Paris, Sigmaringen - Gabriele Loges - E-Book
Beschreibung

Angelika lebt in Sigmaringen. Sie fährt nach Paris, um über Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, geborene Salm-Kyrburg, zu recherchieren. Dieser Amalie Zephyrine hat Sigmaringen, hat das ganze kleine Land Hohenzollern zwischen Württemberg und Baden viel zu verdanken. Als Freundin von Napoleons Frau Josephine hatte sie direkten Zugang zur Macht. Und trotzdem weiß man wenig über sie. Zehn Wochen nachdem sie den Stammhalter geboren hatte, war sie in Männerkleidung nach Paris gefl ohen. Nach der Französischen Revolution sieht sie die Chance, nach fünfzehn Jahren Trennung endlich wieder Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen. Sie bietet ihrem Mann an, sich bei den Verhandlungen um die besiegten deutschen Länder für sein Fürstentum einzusetzen, wenn sie dafür ihren Sohn wieder sehen dürfe. Ihr Mann willigt ein. Die Rückkehr ins Schloss und in die Ehe wird ihr jedoch verweigert. Angelika aber, die sich ins heutige Paris aufmachte, trifft dort ihre Jugendliebe wieder. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein, die Erinnerungen und auch die täglichen Treffen mit Pierre zeigen ihr, dass ihre Gefühle für ihn immer noch stark sind. Auf der Rückfahrt von Paris wird sie eine Entscheidung treffen.

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Sammlungen



Paris, Sigmaringen oder

Gabriele Loges

Paris, Sigmaringen

oder Die Freiheit der Amalie Zephyrine

für Georg

»Ich danke dir, dass du mich bittest, dir von mir zu erzählen, dass du die vorigen Zeiten mir ins Gedächtnis bringst.«Hyperion an Bellarmin

FRIEDRICH HÖLDERLIN, 1797

Inhalt

Sonntag, erster und letzter Tag: Paris

Montag, zweiter Tag: Champagne

Dienstag, dritter Tag: Nancy

Mittwoch, vierter Tag: Strasbourg

Donnerstag, fünfter Tag: Grenze

Freitag, sechster Tag: Karlsruhe

Samstag, siebter Tag: Stuttgart

Sonntag, achter Tag und Ankunft: Sigmaringen

Anmerkungen

Die Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen

Die Fürsten von Salm-Kyrburg

Die Fürsten von Hohenzollern-Hechingen

Danksagung

Sonntag, erster und letzter Tag

Paris

Ich habe seine Rosen geköpft.

Sie waren noch frisch, ich wollte sie nicht zurücklassen. Die Köpfe steckte ich in eine weiße Papiertüte, in der ich gestern noch zwei reife Mandarinen vom Bon Marché ins Hotel getragen hatte. Der Duft der Rosen wird sich während der Reise mit dem der Mandarinen mischen.

Der Koffer stand gepackt vor dem Hotelbett, zwei dicke Taschen daneben; zwei mehr als bei meinem Einzug vor einer Woche. Jeden Tag brachte mir Pierre ein Geschenk, meist ein Buch, von dem er meinte, ich müsse es unbedingt lesen. Wie sollte ich alles tragen? Die exotische Pflanze mit dem seltsamen Namen Lucky Bamboo, die er mir bei meiner Ankunft am Bahnhof überreicht hatte, legte ich behutsam – was für ein Wort – neben das Trinkgeld auf den Tisch. Die Frau, die jeden Morgen das Zimmer reinigt, wird sie mitnehmen, wird sie in eine Vase ans offene Fenster stellen, wird auf das Glück warten.

Es ist Sonntagmorgen. Ich sitze in der Halle vor den Bahnsteigen, Gare de l’Est. Mein Zug fährt erst in zwei Stunden. Ich habe mich in der Zeit vertan, war überzeugt, der Zug fahre um neun, aber er fährt erst um elf. Ich sitze neben meinem Gepäck, schreibe in mein Notizbuch, warte.

Pierre fragte mich gestern noch, ob er mir beim Tragen helfen solle. Aber ich wollte es nicht, er braucht den Schlaf, er hat die ganze Nacht gearbeitet, trotzdem dieser Wunsch, ihn zu sehen. Es hat sich so viel verändert. Vierzehn Stunden sind erst vergangen, und doch wiegen sie schwerer als dreiundzwanzig Jahre.

Während ich schlief, gab Pierre im Hotel eine Tüte für mich ab. Der Mann an der Rezeption vergaß, sie mir zu reichen, als ich mit einem au revoir den Zimmerschlüssel auf die Theke legte. Der kleine Rezeptionist, der mit den zusammengewachsenen Brauen und den schwarzen Augen, rannte mir kurze Zeit später hinterher; ich solle unbedingt stehen bleiben, es sei ganz wichtig. Ja, keine Sorge, soyez tranquille: Ich warte hier vor der Fontaine Saint-Michel. Ich schaute ihm nach, er war ganz schwarz gekleidet, ich hatte Lust, an diesem strahlenden Sonntagmorgen durch seine Beine einen Fußball zu schießen, ich hätte ihn dabei nicht verletzt, seine Beine bilden ein großes rundes Loch. Er ist vielleicht dreißig; ich sah ein ballspielendes Kind. Schon nach wenigen Minuten kam er zurück, im Laufschritt, und überreichte mir die Tüte. Er lächelte mich von unten an, ich dankte ihm, nahm mein Gepäck, das jetzt noch schwerer geworden war, auf– und tauchte ab, in die Metro. Als ich endlich saß, öffnete ich Pierres Geschenk: Sechs dunkelrote Äpfel hatte er mir als Reiseproviant mitgegeben. Mein Zug braucht gut sechs Stunden bis Sigmaringen. Jede Stunde einen Apfel, davon bekommt man Bauchschmerzen. Eine Karte lag obenauf, eine Karte, die für das Theaterstück »Écouter Marcel Proust, Extraits de À la recherche du temps perdu« warb, das Gesicht Prousts hinter Kirschblüten verborgen, auf der Rückseite Pierres Worte: Wann kommst du zurück?

Die Karte legte ich in mein Notizbuch.

Sieben Tage in seiner Stadt, in seiner Sprache. Wir haben uns gesehen, jeden Tag. Sehen ist etwas anderes als schreiben. Wir waren wieder jung, geradezu beängstigend jung. Es hat sich nichts geändert, nichts verändert.

So viele Jahre blieb Pierre im Hintergrund, im Dunkeln. Erst Pierre, dann Christian, immer schön der Reihe nach.

Pierre war gegangen.

Ich hatte ihn nicht zurückgehalten.

Später, sehr viel später, hat er mir geschrieben, mein Mann könne beruhigt sein, ich sei ohnehin nicht sein Typ. Einmal hat er meinen Vornamen Angelika auf dem Briefumschlag durch Lotte ersetzt und mit Werther unterschrieben. Danach habe ich mehrere Jahre nichts mehr von ihm gehört.

Und jetzt ist alles so, als wären wir nie getrennt gewesen.

Zum ersten Mal wieder allein zu zweit, allein unter vielen fremden Menschen. Menschen, die uns als Paar sehen.

Pierre und ich. Vor einer Woche, hier am Bahnhof. Er hält die Pflanze in der Hand, wie einen Degen. Ich sehe ihn, weiß nicht, wo hinschauen. Wegschauen, am besten. Aus den Augenwinkeln beobachten. Gleichzeitig der jungen Münchnerin, die neben mir im Zug gesessen hat, mit der ich die Anspannung vor der Begegnung mit Pierre wegreden konnte, intensiv zuhören, mich überschwänglich von ihr verabschieden. Gegenseitige Wünsche für den Paris-Aufenthalt. Winkend entfernt sie sich. Beobachtet er mich? Wann ihn ansehen? Ich drehe meinen Kopf in seine Richtung, er kommt auf mich zu, die Menschen auf dem Bahnsteig zwischen uns verschwinden nach rechts und links. Mein Herzschlag setzt aus und wieder ein. Seine Wange brennt an meiner. Nur eine höfliche Begrüßung. »Sollen wir erst einen Kaffee trinken?«, fragt er, »die Metro ist zu voll, komm, wir warten lieber.« Ich nicke und lasse ihn den Kaffee bestellen. Wie zwei Fremde halten wir Abstand, trotzdem, diese Nähe, ich spüre sie als Schmerz.

Mein Gesicht glüht, meine Hände sind kalt. Ich will ihn umarmen und nie wieder loslassen, ich wage es nicht, packe ihn mit Worten zu:

»Im Zug habe ich eine junge Frau aus München getroffen, sie möchte hier ein Jahr lang an der Rezeption eines großen Hotels arbeiten, sie hat gerade ihr Französischstudium abgeschlossen und will jetzt die große Welt in Paris kennenlernen, sie meinte, vielleicht trifft sie ja sogar auf irgendwelche Stars, die ihr irgendwelche Türen öffnen, vielleicht …«

Er unterbricht mich: »Wie geht es dir, deinem Sohn und deiner Tochter, hat sie immer noch blonde Zöpfe, und deinem Mann?«

Er zeigt auf einen freien Tisch, wir setzen uns, ich antworte ihm: »Gut geht es ihnen, die Kinder sind aus dem Haus, kommen gerne am Wochenende, Christian arbeitet und wartet auf mich.«

»Liebt er dich?«

»Warum bist du geschieden?«

»Ich habe keine Zeit für eine Familie.«

Sagt er es traurig? Ich sehe auf, sehe seine Augen, taste mich wieder nach unten, seine Lippen, ich darf nicht zu lange auf diese Linie schauen, er wird es bemerken, aber er sieht darüber hinweg, spricht weiter: »Vielleicht ist es besser so, ich vermisse meine Tochter, auch wenn ich sie oft sehe.«

»Es ist nicht einfach, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen«, ich verwende diese Floskel, um ihn zu beruhigen. Seine Gesichtszüge sind auf einmal verschlossen. Der Kellner bringt zwei grands crèmes.

»Gefällt dir deine Arbeit?«, frage ich.

Er antwortet mit einer Gegenfrage: »Warum bist du in Paris?«

»Ich suche eine deutsche Frau, die vor langer Zeit in dieser Stadt viele Spuren hinterlassen hat.«

»Bist du mit ihr verwandt?«

»Nein, aber sie ist nach ihrer Hochzeit von Mann und Kind weggelaufen, nach Paris, und jetzt versuche ich herauszubekommen, was sie hier so angezogen haben könnte.«

»Ist sie nach der Hochzeit auch jünger geworden?«

»Warum soll sie jünger werden?«

»Du bist noch genauso wie damals.«

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: »Sie haben sich gar nicht verändert.« »Oh!« sagte Herr K. und erbleichte.

Pierre zahlte, die Schalter waren wieder frei, ich holte mir eine Wochenkarte. Wir nahmen die rote Linie 4, gingen schweigend durch die Sperre. Ich hätte gerne etwas gesagt oder ihm zugehört. Die Menschen in den Gängen zur Metrostation rannten, als sei es wichtig, unbedingt die nächste Metro zu erreichen, rauszukommen aus der Stadt oder rein, man sieht ihnen die Richtung nicht an. Pierre ließ sich von der Hektik nicht anstecken, ging ganz ruhig, schaute mich von der Seite an. »Geht’s?« Ich konnte nichts erwidern, bestand nur noch aus Bauch und Blut. Vielleicht hätte ich im Zug noch etwas essen sollen. Der unverwechselbare Metrogeruch, eine Mischung aus Gummi, Schweiß, Parfüm und Eisen, stach mir in die Nase. Pierre begleitete mich bis zu meinem Hotel. Wir verabredeten uns für den nächsten Abend.

Es war unser erster gemeinsamer Tag in Paris.

Nicht seinetwegen kam ich in diese Stadt. Eine Frau ist es, die mich hierher geführt hat. Ich wollte ihre Wege gehen, ihren Wohnort aufsuchen, im friedlichen Paris Revolutionsluft atmen, Spuren suchen, die längst verwischt sind, den Himmel aus ihrem Blickwinkel betrachten. Ich wollte für sie den Teer von der Straße kratzen, den Weg mit Abfall, mit Unrat bedecken, in eine Kutsche steigen und mich zum königlichen Hof, später zu Napoleon fahren lassen.

Mehr als zweihundert Jahre zurückgehen, ihr nahe sein, um Neues über sie, die deutsche Adlige in Paris, zu erfahren. Ihr Name ist Amalie, genauer: Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, geborene von Salm-Kyrburg. Eine Amélie ihrer Zeit, Amélie de Salm; später hat ihr geliebter Bruder kurz vor der Fahrt zur Guillotine seinen letzten Brief an Bürgerin Amélie de Hohenzollern geschrieben. Das adlige Etikett, la princesse, hatte sich für einige Jahre aus dem öffentlichen Leben verabschiedet.

Manchmal scheint es mir, nichts ist leichter, als Amalie-Amélie zu finden, jede Entscheidung von ihr leuchtet mir ein, könnte meine eigene sein, dann wieder ist diese Frau ganz weit weg. Ich habe alles über sie gelesen, alles, was ich finden konnte, habe in Sigmaringen nach ihr gefragt. Es wird tapfer spekuliert, es werden Geschichten erzählt.

Sie hat erreicht, dass ein kleines deutsches Land während der Herrschaft Napoleons nicht untergegangen ist, ja sogar vergrößert werden konnte. Ihre Beziehungen, ihr Verhandlungsgeschick wird den Männern zugeschlagen, ihr selbstgewählter Weg wird kritisch interpretiert. Eine Frau hat bei ihrem Mann zu bleiben, wo sonst. Amalie bekommt Liebhaber und eine uneheliche Tochter angedichtet.

Es ist ihr schlecht ergangen, dieser Amalie; sie ist während und nach ihrem Leben zwischen die deutsch-französischen Fronten geraten. Gründlich und nachhaltig. Ihr Urenkel Leopold und der Enkel ihrer Freundin Josephine, Napoleon III., werden der äußere Anlass für den ersten dieser drei absurden Kriege zwischen Pierres und meinem Land sein.

Abends ging ich ins Kino. Pierre musste arbeiten, die Bibliotheken und Archive waren geschlossen. Es gefällt mir, alleine ins Kino zu gehen. Aber nachher würde ich immer gerne mit jemandem über den Film reden. Wie er wohl den Film »Un long dimanche de fiançailles« interpretiert? Sie, die sanfte Heldin Mathilde, hat auf ihn, ihren Verlobten, der nicht in diesen Krieg wollte, der bei ihr bleiben wollte, gewartet, lange gewartet, sie hat gewusst, dass er noch lebt, gegen jede Vernunft. Die Schauspielerin ist schön, weichgezeichnet mit kugelrunden braunen Augen. Immer wieder habe ich meine Augen während des Films geschlossen. Ich wollte die zerschossenen Gesichter nicht sehen, wollte nicht Körper sehen, die als Erdklumpen in die Höhe schießen. Die matschgrauen Männer verpulvern Leben im Niemandsland zwischen der deutschen und der französischen Linie. Niemandsland, das Wort der Feinde, ein fremder, todbringender Ort im eigenen Land.

Ich schaue hoch, suche Soldaten, die von hier aus den Zug in den Osten, nach Verdun, nehmen.

Der Vater meines Vaters war in diesem Krieg. Im Westen, im Feindesland. Sein Körper wurde nicht verletzt, aber, so sagten die anderen, er tickte danach nicht mehr richtig. Er hat Briefe geschrieben, an seine Frau, er unterschrieb mit »dein treuer Otto«. Briefe, die heute in meiner Schreibtischschublade liegen.

Amalie Zephyrine plante ihre Flucht aus Sigmaringen genau. Es schien ihr der einzige Weg, der mögliche Ausweg. Zwischen Entschluss und endgültiger Durchführung lagen schwere Wochen, schwer wie Blei und voller Zweifel.

Kurz nach der Geburt ihres Sohnes kam ihr Mann Anton Aloys noch einmal alleine in ihr Zimmer. Zum ersten Mal fühlte sie sich ihm nah. Die Linien in seinem Gesicht waren ungewohnt weich, zärtlich. Er schaute Amalie bewundernd an, küsste sie auf die Wange, berührte ganz vorsichtig die winzige und doch erstaunlich vollkommene Hand seines Sohnes, strich über jeden einzelnen Finger. Am Tag darauf brachte er seinen Vater und seine Mutter zu Amalie, sie begutachteten den Erben, er sah gesund aus, man durfte hoffen. Nach dieser Inspektion war alles wie immer. Kalt war es in diesem Sigmaringen im Februar 1785. Wäre sie nicht verheiratet, wäre sie jetzt in Paris. Sie würde tanzen und singen, über Literatur diskutieren, die neuesten Theaterstücke besuchen. Lauter Unmöglichkeiten. Sie saß hier fest.

Auch der März und April brachten keine Besserung. Anton Aloys oder, wie sie ihn in ihren Memoiren nannte, mon prince héréditaire, besuchte sie zweimal am Tag, vormittags eine Viertelstunde und am Abend vor dem Schlafengehen noch einmal eine Stunde. Es war die einzige Gelegenheit für sie, französisch zu sprechen. Die Worte sprudelten aus ihr heraus. Er schwieg meist, schaute sie schüchtern an, so, als sei sie nicht seine Frau. Manchmal kam auch sein Vater mit, dann wurde Amalie still, der Vater wechselte nach den ersten Begrüßungsworten die Sprache, er sprach deutsch, erzählte von der Jagd. Er sprach zu seinem Sohn, nicht zu seiner Schwiegertochter. Dieser Vater, der getrennt von seiner Frau lebte, war ein Mann, der ohne Weiteres auf Gesellschaft verzichten konnte. Amalie konnte es nicht, wollte es nicht.

Alles wurde in diesem unbequemen Schloss vom gestrengen Schwiegervater überwacht. Die Briefe, ihre Nabelschnur zur Welt, wurden immer zuerst von ihm gelesen. Offen brachte ein Diener sie auf dem Silbertablett. Ob ein Teil ihrer Briefe vorher aussortiert worden war – wegen Nichtgefallens? Wer Briefe aussortiert, sortiert auch Menschen aus. Sie wurde bewacht, beobachtet, kontrolliert. Als wollte sie fliehen.

Sie wollte fliehen. Zu ihm, zu Friedrich, dem geliebten Bruder. Endlich wieder leben. In Paris.

Es war kein Zufall, dass ich Pierre hier getroffen habe. Christian hat es gewusst, er meinte, wenn Amalie nicht in Paris zu finden wäre, sondern in London oder Prag, hätte ich mich erst gar nicht mit ihr beschäftigt. Er sagte zu mir: »Sie ist nur deine Triebfeder.« Er spottete manchmal über diese Frau, die in den letzten Jahren so viel Raum bei uns zu Hause eingenommen hat. Er spottete vor allem darüber, dass Pierre genau dort zu finden war, wo Amalie aufgespürt werden konnte.

Es ist mir egal. Ich bin einfach nur glücklich. Ich schwebe, immer noch. Ich habe Pierre wieder und es ist eingetreten, was Christian befürchtet haben mag: Ich werde zu ihm, dem anderen, gehen. Ich muss.

Die Automatenstimme am Bahnhof ist kaum zu verstehen und verkündet doch ununterbrochen, welcher Zug gerade ankommt, welcher abfährt. Meiner ist noch nicht dabei.

Amalie floh in Männerkleidung.

Der Fürst und Schwiegervater erlaubte ihr seit wenigen Tagen eine nachmittägliche Ausfahrt mit der Kutsche. Sehen und gesehen werden. Die Kutsche war das Hochzeitsgeschenk ihres Mannes, komfortabel und bequem, wie es sich gehörte. Wenigstens hier gingen die Hohenzollern mit der Zeit. Die Wappen der vereinigten Fürstenhäuser waren kunstvoll auf gelben Grund gemalt, nebeneinander und in gleicher Größe. Aber von Gleichwertigkeit konnte keine Rede sein. Eine Stunde Freiheit pro Tag, hinaus in die Landschaft, nur mit Erlaubnis.

Ihr Sohn Charles war an diesem Frühlingsnachmittag Anfang Mai gerade zehn Wochen alt. Er wurde bestens versorgt. Sein Appetit war unglaublich, eine andere Frau stillte ihn. Die Mutter bekam ihren Sohn selten zu sehen. Die Amme beobachtete dann Madame, als könne sie ihn fallen lassen, ihm wehtun durch ihre bloße Anwesenheit. Amalie fühlte sich allein; die Fluchtpläne überwanden ihre letzte Hürde.

Ihre eigene Dienerschaft war kurz nach ihrer Ankunft im letzten Sommer ausgetauscht worden. Die Neuen wussten sich nicht zu benehmen. Nichts sollte an Paris erinnern, sie sollte sich hier in Sigmaringen einfügen. Amalie schrieb ihrem Bruder Friedrich sieben Monate nach ihrer Ankunft eine Nachricht: »Komm, hilf mir, ich halte es nicht mehr aus, ich habe Angst vor der Geburt, sag’ mir: geht alles gut? Komm, schnell.« Er war gekommen, brachte Blumen und einen kunstvoll gefertigten Schal mit, verkürzte ihr ein wenig die Zeit; doch allzu oft wurde er nicht vorgelassen oder Amalie durfte nicht zu ihm, der Fürst gab die Befehle, Order blieb Order, die Geschwister sollten nicht ohne Aufsicht miteinander reden. Wer weiß, was sie ausheckten.

Das Misstrauen träufelte Säure dorthin, wo zwei Familien sich gleich doppelt verbunden hatten. Ihr Bruder war der Mann von Johanna, der Schwester ihres Mannes Anton Aloys. Johanna durfte mit Friedrich und den beiden Kleinen in Kirn und Paris leben. Wie gerne hätte sie getauscht. Nicht einmal für die Geburt hegte die Familie ihres Mannes Vertrauen in die fortschrittliche Medizin, den frischen Wind aus Paris, der hier höchstens als Zugluft interpretiert wurde. Immer war jemand aus der Familie ihres Mannes mit Argusaugen anwesend. Sogar die alte Tante, die ununterbrochen mit dem Kopf wackelte, als wollte sie auch den letzten Winkel im Raum im Auge behalten, wurde neben sie als Beobachtungsposten gesetzt.

Was glaubten sie denn? Sie war doch keine Magd!

Nach der Abreise ihres Bruders verweigerte sich Amalie, sie zog sich immer mehr zurück, blieb in ihrem Zimmer, auch zu den Mahlzeiten. Der Ausbruch aus dem Gefängnis nahm Gestalt an.

Schon seit Tagen war alles vorbereitet, ihr Diener Luxemburg hatte die Männerkleidung besorgt. Am Morgen hatte Amalie ihr Zimmermädchen eingeweiht. Sie half ihr, wie immer, bei der Morgentoilette. Aber diesmal musste sie ihr helfen, über die Leibwäsche die Männerkleidung zu ziehen. Das Mädchen zögerte nur kurz, eifrig, mit roten Wangen half sie ihrer Herrin, die neue Garderobe, das bequeme Reisekleid mit den blauen Rüschen bis zum Hals, so anzulegen, dass niemand auf den Gedanken kommen konnte, darunter sei etwas anderes als das spitzenbesetzte Unterkleid. Zum ersten Mal war es Amalie warm ums Herz in diesem kalten Kasten, der hier Schloss genannt wurde, der selbst im Sommer die Sonne aussperrte. Amalie hätte das ängstlich lächelnde Zimmermädchen gerne mitgenommen, aber wer weiß, welche Strafe ihre Familie getroffen hätte. Sie umarmte die Kleine, die nicht wusste, wie ihr geschah: Die Prinzessin war so anders, wie aus einer Märchenwelt.

Amalie verabschiedete sich von ihr. Ein letzter Blick aus dem Fenster. In die Freiheit. Der Abschied von ihrem Sohn fiel ihr schwer, sie musste ihn zurücklassen, sie würde wiederkommen. Aber wann? Ihr kleiner Charles würde sie verstehen, wenn er wüsste, wie sich seine Mutter hier fühlte. Schweren Herzens und plötzlich wieder frierend ging sie zu ihm, holte ihn aus der Wiege, flüsterte ihm mit Tränen in den Augen auf Französisch die Notwendigkeit ihrer Flucht ins Ohr; jetzt weinte auch er, die Amme schaute missbilligend auf Amalie, die ihren Sohn wieder in die Wiege zurücklegte und mit gebeugtem Kopf das Zimmer verließ. Sie hatte es plötzlich eilig und zwang sich dennoch, nicht zu schnell zur bereitstehenden Kutsche zu gehen. Wenige Minuten später ließ sie sich, schon wieder mit hoch erhobenem Haupt, in die Kutsche helfen. Luxemburg setzte sich vorne zum Kutscher. Er würde ihm, sobald sie aus Sichtweite des Schlosses wären, sagen, wohin die Fahrt ginge.

Der kürzeste Weg außer Landes führte über Scheer. Ein schöner Weg, den sie in den letzten Tagen wiederholt gewählt hatte, immer der mäandernden Donau entlang; jetzt, im Frühjahr, waren die Wiesen überschwemmt. Die erlaubte Stunde reichte nur knapp und war schon über die Hälfte vergangen. Vor Scheer, bei der kleinen Kapelle an der Grenze, ließ sie den Kutscher anhalten, sagte ihm, sie wolle sich ein wenig die Beine vertreten, er solle auf sie warten. Sie ging auf dem weichen Waldweg zur Kapelle. Farn leuchtete hellgrün, einzelne Laubbäume trugen schon zarte Blätter, hier und da rollte sich ein Buchenblatt aus. Amalie sah alles überdeutlich, wie mit ihrem Opernglas. Anton Aloys sprach oft von den leuchtenden Buchenwäldern im Mai. Aber noch war die Natur nicht so weit. Auch die Wälder um Kirn waren schön. Wie freute sie sich darauf, unbeschränkt dort leben zu dürfen.

In der Kapelle zog sie die Frauenkleider aus. Luxemburg reichte ihr den mitgebrachten chapeau, packte die Kleider sorgfältig ein und nahm sie unter den Arm. Amalie wollte unter keinen Umständen erkannt werden. Auch war sie nicht zum ersten Mal in Männerkleidung unterwegs. Oft war es die einzige Möglichkeit, ohne männliche Begleitung auszugehen. Aber eine Flucht war kein Spaziergang. Die Stiefel drückten schon nach wenigen Schritten. Sie lief so schnell sie konnte. Sie lief um ihr Leben, sie lief, bis ihre Füße blutig waren, die Muskeln ihren Dienst versagten. Fast ein Jahr war sie nicht mehr spazieren gegangen. Die Sorge, auch dieses Kind würde die Geburt nicht überleben, war bis zum Ende der Schwangerschaft übergroß. Alles hatte sie getan, damit ihr Mann den gewünschten Erben bekommen würde. Und sie hatte schließlich ihre Aufgabe als zukünftige Landesmutter zur Zufriedenheit erfüllt. Jetzt war sie selbst an der Reihe. Einen Fuß vor den anderen. Wenn ihr Mann sie liebte oder wenigstens achtete, würde er dies verstehen.

Zuerst überquerten sie, wie ein junger Reisender mit seinem Diener, in Scheer die Donau, dann ging es im Schutz von Büschen und Bäumen in Richtung Mengen weiter. Der Kutscher wartete vergeblich auf die vermeintlich Betenden und fuhr schließlich ohne die Prinzessin zurück.

Es würde bald dunkel werden. Nach zwei Stunden Fußmarsch verließen Amalie ihre Kräfte. In Ennetach, einem kleinen Dorf kurz vor dem Ziel, setzte sie sich auf eine niedrige Steinmauer. Keinen Schritt wollte sie mehr gehen. Sie schickte Luxemburg alleine weiter, er solle in der Posthalterei in Mengen nachfragen, ob ein Zimmer für sie frei wäre. Schon nach einer Stunde kam er wieder zurück. Ja, die Herrin, ach nein, der junge Student, könne ein Zimmer bekommen. Ihre Füße waren wie Blei. Die Hoffnung trug sie die letzten tausend Meter. Zitternd kam sie im Gasthaus an. Ihre Verkleidung schien ihr plötzlich nicht mehr sicher genug. Ohne Abendessen ging Amalie in das ihr zugewiesene Zimmer. Vorher wies sie ihrerseits noch Luxemburg an, er solle nach Pferden und einer Kutsche fragen, am frühen Morgen wollten sie weiter bis Riedlingen. Sie verriegelte ihr Zimmer und wartete auf den nicht kommen wollenden Schlaf. Es war laut. Tagsüber war Markt gewesen, die Männer hatten reichlich getrunken und diskutierten lautstark über die Einzelheiten der Welt. Auch der Tonfall ihres Dieners Luxemburg tauchte immer wieder aus dem Stimmengewirr auf. Auf einmal bekam sie Angst; vielleicht hatte man sie erkannt und die Angetrunkenen überlegten nun, wie sie festgenommen werden könnte? Vor ihrer Tür unterhielten sich mehrere Männer, sie waren schwer zu verstehen. Amalie konnte nicht gut genug Deutsch, auch sprachen sie einen Dialekt, der ihr keineswegs vertraut war. Sie schob eine Kommode vor die Tür, lag angezogen und wach im Bett. Endlich, nach bangen Stunden, wurde es unten und draußen ruhig. Amalie verließ das Zimmer und suchte ihren Diener. Schließlich fand sie ihn bei der Postkutsche. Er wartete bereits auf sie. Amalies Herz klopfte bis zum Hals, bald ging es weiter. Sie baute jetzt wieder darauf, dass niemand sie erkennen würde. Bis Riedlingen waren es knapp zwei Stunden. In der Kutsche nickte sie immer wieder ein. Sie spürte alle Muskeln, die zu großen Stiefel, die trotzdem unangenehm an ihren Füßen klebten. Die Männer waren um diese Kleidung wirklich nicht zu beneiden. Langsam wurde es hell. Gegen halb sieben müssten sie die nächste Poststation erreicht haben. Amalie fror. Hoffentlich stand die Kutsche aus Kirn, die sie heimlich bestellt hatte, in Riedlingen bereit.

Beim Einfahren in den gepflasterten Hof der Posthaltestelle schien das Glück gänzlich von ihrer Seite gewichen zu sein. Die Kutsche aus Kirn war nirgends zu sehen. Beim Verlassen der Postkutsche stellte sich ihr zudem der Postmeister von Riedlingen wie ein riesiger Felsbrocken in den Weg und behauptete, er wisse, wer sie sei und nur, wenn er entsprechende Anweisungen aus Sigmaringen bekommen würde, könne sie weiterreisen. Irgendetwas musste durchgesickert sein, irgendjemand hatte sie erkannt und von Flucht gesprochen. Notgedrungen ging Amalie in die Posthalterei. Der Postmeister versicherte ihr, spätestens in drei Stunden – er wolle einen Eilboten schicken – wäre eine Nachricht da. Es war sieben Uhr am Morgen. Amalie ließ sich ein Frühstück bringen. Das Brot war dunkel, die Butter goldgelb. Schon lange hatte es ihr nicht mehr so gut geschmeckt. Trotzdem war ihr unwohl. Sie wartete. Die drei Stunden waren längst vorbei. Was jetzt wohl kommen würde? Amalies Fantasie entwarf schreckliche Szenarien, sie stellte sich vor, wie sie in Ketten nach Sigmaringen geschleppt werden würde. Wie ein Tanzbär.

Nicht mit ihr! Sie rief ihren treuen Diener Luxemburg, er solle ihr in der Stadt Pistolen besorgen, damit sie sich für die weitere Reise verteidigen könnten. Luxemburg erschrak, er war mehr als doppelt so alt wie Amalie, er sorgte sich auf seine Weise um die Herrin. Er sagte, er könne, er wolle ihrem Befehl nicht Folge leisten, er wolle viel lieber eine Messe für sie lesen lassen. Der Arme hatte Sorge, sie könnte die Waffe gegen sich selbst richten. Amalie hielt den Getreuen nicht davon ab, den Himmel um Hilfe zu bitten. Sie selbst vertraute lieber ihrer eigenen Kraft und setzte jetzt, nach mehr als einem Tag des Wartens und einer Nacht, in der sie vor Erschöpfung tief geschlafen hatte, zum Gegenangriff an. Denn aus Sigmaringen war nichts gekommen, einfach überhaupt nichts. So, als gäbe es die junge Prinzessin von Hohenzollern-Sigmaringen nicht, oder besser: nicht mehr. Als würde es sich nicht lohnen, sie zurückzuholen. Amalie fühlte sich plötzlich wieder stark und unverwundbar, sie setzte ihren Hut auf und zitierte den Postmeister zu sich. Was er denn glaube, wer er sei, und vor allem, was er denn glaube, wer sie sei! Der resolute Ton verfehlte seine Wirkung nicht, der Postmeister schrumpfte geradezu bei ihren Worten: Wenn er schon wisse, wer sie sei, wäre dies ein Grund mehr, sie nicht zurückzuhalten. Und wenn er nicht augenblicklich Pferde und eine Kutsche bereitstellen würde, werde sie einen Boten des Fürsten von Taxis zum Kaiser schicken und dieser werde ihn dann entlassen, weil er seinen Aufgaben nicht nachgekommen sei. Außerdem befinde sie sich nicht mehr innerhalb der Landesgrenzen des Fürsten von Hohenzollern. Er habe also ganz und gar kein Recht, sie einzusperren, und wenn er ihr nicht sofort den Befehl, den er überhaupt nicht habe, zeigen könne, solle er in derselben Geschwindigkeit endlich die Pferde bereitstellen, damit sie ihren Weg fortsetzen könne.

Ganz klein war er geworden, der Mann, der sie um mehr als einen Kopf überragte. Es war nicht einfach mit den Herrschaften, er hatte geglaubt, richtig gehandelt zu haben, er verstand nicht, dass sich im Schloss von Sigmaringen niemand um seine Entdeckung scherte. Der Postmeister spannte seine besten Pferde vor. Die Prinzessin sollte sich so schnell und so weit wie möglich von seinem Hof entfernen. Er verbeugte sich zum Abschied tief und in der Hoffnung, das Ganze werde kein Nachspiel für ihn haben.

Amalie gab ihm noch einen Brief an Anton Aloys in die Hand, in dem sie ihrem Mann schrieb, welcher Kummer sie zu diesem Schritt veranlasst hätte, nicht er wäre der Grund dafür. Und dann bat sie noch, er möge ihr Zimmermädchen mit ihren Kleidern nach Kirn schicken. Dreißig Stunden habe sie auf eine Antwort von ihm gewartet. Jetzt würde sie weiterfahren.

An der nächsten Poststation traf sie endlich die zwei Kutscher aus Kirn, sie kamen ihr wie gewünscht entgegen, waren jedoch unterwegs aufgehalten worden. Was ihr erspart geblieben wäre, wenn sie pünktlich am vereinbarten Ort eingetroffen wären! Amalie stieg um. Die Kutsche ihres Bruders trug sie zu ihm. Frische Kleider lagen in einer Kiste unter dem Sitz. Sie wollte zurückkommen, später, vielleicht wenn ihr Mann regierender Fürst wäre, nicht mehr nur Sohn, der die Befehle seines Vaters ausführte. Sie wollte ihren kleinen Charles selbst erziehen. Sie wusste, was sie zu tun hatte, als Mutter, als Frau.

Heiraten stand nie auf meinem Plan. Kinder schon, mindestens sechs. Eine utopische Zahl, wie sich später herausstellen würde. Nach der Mittleren Reife fing ich eine Lehre als Buchhändlerin an. Die Leseleidenschaft wurde Teil meines Berufs. Mit dem Ende der Schulzeit war ich auch Harald unbeschadet losgeworden. Zwei Jahre lang hatte er sich liebevoll um mich bemüht. Er war aufmerksam, das gefiel mir irgendwie. Aber dieses ungute Gefühl, er hält womöglich schon das Werkzeug in der Hand, um mir einen goldenen Käfig zu bauen, wuchs bei jedem Zusammensein. Meine Freiheit war mir wichtig: in die Richtung gehen, die mir vorschwebte. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass dies in einer festen Beziehung möglich wäre.

Und dann kam Pierre. Im August und als Austauschschüler zu meinem jüngeren Bruder. Schon vom ersten Tag an blieben wir zusammen. Drei Sommer hintereinander. Nähe auf Abstand. Ich wollte mich nicht verlieben, nicht binden. Eine angenehme Fernbeziehung, so konnte ich viel lesen und testen, ob andere Jungs sich auch angenehm anfühlten. Ihnen habe ich immer erzählt, ich hätte einen anderen, auf den ich warten würde.

Die langen Briefe an Pierre. Das Warten auf eine Antwort. Diese Sorge, er würde nicht mehr schreiben. Oder eine andere wäre ihm wichtiger. Aber auf einmal lag der nicht mehr erwartete Brief auf dem Wohnzimmertisch. Ich war erleichtert, nahm den Brief, rannte fluchtartig zum Bach hinunter, zu der ausgetretenen Stelle mit der Wurzel, meinem Platz zum Denken, und las. Augenblicklich wollte ich Pierre bei mir haben und mir blieb doch nur der Baum zum Anlehnen, das Wasser, um meine Haut zu spüren. Wenn Pierre wieder bei mir war, war es, als wären wir nie getrennt gewesen. Ein ewiges Hin und Her, auch im dritten Sommer.

Nach der Lehre zog ich von zu Hause aus und ging nach Rottweil, wollte dort das Abitur machen und danach studieren. Dieser Sommer sollte mein Leben verändern, Pierre, der in diesem Jahr sein Studium begann, sollte nicht mehr dazugehören, ich war überzeugt, es wäre in seinem Sinne, ich wollte mich freimachen vom Warten und Hoffen. Ich öffnete die Augen für andere.

Eines Abends, es war schon dunkel, stand er da, vor meiner Tür. Er war mit dem Fahrrad gekommen, brachte den Himmel gleich mit. Zwei Nächte später schenkte er mir sein Medaillon, das er um den Hals trug. »Damit du mich nie vergisst«, meinte er. Wie sollte ich? Endlich wusste ich, wir gehören zusammen. Ich trug mein neues Schmuckstück.

Drei Wochen lang.

Amalie wurde nur wenige Schritte entfernt von dem Hotel, in dem ich mich für eine Woche eingenistet hatte, im Haus ihrer Eltern geboren. Viele linksrheinische deutsche Adelsfamilien begaben sich in die Nähe des französischen Hofes. Der Glanz von Versailles strahlte weit und blendete zuweilen. Ihr Vater suchte schon Jahre vor Amalies Geburt sein Glück hier. Er, der schöne Rheingraf, bemühte sich, in vorderster Reihe zu stehen. Ein kostspieliger Stand.

Pierres Weggehen kam unerwartet. Ständig hatte ich damit gerechnet; als es passierte, wollte ich es nicht wahrhaben. Kämpfen schien mir dennoch aussichtslos, die Worte auf dem eng beschriebenen Papier waren klarer, als es gesprochene jemals hätten sein können. In dem Brief stand, er hätte sie endlich gefunden, die schönste Frau Frankreichs. Und außerdem wäre er froh, mich nicht mehr ansehen zu müssen.

Am Morgen hatte ich mir einen Gedichtband von Else Lasker-Schüler in der Buchhandlung gekauft, in der wir vor drei Wochen noch gemeinsam nach Rimbaud gesucht hatten. Ich las seinen Brief, immer wieder. Dann schlug ich die Gedichte auf und ertränkte darin meinen Kummer, ersäufte ihn wie unser Nachbar die blinden Kätzchen. Weißt du, dass du gefesselt liegst in meiner wilden Phantasie, damit du mich mit Küssen besiegst in den schwarzen Nächten, in der Dämm’rung früh. Eine erste »helle Nacht«, eine Nacht ohne Schlaf. Am anderen Morgen fühlte ich mich kalt und leer. Ohne Gefühl. Eine Wohltat. Ich habe zurückgeschrieben. Alles in Ordnung, freut mich für dich, Adieu. Ich habe Adieu gewählt, weil er einmal gesagt hatte, man dürfe es nur sagen, wenn es endgültig wäre, die Deutschen würden es immer falsch verwenden. Ein »Ade« im Schwäbischen hat nichts Endgültiges, hat etwas Versöhnliches, Verbindendes, weiß um das Wiederkommen. Wir hatten darüber geredet, es ist dasselbe Wort, aber es bedeutet etwas völlig anderes. Ich konnte sicher sein, er hatte mich verstanden. Die folgenden Nächte waren nicht besser. Die Zeilen spuken immer noch in meinem Kopf herum. Und Gedanken, die sich zur Form gestalten, sie greifen mich wie Wölfe an. Ohne sie, die Dichterin, wäre ich verrückt geworden.

Später war Christian da, im selben Zimmer, aus dem Pierre geflohen war. Das Zimmer, das mit mir die wachen Nächte teilte. Mit ihm konnte ich den Schmerz mit meinem, mit seinem Körper abarbeiten, die Wunde ansehen, die Salbe großzügig verteilen. Wenn er am Morgen gehen musste, schlich sich das Wissen um Pierre wieder in meinen Kopf; die Wunde brach erneut auf, aber sie wuchs im Laufe der Zeit zu. Die Narbe blieb.

Ich konnte mich wieder einigermaßen auf das Lernen konzentrieren, dachte an den kommenden Abend, das gemeinsame Kochen, Christians Geschichten, mit denen er mich zum Lachen brachte.

Drei Jahre lang habe ich Pierre nachts im Traum mit Christian, mit dem das Leben so einfach war, zusammengedacht, habe ihm am Morgen von Pierre und den Träumen erzählt. Christian hat mich gehalten, mich umsorgt. Am Ende dieser drei Jahre war ich mit Christian verheiratet und Pierre kam mit seiner Freundin zu Besuch.

Im Alter von siebzig Jahren schrieb die Fürstin Amalie ihrem Sohn auf neunzig Seiten auf, wie ihr Leben vor dem seinen verlaufen war. Sie versprach ihm Einzelheiten, Jahr für Jahr. Sie hielt ihr Versprechen nicht, konnte es nicht halten. Ihr Sohn Karl erfuhr nur einen von ihr ausgewählten Teil ihres Lebens, viele Ereignisse ließ sie unerwähnt, ganze Jahre kamen nicht zur Sprache. Sie erzählte von schweren Zeiten, nicht von glücklichen. Gab es andere Männer? Darüber hat sie ihrem Sohn fast nichts erzählt, nur am Rande, nebenbei; Männer hatten, so schrieb sie, Interesse an ihr. Amalie wollte sich wieder-erinnern, sie wollte ihre Vergangenheit neu begreifen, vor sich hinstellen. Erinnern, um sichtbar zu machen, nicht nur für ihn, auch für fremde Leser, denn diese konnte sie nicht mit Gewissheit ausschließen; zu ihrer Zeit warf man keine Briefe weg, Papier war kostbar. Sie stellte das Verborgene in den Raum, betrachtete es, polierte es hin und wieder, sah das Gewesene mit anderen Augen. Manches blieb blass, manches leuchtete verführerisch, manches schmerzte und musste von ihr immer wieder benannt werden.

Ich habe das, was ich heute mit dem Wort Sehnsucht umschreiben würde, was mich so plötzlich quälen konnte, in Worte gefasst, formuliert für Pierre. Immer nur winzige Pinselstriche aus meinem Leben, nie etwas aus unserer gemeinsamen Vergangenheit. Wir schrieben uns zehn Jahre nach unserem letzten Treffen wieder. Ich schrieb Karten oder Briefe, solche, die ich abschickte und solche, die ich vorher verbrannte oder in winzige Schnipsel zerriss. Nicht zu vergessen die ungeschriebenen, deren Sätze nicht mal den blau auf weiß markierten Weg aus meinem Kopf auf das Papier fanden, sie blieben hängen und nahmen mir in unbedachten Momenten die Luft zum Atmen.

Nicht immer antwortete Pierre auf meine wenigen abgeschickten Briefe, dann wartete ich bis zu seinem Geburtstag, schickte eine Postkarte, die ich lange gesucht und endlich gefunden hatte, die ihm meine Stimmungslage als Vervielfältigung mitteilte und auf deren Rückseite er Sätze ohne Gewicht, fast leer, aber doch lange abgewogen, lesen konnte. Seine Antwortkarte machte es deutlich: Er hatte mich verstanden.

Welche Sätze von mir bei ihm angekommen sind, weiß ich erst seit unseren Café-Gesprächen in Paris, er hat mich zitiert, es waren meine Worte, er weiß sie auswendig, am Anfang hat es mich erschreckt.

Der gestrige Abend, unser letzter, ist in meinem Kopf zum Film geworden.

Er wollte mich abholen, bevor er zur Arbeit musste. Ich wartete auf ihn; nur noch drei Stunden für die lange Zeit danach. Ich lehnte mich aus dem Fenster, war besorgt, er könne oder wolle nicht kommen. Die Gasse sah von oben ganz anders aus. Im linken Torbogen richteten sich schon Obdachlose für die Nacht ein Lager. Sie schleppten Decken herbei, um den Schlaf für ein paar Stunden unter herrschaftlichem Schutz trotz Kälte erträglich zu machen. Zwei Männer unterhielten sich laut, ein dritter bereitete die Bettstatt. Von irgendwoher holte er eine langstielige rote Rose und legte sie in einen Schlafsack, als sei sie eine Frau. Es sah aus, als spreche er mit seiner Rosenfrau. Ich schaute nach rechts, endlich kam Pierre um die Ecke, ich konnte ihm von oben zuschauen, wie er ins Hotel ging, ohne Eile, ohne zu zögern. Ich wartete, bis er im Hotel war, verließ meinen Platz am Fenster aber erst, als der Mann von der Rezeption ihn kurz danach am Telefon ankündigte. Weniger als drei Stunden blieben uns noch, in denen alles, was wir in dieser Woche aufgebaut hatten, zerstört werden konnte.

»Merci, j’arrive.« Ich legte den Hörer auf, nahm meine Jacke, meine Handtasche; mein Herz klopfte laut, als ich den Schlüssel im Schloss umdrehte. Die Zeit heilt alle Wunder, wenn du sie gut verschnürst. Ich sang gegen meine Angst an und freute mich über seine Begrüßung, Küsschen rechts, Küsschen links. Größtmögliche körperliche Nähe bei weitgehender geistiger Abwesenheit.

Wir verließen das Hotel, bogen in die Rue Saint-Andrédes-Arts ein, Richtung Saint-Germain. Ein Fußgängerstrom nahm uns auf, ein Paar unter vielen. Am Samstagabend ist Paris auf den Beinen, selbst Ende Oktober. Es schien, als ob niemand in dieser Stadt an diesem Abend zu Hause geblieben wäre. Immer wieder mussten wir zusammenrücken, weil andere Menschen uns entgegenkamen oder schneller waren als wir. Unsere Hände berührten sich wie zufällig.

»Sollen wir etwas trinken?«, fragte er mich.

»Warum nicht, kennst du ein nettes Lokal?« Wir schauten hoch, wählten eines, das Alsace im Namen trug: »Das passt doch zu uns?« Pierre lachte: »Eindeutig französisch.« »Du weißt doch, alles ist relativ«, ich hielt ihm schnell die Tür auf: »Jean-Paul Sartre, darf ich bitten?« Ein Kellner mit einer bodenlangen Bierschürze um den Bauch, die wohl das Elsässische verkörpern sollte, grinste mich freundlich an und wies mit einer eleganten Handbewegung auf einen Platz im hinteren Bereich des Lokals. Ich setzte mich vor die Spiegelwand, es gefällt mir, wenn ich den Raum im Blick habe. Ich sah nur Pierre. Er war mir noch näher als sonst. Lag es an diesem kleinen Tisch oder an seinen Augen, die mich fragend anschauten?

Wir bestellten beide einen Milchkaffee. Es war bestimmt schon mein zwanzigster in dieser Woche. Der Kellner brachte den dampfenden Kaffee mit aufgetürmtem Milchschaum, daneben in blauem Glanzpapier eingepackte Schokolade. Das Beste am Kaffee ist, dass er kalte Hände wärmt.

Ich suchte ein neutrales Thema: »Kennst du das Foto von Simone de Beauvoir am Schreibtisch? Das mit den rot lackierten Fingernägeln. Irgendwie kann ich mir das weder bei Hannah Arendt noch bei Alice Schwarzer vorstellen. Vor allem nicht, wenn sie fotografiert werden.«

»Gibt es einen Unterschied zwischen französischen und deutschen Frauen?«, fragte er mich.

»Woher soll ich das wissen? Im Allgemeinen vielleicht nicht, im Besonderen schon, wenn ich mich mit deiner Charlotte messe, würde ich schon gerne auf einem Unterschied bestehen.«

»Im Bett war sie klasse«, meinte Pierre, worauf ich lieber wieder das Thema wechselte: »Willst du nichts essen, wenn du die ganze Nacht arbeiten musst?«

»D’accord, ich nehme deine Einladung an.« Er bestellte eine Forelle, ich nahm das eingepackte Schokoladenstück von seiner Untertasse. Hunger hatte ich immer noch nicht, vielleicht war es Gewohnheit. Schon die ganze Woche war ich satt wie in den Schwangerschaften. Gleich darauf brachte mir der Kellner eine ganze Handvoll dunkelblau glänzender Päckchen. Lächelnd legte er sie neben meine Tasse. Er sagte etwas, ich antwortete, irgendetwas, ich wollte mit Pierre reden, nicht mit ihm. Ich lächelte ihn an und fragte Pierre auf Deutsch: »Woher weiß er, dass ich gerne Schokolade esse?« Der Kellner schaute ihn fragend an. Pierre antwortete mir: »Du gefällst ihm.« Und dann sagte er noch: »Er hat keinen Geschmack.« Pierre weiß immer noch, womit er mich ärgern kann. Ich ging ein wenig darauf ein, obwohl ich es nicht wollte: »Danke, dein Charme ist mal wieder umwerfend.« Er blieb beim Thema: »Ein Geschmack wie ein Pferd. Das hast du früher immer gesagt.«

»Ja, und: Das Denken sollte man den Pferden überlassen, sie haben einen größeren Kopf!«

»Stimmt, das hatte ich vergessen!«

Der Kellner spürte die Spannung und zog sich zurück. Ich öffnete die Schokoladen-Päckchen und legte den Inhalt als Blumenmuster auf meinen Teller. Jede Minute mehr ist eine weniger. Ich suchte eine Antwort in seinen Augen. Meine Frage seit Beginn der Woche war immer noch nicht beantwortet. Ich stellte sie noch einmal: »Warum bist du gegangen?« Wieder bekam ich keine Antwort, nur seine Gegenfrage: »Warum hast du mich zu deiner Mutter nach Hause geschickt? Ich bin zu dir gekommen, nicht zu ihr.« Seine Hände lagen greifbar vor mir und ich hielt mich doch nur an der Tasse fest. Lieber nichts mehr sagen, alles könnte falsch sein. Ich schwieg und schaute ihm beim Essen zu. Ich hätte die Zeit gerne angehalten, festgehalten. Der Kellner legte Pierre die Rechnung hin und ich bezahlte, nicht ohne dem Kellner lächelnd in die Augen zu schauen, als sei er der begehrenswerteste Mann der Welt. Im Spiegel sah er uns nach, wie wir das Lokal verließen. Draußen war es jetzt wesentlich kälter. Bis zu meinem Hotel gingen wir schweigend nebeneinander her, teilten die Menschenmenge, die immer noch in Richtung Saint-Germain unterwegs war.

Viel zu früh standen wir vor dem Eingang des Hotels. »On se serre la main«, sagte Pierre und ich schüttelte den Kopf, kreuzte die Arme unter der Brust, wartete, suchte seine Augen. Die Berührung seiner Haut; seine Lippen streiften meine. Aber dann entzog er sich plötzlich und ging die Gasse rechts zurück, als wäre er auf der Flucht. Ich stand da, eine unnütze Hälfte. Irgendetwas musste ich tun, ich drehte mich nach links und ging zu den Obdachlosen, die immer noch unter dem Torbogen auf die Nacht warteten. Der Mann mit der gebetteten Rose hatte mich wohl die ganze Zeit beobachtet. Er sah mir in die Augen, nahm die Rose aus dem Schlafsack und lud mich mit einer Handbewegung ein, bei ihm zu bleiben. Ich weiß nicht, wie lange ich ihn angestarrt habe. Irgendwann drehte ich mich um und ging zurück zum Hoteleingang. Pierre war auf einmal da, kam mir entgegen, nahm mich in seine Arme.

Mit seinem Kuss bin ich angekommen. Nach einer langen Reise. Alles war am richtigen Platz, wir waren nie getrennt, alles zwischen uns war gleichzeitig. Pierres Lächeln: »Mit dir bin ich wieder siebzehn.« Er hat erfolglos versucht, meine Haare hinter mein Ohr zu streichen. Meine Ohren sind zu klein, die Haare zu widerspenstig. Glück kann man weder greifen noch begreifen. Vielleicht kann man es anschauen, vielleicht teilen. Er hat mein Gesicht gestreichelt, ausgesprochen, worauf ich so lange gewartet habe, die Worte sind mir entwischt, ich war an einem anderen Ort, ich konnte sie nicht einfangen. Sa langue rafraîchissait mes lèvres et nous nous sommes roulés dans les vagues pendant un moment.

Mit dem zweiten Kuss fing wieder etwas von vorne an. Ein neues Altes, ein ewig Dagewesenes, das sich nicht steuern lässt, das mich im ersten Augenblick beunruhigte und dann direkt in ein neues Leben warf. Endlich konnten wir uns lösen, er musste zur Arbeit, ich ging ins Hotel, nahm meinen Schlüssel, der Mann, der ihn mir reichte, schaute mich an, als wüsste er, was ich noch nicht wusste. Ich ging hoch in mein Zimmer, öffnete das Fenster, das orangegelbe Licht der Nacht beleuchtete den Raum. Ich stellte mich vor den Spiegel und betrachtete meine zitternden Lippen. Sa langue, Camus, der Begleiter seit damals. Meine Lippen waren mir vertraut und fremd zugleich, ich berührte sie, strich mit meinen Fingern darüber, ein Reißverschluss.

Irgendwann musste ich mich in Kleidern auf das Bett gelegt haben. Ich wachte mit dem Klappern der Mülleimer auf, Männer riefen sich halbe Sätze zu. Ein Blick aus dem Fenster, es war kühl, die Luft feucht von der Straßenkehrmaschine. Die Obdachlosen hatten ihren Platz geräumt, sie waren längst wieder unterwegs, der Teer glänzte vor Sauberkeit. Heute Abend werden die drei Männer es sich an diesem Ort wieder bequem machen.

Hier am Bahnhof spüre ich Pierre immer noch. Ich schaue hoch, übergroße Lippen leuchten mich an. Über mir hängt eines von mehreren identischen Plakaten in Wohnzimmergröße. Ich zähle, fünfzehnfach weht »rouge pop chic« unter dem luftigen Bahnhofsdach. Klinische Lippen, rot leuchtend und computergeliftet. Sie zittern nicht, sie spüren nichts, sie sind gesichtslos. Und doch wird mir heiß. Diese Sehnsucht, vorwärts oder rückwärts. Ich werde wiederkommen, unsere nächste Umarmung wird von Dauer sein.

Dieser Wunsch zu bleiben. Der Aufruf, man möge einsteigen, der Zug fahre gleich ab. Er gilt mir.

Hastig steckte ich mein Notizbuch ein, nahm mein Gepäck und suchte den Waggon, in dem für mich ein Platz reserviert war.

Ich stieg ein. Die Zugtüre schloss sich hinter mir mit einem dumpfen Doppelschlag.

Montag, zweiter Tag

Champagne

Im fahrenden Zug vorwärtsgehen, in Richtung Paris, und doch weggetragen werden. Endlich den richtigen Platz finden.

Ich fahre rückwärts. Paris liegt vor mir und wird doch mit jeder Sekunde kleiner. Die Kuppel von Sacré-Cœur leuchtet weiß über der Stadt. »Wann kommst du zurück?« Pierres Worte auf der Kirschblüten-Karte. Bald, sobald es geht. Lässt sich verlorene Zeit nachholen? Ihn lieben, real, nicht als Verlust, nicht als bloße Erinnerung. Als wir damals zusammen waren, wusste ich nichts über diesen seltsamen Zustand. In unserer Zeit habe ich angefangen, mit dem Körper zu denken. Spüren – ihn, mich. Doch dann ging er. Danach hätte ich vielleicht Worte dafür finden können, aber ich konnte ihn nicht mehr berühren, es nicht einmal mehr sagen, er war weg. Endgültig, wie ich dachte. Welche Wendung. Ich sehe mich in der Glasscheibe, kann es kaum fassen, in Worte, in mein Notizbuch.

Gleich werde ich die Memoiren von Amalie noch einmal neu lesen. Ich kam in dieser Woche kaum dazu. Jetzt weiß ich mehr als zuvor. Oder weniger. Wer weiß, vielleicht jage ich einem Phantombild hinterher. Ich sammle Orte, Akten, stelle ein Bild zum anderen, ich lese, vergleiche, füge zusammen.

Die kleine princesse Amélie war ein glückliches Kind, sie sieht es selbst so in ihrem Rückblick.

Sie fand sich hübsch, wenigstens einigermaßen. Sensibel sei sie gewesen und oft traurig. Also wird es mit dem Glücklichsein nur zum Teil gestimmt haben. Ihr achtzehn Monate jüngerer Bruder Moritz oder Maurice, wie die Familie ihn nannte, sei schön wie ein Engel gewesen, dazu kräftiger und gesünder als sie.

»Née en 1760« beginnt Amalie Zephyrine ihre Erinnerungen, geboren am 6. März in Paris in der Rue Bourbon, Faubourg Saint-Germain. Ihr Vater war einundfünfzig Jahre alt, die Mutter vierunddreißig und wie ihr Mann aus einem alten deutschen Adelsgeschlecht. Amalies älteste Schwester war sechzehn Jahre älter, überhaupt waren ihre drei großen Geschwister fast schon in der Erwachsenenwelt zu Hause. Am Tag nach ihrer Geburt wurde sie in Saint-Sulpice getauft, in derselben Kirche, in der Charles Baudelaire gut sechzig Jahre später ebenfalls getauft wurde und Heinrich Heine im Todesjahr Amalies seine Mathilde heiratete.

Zu Beginn ihrer Niederschrift wollte die vierfache Großmutter Amalie Zephyrine noch alles ganz genau beschreiben. Die ersten Jahreszahlen stehen leer in der Zeile: Nichts hatte sich in ihre Erinnerung eingraben können. Kein Siebenjähriger Krieg, der Europa aufwühlte, trübte die Kindergedanken.