Perfect Passion - Berauschend - Jessica Clare - E-Book

Perfect Passion - Berauschend E-Book

Jessica Clare

4,9
8,99 €

Beschreibung

EIN ONE-NIGHT-STAND MIT FOLGEN ... Kylie arbeitet als Make-up-Artistin für einen der angesagtesten Popstars des Landes: Daphne Petty. Ein Horror-Job, denn Daphne ist an guten Tagen ein Miststück. An schlechten ... nun ja. Wenn Kylie das Geld nicht so dringend für ihre kranke Großmutter bräuchte, würde sie kündigen. Dann lernt sie den Milliardär Cade Archer kennen. Und bevor sie sichs recht versieht, verbringt sie eine Nacht mit ihm. Eine unglaublich heiße Nacht, die Kylie allerdings ihren Job kosten könnte. Denn Cade ist Daphnes Ex ... "... das beste Buch der Serie. Was ich an Cades Geschichte liebe, ist, dass er sich in eine Frau verliebt, die realistisch ist. Eine, die man nicht auf dem Cover eines Magazins finden würde, während der Rest der Bevölkerung sich wünscht, sie möge mal ein Sandwich essen." Heroesandheartbreakers.com

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 439




Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

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Epilog

Über die Autorin

Jessica Clare lebt mit ihrem Mann in Texas. Ihre freie Zeit verbringt sie mit Schreiben, Lesen, Schreiben, Videospielen und noch mehr Schreiben. Sie veröffentlicht Bücher in den unterschiedlichsten Genres unter drei verschiedenen Namen. Als Jessica Clare schreibt sie erotische Liebesgeschichten. Ihre Serie PERFECT PASSION erschien auf den Bestseller-Listen der New York Times und der USA Today. Mehr Information unter: www.jillmyles.com

Jessica Clare

PERFECTPASSION

BERAUSCHEND

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Kerstin Fricke

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:Copyright © 2015 by Jessica ClareTitel der amerikanischen Originalausgabe:»One Night with a Billionaire«Originalverlag: InterMix Books, New YorkPublished in Agreement with the author,c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Mona GabrielTitelillustration: © shutterstock/KonstanttinUmschlaggestaltung: Tanja Østlyngen

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-2303-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für alle Fans, die mit meinen Milliardären mitgefieberthaben und es kaum erwarten können,Cades Geschichte zu lesen. Dieses Buch ist für euch!

Und für Mel alias »Mistress M«, die meine Bücherständig weiterempfiehlt und mir das Gefühl gibt,die beste Autorin der Welt zu sein.Jeder sollte Fans wie dich haben. ♥

1

Wenn es ein Geschenk gab, das Kylie Daniels der Welt gern gemacht hätte, dann wäre es die Fähigkeit, die tollsten Augenbrauen zu malen. Doch die Brauen der Frau vor ihr waren furchtbar. Sie sah aus, als hätte sie ihre dünnen schwarzen Augenbrauen in betrunkenem Zustand mit dem Edding aufgemalt – für ihr schmales Gesicht waren sie deutlich überdimensioniert. Und was sollten diese kleinen Kommata, die sie da am Ende gemacht hatte? Großer Gott …

Was nicht heißen sollte, dass Kylie Make-up-Expertin war, aber … Na gut, sie war eine. Eine Expertin für Make-up. Sie war ausgebildete Kosmetikerin, hatte schon mit Sängerinnen und für Bühnenproduktionen gearbeitet und konnte mit den richtigen Pinseln selbst die größten Poren verschwinden lassen.

Aus genau diesem Grund saß sie an diesem wunderschönen Julinachmittag auch im Büro von Dirty Dollar Records und schwitzte unglaublich, während sie darauf wartete, zu ihrem Vorstellungsgespräch gerufen zu werden. Eine Freundin, die mehrere Prominente frisierte, hatte erwähnt, dass ein Plattenmanager eine Make-up-Künstlerin suchte, die diskret, erfinderisch und bereit wäre, mit seiner Klientin auf Tour zu gehen. Dank der Freundin einer Freundin hatte Kylie den Termin für dieses Vorstellungsgespräch bekommen, und jetzt saß sie hier und konnte nur hoffen, dass ihr Schweiß nicht während der Wartezeit ihr Make-up ruinierte. In L.A. wollte ohnehin schon niemand eine dicke Visagistin engagieren, und erst recht nicht, wenn sie auch noch schrecklich aussah. Schließlich war das Make-up doch Kylies Visitenkarte. Sie musste immer verdammt gut aussehen, damit man ihre Fähigkeiten nicht infrage stellte. Anstatt also dezent und züchtig aufzutreten, wie man es normalerweise bei einem Vorstellungsgespräch machte, hatte sie alles gegeben. Sie trug ein enges, marineblaues Kleid mit eckigem Ausschnitt und eng anliegendem, ausgestelltem Rock sowie knallrote hochhackige Schuhe. Der ganze Look war ziemlich retro, und sie hatte einen Teil ihres blond gefärbten Haars zu zwei dicken Rollen eingedreht und diese hochgesteckt, während der Rest auf ihre Schultern herunterfiel. Ihr Make-up war ebenfalls sehr auffällig. Ihre Augenbrauen bildeten eine geschwungene Linie über den Augen, die sie tiefschwarz umrandet hatte, wobei der Eyeliner ziemlich dramatisch wirkte. Außerdem hatte sie ihre Katzenaugen durch weiße Akzente betont. Sie trug falsche Wimpern, um diese dichter wirken zu lassen, hatte nur wenig Rouge aufgetragen, damit ihr porzellanfarbener Teint zur Geltung kam, und einen Lippenstift in dunklem Kirschrot benutzt. Zwei Kirschohrringe und eine mit Kirschen verzierte Halskette komplettierten das Ensemble.

Alles in allem war das schon ziemlich kitschig, aber sie stellte sich ja auch vor, um die neue Visagistin von Daphne Petty zu werden, und Daphne Petty konnte man nun auch nicht gerade als unauffällig bezeichnen. Sie war in der Musikszene bekannt für ihre schlüpfrigen Texte, ihre grellen Bühnenkostüme und weil sie ein Partygirl war. Es machte ganz den Anschein, als wäre es ein großer Spaß, mit ihr auf Tour zu gehen.

Das hoffte Kylie zumindest. Schlimmer als mit der Diva, die sie zuletzt auf ihrer Asientour begleitet hatte, konnte es kaum werden. Die Sängerin hatte darauf bestanden, dass ihre Angestellten stets Weiß trugen und nur den Mund aufmachten, wenn man sie ansprach. Nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten war Kylie gefeuert worden, weil – wie man ihr erklärt hatte – die Sängerin nicht mochte, dass Kylie »nicht auf ihr Aussehen achtete«, und weil es ein schlechtes Licht auf sie werfen könnte, wenn sie so jemanden in ihren Diensten hatte.

Mit anderen Worten: Du bist zu fett, und das ist mir peinlich. Es tat zwar noch weh, aber Kylie gab sich die größte Mühe, es zu vergessen. Zumal sie die Zurechnungsfähigkeit von jemandem, der einen mit Diamanten besetzten Toilettensitz mit auf Tour nahm, ohnehin nicht als besonders hoch einschätzte.

Daher saß Kylie jetzt hier, war wieder arbeitslos und hoffte das Beste.

»Miss Daniels?«, rief eine Stimme, und Kylie stand auf und nahm ihren altmodischen Hutkoffer in die Hand.

Sie holte tief Luft, um ihre Nervosität zu bekämpfen, und richtete rasch ihre Kleidung, dann reichte sie dem Mann, der sie erwartete und mit finsterer Miene anstarrte, eine Hand. »Kylie Daniels«, stellte sie sich mit ruhiger, selbstsicherer Stimme vor, obwohl er sie so seltsam musterte. Dieser Mann war ganz klar konservativ, und sie konnte nur hoffen, dass seine Klientin das nicht war.

»Schön, dass Sie kommen konnten«, meinte er und führte sie in das Büro. »Ich bin Mr Powers. Bitte folgen Sie mir.«

Sie folgte ihm mit ihrem Kosmetikkoffer in der Hand und verkniff sich einen Wutanfall, als er am Fahrstuhl vorbeiging und auf das Treppenhaus zuhielt. Ja, klar, lass die Dicke mit ihren hochhackigen Schuhen ihren fünfzehn Kilo schweren Make-up-Koffer ruhig die Treppe hochschleppen. Dann würde es ihn hoffentlich auch nicht stören, dass sie ein bisschen durchgeschwitzt war, wenn sie oben ankamen.

Mr Powers’ Büro lag im vierten Stock, und als sie es betraten, war Kylie außer Atem und schwitzte aus allen Poren. Das war nicht gerade der Eindruck, den sie bei einem Vorstellungsgespräch erwecken wollte, aber dagegen ließ sich jetzt auch nichts mehr machen. Während des Wegs nach oben hatte Mr Powers keinen Ton gesagt, aber jetzt geleitete er sie in einen Konferenzraum und lächelte höflich.

Sie trat ein, stellte ihren Koffer auf den Tisch und setzte sich auf einen Stuhl, um zu warten. Powers ging und kam eine Minute später mit einem Stapel Papier und einem Stift zurück. »Wir möchten Sie darum bitten, diese Verschwiegenheitserklärung zu unterschreiben, Miss Daniels, da sich die Plattenfirma große Sorgen um das öffentliche Image von Miss Petty macht.«

»Aber natürlich«, murmelte Kylie und griff nach dem Stift. Sie hatte etwas Ähnliches bereits für die divenhafte Sängerin unterschreiben müssen. Nachdem sie ihre Unterschrift auf das Papier gesetzt hatte, reichte sie es ihm lächelnd zurück. Sehen Sie, wie entgegenkommend ich bin?

Mr Powers ließ sich nicht auf einen der acht leeren Stühle nieder. Stattdessen zögerte er und schob sich den Papierkram dann unter den Arm. »Bevor Sie Miss Petty kennenlernen, sollten Sie einige Dinge wissen.«

»Okay.« Kylie legte die Hände in den Schoß und zwang sich, weiter zu lächeln. Sie war auf alles vorbereitet, was jetzt kommen mochte, schließlich arbeitete sie schon eine Weile in Hollywood. Die Klientin möchte nicht, dass sie von rechts fotografiert wird. Die Klientin findet, dass die Farbe Grün ihrem Chi schadet, daher trägt sie sie nicht. Sehen Sie der Klientin auf keinen Fall direkt in die Augen. Stellen Sie der Klientin immer offene Fragen, da sie von ihren Angestellten erwartet, dass sie sie fordern. Diese Klientin ist immer in ihrer Rolle, also spielen Sie einfach mit.

»Miss Petty hat ihre letzte Visagistin aufgrund von persönlichen Differenzen gefeuert.« Er vergewisserte sich, dass Kylie auch wirklich unterschrieben hatte, und blickte auf sie herab, aber sie hatte irgendwie den Eindruck, dass er nervös war. Und verlegen. Sehr seltsam. »Die Plattenfirma möchte, dass Miss Petty glücklich ist. Verstehen Sie das?«

»Aber natürlich.« Worauf wollte er hinaus?

»Jedoch möchten wir Miss Pettys Image auch aufrechterhalten. Wir sind sogar ausgesprochen besorgt, dass es Schaden nehmen könnte. Miss Pettys Image hat höchste Priorität. Und genau da kommen Sie ins Spiel.«

»O … okay?« Was will er denn jetzt von mir hören?

»Kurz gesagt: Wir bezahlen sehr viel Geld, damit während der Tour eine strahlende, wunderschöne Daphne Petty zu sehen ist. Und ich erwarte, dass Sie Ihren Beitrag dazu leisten.«

»Aber natürlich«, wiederholte sie, während ihr die ganze Unterhaltung ziemlich merkwürdig vorkam.

»Was jedoch nicht bedeutet, dass Miss Petty Sie einfach feuern kann. Das bedarf der Zustimmung der Plattenfirma.«

Oookaay … Daphne würde sie nicht feuern dürfen, wenn sie nicht miteinander auskamen, obwohl bei ihrer Vorgängerin genau das passiert war? Das war wirklich verwirrend. Aber sie lächelte weiter, auch wenn sie sich langsam Sorgen machte. »Ich glaube, damit komme ich klar.«

»Gut. Wie ich sehe, haben Sie Ihr Arbeitswerkzeug gleich mitgebracht?«

Sie tätschelte ihren Koffer. »Natürlich.«

»Wir möchten Sie bitten, Miss Petty zu schminken. Sozusagen als eine Art Einstellungstest.«

Sie hatte schon seltsamere Anfragen bekommen. »Das ist kein Problem. Gibt es einen bestimmten Look, den Miss Petty bei der neuen Tour anstrebt?«

Mr Powers schnitt eine seltsame Grimasse. »Gesund. Wenn sie gesund aussieht, sind wir schon zufrieden.«

Gesund? »Ich kann ihrer Haut bestimmt zu einem natürlichen Strahlen verhelfen.«

»Hervorragend.« Er lächelte sie angespannt an. »Dann sage ich Miss Petty jetzt Bescheid, dass Sie hier sind.«

»Danke«, murmelte Kylie, und Mr Powers ließ sie im Konferenzraum allein. Die Klimaanlage lief glücklicherweise auf Hochtouren, daher war es hier nicht so warm. Kylies schweißnasse Stirn trocknete langsam, und während sie auf Daphne Petty wartete, sah sie sich die Poster an den Wänden an, die von vorangegangenen Touren stammten, sowie die goldenen und Platinschallplatten. Dies war ein großer Schritt und ein guter Job, und sie konnte nur hoffen, dass Daphne kein Problem mit Kylies nicht hollywood-tauglichem Hintern hatte.

Irgendwann wurde ihr jedoch langweilig. Die Zeit verstrich, und sie stellte fest, dass sie schon seit fünfundvierzig Minuten im Konferenzraum saß, ohne dass jemand hereingekommen war. Sie frischte ihr Make-up auf, kramte in ihrem Koffer herum und stellte in Gedanken schon einen Look für Daphne Petty zusammen. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte Daphne helle Augen, die sie noch weiter betonen konnte. Das Augen-Make-up und die Farbe des Lidschattens würde sie anhand von Daphnes Haarfarbe festlegen, und laut der diversen Klatschzeitungen wechselte Daphne diese gerne mal. Oder sollte sie doch lieber nur Nude-Töne verwenden? Sie kramte in ihren Vorräten herum und überlegte. Falls Daphne wieder pinkfarbene Haare hatte, musste man mit den anderen Farben natürlich sparsam umgehen …

Jemand prallte gegen die Tür in Kylies Rücken, und sie sprang von ihrem Stuhl auf und wirbelte erschrocken herum. Einen Augenblick später wurde die Tür geöffnet, und jemand kam hereingetaumelt. Es war eine Frau mit einer großen, runden Sonnenbrille, die fast ihr ganzes Gesicht verdeckte. Ihr platinblondes Haar war zu einem kurzen, zerzausten Bob geschnitten und sah aus, als wäre es mindestens eine Woche lang nicht mehr gewaschen worden. Sie trug ein altes Ramones-T-Shirt über einer ausgeblichenen Caprijeans und stand schwankend im Türrahmen. »Sind Sie die Make-up-Tante?«

Es war Daphne Petty.

Und sie lallte.

Die Frau ist betrunken. Na, super. »Die bin ich.« Kylie stand auf und streckte eine Hand aus. »Mein Name ist Kylie Daniels. Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Petty.«

Daphne musterte sie von oben bis unten. »Sie sehen aus wie eine fette Marilyn Monroe. Oder Betty Page. Wissen Sie denn nicht, dass man hier in L.A. nicht auf dicke Ärsche steht?«, flüsterte sie gespielt spöttisch. »Passen Sie bloß auf, dass mein Trainer Sie nicht zu Gesicht bekommt. Der lässt mich nur noch Salat essen.« Sie ließ sich neben Kylie auf einen Stuhl fallen, nahm die Sonnenbrille ab und rieb sich das Gesicht. »Okay. Ich bin hier.« Sie wedelte mit einer Hand in der Luft herum. »Machen Sie mich schön.«

Kylie starrte sie an. Die einst so wunderschöne Daphne Petty war richtiggehend dürr. An beiden Armen zeichneten sich Einstichlöcher ab, und sie hatte Narben an den Handgelenken, wo sie sich verletzt hatte. Ihre Haut wirkte aufgequollen und war an einigen Stellen aufgeplatzt, und in einem Mundwinkel hatte sie ein grellrotes Ekzem. Ihre Augen waren eingesunken, und ihre Hautfarbe sah ausgesprochen ungesund aus.

Im Großen und Ganzen bot sie einen erschreckenden Anblick.

Jetzt verstand Kylie auch, was die seltsamen Worte von Mr Powers zu bedeuten hatten. Daphne durfte sie nicht feuern, weil sie völlig hinüber war. Außerdem wollte die Plattenfirma nicht wirklich einen »Look« für Daphnes anstehende Tour; Kylie sollte vielmehr ihren schlechten Gesundheitszustand verschleiern. Man wollte, dass sie sie gut schminkte und normal aussehen ließ.

Dafür brauchten sie aber keine Visagistin, sondern vielmehr einen Zauberer. Kylie sah Daphne mitleidig an, die sich mit trüben Augen im Raum umsah, aber anscheinend nichts wirklich wahrnahm. Sie brauchte einen Zauberer oder jemanden, der Wunder wirken konnte. Kylie war keins von beidem, aber sie würde ihr Bestes geben. Sie holte ihr Airbrush-Make-up-Kit aus der Tasche und steckte den Stecker in die Steckdose. Dann reichte sie Daphne ein Gesichtsreinigungstuch. »Sobald Ihr Gesicht sauber ist, fangen wir an. Als Erstes tragen wir eine Grundierung auf, okay?«

*

Eine Stunde später hatte Daphne Pettys schmales Gesicht Konturen bekommen, sodass sie nicht mehr ganz so ausgemergelt wirkte. Ihre hervorstehenden Wangenknochen waren kaschiert und ihre viel zu dünne Nase mit Schatten vergrößert worden, und danach hatte Kylie so gut wie jeden Zentimeter von Daphnes Haut, an den sie herankommen konnte, mit ihrer Airbrush-Pistole bearbeitet. Die Einstichlöcher an den Armen waren abgedeckt. Die roten Flecken in ihrem Gesicht – bei denen Kylie nur hoffen konnte, dass sie nicht von Crystal Meth stammten – waren nicht mehr zu sehen. Ihre Augen waren kunstvoll hervorgehoben und betont, um die Augenfarbe zur Geltung zu bringen, und Kylie hatte fröhliche, warme Farben für die Augen und den Mund gewählt. Als sie fertig war, reichte sie Daphne, die die ganze Zeit wie benommen dagesessen hatte, einen Spiegel.

Als Daphne ihr Gesicht sah, lächelte sie und schien Kylie auf einmal wieder wahrzunehmen. »Wow. Das gefällt mir sehr. Das haben Sie super gemacht, dicke Marilyn.«

Wow. Sollte dieser Spitzname etwa ein Kompliment sein? Kylie war sich da nicht so sicher und schnaubte. »Danke. Ich hab mich bemüht.«

Daphne sah Kylie skeptisch an. »Darf ich Sie mal fragen, warum Sie diesen Job haben wollen? Das Leben auf Tour ist hart und brutal, und ich werde mich die meiste Zeit wie eine Furie benehmen.«

»Ich reise gern«, log Kylie. »Und ich möchte herumkommen.«

»So ein Blödsinn«, erwiderte Daphne. »Das ist meine vierte landesweite Tour, und ich weiß, dass man außer dem Tourbus und meiner Garderobe so gut wie nichts zu Gesicht bekommt. Wie wäre es, wenn Sie mir den wahren Grund verraten?«

Warum eigentlich nicht? »Sie sind eine bekannte Sängerin, und der Job wird sich in meinem Lebenslauf gut machen.« Das war nicht die ganze Wahrheit, aber schon deutlich näher dran.

Daphne schien die Antwort zu gefallen. Sie tippte sich an die Nase und deutete dann auf Kylie. »Verstehe. In Ordnung«, meinte sie und stand auf. Die Wirkung von dem, was auch immer sie genommen hatte, schien nachzulassen, und sie benahm sich jetzt fast normal. »Dann sollte ich jetzt wohl mal diesen aufgeblasenen Powers holen und nach seiner Meinung fragen.« Sie zwinkerte Kylie zu und versuchte, ihr kraftloses platinblondes Haar in den Nacken zu werfen.

Kylie musste unwillkürlich grinsen. Wenn Daphne ihre humorvolle Seite zeigte, war nachvollziehbar, warum sie derart beliebt war.

Daphne öffnete die Tür des Konferenzraums und steckte den Kopf hinaus. »Powers, schwingen Sie Ihren Arsch hierher«, brüllte sie durch den Flur, und Kylie zuckte zusammen. Aber Daphnes Methode war sehr wirkungsvoll. Einen Augenblick später erschien Mr Powers in seinem steifen Anzug und sah sich Daphne an. Er musterte sie kritisch, nahm ihr Kinn in die Hand, drehte ihren Kopf hin und her und begutachtete sie von allen Seiten.

Zu Kylies Überraschung stand Daphne ruhig da und ließ sich die erniedrigende Behandlung klaglos gefallen. Als Powers Daphnes rechten Arm hochhob und auch den betrachtete und Daphne danach in die Augen blickte, erinnerte er Kylie an jemanden, der ein Pferd kaufen wollte. Kylie konnte nicht anders, als leise zu murmeln: »Wollen Sie sich nicht auch noch ihre Zähne ansehen?«

Daphne kicherte.

Powers starrte Kylie an und zog die Augenbrauen zusammen. »Haben Sie etwas mit ihren Zähnen gemacht?«

»Das war ein Insiderwitz«, erklärte Daphne und breitete ihre dünnen Arme aus. »Und, was meinen Sie?«

Nach kurzem Blick zu Kylie schaute Powers wieder Daphne an und dann erneut Kylie. »Sie sind eingestellt. Besprechen Sie Ihre Gehaltsvorstellungen mit dem Personalbüro.«

»Wir beide werden bald sehr gute Freundinnen sein, dicke Marilyn«, erklärte Daphne und zog einen Flachmann aus der Tasche.

Irgendwie bezweifle ich das, dachte Kylie, der Daphne aber trotzdem ein bisschen leidtat. Es musste ihr hundsmiserabel gehen, wenn sie so furchtbar aussah.

*

Nachdem Kylie zugestimmt hatte, wurde sie zur Personalabteilung gebracht. Dort unterschrieb sie Verträge, handelte ihr Gehalt aus und besprach all die anderen Details ihres Jobs, die viel zu unwichtig waren, als dass sich Mr Powers oder Daphne damit beschäftigt hätten. Zu Kylies Überraschung zuckte niemand mit der Wimper, als sie ihr gewünschtes Gehalt nannte. Es wurde einfach nur zugestimmt und ein Datum festgelegt, an dem sie anfangen sollte. Die Summe machte sie sehr glücklich, auch wenn das bedeutete, dass sie die nächsten vier Monate auf Tour sein würde. Aber die Tatsache, dass man nicht einmal versucht hatte, sie herunterzuhandeln, machte ihr auch klar, dass sie sich jeden einzelnen Penny hart würde erarbeiten müssen.

*

Noch immer froh über das erfolgreiche Vorstellungsgespräch, verließ sie das Gebäude. Aber anstatt in die Wohnung ihrer Freundin zurückzukehren, ließ sie sich mit einem Taxi in einen Vorort von L.A. bringen. »Warten Sie hier«, sagte sie zu dem Taxifahrer. »Es wird nicht länger als zwanzig Minuten dauern.«

»Die Uhr läuft weiter«, erwiderte er.

Da Kylie kein Auto hatte, waren ihr die Hände gebunden. »Okay, aber fahren Sie nicht weg, ja?«

Er schaltete das Radio an und zeigte ihr den hochgehobenen Daumen.

Kylie sog die Luft ein und betrat das Pflegeheim.

Sobald sie durch die Tür getreten war, wurde ihre verschwitzte Stirn von der klimatisierten Luft gekühlt. Der Fußboden war steril weiß gefliest, und die Wände hatten einen beruhigenden Rosaton. Dadurch fielen die großen, verschlossenen Glastüren kaum auf, durch die man nur mithilfe einer Schlüsselkarte kam.

Kylie ging zum Besucherfenster und meldete sich an. Sie reichte der Angestellten das ausgefüllte Formular. »Ich bin hier, um Sloane Etherton zu besuchen.«

»Einen Moment bitte«, sagte die junge Frau. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl um und griff nach einem Ordner, der gelb markiert war. »Ich soll Sie daran erinnern, dass Ihre letzte Zahlung nicht angekommen ist.« Dann sah sie Kylie entschuldigend an. »Möchten Sie mit der Rechnungsabteilung sprechen, um das Problem zu beheben?«

Kylie schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann das jetzt bezahlen. Ich hatte in den letzten Monaten nur ein paar … finanzielle Schwierigkeiten.« Sie holte ihr Scheckbuch aus der Tasche und füllte einen Scheck aus. »Aber nun dürfte es keine Probleme mehr geben. Ich habe gerade den Vertrag für einen neuen Job unterschrieben und werde am Montag meine erste Vorauszahlung erhalten.« Oder zumindest, sobald sie Mr Powers davon überzeugt hatte, sie im Voraus zu bezahlen. »Kann ich den Scheck vordatieren?«

»Wir dürfen keine vordatierten Schecks annehmen.«

»Aber ich verlasse in ein paar Tagen den Staat und gehe auf Tour, daher werde ich dann nicht persönlich vorbeikommen können«, entgegnete Kylie gereizt. »Also nehmen Sie entweder jetzt einen vordatierten Scheck oder Sie bekommen gar keinen.«

Anscheinend hatte sie das magische Wort ausgesprochen. Die Empfangsdame hob den Kopf und riss die Augen auf. »Sie gehen auf Tour?«

»Mit Daphne Petty«, bestätigte Kylie und setzte eine Summe auf den Scheck, die für zwei Monate reichte. Damit wäre ihr Konto zwar für eine Weile leer, aber sie hatte kaum eine andere Wahl. »Und ich kann Ihnen bestimmt auch Tickets besorgen.« Sie riss den Scheck ab und reichte ihn der Frau. »Falls Sie vordatierte Schecks annehmen.«

»Es wird mir schon irgendwie gelingen, ihn ein paar Tage lang zu verlegen«, erwiderte diese grinsend und nahm Kylie den Scheck ab.

Fünf Minuten später wurde sie hineingelassen und durch einen ruhigen Flur geführt. Der Pfleger, der sie begleitete, reichte ihr die Krankenakte ihrer Großmutter. »Miss Sloane hat in letzter Zeit einige Schwierigkeiten gemacht, Miss Daniels.«

»Sie kennen meine Oma«, sagte sie angespannt. »Sie war noch nie eine sehr umgängliche Frau.« Nein, schon an ihren guten Tagen konnte man sie als schwierig bezeichnen.

Der Pfleger blieb ernst. »Sie versucht ständig auszureißen. Sie wissen, dass so etwas hier nicht gern gesehen wird.«

»Sie kann kaum laufen und ist senil«, stellte Kylie bedrückt fest. Das war nicht das erste Mal, dass man ihr so etwas über Großmutter Sloane erzählte. »Ich begreife gar nicht, wie sie überhaupt abhauen kann.«

»Leider passiert das bei den älteren Demenzpatienten häufiger«, berichtete der Pfleger. »Sie wissen nicht mehr, wo sie sind, und versuchen wegzugehen. Aus diesem Grund müssen wir hier auch alles abschließen. Aber manchmal lassen sie sich was einfallen, wie Ihre Großmutter beispielsweise, und dann wird es problematisch.«

»Ich werde mit ihr reden«, versprach Kylie, die langsam Kopfschmerzen bekam. »Aber …«

»Ich weiß. Sie ist dement. Wir wissen, dass wir diesen Kampf nicht gewinnen können«, unterbrach sie der Pfleger mit sanfter Stimme. »Aber wir müssen es dennoch versuchen und ihr ihre Situation begreiflich machen.«

Kylie verstand das, auch wenn sie selbst wusste, dass das unmöglich war. Wenn es um Großmutter Sloane ging, konnte niemand gewinnen. Also nickte Kylie. »Ich werde sehen, was ich tun kann. Geht es ihr ansonsten gut?«

»Abgesehen von den üblichen Wehwehchen, die eine ältere Demenzpatientin hat, ja. Sie ist unglücklich, wenn sie bei klarem Verstand ist, macht ansonsten einen verwirrten Eindruck und jagt den anderen Patienten Angst ein.«

»Klingt ja super.« Kylie schnitt eine Grimasse und stellte sich vor, wie ihre verbitterte Großmutter die anderen Patienten einschüchterte. »Wie sieht es heute aus?«

»Heute war ein schlimmer Tag«, antwortete der Pfleger. »Sie ist momentan stark sediert, aber wenn Sie ein paar Stunden bleiben möchten …«

»Das kann ich nicht«, unterbrach ihn Kylie und war erleichtert, dass sie nicht mit einer unangenehmen Auseinandersetzung rechnen musste. Zumindest nicht heute. »Ich wollte nur kurz nach ihr sehen und dann wieder gehen.«

Der Mann nickte und öffnete ihr die Tür. »Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie gehen möchten, dann bringe ich Sie raus.«

Kylie betrat das Zimmer ihrer Großmutter und spürte, wie sie unter der Last der Verantwortung etwas gebückter ging. Das Zimmer war sehr sauber und totenstill. Ein Foto von Kylies Mutter, die schon seit langer Zeit tot war, stand neben dem Bett. Es gab keine Bilder von Kylies Vater oder von Kylie, aber das überraschte sie nicht, da sie noch nie der Liebling von Großmutter Sloane gewesen war.

Du bist eine Last, Kylie Daniels. Ich muss zwei Jobs machen, um so viel zu verdienen, dass ich genug Essen auf den Tisch kriege und deinen fetten Arsch durchfüttern kann. Da kannst du doch wenigstens dankbar sein. Wenn doch nur deine Mutter hier wäre.

Sie verdrängte die hasserfüllten Erinnerungen und schob einen Stuhl neben das Bett ihrer Großmutter. Sie nahm die schmal und zerbrechlich wirkende Hand der alten Frau, die in ihrer eigenen so unfassbar klein aussah und deren Haut trocken wie Papier war.

»Hallo, Nana«, flüsterte Kylie. »Ich hoffe, es geht dir gut. Ich habe einen neuen Job und gehe auf Tour, daher werde ich dich einige Monate lang nicht besuchen kommen.« Nicht dass ihre Großmutter es überhaupt bemerkte, ob sie hier war oder nicht. Die meiste Zeit war sie geistig abwesend oder suchte ihre verstorbene Tochter. Kylie rieb mit den Fingern über die Handfläche der alten Dame. »Aber die gute Nachricht ist, dass ich alles für dich bezahlt habe, und dank meines neuen Jobs kannst du vermutlich noch lange Zeit hier bleiben. Mir ist klar, dass es dir hier nicht gefällt, aber diese Leute kümmern sich gut um dich. Das tun sie wirklich. Ich werde dafür sorgen, dass du bestens versorgt bist. Das ist meine Pflicht, und ich werde mich nicht davor drücken.« Sie presste die Lippen auf die Hand der alten Frau. »Sei brav, während ich weg bin, ja?«

Sie hielt die Hand ihrer Großmutter noch eine Minute lang fest, während sie über Pflichten, die Familie und die Last der Verantwortung nachdachte. Großmutter Sloane wachte nicht auf. Aber das war nicht weiter schlimm. Wenn sie schlief, war sie wenigstens friedlich. Fast schon süß. Sie warf Kylie keine Gemeinheiten an den Kopf, schrie nicht, dass sie hier nicht hergehörte, oder schluchzte unkontrolliert. Kylie konnte gemeine Kommentare über ihr Gewicht ertragen. Auch Sticheleien in Bezug auf ihre Frisur oder ihre schlampige Kleidung waren nicht so schlimm. Aber wenn ihre Großmutter weinte, als wäre ihr Herz gebrochen und als wären all ihre Träume zerschlagen worden, dann litt Kylie mit ihr.

Glücklicherweise blieb das Gesicht der alten Dame jedoch schlaff, und im rechten Mundwinkel sammelte sich ein wenig Speichel.

Also ging Kylie wieder.

Aber es hatte ihr gutgetan, Großmutter Sloane zu sehen. Es half ihr, sich zu konzentrieren. Stärkte ihre Entschlossenheit. Es erinnerte sie daran, warum sie arbeiten musste. Selbst wenn sie das Touren hasste und dann lange auf ihr Zuhause verzichten musste, war ihre Großmutter dadurch doch in Sicherheit und versorgt, und das war alles, was Kylie wollte. Während ihrer Kindheit war sie eine Last für diese Frau gewesen, und jetzt war Kylie es ihr schuldig, sich um sie zu kümmern.

Wie sehr es sie auch auslaugen mochte.

2

Wenn Cade Archer hätte raten müssen, wie er seinen dreißigsten Geburtstag verbringen würde, dann hätte er nur teilweise richtig gelegen. Umgeben von der Bruderschaft, der Geheimgesellschaft, der er schon seit dem College angehörte? Korrekt. Poker spielend in einem verrauchten Keller unter dem Klub, der ihm gehörte? Korrekt. Die Männer, die bei ihm waren, rauchten Zigarren und sprachen wie üblich über ihre Geschäftsstrategien? Weit gefehlt.

»Seht euch das an«, sagte Reese Durham und schob ein Ultraschallbild in die Tischmitte. »Er hat einen Schwanz so dick wie ein Babyarm.«

Griffin Verdi hob das Foto auf und starrte es mit zusammengekniffenen Augen an. »Bist du dir sicher, dass es nicht doch sein Arm ist?«

»Natürlich.« Reese kaute auf seiner Zigarre herum und sah sehr zufrieden aus. »Reese Junior hat ordentlich was vorzuweisen.«

Griffin verdrehte die Augen und warf das Bild wieder auf den Tisch. Aber Reese ließ sich nicht beirren und reichte es Hunter. »Und, wann fangen Gretchen und du an, über Kinder nachzudenken?«

»Vielleicht nächstes Jahr«, erwiderte Hunter und sah sich das Foto an. »Nach der Hochzeit.«

»Wir werden noch eine Weile warten«, erklärte Logan. »Brontë will zuerst ihren Abschluss machen, und ich habe es damit auch nicht eilig.«

»Amen«, meinte Griffin. Nach einem Augenblick fügte er hinzu: »Aber es würde mir nichts ausmachen, wenn Maylee und ich durch einen glücklichen Unfall Eltern werden.«

Jonathan Lyons, der neben ihm saß, warf eine Handvoll Pokerchips auf den Tisch. »Violet und ich hoffen auch auf so einen Unfall, und das lieber früher als später.«

»Ha«, rief Reese und stieß Jonathan freundschaftlich mit dem Ellbogen an. »Na, dann los. Vergiss das Kondom. Unsere Kinder könnten sich die Nannys teilen.«

Cade schüttelte nur den Kopf und musterte seine Karten. Das war definitiv nicht das, was er sich für seinen dreißigsten Geburtstag ausgemalt hatte. Natürlich war er davon ausgegangen, dass er ihn mit seinen Freunden verbringen würde, aber dass sie dabei über Babys und Hochzeiten sprachen, war nicht eingeplant gewesen. Der eingefleischte Junggeselle Reese war vom Frauenhelden zum zukünftigen Vater und Experten in allem, was ein Ehemann wissen musste, mutiert.

Tatsächlich hatten alle, die ihrem kleinen Kreis angehörten, im Laufe des letzten Jahres die Frau fürs Leben gefunden.

Alle bis auf Cade.

Was nicht bedeuten sollte, dass er nicht mit Frauen ausging. Okay, vielleicht tat er das nicht. Aber er interessierte sich definitiv für Frauen. Ganz besonders für eine, die ihm seit bestimmt fünfzehn Jahren nicht mehr aus dem Kopf ging. Eigentlich wartete er nur darauf, dass sie endlich auch mit ihm zusammen sein wollte.

Er dachte an Daphne, ihr freches Grinsen und ihre teuflische Attitüde, die Art, wie sie so wunderbar die Arme um ihn gelegt hatte … und dann musste er an den Augenblick denken, in dem sie nach einer Überdosis in seinen Armen gelegen hatte, kalt, schlaff und mit blau angelaufenen Lippen.

Möglicherweise gehörte er nicht zu den Männern, die irgendwann heirateten und ein Happy End erlebten. Er schob ein paar Chips in die Tischmitte. »Ich erhöhe, Jon.«

»Mistkerl«, erwiderte Jon grinsend, und sie widmeten sich erneut ihrem Kartenspiel.

Cade sah diskret auf das Display seines Handys, während die anderen ihre Einsätze machten. Daphne sollte ihm eigentlich eine SMS schicken, wenn sie ihre Probe beendet hatte. Bei ihrer letzten Unterhaltung – geführt per hastig getippter SMS – hatte sie ihm berichtet, dass sie bei ihrem anstehenden Konzert lange Tanzeinlagen ertragen musste und dass an diesem Wochenende Generalprobe wäre. Aber sie würde auf keinen Fall seinen Geburtstag vergessen, hatte sie gesagt. Sie hatte versprochen, sich zu melden und ihm mitzuteilen, wann sie sich sehen konnten.

Doch das war einige Tage her, und seitdem hatte er nichts mehr von Daphne gehört.

Und jetzt saß er hier, war dreißig Jahre alt und allein. Das sollte ihm doch etwas sagen. Wenn es Daphne in den Kram passte, dann hatte sie Cade gern in ihrer Nähe. Und wenn nicht … dann verschwendete sie nicht einmal mehr einen Gedanken an ihn.

Vielleicht würde er es ja eines Tages lernen und wäre irgendwann schlauer. Mit leisem, angewidertem Seufzen warf Cade noch weitere Chips in den Pott. »Ich gehe mit.«

*

Als sie das Pokerspiel beendet hatten, ging Cade zusammen mit Reese nach draußen. Reese hatte die meisten Spiele an diesem Abend gewonnen und außerdem den Erfolg seiner Promikreuzfahrten gefeiert sowie seine Pläne, sich mit einem Filmstudio zusammenzutun und spezielle Kreuzfahrten anzubieten, die auf beliebten Fernsehserien und Filmen basierten. Er hatte daher gute Laune, während Cade gedankenverloren schwieg.

»Hey, Mann«, meinte Reese und holte Cade in die Gegenwart zurück. »Ist alles in Ordnung bei dir?«

»Ja, klar«, antwortete Cade lächelnd. Tatsächlich konnte er sich über kaum etwas beschweren. Seine Geschäfte liefen gut, seine Wohltätigkeitsorganisationen hatten ein Rekordjahr, und er war gesund. Es gab nichts, das ihn unzufrieden oder unglücklich machte.

Dennoch war er unruhig und launisch. Er konnte nicht von der Hand weisen, dass er möglicherweise neidisch auf seine Freunde und ihr Glück war.

»Du bist in letzter Zeit ziemlich schweigsam.«

Cade steckte die Hände in die Hosentaschen. »Ich habe nur nachgedacht. Es ist nichts Wichtiges.«

»Hast du dieses Wochenende schon was vor? Audrey und ich fahren in die Hütte. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.«

In Cades abgelegene Hütte, wo sie sich kennengelernt hatten? Cade musste grinsen. »Du weißt genau, dass du jederzeit hinfahren darfst.«

»Audrey hatte eine schwierige Woche. Die Hormone, verstehst du?« Reese schnitt eine Grimasse. »Daher dachte ich, ich bringe sie zurück in unser Liebesnest und gönne ihr ein entspanntes Wochenende. Du kannst natürlich gern mitkommen.«

Und das fünfte Rad am Wagen sein? Zusehen, wie die beiden kuschelten? Auch wenn er sich sehr für Reese freute, fiel es ihm jedes Mal schwer, die gesunde, fröhliche Audrey anzusehen, ohne dabei an Daphne zu denken – oder vielmehr daran, dass es Daphne nicht auch so gut ging.

Denn früher war Daphne ebenfalls kurvig, wunderschön und unbeschwert gewesen. Und er hatte sie geliebt. Aber jetzt? Jetzt wusste er nicht mehr, was er für sie empfand. Möglicherweise war er von ihr besessen, und dass er verzweifelt war, konnte er auch nicht ganz abstreiten.

Wieder sah er auf sein Handy. Aber da war noch immer keine Nachricht von Daphne. Kein verpasster Anruf. Gar nichts. Er wusste, dass sie beschäftigt war, doch das war er auch. Interessierte sie sich denn überhaupt nicht für ihn?

»Hey? Hallo?« Eine Hand wedelte vor seinem Gesicht herum.

»Entschuldige.« Cade warf Reese einen betretenen Blick zu. »Ich bin gerade ein bisschen abgelenkt.«

»Und, kommst du am Wochenende mit auf die Hütte?«

Cade schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich wünsche euch beiden viel Spaß. Ich habe was anderes vor.« Hoffentlich.

»Du triffst dich mit Daphne, nicht wahr?« Reese klang angewidert.

Einen Moment lang überlegte Cade, ob er es leugnen sollte. Er wusste, dass Reese nicht begriff, wieso er derart auf den Popstar fixiert war. Vielleicht glaubte er, Cade hätte vor, eine alte Affäre wieder aufleben zu lassen. Aber die Wahrheit sah nun mal so aus, dass Cade sie seit seinem sechzehnten Lebensjahr liebte, als sie beide noch in ärmlichen Verhältnissen gelebt hatten. Und jetzt, wo es ihr nicht gut ging, fiel es ihm schwer, sich einfach von ihr loszusagen und den Kontakt abzubrechen. Nicht nachdem sie vor acht Monaten miteinander geschlafen hatten … und sie danach versucht hatte, sich umzubringen. Das lag ihm noch immer schwer auf der Seele. »Sie braucht mich«, erwiderte er deshalb.

»Was sie braucht, ist jemand, der ihr die Augen öffnet«, stellte Reese fest.

»Es ist nicht so leicht«, sagte Cade. Es war nicht so leicht, darüber zu reden oder es zu verstehen. Manchmal begriff er es. Dann wusste er, warum Daphne diesem Lebensstil verfallen war. Wie Daphne war auch er als Außenseiter aufgewachsen. Er war das ärmste Kind in einer heruntergekommenen Gegend gewesen, hatte barfuß mit den Nachbarkindern gespielt und die Petty-Zwillinge, hübsche Rothaarige, die ein paar Jahre jünger waren als er, immer im Auge behalten. Daphne Petty war die Erste, die ihn geküsst hatte, seine erste Liebe, seine Erste … in jeder Hinsicht. Sie war etwas ganz Besonderes gewesen – talentiert, witzig, klug und mit einer Art, andere zu faszinieren und aufzufallen, gesegnet. Als Cade dank eines Stipendiums aufs College ging, hatte er Daphne gebeten, auf ihn zu warten. Er würde etwas aus sich machen, zurückkommen und sie aus ihrer Kleinstadt rausholen. Aber Daphne hatte nicht gewartet. Sie hatte einen Musikproduzenten kennengelernt, und kurz darauf stellte Cade fest, dass er das Mädchen, das er liebte, im Radio hörte. Sie war immer dünner geworden, bis es kaum noch zu ertragen war, hatte ihr Haar in grässlichen Farben gefärbt, war im Bikini im Fernsehen herumgelaufen und hatte mehrere Millionen Alben verkauft.

Anfangs war er sehr stolz auf sie gewesen. Daphne besaß einen einzigartigen Sinn für Humor, der sich auch in ihren speziellen Texten niederschlug. Aber im Laufe der Zeit hatte er beruflich immer mehr zu tun gehabt, und sie waren auseinandergedriftet. Daphne wurde zunehmend vom Musikbusiness aufgesogen, und auch wenn sie irgendwann mal eine gesunde Rothaarige gewesen war, so trug sie jetzt grelle, wilde Frisuren, war spindeldürr und hatte falsche Brüste. Und sie war kokainsüchtig.

Er liebte sie trotzdem. Und er würde sie immer lieben. Aber als ihre »spezielle Art« darin ausuferte, dass sie in Klatschzeitschriften abgebildet wurde, wie sie Koks schnupfte und in die Entzugsklinik eingeliefert wurde, hatte er auch angefangen, sich Sorgen um sie zu machen. Er hatte versucht, ihr zu helfen, nicht erneut vom Weg abzukommen, und aus der Ferne sein Bestes gegeben.

Doch es war nie genug. Vor acht Monaten hatte sich die Lage dann zugespitzt. Sie hatte ihm versprochen, dass sie clean werden würde, wenn er ihr noch eine Chance gab. Allerdings nicht in einer Klinik, da sie in diesem Fall sofort in den Klatschspalten gelandet wäre. Sie hatte ihn gebeten, mit ihr zusammen an einen abgelegenen Ort zu verschwinden und ihr einen verschwiegenen Arzt zu besorgen. Ihrer Meinung nach brauchte sie nichts weiter als Cade und Audrey an ihrer Seite, die sie ermutigten.

Natürlich war er darauf reingefallen. Er hatte seinen Teil erledigt, so viel stand fest. Er hatte die besten Ärzte engagiert und sie in der Nähe einquartiert. Er hatte dafür gesorgt, dass sie leichte Drogen bekam, um langsam runterzukommen, und genau überwacht, wann ihr was verschrieben wurde. Und er hatte sie bei jedem Schritt unterstützt … doch dann hatte sie sich mit Audrey gestritten, und bei diesem Streit war es um ihn gegangen. Sie hatte Cade verführt, ihm die Medikamente geklaut und sich eine Überdosis gesetzt, während sie neben ihm im Bett lag.

Danach hatte nicht nur sie eine Therapie gebraucht.

Man konnte also mit Fug und Recht behaupten, dass die Sache mit ihnen kompliziert war. Und auch verwirrend. Denn was sollte er empfinden, wenn die Frau, die er seit ewigen Zeiten liebte, erst mit ihm schlief und dann eine Überdosis nahm?

»Du weißt, dass Daphne meine Schwägerin ist«, sagte Reese und schlug ihm auf die Schulter, während sie aus dem Klub auf die Straße traten. »Und Audrey würde mir den Kopf abreißen, wenn sie wüsste, dass ich das sage, aber Daphne ist ein hoffnungsloser Fall. Wie lange hat sie es beim letzten Mal geschafft, clean zu bleiben? Drei Wochen?«

»Sie hat gesagt, dass sie jetzt clean wäre.«

»Sie sagt viel, wenn der Tag lang ist«, erwiderte Reese. »Ich musste mitansehen, wie sehr sie Audrey mit ihren Versprechungen verletzt. Wenn du es irgendwie schaffst, von ihr loszukommen, dann tu das gefälligst!«

Ein guter Ratschlag. Das wusste er, aber es war dennoch nicht leicht, ihn in die Tat umzusetzen. »Ich muss trotz allem mit ihr reden.« Er musste wissen, wo sie standen und ob es für sie eine Zukunft gab. Wenn die Plattenfirma Daphne auf Tour schickte, dann musste sie clean sein. Und wenn sie clean war, dann konnten sie vielleicht noch einmal von vorn anfangen.

Andernfalls … war es vielleicht wirklich Zeit, dass Cade nach vorn blickte. Aber er musste es unbedingt wissen.

3

Am ersten Abend von Daphne Pettys Nordamerikatour war der Star eine tobende Furie, und all ihre Angestellten gingen ängstlich vor ihr in Deckung. Kylie versteckte sich zusammen mit den Leuten von der Garderobe, bis sie gebraucht wurde. Sie konnte hören, wie Daphne nebenan ihre Assistentin anschrie. »Habe ich nicht gesagt, dass ich Buffalo-Wings ohne Knochen haben will? Was ist, soll ich die Dinger etwa mit Knochen essen? Im Ernst? Hat denn überhaupt irgendjemand meine gottverdammten Touranweisungen gelesen?«

Kylie zuckte vor Mitgefühl zusammen. Sie arbeitete jetzt seit einer Woche für Daphne, und während dieser Zeit hatte sie bereits festgestellt, dass Daphne entweder eine unglaublich liebe und lustige Person sein konnte … oder sich wie eine völlig Durchgeknallte benahm. Alle aus der Crew hatten sie gewarnt, dass sie nichts, was Daphne tat oder sagte, persönlich nehmen dürfe und dass sie jede Auseinandersetzung einfach durchstehen müsse. Wenn man Daphne einfach recht gab, war der Streit schnell vorbei.

Bisher hatte sich Daphne Kylie gegenüber ganz annehmbar benommen. An einigen Tagen war sie schnippisch gewesen, aber es gefiel ihr, wie Kylie sie schminkte, und sie mochte die Hautpflegeanwendungen, die Kylie ihr angedeihen ließ, daher war sie zufrieden. Sie nannte Kylie zwar immer noch »dicke Marilyn«, aber selbst daran gewöhnte sich Kylie langsam. Anscheinend konnte sich Daphne keine Namen merken und verpasste jedem aus diesem Grund einen besonderen Spitznamen. Die Garderobiere hieß »Rotschopf«, weil sie rote Haare und überall Sommersprossen hatte. Einer der Beleuchter wurde von ihr »Hodor« genannt, einer der Tontechniker »Hairy Dave« und ihre Assistentin »Snoopy«, weil sie angeblich lief wie ein Hund. Alles in allem war »dicke Marilyn« gar kein so übler Spitzname. Sie hatte schließlich gehört, wie Daphne die Tänzerinnen mit allerlei Beleidigungen bedachte, die mehr oder weniger heftig ausfielen, je nachdem, ob sie ihr in die Quere kamen.

»Vor den Drogen war sie netter«, sagte Rotschopf und nähte Pailletten an ein Tanzkostüm für Daphnes dritten Song. »Früher war sie total süß und witzig, aber jetzt ist sie bloß noch eine abgewrackte Schlampe.«

Kylie musste ob der harschen Worte blinzeln. »Sie schien mir eigentlich ganz okay zu sein.«

Rotschopf zuckte mit den Achseln. »Diese Woche ist sie wirklich nicht so schlimm, weil ihr neuer Tänzer-Toyboy gute Drogen dabeihat. Zumindest habe ich das gehört.« Sie tat so, als würde sie eine Linie Koks schnupfen, und nähte dann weiter. »Solange er noch Stoff hat, ist er ihr neuer Liebling.«

Wow. Kylie leckte sich die Lippen und wusste nicht, was sie sagen sollte. »Ähm, weiß ihre Plattenfirma davon?« Sollte sie irgendjemandem sagen, dass Daphne bei ihren Auftritten high war?

»Das ist denen egal«, erwiderte Rotschopf. »Was glaubst du denn, wer sie erst abhängig gemacht hat? Es ist billiger, sie zufriedenzustellen, wenn sie drauf ist. Und solange die Tour ausverkauft ist, interessiert sich niemand dafür, was sie einwirft.« Rotschopf schob eine Nadel durch den schimmernden Stoff und zog den Faden durch. »Ich arbeite jetzt seit fünf Jahren für sie, und sie durchläuft diesen Kreislauf immer wieder. Sie ist clean, dann gibt ihr jemand eine neue Droge. Schon ist sie wieder abhängig, wird gemein, bricht zusammen, kommt in den Entzug und ist wieder clean. Kurz darauf bekommt sie von jemand anderem irgendwas Neues, das sie sich reinpfeifen kann, und alles geht wieder von vorne los.«

Das alles schien der Garderobiere egal zu sein. Kylie dachte an die Einstichlöcher auf Daphnes Armen. »Aber sie sieht so mitgenommen aus. Macht sich denn niemand Sorgen um ihre Gesundheit?«

»Nicht so sehr wie darum, wie man mit ihr Geld verdienen kann.« Rotschopf biss den Faden durch und schüttelte das Kostüm aus. »Sie wird dich bestimmt bald brauchen, du solltest dich lieber mal blicken lassen.«

Kylie schnitt eine Grimasse und sah zur Tür von Daphnes Garderobe hinüber, hinter der sich der Star vor dem Konzert entspannte. Von der anderen Seite waren leise Schreie zu hören. Die falschen Wimpern würden wieder abfallen, wenn Daphnes Augen vom Weinen aufgequollen waren. Kylie seufzte, wappnete sich und betrat die Garderobe, um herauszufinden, was dort vor sich ging.

Wie erwartet saß Daphne weinend vor dem Schminkspiegel. Sie wischte sich mit einer Hand über die Augen und kramte mit der anderen in Kylies ordentlich sortiertem Make-up herum. Kylie zwang sich zu lächeln und trat näher. »Hey, Daph, was suchst du denn?«

Daphne schluchzte laut. »Hast du Marco gesehen?«

»Marco?« Kylie sah sie irritiert an.

»Marco Polo?«

Zuerst glaubte Kylie, es wäre ein Witz, aber Daphne weinte weiter und wühlte in Kylies Lidschattensortiment herum, und dann wurde ihr auf einmal bewusst, dass das ein weiterer Spitzname für jemanden sein musste. »Nein, habe ich nicht. Kann ich dir vielleicht helfen?«

Das hätte sie lieber nicht sagen sollen. Daphnes Augen blitzten auf, und sie drehte sich mit einem irren Gesichtsausdruck zu Kylie um. »Hast du was dabei?«

»Was meinst du damit?«

»Crystal? Was zum Schnupfen? Tabletten? Irgendwas? Ich brauche was, das mich aufmuntert.« Sie rieb sich wieder die Augen und sah für einen Augenblick unglaublich jung aus. »Ich bin immer so müde.«

»Ich habe keine Drogen«, teilte Kylie Daphne mit sanfter Stimme mit. Einerseits hätte sie den Popstar am liebsten in den Arm genommen, andererseits musste sie aber auch den Drang unterdrücken, Daphne ordentlich zu schütteln. Vorerst begnügte sie sich damit, einen Lipgloss aufzuheben, der auf den Boden gefallen war. »Kann ich dir ein Wasser bringen?«

Daphne begann wieder zu weinen. »Marco hat das ganze gute Zeug, und ich weiß nicht, wo er ist, dabei bin ich so müde. Ich will doch nur ein Nickerchen machen und in anderthalb Stunden auf die Bühne gehen.«

»Du darfst jetzt nicht weinen«, schimpfte Kylie sanft und gleichzeitig entschieden und reichte Daphne eine Packung Taschentücher. »Dein Gesicht wird morgen in allen Klatschzeitschriften abgebildet sein, und da willst du doch gut aussehen, oder nicht?«

»Die Zeitschriften sind mir völlig egal. Ich will nur schlafen. Warum versteckt sich Marco vor mir?«

Kylie musterte Daphne hilflos. »Ich könnte ihn ja suchen gehen …« Sie stockte, da sie Snoopy im Augenwinkel sah, die nur mit dem Kopf schüttelte und sich mit einem Finger über die Kehle fuhr. Okay. Marco »versteckte« sich also mit Absicht vor Daphne. Wahrscheinlich sollte Daphne nicht high sein, wenn sie auf die Bühne ging. Die Arme. Kylie streichelte Daphne über das Haar und bemitleidete sie. Eigentlich sollte sie doch aufgeregt sein, dass ihre Tour endlich anfing, doch stattdessen fühlte sie sich hundeelend. »Weißt du was? Ich glaube, ich habe ganz in der Nähe ein Café gesehen. Wie wäre es, wenn ich dir da schnell was hole, bevor es Zeit ist, dich zu schminken?«

Daphnes tränenüberströmtes Gesicht hellte sich auf. »Wirklich? Das würdest du für mich tun, dicke Marilyn?«

»Ja«, antwortete sie. Sie würde fast alles tun, nur damit Daphne aufhörte zu weinen. »Wie wäre es mit einem Espresso?«

Daphne klatschte in die Hände. »Ich brauche einen extragroßen Eiskaffee mit vierfach Espresso. Und sehr viel Zucker und Milch.«

»Das klingt ja widerlich«, meinte Kylie lachend. »Aber ich kann mir gut vorstellen, dass du davon wach wirst.«

»Eigentlich kurzsichtig, dass man die Kaffeebohnen nicht gleich gemahlen in die Eiswürfel gibt.« Daphne sah richtiggehend glücklich aus. »Vielen Dank. Ein Kaffee wäre jetzt großartig. Ich glaube, das schreibe ich auch in meine Touranweisungen, auch wenn das sowieso wieder niemand liest.« Die letzten Worte brüllte sie förmlich und sah Snoopy wütend an.

»Dann hole ich jetzt schnell den Kaffee«, sagte Kylie, nahm ihre Geldbörse und lief zur Tür.

»Flieh, solange du kannst«, murmelte Snoopy, und für Kylie hörte sich das nach einem sehr guten Ratschlag an.

*

Vor dem Café parkte ein heißer pinkfarbener Lyons-Roadster, in den Kylie am liebsten auf der Stelle eingestiegen wäre. Sie war derart damit beschäftigt, den Wagen zu bewundern und anzustarren, dass sie ohne hinzusehen die Hand nach dem Türgriff des Cafés ausstreckte und so auf einmal versehentlich die Gürtelschnalle eines anderen Menschen in der Hand hatte.

Und möglicherweise auch noch etwas mehr als das, denn sie wusste sofort, dass es sich um einen Mann handelte.

»Oh!« Sie zuckte zurück und war schockiert. Wie unglaublich peinlich! Als sie aufblickte … lief sie puterrot an.

Kylie musste zugeben, dass sie instinktiv einen guten Geschmack bewiesen hatte. Wenn sie schon jemandem in den Schritt fassen musste, dann doch bitte diesem Kerl. Denn, großer Gott, er war vielleicht attraktiv! Blondes, zerzaustes Haar, ein grauer Anzug und strahlende blaue Augen, die sie amüsiert ansahen.

»O mein Gott, das tut mir so unglaublich leid!«, stieß Kylie hervor. »Ich dachte, Sie wären die Tür.«

»Ich muss zugeben, dass ich das bisher noch nicht von einer schönen Frau gehört habe.« Er grinste sie an und öffnete ihr die Tür. »Nach Ihnen?«

Mit schamroten Wangen zog sie den Kopf ein, betrat das Café und konnte nur hoffen, dass er ihr nicht folgte.

Das Glück war ihr jedoch nicht hold, denn der gut aussehende Mann folgte ihr dicht auf dem Fuß. Sie biss sich auf die Lippe und überlegte, ob sie sich noch einmal entschuldigen sollte. Sag doch was Kluges oder Witziges. Sag was. Irgendwas. Sie wappnete sich und drehte sich zu ihm um. »Normalerweise begrapsche ich beim Betreten eines Cafés keine Männer«, erklärte sie. »Aber da es nun einmal passiert ist, würde ich Ihnen gern einen Kaffee spendieren.«

Er legte den Kopf in den Nacken und lachte. »Und was muss ich tun, um einen Bagel zu bekommen?«

»Bagels sind billig«, erwiderte sie ebenso scherzhaft. »Dafür reicht schon ein kurzes Zudrücken.«

»Selbst wenn ich einen mit Lachs haben möchte?« Seine Augen waren so unglaublich blau und von dichten Wimpern umgeben. Er sah aus wie ein Engel. Ein ziemlich frecher, zum Flirten aufgelegter Engel.

»Ja, selbst dann«, erklärte sie und musste grinsen. Dann reichte sie ihm ihre Hand. »Kylie.«

»Cade«, stellte er sich vor und schüttelte ihre Hand. Während er ihre Finger festhielt, beugte er sich vor. »Aber ich kann meinen Bagel schon selbst bezahlen. Ich wollte nur wissen, was noch so möglich ist.«

Flirtete er mit ihr oder war er nur höflich? Als er ihr bedeutete, dass sie vor ihm an den Tresen gehen sollte, beschloss sie, dass es simple Höflichkeit war. Sie schenkte dem Mann hinter dem Tresen ein schiefes Lächeln. »Ich hätte gern einen kleinen schwarzen normalen Kaffee und einen extragroßen Eiskaffee mit vierfachem Espresso und sehr viel Milch und Zucker.«

Cade kicherte. »Ist der mit dem vielen Zucker für Sie?«

Sie schüttelte den Kopf und reichte dem Kassierer einen Zwanziger. »Der schwarze Kaffee ist für mich. Den mit dem vielen Zucker kann ich nicht trinken.«

»Zu süß?«

Sie machte einen Schritt zur Seite, damit er seine Bestellung aufgeben konnte, und überlegte kurz, wie aufrichtig sie sein konnte. Dann beschloss sie jedoch, dass es völlig egal war, da sie diesen Mann ja sowieso nie wiedersehen würde. »Zu viele Kalorien. Ich bin schon dick genug.«

»Einen kleinen schwarzen Kaffee«, bestellte Cade, bezahlte und drehte sich wieder zu Kylie um, die auf ihre Getränke wartete.

Ein betretenes Schweigen machte sich breit. Kylie verspannte sich immer mehr, während Cade sie musterte. »So ein Unsinn«, meinte er dann, »ich finde, Sie sind wunderschön.«

Sie lächelte ihn hocherfreut an. Er war wirklich sehr nett. »Oh, vielen Dank. Das sagen Sie vermutlich zu allen Frauen, die Sie in Cafés kennenlernen.«

»Nein, das ist mein voller Ernst. Sie sind hinreißend. Das sage ich nicht nur so daher.« Sein Lächeln wirkte aufrichtig. »Wenn dem so wäre, dann würde ich auch erwähnen, dass ich eine Freundin habe, die ihren Kaffee auch so trinkt, wie Sie ihn gerade bestellt haben. So viel Espresso wie möglich und tonnenweise Milch und Zucker. Sie hat dieses Getränk geliebt.«

»Der ist auch für meine Freundin.« Es war vermutlich in Ordnung, dass sie die spindeldürre Daphne als ihre Freundin bezeichnete. Theoretisch konnte man sie als das bezeichnen.

Cade lächelte noch immer, als der Barista die beiden schwarzen Kaffees auf die Theke stellte und sich daranmachte, Daphnes monströses Koffeinungetüm zuzubereiten. Nachdem Cade seinen Becher an sich genommen hatte, reichte er Kylie ihren. Sein Lächeln wirkte jetzt nicht mehr freundlich, sondern fast schon … traurig. Und das gab ihr zu denken.

»Und«, begann sie, da er noch immer stehen blieb, »leben Sie hier in Chicago?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin nur in der Stadt, um eine Freundin zu besuchen. Und Sie?«

»Mich hat die Arbeit hergeführt. Wir reisen viel.« Sie erwähnte nicht, für wen sie arbeitete. Aus Erfahrung wusste sie, dass Cade – obwohl er nett und normal wirkte und zugegebenermaßen obendrein sehr attraktiv war – in dem Augenblick, in dem sie ihm sagte, worin ihr Job bestand, anfangen würde, sie um Tickets anzubetteln. Daher blieb sie lieber vage und deutete die Straße entlang. »Ich wollte hier nur fix Kaffee holen, und da ist mir der Wagen vor der Tür aufgefallen.«

»Der Lyons-Roadster?« Cades Lippen zuckten, und er grinste sie an.

»Genau der«, gab sie zu. »Das ist wirklich ein schönes Auto.« Und das war es auch. Der Lyons vor der Tür war ein schicker kleiner Sportwagen, der pinkfarben lackiert war und eine lilafarbene Innenausstattung hatte. Kylie fand ihn toll, auch wenn es kein besonders praktischer Wagen war. Aufgrund ihres Jobs brauchte sie ohnehin kein Auto, aber wenn sie sich irgendwann eins zulegte, dann durfte es gern so eins wie dieser heiße Flitzer sein. »Da fragt man sich schon, wer das Vergnügen hat, es zu fahren.«

»Tja, während der nächsten paar Stunden ich«, erklärte Cade und nippte an seinem Kaffee. Als sie ihn überrascht anstarrte, fügte er hinzu: »Danach bekommt ihn dann eine alte Freundin.«

Eine alte Freundin? Wenn sie sich den Wagen so ansah, konnte sie sich gut vorstellen, dass es seine Freundin sein würde. Aber die besten Männer waren ja immer vergeben. Da war es doch logisch, dass auch Cade eine Freundin hatte. Er war gut aussehend, witzig, charmant, gut gekleidet und schien alles in allem auch ziemlich vermögend zu sein, wenn er einer Freundin einen Lyons kaufen konnte. »Tja, dann hat Ihre Freundin aber großes Glück, jemanden wie Sie zu haben.«

Er lächelte sie traurig und bedrückt an, sah dann nachdenklich zu dem Auto hinüber und schwieg.

Kylie wurde das Herz schwer. Wer immer die Frau war, die dieser attraktive Mann begehrte, so war doch offensichtlich, dass er ihretwegen unglücklich war. Er machte definitiv nicht den Anschein eines glücklich verliebten Mannes, sondern sah eher … verzweifelt aus. Als würden ihm langsam die Optionen ausgehen.

Der arme Mann. Er tat ihr richtiggehend leid.

Kylie beugte sich zu ihm vor und umklammerte dabei ihren Kaffee. »Wer immer Ihre Freundin auch ist«, murmelte sie, »wenn sie Sie nicht ins Bett schleift und die nächste Woche nicht mehr rauslässt, sobald sie diesen Wagen gesehen hat, dann ist sie verrückt.«

Bei diesen Worten hellte sich sein Gesicht auf, und er sah Kylie erneut an. »Wenn meine Freundin doch nur etwas mehr wie Sie wäre.«

Ich wünschte, ich wäre Ihre Freundin, dachte sie, zwinkerte ihm allerdings nur zu. Dann war ihre Bestellung fertig, und es war Zeit zu gehen. Sie winkte Cade kurz zu, und er nickte als Erwiderung.