihr Gewissen und schildern sie uns den genauen Ablauf. Von der ersten, bis zur letzten Minute. Sie werden sehen, dass es Ihnen dann besser geht. Beginnen Sie ganz am Anfang, am besten mit dem Tag ihrer Abreise aus Deutschland.

Kapitel 3

Rottweil

28. August - Fünf Tage zuvor, erster Spieltag.

Hagen überflog die Checkliste, die er am Vorabend auf den Bierdeckel seiner Stammkneipe gekritzelt hatte. Perso, Kreditkarte, Handy. Er vergewisserte sich durch Abtasten seiner Lederjacke, dass sich die Gegenstände auch wirklich an ihrem Platz befanden. Die Tasche hatte er bereits am Vortag gepackt. Er stopfte drei Schachteln Zigaretten und den Kulturbeutel obenauf. Alles am Start.

„Ist ja schon gut“, murmelte er als Antwort auf das ungeduldige Hupen. Er schloss die Wohnungstüre ab, wuchtete die Tasche auf den Rücksitz des Taxis und ließ sich zu seiner Stammkneipe fahren. Dort angekommen stieg er in den Camaro und steckte den Zündschlüssel ins Schloss.

Der Big Block begann zu wummern und Hagen legte den ersten Gang ein. Er spürte jeden Pulsschlag in seiner Schläfe. Kater, ausgewachsen, unversöhnlich. Das Aspirin zeigte wenig Wirkung. Er versuchte sich den vergangenen Abend zurück ins Gedächtnis zu rufen. Langsam lichtete sich der Nebel. Er sah die übliche Horde lichtscheuer Gestalten an der Theke des Alfons X. Ihre Blicke waren erwartungsvoll und amüsiert auf ihn gerichtet. Er hielt einen seiner berüchtigten Vorträge. Die fünfte Jahreszeit - genau.

Mit seiner aktuellen Verschwörungstheorie war er am Vorabend auf eine beachtliche Resonanz gestoßen. Unterstützt vom Alkoholpegel, der nicht nur den Blick sondern auch die Gedanken tunnelt, hatte er seinem vorwiegend aus jugendlichen Hangarounds bestehendem Publikum erläutert, welche soziologische Funktion der Urlaub im Allgemeinen und der seine im Besonderen habe.

Im unteren Drehzahlband durch die Stadt blubbernd, versuchte er sich seine Argumentation zurück ins Gedächtnis zu rufen, um sie gegebenenfalls für die bevorstehende gemeinsame Autofahrt mit Franjo zur Verfügung zu haben.

Er gefiel sich in der Rolle des Thekenphilosophen und hatte mit seinen Verschwörungstheorien das Weltbild der Rottweiler Kneipenszene wesentlich geprägt. Zentraler Bösewicht dieses Weltbildes war der militärisch industrielle Komplex, der als zentraler Puppenspieler hinter den Kulissen die Fäden zog, an denen die verschiedenen Marionetten hingen, die in unseren Medienwelt über Bildschirme hüpfen und Leitartikler beschäftigen.

Auslöser seines gestrigen theoretischen Exkurses war die Clownsmaske, die über der Theke hing und die Dieter, der Wirt des Alfons X, als Trophäe seines diesjährigen Abstechers in den Kölner Karneval mitgebracht hatte.

Also, wie war das noch? Der Urlaub als institutioneller Nachfolger der Fassnacht. Genau. In der besagten fünften Jahreszeit übernahmen die Narren symbolisch die Macht und taten all die Dinge, die ihnen in den anderen vier Jahreszeiten untersagt waren. Das Unterste wurde nach oben gekehrt – vice versa. Die Untertanen durften die Grenzen ihres Standes überschreiten, jedwede Form von Sünden begehen und einmal im Jahr so richtig über die Stränge schlagen. Anschließend wurden die begangenen Sünden durch eine sechswöchige Fastenzeit gesühnt und die alten Regeln traten wieder in Kraft. Soweit der kulturelle Hintergrund der Fassnacht. Die Vorzüge dieses Ritus lagen auf der Hand: Die unteren Schichten empfanden ihre eingeschränkten Privilegien als weniger bedrückend, wenn sie einmal im Jahr für eine bestimmte Zeit aufgehoben würden, was sich stabilisierend auf die bestehenden

Machtverhältnisse auswirkte. Hagen war bei seinem volltrunkenen Publikum auf uneingeschränkte Zustimmung gestoßen, als er zum Beleg seiner These darauf verwiesen hatte, dass die großen Revolutionen allesamt in Ländern ohne Faschingskultur ausgebrochen waren. Frankreich, Russland und China.

Allerdings hatte die soziologisch stabilisierende Wirkung der Fassnacht einen entscheidenden Nachteil. Sie war auf die katholischen Regionen beschränkt.?Um dieses Manko aufzuheben, hatte der militärisch industrielle Komplex den Urlaub erfunden. Konfessionsübergreifend sorgte der Urlaub jetzt anstelle der Fassnacht für die Sozialhygiene in den entwickelten Industriestaaten und unterband revolutionäre Ambitionen. Im Urlaub kann der Bürger - wie zuvor in der Fassnacht - seinen sozialen Status anheben und er kann gegen so ziemlich jede geltende Norm verstoßen. Hochstapelei, Völlerei, Sauforgien und sexuelle Abenteuer sind das Maß eines gelungenen Urlaubes. Und, obwohl er, Hagen, dieses Komplott durchschaut hatte, war eines klar: Er würde genau diese Parameter in den kommenden Wochen ausgiebig bedienen.

Als er seinen Vortrag beendet hatte, standen drei Biere und vier Jägermeister vor ihm auf der Theke und genau dieses Quantum war der Grund für den Brummschädel, den er verspürte, als er auf das Werksgelände fuhr.

“Sag dem Verrückten, auf dem Werksgelände gilt die Straßenverkehrsordnung“, brummte der Senior, ein stattlicher Mann mit schlohweißem, aber vollem Haar. Der Alte mochte Hagen nicht, da dieser in den zurückliegenden fünfzehn Jahren in verlässlicher Regelmäßigkeit immer dann in Erscheinung getreten war, wenn sein eigener Sohn mit staatlichen und anderen Autoritäten in Konflikt geraten war.

“Sag’s ihm selbst“, entgegnete Franjo und sortierte die verbliebenen Unterlagen auf dem Schreibtisch seines Juniorchef Büros, das teuer und puristisch mit den Klassikern der Moderne eingerichtet war.

Etwas überdimensioniert, wenn nicht sogar fehl am Platze - die Audiotechnik im Büro, die jedem Kreativdirektor einer international tätigen Werbeagentur zur Ehre gereicht hätte.

Immerhin suchte man das überdimensionale und farblich passende Abstrakt - Kunstwerk in Franjos Büro vergeblich. Statt dessen prangten zwei signierte und nummerierte Comicdrucke aus der Feder von Pierre Clement an der Wand, jenem Vertreter der „Nouvelle Ligne Claire“, von dem Franjo überzeugt war, dass sein Durchbruch unmittelbar bevor stünde und den er genau deshalb sammelte.

Er betätigte die Gegensprechanlage seines Telefons:

„So, Frau Hülsberg, ich mach jetzt Schluss. Die Unterschriftenmappe liegt in Ihrem Fach, bis auf den Arbeitsvertrag mit Vogelsänger habe ich alles unterschrieben. Über den müssen wir, wenn ich zurück bin noch einmal reden. Bitte achten Sie darauf, dass die Lieferungen nach Italien pünktlich rausgehen, Herr Körner weiß über alles Bescheid.”

„Alles klar, ich wünsche Ihnen schöne Ferien“, trällerte Frau Hülsberg.

Hagen betrat das Foyer, das zugleich Frau Hülsbergs Büro war, mit federndem Schritt und verstaute seine verspiegelte Sonnenbrille in der schreibunten Lucky Strike Lederjacke, die bis zum kleinsten Werbe-Aufnäher dem Renn-Overall nachempfunden war, den Kevin Schwantz in der Saison 93/94 getragen hatte.

Hagen besaß zwar kein Motorrad, empfand dieses Outfit aber trotzdem als passend, da es seine Figur betonte und ihm eine vermeintlich sportliche Note verlieh.

Seinen aktuellen Gemütszustand konnte man jederzeit an der Stoppellänge seiner Frisur ablesen. Zurzeit befand er sich in der „i can rule the world“ 6mm Laune. Kritisch wurde es, wenn seine Haarlänge die 9mm Marke überstieg. Dann war er entweder im Würgegriff einer ernsthaften Beziehung oder depressiv.

Davon war er jedoch im Moment weit entfernt. Mit einem Lächeln, das er selbst für unwiderstehlich hielt, schlenderte er auf Silke Hülsberg zu.