Pat Browning und das zweite Gesicht - Theodor Horschelt - E-Book

Pat Browning und das zweite Gesicht E-Book

Theodor Horschelt

0,0

  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Krimi von Theodor Horschelt Der Umfang dieses Buchs entspricht 180 Taschenbuchseiten. Uns wurde abwechselnd heiß und kalt, als wir im Leichenkeller den toten Clown sahen. Denn am gleichen Abend trat er, Charly Porter, im Zirkus Rolley auf, der nach San Francisco gekommen war. Waren es Doppelgänger? Wer von ihnen war echt und wer der Tote? Wir hatten noch lange nicht begriffen, was eigentlich geschehen war, als eine ermordete Frau im Zirkus gefunden wurde. Wir – mein Kompagnon Jimmy Flannegan und ich, Pat Browning, unseres Zeichens Privatdetektive – und auch die Mordkommission tappten völlig im Dunkeln. Die Zirkusleute schienen mehr zu wissen, als sie sagen wollten. Aber für uns blieb alles nur ein großes Fragezeichen. Das wurde erst anders, als ein Blick in die Vergangenheit vieles klarer machte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 194

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Theodor Horschelt

Pat Browning und das zweite Gesicht

Kriminalroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Pat Browning und das zweite Gesicht

Krimi von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 180 Taschenbuchseiten.

 

Uns wurde abwechselnd heiß und kalt, als wir im Leichenkeller den toten Clown sahen. Denn am gleichen Abend trat er, Charly Porter, im Zirkus Rolley auf, der nach San Francisco gekommen war. Waren es Doppelgänger? Wer von ihnen war echt und wer der Tote?

Wir hatten noch lange nicht begriffen, was eigentlich geschehen war, als eine ermordete Frau im Zirkus gefunden wurde. Wir – mein Kompagnon Jimmy Flannegan und ich, Pat Browning, unseres Zeichens Privatdetektive – und auch die Mordkommission tappten völlig im Dunkeln. Die Zirkusleute schienen mehr zu wissen, als sie sagen wollten. Aber für uns blieb alles nur ein großes Fragezeichen. Das wurde erst anders, als ein Blick in die Vergangenheit vieles klarer machte.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Kapitel 1: HEISS UND KALT

Mit einer müden und kraftlosen Bewegung schmiss ich den kalten Zigarrenstummel in den Papierkorb. Eigentlich hätte er in den Aschenbecher gehört, aber der stand ein bisschen zu unbequem und immerhin zwei Schritt entfernt von mir auf Nortons Schreibtisch. Der Papierkorb war näher und ich fühlte mich zu schwach, mich unnötig anzustrengen.

„Verdammte Hitze!“, knurrte Norton und wischte sich mit dem Taschentuch zum zwanzigsten Mal über die Stirn. Er sah dabei missbilligend und misstrauisch Jimmy an, der neben mir in einem Sessel hing, als hätte der Kleine diese Hitze durch irgendeine Unbotmäßigkeit dem Wettergott gegenüber verschuldet.

„Ihnen geht's nicht allein so, Norton“, sagte Jimmy mürrisch. „Und es ist traurig genug, dass Ihr Whisky alle ist.“

„Davon wird einem nur heißer“, sagte Norton. „Oh, was schwitze ich!“

„Sie sagten es schon“, knurrte Jimmy. „Ich auch.“

„Es ist ein schwacher Trost“, knurrte der Dicke. Ich hatte mich damit abgefunden, dass sie sich beide noch eine ganze Weile über ihr beiderseitiges Schwitzen unterhalten haben würden, wenn in diesem Augenblick nicht jemand an die Tür geklopft hätte.

„Bleiben Sie draußen!“, brüllte Norton.

Einen Augenblick lang blieb es still, und Norton räkelte sich behaglich in seinem Sessel, so als säße er nicht hier, um seines Amtes als Leiter des Morddezernats zu walten.

Zum Glück war die Hitze so enorm, dass wohl auch die berufsmäßigen Killer keine Lust hatten, ihrem Gewerbe nachzugehen. Es war ganz und gar still und ruhig in der Stadt, und Norton benutzte die Gelegenheit, seinen Papierkrieg in Ordnung zu bringen. Deshalb saßen wir auch hier, um einen Bericht über unsere Arbeit in einem der letzten Mordfälle zu Protokoll zu geben.

Nortons Pranke langte nach einem dicken Aktenstück und zog es dicht vor seinen Bauch.

„Verdammt“, knurrte er, „möchte wissen, wer das Papier erfunden hat. Ich finde, der Mann gehörte nachträglich noch schwer bestraft.“

„Ist 'n bisschen lange her“, murmelte ich. „Ich glaube, er ist schon tot.“

Jimmy blinzelte mich an und sagte langsam und tiefsinnig:

„Immerhin müsst ihr zugeben, dass man Papier für zwei Zwecke prima gebrauchen kann.”

„Für zwei?“, fragte Norton und runzelte die Stirn.

„Ja, für zwei“, sagte Jimmy. „Als Lokuspapier und für Etiketten auf Whiskyflaschen.“

„Der Whisky schmeckt auch ohne Etikett.“

„Hast du auch wieder recht“, murmelte Jimmy. „Aber Nortons Whisky ist alle.“

„Ich sagte es schon“, knurrte Norton und sah unmutig zur Tür, denn jetzt hatte es wieder geklopft, nicht mehr ganz so nüchtern wie zuvor.

„Was ist denn?“, grölte er plötzlich laut zur Tür hin, mit einer Elefantenstimme, die Jimmy und mich zusammenzucken ließ.

Die Tür wurde vorsichtig geöffnet, und ein kleiner Kerl, den ich noch nie gesehen hatte, kam herein. Es musste einer der neu eingestellten Beamten sein.

„Was gibt's denn?“

„Da ist 'n Anruf für Sie, Inspector. Detective Sergeant Thomson ist dran. Aber er konnte sie nicht erreichen, weil Sie ...“

Norton grinste und sah beinahe liebevoll zu seinem Telefon hin. Er hatte den Hörer abgenommen und auf den Schreibtisch gelegt. Auf die Art hatte man wenigstens ein bisschen Ruhe.

„Was will denn Thomson?“, fragte er, aber immerhin schon ein bisschen gnädiger.

„Soll ich das Gespräch schnell umstellen?“ Der Kleine fragte es so eifrig wie er nur konnte und sah Norton so bittend an, als hätte er soeben einen Antrag auf Gehaltserhöhung gestellt.

„Na gut“, sagte Norton gnädig, legte den Hörer auf die Gabel zurück und sah das Telefon wartend an. „Was der bloß wieder will?“

Die Tür klappte hinter dem kleinen Mann zu, und mit dem Klingeln des Telefons auf Inspector Nortons Schreibtisch fing eine Affäre an, von der wir damals noch nicht ahnen konnten, wie viel Ärger, Aufregungen und Gefahren sie uns noch bescheren würde.

Norton nahm den Hörer ans Ohr, und ich hörte deutlich Thomsons Stimme aus der Muschel quäken.

„Hallo, Inspector. Wie ist es mit 'ner kleinen Erfrischung?“

„Spinnen Sie ‘n bisschen, Thomson? Na, bei der Hitze kann ich es verstehen. Ich gebe Ihnen den guten Rat, gehen Sie in den Schatten oder irgendwohin, wo es nicht ganz so heiß ist. Ihr ohnehin reichlich dünnes Gehirn ist sonst wirklich in Gefahr.“

„Ich bin ja schon im Kühlschrank, Inspector. Mir kann da nichts passieren.“

Ich hörte Thomsons Stimme direkt an, wie er vor sich hin grinste.

Norton war nicht in Stimmung. Er legte den Hörer wütend auf die Gabel zurück und sah mich so missmutig an, als wisse er gar nicht, wie ich dort in seinen Sessel gekommen war. Dann nahm er sich schweigend eine Zigarre aus der Tasche, polkte daran herum und zündete sie an. Er machte einen Zug gegen das Telefon, aber das reagierte nur in der Weise, dass es von neuem schrill, zu klingeln anfing. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Hörer wieder abzunehmen, und da war auch Thomsons knautschige Stimme schon wieder da.

„Hallo, Inspector, sind Sie's?“

„Verdammt nochmal“, knurrte Norton, aber ich merkte, dass er keine Lust hatte, sich weiter aufzuregen. Dafür war es zu heiß. „Hauen Sie sich ins Bett, bis Sie wieder nüchtern sind, und morgen früh kriegen Sie erst den richtigen Anpfiff von mir.“

„Es ist wirklich ne dienstliche Sache“, knurrte Thomson zurück, und ich merkte plötzlich, dass es ihm gar keinen Spaß machte, sich mit dienstlichen Sachen zu befassen. Also musste es schon ganz schön wichtig sein.

„Wo sind Sie denn überhaupt?“, fragte Norton.

„Im Leichenkeller!“, knautschte Thomson.

„Verdammt nochmal, vielleicht bringen Sie mal den Kaugummi aus der Schnauze.“

„Ist kein Kaugummi, Boss, ist mein Frühstücksbrot. Bin noch nicht dazu gekommen.“

Norton sah mich beinahe traurig an.

„Typisch Thomson“, murmelte er. „Frisst im Leichenschauhaus seine Frühstücksbrote.“

„Na klar“, tönte aus dem Hörer die Antwort. „Vorher kam ich nicht dazu. Kommen Sie nun her?“

„Was ist denn los?“

„Kommen Sie doch bitte, Boss! Ich glaube, es ist wirklich wichtig.“

„Na gut!“ Norton legte den Hörer auf die Gabel zurück.

Ich lehnte mich im Sessel zurück und sah ihn mit schräg gestelltem Kopf fragend an.

„Wenn Thomson bei dieser Hitze was auskramt, muss es wirklich wichtig sein.“

„Sie meinen, der lange Schlaks ist sonst schon so träge, dass er bei dieser Hitze normalerweise erst recht nichts täte.“

Ich nickte nur und grinste.

„Ins Leichenschauhaus komme ich gerne mit“, sagte Jimmy. „Da ist es wenigstens kühl.“ Und missmutig fügte er hinzu: „Aber 'n Whisky wäre mir trotzdem lieber. Lieber als die schönste Leiche.“

*

Als wir zehn Minuten später gemeinsam den langen schmalen Raum betraten, trafen wir Thomson gleich an der Tür. Neben ihm stand ein mickriger kleiner Mann im weißen Kittel, der mit seinem verknautschten Gesicht wie ein Wurzelzwerg aussah. Er schloss die Tür wieder hinter uns und sah uns aus unschuldigen blauen Augen an, die zu seinem zerfurchten Gesicht einen seltsamen Kontrast bildeten.

„Huh“, machte Jimmy, „eine Saukälte hier drin!“

Er hatte recht. Wegen der großen Hitze draußen hatten sie hier wohl ihre Kälteregler so weit aufgedreht wie nur möglich. Die plötzliche Kälte legte sich auch mir wie eine Klammer um die Brust. Ich hatte beinahe das Gefühl, dass sich auf meinen Haarspitzen Reif bilden müsste.

„Hübsch hier, nicht wahr?“, fragte Thomson. Er schob sich seinen Hut noch ein Stück weiter ins Genick und sah uns beifallheischend an.

„Also, was ist los?“, knurrte Norton. Ich sah ihm an, dass er jetzt gern draußen am Strand gelegen hätte, statt hier in dienstlicher Mission in dem ungemütlich lang gestreckten Leichenraum mit uns herumzupalavern.

Thomson schnitt sich mit dem Taschenmesser von einer dick mit Wurst belegten Weißbrotscheibe ein Ende ab und schob sich den Würfel zwischen die Zähne.

„Wollte Ihnen mal 'ne Leiche zeigen, Inspector“, nuschelte er. „Ich kenne den Mann. Er tritt im Zirkus Rolley auf, drüben in Oakland.“

Norton schob sich an ihm vorbei und machte ein paar Schritte in der Richtung, in die Thomson mit dem Daumen gezeigt hatte.

„Dort trat er auf!“, berichtigte er brummend.

Die Bohnenstange Thomson ließ den Kopf hin und her pendeln. Sein Hut machte die Bewegung von einem Ohr zum anderen mit, als bewege er sich auf einem Kugellager.

„Das ist es ja eben. Er tritt dort noch immer auf. Als Clown.“

Norton sah erst Thomson prüfend an und wandte sich dann an uns mit entschuldigender Miene.

„Er ist doch besoffen“, murmelte er, „oder er hat einen Sonnenstich.“

Thomson schnitt sich wieder einen Würfel Weißbrot ab und schob sich das Stück in den Mund.

„Ich war noch nie nüchterner in meinem Leben, Boss, als in diesem Augenblick.“

„Können Sie nicht nachher weiterfressen?“, fragte Norton und starrte missbilligend und vielleicht auch ein bisschen neidisch auf Thomsons dicht belegtes Butterbrot. „Und warum säbeln Sie so unappetitlich mit Ihrem Taschenmesser daran herum? Sie haben doch noch genug Zähne.“

„Die Zähne brauche ich für den Kaugummi“, erklärte Thomson beleidigt. Er wickelte den Rest seiner Mahlzeit umständlich wieder ein und schob das Päckchen in die Tasche, um aus der gleichen Tasche einen schon etwas gebrauchten Kaugummi hervorzuholen. Dann sagte er etwas, was uns alle überraschte:

„Ich habe nämlich vorhin angerufen, drüben beim Zirkus Rolley. Habe gefragt, ob Sie 'n neuen Clown brauchen.“

„Gute Idee“, meinte Jimmy. „Hätten Sie nicht schon früher drauf kommen können?“

„Finde ich auch“, sagte Norton. „Dann wäre mir mancher Ärger erspart geblieben.“

Thomson war nicht zu erschüttern. Er redete weiter, so, als hätte niemand einen Kommentar gegeben.

„Und da habe ich erfahren“, fuhr er fort, „dass der Clown Charly bei bester Gesundheit ist.“

Norton starrte ihn einen Augenblick lang an und machte dann eine wegwerfende Bewegung.

„Zufällige Ähnlichkeit“, sagte er.

„Na, sehen Sie sich das doch erst mal an!“, sagte Thomson und machte eine einladende Handbewegung wie einer, der einen Hofknicks ausprobiert.

Der kleine mickrige Kerl in dem weißen Kittel verzog sein Gesicht ein bisschen, sodass die Falten sich darin noch tiefer eingruben. Dann ging er zur Wand und schaltete die Deckenbeleuchtung heller ein. Ein grelles, bläulich weißes Licht erfüllte jetzt den Raum.

Thomson trat neben den kleinen Wurzelzwerg und schob eins der Fächer auf, um dann noch einmal eine einladende Geste zu Norton hin zu machen. Das Aufziehen des großen Faches und das Herausrollen des Wagens, in dem die Leiche lag, verursachte nicht das geringste Geräusch.

An den Anblick von Leichen waren wir alle gewöhnt. Wir traten neben den Toten und sahen ihm ins Gesicht. Er mochte vielleicht vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht war aufgedunsen.

„Hat im Wasser gelegen“, erläuterte Thomson.

„Das sieht man“, knurrte Norton zurück,

„Und man sieht noch mehr“, murmelte ich. Ich deutete auf die Schminkreste in dem Gesicht des Toten. Es waren die typisch clownhaften Übermalungen, wie sie in aller Welt bei Zirkusclowns bekannt sind.

Norton sah Thomson missmutig an.

„Und deshalb meinen Sie, der Mann hier gehört zum Zirkus Rolley?“

Thomson verdrehte schwärmerisch die Augen. Das sah bei einem Kerl wie ihm reichlich komisch aus. Er blickte auf den Toten herab und murmelte dann:

„Ich habe mir das Programm zweimal hintereinander angesehen. Dabei habe ich Charly kennengelernt. Wir haben sogar zusammen 'ne Pulle Whisky gesoffen.“ Der lange hagere Kerl wirkte in diesem Augenblick gar nicht mehr schnoddrig. Er sah tiefsinnig auf den Toten herab, so, als wolle er ihn an den gemeinsamen Saufabend erinnern. „Ja“, murmelte Thomson, „und nun ist er tot, denn das hier ist eben Charly.“

„Wer hat ihn hergebracht?“

„Sie haben ihn heute am Golden Gate aus dem Wasser gezogen, und da er keine Ausweispapiere bei sich hatte, landete er sofort hier.“

„Ganz schönes Stück von Oakland entfernt. Da muss er quer durch die San Francisco Bay gepaddelt sein“, sagte Jimmy.

„Ein Glück“, murmelte Norton, „dass Oakland nicht unser Bezirk ist.“

„Aber diese wunderhübsche Gefrierhalle hier ist Ihr Bezirk, Inspector“, sagte ich. Ich wandte mich zu Thomson um und fragte: „Und wie kommen Sie hierher?“

„Es war 'n reiner Routinebesuch. Alte liebe Gewohnheit. Und bei solchem Wetter besonders gerne.“ Auch er sah jetzt Norton an und fuhr fort: „Außerdem spielt der Zirkus Rolley ab heute in San Francisco.“ Er spuckte seinen Kaugummi aus, der über den toten Charly hinwegflog und auf die Fliesen klatschte.

Norton bewegte fröstelnd die Schultern in seiner Jacke. Dann beugte er sich tiefer über den Toten herab. Die überpinselten Lippen ließen einen Teil der gelblichen Zähne frei. Es sah so aus, als ob Charly noch im Tod lächelte.

„Komisch“, murmelte ich. „Wenn Thomson mit ihm gesoffen hat, wird er ihn doch wiedererkennen. Und die im Zirkus sagen, er trete nach wie vor auf?“

Thomson nickte nur, und sein Hut wackelte mit.

„Von wem haben Sie die Auskunft?“, fragte Norton.

„Direktor Rolley persönlich.“

„Vielleicht“, murmelte Jimmy, „hat Rolley das nur gesagt, weil er einen Skandal vermeiden wollte. Vielleicht hat er selbst Verdachtsmomente und hofft, das alles vertuschen zu können, solange er in der Stadt ist.“

„Kann schon sein“, murmelte Norton. „Na, ich will mir mal den Bericht ansehen. Vielleicht ist er schon untersucht worden.“

„Leider nein, Boss“, sagte Thomson.

Norton sah seinen Sergeanten nur fragend an.

„Charly wurde von einer Motorjacht aufgefischt, und dann hat ihn die Feuerwehr übernommen und hergeschafft.“

„Doktor Wash muss her, und zwar sofort.“

Norton fasste sich an den Kopf. „Ich erledige es selbst“, fuhr er fort. „Besorgen Sie uns inzwischen vier Karten für die Abendvorstellung“.

„Im Zirkus Rolley?“

„Na klar!“

„Sagten Sie vier?“

„Das sagte ich. Wir gehen ganz privat hin. Und wie ich diese beiden Schnüffler hier kenne, wollen sie sowieso mitkommen.“

„Tatsächlich“, sagte Jimmy. „Ich war furchtbar lange nicht mehr im Zirkus.“

Thomson nickte und schob das Fach in die Wand zurück.

Der zerknautschte kleine Kerl im weißen Kittel sah uns bedauernd nach. Er blieb in Gesellschaft der vielen Leichen in den zahlreichen großen Schubkästen allein zurück und schien traurig zu sein, dass wir ihm nicht noch eine Weile länger Gesellschaft leisteten.

Als wir wieder nach oben gingen, knallte sofort wieder die Hitze auf uns ein.

„Wechselbäder sollen ja ganz gesund sein“, schnaufte Jimmy. „Aber ohne 'n Getränk ist so was nicht auszuhalten. Sollen wir nicht nach Hause fahren, Langer? Ich glaube, da steht noch irgend 'ne Pulle rum.“

„Okay“, sagte ich nachdenklich. Wir verabschiedeten uns von den beiden Polizeimenschen, verabredeten uns für den Abend, und ein paar Minuten später saßen wir unten in unserem Wagen, um nach Hause zu fahren.

Dort erlebten wir nichts weiter als die Erkenntnis, dass es in unserem Büro und in unserer Wohnung genau so heiß war, wie an allen anderen Stellen der Stadt.

Nur dass wir zum Abkühlen wenigstens die Whiskyflasche hatten.

Kapitel 2: DER ZIRKUS

Jimmy hatte sein sechstes Glas Whisky gerade in sich hin ein gekippt, als das Telefon klingelte. Er stand eilig auf, lief fluchtartig zu einem Ecksessel hinüber und setzte sich dort hin. Von dort aus sah er mich bittend an und murmelte:

„Geh du ran, Langer!“

Um den guten Ruf unseres Unternehmens nicht noch mehr zu gefährden, tat ich es, nahm den Hörer und meldete mich.

„Hallo, Browning. Hier ist Thomson nochmal. Wird Sie interessieren, dass Doktor Wash sich Charly inzwischen vorgenommen hat.“

„Ja, was Besonderes?“

„Er ist nicht ertrunken.“

„Er lag doch im Wasser.“

„Ja, aber er war schon vorher tot.“

„Und die wirkliche Todesursache?“

„Der Doktor hat ihn noch nicht aufgeschnitten, aber er hat unter der Schminke eine schmale blutunterlaufene Linie am Halse entdeckt. Wahrscheinlich aufgehängt.“

„Also käme auch Selbstmord infrage?“

„Ja, aber dann muss ihm jemand geholfen haben, sich wieder abzuschneiden und ins Wasser zu gehen. Ich habe noch nie von einem Selbstmörder gehört, der sich aufhängt und anschließend ein Bad nimmt.“

„Ja, das ist selten“, murmelte ich geistreich. Und ich muss zugeben, dass ich sehr nachdenklich geworden war.

„Ja, da ist aber noch etwas“, sagte Thomson. „Der Doktor meint, dass trotzdem gar nicht die typischen Anzeichen für einen Erstickungstod vorhanden sind. Er kann sich vielleicht irren, sagte er, weil Charly schon ‘ne ganze Weile im Wasser gelegen hat.“

„Wie lange denn?“

„Er meint, der Tod sei zwischen zwölf und drei Uhr in der Nacht eingetreten.“

„Nett, Thomson, dass Sie mir alles erzählen. Und warum tun Sie das?“

„Weil ich eben nett bin“, sagte Thomson und ich spürte, wie er grinste. „Und außerdem“, fuhr er ernsthafter fort, „haben Sie schon ziemlich oft 'ne Spur gefunden, bevor wir dahinterkamen. Und bei Charly liegt mir wirklich daran, dass die Sache geklärt wird. Er war ein prima Kerl, müssen Sie wissen.“

„Na, wir werden uns ja heute Abend im Zirkus sehen“, murmelte ich. „Hat Norton schon irgendein Programm?“

„Ich weiß nicht, er hat mir nichts erzählt. Ich nehme an, er will den Direktor in die Zange nehmen und hofft von ihm mehr zu erfahren.“

„Ja“, sagte ich. „Ich wundere mich nur, dass er bis heute Abend warten will.“

„Vielleicht hat er einen Grund“, murmelte Thomson geheimnisvoll, und dann klickte es im Hörer. Er hatte aufgehängt. Ich legte meinen Hörer langsam auf die Gabel zurück und ging nachdenklich zum Fenster. Ich starrte auf die Straße hinab, auf der es jetzt am späten Nachmittag etwas lebhafter geworden war. Nicht nur die aufkommende Dämmerung mit ihrer leichten Abkühlung, sondern, auch der Feierabend in den Büros hatte die Leute auf die Straße gelockt.

„Es wird bestimmt furchtbar heiß im Zirkus sein“, murmelte Jimmy hinter mir. „In so einem Zelt, auf das den ganzen Tag die Sonne geknallt hat, ist es bestimmt wie in einem Brutkasten. Ein Glück, dass wir Zeit haben, uns vorher noch mit Whisky abzukühlen.“

„Ich fürchte, Kleiner“, erwiderte ich und starrte weiter zur Straße hinunter, „dass es ein furchtbarer Irrtum von dir ist.“

„Wieso?“ Jimmys Stimme schnappte beinahe über.

Ich sah weiter auf die Straße hinab und betrachtete eine Gruppe junger Mädchen, die leicht bekleidet vom Strand zu kommen schienen. Sie waren braun gebrannt und sahen frisch und appetitlich aus. Ihre Kleidung war bunt zusammengewürfelt, und plötzlich sorgte irgendeine Gehirnzelle in meinem Unterbewusstsein dafür, dass ich an das bunt verschmierte Gesicht des toten Clowns denken musste, ohne dass noch Leben in ihm war.

„Komisch“, sagte ich, „die Sache stinkt. Sie stinkt viel mehr, als ich zuerst dachte. Erstens ist es so gut wie klar, dass er ermordet worden ist, und zweitens müssen ziemlich viel Leute dahinter stecken, denn der Zirkusdirektor muss doch genau wie alle anderen in dem Laden wissen, dass der, der jetzt als Clown Charly auftritt, nicht der echte ist.

„Gibt's denn so was“, lallte Jimmy, „dass ein ganzer Zirkus sich zum Mitwisser eines Mordes macht?“

Ich schüttelte den Kopf und wandte mich jetzt erst zu Jimmy um.

„Ich kann's mir auch nicht denken. Irgendetwas stinkt eben an der Geschichte. Ich glaube, wir fahren mal rüber und sehen uns die beiden an.“

„Die beiden?“

„Den Zirkusdirektor und den, der jetzt als Charly auftritt.“

Jimmy schickte einen unsicheren Blick zu mir rüber, dann schweiften seine Augen zu dem kleinen Rauchtisch ab und blieben an der noch halb vollen Whiskyflasche hängen.

„Na gut“, sagte er langsam und stand ächzend auf. Dann, als er glaubte, dass ich mich bald abgewandt hatte, steckte er mit einem schnellen Griff die Whiskyflasche in die Tasche. „Gehen wir also“, sagte er forsch und taumelte zur Tür. Ich grinste ein bisschen und folgte ihm.

Ich hatte weniger getrunken als er, deshalb setzte ich mich ans Steuer, kurbelte das Fenster herunter, und wir fuhren los.

„Wie kommt es bloß“, fragte Jimmy, „dass Norton so die Ruhe weg hat? Warum rast er nicht gleich los und schickt alle möglichen Leute los?“

„Weißt du denn, ob er es nicht längst getan hat?“

„Kann schon sein, vielleicht gönnt er es uns nicht. Vielleicht wird 'ne Belohnung ausgesetzt.“

„Nun mal friedlich, Kleiner. Bisher sind wir ja auf unsere Kosten gekommen.“

Und das kann ich euch schon vorweg verraten, Freunde, in dieser Geschichte kamen wir auf unsere Kosten. Aber ganz anders, als wir es erhofft hatten.

*

Der Zirkus Rolley hatte sein riesiges Dreimanegenzelt auf einem freien Platz am Rande des Presidio Parkes aufgebaut. Als wir in die Sacramento Street einbogen, sahen wir die bunt leuchtende Kette der unzähligen Glühlampen schon von Weitem. Die Nachmittagsvorstellung war in vollem Gange. Wir wurden von ein paar bunt gekleideten Kerls, die als Ordner fungierten, mit unserem Wagen auf einen der Parkplätze dirigiert. Dann gingen wir zur Kasse, und es ließ sich nicht vermeiden, dass wir noch zwei Eintrittskarten kauften, um überhaupt in den Zirkus hineinzugelangen.

Die Wohnwagen waren in einem riesigen Viereck hinter dem großen Zelt zusammengestellt. Die Vorstellung drinnen musste gerade erst angefangen haben, denn überall herrschte ein Mordsbetrieb und viele Leute drängten sich noch hinein.

Wir wurden von den drängenden Leuten in das Zelt geschoben. Erst an einem der Seitengänge konnten wir heraustreten und die anderen an uns vorbeilassen.

„Darf ich Ihre Karten sehen?“, fragte plötzlich eine Mädchenstimme hinter mir. Wir sahen uns um und machten beide im gleichen Augenblick ein erfreutes Gesicht. Vor uns stand ein schwarzlockiges Girl mit einer einfach atemberaubenden Figur. Sicher war sie eine der Tänzerinnen aus dem Schlussballett, die vorläufig noch als Platzanweiserinnen zu wirken hatten.

„Wir wollten noch gar nicht auf unseren Platz“, sagte ich. „Wo finden wir denn den Direktor Rolley?“

„Direktor Rolley?“ Sie sah uns von oben bis unten mit einem kleinen ironischen Lächeln an. „Sie wollen zu Direktor Rolley? Der ist jetzt ganz bestimmt nicht zu sprechen.“

„Presse!“, knautschte Jimmy hervor.

„Oh!“, machte das Girl. „Mister Rolleys Wagen ist der Erste, wenn Sie durch diesen Zeltausgang da drüben gehen. Der Erste links.“

„Gut, versuchen wir es“, erwiderte ich, denn auch dort war noch ein munterer Betrieb.

Wir stampften durch aufgeschüttetes Sägemehl, schubsten uns durch Menschenmassen hindurch, und Jimmy blieb ein Stück zurück, um sich nach dem schwarzen Girl umzusehen. Dann aber hatten wir den großen viereckigen Platz hinter dem Zirkuszelt endlich erreicht und schritten auf den Wagen zu, den uns das Girl als den des Direktors beschrieben hatte.

Drüben, dicht am Rande des Zeltes, standen die Käfigwagen. Das Gebrüll der Raubtiere drang herüber. Die Viecher schienen nicht in bester Stimmung zu sein. Vielleicht waren sie 'n bisschen sensibler als die Menschen hier im Zirkus, die offenbar nicht auf die Idee gekommen waren, aus der Ermordung ihres Clowns eine große Affäre zu machen.

Der Name Rolley hatte einen guten Klang. Zirkusdirektor Rolley hatte bestimmt mit seinen Kollegen aus grauer Vorzeit nicht mehr viel gemeinsam. Er war ein großer Mann, und wir durften die Katze nicht gleich aus dem Sack lassen.

Man sah gleich, dass es der Wagen eines Direktors war. Er war besonders gut ausgestattet, aus Leichtmetall gebaut, und eine schöne breite Treppe führte die fünf Stufen zum Wageneingang hinauf. Gerade als wir hinaufsteigen wollten, wurde die Tür über uns aufgezogen, und ein großer breitschultriger Mann mit braun gebranntem Gesicht und weißgrauem Haar trat heraus. Er hatte blank gewichste Stiefel über engen schwarzen Reithosen und darüber ein leuchtend weißes Hemd. Er sah uns befremdet und ein bisschen herablassend an. Das sah besonders gut aus, denn erstens war er sehr vornehm angezogen, und zweitens stand er immerhin fünf Stufen über uns. Fünf Stufen zu einem Zirkuswagen.

„Direktor Rolley?“, fragte ich.

Direktor Rolley schien ein guter Menschenkenner zu sein. Er antwortete nicht ganz so herablassend wie nach seinem ersten Blick zu vermuten war.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Wir sind Detektive. Einige Fragen, Direktor.“

„Der Schreck in der Abendstunde“, sagte er. „Sie wollen mir doch keinen Ärger machen? Sie wollen doch nicht etwa jemand aus meinem Ensemble verhaften?“

„Wie kommen Sie darauf, Direktor?“, fragte Jimmy. „Hat jemand was ausgefressen?“

„Nein, im Ernst, was ist los?“

Ich entschloss mich, doch gleich alles zu sagen. Vielleicht würde man damit doch am weitesten kommen.

„Es handelt sich um Ihren Clown Charly, Direktor. Es gibt ihn anscheinend in doppelter Ausführung.“

Direktor Rolley sah mich an, als hätte er mich nicht richtig verstanden.

„In doppelter Ausführung? Wie meinen Sie das?“

Ich setzte meinen Fuß auf die erste Stufe und entgegnete:

„Wollen wir das nicht lieber in Ihrem Wagen weiterbesprechen?“

„Wie stellen Sie sich das vor, meine Herren? Ich muss in die Vorstellung! Das Publikum erwartet eine kleine Begrüßungsansprache. Ist das nicht klar?“

„Okay“, sagte ich. „Sie werden dafür ja nicht lange brauchen. Wir warten hier auf Sie.“ Ich ging die Treppe zu ihm hinauf und stand jetzt dicht vor ihm. Ich war doch ein bisschen länger als er, und jetzt musste er zu mir heraufsehen. Das gefiel ihm nicht besonders. Es gefiel ihm überhaupt nicht, dass ich seine Treppe betreten hatte. Er hätte mich lieber zum Teufel gewünscht. Das sah man ihm deutlich genug an.

„Da Sie nun schon einmal meinen Wohnwagen unaufgefordert betreten“, knurrte er ärgerlich, „will ich aber meinerseits nicht unhöflich sein und Ihnen dort den Ledersessel anbieten.“

„Danke, sehr freundlich. Und nun lassen Sie sich nicht aufhalten. Wir warten hier auf Sie.“

Der Direktor sah missmutig Jimmy an, der sich lässig gegen den Türrahmen gelehnt hatte. Er blieb mitten in seinem Wohnwagen stehen, und ich spürte, wie er zögerte.

„Nun machen Sie man schon!“, sagte Jimmy freundlich. „Lassen Sie das Publikum nicht warten. Sie haben doch alle den Eintritt bezahlt, um Sie endlich zu sehen.“

Über das Gesicht des Direktors fuhr plötzlich ein Lächeln. „Ich habe schreckliche Angst, dass Sie sich langweilen werden, meine Herren, deshalb schicke ich Ihnen meinen Sohn zur Gesellschaft.“

Ich sah ihn nur mit einem müden Lächeln an. Aber ich begriff immerhin, dass ihm der Gedanke unbehaglich war, wir könnten hier vielleicht herumschnüffeln.