Paris Requiem - Lisa Appignanesi - E-Book
Beschreibung

Paris, die Liebe und der Tod. Ein Jahr vor der Weltausstellung 1900: Aus dem beschaulichen Boston wird der Anwalt James Norton von seiner Familie nach Frankreich geschickt. Er soll seinen Bruder Rafael, einen Journalisten, und seine kranke Schwester nach Amerika zurückholen. Kaum in Paris angekommen, muss er seinen Bruder zur Seine begleiten: Olympe, die Geliebte Rafaels, wird tot aus dem Fluss geborgen. Während die Polizei den Fall nur nachlässig untersucht, erkennt James, dass er seinen Bruder erst zur Heimkehr überreden kann, wenn er ihm beweist, dass Olympe nicht ermordet worden ist - oder ihren Mörder findet … Paris um die Jahrhundertwende: die dunkle, pulsierende, geheimnisvolle Stadt als Schauplatz von Intrigen, Eifersuchtsdramen, Mordgelüsten und erotischen Phantasien.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:671

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Sammlungen



Über Lisa Appignanesi

Lisa Appignanesi wurde in Polen geboren, wuchs aber in Frankreich und Kanada auf. Sie war stellvertretende Direktorin am Londoner Institute of Contemporary Arts, bevor sie freie Autorin wurde. Neben Romanen und Kriminalromanen hat sie u.a. Bücher über Marcel Proust, Simone de Beauvoir und die Frauen Sigmund Freuds geschrieben.

Wolfgang Thon lebt als freier Übersetzer in Hamburg. Er hat viele Thriller, u. a. von Brad Meltzer, Joseph Finder und Paul Grossman ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

Paris, die Liebe und der Tod.

Ein Jahr vor der Weltausstellung 1900: Aus dem beschaulichen Boston wird der Anwalt James Norton von seiner Familie nach Frankreich geschickt. Er soll seinen Bruder Rafael, einen Journalisten, und seine kranke Schwester nach Amerika zurückholen. Kaum in Paris angekommen, muss er seinen Bruder zur Seine begleiten: Olympe, die Geliebte Rafaels, wird tot aus dem Fluss geborgen. Während die Polizei den Fall nur nachlässig untersucht, erkennt James, dass er seinen Bruder erst zur Heimkehr überreden kann, wenn er ihm beweist, dass Olympe nicht ermordet worden ist – oder ihren Mörder findet …

Paris um die Jahrhundertwende: die dunkle, pulsierende, geheimnisvolle Stadt als Schauplatz von Intrigen, Eifersuchtsdramen, Mordgelüsten und erotischen Phantasien.

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Lisa Appignanesi

Paris Requiem

Roman

Aus dem Englischenvon Wolfgang Thon

Inhaltsübersicht

Über Lisa Appignanesi

Informationen zum Buch

Newsletter

Prolog

Teil Eins

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Teil Zwei

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Teil Drei

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Anmerkungen und Danksagungen

Impressum

Für meine Tochter Katrina,

die auf dem besten Wege ist, sich zu einer

durch und durch modernen Frau zu entwickeln.

1900, die Belle Époque, die wie der Gott Janus zwei Gesichter zeigte, eines das singt, und das andere, welches weint … Paris ist ein Abgrund und ein Feuerwerk. Alles bewegt sich und tritt gleichzeitig auf der Stelle. Nichts ist erreicht, doch alles ist geplant. Etwas möchte geboren werden und versucht, auszuschlüpfen, es ist dieses Etwas, welches wir »Modernität« nennen, mit anderen Worten, das Kurzlebige.

Hubert Juin

Lebt, so gut ihr könnt; es wäre ein Fehler, dies nicht zu tun. Es spielt keine große Rolle, was genau ihr tut, so lange ihr euer Leben gelebt habt. Solltet ihr es nicht getan haben, was habt ihr dann gehabt?

Henry James, Die Botschafter

3ie serie

Paris, le 3 June, 1899

LE JOURNAL

In den frühen Morgenstunden des 29. Mai hat die Polizei die Leiche einer bislang unidentifizierten Frau aus dem Canal St. Martin gezogen. Sie war etwa zwanzig Jahre alt, dunkelhaarig und trug ein Kleid, das einmal blau gewesen sein könnte. Sie wies die Spuren zahlreicher schwerer Schläge auf, welche die Polizei der Kollision der Leiche mit den Barken zuschreibt, die den Kanal befahren. Die Polizei ermittelt noch, ob die Frau in den Tod gesprungen ist oder bereits tot war, als sie ins Wasser geworfen wurde.

Es ist der sechste Todesfall einer jungen Frau in nur drei Monaten in unserer Stadt. Die Seine, die Schächte der noch nicht vollendeten Metropolitain, das Gebüsch am Ufer des Flusses bei Auteuil nahe der Auberge Boileau, an all diesen Orten wurden Frauen gefunden, von denen zwei nicht einmal alt genug waren, als dass sie ohne ihre Familien leben dürften.

Die Polizei hat diese Todesfälle sehr schnell zu Selbstmorden deklariert. Nicht ganz ohne Grund. Immerhin handelte es sich bei zwei dieser Frauen um registrierte Prostituierte. Die beiden anderen waren heimatlose Herumtreiberinnen.

Als Republikaner müssen wir uns der übergeordneten Frage stellen: Was an diesem turbulenten Dreh- und Angelpunkt der Moderne, den Paris heute darstellt, treibt junge Frauen dazu, auf derartig gewalttätige Weise ihrem Schöpfer gegenüberzutreten?

Zudem muss sich die Polizei noch mit einem anderen Umstand konfrontieren. Galt den Frauen ihr Leben wirklich so wenig, dass sie es so einfach wegzuwerfen vermochten? Oder sind hier abscheuliche Kräfte am Werk, so scheußlich und mörderisch wie jene, welche Hauptmann Dreyfus verdammten und die sich verschworen haben, diesen Frauen mit Gewalt ein vorzeitiges Ende zu bereiten?

Teil Eins

1. Kapitel

Paris brodelte. Die Luft kochte. Maschinen zischten. Rauchschwaden waberten. Pfeifen schrillten. Züge ratterten und dröhnten wie gereizte mechanische Bestien. Überall herrschten Hitze und Lärm.

James Alexander Norton blieb zögernd an der offenen Tür seines Abteils stehen. Er hatte eigentlich gar nicht hierher reisen wollen. Er mochte den Anblick der vielen Frauen nicht, die sich mit Taschentüchern Stirn und Busen in ihren tiefausgeschnittenen Kleidern abtupften. Er wollte nicht hören, wie ihre schwitzenden Männer herumkommandierten, nicht, wie die Gepäckträger heftig mit den Schrankkoffern klapperten, und auch nicht, wie die Kinder schrien, die von streng gekleideten Gouvernanten vorangetrieben wurden.

Höchst widerstrebend hatte er die friedliche Stille seines Arbeitszimmers an der Harvard Law School verlassen und die Fahrt über den Charles River nach Boston auf sich genommen. Noch weniger hatte es ihm behagt, in New York einen Luxusliner zu besteigen und seine Tage damit zu verbringen, auf die unendliche See zu starren.

Er war mittlerweile in einem Alter, in dem man die Gewohnheit der Abwechslung vorzog, dazu noch einer so strapaziösen wie einer Reise über den Ozean. Zudem setzte ihm eine gewisse Vorahnung zu, auch wenn er sich ansonsten fest auf die Prinzipien der Vernunft verließ. Doch diese Ahnung flüsterte ihm ein, dass seine Rückkehr in diese Stadt nichts Gutes nach sich ziehen würde.

Er verstand es allerdings geschickt, sein Zögern zu verbergen. Als er aus dem Zug auf den Bahnsteig sprang, machte er keineswegs den Eindruck eines Mannes, dessen beste Jahre bereits hinter ihm lagen. Er streckte das Kinn entschlossen vor und schritt zügig aus. Seine Wangen waren noch vom Seewind gerötet, und seine tiefliegenden Augen schimmerten eisblau. In dem gut gebürsteten Leinenanzug, dem makellos weißen Hemd und der sorgfältig geknoteten Krawatte wirkte er wie das, was er war: ein Mann in der Blüte seiner Jahre, ein fünfunddreißigjähriger Amerikaner auf einer Mission. Und ein gradliniger, verschlossener Mensch, der gelernt hatte, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

James ließ seinen Blick über den Bahnsteig gleiten und suchte das Gesicht, das zweifellos gleich in der Menge auftauchen musste. Nach einer Weile zog er mit leichter Ungeduld seine Taschenuhr hervor.

Als er schließlich seinen Namen hörte, den der fremde Akzent stark entstellte, drehte er sich um. Der Zugschaffner deutete in seine Richtung. Ein schmächtiger Junge mit einer großen Leinenmütze wand sich durch das Gewühl auf dem Bahnsteig und blieb vor ihm stehen. Große Augen mit langen dunklen Wimpern in einem schmutzigen Gesicht musterten ihn aufmerksam.

»Monsieur Norton?«

James nickte. Ein Strom von Worten sprudelte über die Lippen des Jungen. In dem Lärm konnte James sie nicht verstehen, doch der Name auf dem Umschlag, der ihm in die Hand gedrückt wurde, war trotz des Abdrucks eines schmutzigen Fingers darüber deutlich zu entziffern.

Er riss ihn auf und erkannte die Handschrift seines Bruders.

»Vergib mir. Etwas Dringendes ist mir dazwischengekommen. Im Grand Hotel ist eine Suite für Dich reserviert. Die Kutsche eines Freundes steht für Dich bereit. Antoine wird Dich dorthin führen. Bis morgen, hoffe ich. R.W.N.«

Als James von dem Zettel aufblickte, dirigierte der Junge, bei dem es sich wohl um Antoine handeln musste, bereits einen Gepäckträger zu James’ Schrankkoffer und steuerte ihn anschließend ungeduldig über den Bahnsteig.

James versuchte seine Gereiztheit zu unterdrücken. Es war typisch für seinen unberechenbaren kleinen Bruder, dringende Geschäfte vorzuschützen, damit er ihn nicht abholen musste. Dabei war James nur seinetwegen hier.

Rafael William Norton, so der vollständige Name des jüngeren der Norton-Brüder, hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Telegramm zu beantworten, in dem James seine Ankunft angekündigt hatte. Zudem hatte er seit Monaten nur sehr kurze Briefe nach Hause geschickt. Wollten sie etwas von Rafael lesen, waren sie darauf angewiesen, die Seiten der New York Times durchzublättern, wo über den lärmenden Fortgang der französischen Politik und die schmutzigen Einzelheiten der nicht enden wollenden Dreyfus-Affäre berichtet wurde. Diese Affäre hatte Rafael erst veranlasst, seinen Urlaub zu einem längeren Aufenthalt in Paris auszudehnen, und schließlich war er vor etwa zehn Monaten zusammen mit ihrer Schwester Elinor noch einmal nach Frankreich aufgebrochen.

Ein leichtes Tippen auf seiner Schulter veranlasste James, sich herumzudrehen. Vor ihm stand einer seiner Dinnergenossen vor der »La Bretagne«.

»Hotel Mercure. Vergessen Sie es nicht, Mr. Norton. Charlotte und ich rechnen mit Ihnen.«

James nickte, entzog sich mit einer Verbeugung den sehnsüchtigen Seitenblicken der jungen Miss Elliott und ließ die beiden Damen vorübergehen. Die Tochter war so groß und grobknochig, wie ihre Mutter klein und korpulent war. Er wartete, bis sie in dem Gewimmel der Bahnhofshalle verschwunden waren, und kämpfte sich dann durch die lärmende Menge. Am Portal des Haupteinganges holte er Antoine ein.

Der Gestank von Pferdedung stieg ihm entgegen. Hunderte von Hufen klapperten über das Kopfsteinpflaster. Kutschen knarrten und rumpelten vorüber. Peitschen knallten. Die Luft selbst schien von Elektrizität zu knistern und alle zu hektischer Betriebsamkeit anzutreiben. James blieb stehen, um einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. In Paris herrschte zum nahenden Ausklang des neunzehnten Jahrhunderts eine spürbare Nervosität.

Auf der anderen Straßenseite bändigten blaugekleidete Gendarmen mühsam einen tobenden Mob von Demonstranten. Schnurrbärtige Rohlinge in dicken, formlosen Jacken schüttelten ihre Fäuste und brüllten ihre Drohungen heraus. Seriös gekleidete Bürger, deren Strohhüte leicht verrutscht auf ihren Köpfen saßen, schwangen drohend ihre Gehstöcke. Fahnen und Banner wehten über dem Meer von Köpfen.

»Tod dem Verräter Dreyfus, dem Lakaien der Deutschen!« – »Nein zum Wiederaufnahmeverfahren!« – »Lange lebe die französische Armee!«

Antoine zupfte James am Ärmel, um ihn aus seinen Gedanken zu reißen, und deutete auf eine Straße zu ihrer Rechten. Der Junge wollte offenbar verschwinden, bevor die unvermeidliche Prügelei losging. James eilte ihm nach und stieg in eine wartende Kutsche. Während die Pferde sich mit einer scharfen Wendung von dem Tumult vor dem Bahnhof abwandten, lehnte er sich in die überraschend bequemen Lederpolster zurück und entspannte sich ein wenig. Ja, er war nach all den Jahren nach Paris zurückgekehrt, und beinahe gegen seinen Willen schienen sich seine Sinne zu schärfen.

Die Eleganz des Empire beherrschte das Foyer des Grand Hotel. Wie eine Bühnenstaffage aus vergangenen Zeiten, die man wieder hervorgeholt hatte, forderte sie angemessene Manieren, gedämpfte Stimmen und lockte einen Anstand zu Tage, der im Gegensatz zu dem Wahnsinn auf den Straßen stand.

James räusperte sich und nannte seinen Namen. Der zwergenhafte Portier hinter dem polierten Tresen der Rezeption schaute mit einem gekünstelten Lächeln von seinen Unterlagen auf.

»Ah, Monsieur Norton. Ihr Bruder hat uns bereits informiert. Ein großer Advokat. De Boston.«

James nickte und wünschte, dass Rafael nicht so geschwätzig wäre. Der Hotelangestellte erwies sich jedoch als ebenso effektiv wie liebenswürdig. Er hatte James nach wenigen Augenblicken nicht nur die Zimmerschlüssel ausgehändigt und die Nummer seiner Suite genannt, sondern ihm ebenfalls das Restaurant gezeigt, in dem sich bereits die ersten Gäste zum Abendessen einfanden, und ihn sogar auf die Telefonkabine aufmerksam gemacht. Von dort aus rief James seinen Bruder an. Er wartete jedoch vergeblich auf eine Verbindung. Weder sein Bruder noch, was ihn mehr überraschte, seine Schwester schienen seine Ankunft sonderlich ungeduldig zu erwarten. Das würde seine Mission um so schwieriger gestalten.

James fuhr in einem verspiegelten Aufzug in das vierte Geschoss hinauf. Seine alte Liebe zur Architektur zog ihn sogleich zu den Fenstern seiner Suite. Er erlaubte sich, eine Weile das Treiben auf dem harmonisch angelegten Platz unter ihm zu genießen, der von der imposanten Fassade von Garniers letztem Werk, der neobarocken Opera, dominiert wurde. Bis zu den geflügelten Siegesgöttinnen, die auf dem Dach des Gebäudes thronten, ließ er seinen Blick emporgleiten. In diesem Licht weckten ihre steinernen Gesichter in ihm unwillkürlich die Erinnerung an seine Mutter. Rasch schaute er in eine andere Richtung.

Der zunehmende Kummer seiner Mutter hatte ihn letztendlich nach Paris getrieben. Rafael, der Abtrünnige, war ihr Liebling. Sein Besuch zu Hause im letzten Sommer hatte sie gleichsam jünger werden lassen. Unter seinem anerkennenden Blick legte sie ihre strengen grauen und schwarzen Gewänder ab und erschien zum gemeinsamen Abendessen in pastellfarbenen Kleidern. James konnte sich nicht einmal erinnern, diese Kleider vor dem Tod seines Vaters vor über sechs Jahren an ihr gesehen zu haben. Sie hatte angenommen, dass Rafael nun für immer bleiben würde. Selbst als der neue Herausgeber der New York Times ihn gebeten hatte, über die Pariser Friedenskonferenz zu berichten, die das Ende des Krieges zwischen Amerika und Spanien bedeutete, war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass ihr Jüngster seinen Aufenthalt in dieser so fernen Stadt immer länger hinauszögern würde. Sie hatte sogar gestattet, dass Elinor mit ihm reiste. Nicht nur, um ihrer lange kränkelnden Tochter ein Vergnügen und eine Ablenkung zu gönnen, sondern als Gewähr, dass die beiden noch vor Weihnachten zurückkehrten.

Der Abschluss der Friedenskonferenz beendete jedoch keineswegs den Aufenthalt der Geschwister in Paris. Statt zurückzukommen, schickten sie vertröstende Briefe. Elinor schien es klug, ihren Aufenthalt zu verlängern, weil sie sich in Frankreich so viel besser fühlte. Sie schrieb außerdem, dass man Rafael nicht eines solch stimulierenden Terrains für sein Schreiben berauben dürfte. In Rafaels Briefen dagegen klang durch, dass Elinors Konstitution die Strapazen einer Seereise im Winter nicht zulasse, wenngleich sie bei ausgezeichneter Stimmung sei. Es sei daher ratsam, so schrieb er, noch etwas länger zu bleiben, und zudem verfügten sie über ganz ausgezeichnete Quartiere.

Zunächst verwandelte sich die Enttäuschung ihrer Mutter in Zorn und dann, als die Briefe in immer größeren Abständen eintrafen, in größte Beunruhigung. Sie war davon überzeugt, man enthielte ihr Dinge vor. Es musste heimliche Gründe für diese fortgesetzte Abwesenheit ihrer Kinder geben, die nichts mit Elinors Gesundheit oder Rafaels Schreiben zu tun hatten.

Ihre Gedanken kreisten nur noch um die abwesenden Geschwister. Ihre üblichen Wohltätigkeitsveranstaltungen fielen ebenso aus wie die regelmäßigen Treffen mit ihren Freunden, mit Ausnahme derer, die möglicherweise Neuigkeiten aus Paris zu berichten wussten. Ansonsten grämte sie sich, durchmaß ruhelos ihren Salon von der einen Seite zur anderen und legte dabei Meilen um Meilen zurück. Sie unterbrach diese Wanderung nur, um aus dem Fenster zu schauen. Ihr Gesicht glich den verhärmten Zügen der Hekuba, welcher das Schicksal ihre Sprösslinge genommen hatte.

Vor einigen Wochen schließlich hatte sie James’ Hand ergriffen, als wäre sie ein Rettungsanker. »Jetzt weiß ich es. Elinor hat es endlich zugegeben. Er hat sich mit jemandem eingelassen. Mit einer …« Sie wandte das Gesicht ab. »Mit einer Frau von höchst zweifelhaftem Ruf. Schon ihr Name verrät sie: Olympe. Du musst ihn retten, James. Nur du kannst das tun. Bringe ihn mir zurück. Bringe sie beide zurück. Er hat sich fürchterlich verstrickt. Welch eine Schande!«

Sie rang die Hände. Ihr verzerrter Gesichtsausdruck wechselte von Ekel zu Furcht. Sie steigerte sich in Vorstellungen eines Desasters hinein, in dem ihr erwachsener Sohn zu einem hilflosen Kind geworden war, das ihr ein Paris voller Huren und Betrüger entrissen hatte. Sollte er lebendig zurückkehren, dann nur durch das Eingreifen eines heiligen Ritters.

Dass James nüchtern einwandte, Rafael sei schließlich erwachsen, fruchtete nichts. Seine Mutter war keinerlei Vernunftgründen mehr zugänglich. Sie hatte bereits mit düsterer Miene wieder ihre Rundgänge durch den Salon aufgenommen. »Du musst fahren, James. Es gibt keine Wahl. Sein Schicksal liegt in deiner Hand. Du bist seine einzige Chance.«

Ihre Worte kamen einem Befehl gleich. Wie eine Kaiserin, die das Ende einer Audienz signalisiert, ließ sie sich langsam in einen Sessel sinken und kehrte ihm den Rücken zu.

Pflichten bereiteten James eine gewisse Befriedigung. Er hatte schon immer die Bürde der Verantwortung des älteren Bruders mit der Fähigkeit verbunden, diese Last auch tragen zu können. Seine Begeisterung für Architektur hatte er aus Gehorsam seinem Vater gegenüber aufgegeben und sich dem Studium der Jurisprudenz gewidmet. Eine kluge Entscheidung, wie sich herausstellte. Vor einigen Jahren hatte er dem Werben von James Barr Ames nachgegeben und war dessen Ruf nach Harvard gefolgt. An der juristischen Fakultät lehrte er nun nach der faszinierenden Fallmethode. Nach und nach ließ er die Wortgefechte der Praxis hinter sich. Seine neue Arbeit stellte ihn wirklich zufrieden. Dennoch war er, sobald das Semester es erlaubte, dem Wunsch seiner Mutter nachgekommen und hatte sich auf die Reise gemacht.

Der Hotelangestellte hatte ihm Briefe übergeben, die er aufnahm, als er sich endlich vom Fenster abgewandt hatte. Er setzte sich an den mit Schnitzereien verzierten Walnusstisch. Erst da fiel ihm auf, dass der erste Brief die Handschrift seiner Schwester trug. Diejenige auf dem zweiten Umschlag dagegen war ihm unbekannt. Neugierig öffnete er diesen zuerst und nahm den schwachen Duft eines fremden Parfums wahr.

Mein verehrter Professor Norton,

vergeben Sie mir die Freiheit, mich so kurz nach Ihrer Ankunft in unserer Stadt an Sie zu wenden. Ihr Bruder und Ihre Schwester haben in mir den Eindruck erweckt, dass es Ihnen nicht allzusehr missfallen würde. Tatsächlich haben sie mich ersucht, Ihnen zu helfen, sich Ihrer anzunehmen. Falls es Ihnen genehm ist, würde ich mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie zu mir zum Tee um …

James überflog die Einzelheiten und richtete seinen Blick dann auf die Unterschrift. Marguerite de Landois. Er prägte sich den Namen einige Male lautlos ein, während er das leicht gezierte Englisch des Briefes erneut las. Nein, der Name sagte ihm nichts. Weder Rafael noch Elinor hatten ihn jemals erwähnt. Er hoffte auf eine Erklärung und öffnete den zweiten Umschlag.

»Willkommen in Paris, mein lieber Bruder.« Er schien Elinors neckende Stimme so gut zu hören, als befände sie sich im Raum.

Ich bitte Dich um Verzeihung, dass ich Dich nicht in dem Trubel des Bahnhofes empfangen und Dich begrüßt habe. Der Geist war willig, aber das Fleisch war ein wenig schwach. Die letzten Wochen haben mich zu einem bloßen Anhängsel eines Berges von Kissen verwandelt. Ich hoffe, dass Du einen Tee mit mir trinken wirst, sobald es Dir passt, sagen wir, morgen früh.

Zwischen den Zeilen Deines letzten Briefes las ich, dass unsere prächtige Mutter bei Deiner Expedition hierher mehr als nur ihre Finger im Spiel hatte. Sie erinnert mich an das Drama des großen George (Eliot, meine ich) über die Unterschiede der Geschlechter. Sie wirft also ihren männlichen Champion in die Schlacht gegen Götter und Monster, während sie selbst weiterhin ihren Ängsten und Sorgen frönt. Meine einzige Furcht ist, dass Du möglicherweise gar keine Monster vorfinden könntest (die Götter lasse ich Dir gern), außer vielleicht dem Monster meiner Schwäche, das ich jedoch nicht gern jemandem enthülle.

Bis morgen, mein größter und liebster Bruder …

James betrachtete den Brief und überlegte, warum diese Mitteilung ihm so merkwürdig vorkam. Vielleicht lag es daran, dass Elinor mit keinem Wort Rafael erwähnt hatte. Und ihr Schreiben enthielt auch keine Anspielung auf die mysteriöse Marguerite de Landois. Darüber hinaus behauptete seine Schwester, dass sie zu Hause sei, dabei hatte vorhin niemand seinen Anruf beantwortet.

Er kramte seine Pfeife heraus und stopfte sie langsam, während er wieder seine Stellung am Fenster bezog. Als er die erste Rauchwolke ausstieß, wurde ihm klar, dass Elinor in dieser Nachricht das Thema ihrer Krankheit ihm gegenüber zum ersten Mal direkt angeschnitten hatte. In der Vergangenheit war es als eine unaussprechliche Gegebenheit behandelt worden, etwas, worüber selbst ihre Mutter nur im Flüsterton sprach. James seufzte leise. Eine hastig dahineilende Gestalt auf dem Platz weckte seine Aufmerksamkeit. Etwas an der eleganten Haltung des Mannes, dem ausdrucksvollen Schnitt des Gesichtes, der Behendigkeit, mit der er sich wie ein Läufer im antiken Olympia geschmeidig zwischen den Flaneuren hindurchwand, ließ ihn an seinen Bruder denken. Aber es war nicht Rafael, erkannte James, als der Mann näher kam. Erneut schaute er auf seine Uhr. Ärger stieg in ihm hoch, Zorn über die unverbesserliche Gedankenlosigkeit seines Bruders und über sich selbst, weil er wie ein braver Zinnsoldat seine Pflicht erfüllte, wenn die Fanfare ihn zur Familienräson rief.

Nachdem James in einem Straßencafé einen Imbiss zu sich genommen hatte und bei der American Bank vorbeigegangen war, nahm er eine Mietdroschke, die ihn in raschem Tempo über den Fluss brachte. Unter ihm glitten bunte Lastkähne an dunklen Güterschuten vorbei. An den Ufern drängten sich die Waschboote. Während sie auf den Kai einbogen, bemerkte er eine Gruppe von Frauen, die mit Linnen beladene Wäschekörbe schleppten.

Als die Droschke ihr Ziel in einer der alten Straßen des Faubourg Saint-Germain erreichte und James ausstieg, war er nicht mehr länger davon überzeugt, dass es richtig gewesen war, hierher zu kommen. Er konnte die freundliche Nachricht, die er erhalten hatte, nicht mit der finsteren Fassade der Villa vor ihm in Verbindung bringen. Die schweren Türflügel knarrten, während er noch zögerte. Eine Kutsche fuhr heraus. Pferd und Fahrzeug, selbst der Kutscher in seinem schwarzen Frack wiesen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gefährt auf, das ihn vor wenigen Stunden vom Bahnhof abgeholt hatte.

James nannte einem uniformierten Lakaien seinen Namen. Der Bedienstete führte ihn durch einen Torbogen in einen Hof. Erstaunt sah James sich um. Er befand sich in einem Garten. Orangenbüsche wuchsen in verzierten Steinurnen, die hohe Fenster mit ihren glänzenden Blättern flankierten. Glyzinien mit samtig violetten Blüten erklommen eine Wand. Das Unerwartete dieses Anblicks verstärkte seine Schönheit noch. James blieb einen Augenblick stehen, lauschte dem Gesang eines Vogels und sog die duftende Luft ein.

»Ihnen gefallen meine Pflanzen, Mr. Norton?«

James fuhr herum. Eine schlanke Frau näherte sich ihm graziös. Ihr helles Haar war sehr elegant und kunstvoll frisiert. Ihr Kleid leuchtete in dem Farbton der Glyzinien, und die Haltung ihrer ausgestreckten Hand schien einen galanten Handkuss gleichsam zu fordern.

»Madame de Landois.« Er verbeugte sich. »Ihr Englisch ist wirklich ausgezeichnet.«

Ihr Lachen raschelte wie Seide. »Ich tue mein Bestes.«

»Und Ihr verborgener Garten ist überaus exquisit.«

»Ah, das Kompliment gebührt Philippe, dem Gärtner. Er hat seine Kindheit in England verbracht.«

James nickte, obwohl er keine Ahnung hatte, worauf die Frau damit anspielen wollte. Er betrachtete sie genauer und bemerkte das warme Braun ihrer Augen, ein Ton wie Schokolade, in denen gelbe Punkte tanzten. Unwillkürlich schoss ihm durch den Kopf, ob er wohl eine komische Figur abgab, wie er dastand, die Hände in den Hosentaschen vergraben wie ein verlegener Junge. Er straffte sich, als er ihren Blick auf sich spürte.

»Ich bin sehr froh, dass Sie kommen konnten. Wir werden so gut wie ungestört sein.« Sie hob leicht den Kopf, als sie ihn musterte. »Ja, die Ähnlichkeit mit Ihrem Bruder ist offenkundig. Bis auf die Augen. Außerdem sind Sie, wie sagt man noch gleich, ein wenig costaud … stattlicher. Aber der Rest … Hoffentlich sind Sie nicht zu müde. Kommen Sie! Ein Tee wird Ihre Lebensgeister anregen.«

Sie war bereits durch eine der Glastüren getreten, und James folgte ihr beinahe träumerisch.

Am anderen Ende des hellen Zimmers, das an den Garten grenzte, stand ein Flügel. Daneben wartete auf einer Staffelei eine unvollendete Leinwand.

James räusperte sich. »Sie malen, wie ich sehe.«

»Damit schmeicheln Sie mir, Monsieur. Ich dilettiere. Es hilft mir, die Dinge klarer zu sehen, und vertreibt mir die Zeit.«

»Haben Sie zuviel davon?« Über eine solche Möglichkeit hatte er noch nie nachgedacht. Zeit war für ihn etwas, wovon es nie genug gab.

Madame de Landois blieb stehen und betrachtete ihn. »Manchmal gebe ich mich dieser Illusion hin.« Sie lächelte mit einem Anflug von Ironie. »Ich bin schließlich eine Frau, Monsieur. Eine französische Frau, die nur wenig einträglichen Beschäftigungen nachgeht.«

Sie gelangten an eine große Marmortreppe, und Madame de Landois raffte ihre Röcke, um die Stufen bequemer hinaufschreiten zu können. »Um diese Tageszeit ist das Licht in der Bibliothek am schönsten.«

Die Wände in dem hohen Raum säumten Regale voller Bücher, die er gern mit Muße studiert hätte. Der Teppich wirkte wie ein rosafarbener See. In eine der hohen Fensternischen war ein kleiner runder Tisch gerückt worden, auf dem Tafelsilber funkelte.

James zog ihr einen Stuhl zurecht. Es überraschte ihn, dass die Pracht dieses Hauses offenbar nicht die ständige Aufmerksamkeit von Dienstboten verlangte. Seine Gastgeberin schien seine Gedanken zu erraten.

»Ich fand es angenehmer, unser Zusammentreffen informell zu gestalten. Ihr Amerikaner mögt es doch so, non? Alles ist angerichtet.« Sie deutete auf die Auswahl an kleinen Kuchen und Sandwiches und schenkte amberfarbene Flüssigkeit in die hauchdünnen Porzellantassen. »Wir bedienen uns selbst.«

James legte sich Kuchen auf, aß jedoch nicht. »Das alles ist … sehr freundlich von Ihnen.« Er stockte ein wenig.

»Oh, ich bin die Freundlichkeit in Person, wenn mir danach ist.«

Er registrierte ihr Lächeln. »Dann darf ich mich wohl glücklich schätzen, dass Sie Ihrer Laune nachgegeben haben. Ich werde meinem Bruder dafür danken. Kennen Sie ihn schon lange?«

»Wie misst man die Tiefe von Freundschaft, Monsieur? Monate oder Jahre scheinen nur wenig damit zu tun zu haben. Sagen wir, dass ich Rafael …« Die Silben klangen aus ihrem Mund melodiös. »… und Elinor zu meinen guten Freunden zähle. Als sie mich baten, Ihnen bei Ihrem Aufenthalt hier zur Seite zu stehen, habe ich ihnen meine Unterstützung sehr gern zugesichert.«

James entging der Nachdruck nicht, mit dem sie Elinors Namen ausgesprochen hatte.

»Rafael ist im Moment sehr beschäftigt und Elinor bedauerlicherweise indisponiert.«

»Ja, das schrieb sie mir. Sie zieht es vor, mich morgen zu empfangen.« Plötzlich schob sich ein Bild vor seine Augen, wie Elinor in einem dunklen Raum saß. »Ist ihr Zustand sehr besorgniserregend?«

Madame de Landois’ Stimme klang beruhigend. »Ich habe sie den besten Ärzten anempfohlen. Hoffen wir, dass sie eine wirksame Behandlung für sie finden. Ihre Schwester hat einen sehr komplexen Charakter, was eine Vielzahl von Symptomen mit sich bringen kann.«

James lehnte sich unangenehm berührt auf seinem Stuhl zurück. Es gefiel ihm nicht, dass eine Fremde mit einer solchen Vertraulichkeit und zugleich mit klinischer Distanz über Elinor sprach.

Madame de Landois hob eine geschwungene Braue. »Bin ich zu weit gegangen? Es ist nur so, dass …«

James unterbrach sie etwas grober, als er eigentlich beabsichtigte. »Wissen Sie zufällig, wo sich mein Bruder zur Zeit aufhält, Madame? Er hat mich bisher nicht aufgesucht, und ich hatte gehofft, ihn heute zu treffen.« Er unterbrach sich. Woher sollte diese offensichtlich aristokratische Frau wissen, wo sich sein Bruder aufhielt, oder gar über diese düsteren Angelegenheiten informiert sein, die James nach Paris geführt hatten? »Ich habe leider nur sehr wenig Zeit.«

»Rafael ist sehr unzuverlässig. Soweit ich weiß, jagt er einer Geschichte hinterher, wie Sie das wohl auszudrücken belieben. Und wenn er auf der Jagd ist …« Madame de Landois hob die Hände. »C’est comme ça. In den letzten Wochen ist so viel geschehen. Die Cour de Cassation, die Entscheidung unseres Obersten Gerichtshofes, noch einmal den Fall Dreyfus zu untersuchen. Und bei den Pferderennen der Anschlag dieses Verrückten, des Comte de Dion, auf unseren neuen Präsidenten. Was für ein Aufruhr! Ich weiß nicht, ob Sie davon bereits an Bord Ihres Schiffes erfahren haben.«

»Allerdings. Dennoch …«

»Würden Sie Ihren Bruder gern sofort sehen, n’est-ce pas?«

James bemerkte ihren ironischen Blick, und ihm fiel auf, dass sie älter sein musste, als er zunächst angenommen hatte. Sie stand seinem Alter näher als Rafaels. Doch die Dekade, die dazwischenlag, schien nur über ihr zu schweben. Sie berührte ihr Gesicht nicht. Unwillkürlich dachte James an ihren Ehemann. Es war undenkbar, dass sie nicht verheiratet war.

»Ja, jetzt sehe ich es. Sie teilen Rafaels Hartnäckigkeit, aber sie sind zurückhaltender, verschwiegener. Obwohl Sie eine gewisse Direktheit entwickelt haben, um dies zu verbergen. Oder wurde sie Ihnen vielleicht aufgezwungen?«

Ein Klopfen an der Tür entband ihn von einer Antwort. Madame de Landois’ »Oui« klang ein wenig verstimmt.

Ein gepflegter Mann mit einer Halbglatze trat ein und äußerte mit gedämpfter Stimme einen Satz, den James nicht ganz verstand.

»Faites-le monter, Pierre. Apportez une autre tasse.«

Erst bei ihrem letzten Satz begriff James seinen Irrtum. Der Mann war ein Diener.

»Sind Sie an dem Leben in Frankreich interessiert, Monsieur Norton?« Madame de Landois’ nächste Frage überrumpelte ihn.

»Ich … ich hoffe doch. Erscheine ich Ihnen zu sehr in meine eigenen Angelegenheiten vertieft?«

»Nein. Das ist ganz verständlich.« Sie stand auf und ging ein wenig hin und her. Sie ist auffallend hübsch, dachte James, und für eine Französin eher groß gewachsen.

»Dennoch werden Sie meinen Besucher möglicherweise interessant finden.« Sie setzte ihren Gedankengang fort. »Ich bezweifle, dass Sie jemals jemanden von seiner Art kennengelernt haben.«

Sie sah ihn mit versteckter Herausforderung an. James war mehr als bereit, sich ihr zu stellen.

Der Mann war dünn und ging leicht vornüber gebeugt. Er stand in der offenen Tür und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, als befürchte er, unerwünscht in den Raum einzudringen, wenn er die Schwelle überschritt. Trotz der warmen Temperaturen war er bis zum Hals in einen schäbigen schwarzen Mantel gehüllt. Sein zotteliger Bart verdeckte sein verhärmtes Gesicht beinahe bis zur Hälfte, und über den hohen Wangenknochen glühten dunkle Augen. Seine hohe Stirn war feucht von Schweiß, und sein graues Haar darüber ungekämmt. In den Händen hielt er einen Filzhut, dessen Krempe er nervös durch die Finger gleiten ließ.

»Danke, dass Sie mich empfangen, Madame. Ich danke Ihnen.« Er sprach mit einem tiefen Bariton, zögernd und mit einem starken Akzent.

Wegen seiner bedächtigen Sprechweise vermochte James ihn klar und deutlich zu verstehen. Und er begriff sofort, dass dieser Mann ein Jude war. Solche Juden waren ihm gelegentlich in New York unter die Augen gekommen.

»Treten Sie doch ein, Monsieur Arnhem. Bitte, nehmen Sie Platz und trinken Sie eine Tasse Tee mit uns.«

»Nein, vielen Dank.« Der Mann streckte abwehrend die Hand aus. »Ich möchte nicht stören, und ich hätte Sie auch niemals belästigt, triebe mich nicht meine Sorge.«

»Aber bitte, Monsieur Arnhem«, erwiderte Madame de Landois. »Ich möchte Ihnen Monsieur James Norton vorstellen. Ich glaube, seinem Bruder sind Sie bereits begegnet.«

Ein Schatten verfinsterte das Gesicht des Mannes, im nächsten Augenblick jedoch verbeugte er sich erneut. »Ergebenst, Monsieur. Ich fühle mich geehrt.« Übergangslos richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Madame de Landois. »Rachel …« Er stockte. »Ich meine, Olympe wäre nicht erfreut, wenn sie von meinem Besuch wüsste.«

James rutschte unwillkürlich auf seinem Stuhl vor. Olympe war der Name der Frau, die seine Mutter eine Hure genannt hatte, die Frau, mit der Rafael angeblich zusammen war.

Der Mann redete weiter. »Olympe hat Sie immer als eine große Freundin, ja als Wohltäterin beschrieben. Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst hätte wenden sollen. Vergeben Sie mir!«

»Bitte setzen Sie sich, Monsieur Arnhem.« Madame de Landois nahm ihm ungeduldig den Hut ab und legte ihn auf einen Beistelltisch. »Jetzt sagen Sie mir bitte, um was für ein Problem es sich überhaupt handelt.«

»Rachel und ich wollten uns am Montag zum Essen treffen. Vor zwei Tagen. Rachel lässt mich nie im Stich. Sie ist wirklich eine gute Tochter, trotz unserer Meinungsverschiedenheiten.«

James stellte seine Tasse abrupt auf die Untertasse zurück. Olympe war die Tochter dieses Mannes … Er schluckte. Kein Wunder, dass seine Mutter auf dieser Reise bestanden hatte. Olympe war die Tochter eines Juden.

»Rachel ist nicht gekommen. Ich habe auf sie gewartet, lange über die verabredete Zeit hinaus. Zu Hause wusste man auch nicht, wo sie war. Ich bin zu ihren Zimmern gegangen. Man hat mich zwar von dort verbannt, dennoch bin ich hingegangen. Sie hat keine Nachricht hinterlassen. Am nächsten Morgen im Theater wusste man auch nichts von ihrem Verbleib. Dort hat man sie seit letzten Donnerstag nicht mehr gesehen. Man ist wütend. So etwas sieht meiner Tochter nicht ähnlich.«

Wie ein Hund, den man zu lange eingesperrt hat, schien er von seinem Stuhl aufspringen zu wollen, doch statt dessen sah er sich nur flüchtig in dem Zimmer um. »Ich habe so eine Vorahnung.« Seine Stimme war ein heiseres Flehen. »Bitte, haben Sie etwas von ihr gehört? Wissen Sie vielleicht, wohin sie gegangen sein könnte?«

Madame de Landois schüttelte langsam den Kopf. »Wann haben Sie Olympe das letzte Mal gesehen?«

»Vor zwei Wochen. Mehr als zwei Wochen.«

»Sagt Ihnen Ihre Vorahnung … Ihre Furcht, dass sie vielleicht … wieder gewandert ist?«

Der Mann senkte den Blick und rang die Hände. Er war nicht mehr fähig zu sprechen. Statt dessen zog er ein großes Taschentuch heraus und tupfte sich die Stirn.

Madame de Landois wandte sich an James. »Vor einigen Jahren«, sagte sie leise auf englisch, »hatte Olympe einen Anfall von … Ich weiß nicht genau, wie Sie dies in Amerika nennen, nun, sie wanderte in einer Art Trance umher. Am Ende verschwand sie tagelang. Sie wusste nicht, wo sie hinging, und wachte an fremden und manchmal auch gefährlichen Orten auf.«

War seine Mutter etwa auch darüber informiert gewesen?

»Nein, nein.« Endlich fand der Mann seine Stimme wieder. »Das liegt alles weit zurück. Es geht ihr viel besser. Ihre Arbeit kam gut voran. Sie …« Er sprang plötzlich auf. »Ich darf Sie nicht länger belästigen. Falls Sie etwas hören, bitte ich Sie, es mich wissen zu lassen. Ich habe mir noch vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben. Dann wende ich mich an die … Polizei.«

Das letzte Wort war kaum mehr als ein heiserer Laut. Er rieb sich den Hals und verbeugte sich erneut, bevor er zu seinem Hut griff.

»Wenn Sie möchten, begleite ich Sie dorthin, Monsieur.«

Ein Engel schien Arnhems Schulter berührt zu haben. Seine Miene veränderte sich auf verblüffende Weise. »Ach, wenn Sie das wirklich täten, Madame … Ich wäre Ihnen unendlich dankbar.«

»Natürlich werde ich es tun.« Sie erhob sich.

James sah ihr voller Erstaunen nach, wie sie Arnhem zur Tür geleitete und leise auf ihn einsprach. Seine Gefühle schienen sich auf seinem Gesicht abzuzeichnen, denn als sie wieder Platz nahm, warf sie ihm einen ironischen Blick zu. »Gehe ich recht in der Annahme, Monsieur Norton, dass Sie die Gesellschaft missbilligen, die ich pflege?«

»Ich …«

Sie lachte. »Sie erinnern mich an meinen Ehemann.«

»Oh.«

»Glücklicherweise leben wir beide seit einigen Jahren jeder sein eigenes Leben.«

»Ich verstehe.«

»Dessen bin ich mir nicht so sicher.«

»Ich … Ich war nur etwas überrascht … von Monsieur Arnhem.«

»Gewiss.« Madame de Landois musterte ihn. »Die augenblickliche Situation hier in Frankreich verlangt von uns, diesen Menschen ein wenig Freundlichkeit entgegenzubringen. Sie leiden ohne eigenes Verschulden. Hauptmann Dreyfus wurde, da müssen Sie mir wohl zustimmen, fälschlicherweise angeklagt. Man hat ihn tatsächlich als einen Spion denunziert, weil seine Herkunft ihn zu einem leichten Opfer für Vorurteile machte. Außerdem ist Monsieur Arnhems Tochter eine wahre Künstlerin, eine talentierte Musikerin und Tänzerin … und sogar eine Schauspielerin. Sie hat eine Probe ihrer Kunst vor einer kleinen Gruppe meiner Freunde aufgeführt …«

James fühlte sich wie ein kleiner Junge, der von seiner gestrengen Gouvernante getadelt wurde. Er hätte nicht erwartet, dass diese vornehme Frau ein Geschöpf so hoch schätzte, das seine Mutter so tief verachtete. Vielleicht wusste sie ja nichts über die Beziehungen dieser Künstlerin zu Rafael. Möglicherweise gab es mehr als nur eine Olympe.

»Olympe ist übrigens auch eine Freundin von Rafael.« Madame de Landois schien doch Gedanken lesen zu können.

»Eine … besondere Freundin?« erkundigte sich James verlegen.

»Also wissen Sie es bereits?«

»Ich weiß nur sehr wenig.«

»Das immerhin wissen Sie.« Sie glättete ihr Kleid und sah ihn unschuldig an. »Rafael hat mich gewarnt. Ich könnte Sie ein wenig kühl und distanziert finden. Dem ist jedoch ganz und gar nicht so. Brüder pflegen sich gelegentlich etwas … verzerrt wahrzunehmen.«

»Das hat er Ihnen gesagt? Kalt und distanziert?«

»Vielleicht hätte ich es nicht wiederholen sollen. Nicht dass Sie denken, ich wollte mich einmischen.« Ihr Lächeln, das ihre Worte begleitete, versicherte ihm, eine solche Einmischung sei die vernünftigste Eigenschaft auf der ganzen Welt.

Noch bevor James eine angemessene Antwort finden konnte, klingelte das Telefon, und Madame de Landois erhob sich.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«

Sie war ganz offensichtlich erleichtert, als hätte sie lange auf den Anruf gewartet. Beschwingt ging sie in eine Ecke des Zimmers und nahm den Telefonhörer ab.

Als er verstohlen ihre Bewegungen beobachtete, empfand er ein merkwürdiges Gefühl der Vertrautheit, obschon Madame de Landois eine durch und durch moderne Frau war und in keiner Hinsicht dem entsprach, was er erwartet hatte, als er vorhin vor der abweisenden Fassade ihres hôtel particulier stand.

Sie lachte. Der Anrufer am anderen Ende der Leitung genoss eindeutig ihre Gunst. Dann hörte er, wie sie scharf die Luft einsog.

»Non, ce n’est pas possible.«

Er wandte sich verlegen ab und konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf den Garten. Er wollte nicht den Eindruck erwecken zu lauschen. Diese neue Technik verband die Menschen in einer vernehmlichen und dennoch privaten Konversation. Für eine ausgeschlossene Partei jedoch bestand kaum eine Möglichkeit, dies höflich zu ignorieren. Diese Situation bereitete ihm jedesmal Unbehagen.

Ein paar Minuten später trat Madame de Landois wieder zu ihm. Sie wirkte bestürzt. »Entschuldigen Sie, Monsieur Norton. Ich muss unser Beisammensein leider etwas abrupt beenden. Bitte, trinken Sie in Ruhe Ihren Tee aus. Pierre wird Sie hinausführen.«

Sie hatte den Raum schon fast verlassen, als sie es sich anders überlegte und sich umdrehte. »Nein, es ist besser, wenn Sie mich begleiten. Vorausgesetzt, Sie hätten Zeit.«

James stand hastig auf. Er wollte sie gerade fragen, worum es ging, doch sie unterbrach ihn mit erhobener Hand.

»Nein, keine Fragen. Kommen Sie einfach mit! Ich muss nachdenken.«

2. Kapitel

Die Straße, die sich an der Seine entlangschlängelte, bebte vom Lärm der Bauarbeiten. Männer mit Bohlen auf den Schultern arbeiteten sich durch den Schlamm, in dem sie teilweise bis zu den Knien versanken. Ihr Geschrei wetteiferte mit dem wirren Rhythmus der Hämmer. Eine neue Eisenbahnstation erhob sich aus der Erde wie das unvollständige Skelett eines prähistorischen Dinosauriers. Dort, wo einst das Dach thronen mochte, ragten spitze Stacheln empor. Entlang des ganzen Quai d’Orsay bogen sich Baugerüste gefährlich über den Fluss. Sie bildeten ein gewaltiges Spinnennetz, das in den rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne glänzte. Winzige Gestalten klammerten sich auf den verschiedenen Ebenen daran fest wie dem Untergang geweihte Insekten.

Weiter westlich kam jedweder Verkehr zum Stehen, als die Straße sich in eine löchrige Piste verwandelte.

»Hier steigen wir aus und gehen zu Fuß weiter«, verkündete Madame de Landois.

Es waren ihre ersten Worte, seit sie aufgebrochen waren. Sie sprach gepresst, als stände sie unter dem Eindruck einer Gefühlsregung, die James nicht benennen konnte. Madame de Landois beschrieb mit dem Arm einen Bogen, der beide Ufer des Flusses zu umfassen schien.

»Sehen Sie nur, diese gewaltigen Bauarbeiten. Wir sind bereit, das neue Jahrhundert mit einer Weltausstellung zu begrüßen. Ein Jahr lang wird hier eine Stadt wie aus einem Märchen Gestalt annehmen. Das komplizierte Bauwerk, das hier im Entstehen begriffen ist, wird der italienische Pavillon. Daneben errichtet man das Haus der Türkei, daneben den Pavillon unseres Landes. Ein gewaltiges Spektakel wartet darauf, das Licht der Welt zu erblicken. Eine Hymne an die Brüderlichkeit und den Fortschritt, an Industrie und Erfindungsgeist. Alle Nationen arbeiten Seite an Seite, Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und Europäer. Und dann …« Sie schnippte mit den Fingern. »Perdu. Es wird alles wieder niedergerissen. Die ganze Mühsal war dann nichts weiter als ein kleines Couplet an die Vergänglichkeit.«

Ihr Lachen klang merkwürdig. Passanten drehten sich um und starrten ihnen nach. Sie war die einzige Frau unter Scharen von Arbeitern, deren Gesichter von den Mühen des Tages gezeichnet waren. James fragte sich erneut, wohin sie ihn führen mochte. Das hier war kein Ort für eine Frau. Der Boden war schlammig, und nur vereinzelt erleichterten glitschige Bohlen ihr Weiterkommen. James reichte ihr den Arm, und sie hakte sich ein, ohne ihn anzusehen.

»Vielleicht ist das ja ganz passend.«

Er wusste nicht genau, was sie meinte. Er war damit beschäftigt, sie durch die Woge von Menschen zu führen, die aus riesigen Schächten und halbfertigen Gebäuden strömte. In der Ferne erblickte er die gewaltige Spitze des eisernen Gebildes, das bei seinem letzten Besuch in dieser Stadt vor beinahe zwölf Jahren noch nicht vollendet gewesen war. Maisie hatte sich damals an seinen Arm geklammert und bei dem Anblick dieser gewaltigen, hässlichen Konstruktion aufgeschrien.

Als James den nun vollendeten Turm sah, bewunderte er Eiffels großartige Ingenieurleistung. Das Bauwerk war eine Herausforderung an die Visionäre des neuen Jahrhunderts. Und es war nicht niedergerissen worden.

Madame de Landois streckte plötzlich den Arm aus und dirigierte ihn nach rechts. »Wir müssen diese Treppe dort hinuntersteigen.«

Mitten auf den steilen Stufen blieb sie stehen. »Ich verlasse mich darauf, dass Sie mir das nicht vorhalten, Monsieur. Und außerdem baue ich auf Ihren kräftigen Magen.« Sie sah ihm einen Moment in die Augen, bevor sie weiterging.

Ein gepflasterter Abschnitt des Kais lag vor ihnen. An seinem Rand löschten alte Klepper vernehmlich ihren Durst, und einige Barken dümpelten im Wasser. Zwei davon waren noch mit Baumaterialien beladen. Ein einsamer Lastkahn schwankte mitten zwischen ihnen. Wäsche auf einer Leine verdeckte ihn zur Hälfte. Madame de Landois ging zielstrebig darauf zu.

Die schmale Laufplanke knarrte unter ihren Füßen. Vom Deck des Schiffes stieg der Gestank von fauligem Wasser auf. James überlegte, ob die Warnung von Madame de Landois diesem üblen Geruch gegolten hatte. Im nächsten Moment rief sie einen lauten Gruß.

Ein korpulenter Mann mit den Gesichtszügen eines Boxers tauchte am Bug des Schiffes auf. Er blieb stehen, während er Madame de Landois betrachtete. Sie sagte etwas, was James nicht verstand. Dann umrundeten sie die andere Seite des Decks und stiegen durch eine schmale Tür in eine Kabine hinab.

In dem Raum war es stickig, und unter der niedrigen Decke kräuselte sich Rauch. In dem dämmrigen Licht konnte James kaum die Menschen von den großen Fässern und dem schäbigen Mobiliar unterscheiden. Als sich seine Augen an das spärliche Licht gewöhnt hatten, bemerkte James zwei Männer, die auf dem Boden knieten. Zwischen ihnen lag eine Gestalt unter einer unordentlich darüber gebreiteten Decke. Einer der Knienden trug eine Polizeiuniform. Einige Sekunden lang war James angespannt, bis er in dem anderen, der ihm den Rücken zukehrte, seinen Bruder erkannte.

»Rafael.« Die Silben fielen in das erwartungsvolle Schweigen, das Madame de Landois mit ihrem Eintreten ausgelöst hatte.

Sein Bruder drehte sich um und sprang auf. Seine Augen waren glasig, und er schien James kaum wahrzunehmen. Schließlich packte er unvermittelt seine Hand. »Ein schlechter Tag, James. Schlechtes Timing.« Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf Madame de Landois. »C’est vraiment elle«, murmelte er. »Sie ist es tatsächlich.«

Madame de Landois nickte einmal abrupt und umfasste dann Rafaels Arm mit einer Intimität, vor der James den Blick abwendete.

Erst als sein Bruder Madame de Landois einem kleinen, recht korpulenten Mann mit Namen Durand vorstellte, begriff James, dass die Gestalt auf dem Boden tot war und machte hastig einen Schritt zurück.

Es war die Leiche einer Frau. Eine lange Locke ihres dunklen Haars fiel über ihre Schulter. Ein Arm, der bis zum Spitzenbesatz ihres Hemdes entblößt war, lag scharf von ihrer Seite abgewinkelt, als wäre der Ellbogen gebrochen. Das Gesicht war fleckig und vom Wasser aufgedunsen. Sie war jung und wunderschön – zumindest als sie noch gelebt hatte.

Ein blendender Blitz zuckte durch den Raum. Einen Sekundenbruchteil lang tauchte er den liegenden Körper wie in Alabaster. Jemand hatte die Decke weggezogen, und die Gliedmaßen glühten in blassem Feuer. Der beißende Geruch von verbranntem Schwefel lag in der Luft.

James nahm das Stativ und den Kopf des Photographen unter seinem Tuch wahr. Schwankend ging er hinaus und sog die Luft tief in seine Lungen. Ihm begann zu dämmern, dass es sich bei der Toten um Rachel handeln musste. Die Frau, wegen der Monsieur Arnhem so besorgt gewesen war. Die Olympe, von der James seinen Bruder hatte befreien wollen. Nun war Rafael von ihr befreit, aber auf eine Weise, die nicht einmal seine Mutter gewollt hätte. Andererseits war der Tod keineswegs immer eine Form der Befreiung, wie er selbst nur zu gut wusste.

Um seinen inneren Aufruhr zu beschwichtigen, trat er rasch an das andere Ende des Schiffes. In dem Moment tauchte eine junge blonde Frau wie eine Halluzination aus dem Schatten auf. Sie saß auf einer Bank und gab einem Säugling die Brust, während sie leise auf ihn einsprach.

James wandte den Blick ab, aber ihre Stimme ließ ihn innehalten. »Vous êtes aussi du Commissariat?«

Nein, er war nicht von der Polizei. James schüttelte den Kopf und senkte den Blick. Die Stiefel der Frau ragten unter dem Saum ihrer Röcke hervor. Sie waren schwarz, und ihr teures Leder glänzte weich.

Er griff nach seiner Pfeife, überlegte es sich jedoch anders, und drehte sich um. Er sollte zurückkehren, sollte nachsehen, wie es Rafael ging. Aber er vermochte sich noch nicht dem Anblick der Leiche zu stellen, die so regungslos zwischen all den Umstehenden gelegen hatte. Maisie hatte dieselbe Regungslosigkeit umgeben. Ihre Wangen waren ebenfalls aufgedunsen gewesen. Allerdings hatte sie auf blütenweißen Laken gelegen.

James spürte, wie sich seine Fingernägel in seine Handflächen gruben. Sein Magen brannte. Er stützte sich auf die Reling und starrte in das Wasser hinunter. Der Mann, der sich ihm wie aus dem Nichts näherte und ihm aus einem silbernen Etui eine Zigarette anbot, war mittelgroß, trug einen Bart und war zierlich gebaut. Sein Hemd ragte aus seinem offenen Jackett heraus, als hätte er vergessen, es hineinzustecken. Seine Krawatte hing schief. Strähniges Haar fiel ihm in die Stirn. Er strahlte etwas Zwielichtiges aus, wie er an seiner Zigarette zog.

»Der zweite Mr. Norton, je crois. Ich bin Gilles Touquet. Journalist. Freund und Kollege vom ersten Mr. Norton.« Er lachte hohl, als er an seine Hutkrempe tippte. »Eine schlimme Sache. La Tristesse d’Olympe. Wissen Sie, Olympe Fabre hat einmal einen Tanz aufgeführt, dem sie diesen Namen gegeben hat.«

»Was ist mit ihr geschehen?« erkundigte sich James.

Touquet zuckte mit den Schultern. »Wer weiß? Ich habe sie nur gefunden. Nun ja, nicht direkt gefunden. Ich bin bei meiner Zeitung für die crime zuständig.« Er sprach das Wort auf französisch aus. »Le Journal. Kennen Sie das Blatt?«

James deutete ein Nicken an.

»Einer meiner Kontaktleute auf der Préfecture hat mich verständigt, dass man eine Leiche aus der Seine gefischt hat. Ich bin hierher geeilt und habe Olympe Fabre sofort erkannt, es mir aber nicht anmerken lassen. Ich wollte, dass Ihr Bruder herkommt. Ich wusste, dass er nach ihr suchte.« Er warf James einen kurzen Seitenblick zu. »Rafael ist sehr schnell gekommen und hat einen mächtigen Aufstand veranstaltet. Und darauf bestanden, dass die Polizei Durand zum Tatort holt.«

»Durand?«

»Ja, Chefinspektor Emile Durand. Sie haben ihn vielleicht gesehen. Es handelt sich um den korpulenten, adrett gekleideten Mann mit den dichten Brauen und dem gewaltigen Schnauzbart.« Touquet deutete unter Deck und imitierte perfekt den Mann, der James zuvor bereits aufgefallen war. »Durand rangiert ziemlich weit oben in der Judiciaire und ist ein angesehener Ermittler. Er gehört zu den leider viel zu wenigen Mitgliedern der Polizei, die den Gedanken an Gerechtigkeit hochhalten. Wären Sie einige Augenblicke früher eingetroffen, hätten Sie miterleben können, wie er den Bootsmann gescholten hat, weil sie Olympes Leichnam einfach an Bord gezerrt und ihr vielleicht den Arm gebrochen haben. Damit haben sie sachdienliche Hinweise vernichtet. Er war geradezu außer sich.«

Touquet lachte leise und unterbrach sich dann abrupt. Er zog wieder an seiner Zigarette. »Es ist sehr gut, dass Ihr Bruder Madam de Landois verständigt hat. Vielleicht bewirkt ihr Engagement in diesem Fall, dass unsere Polizei die Sache etwas ernster nimmt. Ansonsten kann sie … ein wenig behäbig sein. Wieder eine liebeskranke Grisette in der Seine. Ein weiterer Selbstmord. Was macht das schon, nicht wahr?« Er zuckte übertrieben die Schultern.

Ein kaum zur Hälfte besetzter Ausflugsdampfer fuhr an ihnen vorbei. Einer der Passagiere winkte. Touquet erwiderte freundlich den Gruß. Die Wellen schwappten gegen das Boot, und James hielt sich an der Reling fest. Sein Magen brannte wie Feuer.

»Und? Handelt es sich um Selbstmord?«

Touquet musterte ihn mit seinen hervorstehenden Augen. »Ihr Bruder glaubt offenbar nicht daran.«

»Nein?«

»Nein. Und da jetzt Madame de Landois ihren Einfluss geltend macht, bekommen wir eine ordentliche Untersuchung, die eine Autopsie einschließt.« Er schnippte die brennende Zigarette ins Wasser. »Also werden wir es bald genau wissen.«

Schwere Schritte hallten über das Deck. Zwei Uniformierte erschienen mit einer Bahre. Sie blieben an der Tür zur Kabine stehen. James sah, wie Madame de Landois herauskam, gefolgt von Rafael, Chefinspektor Durand und dem mürrischen, untersetzten Mann, den er zuerst gesehen hatte und bei dem es sich offenbar um den Besitzer des Lastkahns handelte.

James ging auf die Gruppe zu. Touquet folgte ihm.

»Er hat sie gefunden«, meinte Touquet und deutete auf den Schiffseigner. »Er redet ziemlich viel, wenn er ein paar Gläschen getrunken hat. Jedenfalls hat er sie herausgefischt. Zuerst dachte er, er hätte sich eine Nixe an Bord geholt. Sie werden alles weitere in der Zeitung lesen.«

Diese Vorstellung bestürzte James. Er warf dem Mann einen scharfen Blick zu, doch Touquet bemerkte es nicht.

Sie waren mittlerweile bei den anderen angelangt. Durand gestikulierte gebieterisch. »Sie können ganz beruhigt sein, Madame. Meine Männer und ich werden uns um alles kümmern.« Er verbeugte sich feierlich vor Madame de Landois und bat sie dann, den Kahn zu verlassen.

Rafael zögerte und warf noch einen Blick in den Raum, in dem nun eine Laterne entzündet worden war. In ihrem gelblichen Licht wurde der Leichnam von Olympe auf die Bahre gebettet.

James ging die Sehnsucht im Blick seines Bruders sehr nahe. Er ähnelte Orpheus, der Eurydike an die ewige Dunkelheit verliert. Dieser zaghafte Blick erklärte alles. Seine Mutter hatte recht gehabt. Rafael liebte diese Frau mehr als er sollte. Er liebte sie mit einer fürchterlichen Leidenschaft, vor der James zurückzuckte.

Madame de Landois holte Rafael aus seiner Erstarrung. In Paaren, wie bei einem Trauerzug, verließen sie das Boot, betraten festen Boden, stiegen die Treppe hoch und eilten durch ein nun vollkommen menschenleeres Areal. Die gespenstischen Gerippe der Pavillons wirkten in dem Zwielicht wie eine Geisterstadt.

Madame de Landois Kutsche wartete am Anfang der gepflasterten Straße. Rafael und sie unterhielten sich flüsternd. James hätte gern mitgehört, wahrte jedoch Abstand. In dem flackernden Licht der Kutschlampen wirkte Madame de Landois äußerst ernst. Sie drehte sich zu James um, während ihr der Kutscher den Schlag aufhielt.

»Unser erstes Zusammentreffen hat sich alles andere als erfreulich gestaltet, Monsieur Norton. Ich hoffe für uns alle, dass wir uns bald wiedersehen.«

James verbeugte sich. Erst als die Kutsche sich entfernte, wurde ihm klar, dass er erwartet hatte, seinen Bruder mit ihr wegfahren zu sehen. Statt dessen blieben die drei Männer auf der halbdunklen Straße zurück. Sie schlenderten scheinbar planlos dahin, während sein Bruder hastig auf Touquet einredete, bis der Mann an seinen Hut tippte und hinter der nächsten Ecke verschwand.

»Ich benötige unbedingt einen Drink, James. Was ist mit dir?«

James nickte.

Rafael hielt eine Mietdroschke an, nannte dem Fahrer sein Ziel und ließ sich in den Sitz zurückfallen. Sein Gesicht, das seine flüchtigen Leidenschaften so oft verriet, wirkte steinerner als die Statuen, die ihren Weg über das rechte Ufer säumten. James selbst fühlte sich wie erstarrt, als wären sowohl sein Hirn als auch seine Zunge zu schwer, als dass er sie nutzen könnte.

Nach einer schier endlosen Irrfahrt über holpriges Pflaster hielt die Kutsche an.

»Hier müsstest du dich wie zu Hause fühlen, James«, brach Rafael schließlich das Schweigen. »Es ist einer meiner regelmäßigen Zufluchtsorte.«

Er führte ihn in eine lange, dämmrige Schenke, die zwischen unauffälligen Häusern in einer Seitenstraße lag. Einige einsame Trinker hockten an einem auf Hochglanz polierten Zinktresen. Die Wand dahinter war verspiegelt, und darin reflektierte sich dreifach eine Reihe von Sitznischen.

»Das ist Bill. Aus Minneapolis«, stellte Rafael den hemdsärmeligen Barmann vor. »Einen doppelten Whisky für mich, Bill. Und für James hier … Was möchtest du, James?«

»Dasselbe.«

»Und bitte Armand, uns einen Teller seiner Spezialitäten zu servieren.«

Sie setzten sich in eine Nische am Ende der Bar. Rafael trank einen großen Schluck Whisky und sah seinen Bruder an. »Du hast dir wirklich einen höllischen Zeitpunkt für deinen Paris-Urlaub ausgesucht, James.«

James betrachtete ihn. Rafael hatte sich verändert. Er konnte nicht genau sagen, was es ausmachte. Vielleicht lag es an der Schnelligkeit seiner Bewegungen, eine Art unterdrückter Entschlossenheit, wo vorher überhebliche Lässigkeit geherrscht hatte. Rafael hatte schon immer Charme im Überfluss besessen und hatte überaus gut ausgesehen, doch nun waren seine Gesichtszüge klarer und konturierter. Seine dunklen Augen strahlten eine Intelligenz aus, die James zuvor nicht in ihnen erkannt hatte. Im Vergleich dazu fühlte er sich groß, langsam und seltsam träge. Rafaels längeres Haar und der kühne Schwung des Schnurrbartes waren nur Äußerlichkeiten. Es schien eher, als wäre Rafael in eine starke und fremdartige Form gepresst worden und gestählt aus ihr entstiegen.

»Ich hatte eigentlich keinen Urlaub im Sinn.«

»Nein, du bist hier, um die Rückkehr des verlorenen Sohnes zu erzwingen. Und seiner hilflosen Schwester. Sie dürfen wir nicht vergessen. Hat sie sich in ihren Briefen über mich beschwert?«

»Nicht im entferntesten.«

»Immerhin. Was nicht heißt, dass ich dir glaube.«

Die Feindseligkeit in Rafaels Stimme überraschte James. Seine jüngeren Geschwister hatten sich immer sehr nahegestanden. Eine gewöhnliche Frau hätte eine solche Animosität niemals wecken können. Es hatte auch schon früher Frauen in Rafaels Leben gegeben. Viele Frauen.

James setzte erneut an. »Es ist nur so, dass Mutter …«

»Mich zurückhaben will«, beendete Rafael den Satz für ihn.

»Ja.«

Man hatte zwei Teller vor sie gestellt, die von gebratenen Kartoffeln und Fleischscheiben beinahe überquollen. Rafael stürzte sich auf sein Fleisch. »Ihre Briefe waren in diesem Punkt schwerlich misszuverstehen. Sie haben es mir praktisch unmöglich gemacht, ihr selbst zu schreiben.«

»Sie kränkelt.«

»Tun wir das nicht alle?« Seine Stimme klang finster. »Hör zu, James, ich will ganz offen sein. Ich kann darauf nicht viele Gedanken verschwenden. Im Moment habe ich Wichtigeres zu tun.« Er schaute auf seinen Teller und schob ihn unvermittelt von sich.

»Das tote Mädchen … jetzt, wo sie … wo sie gegangen ist, warum geht sie dich da noch etwas an?«

Rafael antwortete ihm nicht. Er starrte blicklos ins Leere, Messer und Gabel vergessen in den Händen.

»Ich habe erst vorhin ihren Vater kennengelernt«, fuhr James fort. »Eine ganz und gar nicht anziehende Kreatur.«

»Was weißt du schon?« rief Rafael aus. »Glaubst du etwa, dass dieser Mann die Vorzüge unserer Alma mater genossen hat? Ganz zu schweigen von den Millionen unserer Großeltern?«

»Mutter macht sich Sorgen um die Gesellschaft, mit der du dich umgibst.«

»Das ist es also, ja? Die Klatschmäuler haben sich darauf gestürzt und ihr einen Floh ins Ohr gesetzt, weil Olympe Jüdin ist. Meine Güte, um irgend etwas muss die Arme sich ja Sorgen machen.«

»Sie glaubt«, fuhr James barscher fort, »dass diese ganze Dreyfus-Angelegenheit, in die du dich hineingestürzt hast, ebenfalls deinen Geschmack beeinflusst hat, was … Frauen angeht.«

Rafael warf ihm einen finsteren Blick zu. »Soll sie denken, was sie will. Das spielt jetzt keine Rolle mehr.«

»Also kommst du nach Hause?«

»Sei nicht albern, James.«

Sie verstummten, doch das Schweigen zwischen ihnen klang feindselig. James hatte nicht erwartet, dass Rafael, gleich unter welchen Umständen, liebenswürdig reagieren würde. Doch was sollte er nun tun? Er rief den Kellner und bestellte frische Getränke, um die gereizte Atmosphäre etwas zu entspannen.

Rafael sah ihn störrisch an. Er würde reden, aber nicht über seine Heimkehr.

»Wie bist du an Monsieur Arnhem geraten?«

»Er hat Madame de Landois besucht. Sie war ausgesprochen freundlich zu ihm.«

»Das überrascht mich nicht. Borniertheit zählt nicht gerade zu Marguerites Eigenschaften.« Er hielt inne und fragte dann leise: »Was hat er gesagt?«

»Er hoffte, Neuigkeiten über seine Tochter zu erfahren. Er machte sich Sorgen. Zu recht, wie sich herausgestellt hat.«

»Einige Formen elterlicher Sorge sind gerechtfertigter als andere.«

James ließ Rafaels Provokation mit einem gelassenen Nicken passieren. »Wie kam es, dass du dich mit dem Mädchen … eingelassen hast?«

Rafael hatte ihn offenbar nicht gehört. Etwas schien ihn zu quälen, als sähe er Olympes leblosen Körper wieder vor sich. »Ich dachte, ich hätte mich auf das Schlimmste vorbereitet, aber das habe ich nicht. Ich muss zu ihm.« Er stürzte den Whisky mit einem Zug hinunter und griff nach seinem Hut.

»Jetzt? Er dürfte dich doch wohl kaum etwas angehen. Die Polizei wird sicherlich …«

»Benimm dich nicht so schrecklich überheblich, lieber Bruder. Du bist nicht mein Vater. Selbst wenn du die väterliche Rolle schon so lange spielst, dass es dir vermutlich schwerfällt, sie wieder abzulegen.«

Die Bitterkeit in Rafaels Stimme erstaunte James.

»Du brauchst dich nicht verpflichtet zu fühlen. Ich habe dich nicht gebeten, mit mir zu kommen und dich zu besudeln.«

»Ich komme mit, Rafael.«

James war aufgestanden. Nachdem er seinen Bruder gefunden hatte, würde er ihn auf keinen Fall wieder aus den Augen lassen.

Es regnete. Mietdroschken waren bei diesem Wetter nicht zu bekommen. Rafael schien das nichts auszumachen. Er meinte, ein Spaziergang würde ihnen guttun, und schlug ein scharfes Tempo an. Er wich selbst dem kleinsten Versuch von James aus, ein Gespräch zu beginnen. Nur ihre Schritte waren zu hören, die ein hohles Echo zwischen den Häuserschluchten warfen. Die Straßen wurden immer schmutziger, je weiter sie in das Labyrinth der Häuser vordrangen. Überall lag Müll in den Türen. Eine Ratte kreuzte ihren Weg. An einer Häuserecke heulte ein räudiger Hund wie ein verrückter Coyote.

Plötzlich bogen sie auf eine breitere Straße ein, die vom Licht der Cafés erhellt wurde und auf der sich Menschen drängten. Einige Minuten verstrichen, bevor James die anderen Passanten genauer ins Auge fasste. Die Männer gehörten offenbar allen möglichen Schichten an. Einige waren unauffällig gekleidet und schwangen Gehstöcke in der Hand, andere trugen Lumpen und hatten Tücher um den Hals geschlungen. Die Lippen der Frauen waren so grell wie die Farben der Stolen, die sie über ihre nackten Schultern geworfen hatten. Sie trugen keine Kopfbedeckungen. Und sie verschlangen James förmlich mit den Blicken, während sie ihn lüstern betrachteten.

»Biegen wir hier ab?« fragte James barsch.

»Nein, erst da vorn. Keine Sorge, diese Frauen beißen nicht. Sie verdienen bloß ihren Lebensunterhalt.« Als wollte er ihn verhöhnen, winkte Rafael einer Frau zu, die kaum alt genug für ihre langen Röcke zu sein schien. Das Mädchen erwiderte den Gruß und lächelte ihn offen an.

»Ça va bien, Monsieur l’Américain?«

»Oui, Poupette. Et toi?«

»Viens demain. J’ai a te parler.«

»Was will sie?« fragte James, dessen Neugier seine Abscheu überwand.

»Reden. Sie ist eine sehr nützliche Quelle. Sie schnappt viel auf und erzählt mir einiges. Habe ich schon erwähnt, dass ich auch für französische Zeitungen schreibe? Natürlich anonym. Touquet hilft mir. Wir führen gemeinsam Recherchen durch.«

»Worüber?«

»Ich erzähle es dir ein andermal. Es ist eine lange Geschichte. Hier entlang.«

Wieder bogen sie in eine feuchte, schmale Gasse ein. Es gab keine Gaslaternen, und nur gelegentlich fiel das flackernde Licht einer Kerze aus einem kahlen Fenster. Umrisse tauchten aus den Schatten auf, ein Mann, der eine Frau in eine Nische zog. Die Frau lachte frech.

»Es wäre besser gewesen, erst morgen hierherzugehen«, murmelte James.

Rafael achtete nicht auf ihn, sondern beschleunigte seine Schritte.

Als sie um eine Ecke bogen, beleuchtete eine Straßenlaterne plötzlich sein Profil. Die Trauer in seinem Gesicht berührte James zutiefst. Eine lange vergessene Szene fiel ihm ein. Rafael war höchstens vier gewesen, er selbst etwa dreizehn. Ihr Hund war unter die Räder einer Kutsche geraten. Er lag zitternd auf dem Boden, und sein hilfloses Wimmern war herzzerreißend. »Wird er sterben?« hatte Rafael gefragt und die Hand seines Bruders umklammert. James hatte einfach nur genickt. Er war darauf gefasst, dass Rafael weinte, wartete auf die Tränen. Doch statt Tränen überzog ein Ausdruck vollkommener Trostlosigkeit das Gesicht seines kleinen Bruders, erfüllte seinen Blick mit finsterem Entsetzen und verwandelte ihn innerhalb von Sekunden in einen alten Mann.

Damals hatte James ihn getröstet, ihm heiße Schokolade gemacht, neue Haustiere versprochen und alles getan, um seinen Bruder wieder aufzuheitern.

Ein solcher Trost war ihm nun jedoch nicht möglich. Statt dessen sagte er: »Der arme Monsieur Arnhem wird außer sich sein.«

Rafael warf ihm einen scharfen Blick zu. »Wir sind da.« Er stieß eine schäbige Tür auf. »Pass auf, wo du hintrittst. Es ist im ersten Stock.«

Die Treppe war schmal wie eine Leiter und fühlte sich in der Dunkelheit ziemlich baufällig an. Die Farbe an den Wänden blätterte unter seinen Fingern ab, doch von oben drang ein Klang zu James, bei dem er überrascht stehenblieb. Die leise, betörende Musik einer perfekt gestimmten Violine. Wie einst die Kinder dem Zauber der Flöte gefolgt waren, folgte er nun der Quelle dieser Musik zum Ende des Flures.

Rafael klopfte, und die Musik brach ab. »Oui?« rief jemand barsch.

»Monsieur Arnhem? C’est Rafael Norton.«