Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In Garstingen, einem unbedeutenden Dörfchen im Lande Eraluvia, wohnt Pennyflax der Kobold, dessen Leben bisher in geregelten Bahnen verlief: Ab und zu jemandem einen Streich spielen, mit seinem Drachling Fauch auf Entdeckungstour gehen und knackige Maden genießen. Oder den Geschichten von Meister Snagglemint lauschen, dem alten Magiker des Dorfes, der eine Vorliebe für sonderbare Souvenirs hegt. Natürlich gibt es da noch Shirah, das Koboldmädchen, von der Pennyflax insgeheim schwärmt, sie aber nur wegen ihrer Heilkünste aufsucht, damit sie nicht auf den Gedanken kommt, er würde sie mögen. Denn Küssen findet er eklig. Alles in bester Ordnung demnach. Bis Pennyflax eines Tages im Druntertal das Luftschiff von Lunosilubra, dem Mondmann entdeckt. Der blasse Fremdling mit den Telleraugen kann nicht mehr zum Mond heimkehren, weil sein Antriebskristall von einer Bande Goblins gestohlen wurde. Da Pennyflax weiß, dass die Schurken im Dienste von Sulferion dem Hexenmeister stehen, erklärt er sich bereit, die Verfolgung aufzunehmen und den Kristall zurückzuholen. Gemeinsam mit seinem Drachling Fauch und Shirah dem Koboldmädchen bricht Pennyflax in die Brennenden Lande auf und lernt auf seiner Reise durch Eraluvia nicht nur die fremdartigsten Wesen kennen, sondern erlebt das größte Abenteuer, das je ein Kobold erlebt hat: Er schleicht sich in den Feuerberg ein und begegnet Sulferion dem Hexenmeister.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Andreas Bulgaropulos
PENNYFLAX
und der Hexenmeister vom Feuerberg
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Eine Kobold-Abenteuergeschichte für Jung und Alt
Pustekuchen
Gefahr im Druntertal
Goblins!
Unerwartete Unterstützung
Hinab in den Brunnen
Durch die Tiefen der Erde
Knorzowurz
Ein Gasthaus und zehn Rotzlinge
Zwei Elfen sind zwei zu viel
Flöte und Schlingpflanzen
Phil
Eine Harpyie namens Hildegard
Der Feuerberg
Vermaledeite Mine
Gurag
In höchster Not
Höhle des Löwen
Sulferion
Drachenatem
Fauch der Retter
Heimweg
Zurück in Garstingen
Über den Autor
Impressum neobooks
Pennyflax war ein Kobold und liebte Kuchen, vor allem Pustekuchen. Deshalb hüpfte er schon vor Sonnenaufgang aus dem Bett, schärfte seine Zähne, so wie jeder gute Kobold dies morgens und abends tat, und stopfte seine Wuselhaare unter den Schlapphut, den er nur zum Schlafen absetzte. Dann hängte er sich seine Zwille an den Gürtel, zog seine löchrige Jacke an und war bereit, sich auf den Weg ins Druntertal zu machen, wo die Flausenpflanzen wuchsen. Denn die, so hatte Murksipfusch der Bäcker ihm erklärt, waren die Hauptzutat für den Pustekuchen.
»Pah! So ein Schlauschleimer«, grummelte Pennyflax vor sich hin, während er die Leiter von seinem Baumhaus zum Waldboden runterkletterte. »’Türlich weiß ich seit tagein-tagaus-und-noch-mehr-Weltgedrehe, dass mein Lieblingskuchen aus Flausenpflanzen gemacht wird. Glaubt denn Murksipfusch, ich wäre ein Kobold von gestern oder übergestern? Verzwurbeldingst nochmal! Der wird Augen glubschen, wenn ich ihm einen ganzen Sack voller Flausen bringe, die vor lauter Leichtigkeit das Dach seiner Backstube wegfliegen lassen!«
Sack war ein gutes Stichwort. Pennyflax sprang von der letzten Leitersprosse ins weiche Moos, lief um seinen Wohnbaum herum – eine alte Eiche, auf der er seit 145 Jahren lebte – und kam beim Werkzeugschuppen an, der windschief am Stamm der Eiche lehnte. Er öffnete die Tür, um nach einem der Säcke zu greifen, die sich in der Dunkelheit stapelten. Als er jedoch mit seiner Hand danach tastete, spürte er etwas Raues unter seinen Fingern. Etwas Raues, Schuppiges und Warmes, das ein Schnaufen ausstieß. Vorsichtig zog Pennyflax einen der Säcke unter dem Etwas hervor, aber er hatte Pech, denn auf einmal leuchteten im Dunkeln zwei gelbe Augen auf, die ihn anblinzelten. Keine Sekunde später loderte eine Flamme an seinem Gesicht vorbei und versengte ihm nicht nur einen Haarbüschel, sondern auch einige Spinnweben an der Decke, deren Bewohnerinnen vor Schreck flüchteten.
Pennyflax riss den Sack ins Freie und wollte die Schuppentür zuschlagen, doch ehe sie ins Schloss fiel, wurde sie von drinnen aufgestoßen und ein kleiner roter Drache fegte mit einem freudigen Fauchen auf ihn zu, flatterte an ihm hoch und brachte ihn beinahe zu Fall. Genauer gesagt handelte es sich um einen Drachling, den Pennyflax vorletztes Jahr auf der Kargfelsen-Ebene gefunden hatte, einem Gebiet, zwei Tagesschlendereien von hier entfernt.
»Oh nein, Fauch! Sitz!«, schimpfte Pennyflax mit dem Drachling. »Kannst heute nicht mit mir kommen, denn ich muss ins Druntertal, die Flausen für den Kuchen besorgen. Weißt nämlich ganz genau, dass dort alles in Flammen aufgeht, wenn du auch nur einmal niest. Sei also schön brav und warte hier, bis ich heute Nachmittag zurück bin. Kriegst zur Belohnung auch einen leckeren Feuerstein. Abgedingst?«
Fauch setzte sich auf seine Hinterläufe, faltete die Flügel zusammen und blickte sein Herrchen mit großen gelben Augen an. Dann ließ er den Kopf hängen und trottete zurück zum Schuppen, wo er sich auf die Fußmatte legte. Von dort aus beobachtete er den Kobold, wie dieser den Sack über die Schulter warf, zum Zauntor marschierte und auf den Waldweg hinaus trat.
Die Vögel zwitscherten in den Bäumen, Morgentau schimmerte auf den Blättern, und langsam lichtete sich der Frühnebel, durch den die ersten Sonnenstrahlen brachen.
Pennyflax spazierte den Hauptweg des Kobolddorfes hinunter, das den bedeutungsvollen Namen »Garstingen« trug und in dem genau 52 Kobolde lebten. Nicht alle von ihnen wohnten in Baumhäusern, so wie Pennyflax. Viele seiner Nachbarn hatten sich ihr Heim unter den Wurzeln oder in den Stümpfen umgestürzter Bäume eingerichtet. Manch einer war sogar in eine kleine Höhle zwischen den Felsen gezogen, und da ein Kobold nicht größer als dreißig Zentimeter wurde, boten die verschiedenen Behausungen reichlich Platz, oft für eine ganze Familie.
Eines jedoch hatten alle Wohnungen gemeinsam, ob sie sich nun oben in den Ästen oder am Boden befanden: Sie lagen am Ufer des Baches, der sich durch den Wald schlängelte und Rauschebach genannt wurde – weil er eben rauschte. Und da zwischen dem Bach und den Häusern der Hauptweg des Dorfes entlangführte, bot sich Pennyflax ein guter Überblick, wer um diese Uhrzeit bereits auf den Beinen war.
Da trat zum Beispiel die alte Booja aus ihrer Wurzelhöhle. Sie war mindestens doppelt so dick wie jeder andere hier und besaß für eine Koboldfrau enorme Muskeln. Es ging das Gerücht, dass sie in ihrer Jugend einen Goblin umgehauen hatte, der ihr ein Glas Brombeermarmelade hatte stehlen wollen, und Goblins waren zweimal so groß wie Kobolde. Booja reckte und streckte sich, blickte griesgrämig auf eine Schnecke, die in ihrem Vorgarten den Tau von den Pflanzen schlürfte, und brummte: »Habe gestern wohl zu viel Blödwurztee getrunken … sehe schon Weinbergschnecken, die gar keinen Wein trinken.« Dann schnäuzte sie ihre Nase in die Hand, wischte sich den Schleim an die Schürze und beschwerte sich über das schrecklich gute Wetter.
Pennyflax grüßte höflich, auch wenn Booja ihm nie so ganz geheuer gewesen war, und erreichte das nächste Grundstück, auf dem Schlonzo der Tüftler lebte. Schlonzo war wie immer früh aufgestanden und arbeitete schon, denn man hörte sein wüstes Schimpfen bereits von Weitem: Er saß neben seinem selbstgezimmerten Holzhaus und brüllte einige Balken an, die sich unter den Flüchen zu biegen begannen. Pennyflax klopfte an den Zaun und rief: »Miesepetrigen Morgen, Schlonzo. Was wird’s denn diesmal? Ein Dings, äh … ein Boot vielleicht, mit dem man über den Rauschebach bis zum Blauwassersee schippern kann?«
Schlonzo hielt mit verschwitztem Gesicht inne, wischte sich einige Sägespäne von seiner braunen Koboldhaut und schnaufte: »Nö, verflucht noch eins! Wird nix so Abenteuerliches. Wird bloß ’n Badezuber für meine Frau, damit sie heute Abend ihr Schlammbad in der Wohnung nehmen kann … obwohl das auch vertüftelt abenteuerlich werden dürfte. Und du? Wohin des Wegs?«
»Flausen für Murksipfusch besorgen«, erklärte Pennyflax. »Hab mir ’nen Pustekuchen gewünscht!«
»Bäcker müsste man sein«, seufzte Schlonzo. »Da darf man bis mittags schnarchen, schwuppidiwuppi was backen und sich wieder hinhauen. Ich aber kann mir so einen Faulpelz nicht überziehen und muss holzen was das Zeug hält. Mürrischen Tag, wünsche ich.« Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr Schlonzo mit dem Fluchen fort und tat dies mit einer solchen Inbrunst, dass sich die Balken bis auf den Boden bogen.
Pennyflax winkte ihm zu und schlenderte weiter den Hauptweg am Bachufer entlang. Er grüßte noch einige Bewohner vor ihren Behausungen und erreichte den Waldrand, der gleichzeitig das Ende des Kobolddorfes markierte.
Da ihn die zwei letzten Häuser am meisten interessierten, ging er hier besonders langsam. Er warf neugierige Blicke durch das Dreieckfenster des vorletzten Hauses, doch drinnen rührte sich nichts. Shirah wohnte hier, ein Koboldmädchen, das zwar erst 122 Jahre alt war, sich aber bestens mit Heilkräutern und dem Herstellen von Salben auskannte. Pennyflax hatte sie vergangenen Monat aufgesucht, als sein Drachling Fauch einen Splitter in der Pfote hatte und die Wunde zu eitern begann. Dank Shirahs Behandlung war die Verletzung in null Komma nichts geheilt, und seitdem hielt Pennyflax große Stücke auf das Koboldmädchen – obwohl er das vor niemandem zugegeben hätte, schon gar nicht vor ihr. Sie begegnete ihm zwar mehrmals am Tag, aber er schaute immer in eine andere Richtung, damit sie ja nicht auf den Gedanken kam, er würde sie mögen. Denn das kannte man ja bei Mädchen: Glaubten sie, dass man sie mochte, wollten sie gleich einen Kuss haben, und Küssen war eklig.
Und im letzten Haus des Dorfes wohnte Meister Snagglemint. Er war mit seinen 589 Jahren der älteste Kobold in Garstingen, genoss ein hohes Ansehen und bezeichnete sich selbst als Magiker, als jemand, der die Zauberei praktizierte. Daher prangte ein Schild über seiner Eingangstür, auf dem in Schönschrift stand: »Magiker für alle Gelegenheiten und Verwegenheiten«.
Weil also Meister Snagglemint so weise und gebildet war und haufenweise Bücher in fremden Sprachen las, fragte Pennyflax ihn gerne um Rat, wenn ihm beim Umherwandern in der Welt etwas Unerklärliches begegnete. Oder er bat den Alten, einen Haarbändigungszauber zu wirken, wenn ihm die Büschel mal wieder in alle Richtungen abstanden und sein Hut nicht sitzen wollte. Zudem verstand sich Meister Snagglemint auf die Produktion von Knallfröschen, von denen Pennyflax immer ein paar in der Hosentasche hatte. Das Beachtlichste aber war Snagglemints grauer Bart, der fast bis zum Boden reichte, sowie sein Zauberstab, auf dessen Spitze ein Smaragd glühte. Anscheinend jedoch hatte der Alte letzte Nacht wieder lange studiert, da nichts von ihm zu sehen war.
Schließlich spazierte Pennyflax aus seinem Dorf hinaus und überquerte die Steinbrücke, die sich über den Rauschebach schwang. Und obwohl die Sonne am Horizont aufging, die Insekten auf der Wiese summten und dies ein garstig schöner Sommertag zu werden versprach, beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass heute irgendetwas passieren würde.
Nachdem Pennyflax die Brücke überquert hatte, erreichte er auf der anderen Seite des Rauschebachs eine Trauerweide, deren Äste das Wasser berührten. Er kletterte neben dem Weg zum Bachbett hinunter, kniete sich am Fuß des Baumes hin und tastete unter den Wurzeln herum. Nur Augenblicke später wurde er fündig und zog einen dicken Engerling aus der Erde, dann noch einen und noch einen. Ohne zu zögern, steckte er sich die zappelnden Käferlarven in den Mund und zerkaute sie mit Genuss, so dass es knackte – ein köstliches Frühstück. Anschließend stieg er wieder hoch zum Weg, holte seine Flasche aus der Hutkrempe und befüllte sie am Himbeerbusch mit Himbeersaft. Dann schlenderte er weiter.
Während Pennyflax an einem Zaun entlang spazierte und sein Lieblingslied vor sich hin pfiff, beobachtete er die zwei Kobolde Triefauge und Schniefnase, wie sie hinter dem Zaun eine Herde Wollmäuse über die Wiese trieben. Die Wollmäuse tollten fröhlich umher und sahen aus wie wuschelige Kugeln, die übereinander hüpften. Sie gaben Wolle und Milch, aus der die Garstinger warme Kleidung und einen vorzüglichen Käse herzustellen vermochten. Leider waren Triefauge und Schniefnase ziemlich faule Schäfer, weshalb die Tiere manchmal ausbüxten und sich an Stellen herumtrieben, wo man sie gar nicht gerne sah. Doch abends kehrten sie brav zu ihrer Weide zurück. Wollmäuse besaßen sogar einen ausgeprägten Sinn für Schabernack, denn wenn sie genügend Blaukraut gefressen hatten, pupsten sie mit Triefauge und Schniefnase um die Wette.
Schon bald lagen Pennyflax’ Dorf und die Wollmäuse hinter ihm. Er wanderte kilometerweit über die Landstraße, durchquerte ein Wäldchen mit einem Tümpel, an dem mehrere Firlefanzfeen tanzten, und kam an der Ruine einer alten Gnomenburg vorbei, in der es nachts spukte. Am Gelbeitersumpf nahm er die Beine in die Hand, da man sich in dieser Gegend besser nicht zu lange aufhielt: Dort hauste Swampdotti, ein vieläugiges Sumpfmonster, das der Legende nach eine schöne Elfenprinzessin gewesen war, bis Sulferion, der Hexenmeister des Feuerberges, sie verflucht hatte. Seitdem lauerte Swampdotti in den Sümpfen unvorsichtigen Reisenden auf, um sie in den Morast hinab zu ziehen.
Über die anderen Landesteile von Eraluvia, der Welt, in der Pennyflax lebte, wusste der Kobold nicht allzu viel. Am besten waren ihm die »Weidenwiesen« bekannt, ein Feuchtgebiet im Westen, mit Teichen, Schilfbüschen und dem Blauwassersee in der Mitte. Dann gab es die Kargfelsen-Ebene im Nordwesten, hinter der sich die Brennenden Lande erstreckten und die Sulferion der Hexenmeister beherrschte. Im Norden lagen der Finsterwald und noch höher hinauf das Frostspitzen-Gebirge, wo Eisgeister und Schneetrolle hausten. Und schließlich im Osten, weit weg von hier, lag Viancáru, das Elfenreich. Doch diese fernen Gebiete hatte kaum ein Kobold zu Gesicht bekommen. Genauso wenig wie die Küste des stürmischen und gefährlichen Ozeans an den Südklippen.
Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel, an dem kein Wölkchen zu sehen war, und Pennyflax dachte bei sich, wie abscheulich er schönes Wetter eigentlich fand. Denn wie es sich für einen ordentlichen Kobold gehörte, liebte er Regenwetter. Wenn es wie aus Eimern schüttete, wenn Blitze über den Himmel zuckten und der Donner so laut knallte, dass es einem die Fußnägel aufkrempelte – dann fühlte er sich am wohlsten. Aber seit er ein Haustier besaß, hatte er sich an die Sonnentage gewöhnt, da Fauch ungerne bei schlechtem Wetter auf Entdeckungstour ging.
Überhaupt hatte der Drachling für eine Menge Wirbel gesorgt, als Pennyflax ihn vor zwei Jahren mit in sein Dorf gebracht hatte. Einige der Koboldkinder waren vor Angst bis auf die Baumspitzen geklettert, und die Älteren hatten vor Wut ihre Messer oder Stöcke gezogen und gefordert, der »gefährliche Feuerspucker« möge wieder dorthin verschwinden, wo er hergekommen war. Doch Pennyflax vermochte seine Mitbürger schnell von Fauchs Nutzen zu überzeugen, denn der Drachling konnte nicht nur mit seinem Flammenatem Sand zu Glas schmelzen, wodurch die Kobolde im Ort endlich Fenster für ihre Behausungen bekamen. Sondern er war eine prima Abschreckung gegen die bösartigen Hornissen, die bis dahin regelmäßig das Dorf heimgesucht hatten. Darum durfte Fauch bleiben, und alle Kobolde akzeptierten ihn mittlerweile. Bloß seine Nahrung zu besorgen, gestaltete sich schwierig, da er ausschließlich Feuersteine fraß, die man nur auf der Kargfelsen-Ebene oder dahinter in den Brennenden Landen fand. Doch so weit wagte man sich lieber nicht vor, denn Sulferions Goblins machten Jagd auf jeden, der sich dorthin verirrte.
Pennyflax blieb auf einer Anhöhe stehen und legte die Hand über die Augen. Er hatte sein Ziel erreicht. Unter ihm erstreckte sich das Druntertal, eine Senke, in der Obstbäumchen blühten, frisches Gras spross und durch die sich ein Fluss schlängelte, an dessen Ufern man wunderbar fischen konnte. Und natürlich wuchsen hier auch die Flausenpflanzen. Am anderen Ende des Druntertals erhob sich der Drüberhügel, dessen Hänge in der Mittagshitze flimmerten, und dahinter, in der Ferne, erkannte man den Finsterwald.
Gut gelaunt spazierte Pennyflax den Weg bergab, bis er unten im Tal ankam. Nach nur wenigen Metern flockten ihm bereits die Flausen entgegen, die vom Wind im ganzen Druntertal verteilt wurden und sich wie Zuckerwatte in den Grasbüscheln, den Farnen und den Ästen der Apfelbäume verfingen. Sofort zog Pennyflax den Sack hervor, den er mitgebracht hatte, und begann die Flausen hineinzustopfen. Er musste sich nicht einmal die Mühe machen, die Samenkapseln der Flausenpflanzen zu öffnen, die die Größe von Köpfen besaßen. Denn so viele der watteähnlichen Bäusche wirbelten durch die Luft, dass er vor Vergnügen jauchzte, von einer Stelle zur nächsten rannte und gar nicht wusste, wie er diese Schätze nach Hause bringen sollte. Sogar am Ufer des Flusses türmten sich die Flausen zu kleinen Bergen auf, was den Eindruck erweckte, als ob Schaum oder flauschige Eisschollen übers Wasser trieben.
In weniger als zehn Minuten hatte Pennyflax seinen Sack gefüllt und musste sich nach irgendeinem anderen Behältnis umsehen. Er suchte eine Stelle, die er leicht wiederfinden konnte und versteckte den Sack unter einem Felsen, bei dem viele hübsche aber giftige Fingerhutblumen wuchsen. Dann lief er weiter in das Tal hinein, in der Hoffnung, wenigstens einen Windbeutelbusch zu entdecken. Hatte man nämlich den Wind erst mal aus den Windbeuteln herausgelassen, boten sie viel Platz für alle möglichen Dinge.
Um eine bessere Übersicht zu haben, kletterte Pennyflax auf einen Apfelbaum und ließ den Blick schweifen. Gerade als er tatsächlich einen Windbeutelbusch entdeckt hatte und wieder von dem Baum heruntersteigen wollte, bemerkte er in zehn Metern Entfernung etwas Funkelndes zwischen den Büschen. Er schaute genauer hin und erkannte ein Ding, das in der Sonne glänzte. Ein Gebilde, das Ähnlichkeit mit einem riesigen Edelstein besaß und in seiner Größe einem Koboldhaus gleichkam.
Neugierig geworden ließ sich Pennyflax ins Gras plumpsen und lief schnurstracks in die Richtung des Funkelgebildes. Dabei murmelte er vor sich hin: »Verzwurbeldingst! Hab noch nie so ein Riesenedelsteinhaus gesehen. Denn wenn ich’s schon mal gesehen hätte, wüsste ich ja, ob dieses glitzernde Dingsbumsding da drüben gefährlich ist oder nicht.«
Während er sich vorsichtig dem Funkelgebilde näherte und die Flausen bereits vergessen hatte, drang ein Geräusch an seine Spitzohren, das zunächst wie das Säuseln des Windes, dann wie eine zarte Melodie klang. Je näher Pennyflax dem Objekt kam, desto lauter wurde die Melodie und desto mehr verzauberte sie ihn. Schließlich schob er einige Farnzweige beiseite, trat durch das Gestrüpp – und ihm fiel vor Staunen die Kinnlade runter: Das, was sich da vor ihm auf der Wiese erhob, reichte bis an die Kronen der Apfelbäume heran und wirkte tatsächlich wie ein riesiger Saphir, ein blauer Edelstein, in dessen Facetten sich das Sonnenlicht brach.
Pennyflax musste die Hand vor seine Augen halten, weil ihn die Helligkeit so blendete. Mit allergrößter Wachsamkeit umrundete er das fremdartige Gebilde und fand heraus, dass es eine Tropfenform besaß, deren Spitze gen Himmel zeigte und deren dickes Ende auf dem Boden stand. Jedoch nicht direkt auf dem Boden, sondern auf drei Stützfüßen, die in der Erde steckten. Das Interessanteste aber war die Öffnung auf der Rückseite des Riesensaphirs, aus der die Melodie ertönte, die wie ein Glockenspiel in Pennyflax’ Ohren klingelte.
Noch viel vorsichtiger, doch von der Neugier getrieben, schlich er zu der Öffnung, robbte sich die letzten Meter auf dem Bauch heran und spähte hinein. Drinnen glitzerte alles, wie in einem blau erleuchteten Haus. Oder als ob man unter Wasser die Augen öffnete und in einen See blickte. Dann erkannte Pennyflax Einzelheiten, wie einen großen Tisch, davor einen Sessel und drumherum verteilt viele Hebel, Knöpfe und Blinklichter, ähnlich wie bei einer Maschine. Und rechts an der Wand, auch in blau, glaubte er eine Karte von Eraluvia zu erkennen. Nur auf der linken Seite lag etwas Grünes in der Ecke, das sich bewegte und schnaufte. Es machte sich am Boden zu schaffen und zerrte an einem dreieckigen Kristall herum, aus dem jene Glockenspielmelodie drang.
Plötzlich sprang das grüne Etwas vom Boden hoch, stieß einen triumphierenden Schrei aus und drehte sich um. Pennyflax erschrak zutiefst, als er erkannte, wer dieser Grünhäuter war: ein Goblin! Die hässliche Kreatur mit den roten Augen und Raubtierkrallen hatte den dreieckigen Melodiekristall aus der Halterung am Boden gerissen und stürzte nun mit seiner Beute zum Ausgang. Gerade rechtzeitig vermochte sich Pennyflax zur Seite zu rollen und hinter einem Busch zu verstecken, da sprang der Goblin auch schon aus dem Edelsteinhaus nach draußen, rannte über die Wiese und verschwand zwischen den Bäumen.
Die Melodie verklang währenddessen.
Wie gelähmt lag Pennyflax im Gras und fragte sich, was ein Goblin im Druntertal zu suchen hatte. Bisher waren ihm die grünhäutigen Räuber nur wenige Male begegnet, denn sie lebten fern von hier in den Brennenden Landen und gehorchten den Befehlen von Sulferion dem Hexenmeister. Ihr Erscheinen bedeutete immer Ärger, doch wenn sie sich auf ihren Beutezügen mittlerweile bis ins Druntertal vorwagten, befand sich vielleicht auch Garstingen in Gefahr. Eine weitere gute Frage war, ob das blaue Edelsteinhaus, mit seinen Hebeln und Blinklichtern im Inneren, den Goblins gehörte. Möglicherweise handelte es sich um eine Kriegsmaschine. Doch warum hatte der Grünhäuter dann den dreieckigen Melodiekristall gestohlen?
Pennyflax hatte den Schock überwunden und nahm die Verfolgung des Goblins auf. Er musste herausfinden, ob tatsächlich eine Bedrohung für sein Heimatdorf Garstingen und die Kobolde bestand.
Ohne auch nur einen weiteren Gedanken an die Flausen oder den Pustekuchen zu verschwenden, hetzte Pennyflax durch das Gestrüpp des Druntertals, immer dem Goblin hinterher. Die Spur war nicht schwer zu verfolgen, da die grünhäutige Kreatur überall, wo ihre Krallenfüße den Boden berührten, Abdrücke hinterließ, in denen das Gras verdorrte. Außerdem vermochte Pennyflax den Gestank zu riechen, der in der Luft hing, denn Goblins fraßen ausschließlich Totes – und badeten bestimmt nur einmal alle hundert Jahre. Doch selbst ohne die Fußabdrücke und den Gestank war die Verfolgung ein Leichtes: Der Goblin hatte den Melodiekristall gestohlen, dessen Glockenspieltöne leise aber deutlich zu hören waren.
Nach zehn Minuten Verfolgungsjagd, die Pennyflax durch das Druntertal bis vor den Drüberhügel geführt hatte, stoppte er am Rande einer Lichtung, die von Walnussbäumen und Brennnesseln umringt war. Auf Zehenspitzen schlich er weiter voran, um einen Blick hinaus auf die Lichtung zu werfen, doch bevor er etwas sah, hörte er Schreie und ein Grunzen, das wie Gelächter klang und aus mehreren Kehlen erschallte.
Verzwurbeldingst!, dachte Pennyflax bei sich und schielte zwischen den Brennnesseln hindurch. Hat mir die Sonne mein Gehirn geröstet oder sehe ich da draußen fünf Goblins?
Doch er hatte sich nicht getäuscht: Auf der Lichtung brannte ein Lagerfeuer, vor dem sowohl der Goblin mit dem Melodiekristall als auch vier seiner Brüder einen Freudentanz aufführten, vermutlich wegen der Beute, die sie gemacht hatten. Jeder der grünhäutigen Widerlinge trug einen Zopf oben auf seinem Schädel, als einziges Kleidungsstück einen Lendenschurz und war behängt mit Halsketten, Ohr- und Nasenringen, die aus Knochen bestanden. Während sie ausgelassen umherhüpften, traten sie immer wieder auf etwas ein, das am Boden lag und das Pennyflax von seiner Position aus nicht erkennen konnte. Deshalb schlich er ein Stück um die Lichtung herum, und endlich bot sich ihm ein guter Blick auf das Geschehen.
Dort, mitten auf der Wiese, kauerte vor den Goblins ein Wesen, wie es Pennyflax noch nie zuvor gesehen hatte. Es besaß eine bleiche, silbrig schimmernde Haut, war sehr schlank und trug Gewänder, die so leicht wie Geistertuch im Wind flatterten. Noch außergewöhnlicher war jedoch das Licht, das der Fremdling am ganzen Körper ausstrahlte und das den Boden um ihn herum beleuchtete. Auf seinem Kopf saßen zwei längliche Dinger, die Pennyflax zunächst für Hörner hielt, sie aber kurz darauf als Ohren erkannte. Zudem schien der Fremde verletzt zu sein, denn er stöhnte und wälzte sich im Gras.
Pennyflax vermochte nun auch das Gegrunze der Goblins zu verstehen, deren Anführer offenbar Gurag hieß und derjenige war, der den dreieckigen Melodiekristall aus dem Edelsteinhaus erbeutet hatte.
»Huar har har!«, grölte der Goblinanführer hämisch und drohte dem Fremden mit seinem Messer. »Bleichling bestimmt traurig, weil seine Flugmaschine kaputt! Aber Bleichling bestimmt noch viel trauriger, weil Gurag nun seinen Melodiekristall hat! Gurag bringt Kristall und Bleichling zum Feuerberg. Sulferion wird Gurag belohnen, weil er kostbare Beute gemacht hat, und vielleicht schickt Sulferion Gurag zurück, auch die Maschine zu holen, mit der Bleichling vom Himmel fiel. Dann wird Gurag berühmt und zum Chef aller Goblins der Brennenden Lande ernannt. Doch vorher …«, der Goblinanführer beugte sich grinsend zu dem Fremden hinunter, packte ihn mit seiner Krallenhand an der Kehle und funkelte ihn aus seinen roten Augen an. »Vorher werden Gurag und seine Jungs den Bleichling noch ein bisschen quälen! Huar har har!« Die anderen Goblins fielen in das Gelächter ihres Anführers ein und tanzten wild um den Gefangenen herum.
Pennyflax konnte gar nicht hinschauen, so gemein fand er diese Grobiane. Doch immerhin hatte er begriffen, dass das blaue Edelsteinhaus nicht von den Goblins stammte, sondern tatsächlich eine Maschine war, die dem Fremden gehörte. Und wahrscheinlich waren die Goblins auch nicht ins Druntertal gekommen, um von hier aus nach Garstingen zu marschieren. Trotzdem konnte Pennyflax die Quälerei des Fremdlings unmöglich zulassen. Denn er war zwar ein Kobold und immer zum Streichespielen bereit, aber er hasste Ungerechtigkeit. Vor allem dann, wenn mehrere auf einen losgingen. Deshalb begann er zu grübeln, ob er gegen die fünf Gegner, die alle doppelt so groß waren wie er selbst, auch nur die geringste Chance hatte. Nur eine List konnte da helfen.
