Percy Jackson - Diebe im Olymp (Percy Jackson 1) - Rick Riordan - E-Book
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Beschreibung

Percy, Götter und Monster –durchgehend mit prächtigen, farbigen Illustrationen!

Percy kann es nicht fassen: Sein verschwundener Vater ist der Meeresgott Poseidon! Plötzlich ergibt alles einen Sinn: Sein Verständnis der griechischen Sprache, seine Affinität zu Wasser und vor allem, warum ihn ständig irgendwelche Monster aus der griechischen Mythologie verfolgen! Doch zum Glück findet er in Camp Half-Blood, dem Zufluchtsort für Halbblute wie ihn, treue Freunde: Annabeth, die Tochter der Athene und Grover, den Satyr. Zusammen müssen sie es mit einem mächtigen Feind aufnehmen: Kronos, dem Titanen!

Das ideale Geschenk für jeden Fan – und natürlich alle Neuleser.

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Seitenzahl:0

Sammlungen



Außerdem von Rick Riordan im Carlsen Verlag erschienen:Percy Jackson – Diebe im Olymp Percy Jackson – Im Bann des Zyklopen Percy Jackson – Der Fluch des Titanen CARLSEN Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. Alle deutschen Rechte bei CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2006 Neu bearbeitete Ausgabe 2010 Originalcopyright © 2005 by Rick Riordan Originalverlag: Hyperion Books for Children Permission for this edition was arranged through the Nancy Gallt Agency Originaltitel: PERCY JACKSON AND THE OLYMPIANS – THE LIGHTNING THIEF Umschlagbild © Helge Vogt/trickwelt nach einem Entwurf von Kerstin Schürmann Umschlaggestaltung und -typografie © Kerstin Schürmann, formlabor Aus dem Englischen von Gabriele Haefs Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92000-0 Mehr über die griechischen Gottheiten, Helden und Monster unterwww.percyjackson.de Alle Bücher im Internet unterwww.carlsen.de

Liebe Sterbliche, die ihr dies lest:

Ich habe beim Fluss Styx geschworen, dass alles, was in diesem Buch erzählt wird, pure Erfindung ist.

Es gibt keinen zwölf Jahre alten Jungen Perseus »Percy« Jackson. Die griechischen Gottheiten sind einfach nur alte Mythen. Und selbstverständlich zeugen sie im einundzwanzigsten Jahrhundert keine Kinder mit Sterblichen. Es gibt keinen Ort wie Half-Blood Hill, ein Sommercamp für Demigottheiten auf dem östlichen Long Island. Percy ist niemals einem Satyrn oder einer Tochter der Athene begegnet. Und ganz bestimmt haben sie sich nicht zusammen auf den Weg quer durch die USA gemacht, um den Eingang zur Unterwelt zu finden und einen schrecklichen Krieg zwischen den Göttern zu verhindern.

Nachdem dies gesagt ist, muss ich euch dringend bitten, euch gut zu überlegen, ob ihr dieses Buch lesen wollt. Wenn ihr beim Lesen spüren solltet, dass sich in euch etwas regt, wenn euch der Verdacht kommt, dass diese Geschichte etwas aus eurem eigenen Leben beschreiben könnte – dann hört sofort mit Lesen auf. Andernfalls trage ich für die Folgen keinerlei Verantwortung.

Mögen die Gottheiten des Olymps (die es nicht gibt!) über euch wachen.

Mit besten GrüßenChiron Kentauros

Schriftleiter im Camp Half-Blood Hill Ehrenmitglied im Rat der behuften Älteren Mundschenk am Hofe des Poseidon usw. usw.

Inhalt

Aus purem Zufall lasse ich meine Mathelehrerin in Dampf aufgehen  9

Drei alte Damen stricken die Socken des Todes  26

Grover verliert überraschend seine Hose  40

Meine Mutter gibt mir Unterricht im Stierkampf  58

Ich spiele Binokel mit einem Pferd  73

Ich werde Alleinherrscher über das Badezimmer  94

Mein Abendessen löst sich in Rauch auf  115

Wir erobern eine Flagge  131

Mir wird eine Aufgabe angeboten  155

Ich ruiniere einen voll funktionsfähigen Bus  181

Wir besuchen das Emporium der Gartenzwerge  203

Ein Pudel gibt uns gute Ratschläge  226

Ich stürze mich in den Tod  236

Ich werde zum prominenten Flüchtling  253

Ein Gott lädt uns zu Cheeseburgern ein  261

Wir bringen ein Zebra nach Vegas  286

Wir sehen uns Wasserbetten an  313

Annabeth wird Hundetrainerin  333

Wir finden die Wahrheit, irgendwie  352

Ich kämpfe gegen die durchgedrehte Verwandtschaft  376

Ich rechne ab  392

Die Weissagung geht in Erfüllung  415

Danksagungen  440

Glossar  441

Aus purem Zufall lasse ich meine Mathelehrerin in Dampf aufgehen

Echt, ich hab nicht darum gebeten, als Halbblut auf die Welt zu kommen.

Wenn ihr das hier lest, weil ihr auch gern eins wärt, dann rate ich euch: Klappt das Buch ganz schnell zu. Glaubt alle Lügen, die eure Eltern euch über eure Geburt erzählt haben, und versucht ein normales Leben zu führen.

Ein Halbblut zu sein ist gefährlich. Beängstigend. Meistens führt es zu einem schmerzhaften, scheußlichen Tod.

Wenn ihr ganz normale Menschen seid und das hier lest, weil ihr es für einen Roman haltet, alles klar. Weiterlesen. Ich beneide euch darum, glauben zu können, dass das alles nie passiert ist.

Aber wenn ihr euch in diesen Seiten wiedererkennt – wenn sich in euch etwas regt –, dann hört sofort mit Lesen auf. Vielleicht gehört ihr ja zu uns. Und wenn ihr das erst wisst, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie es spüren und sich auf die Suche nach euch machen.

Behauptet nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Ich heiße Percy Jackson.

Ich bin zwölf Jahre alt. Bis vor ein paar Monaten habe ich die Yancy Academy besucht, ein Internat für Problemkinder, das in der Nähe von New York liegt.

Bin ich ein Problemkind?

Ja. Das kann man durchaus so sagen.

Ich könnte an jedem Punkt meines kurzen, elenden Lebens anfangen, um das zu beweisen, aber richtig schlimm wurde alles erst im vergangenen Mai, als wir eine Klassenfahrt nach Manhattan gemacht haben – achtundzwanzig durchgeknallte Kids und zwei Lehrer in einem gelben Schulbus, unterwegs zum Metropolitan Museum of Art, um sich antiken griechischen und römischen Kram anzusehen.

Ich weiß, es klingt wie pure Folter. Die meisten Schulausflüge von Yancy waren pure Folter.

Aber diese Fahrt wurde von Mr Brunner geleitet, unserem Lateinlehrer, und da hab ich mir doch Hoffnungen gemacht.

Mr Brunner war ein Mann in mittleren Jahren, der in einem motorisierten Rollstuhl saß. Er hatte schütteres Haar, einen struppigen Bart und trug eine ausgefranste Tweedjacke, die immer nach Kaffee roch. Eigentlich würde man ihn gar nicht für cool halten, aber er erzählte Geschichten und Witze und ließ uns im Unterricht Spiele machen. Und er hatte eine umwerfende Sammlung von römischen Rüstungen und Waffen, deshalb war er der einzige Lehrer, bei dem ich im Unterricht nicht eingeschlafen bin.

Ich hoffte also, dass dieser Ausflug ganz nett sein würde. Zumindest hoffte ich, dass ich ausnahmsweise einmal keinen Ärger kriegen würde.

O Mann, da lag ich ja so was von schief!

Bei Klassenfahrten habe ich einfach immer Pech. Wie damals, als wir das Schlachtfeld von Saratoga besucht haben. Da passierte dieses Unglück mit der Kanone aus dem Unabhängigkeitskrieg. Ich hatte natürlich nicht auf den Schulbus gezielt, aber von der Schule gefeuert wurde ich trotzdem. Und auf der Schule davor hab ich, als wir im Haifischpark hinter die Kulissen schauen sollten, auf dem Steg aus Versehen den falschen Hebel berührt und die ganze Klasse musste unerwartet eine Runde schwimmen. Und auf der Schule davor … na ja, ihr wisst schon, was ich meine.

Auf diesem Ausflug also sollte alles gut gehen, dazu war ich fest entschlossen.

Während der ganzen Fahrt in die Stadt sah ich tatenlos zu, wie Nancy Bobofit, die rothaarige, sommersprossige Kleptomanin, meinem besten Freund Grover immerzu Stückchen von einem Erdnussbutter-Ketchup-Sandwich an den Hinterkopf warf.

Grover war ein leichtes Opfer. Er war schwächlich. Er weinte, wenn etwas schiefging. Sicher hatte er mehrere Klassen wiederholen müssen, er war der Einzige bei uns, der Akne und den ersten Bartflaum im Gesicht hatte. Und zu allem Überfluss war er auch noch behindert. Er hatte es schriftlich, dass er bis an sein Lebensende vom Sportunterricht befreit war, weil er irgendeine Art Muskelkrankheit in den Beinen hatte. Er hatte einen komischen Gang, jeder Schritt schien ihm wehzutun, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Ihr hättet ihn mal loswetzen sehen sollen, wenn es in der Schulmensa Enchiladas gab.

Jedenfalls beschmiss Nancy Bobofit ihn mit Brotklumpen, die in seinen braunen Locken kleben blieben, und sie wusste, dass ich ihr nichts tun würde, weil ich ohnehin auf Bewährung war. Der Rektor hatte mir mit sofortigem Rausschmiss gedroht, wenn auf diesem Schulausflug irgendetwas Schlimmes, Peinliches oder auch nur leicht Amüsantes passierte.

»Ich bring sie um«, murmelte ich.

Grover versuchte mich zu beruhigen. »Ist schon gut. Ich ess gern Erdnussbutter.«

Er wich einem weiteren Brocken von Nancys Mittagessen aus.

»Das reicht.« Ich wollte aufstehen, aber Grover zog mich zurück auf meinen Sitz.

»Du bist auf Bewährung«, mahnte er. »Und du weißt, wem sie die Schuld zuschieben werden, wenn irgendwas schiefgeht.«

Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte Nancy Bobofit an Ort und Stelle eine reingesemmelt. Von der Schule zu fliegen wäre noch gar nichts gewesen im Vergleich zu den Scherereien, die ich nun bald haben würde.

Mr Brunner führte uns durch das Museum.

Er fuhr in seinem Rollstuhl vor uns her durch weite Galerien mit lautem Echo, vorbei an Marmorstatuen und Glaskästen voller uralter schwarzer und orangefarbener Töpfersachen.

Ich konnte es einfach nicht fassen, dass dieser Kram zwei- oder dreitausend Jahre überlebt hatte.

Mr Brunner versammelte uns vor einer fast vier Meter hohen Steinsäule, auf der eine Sphinx saß, und erzählte uns, dass das eine Grabsäule sei, eine Stele, für ein Mädchen in ungefähr unserem Alter. Er erzählte uns, was an den Seiten in den Stein geritzt war. Ich versuchte, mir das alles anzuhören, weil es ja irgendwie doch interessant war, aber alle um mich herum quasselten, und immer, wenn ich »Haltet doch mal die Klappe« sagte, starrte die andere Lehrerin, Mrs Dodds, mich wütend an.

Mrs Dodds war eine kleine Mathelehrerin aus Georgia und trug immer eine schwarze Lederjacke, obwohl sie schon fünfzig war. Sie sah fies genug aus, um auf einer Harley voll in deinen Schrank zu brettern. Sie war mitten im Schuljahr nach Yancy gekommen, als unsere letzte Mathelehrerin einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.

Vom ersten Tag an war Mrs Dodds hin und weg von Nancy Bobofit, mich dagegen hielt sie für die reine Teufelsbrut. Sie zeigte immer wieder mit ihrem krummen Finger auf mich und sagte honigsüß: »So, mein Herzchen«, und dann wusste ich, dass mir ein Monat Nachsitzen bevorstand.

Einmal, nachdem ich bis nach Mitternacht Auflösungen aus alten Mathebüchern hatte ausradieren müssen, sagte ich zu Grover, dass ich mir gar nicht vorstellen könnte, dass Mrs Dodds ein Mensch sei. Er schaute mich mit ganz ernster Miene an und sagte: »Du hast ja so Recht.«

Mr Brunner redete noch immer über griechische Grabkunst.

Da riss Nancy Bobofit einen blöden Witz über den nackten Typen oben auf der Stele und ich fuhr herum und sagte: »Kannst du jetzt endlich mal die Klappe halten?«

Das sagte ich lauter, als ich es vorgehabt hatte.

Die ganze Gruppe prustete los. Mr Brunner hörte mitten in der Geschichte auf.

»Mr Jackson«, sagte er. »Möchten Sie einen Kommentar abgeben?«

Mein Gesicht war knallrot. Ich sagte: »Nein, Sir.«

Mr Brunner zeigte auf eins der Bilder auf der Stele. »Vielleicht könnten Sie uns sagen, was dieses Bild darstellt?«

Ich schaute mir die in Stein geritzte Zeichnung an und war total erleichtert, weil ich das Bild erkannte. »Das ist Kronos, der seine Kinder frisst, nicht?«

»Ja«, sagte Mr Brunner, war damit aber offenbar noch nicht zufrieden. »Und das hat er getan, weil …«

»Na ja …« Ich zerbrach mir den Kopf, um mich zu erinnern. »Kronos war der König der Götter und …«

»Götter?«, fragte Mr Brunner.

»Titanen«, korrigierte ich mich. »Und … er misstraute seinen Kindern, die Götter waren. Und also, ähem, hat Kronos sie aufgegessen, stimmt’s? Aber seine Frau hatte den kleinen Zeus versteckt und Kronos stattdessen einen Felsen zu essen gegeben. Und als Zeus dann später größer wurde, hat er seinen Papa, Kronos, dazu gebracht, seine Geschwister auszukotzen …«

»Uääh!«, sagte eins von den Mädchen hinter mir.

»… und dann gab es einen wütenden Kampf zwischen Göttern und Titanen«, fügte ich hinzu. »Und die Götter haben gewonnen.«

In der Gruppe kicherten einige.

Hinter mir murmelte Nancy Bobofit einer Freundin zu: »Als ob wir das im wirklichen Leben zu irgendwas brauchen könnten. Als ob uns bei einer Jobbewerbung irgendwer sagen wird, bitte, erklären Sie uns, warum Kronos seine Kinder verspeist hat.«

»Und warum, Mr Jackson«, sagte Brunner, »um Miss Bobofits hervorragende Frage anders zu formulieren, spielt das im wirklichen Leben eine Rolle?«

»Reingefallen«, murmelte Grover.

»Fresse«, zischte Nancy und ihr Gesicht war jetzt noch röter als ihre Haare.

Wenigstens war Nancy jetzt auch erwischt worden. Mr Brunner war der Einzige, der jemals hörte, wenn sie etwas Falsches sagte. Der Mann hatte wirklich Radarohren.

Ich dachte über seine Frage nach und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, Sir.«

»Aha.« Mr Brunner machte ein enttäuschtes Gesicht. »Na, immerhin ein halber Punkt, Mr Jackson. Zeus hat Kronos in der Tat eine Mischung aus Senf und Wein gegeben, worauf der seine anderen fünf Kinder auswürgte, die, als unsterbliche Gottheiten, vollständig unverdaut im Magen des Titanen überlebt hatten und herangewachsen waren. Die Götter überwältigten dann ihren Vater, schnitten ihn mit seiner eigenen Sense in Stücke und verstreuten seine Überreste im Tartarus, dem dunkelsten Teil der Unterwelt. Und an dieser fröhlichen Stelle legen wir jetzt die Mittagspause ein. Mrs Dodds, würden Sie uns wieder nach draußen führen?«

Die Klasse wanderte los, den Mädchen war das auf den Magen geschlagen, die Jungs rempelten sich an und benahmen sich wie Idioten.

Grover und ich wollten gerade hinterhergehen, als Mr Brunner sagte: »Mr Jackson?«

Ich wusste, was jetzt kommen würde.

Ich sagte zu Grover: »Geh schon mal vor.« Dann drehte ich mich zu Mr Brunner um. »Sir?«

Mr Brunner hatte einen Blick, der einen einfach nicht losließ – intensive braune Augen, von denen man denken konnte, sie wären tausend Jahre alt und hätten alles schon gesehen.

»Du musst die Antwort auf meine Frage finden«, sagte Mr Brunner nun.

»Über die Titanen?«

»Über das wirkliche Leben. Und was der Unterrichtsstoff damit zu tun hat.«

»Ach.«

»Was du von mir lernst«, sagte er, »ist von ungeheurer Bedeutung. Und ich werde von dir nur das Beste akzeptieren, Percy Jackson.«

Ich wurde wütend, dieser Typ setzte mich dermaßen unter Druck.

Ich meine, klar, es konnte schon lustig sein, wenn er an Wettkampftagen eine römische Rüstung anlegte, »Waffen, ho!« brüllte und uns, Schwertspitze auf die Kreide gerichtet, aufforderte, an die Tafel zu rennen und alle Griechen und Römer aufzuzählen, die je gelebt hatten, und zu erklären, wer ihre Mutter gewesen war und welche Gottheiten sie verehrt hatten. Aber Mr Brunner erwartete, dass ich genauso gut war wie alle anderen, obwohl ich Legastheniker und hyperaktiv war und in meinem ganzen Leben nie eine bessere Note als befriedigend gehabt hatte. Nein, das stimmt nicht – er erwartete nicht, dass ich ebenso gut war, ich sollte besser sein. Und ich konnte mir diese ganzen Namen und Fakten einfach nicht merken, mal ganz zu schweigen davon, sie richtig zu schreiben.

Ich murmelte etwas von größere Mühe geben, während Mr Brunner einen langen, traurigen Blick auf die Stele warf, als ob er bei der Beerdigung des Mädchens zugegen gewesen wäre.

Dann sagte er, ich sollte nach draußen gehen und meinen Sandwich essen.

Die Klasse hatte sich auf der Vordertreppe des Museums versammelt, wo wir den Verkehr auf der Fifth Avenue beobachten konnten.

Über uns braute sich ein gewaltiger Sturm zusammen, mit schwärzeren Wolken, als ich das jemals in der Stadt gesehen hatte. Ich nahm an, das lag an der Klimakatastrophe, denn im ganzen Staat New York war das Wetter seit Weihnachten schon komisch gewesen. Wir hatten heftige Schneestürme gehabt, Überschwemmungen und Lauffeuer, die durch Blitzeinschläge entstanden waren. Es hätte mich nicht im Geringsten überrascht, wenn hier ein Hurrikan heraufgezogen wäre.

Die anderen schienen nichts davon zu bemerken. Die Jungs bewarfen die Tauben mit Salzkräckern. Nancy Bobofit versuchte, etwas aus der Handtasche einer vorübergehenden Frau zu klauen, und Mrs Dodds kriegte natürlich rein gar nichts mit.

Grover und ich setzten uns auf den Brunnenrand, weit weg von den anderen. Wir dachten, dann würde vielleicht nicht alle Welt wissen, dass wir auf diese Schule gingen – die Schule für Versager, die nirgendwo anders zurechtkamen.

»Nachsitzen?«, fragte Grover.

»Nö«, sagte ich. »Das macht der Brunner doch nicht. Aber ich wünschte, er könnte mich mal in Ruhe lassen. Ich bin eben kein Genie.«

Grover schwieg eine Weile. Dann, als ich schon mit einem tiefsinnigen philosophischen Kommentar rechnete, der meine Laune verbessern sollte, fragte er: »Kann ich deinen Apfel haben?«

Ich hatte keinen besonderen Appetit, deshalb gab ich ihn ihm.

Ich sah mir die vielen Taxis auf der Fifth Avenue an und dachte an die Wohnung meiner Mom, die gar nicht weit entfernt lag. Ich hatte Mom seit Weihnachten nicht mehr gesehen. Ich hätte mich am liebsten in ein Taxi gesetzt, um nach Hause zu fahren. Mom hätte mich umarmt und sich gefreut, mich zu sehen, aber sie wäre auch enttäuscht gewesen. Sie hätte mich sofort nach Yancy zurückgeschickt und mich daran erinnert, dass ich mir größere Mühe geben müsste, dass das hier meine sechste Schule in sechs Jahren war und dass ich vermutlich wieder fliegen würde. Ich würde ihren traurigen Blick nicht ertragen.

Mr Brunner hielt in seinem Rollstuhl unten vor der Rollstuhlrampe. Er aß Sellerie und las in einem Taschenbuch. Ein roter Regenschirm ragte hinten aus seinem Stuhl auf und dadurch sah der Stuhl aus wie ein motorisierter Cafétisch.

Ich wollte gerade mein Butterbrot auspacken, als Nancy Bobofit mit ihren hässlichen Freundinnen vor mir auftauchte – sie hatte es wohl satt, Touristinnen zu beklauen – und die Reste ihres Proviants in Grovers Schoß fallen ließ.

»Huch.« Sie grinste mich an und zeigte dabei ihre schiefen Zähne. Ihre Sommersprossen waren so orange, als ob jemand ihr Gesicht mit flüssigen Cheetos besprüht hätte.

Ich versuchte, ganz cool zu bleiben. Das hatte der Schulpsychologe mir eine Million Mal geraten. »Zähl bis zehn, dann kriegst du deine Wut in den Griff.« Aber ich war so wütend, dass ich nicht mehr denken konnte. In meinen Ohren schien eine Welle zu brausen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich sie angefasst habe, aber plötzlich saß Nancy im Brunnen auf ihrem Hintern und kreischte: »Percy hat mich geschubst!«

Sofort stand Mrs Dodds neben uns.

Ein paar von den anderen flüsterten: »Habt ihr gesehen …«

»… das Wasser …«

»… als ob es sie gepackt hätte …«

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redeten. Ich wusste nur, dass ich jetzt neuen Ärger hatte.

Kaum hatte Mrs Dodds sich davon überzeugt, dass die arme kleine Nancy nicht verletzt war, und ihr versprochen, ihr im Museumsladen ein neues Hemd zu kaufen und überhaupt und so weiter, machte sie sich über mich her. In ihren Augen brannte ein triumphierendes Feuer, als ob ich etwas getan hätte, auf das sie schon das ganze Schuljahr wartete. »So, mein Herzchen …«

»Ich weiß«, knurrte ich. »Einen Monat Bücher radieren.«

Das war nicht die passende Antwort.

»Komm mit«, sagte Mrs Dodds.

»Halt«, schrie Grover. »Ich war das. Ich hab sie geschubst.«

Ich starrte ihn verblüfft an. Ich konnte es nicht fassen, dass er versuchte mich zu retten. Grover hatte eine Sterbensangst vor Mrs Dodds.

Sie starrte ihn so wütend an, dass seine flaumigen Wangen zitterten.

»Das glaube ich nicht, Mr Underwood«, sagte sie.

»Aber …«

»Sie – bleiben – hier!«

Grover sah mich verzweifelt an.

»Schon gut, Mann«, sagte ich zu ihm. »Danke, dass du’s versucht hast.«

»Herzchen«, bellte Mrs Dodds mich an. »Sofort!«

Nancy Bobofit feixte.

Ich verpasste ihr mein Dich-bring-ich-nachher-um-Glotzen. Dann drehte ich mich zu Mrs Dodds um, aber die war nicht da. Sie stand vor dem Museumseingang, ganz oben auf der Treppe, und winkte mir ungeduldig zu.

Wie war sie da so schnell hingekommen?

Ich habe oft solche Momente, in denen mein Gehirn einschläft oder so was, und als Nächstes weiß ich dann, dass ich etwas verpasst habe – als sei ein Puzzlestück aus dem Universum gefallen und ich könne nur noch die leere Stelle dahinter anstarren. Der Schulpsychologe hat mir gesagt, dass das mit ADHD zu tun hat. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Desaster. Mein Gehirn deutet alles Mögliche falsch.

Ich bin mir da nicht so sicher.

Ich lief hinter Mrs Dodds her.

Auf halber Höhe der Treppe drehte ich mich zu Grover um. Er sah blass aus und sein Blick jagte zwischen mir und Mr Brunner hin und her, als wolle er Mr Brunner darauf aufmerksam machen, was hier passierte. Aber Mr Brunner war in seinen Roman vertieft.

Ich schaute nach oben. Mrs Dodds war schon wieder verschwunden. Jetzt stand sie im Museum, hinten in der Eingangshalle.

Na gut, dachte ich. Bestimmt muss ich jetzt im Laden für Nancy ein neues Hemd kaufen.

Aber das hatte Mrs Dodds dann offenbar doch nicht vor.

Ich folgte ihr weiter ins Museum hinein. Als ich sie endlich eingeholt hatte, befanden wir uns wieder in der griechisch-römischen Abteilung.

Außer uns war niemand dort.

Mrs Dodds stand mit verschränkten Armen vor einem großen Marmorfries, der die griechischen Gottheiten darstellte. Sie stieß ein seltsam kehliges Geräusch aus, wie ein Knurren.

Auch ohne dieses Geräusch wäre ich nervös geworden. Es ist komisch, mit einem Lehrer oder einer Lehrerin allein zu sein, und das gilt vor allem für Mrs Dodds. Sie starrte den Fries auf eine so seltsame Weise an, als wollte sie ihn mit ihren Blicken zu Staub zermahlen …

»Du machst uns wirklich Probleme, Herzchen«, sagte sie.

Ich ging auf Nummer sicher. Ich sagte: »Ja, Ma’am.«

Sie zupfte an den Ärmeln ihrer Lederjacke. »Hast du wirklich gedacht, du würdest damit durchkommen?«

Ihr Blick war jetzt mehr als nur böse. Er war verrückt.

Sie ist eine Lehrerin, dachte ich nervös. Natürlich wird sie mir nichts tun.

Ich sagte: »Ich … ich werde mir noch größere Mühe geben, Ma’am.«

Donnerschläge ließen das Gebäude erbeben.

»Wir sind keine Trottel, Percy Jackson«, sagte Mrs Dodds. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir dich finden würden. Gib alles zu und du wirst nicht so sehr leiden müssen.«

Ich wusste nicht, wovon sie redete.

Alles, was mir einfiel, war, dass die Lehrer offenbar herausgefunden hatten, dass ich in meinem Zimmer einen illegalen Süßigkeitenhandel betrieb. Vielleicht wussten sie auch, dass ich meinen Aufsatz über Tom Sawyer aus dem Internet abgeschrieben und das Buch nie gelesen hatte, und jetzt wollten sie mir eine schlechtere Note geben. Oder, schlimmer noch, mich zwingen es zu lesen.

»Na?«, fragte sie gebieterisch.

»Ma’am, ich weiß nicht …«

»Deine Zeit ist um«, fauchte sie und ihre Augen glühten wie Grillkohlen. Ihre Finger wurden länger und verwandelten sich in Krallen. Ihre Jacke zerschmolz zu großen, lederartigen Flügeln. Sie war kein Mensch. Sie war eine runzlige Hexe mit Fledermausflügeln und Krallen und einem Maul voller gelber Hauzähne und sie wollte mich in Fetzen reißen.

Dann wurde alles noch seltsamer.

Mr Brunner, der noch eine Minute zuvor vor dem Museum gesessen hatte, kam mit einem Kugelschreiber in der Hand durch die Galerie gerollt.

»Waffen, ho, Percy«, rief er und warf den Kugelschreiber durch die Luft.

Mrs Dodds sprang auf mich zu.

Ich schrie auf, duckte mich und fühlte, wie Krallen neben meinem Ohr durch die Luft sausten. Ich fing den Kugelschreiber auf, doch als er meine Hand berührte, war er kein Kugelschreiber mehr. Sondern ein Schwert. Mr Brunners Bronzeschwert, das er immer bei Schulwettbewerben schwenkte.

Mrs Dodds fuhr mit mörderischem Blick zu mir herum.

Meine Knie waren wie aus Pudding. Meine Hände zitterten dermaßen, dass mir das Schwert fast runtergefallen wäre.

Sie fauchte: »Stirb, Herzchen!«

Und dann flog sie auf mich zu.

Mich durchfuhr ein Gefühl absoluten Entsetzens. Ich tat das Einzige, was mir natürlich vorkam: Ich schwang mein Schwert.

Die Metallklinge traf ihre Schulter und durchschnitt ihren Körper wie Wasser. Ssssssss.

Mrs Dodds war eine Sandburg, die in einen Ventilator geraten war. Sie explodierte zu gelbem Staub und verdampfte auf der Stelle, und nichts blieb von ihr übrig außer Schwefelgestank und einem kalten Gefühl von Bosheit in der Luft, als starrten ihre glühend roten Augen mich noch immer an.

Ich war allein.

Ich hielt einen Kugelschreiber in der Hand.

Mr Brunner war nicht da. Niemand war da außer mir.

Meine Hände zitterten noch immer. Offenbar hatte mein Proviant Magic Mushrooms oder so was enthalten.

Hatte ich mir das alles nur eingebildet?

Ich ging wieder nach draußen.

Es regnete.

Grover saß vor dem Brunnen und hatte sich einen Plan des Museums über den Kopf gelegt. Nancy Bobofit stand nach ihrem Bad im Brunnen noch immer triefend da und knurrte ihre hässlichen Freundinnen an. Als sie mich sah, sagte sie: »Ich hoffe, Mrs Kerr hat dir den Arsch versohlt.«

Ich fragte: »Wer?«

»Unsere Lehrerin. Du Idiot!«

Ich kniff die Augen zusammen. Wir hatten keine Lehrerin namens Mrs Kerr. Ich fragte Nancy, wovon sie redete.

Sie verdrehte nur die Augen und ließ mich stehen.

Ich fragte Grover, wo Mrs Dodds stecke.

Er fragte: »Wer?«

Aber vorher zögerte er kurz und er sah mich nicht an. Ich dachte, er wollte mich auf den Arm nehmen.

»Reiß hier keine Witze, Mann«, sagte ich. »Das ist ernst.«

Über uns grollte der Donner.

Ich sah Mr Brunner unter seinem roten Schirm sitzen, er las sein Buch, als ob er sich keinen Zentimeter bewegt hätte.

Ich ging zu ihm hinüber.

Er schaute auf und wirkte ein wenig zerstreut. »Ach, das ist sicher mein Kugelschreiber. Bitte bringen Sie in Zukunft eigene Schreibgeräte mit, Mr Jackson.«

Ich reichte ihm den Kugelschreiber. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich ihn noch immer in der Hand hielt.

»Sir«, fragte ich. »Wo ist Mrs Dodds?«

Er starrte mich verständnislos an. »Wer?«

»Die Lehrerin, die mitgekommen ist. Mrs Dodds. Unsere Mathematiklehrerin.«

Er runzelte die Stirn und beugte sich mit leicht besorgter Miene vor. »Percy, hier ist keine Mrs Dodds mitgekommen. Soviel ich weiß, hat es an der Yancy Academy nie eine Mrs Dodds gegeben. Bist du vielleicht krank?«

Drei alte Damen stricken die Socken des Todes

An seltsame Erlebnisse ab und zu war ich ja gewöhnt, aber meistens gingen die schnell vorbei. Aber diese Wahnsinnshalluzination war zu viel für mich. Das ganze restliche Schuljahr über schienen alle mich nur noch auf den Arm nehmen zu wollen. Die anderen benahmen sich, als seien sie durch und durch davon überzeugt, dass Mrs Kerr– eine lebhafte blonde Frau, die ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen hatte, als sie am Ende des Ausflugs in unseren Bus gestiegen war– schon seit vor Weihnachten bei uns Mathe unterrichtet hätte.

Immer wieder erwähnte ich den anderen gegenüber Mrs Dodds, in der Hoffnung, ihnen einen Kommentar zu entlocken, aber sie starrten mich an wie einen Superpsycho.

Fast hätte ich ihnen am Ende geglaubt– es hatte niemals eine Mrs Dodds gegeben.

Fast.

Aber Grover konnte mich nicht an der Nase herumführen. Wenn ich ihm gegenüber den Namen Dodds nannte, zögerte er, um dann zu behaupten, nie von ihr gehört zu haben. Aber ich wusste, dass er log.

Irgendetwas lief hier ab. Irgendetwas war im Museum passiert.

Tagsüber hatte ich nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, aber nachts ließen mich Visionen von Mrs Dodds mit Krallen und Lederflügeln in kaltem Schweiß gebadet aus dem Bett auffahren.

Das Wetter blieb weiterhin seltsam, was meine Stimmung nicht gerade hob. Eines Nachts blies der Wind die Fenster aus unserem Schlafsaal. Einige Tage später wütete der größte jemals im Tal des Hudson beobachtete Tornado knappe fünfundsiebzig Kilometer von der Yancy Academy entfernt. Und ein aktuelles Thema, das wir im Sozialkundeunterricht besprachen, war die ungewöhnlich hohe Anzahl von Sportflugzeugen, die in diesem Jahr bei plötzlichen Windböen in den Atlantik gestürzt waren.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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