Paris-Austerlitz - Rafael Chirbes - E-Book

Paris-Austerlitz E-Book

Rafael Chirbes

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Beschreibung

Ein junger spanischer Maler flieht vor den Ansprüchen seiner gutbürgerlichen Familie nach Paris und steht dort vor dem Nichts. Er hat keinen Job, kein Geld und weiß nicht wohin, als er Michel kennenlernt, einen Arbeiter Mitte fünfzig, dessen Vitalität ihn fasziniert und anzieht. Sie verlieben sich, Michel nimmt ihn auf, in seine Wohnung, sein Bett, sein Leben. Am Anfang sind sie nur glücklich und genießen die gemeinsame Zeit, die nächtlichen Streifzüge durch die Kneipen und die am Wochenende durch das lichte Paris, die Kinos, die Ausstellungen, die Parks. Aber irgendwann erinnern die in der Ecke des ärmlichen Hinterhofzimmers gestapelten Leinwände den jungen Mann daran, dass er noch andere Ambitionen hat. Auch der Alters-, Bildungs- und Klassenunterschied macht sich bemerkbar, und die Liebe kann diese Unterschiede nicht besiegen, nicht, wenn sie so besitzergreifend ist wie die Michels. Ein Roman, der nach den Beweggründen des Herzens forscht. Sie mögen gelegentlich falsch sein, erweisen sich aber als unwiderstehlich. Es ist die tröstliche Natur der Liebe, ihre erlösende Kraft, auch wenn sie nicht alles überwindet, die diesen Roman zu einem Juwel macht und die große sprachliche Kraft von Rafael Chirbes noch einmal leuchten lässt.

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Seitenzahl: 149

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Zum Buch

Paris-Austerlitz: Eine berührende Liebesgeschichte – intensiv, direkt, kompromisslos.

Ein junger spanischer Maler flieht vor den Ansprüchen seiner gutbürgerlichen Familie nach Paris und steht dort vor dem Nichts. Er hat keinen Job, kein Geld und weiß nicht wohin, als er Michel kennenlernt, einen Arbeiter Mitte fünfzig, dessen Vitalität ihn fasziniert und anzieht. Sie verlieben sich, Michel nimmt ihn auf, in seine Wohnung, sein Bett, sein Leben. Am Anfang sind sie nur glücklich und genießen die gemeinsame Zeit, die nächtlichen Streifzüge durch die Kneipen und die am Wochenende durch das lichte Paris, die Kinos, die Ausstellungen, die Parks. Aber irgendwann erinnern die in der Ecke des ärmlichen Hinterhofzimmers gestapelten Leinwände den jungen Mann daran, dass er noch andere Ambitionen hat. Auch der Alters-, Bildungs- und Klassenunterschied macht sich bemerkbar, und die Liebe kann diese Unterschiede nicht besiegen, nicht, wenn sie so besitzergreifend ist wie die Michels.

Ein Roman, der nach den Beweggründen des Herzens forscht. Sie mögen gelegentlich falsch sein, erweisen sich aber als unwiderstehlich. Es ist die tröstliche Natur der Liebe, ihre erlösende Kraft, auch wenn sie nicht alles überwindet, die diesen Roman zu einem Juwel macht und die große sprachliche Kraft von Rafael Chirbes noch einmal leuchten lässt.

Über den Autor

Rafael Chirbes, geboren 1949 in Tabernes de Valldigna, arbeitete nach dem Studium als Literatur- und Filmkritiker für verschiedene Zeitschriften. Schon bald wurde er einer der international bekanntesten spanischen Autoren.

Seine Romane Der Schuss des Jägers (1996), Der lange Marsch (1998), Die schöne Schrift (1999) Der Fall von Madrid (2000) und Alte Freunde (2002) wurden in viele Sprachen übersetzt. Für Krematorium (2008) und Am Ufer (2014) erhielt er jeweils den spanischen Nationalpreis der Kritik. Zuletzt lebte Chirbes zurückgezogen in Beinarbeig bei Alicante, wo er im August 2015 starb.

Rafael Chirbes

PARIS-AUSTERLITZ

Roman

Aus dem Spanischenvon Dagmar Ploetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

ICH SCHERZTE, PFLAUMTE IHN AN, lachte, während wir über den Kiesweg gingen. Er machte das Spiel mit. Suchte nach irgendeiner lustigen Anekdote, die uns beide betraf. Seine tappenden Schritte wurden lebhafter. Wenn ich ihn nachmittags im Hôpital Saint-Louis besuchte, schien sich die Wunde, die unser Auseinanderleben gerissen hatte, zu schließen (maintenant, on s’aime comme des bons amis) und sogar die Krankheit in einem Schwebezustand zu verharren. Eine Aureole der Harmlosigkeit breitete sich zwischen den Strahlen der Wintersonne aus, die wir auf einer Bank im Garten genossen hatten. Kam aber der Augenblick des Abschieds, pflanzte er sich reglos vor der Tür auf und starrte mit wässernden gelblichen Augen ins Leere. Wir wussten beide, die Waffenpause war vorbei: Weder verzichtete das Leiden auf seine Arbeit, noch sorgten meine Besuche für Trost. Wie seine Freundin Jeanine sagte: Er leidet, wenn er dich sieht, du bringst die Erinnerungen mit dir, streust Salz in die offene Wunde. Ich ging, ohne den Kopf zu wenden, strebte in eine der Bars an der République und trank mehrere Calvados.

EINS

 

 

 

SPÄTNACHTS GING ICH IN DIE BAR der Marokkaner. Dort war ich oft mit ihm gewesen. Jetzt aber gehörte Michel nicht mehr zu den wenigen Gästen, die zu dieser Stunde noch tranken. Er war in eine Parallelstadt gezogen. Von der Küche meiner Wohnung aus sah ich den schlecht beleuchteten Hof und hinten, in Schatten getaucht, das Fenster des Zimmers, das wir geteilt hatten. Ich versuchte, nicht an ihn zu denken, der zu dieser Zeit im Krankenhaus lag, den Zugang des Tropfs in seinen Handrücken gebohrt, die Atemmaske über dem Gesicht. Trotz der Beruhigungsmittel, die man ihm zuführte – oder wegen dieser –, hatte er Albträume. Er sagte, man fessele ihn ans Bett und zwinge ihn, schreckliche Dinge auf einem Bildschirm zu betrachten, den man nachts in sein Zimmer stelle. Er litt an Halluzinationen. Was sollten sie ihm schon vorführen, klagte er doch gleichzeitig darüber, kaum etwas sehen zu können; den Verdacht, dass an der Geschichte mit dem Fesseln etwas dran gewesen sein mag, bin ich allerdings nie losgeworden. Ich kann mir vorstellen, dass es – vor allem zu Anfang – nicht leicht gewesen sein dürfte, mit seinen Wutattacken fertigzuwerden; außerdem behandeln viele Pfleger die von der Plage Befallenen mit einer Mischung aus Ekel, Grausamkeit und Verachtung. Das geheimnisvolle Auftreten des Übels, seine Heftigkeit, bringt uns alle aus der Fassung. Macht uns allen Angst.

Keiner in der Bar richtete das Wort an mich, trotz meiner Bemühungen, ein Gespräch anzuknüpfen. Sie betrachteten mich mit Misstrauen, vielleicht weil sie mich, der dort immer in Jeans, Lederjacke oder Anorak auftauchte, sonst auf der Straße, bei der Rückkehr von der Arbeit, in der Schlange beim Bäcker oder vor dem Gemüsestand, stets in einem förmlichen blauen Tuchmantel, mit Weste und Krawatte sahen; einen Typen, der ein im Lycée français von Madrid erlerntes und dank bezahlter muttersprachlicher Lehrer und Sprachkurse in Bordeaux und Lausanne geschliffenes Französisch sprach, fanden sie in ihrer Bar wohl nicht spaßig. Sie hielten mich für einen Polizisten vom Rauschgiftdezernat oder der Immigrationsbehörde; ein Schnüffler, der hier die Nase hereinsteckte, um Stoff aufzuspüren, wo auch immer sie ihn versteckten; im besten Fall vermuteten sie einen Journalisten oder etwas in der Richtung, einen, der wenig mit ihrer Welt zu tun hatte oder – schlimmer noch – zu denen gehörte, die sie bekämpften. In jener diskreten, abseitigen Bar, von den meisten Leuten aus dem Viertel gar nicht wahrgenommen, weil sie in einer kleinen Seitenpassage lag, wurde nicht nur Kokain und Haschisch, sondern auch Menschenfleisch jeden Geschlechts oder Alters konsumiert, gekauft und verkauft sowie Arbeitskraft in allen Spielarten der Illegalität gehandelt. Sie mussten sich zwangsläufig fragen, was ein Typ wie ich in diesen dunklen Labyrinthen, in denen sich Michel in den letzten Monaten verlor, zu suchen hatte. Der gut gekleidete Junge, der den betrunkenen Arbeiter Michel begleitet. Der den betrunkenen Michel fickt. Der ihn sicherlich bezahlt, ein verderbter Reicher, der sich an Gestrandeten aufgeilt. So was gibt es. Sie gehen in den Tunneln der Metro, an den Flusskais auf Witterung. Ein guter Teil der katholischen Heiligenlegenden nährt sich von dieser Sorte von Perversen. Dass dich die Armut der anderen erregt, dass du unter der glimmenden Asche, wo sich die Niederlage erfüllt hat, noch ein Restchen der ursprünglichen Energie entdecken und aufsaugen willst, diesen Funken in Besitz nimmst: eine verkommene Barmherzigkeit. Obwohl ich mir vorstelle, dass die Leute in der Bar weit einfachere Schlüsse zogen: der Informant, der sich an Michels Fersen heftet, um uns auszuspionieren.

Sie hatten wiederholt mitbekommen, wie ich ihn unterm Arm packte und mehr oder weniger wegschleifte, weil er torkelte, stürzte und unverschämt zu Gästen wie Kellnern wurde. Dennoch, ihn betrachtete keiner mit Misstrauen, sie ertrugen seine Besäufnisse, erwiderten seine Flüche mit Späßen oder doppeldeutigen Bemerkungen, was hast du Michel, brauchst du heute Nacht einen ordentlichen Stoß? Komm mal her, komm schon, ich kenn da einen Feuerwehrmann, den stell ich dir vor, und Michel lachte, klopfte dem Witzbold auf den Nacken, gab ihm zwei Küsse, und der Kerl verschwand irgendwohin mit ihm. Manchmal ließ ihn der Inhaber oder der Kellner auch nach Ladenschluss noch an einem Tisch hocken, besoffen oder schlafend, und die Gäste weckten ihn, forderten ihn auf, mitzukommen, woanders weiterzutrinken oder was auch immer, sich in den Schatten vom Bois zu verlieren oder bei jemandem in der Wohnung. Ich glaube, in der Welt der Nacht gibt es so etwas wie Respekt – sogar eine gewisse Bewunderung – für einen reifen Mann, der sich die Nacht um die Ohren schlägt, jemanden anbaggert, Alkohol und Drogen nimmt, als wäre er immer noch zwanzig. Was sie bei jedem anderen geärgert hätte, sie dazu gebracht hätte, hart oder gar gewalttätig einzugreifen, wurde bei ihm geduldet. Wer ihn nicht kannte, hätte meinen können, er gehöre zur Riege der Schläger; dass er einer von jenen war, die sich ein Extraglas damit verdienten, den Idioten, der unverschämt zum Kellner oder zum Thekennachbarn wurde, unter den Armen zu packen und zur Tür zu schleifen. Er war in seinem Alter immer noch ein korpulenter Kerl, der eher den Eindruck von Kraft als von Verfall vermittelte.

Doch Michel gehörte nicht zur Schlägertruppe. Er verachtete sie. Er bewegte sich am Rande, man grüßte ihn mit einem gewissen Respekt, aber er ging durch sie hindurch wie Garou-Garou, jene Figur aus dem französischen Kino der Fünfzigerjahre, der durch Wände ging. Er genoss nicht einmal einen besonderen Status – mächtiges Fleisch, gefürchtet oder begehrt, so etwas – wie ich, wohl getrieben von Eifersucht, damals gedacht haben mochte. Nur, Michel war weder reich noch Informant der Polizei und auch kein Journalist: Er war einer von ihnen. Jeder weiß, wo der andere steht und was er so treibt, erklärte er mir, als er mich, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, dorthin mitnahm. Dir kommt das Ambiente nicht eben elegant vor, ja sogar gefährlich, ha, louche nennst du das, und es wird dir bange: Monsieur ne les trouve pas a la hauteur, aber das ist meine Welt. Von einem, der so ist wie du, hast du nichts zu befürchten, du nutzt ihn nicht aus, weißt, wie du dich vor ihm schützt, und schützt ihn in gewisser Weise auch: Du fickst ihn, und das war’s.

Und dennoch, keiner fragte mich nach ihm, als er nicht mehr dort auftauchte. Er war unter uns und kommt nicht mehr: In einem Satz dieser Art ließe sich die Vorstellungswelt (um es so zu nennen) dieser gleichgültigen Lotophagen zusammenfassen. Vincennes macht den Eindruck eines ruhigen Viertels, bewohnt von gut bestallten Arbeitern, Nachbarn in dritter oder vierter Generation, Rentnern, die die Zinsen zehntausender Stunden eines Arbeitslebens aufzehren; und ganz oben auf der Pyramide eine Bourgeoisie, die sich für gefestigt hält und deren herausgeputzte Mitglieder – dickbäuchiger Herr mit weichem Hut und Fliege, imposante Matrone oder petite vieille recroquevillée, in Dior gekleidet und mit Chanel geschminkt (oder umgekehrt) – in hochtrabendem Stil Bäcker, Gemüse- und Käsehändler und Bankangestellte begrüßen. Kennt man das Viertel aber, wie ich es in den vergangenen Monaten kennengelernt habe, entdeckt man, diskret verborgen, nicht wenige Schattenzonen: Beulen des Elends, die sich in Speichern und Höfen konzentrieren, in ehemaligen Lagerräumen, Ställen und Werkstätten, deren Räumlichkeiten zu zweifelhaften Wohnungen hergerichtet wurden; dort drängen sich asiatische oder nordafrikanische Familien, Rentner vor dem Aus, die kaum mehr die Heizung zahlen können, Leute auf der Kippe, Typen, die von den Schatten geschluckt und von keinem vermisst werden. Michel: Paris c’est comme ça, chacun pour soi. Die Menschen auf der Flucht nach oben sind die Ausnahme: jene, die auf der sozialen Stufenleiter hochklettern und in besser beleumdete Stadtviertel ziehen, in die Wohnsiedlungen im Westen und in die restaurierten Wohnungen im Zentrum. Es gibt ein paar von dieser Sorte, das bestreite ich nicht (fast hätte ich dazugehört), doch die meisten aus dem Viertel Verschwundenen sind Kerle im freien Fall, die fensterlose Löcher oder Buden mit einem Fenster zum Hinterhof und einem gemeinsamen Klosett auf dem Treppenabsatz räumen mussten, Menschen, die an irgendeinem elenden Ort in der Banlieue oder in den Gängen der Metro verloren gehen. Genau so, mit einem einzigen Fenster zum feuchten Hinterhof und gemeinsamem Klosett auf dem Treppenabsatz, war die Wohnung von Michel. Das heißt, nein, ich übertreibe, Michels Appartement war nicht ganz so schäbig, das Klosett war zwar tatsächlich auf dem Treppenabsatz, aber es war nur für ihn da, die Treppe führte zu keiner anderen Wohnung: über jenem im Hof gelegenen Schuppen war nur noch das Dach, im Winter eine Kühlplatte, im Sommer ein Grill. Nachts konnte ich vom rückwärtigen Teil meines Hauses – dunkler Schatten, erblindetes Auge – das Fenster seines Zimmers sehen. Bevor er dauerhaft ins Krankenhaus kam (zuvor war er drei- oder viermal zur Behandlung seiner Lungenentzündung eingewiesen worden), hatte er mir einen Schlüssel hinterlassen, und in den ersten Wochen seines Krankenhausaufenthalts betrat ich erneut dieses Zimmer, goss die Pflanzen, holte ein Kleidungsstück, um das er gebeten hatte, und die Post: Rechnungen, Reklame, Bankauszüge.

Damals begann ich an Schlaflosigkeit zu leiden. Ich spürte ein Kribbeln in Armen und Beinen, Juckreiz, und in einer Nacht dann, als ich mich auszog, entdeckte ich lauter rosa Flecken auf meiner Brust und meinen Armen. Ich dachte, Michel habe mich mit seiner Krankheit angesteckt. Besonders angstvoll war nun der Moment, wenn ich, allein im Zimmer, ins Bett gehen wollte und beim Ausziehen nach und nach die Hautflecken in den Blick gerieten. Vor dem Spiegel im Bad musterte ich diejenigen, die auf der Brust sprossen, dann drehte ich den Oberkörper und versuchte, in schiefer Haltung jene auf dem Rücken zu sehen. Ich traute mich nicht zum Arzt, wusste auch nicht, wen ich, ohne Verdacht zu wecken, fragen konnte, ob es irgendein Labor gab, wo ich mich, ohne dass dort ein Vermerk verblieb, testen lassen konnte. Ich vertraute nicht, vertraue noch immer nicht, der Diskretion der Ärzte und ihrer Schweigepflicht: Es heißt, die Kranken sollen in besondere Karteien eingetragen werden. Auf den rosa Flecken bildeten sich Pusteln, die aufbrachen und klebrige Eitertropfen absonderten.

In jenen Tagen ging ich ihn nicht besuchen. Ich wollte nichts von ihm wissen. In meiner Obsession glaubte ich zu sehen, wie seine Lippen sich zu einem ironischen Lächeln bogen, hörte seine Stimme: Ich hab dich gefangen, und der Mund, den ich mir beim Aussprechen dieser Worte vorstellte, bekam etwas spürbar Fleischiges, Reales und wurde in den Nächten zu einem Bild aus einer Horrorgeschichte. Ich nehm’ dich mit, wiederholte Michels Mund in meinen Träumen. Seine Finger krallten sich in meine Schultern, zerrten an mir, und ich wachte schweißnass auf, schlug um mich, um das Gespenst zu vertreiben. Je t’ai. Ich hab dich. Jedes Mal, wenn ich mich an die Worte erinnerte, mit denen er nach unserer Trennung damit prahlte, keine Vorkehrungen zu treffen, wurde ich wütend auf ihn. Er spottete über mich. Brüstete sich damit, das Risiko einzugehen, weil er wenig zu verlieren habe (je m’en fous, je n’ai a perdre que de la merde, je suis un ouvrier, le passé sur mon dos, peu des gaietés, toi, tu as ton futur à toi), und er warf mir an den Kopf, ich hätte mich ihm nie wirklich hingegeben. Immer mit Verhütung, mit Argwohn, du weißt ja gar nicht, was es heißt, jemanden zu lieben, warf er mir vor. Er sagte das halb hochmütig, halb sentimental bettelnd. Aber er hatte recht: Ich schütze mich, ich bin noch nicht dreißig, und außerdem glaubte ich in jenen Tagen, allmählich die Früchte meiner Arbeit zu sehen, ich ahnte jenen Moment voraus, an dem die dauerhafte Anstrengung Form gewinnt, zu kristallisieren beginnt. Ich hatte eine Stelle als Zeichner bei Cormal bekommen, einer Firma für Möbel und Inneneinrichtung. Nichts Großartiges, aber ich meinte, da öffne sich ein Weg. Zudem hatte ich mit der Zuwendung aus Madrid mehr als genug zum Leben. Vor allem aber bereitete ich meine Ausstellung vor.

In keinem Augenblick dachte ich, dass ich ihn angesteckt haben könnte. Tatsächlich sah ich die Infektion als Folge seiner Haltung zu den Dingen. Ich dachte: Das Übel ergreift dich, wenn du dich gehen lässt, dich auslieferst. Das habe ich gedacht. Und mich ärgerte die Willfährigkeit, mit der er sich hatte packen lassen, dass er es der Krankheit so leicht gemacht hatte. Es schien mir, er habe keinen Widerstand geleistet: und wenn ich das sage, meine ich nicht nur physische Schutzmittel, den Gebrauch von Präservativen oder Ähnliches. In jenen Tagen wollte mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass dieses Übel im Grunde Ausdruck von mangelndem Ehrgeiz, ja sogar von fehlendem Stolz sei. Ich urteilte hart über Michel: ein Typ, dessen Ambitionen nicht weitergingen, als die Rente am immer selben Arbeitsplatz zu erreichen; dem es genügte, wenn der Lohn bis Monatsende und zum Ausgehen mit dem Freund am Wochenende langte; der zufrieden damit war, durch die Stadt zu streunen mit dem Vorwand, etwas Notwendiges für den Werkzeugkasten zu finden, in diesem oder jenem Park zu spazieren oder allenfalls gemeinsam im Zug zu irgendeinem von Paris nicht allzu entfernten Ort zu fahren, nur um ein paar Gläser zu trinken, dabei (alle zwei Monate, samstags oder sonntags) die Szenerie zu wechseln; ins Kino zu gehen, in einen Animierclub, zu einem Abendessen bei Jeanine oder seinem Freund M.; einen Monat im Jahr abzuhauen (diesen Sommer geht es nicht, aber im nächsten machen wir das) an einen angeblich exotischen Ort (Mexiko, Indonesien, Peru), so wie es seine Freundin Jeanine machte, die in einem Reisebüro arbeitete und uns billige Angebote verschaffen konnte; gemeinsam dann – diesen Monat und die nächsten elf – so viel Ricard oder, außerhalb von Paris, Pisco oder Tequila zu trinken, wie unsere Körper zuließen; trinken und lachen, sich berühren, Liebeserklärungen abgeben, die mit steigendem Alkoholpegel immer feuriger wurden, oder, wenn wir uns eine Linie genehmigt hatten, nach Hause kommen und stundenlang vögeln, oder, wahrscheinlicher noch, uns bei dem Versuch endlos auf dem Bett übereinander wälzen, bis wir einschliefen, weil die vergifteten Körper nicht mehr hergaben.

Das Schlimmste war, dass er mich in diese ziellose Routine mit hineingerissen hatte, ein reines Kreisen des einen um den anderen, ein gegenseitiges Verschlingen bei immer weniger Appetit. Einige Monate lang hatte ich sogar geglaubt, dass mein Lebensideal mit dem seinen übereinstimme: gemeinsam alt werden im Planschbecken der Gewohnheiten; wenn er, sagen wir mal, gut zwanzig Jahre und mehrere tausend Gläser vor mir hinfällig würde, setzte das in unserem Pakt voraus, dass ich bereit war, ihn bis zum letzten Atemzug zu pflegen. Ich schwöre, dass ich diesen Pakt eingegangen bin und Lust daraus zog, obgleich ich zugeben muss, dass sich im Laufe der Monate mein Standpunkt über seine Welt – oder, besser gesagt, meine Sicht auf uns und unsere Welt – grundlegend änderte: Ich begann, Michel als eine gefangene Kreatur zu sehen, die mich zu sich in den Käfig stecken wollte. Wenn er vom Krankenhausbett aus die Hand zu einer Berührung ausstreckte, den Blick voller Verlangen, meinte ich, bei ihm den wahnwitzigen Anspruch zu erkennen, von dem wir in Gruselgeschichten lesen, in romantischen Romanen und in den von den Surrealisten geschätzten Phantasmagorien: der Wunsch nach Liebe, die den Tod überdauert.