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Schwere Zeiten stehen uns bevor. Auf den erreichten Wohlstand möchten wir nicht verzichten, durch die Klimaentwicklung könnten wir uns aber dazu gezwungen sehen. Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie und Putins Ukraine-Krieg machen die Situation nicht einfacher. Die Lösungen, die uns die Politik präsentiert, überzeugen nicht. Die Gesellschaft ist polarisiert. Einige meinen, dass ein breit verteilter Wohlstand eine konstituierende Voraussetzung für die liberale Demokratie ist. Der Klimakrise sollten wir ohne Abstriche am Lebensstandard begegnen, mit allen verfügbaren Technologien. Andere lasten die vorliegenden Probleme dem Kapitalismus und seiner energieintensiven Industrie an. Sie suchen die Lösung im Ideal des Menschen als Beschützer einer romantisch überhöhten Natur und Tierwelt, und sind bereit, diese Ziele zur Not auch über die demokratischen Freiheiten zu stellen. In seinem aufrüttelnden Essay analysiert Emil Kowalski die Wurzeln dieser Kontroverse unter verschiedenen Aspekten. Seiner Meinung nach trägt die Situation die Züge eines ideologisch-religiösen Konflikts, eines ökologischen "clash of cultures". Und solche Konflikte sind nicht durch symmetrische Kompromisse zu lösen, sondern nur durch das Setzen klarer Prioritäten - das Klima wird so zur Gretchenfrage der liberalen Demokratie. Eine Pflichtlektüre für alle, denen der Erhalt der demokratischen Freiheiten am Herzen liegt!
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Der Autor
Dr. Emil Kowalski (*1937), Schweizer Physiker, Tätigkeit in leitenden Positionen von Unternehmen der elektromechanischen Industrie, der Elektrizitätswirtschaft und der nuklearen Entsorgung. Mitwirkung in fachlichen und gesellschaftspolitischen Gremien, u. a. im Lenkungsausschuss TA-SWISS – Technology Assessment. Mehrere fachliche und gesellschaftskritische Buchpublikationen, viele Kurzessays.
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1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-043444-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-043445-5
epub: ISBN 978-3-17-043446-2
Für Hedi K.
Vorwort
1 Demut und Zögern
2 Eva, die Hedonistin avant la lettre
3 Wohlstand und Moral
4 Demokratie und Energie
5 Wohlstand und Demokratie
6 Mensch und Natur
7 Technik und Kultur
8 Energie und Moral
Ein Fazit
Register
Das Neue an jedem ›Anti‹ erschöpft sich in einer leeren Gebärde der Verneinung, und sein positiver Gehalt ist nur – eine Antiquität. José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen.
Wollten Chinesen im Ming-Reich unliebsame Menschen verfluchen, so wünschten sie ihnen angeblich »Möget ihr in interessanten Zeiten leben«. Ob diese Anekdote wahr oder apokryph ist, jedenfalls kontrastiert sie mit Goethes Ansicht, nichts sei schwerer zu ertragen als »eine Reihe von schönen Tagen«. Da irrte der Geheimrat, schöne Tage sind leichter zu ertragen als eine Reihe interessanter Katastrophen.
Nach Jahrzehnten alles in allem ruhiger und schöner Nachkriegszeit der laufend steigenden Prosperität, unterbrochen nur durch kurze Aufregungen unserer sensationslüsternen Medien, sind wir in eine interessante Zeit mehrfacher Krisen geraten. Die als sicher geglaubten Grundlagen unseres Wohlergehens erweisen sich plötzlich als fragil. Unversehens müssen wir um unsere Energieversorgung Angst haben, der coronabedingte Zusammenbruch der Lieferketten gefährdet die Bereitstellung der wichtigsten Güter des täglichen Bedarfs, kriegerische Verwicklungen, die lange weit weg von den Oasen unserer friedlichen Existenz wüteten, erreichten mit der Ukraine den Rand von Europa. Das politische Leben unserer liberalen Demokratien wird zunehmend ›interessanter‹.
Leben wir in einer Zeitenwende, wie gerne proklamiert wird, oder ist dieses bedeutungsschwangere Wort zu viel für die Aufregungen der Gegenwart? Wenn nicht alles täuscht, befinden wir uns jedenfalls in einer Periode außerordentlich schwerer Herausforderung der liberalen Demokratie. Unsere Staatsordnung wird einer Bewährungsprobe unterzogen, vergleichbar mit dem Marxismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nur diesmal kaschiert mit einem lieblich grünen Mäntelchen. Die Frage werden erst die Historiker der nächsten Generation schlüssig beantworten können – wir Heutigen können nur unsere Irrtümer auflisten und versuchen, unsere Erwartungen an die Zukunft zu formulieren. Werden wir uns der Herausforderung stellen, finden wir realistische Lösungen für die angehäuften Probleme unserer Zeit?
Die herrschende Krise ist nicht nur durch handfeste technische, wirtschaftliche und ökologische Probleme bedingt, sie trägt die Züge eines ideologisch-religiösen Konflikts. Auf der einen Seite steht das Anliegen der Wahrung des liberal-demokratischen Menschenrechts auf das individuelle Streben nach Glück und Wohlbefinden, das Ur-Anliegen unserer demokratischen Wohlstandsgesellschaft. Der Anspruch soll trotz Klimakrise durch die Mittel einer ökologisch ›mutierten‹ Technologie und Wirtschaft ermöglicht werden, ohne schmerzhafte Einbußen am erreichten Lebensstandard. Auf der anderen Seite haben wir eine Denkweise, welche die vorliegenden Probleme dem herrschenden Wirtschaftssystem des sozial-demokratisch eingehegten Kapitalismus und seinen energieintensiven Technologien anlastet. Diese Denkweise sucht ihre Lösung im Ideal des Menschen als Beschützer einer romantisch überhöhten Natur und Tierwelt und ist zur Erreichung dieser Ziele auch zu dirigistischen Maßnahmen und zu obrigkeitlichen Vorgaben des zulässigen Glücks und Wohlbefindens bereit – in diametraler Abkehr vom demokratisch verbrieften Recht auf das pursuit ofhappiness. Pragmatik stößt auf Ideologie.
Europa ist immer dann gut gefahren, wenn es sich auf die mesotes des Aristoteles besonnen hat, auf die goldene Mitte, auf einen tragfähigen Kompromiss. Weder der extreme Raubtier-Kapitalismus noch ein totalitärer Kommunismus führten zu einem politisch akzeptablen und wirtschaftlich leistungsfähigen System, sondern die Wandlung des Kapitalismus zur sozialen Marktwirtschaft der liberalen Demokratie, mit besserer Berücksichtigung des Postulats der Gleichheit. Es ist klar, dass weder ein kompromissloser Naturidealismus der radikalen Anbeter der Photovoltaik noch die extreme Technologiehörigkeit der Befürworter der Kernkraft zum Ziel führen werden, sondern nur ein Ausgleich der beiden. Ist eine aristotelische Mitte erreichbar?
Wir haben es heute mit einem genuinen clash of cultures zu tun, und solche sind nicht durch symmetrische Kompromisse zu lösen. Auch wenn sich die Seiten annähern, bleibt stets eine der beiden führend. 1991 siegte die liberale Demokratie – der real existierende Sozialismus hat abgedankt, und Herr Fukuyama konnte vom ›Ende der Geschichte‹ träumen. In diesem Essay versuche ich den Gründen nachzugehen, warum wir auch diesmal der liberalen Demokratie, der freien Marktwirtschaft und einer primär technologischen Lösung Vorrang einräumen müssen. Die manifesten Kulturunterschiede der beiden Seiten sind der Grund, warum es bisher zu keinem sinnvollen und damit auch strategisch wirksamen Kompromiss gekommen ist. Die langen Zeitkonstanten einer kulturellen Änderung machen dies zwar verständlich, aber die Zeit drängt – die heute schon schmerzhaft spürbaren meteorologischen Auswirkungen der Klimaänderung warten nicht und erfordern zügiges Handeln. Bisher hat sich primär die bürgerliche Mitte der Gesellschaft bewegt, zum Teil weit über das Zweckmäßige hinaus, die ideologisch erstarrte grüne Linke wird bald nachziehen müssen.
Statt des heute herrschenden Mangels an grundlastfähigen karbonfreien Energien werden wir für eine wahre Überschwemmung mit erschwinglicher, rund um die Uhr verfügbarer sauberer Elektrizität sorgen müssen, damit der Umbau der Wirtschaft und Industrie auf ökologisch unbedenkliche Alternativen in der notwendig kurzen Zeit gelingt. Neben der Lösung und Beherrschung aller anderen Krisen unserer ›interessanter‹ Gegenwart, wohlgemerkt.
In der Auseinandersetzung mit der Problematik versuchte ich auf Zahlen zu verzichten, und mich stattdessen auf eine grundsätzliche, qualitative Argumentation zu stützen. Es gibt genügend Literatur, voll von wichtigen Diagrammen und Tabellen über die zahlenmäßige Seite des Problems. Zahlen spielen aber bei weltanschaulichen Fragen selten eine Rolle – man glaubt bekanntlich nur den Statistiken, die man selbst gefälscht hat. Ich bekenne, dass ich als Physiker überrascht war, wie weit man mit einigen wenigen quantitativen Angaben kommt.
Bei jeder Analyse global-historischer Probleme darf man nicht vergessen, dass man stets den Kenntnisstand, die Perspektive der Gegenwart hat und dementsprechend betroffen reagiert. Jede Generation ist bei ihrer Geburt in eine gefühlt ›fertige Welt‹ getreten, einem Kind ist die Vorstellung einer Entwicklung noch nicht zugänglich. In unserer Wohlstandsgesellschaft empfinden die allermeisten Kinder die vorgefundene Welt als gut, als angenehm, jedenfalls als einfach gegeben. Erst mit der Adoleszenz sieht man plötzlich die Fehler und Probleme der Gesellschaft und entwickelt einen Heißhunger, den unerträglichen Zustand zu verbessern – das ist der ewige Kampf der Generationen. Man kämpft für eine bessere Welt – und realisiert nicht, dass diese neue Welt in den Augen der nächsten Generation wieder zur alten Welt der ewig gleichen, ewig neuen Unvollkommenheiten wird. Es ist angeblich das Vorrecht der Alten, weise zu sein in dem Sinne, dass sie diesen Kreislauf durchschauen. Dass sie zur klassischen Erkenntnis des panta rhei kommen, des ewigen Flusses der Zeit, und zur Einsicht, dass ein jedes Paradies nur ein Paradies der mannigfachen Unvollkommenheiten sein kann.
Wenn nicht alles täuscht, steht unsere Gesellschaft nicht nur vor den üblichen Problemen eines Kampfes Neu gegen Alt. Wir müssen vielmehr eine bestehende Zivilisation, das Ergebnis einer über zweihundertjährigen Entwicklung auf eine neue, CO2-freie Basis stellen – es geht um die Neuerfindung unserer Zivilisation in einer umweltgerechten Version. Und das innerhalb einer einzigen Generation. Das ist ein Einschnitt, der die Bezeichnung ›Paradigmenwechsel‹ wirklich verdient. Dabei gilt es, nicht in die Aufregung eines besserwisserischen Aktivismus zu verfallen, sondern die Gelassenheit derjenigen zu behalten, die nicht nur laut aufbegehren, sondern die Probleme unaufgeregt angehen und lösen wollen. Dieses Büchlein soll dazu ein wenig beitragen.
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Das vorliegende Essay baut auf meinen früheren Veröffentlichungen auf, in denen ich dem Missverhältnis zwischen dem begrenzten Wissen des Menschen als Teilnehmer der technisch-industriellen Zivilisation und der Fülle der Artefakte und organisatorischer Strukturen nachgegangen bin, mit welchen ihn seine Zivilisation ausstatten kann – ohne dass er die magische Welt hinter den Drucktasten und anderen Bedienungselementen seiner Apparate und den Mechanismen des heutigen Wohlfahrtsstaates verstehen muss und kann. Den Anstoß dazu gab ein Satz im Karel Čapeks Roman Krieg mit den Molchen,1 den ich einem frühen Essay2 über die Drucktastenzivilisation als Motto vorangestellt habe:
»Und ist die Zivilisation etwas anderes als die Fähigkeit, Dinge zu gebrauchen, die sich andere ausgedacht haben?«
Das Thema verfolgte mich, ich habe es fünfzig Jahre später wieder in Buchform aufgegriffen,3 als die Entwicklung der Digitaltechnik die Drucktaste durch den Touchscreen ersetzt hat und die Welt dahinter noch unverständlicher und magischer geworden ist. Die sozusagen systemische Ignoranz der technischen Grundlagen der Zivilisation und der staatspolitischen Maximen der liberalen Demokratie trägt zu vielen unserer heutigen Probleme bei. Weil ich nicht voraussetzen darf, dass die Leser und Leserinnen die früheren Texte zur Hand haben, werde ich wo nötig kurz zitieren.
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Anzufügen sind noch einige redaktionelle Hinweise. Um die Lesbarkeit des Textes nicht über Gebühr zu beeinträchtigen, benutze ich das gewohnte grammatikalische Geschlecht im generischen Maskulinum, es sei denn, dass dies zu Missverständnissen führen würde oder aus Höflichkeit den Leserinnen und Lesern gegenüber – dann nenne ich beide Genera.
Bemerkungen und Literaturzitate werden als Fußnoten am Seitenende angefügt. Das erspart das lästige Vorwärts- und Rückwärtsblättern beim flüssigen Lesen. Seitenangaben zu den zitierten Werken erfolgen im Text in Klammern, wo kein Missverständnis möglich ist ohne die Wiederholung des Namens des Autors. Meine Freunde und Kritiker lächeln über meinen exzessiven Gebrauch der Fußnoten, das sei eine schlechte Angewohnheit oder gar Manie, und wenn es so weiter gehe, werde ich irgendwann bei einem Essay aus lauter Fußnoten, ganz ohne Text landen … Ich bitte um Nachsicht, die vielen Bemerkungen dienen der Vertiefung der im Text behandelten Zusammenhänge, und können bei schnellem Lesen problemlos übersprungen werden. Wünscht die kritische Leserin, der sprichwörtlich geneigte Leser aber doch etwas mehr Information, so muss der Blick nur zum Seitenende wandern, und man muss nicht bis zu dem Buchende umblättern.
Die Autoren der zitierten Veröffentlichungen und einige wenige Angaben zu Organisationen und Begriffen sind im Register aufgelistet.
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Dem Verlag Kohlhammer bin ich für die Veröffentlichung meines Essays in gewohnt ansprechender Ausstattung zu Dank verpflichtet. Insbesondere Herren Dr. Peter Kritzinger und Dr. Julius Alves haben sich um das Werk verdient gemacht.
Als Autor durfte ich von vielen Gesprächen mit Freunden und ehemaligen Kollegen profitieren. Zum besonderen Dank bin ich Dr. Conrad Stockar verpflichtet, der das Manuskript kritisch durchgesehen, mit vielen Bemerkungen und – in seiner humorvollen Art – mit ›Imprimatur‹ versehen hat. Ebenso dankbar bin ich Herrn Dr. Ignaz Miller, der während rund 15 Jahren meine feuilletonistische Arbeit begleitete, für seine Kommentare und Anregungen. Allfällige Ungenauigkeiten und Fehler im Essay hat selbstverständlich wie stets der Autor allein zu verantworten.
Und last but not least schulde ich einen herzlichen Dank meiner Partnerin, Hedi K. Ernst, die meine geistigen Abwesenheiten während der Arbeit am Manuskript stoisch ertragen hat.
Emil Kowalski, Dezember 2022
1 Čapek, Karel: Krieg mit den Molchen. Hamburg 1964, S. 168 (Orig. tschech. Válka s mloky. Praha 1936).
2 Kowalski, Emil: Die Magie der Drucktaste. Von den unkontrollierten Einflüssen auf unser Leben. Wien und Düsseldorf 1975, S. 9.
3 Kowalski, Emil: Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte. Stuttgart 2017, 2. Auflage Berlin 2022.
Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich ein unzeitgemäßer Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde – der Atavismus eines älteren Ideals. Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse.
In einem analytischen Portrait von Konrad Adenauer charakterisiert Henry Kissinger die Politik des ersten Nachkriegskanzlers der Bundesrepublik Deutschland als eine »Strategie der Demut«.4 Adenauer hatte die undankbare Aufgabe übernommen, das, was vom Deutschen Reich nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 übrig geblieben war, auf den Weg eines demokratischen Neubeginns zu führen.
Das zerbombte, geschlagene und zwischen vier nur bedingt konvergierenden Besatzungsmächten zerteilte Land befand sich inmitten einer existenziellen wirtschaftlichen und moralischen Krise. Adenauer realisierte, dass die Probleme weniger wirtschaftlich und finanziell als vielmehr politisch und ethisch waren – nur in der vorbehaltslosen Anerkennung deutscher Schuld an den Gräueln des Hitlerregimes und in konstruktiver Zusammenarbeit mit den Alliierten war ein Neubeginn möglich. Nur so konnte Deutschland das notwendige Vertrauen der Besatzungsmächte erringen und eine konstruktive Zusammenarbeit aufbauen. Ein jedes Kleinreden des Versagens der Weimarer Republik, ein jeder nationalistisch motivierter Hinweis auf den Kampf demokratischer Kräfte im Untergrund gegen den Hitlerismus hätte wie eine Anmaßung gewirkt. Die übergroße Schuld konnte nur durch materielle und politische Akte der Wiedergutmachung abgebüßt werden, die maßlosen Negativa der Hitlerära durften und sollten mit keinem historischen Verdienst der deutschen Nation verrechnet werden.
Der Strategie war Erfolg beschieden. Begünstigt durch die aufkeimende Gegnerschaft zwischen der Sowjetunion und den drei westlichen Alliierten entstand formell bereits 1949, vier Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, aus den drei westlichen Besatzungszonen die neue Bundesrepublik. Statt einer demütigenden Neuauflage der Versailler Verträge5 des Ersten Weltkriegs kam es diesmal zum Marshall-Plan, zum Schuman-Plan der Montanunion, zum wirtschaftlichen Nachkriegsaufschwung. Gegenseitiges Vertrauen wurde aufgebaut, eine demokratische Zukunft konnte beginnen …
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An den Topos der ›Strategie der Demut‹ wird man unwillkürlich erinnert, wenn man die heutige Situation der liberalen Demokratie abendländischer Prägung betrachtet. Statt das Selbstbewusstsein eines erfolgreichen gesellschaftlichen Systems erleben wir eine in diesem Ausmaß überraschende Bereitschaft zu Selbstanklage. Das Klima leidet – als Erstes suchen wir die Schuld in den ›überbordenden Wohlstandsansprüchen‹ unserer Gesellschaft. Die Armut in der Dritten Welt nimmt gemäß Medien zu – der Westen hat ›zu wenig Entwicklungshilfe‹ geleistet. Afrikas Entwicklungsländer stöhnen unter korrupten Regierungen – das müssen ›Spätfolgen des westlichen Kolonialismus‹ sein. Das Narrativ der Kritiker des als sozial ungerecht empfundenen freien Marktes, der wirtschaftlichen Basis der liberalen Demokratie, beherrscht die mediale Präsenz. Unser erfolgreiches gesellschaftliches System wird nicht an seinem Beitrag zum Wohl der Welt gemessen, sondern an den Kollateralschäden, die es verursacht. Eine Saldierung der Positiva gegenüber den Negativa wird nicht vorgenommen. Ja, bereits der Versuch einer solchen Saldierung wird als schönfärberisch und mithin unethisch abgekanzelt. Unsere Gegenwart ist süchtig nach übertriebener Selbstkritik, nach kontraproduktiven Schuldbekenntnissen, nach Schuldstolz und Akten der Reue. Wir haben die Bereitschaft, die Schuld für alles und jedes bei uns zu suchen, bereits verinnerlicht. Das ist bedenklich, reumütige Sünder mögen zwar prachtvolle Kathedralen der Ablasswirtschaft errichten, aber keine Hochschulen, Montagehallen und Kraftwerke, die man zur Sicherung und Mehrung des erreichten Wohlstands benötigt. Die Schuldmoral paralysiert eine zielgerichtete Politik – und hilft weder uns noch der Welt als Ganzes.
Heinrich A. Winkler fasst an einer Stelle seiner Geschichte des Westens die strategischen Erfolgspositionen der westlichen Kultur zu Beginn der Neuzeit prägnant zusammen:6
»Nur im Westen hatte sich in einem langen Prozess jenes Klima des bohrenden Fragens entwickelt, das im wörtlichen wie im übertragenen Sinn den Aufbruch zu neuen Ufern erlaubte. Nur im Westen hatte sich eine Tradition christlicher Selbstaufklärung herausgeformt, die von der Kirche aufs schärfste bekämpft wurde, aber nicht ausgerottet werden konnte. Nur im Westen war durch die Trennung erst von geistlicher und weltlicher, dann von fürstlicher und ständischer Gewalt der Grund gelegt worden für das, was wir Pluralismus und Zivilgesellschaft nennen. Nur im Westen gab es den Rationalisierungsschub, der von der Rezeption des römischen Rechts ausging. Nur im Westen entstand ein städtisches Bürgertum, das wagemutige Kaufleute und Unternehmer in großer Zahl hervorbrachte. Nur im Westen konnte sich der Geist des Individualismus entfalten, der eine Bedingung allen weiteren Fortschritts war.«
Es ist eine wahre Apotheose der Strategie, die hinter dem Erfolg des Westens stand – und eine durchaus verdiente. Es war diese selbstbewusste Strategie des Aufbruchs, welche der westlichen Kultur ihre Blüte brachte, die ganze übrige Welt beeinflusste und schließlich zum globalen Fortschritt führte. Dass Professor Winkler die verursachten Kollateralschäden nicht im gleichen Atemzug nennt oder sogar übergewichtet, wie es die political correctness heute vorschreibt, das hat ihm allerdings eine geharnischte Kritik akademischer Kreise und politischer Aktivisten eingebracht. Die Sippenhaftung der Vorzeit wurde in der Postmoderne durch Kulturhaftung abgelöst, die Erbsünde der Religion lebt als die kollektive Sünde der abendländischen Kultur fort.
Heute erleben wir eine Neuauflage der Strategie der Demut durch die Regierungen und die Intellektuellen unserer westlichen Länder, in einem diametral unterschiedlichen geschichtlichen Umfeld als 1949 bei Konrad Adenauer. Die technische und politische Entwicklung des Abendlandes hat zu einem historisch einmaligen Wohlstand geführt. Sie vermochte dabei die Widersprüche nicht zu lösen, welche dem Konzept der liberalen Demokratie inhärent sind – vor allem den nicht aufzulösenden Konflikt zwischen den Geboten der Gleichheit und der individuellen Freiheit. Statt aber auf das Erreichte stolz zu sein, statt nach weiteren Verbesserungen zu suchen und die Aporie der Gleichheit gegen Freiheit zu akzeptieren und zu lernen, mit ihr zu leben, suchen wir heute den gordischen Knoten mit dem Schwert einer selbstzerstörerischen Moral zu zerhauen. Bestehende Unvollkommenheiten werden übergewichtet, Störendes wird nicht am sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt gemessen, sondern an utopischen Vorstellungen über das wünschbar Gerechte. Das Verhalten der Gesellschaft, das im Kontext einer längst vergangenen Zeit als angemessen erachtet wurde, wird unter den heutigen Bedingungen als ›überzeitlich verwerflich‹ gebrandmarkt.
Sollte der Westen und seine liberale Demokratie nicht primär an allem Positiven gemessen werden, was sie der Welt gebracht haben? Sind die zeitbedingten Fehler des Westens mit den Gräueln eines tyrannischen Regimes zu vergleichen, zu deren Abbüßen Henry Kissinger die Strategie der Demut des betagten Adenauers als angemessen empfohlen hat? Ist das ›Versagen‹ des Westens so übergroß? Und ist es ausgerechnet dem heutigen gesellschaftlichen System der gereiften liberalen Demokratie anzulasten, welches die Kraft bewiesen hat, die Fehler der historischen Vergangenheit zu tilgen? Dem einzigen politischen System der Welt, das ein hohes Maß an Freiheit, Wohlstand und Stabilität zu erreichen erlaubte? Demokratisch kaum legitimierte Interessengruppen und Kräfte treiben heute das System an seine Grenzen. Und was machen wir und unsere Intellektuellen? Wir überlassen die Deutungshoheit den Gegnern der liberalen Demokratie – sie beherrschen die Themen, über die gestritten wird. Wir suchen ihren Beanstandungen recht zu geben, auch den überzogenen Kritiken möglichst zuvorzukommen, mit einem Wort, wir pflegen eine Art ›vorauseilenden Gehorsam‹ – eine in dieser Form nicht angebrachte Strategie der Demut, bestenfalls eine Strategie des demütigen Zögerns, der feigen Unentschlossenheit. Wir akzeptieren die Kritik unwidersprochen und voll, zu entschiedener Widerrede unwillig, ja unfähig. Es ist ein Spiel mit Feuer, wir stellen die Demokratie leichtfertig in Frage. Im Ergebnis herrscht ein tolerantes Verständnis für intolerant agierende Kräfte, für machtpolitische Taktik der Kreise, die in Verfolgung ihrer politischen Agenda die Demokratie bewusst oder unbewusst untergraben.
Und für bisweilen skurrile Auswüchse der political correctness. Ursprünglich zur Bezeichnung der Absicht gedacht, Begriffe und Handlungen zu vermeiden, die andere herabsetzen oder kränken könnten, degenerierte political correctness zum Kampfbegriff der linken Szene, um ihr nicht genehme Meinungen als moralisch fragwürdig abzustempeln. Die Meinungsfreiheit wird nicht im Sinne einer offenen Diskussion gepflegt, sondern entsprechend der jeweiligen gruppenspezifischen Gesinnung eingeschränkt – bist Du nicht in unserem Sinne woke, so bist Du nicht unser Diskussionspartner, sondern unser Gegner, Feind, ein Bösewicht, der seine kulturelle und soziale Existenz verwirkt hat. Die Übertreibungen links werden durch Überreaktion rechts der Mitte beantwortet, die rückwärtsgewandten Provokationen der rechten Extremisten führen zu weiteren Eskalationen. Die Gesellschaft wird polarisiert, die angestrebte Diversität wird zu Intoleranz, die ›richtige‹ Moral wird von jeder Minorität für sich beansprucht. Abweichendes Denken ist moralisch unstatthaft. Es gibt keine Konkurrenten und Partner einer bereichernden Diskussion, es gibt nur böswillige Widersacher, die es mundtot zu machen gilt.
Selbstredend hat in einer liberalen Demokratie eine jede Minorität Anspruch auf Berücksichtigung in der Auseinandersetzung um politische Entscheide. Die Meinungsvielfalt ist erwünscht und eine unverzichtbare Voraussetzung der gesellschaftlichen Entwicklung und des Fortschritts. Diese Maxime konkurriert heute aber mit der Gefahr, dass laute Minderheiten ihre partikulären Ansichten der Mehrheit aufzwingen – mit dem perfiden Mittel des ›Marketing des schlechten Gewissens‹.
Und wir, die demokratische Mehrheit, der Mainstream, wir lassen uns oft das schlechte Gewissen der ökologischen Sünder oder der starrköpfigen Technokraten, der Klimakiller oder der Gleichgültigen einreden, und geben den am lautesten agierenden Kreisen immer mehr nach. Die Politik wird moralisiert, die Moral politisiert, die demokratische Auseinandersetzung ausgehebelt. Dies lähmt die Fähigkeit der Gesellschaft, die Herausforderungen der Zukunft anzugehen.
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Dabei kann und muss die Geschichte des Abendlandes als eine Geschichte des Fortschritts geschrieben werden – auch des moralischen Fortschritts. Ergänzen wir die Aufzählung von Professor Winkler: Es war Europas Westen, in dem sich der Humanismus der Renaissance entwickeln konnte, die Reformation und die Aufklärung. Der Westen schenkte der Welt den Buchdruck, der zu moderner Wissensgesellschaft führte. Der Westen war fähig, Ideen aus anderen Kulturen aufzunehmen, wie eben den Buchdruck mit beweglichen Buchstaben aus Korea und China, aber es war erst der Westen, der sie zur Reife brachte und ihre breite Nutzung ermöglichte. Im Westen entstand mit Newtons Differentialrechnung dasjenige Werkzeug, welches das moderne Verständnis der Physik als quantitative Wissenschaft der Dynamik einleitete – seitdem sind mathematisch beherrschbare Abstraktionen der komplexen Wirklichkeit der Naturkräfte möglich. Es war der westliche Genius, der zur Quantenphysik und zur Relativitätstheorie führte,7 ohne die keine Digitalisierung und keine Photovoltaik, kein satellitenbasiertes Internet und keine ausreichende Energieversorgung der Zukunft möglich wäre. Den Fortbestand der liberalen Demokratie können wir aber ohne ausreichende und klimakonforme Energieversorgung nicht gewährleisten. Die Ausbreitung des demokratischen Ideals weltweit dann umso weniger. So schließt sich der Kreis.
Nur sind wir uns dessen kaum bewusst. Wir haben gelernt, unsere westliche Zivilisation als etwas Gegebenes zu betrachten, als etwas Natürliches, das keines Nachdenkens bedarf und einfach vorhanden ist. Vor allem die junge Generation, die bereits im Frieden, lange nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, erlebte, wie der Warenkorb Jahr um Jahr reicher wurde und ihre Handys mit jeder Produktgeneration schärfere Bilder produzierten. Woher sollen die Kinder wissen, dass das Smartphone eigentlich ein Telefon ist, ursprünglich nur zum Sprechen geeignet, und dass sie heute ein technologisches Wunderwerk in der Hand halten? Dieser Generation kann unser historisch einmaliger westlicher Wohlstand auch schon mal als unnötiger Luxus erscheinen, als verderblich im Vergleich zu all den Zivilisationssünden, die ihr von besorgten Kreisen täglich vorgebeten werden.
Unser Bild der Welt ist unzutreffend negativ. Wir realisieren nicht wie gut wir leben, wir erleben kaum, wie breit der Wohlstand bereits gestreut ist, über die sozialen Schichten hinweg bei uns, wie über die Länder der Erde – wir sehen nur das, was unseren Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit noch nicht entspricht. Im Bestreben um eine ideale Situation verlieren wir jedes Maß für das bereits Erreichte und sind bereit, an den Unvollkommenheiten des verzerrten Wirklichkeitsbildes zu verzweifeln. Wie es das Idol der Umweltbewegung Greta Thunberg, im sozial vermutlich fortschrittlichsten Land der Welt Schweden wohl versorgt aufgewachsen, seinerzeit den Staatenlenkern in der Generalversammlung der UN in New York mit wutverzerrter Miene vorgeworfen hat »Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen?«
Das Gefühl, dass etwas noch nicht vollkommen ist, kann zweierlei Folgen haben. Es kann dazu führen, dass Kräfte freigesetzt werden, den unerfreulichen Zustand zu verbessern und etwas Besseres zu erschaffen. Wird das Erkennen des noch nicht Vollkommenen jedoch durch die vorwurfsvolle Missachtung des bereits Erreichten begleitet, so lähmt der Vorwurf die Bereitschaft einer fortgesetzten Anstrengung. Heute sind wir gefährlich nahe an diesem Punkt, unsere Vorstellung vom herrschenden Zustand der globalen Zivilisation ist beängstigend unzutreffend. Statt einer Aufbruchstimmung macht sich das lähmende Gefühl des Misserfolgs breit, die Rezepte der Zukunftsbewältigung tragen statt eines optimistischen Grundtons das Stigma einer ›Strategie des demütigen Zögerns‹. Kein optimaler Zustand, angesichts der Magnitude der gegenwärtigen Krise.
Es tut gut, von Zeit zu Zeit die Videos der Vorträge von Hans Rosling, dem inzwischen verstorbenen schwedischen Forscher und begnadeten Kommunikator, anzusehen, oder sein mittlerweile in der 15. Auflage vorliegendes Buch Factfulness zur Hand zu nehmen.8 Rosling geht mit unseren Vorurteilen über die globale Situation der Menschheit unerbittlich ins Gericht und zeigt, dass unsere Sicht der Welt und der sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung der letzten Dekaden viel zu negativ geprägt ist. Rosling stellt einfache Fragen mit drei Antwortmöglichkeiten und führt Statistik über die erhaltenen Antworten. Es sind weniger die richtigen Antworten, die einem zu denken geben (diese kann man in diversen Statistiken der UN und anderer internationaler Organisationen nachsehen), als der Prozentsatz der richtigen Antworten – die kaum je auf der positiven Seite liegen und deutlich zeigen, wie negativ wir die Welt sehen.
Beispiel: Wie viele Mädchen absolvieren heute eine fünfjährige Grundschulausbildung in den Ländern mit niedrigem Einkommen?
A: 20 Prozent
B: 40 Prozent
C: 60 Prozent
Die richtige Antwort ist C, 60 %, überraschend viel – der Prozentsatz der von den Teilnehmern Rosling’scher Vorträge in verschiedenen Ländern der Welt gegebenen richtigen Antworten schwankt jedoch zwischen 11 % in Schweden und 4 % in Spanien (S. 13 und 320). Die Nachrichten über die extreme Frauendiskriminierung in Afghanistan dominieren unsere Sicht auf die Gesamtsituation der Welt.
Zwei weitere Beispiele: In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Bevölkerung …
A: nahezu verdoppelt
B: nicht oder nur unwesentlich verändert
C: deutlich mehr als halbiert
Die richtige Antwort ist wieder C, mehr als halbiert – der Prozentsatz richtiger Antworten schwankt zwischen 25 % in Schweden und 2 % in Ungarn (S. 13 und 321). Auch hier: Die Dominanz der Bilder halbnackter, unterernährter indigener Bevölkerung in unseren Medien prägt unsere negative Erwartung.
Wie viele Menschen auf der Welt haben ein gewisses Maß an Zugang zu Elektrizität?
A: 20 Prozent
B: 50 Prozent
C: 80 Prozent
Die richtige Antwort ist 80 % – der Prozentsatz richtiger Antworten schwankt zwischen 32 % in Norwegen und 14 % in Spanien (S. 15 und 325). Und so geht es weiter mit den meisten Themen in Roslings Frage-und-Antwort-Spiel.
Unsere Unwissenheit der globalen Zustände ist bedenklich, und noch schlimmer ist, dass wir praktisch immer den negativeren Zuständen die höhere Wahrscheinlichkeit zumessen. Wir realisieren nicht, dass sich die bei uns im Westen herrschenden positiven Zustände nach und nach in andere Gegenden der Welt ausbreiten, dass sich die Lage auch in den Schwellenländern bessert – primär dank der Verbreitung des westlichen urbanen Lebensstils, der westlichen Technologie und Wirtschaftsordnung. Und in der Tat, die Metropolen der Welt sehen einander zum Verwechseln ähnlich, die begrenzte verfügbare Fläche zwingt überall zum Bauen in die Höhe, Wolkenkratzer dominieren heute Abu Dhabi oder Riad, Moskau oder Shanghai wie früher New York und Chicago. Der Westen hat sich auch architektonisch durchgesetzt, die Zimmer der internationalen Hotels gleichen einander weltweit, unabhängig vom herrschenden gesellschaftlichen System. Unterteilt man die Weltbevölkerung grob nach Einkommensklassen, so definieren diese den Lebensstil mehr als das regional respektive länderweise Spezifische. Die Positiva wie Negativa unseres wirtschaftlichen Systems werden auch im Rest der Welt empfunden. Das politische System der liberalen Demokratie bleibt jedoch mit wenigen Ausnahmen auf das Abendland beschränkt – die Hoffnungen auf den ›Export‹ der Demokratie haben sich nicht im erwarteten Ausmaß erfüllt.
