Perfect Passion - Stürmisch - Jessica Clare - E-Book

Perfect Passion - Stürmisch E-Book

Jessica Clare

4,5
8,99 €

Beschreibung

Glück und Unglück liegen nah zusammen, wie die Kellnerin Bronte am eigenen Leib erfahren muss. Sie gewinnt eine Reise auf die Bahamas - und gerät prompt in einen Hurrikan. Dann verpasst sie auch noch die Evakuierung, weil sie im Fahrstuhl stecken bleibt. Wenigstens ist sie nicht allein. Der Manager des Hotels sitzt mir ihr im Fahrstuhl fest. Zumindest hält sie Logan für den Hotelmanager. Dass er einer der reichsten Männer der Welt ist, erfährt sie erst, als sie ihm schon mit Haut und Haaren verfallen ist ...

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Seitenzahl: 433

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

1

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Epilog

Über die Autorin

Jessica Clare lebt mit ihrem Mann in Texas. Ihre freie Zeit verbringt sie mit Schreiben, Lesen, Schreiben, Videospielen und noch mehr Schreiben. Sie veröffentlicht Bücher in den unterschiedlichsten Genres unter drei verschiedenen Namen. Als Jessica Clare schreibt sie erotische Liebesgeschichten. Ihre Serie PERFECT PASSION erschien auf den Bestsellerlisten der NEW YORK TIMES und der USA TODAY. Mehr Information unter: www.jillmyles.com

Jessica Clare

PERFECTPASSION

STÜRMISCH

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Kerstin Fricke

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2013 by Jessica Clare

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Stranded with a Billionaire« Originalverlag: InterMix Books, New York

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © shutterstock/Gregory Johnston

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-5896-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Obwohl laute Musik durch die Bar hallte und die Menschen dicht an dicht standen, sprach niemand Logan Hawkings an. Er war allein, eine Insel im tosenden Meer der Körper. Möglicherweise lag es an seiner abweisenden Miene oder den scharfen Bügelfalten seiner teuren, maßgeschneiderten Kleidung, dass die Leute fanden, er passe nicht hierher. Vielleicht lag es daran, dass sein Gang eine gewisse Arroganz ausstrahlte, woraufhin ihm die Männer aus dem Weg gingen und die Frauen ihre Freundinnen interessiert anstupsten.

Er war nicht hier, um jemanden kennenzulernen.

Er ging an der Bar vorbei und durch einen schmalen Gang in ein Hinterzimmer. Ein Mann, groß und glatzköpfig, stand vor der Tür. Der Wachmann trug eine Sonnenbrille, obwohl es hier drinnen dämmrig war, einen Anzug und ein Securityheadset mit einem schwarzen Kabel, das hinter seinem Ohr über den Nacken führte. Er richtete sich auf und musterte Logan, als dieser näher kam.

Mit einer geübten Bewegung strich Logan mit dem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand über seine Schulter und ließ sie dann genau an der Stelle, an der sich sein Tattoo unter der Kleidung verbarg, liegen.

Der Mann nickte und trat einen Schritt zur Seite.

Logan stieß die Tür auf und ging die Treppe hinunter ins Untergeschoss. Über dem grünen achteckigen Tisch in der Mitte des Raumes hing schon jetzt eine dicke Wolke aus Zigarrenrauch. Auf einer Seite war ein Buffet aufgebaut, das jedoch größtenteils ignoriert wurde. Auf dem Tisch waren Bierflaschen und Pokerchips zu sehen. Endlich Bruderschaftsabend. Den mochte er am liebsten. Rasch sah sich Logan um. Es waren bereits alle da, er war der Letzte, der noch gefehlt hatte. Das war keine Überraschung. Die Männer am Tisch hatten alle in etwa dasselbe Alter. Sie waren adrett, fit und trugen teuer aussehende Kleidung. Außerdem legten alle diese Selbstsicherheit an den Tag, die der Erfolg mit sich brachte, auch wenn diese bei einigen sehr großspurig daherkam.

Neben dem leeren Stuhl, der für ihn reserviert war, saß Hunter Buchanan. Der schweigsame Immobilienmogul mit den vielen Narben war Logans engster Freund. Den Stuhl daneben belegte Reese Durham, ein junger, übermütiger Mann, der kurz davor stand, seine erste Milliarde zu machen. Neben ihm saß Griffin Verdi, ein europäischer Aristokrat und der ›Professor‹ ihrer kleinen Gruppe. Dann kam Jonathan Lyons, der Besitzer von Lyons Automotives, der immer auf der Suche nach Action und Abenteuer war. An seiner Seite hatte Cade Archer Platz genommen, der Philanthrop ihrer Gruppe.

Die fünf Männer sahen kaum von den Karten auf, als er eintrat.

»Du bist spät dran«, meinte Reese Durham, der eine Zigarre im Mundwinkel hatte. Er sah sich mit unbewegter Miene seine Karten an.

Logan zog seine Jacke aus und warf sie in eine Ecke. Dann ging er zu dem einzigen freien Stuhl am Tisch. Cade hob zum Gruß eine Hand. Logan nahm sie und schlug dann Hunter Buchanan auf den Rücken. Im schwachen Licht sahen die Narben des Mannes schaurig aus.

»Wurde auch Zeit, dass du kommst«, sagte Cade mit seiner angenehmen Stimme. »Reese hat gerade nach Gloria gefragt.«

Logan runzelte die Stirn und setzte sich kopfschüttelnd zwischen die beiden Männer. »Welche Gloria?«

Reese grinste ihn über den Tisch hinweg an. »Du weißt schon. Die dralle Gloria mit den schönen blonden Haaren. Dann gehst du nicht mehr mit ihr aus? Sie war mal deine Begleitung, vor ein paar Monaten bei der Wohltätigkeitsveranstaltung von Stewart.«

Wirklich? Logan konnte sich nicht daran erinnern. Er war schon seit einer Ewigkeit kein zweites Mal mit derselben Frau ausgegangen, nicht seit … Nun ja, seit Danica. Keine hatte ihn derart interessiert, dass er sich die Zeit genommen hatte. »Ich erinnere mich an keine Gloria.«

»Dann würde es dir nichts ausmachen, wenn ich mit ihr ausgehe? Ich bin ihr neulich auf einer Party begegnet und würde sie gern wiedersehen.«

»Ob es mir etwas ausmacht?« Logan schnaubte. »Ich weiß nicht mal mehr, wie sie aussieht. Sie gehört ganz dir.«

»Wusstest du, dass sie mit Danica befreundet ist?«, erkundigte sich Reese.

»Dann kannst du sie umso lieber haben«, erwiderte Logan mit kalter Stimme. »Wenn sie eine Freundin von Danica ist, dann kann sie von mir aus in der Hölle schmoren.«

»Ich dachte mir schon, dass du so denken würdest«, meinte Reese fröhlich.

»Tu mir einen Gefallen und erwähnte Danica nie wieder«, bat ihn Logan mit freundlichem Tonfall, der allerdings ein wenig wie eine Warnung klang. Das Letzte, was er jetzt wollte, war, über diese geldgierige Schlampe zu reden. Sie war Vergangenheit, und er hatte nicht vor, noch eine Sekunde länger über sie nachzudenken. Sein Vater hatte ihn verspottet, weil er sich in Danica verliebt hatte, und ihn als dämlichen Idioten bezeichnet. Letzten Endes hatte der alte Fuchs recht behalten.

Und das ärgerte ihn mehr als alles andere.

»Was hat dich denn heute aufgehalten?« Hunter holte einen Stapel Pokerchips heraus und warf Logan einen Blick zu.

Ein nahtloser, effektiver Themawechsel. Logan drehte sich zu Hunter um und gab dem vernarbten Mann einen Scheck, um seinen Anteil am heutigen Abend zu begleichen. Hunter steckte ihn in die Bank und schob den Haufen Chips zu Logan hinüber.

»Ich habe einen neuen Fahrer«, antwortete Logan. »Er hat sich verfahren.«

Sein Tonfall ließ vermuten, dass das nie wieder passieren würde.

Reese schnaubte und schüttelte den Kopf. »Immer diese faulen Ausreden.« Er deutete auf den Stapel Chips in der Tischmitte. »Haben alle ihren Einsatz gemacht?«

Die sechs Männer begutachteten ihre Karten, die jetzt ausgeteilt wurden. Als die offenen Karten ausgelegt wurden, warf Cade sofort seinen Einsatz auf den Haufen. Vier Männer stiegen sofort aus. »Der Kerl hat schon zwei Paare«, meinte Jonathan und warf Cade einen angewiderten Blick zu. »Er kann einfach nicht lügen, nicht mal, um seinen Arsch zu retten.«

Reese seufzte und legte seine Karten ebenfalls auf den Tisch, sodass nur noch Cade übrig war. »Verdammt, du hast recht. Ich passe ebenfalls.«

Cade grinste und strich das Geld ein. »Vielleicht habe ich ja geblufft.«

»Hast du nicht«, erwiderte Jonathan und trank einen Schluck Bier. Dann lehnte er sich nach hinten und holte für Logan eine Flasche vom Cateringtisch. »Du weißt gar nicht, wie das geht.«

»Okay«, meinte Logan, nahm die Flasche entgegen und schraubte den Deckel ab. »Da wir jetzt alle hier sind … das monatliche Treffen der Bruderschaft ist hiermit eröffnet.«

Die Männer hoben ihre Drinks und stießen die Flaschen gegeneinander. »Fratres in prosperitatem«, sagten sie alle gleichzeitig, wie sie es jeden Monat taten. Das war das Motto ihrer geheimen Gesellschaft: »Brüder im Erfolg«.

»Der erste Punkt der Tagesordnung ist der runde Tisch«, fuhr Logan fort. »Wir beginnen mit Jonathan.«

»Der Umsatz von Lynde Automobiles war in allen Quartalen hervorragend. Wir werden in Kürze eine neue Produktreihe mit Highend-Cabrios einführen, die über einen Elektromotor verfügen, aber auch genügend PS, um in Daytona zu fahren.« Er grinste. »Ich überlege, ob ich mir nicht auch einen kaufe. Die technischen Details erspare ich euch lieber.«

»Ich bitte darum«, entgegnete Griffin mit seiner ebenso kultivierten wie gelangweilten Stimme.

Jonathan ließ sich nicht beirren, sondern hob die Karten auf und begann, für die nächste Runde auszuteilen. »Der Prototyp wird frühestens im nächsten Quartal fertig sein, aber wenn die Serienproduktion anläuft, dann bekommt jedes Mitglied der Bruderschaft einen.«

Er sprach noch eine Weile über das Automobilgeschäft und wandte sich dann an Griffin. »Du bist dran.«

Griffin zuckte mit den Achseln und betrachtete sein Blatt. »Es ist bloß Geld, das vermehrt sich von alleine.«

»Sagt ein Mann, der im Wohlstand aufgewachsen ist«, hob Reese hervor. »Nicht jeder von uns hatte so viel Glück.«

»Es ist nicht meine Schuld, dass ich in eine reiche Familie hineingeboren wurde. Außerdem habe ich in Cades medizinische Forschung investiert«, erwiderte Griffin und wedelte mit der Hand durch die Luft. »Wenigstens mache ich etwas mit meinem Geld. Und es wirkt sich auch positiv bei der Steuererklärung aus.«

»Reese?«, fragte Logan.

»Mein Neuerwerb, der Eishockeyklub Vegas Flush, ist auf dem besten Weg, dieses Jahr den Stanley Cup zu gewinnen. Ihr bekommt natürlich alle Tickets. Ruft einfach meine Sekretärin an. Ich überlege gerade, ob ich ein Footballteam kaufen soll.« Er grinste. »Oder eine Fußballmannschaft. Fußball ist hier in den Staaten im Kommen. Das könnte eine gute Investition sein, wenn ich einen Superstar verpflichte, der das Publikum anlockt. Da ist aber noch nichts in trockenen Tüchern.«

Sie diskutierten noch eine Zeit lang über Sportmannschaften und gingen dann zu Cade Archer über. Er berichtete ihnen von den medizinischen Durchbrüchen, die die Leute in seiner Forschungsanlage erreicht hatten, sowie von anstehenden Wohltätigkeitsveranstaltungen. Cade war ihr weißer Ritter. Er verdiente Geld, aber er bestand darauf, ein höheres Ziel zu verfolgen und sich dem Wohle der Menschheit zu widmen.

Wohingegen die anderen einfach nur immer mehr Geld verdienen wollten.

Reese, Logan und Griffin sprachen darüber, wie ihre Geschäfte liefen, und dann wandte sich die Unterhaltung anderen Themen zu. Zu guter Letzt war Hunter an der Reihe, der sich wie immer kurz fasste. Der Mann mit den vielen Narben war noch nie ein großer Redner gewesen. Bei den meisten Treffen lehnte er sich einfach nur zurück und genoss die Gesellschaft der anderen. An diesem Abend hatte er jedoch etwas zu sagen, und sein Blick wanderte zu Logan, während er sprach. »Ich habe von einer Investitionsmöglichkeit erfahren, die dich interessieren könnte, Logan. Auf einer Insel auf den Bahamas gibt es ein großes Resort, das dringend Geld braucht. Es heißt Exuma District. Einer meiner Freunde wäre bereit, seine Anteile an einen interessierten Investor zu verkaufen, und ich halte das Ganze für eine sehr solide Sache.«

Logan nickte und achtete kaum noch auf das Kartenspiel. Die Sache klang so, als wäre sie genau sein Ding. Das Hawkings-Konglomerat erwarb für wenig Geld Unternehmen, die schon bessere Zeiten erlebt hatten, verwandelte sie wieder in profitable Organisationen und schöpfte dann die Profite ab. »Ein guter Standort?«

»Wurde mir zumindest versichert. Du solltest dir die Sache mal ansehen. Ein französischer Milliardär hat ebenfalls Interesse angemeldet, aber ich wollte es zuerst innerhalb der Bruderschaft vorschlagen.«

Logan überlegte. Wenn Hunter es vorschlug, dann musste es ein hervorragender Deal sein. Im Allgemeinen war Hunter ein schweigsamer Geselle. Er investierte, wenn einer der anderen Geld brauchte, damit seine Geschäfte gut liefen, aber ansonsten beteiligte er sich kaum. Logan bewunderte das. Der Mann war wie eine Insel. Insgeheim vermutete Logan, dass er außerhalb der Bruderschaft nicht viele, möglicherweise sogar gar keine Freunde hatte.

»Momentan bin ich ziemlich beschäftigt, aber ich werde versuchen, in meinem Terminkalender Platz dafür zu schaffen«, meinte Logan und nickte.

»Du sollest es dir mit eigenen Augen ansehen und da ein paar Tage Urlaub machen«, schlug Reese vor. »Dann kommst du wenigstens mal aus dem Büro raus und kannst all den Ärger vergessen.«

Logan warf Reese einen finsteren Blick zu und schob seinen Einsatz für das Spiel auf den Tisch. »Mein Ärger ist längst Geschichte.« Schließlich war er Danica losgeworden, bevor er mit ihr vor dem Altar gelandet war … Diesem Schicksal war er noch einmal entgangen. Und sein verhasster Vater war etwa um dieselbe Zeit gestorben. So war er gleich zwei Klötze am Bein losgeworden.

Reese sah bei Logans Antwort amüsiert aus, fast so, als würde er ihm nicht glauben. »Ach ja? Denn das habe ich …«

»Halt dich da raus«, warnte ihn Logan.

Reese grinste nur, zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder seinen Karten zu. »Wie du willst.«

Doch Logan dachte über Reeses Worte nach und war derart abgelenkt, dass er nicht aus dem Spiel ausstieg, obwohl sein Blatt sehr schlecht war. Letzten Endes verlor er zwei Riesen an Jonathan, ohne es überhaupt richtig zur Kenntnis zu nehmen.

Reese fand, er müsste mal »Urlaub« machen.

Bei der Vorstellung hätte er am liebsten laut aufgelacht. Erfolgreiche Geschäftsleute machten keinen Urlaub. Sie suchten sich nur neue Gelegenheiten. Trotz allem klang es nach einer interessanten Investition, und er fand es wichtig, dass das Hawkings-Konglomerat stets breit aufgestellt war. Ein Ferienresort passte da gut in sein Portfolio.

Ihm fiel auf, dass Hunter ihn aus dem Augenwinkel beobachtete. Hatte der Immobilienmogul beschlossen, Logan dieses Juwel anzubieten, weil er glaubte, dieser könnte daraus wieder ein profitables Unternehmen machen, oder glaubte er ebenfalls, dass Logan mal etwas Abwechslung gebrauchen konnte?

Bei diesem Gedanken bekam er schlechte Laune. Zuerst Reeses Sticheleien, und jetzt fiel Hunter auch noch mit ein? Das hätte er von Hunter nicht erwartet. Schließlich war er das ruhigste Mitglied ihrer kleinen, erfolgreichen Gruppe, aber manchmal hatte er auch den besten Durchblick.

Sein Vater hätte bei der Vorstellung, Urlaub zu machen, gelacht. Wollte man stark und an vorderster Position bleiben, dann behielt man immer alles im Auge und das Ruder in der Hand. Urlaub machte einen schwach und weich. Und ein Hawkings-Mann war nicht weich. Allerdings schienen sie keinen sehr guten Frauengeschmack zu haben. Sein Vater hatte seine Mutter geheiratet, und das war für alle Beteiligten ein großer Fehler gewesen. Logan wäre beinahe auf Danicas hübsches Gesicht hereingefallen und mit ihr vor dem Altar gelandet.

Er starrte mit gerunzelter Stirn auf seine Karten und versuchte, sich an das Gesicht einer Frau namens Gloria zu erinnern. Es gelang ihm nicht. Sein Kopf war voller Geschäftstermine und Verträge. Für Frauen war da kein Platz.

Vielleicht war ein Urlaub, der gleichzeitig eine Geschäftsreise darstellte, genau das, war er im Moment brauchte.

»Ich werde mir die Sache mal genauer ansehen«, versicherte er Hunter.

Zwei Monate später

»Ich sage es ja nur ungern, Süße«, meinte Sharon zu Brontë und ließ sich auf ihr breites Bett fallen. »Aber das ist das mieseste Hotel, das ich je von innen gesehen habe.«

»Aber es kostet uns nichts«, erwiderte Brontë und versuchte, dabei nicht genervt zu klingen. »Du kannst dich doch nicht über was beklagen, das gratis ist. Epikur hat gesagt: ›Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.‹«

»Aha«, murmelte Sharon, und ihr Tonfall sagte Brontë, dass sie ihr gar nicht zugehört hatte. Stattdessen hielt sie die Fernbedienung in der Hand, zeigte damit auf den Fernseher und hämmerte auf den Tasten herum. »Sie verwässern die Drinks am Pool. Ist dir das aufgefallen?«

Zum neunten Mal in zwei Tagen bedauerte Brontë es, Sharon mitgenommen zu haben. Als sie die Reise bei ihrem Lieblingsradiosender 99,9 Pop Fever gewonnen hatte, war sie überglücklich gewesen. Doch ihre Freunde aus Kansas City hatten nicht mitkommen können, da sie alle arbeiten mussten. Ihre Mitbewohner aus dem College hatten »richtige« Jobs und trugen Verantwortung, daher konnten sie nicht einfach spontan in den Urlaub fahren, selbst wenn alles umsonst war.

Als Kellnerin war es für Brontë nicht sonderlich schwierig gewesen, sofort Urlaub zu bekommen. Sie hatte einfach eine Kollegin gebeten, ihre Schichten zu übernehmen. Sharon hatte Brontës Bitte allerdings mit angehört, zufälligerweise einen Pass gehabt und genug Urlaubstage, um sie auf der Reise zu begleiten. Sie hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt und konnte ein paar Tage fern der Heimat gut gebrauchen, außerdem hätte Brontë auf der Reise doch bestimmt gerne Gesellschaft?

Sharon war nicht gerade Brontës Lieblingskollegin, aber sie kamen gut miteinander aus. Außerdem hatte Sharon sie traurig angesehen und die Reise so oft erwähnt, dass sich Brontë richtig schuldig gefühlt hätte, das zweite Ticket einfach verfallen zu lassen. Also hatte sie nachgegeben und Sharon mitgenommen.

Doch das war ein Riesenfehler. Nach einem holprigen Flug, auf dem Sharon die ganze Zeit rumgejammert hatte, und einer schrecklichen Überfahrt mit der Fähre zur Insel (bei der Sharons Jammern nicht besser geworden war) teilten sie sich jetzt das wohl kleinste Hotelzimmer der Welt. Brontë war entschlossen, beim nächsten Mal lieber alleine zu fahren. Achtundvierzig Stunden in Sharons Gesellschaft waren schon siebenundvierzig zu viel.

Aber Brontë wollte den Urlaub genießen, selbst wenn ihr Sharon die Sache erschwerte. Sie war eine Chaotin und ließ ihre Kleidung und ihre Schuhe im ganzen Zimmer herumliegen. Sie blockierte das Badezimmer, verbrauchte das ganze heiße Wasser und benutzte alle Handtücher. Sie war die ganze letzte Nacht weggeblieben und hatte gefeiert … ohne Brontë! Und sie hatte die Minibar schon jetzt fast komplett geleert, obwohl Brontë sie darauf hingewiesen hatte, dass man das Geld dafür von ihrer Kreditkarte abbuchen würde, da das Zimmer auf Brontës Namen gebucht worden war.

»Das ist ein total heruntergekommenes Motel«, meinte Sharon, warf ihren Koffer aufs Bett und schleuderte sämtliche Kleidungsstücke daraus auf den Boden, bis sie ihren rosafarbenen Bikini gefunden hatte. »Du hättest sie um ein Upgrade fürs Penthouse bitten sollen.«

»Ich habe den Urlaub im Radio gewonnen, da konnte ich ja wohl kaum um etwas bitten.«

»Ich hätte ein Zimmer verlangt, das größer ist als ein Wandschrank!« Sharon streifte ihr Sommerkleid ab und zog sich um.

Brontë las weiter in ihrem Reiseführer und ignorierte Sharons Gemaule. Gut, die Hotelanlage war … nicht gerade auf dem neuesten Stand. Dennoch war das Seaturtle Cay auf den Bahamas in Brontës Augen ein lohnenswertes Reiseziel. Vor allem, weil der Urlaub umsonst war. Dank des Radiosenders hatte sie weder für die Reise noch für das Hotel etwas bezahlen müssen. Und das war auch gut so, da sie eigentlich total pleite war. Sie genoss es, mal eine Weile rauszukommen. Die Strände waren wunderschön, und sie hatte einige Plakate für interessante Aktivitäten wie Parasailing und Schnorcheln gesehen.

Wenn es doch nur aufhören würde zu regnen.

Brontë sah aus dem Fenster zum grauen, wolkenverhangenen Himmel und dem strömenden Regen hinaus. Seufzend blätterte sie im Reiseführer nach hinten auf der Suche nach Tipps, was man bei Regen unternehmen konnte.

Sharon hatte ihren Bikini angezogen und starrte ebenfalls aus dem Fenster. »Wir kriegen wohl keinen Sonnenschein, was?«

»Keine Ahnung. Ich bin kein Wetterfrosch«, erwiderte Brontë, ohne aufzusehen, wobei sie versuchte, ihre Stimme möglichst fröhlich klingen zu lassen. »Du könntest ja mal an die Bar gehen und herausfinden, ob jemand den Wetterbericht gesehen hat.«

»Das ist eine super Idee.« Sharon steckte sich riesige Ohrringe an, schlüpfte in ihre Sandalen und winkte Brontë zu. »Ich bin bald wieder da. Brauchst du irgendwas?«

»Nein danke.«

Sobald sie weg war, seufzte Brontë erleichtert auf und streckte sich auf dem Bett aus. Sie holte ihre Kopfhörer heraus und drehte ihre Musik lauter, um die Geräusche aus dem Nachbarzimmer auszublenden, in dem ein Paar gerade Sex hatte … mal wieder. Brontë nahm den Reiseführer in die Hand und blätterte ganz nach vorne.

Ein Urlaub war ein Urlaub, und sie hatte fest vor, ihn zu genießen. Sie schlug die Seite um. Schwimmen mit Stachelrochen. Hm. Vielleicht sollte sie das mal versuchen. Erneut sah sie aus dem Fenster in den Regen hinaus.

Sobald die Sonne wieder schien.

***

Eine Hand riss sie grob aus dem Schlaf. »Brontë! Oh mein Gott. Brontë! Wach auf!«

Sie setzte sich auf und nahm die Kopfhörer ab, um Sharon anzustarren, die vor dem Bett stand.

»Hast du die Durchsage nicht gehört?«, fragte Sharon, die irgendwie mitgenommen aussah.

»Was für eine Durchsage?« Ja, jetzt konnte sie sie auch hören. Brontë legte den Kopf schief und lauschte, bis sie die Stimme verstand, die aus einem Lautsprecher tönte.

»Bitte gehen Sie sofort in den Eingangsbereich zu den Bussen«, sagte eine ruhige, sanfte Stimme. »Alle Gäste werden so schnell wie möglich evakuiert. Bitte bleiben Sie ruhig, und geraten Sie nicht in Panik. Wir haben noch genug Zeit, um das ganze Gebiet zu räumen, bevor der Orkan hier ist. Es gibt keine Erstattungen, Sie erhalten einen Gutschein für einen weiteren Aufenthalt.«

»Orkan?«, wiederholte Brontë langsam, als müsse sie erst begreifen, was das Wort bedeutete. »Ist das ihr Ernst?«

»Orkan Latonya«, erklärte Sharon, während sie zu ihrem Bett ging und ihren Koffer auf die Matratze legte. »Er ist offenbar Kategorie drei und soll bald vier oder fünf erreichen. Sie evakuieren die ganze Scheißinsel.«

Ein Orkan? Das klang irgendwie lächerlich. Brontë hatte darüber etwas in den Nachrichten gesehen. Dort hatte man gesagt, er »käme nicht in die Nähe der Bahamas«. Da hatte man sich anscheinend geirrt.

Alarmiert setzte sie sich im Bett auf. »Wo bringt man uns hin?«

»Offenbar werden wir alle auf ein Kreuzfahrtschiff gebracht, das in der Nähe ankert und das uns zum Festland bringen wird.« Sharon wirkte gestresst und zog schnell eine Jeansshorts über ihren Bikini. »Dieser ganze Urlaub war von Anfang an eine Katastrophe.«

Brontë war eigentlich der Ansicht, dass man aus allem das Beste machen sollte, aber in dieser Hinsicht stimmte sie Sharon zu. »Ich kann es nicht fassen, dass der Orkan hierherkommen soll.«

»Ich auch nicht. Und es soll richtig schlimm werden. Pack deine Sachen. Wir müssen los.«

Hastig packten sie alles zusammen, Brontë deutlich schneller als Sharon, deren Koffer vor Klamotten und Schuhen überquoll und die jetzt feststellte, dass nicht mehr alles hineinpasste, da sie im Souvenirshop schon einiges gekauft hatte. Sharon brauchte geschlagene zwanzig Minuten, bis sie sich entschieden hatte, welche Outfits sie mitnehmen und welche sie zurücklassen wollte, und in der ganzen Zeit lamentierte sie herum. Gerade als Brontë vom Bett springen und die Sache übernehmen wollte, verkündete Sharon, sie wäre fertig. Mit ihren Koffern in der Hand verließen sie das Zimmer.

Die Flure waren voller Touristen mit Gepäck und Kleinkindern. Viele Menschen weinten oder stritten sich, und jeder versuchte, schnellstmöglich voranzukommen. Die Schlange vor dem Fahrstuhl erstreckte sich durch den halben Flur, und die gleichgültige, viel zu ruhige Evakuierungsnachricht kam immer wieder über die Lautsprecher.

»Nehmen wir die Treppe?«, fragte Brontë Sharon.

»Mit den Absätzen? Machst du Witze? Wir warten auf den Fahrstuhl.«

Brontë unterdrückte eine spitze Bemerkung. »Okay, dann warten wir eben.«

Das taten sie, und sie mussten etwa eine halbe Stunde ausharren, bis sie endlich an der Reihe waren. Als sie die Lobby erreichten, stellten sie fest, dass es auch hier von Hotelgästen wimmelte. Es herrschte ein heilloses Chaos, und Brontë sank der Mut.

Sharon drängte sich nach vorn, und Brontë folgte ihr. Auf dem Parkplatz standen mehrere Busse, die aufgrund des starken Regens und der Menschenmenge, die es nicht erwarten konnte, das Hotel zu verlassen, kaum zu sehen waren. Ein gehetzt aussehender Mann mit einem Klemmbrett versuchte, für Ordnung zu sorgen, was ihm jedoch nicht gelang.

Während sie warteten, betrat ein Mann mit dem Symbol des Roten Kreuzes auf der Regenjacke die Lobby. »Okay«, schrie er, und augenblicklich wurde es ruhig. »Wir müssen Sie bitten, eine Schlange zu bilden. Halten Sie Ihre Papiere und Ihren Pass bereit. Wir fahren Sie zu einem Kreuzfahrtschiff, das Sie dann aufs Festland bringen wird, wo Sie vor dem Sturm in Sicherheit sind. Ich wiederhole noch einmal: Halten Sie bitte Ihre Papiere und Ihren Pass bereit.«

Es erhob sich ein Gemurmel, und alle wühlten in ihren Taschen herum und holten ihre Brieftaschen hervor. Brontë zog ihren Pass und ihren Führerschein aus der Handtasche.

Sharon hatte auf einmal einen panischen Gesichtsausdruck und kramte in ihrer Handtasche herum.

»Sharon?«, fragte Brontë nervös. »Was ist los?«

»Ich kann meinen Pass nicht finden«, antwortete Sharon und ging zur Seite, um den Leuten Platz zu machen, die in Richtung Bus drängten.

Brontë bahnte sich den Weg an Sharons Seite und versuchte, ganz ruhig zu bleiben. »Hast du ihn in den Koffer getan?«

»Ich weiß es nicht! Eigentlich müsste er in der Handtasche sein.« Sharon machte die Handtasche noch einmal auf und wühlte in der wüsten Ansammlung von Make-up und Bürsten herum. Sie ließ einen Lippenstift fallen, der wegrollte und zwischen den Füßen der anderen Gäste verschwand. Sharon starrte ihm sehnsüchtig hinterher. »Mist. Ich mochte die Farbe.«

»Du kannst dir einen neuen kaufen«, beruhigte Brontë sie, obwohl sie mit ihrer Geduld fast am Ende war. »Finde lieber deinen Pass.«

Sharon riss die Augen auf. »Ob er noch in der Bar ist?«

»Entweder in der Bar oder in unserem Zimmer.« Schließlich waren das die einzigen beiden Orte, an denen sich Sharon seit ihrer Ankunft im Hotel aufgehalten hatte.

»Bus Nummer zwei steht bereit«, verkündete der Mann. »Bitte bilden Sie eine ordentliche Schlange für die Evakuierung!«

Sie ignorierten ihn. Sharon hatte eine Hand voll Schminkartikel in der Hand und kramte weiter in ihrer Tasche herum. »Hier ist er nicht. Könntest du mal in unserem Zimmer nachsehen?«

Brontë starrte Sharon an. »Ist das dein Ernst?«

»Ja!«, fauchte Sharon, die sich nicht länger die Mühe gab, freundlich zu sein. Sie stopfte alles wieder in ihre Handtasche, setzte sich auf den Boden, öffnete ihren Koffer und ignorierte die Umstehenden, die sie anstarrten. »Ich durchsuche meinen Koffer und gehe dann zur Bar und sehe nach, ob er da ist. Wir würden Zeit sparen, wenn du dich für mich in unserem Zimmer umsiehst.«

»Bitte anstellen für Bus Nummer drei!«, rief der Mann.

»Wie viele Busse gibt es denn?«, fragte Brontë nervös. »Ich will nicht hier zurückbleiben!«

»Ich rufe dich auf dem Handy an, wenn ich ihn gefunden habe«, meinte Sharon. »Lass deinen Koffer hier, ich passe schon darauf auf.«

Brontë zögerte. Sie hatte nicht die geringste Lust, nach dem verschwundenen Pass zu suchen. Sharon war eine schreckliche Reisebegleiterin, und dabei hatte sie sie gerade mal zwei Tage lang ertragen müssen. Zwei sehr, sehr lange Tage. Sie war fast schon so weit, dass es ihr egal war, ob Sharon zurückbleiben musste. Und jetzt kam auch noch dieser Orkan. Viel schlimmer konnte es nicht mehr kommen … »Der Orkan kommt näher, Sharon. Sie werden bestimmt nicht alle Pässe überprüfen, sondern dich auch ohne mitnehmen.«

»Bitte, Brontë«, flehte Sharon, und ihre Stimme klang, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Sie riss ihren Koffer auf und wühlte panisch in ihrer chaotisch durcheinandergewürfelten Kleidung herum. »Hilf mir, Brontë. Es dauert doch nicht einmal fünf Minuten! Ich verspreche, dass ich dafür sorge, dass sie dich mitnehmen. Sieh doch nur, wie viele Leute hier noch warten. Es wird noch über eine Stunde dauern, bis sie alle evakuiert haben.«

Brontë musste zugeben, dass noch sehr viele andere Gäste in der Lobby warteten. Vor den Fahrstühlen in den oberen Stockwerken hatten überdies noch lange Schlangen gestanden. Es würde eine Weile dauern, bis sie all die Menschen von hier weggeschafft hatten. Ihr war auch das Zittern in Sharons Stimme nicht entgangen. Verdammt. Seufzend zog sie ihr Handy aus der Tasche und wedelte damit vor Sharons Gesicht herum. »Ruf mich an, sobald du deinen Pass gefunden hast«, sagte sie mit fester Stimme.

»Beeil dich«, erwiderte Sharon.

Kein »Danke, ich weiß das zu schätzen«, kein »Du bist die Beste«. Nur »Beeil dich«. War ja wieder typisch. Brontë stellte ihren Koffer neben Sharons ab, drehte sich um und rannte zum Fahrstuhl.

Die nächste Reise würde sie auf jeden Fall alleine machen, so viel stand fest.

***

Der Pass war nicht in ihrem Zimmer, da war sich Brontë ziemlich sicher. Es war schwer, das genau festzustellen, da Sharon ein heilloses Chaos zurückgelassen hatte. Aber Brontë hatte pflichtbewusst in den Mülleimer gesehen, zwischen den halb aufgebrauchten Fläschchen im Badezimmer gesucht, jedes Handtuch ausgeschüttelt und sogar zwischen die Matratzen geguckt.

Da Sharon noch immer nicht angerufen hatte und sie irgendwie doch befürchtete, dass Sharon die Rückreise ohne ihren Pass nicht antreten konnte, sah sie noch einmal nach. Vor lauter Nervosität zog sich ihr Magen zusammen. Standen die Busse noch unten? Sie würden doch niemanden zurücklassen, oder?

Brontë ging zum Fenster und sah hinaus, aber es regnete jetzt noch stärker, und der Himmel war grau und dunkel, sodass sie nichts erkennen konnte.

Nachdem sie einen letzten Blick unter das Bett geworfen hatte, ertrug sie es nicht länger. Sie musste sich geschlagen geben. Brontë sah sich noch einmal im Zimmer um und schloss dann die Tür hinter sich.

Inzwischen war der Flur leer, doch die nervige Durchsage kam noch immer aus den Lautsprechern. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, lief zum Fahrstuhl und drückte auf den Knopf. Während sie wartete, trommelte sie mit den Fingern auf den Unterarmen, und jede Sekunde schien eine Million Jahre zu dauern.

Die Fahrstuhltür glitt mit einem Ping auf. In der Kabine stand nur ein einziger Mensch, ein Mann in einem grauen Zweireiher, der sich an die hintere Wand lehnte. Auf seiner Brusttasche prangte ein weißes Namensschild, was darauf hindeutete, dass er im Hotel arbeitete. Als er Brontë sah, runzelte er die Stirn, als wäre er erbost darüber, dass der Fahrstuhl wegen ihr hatte anhalten müssen.

Tja, aber sie war ebenfalls genervt. Brontë betrat die Kabine und drückte auf den Knopf für die Lobby, obwohl dieser ohnehin schon leuchtete. Da sie so geladen war, drückte sie gleich noch ein paar Mal darauf. Na super. Vermutlich stand sie gerade mit dem Hotelmanager im Fahrstuhl und konnte von Glück reden, dass sie und nicht Sharon zurück ins Zimmer gegangen war. Sharon hätte den Manager bestimmt mit ihren Beschwerden über das Hotel in den Ohren gelegen, obwohl sie hier überhaupt nichts bezahlen musste.

Sie starrte die Tasten an und beobachtete, wie sie nacheinander aufleuchteten, während sie nach unten fuhren. Das Hotel hatte fünf Stockwerke, und sie war im vierten eingestiegen. Der Mann, der mit ihr im Fahrstuhl stand, musste im fünften Stock gewesen sein. Dem Penthouse. Brontë ging davon aus, dass diese Gäste als Erste evakuiert worden waren. Vielleicht hatte der Manager die Bademäntel nachgezählt oder etwas in der Art.

Sie evakuierten die ganze Insel. Großer Gott. So viel zu einem angenehmen, entspannten Urlaub. Sie hatte sich so große Mühe gegeben, die Reise zu genießen, doch das war ihr nicht gelungen. Vielmehr war es so, als hätte der Urlaub von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden. So viel zu Spaß und Entspannung. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so gestresst gefühlt.

Ein verdammter Orkan. Der perfekte Höhepunkt für diesen ganzen Scheißurlaub.

Auf der Tafel leuchtete die Zwei auf. Brontë trommelte mit den Fingern auf ihrem Arm und wartete, dass es weiterging. Sie wartete …

Und wartete …

Der Fahrstuhl wackelte, als der Strom ausfiel. In der Kabine wurde es dunkel, und Brontë stieß den Atem aus und war kurz vor dem Durchdrehen.

»Na, das ist ja großartig«, sagte der Manager hinter ihr. »Einfach großartig.«

In Brontës Kehle stieg ein hysterisches Kichern auf. Nein. Das war der perfekte Höhepunkt für einen Scheißurlaub.

2

Brontës irres Lachen hallte durch die enge Fahrstuhlkabine und war das einzige Geräusch, das zu hören war. Sie konnte einfach nicht aufhören. Das alles war einfach lächerlich. Sie war an einem Ort, der das Paradies sein sollte, mit einer schrecklichen Zimmergenossin und einem Orkan gestraft worden, und jetzt saß sie auch noch mit einem Fremden in einem stecken gebliebenen Fahrstuhl fest. Was musste sie für furchtbares Karma angesammelt haben, dass sie das alles verdient hatte?

»Es freut mich, dass Sie das lustig finden«, sagte der Mann hinter ihr mit kalter, verbitterter Stimme. »Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich das nicht so sehe.«

»Es ist lustig, weil es so schrecklich ist«, stieß Brontë zwischen ihren Kicheranfällen hervor. »Das ist der schlimmste Tag meines Lebens.«

»Ich lache nicht, wenn ich in Lebensgefahr schwebe.«

»Ich schon«, erwiderte sie und kicherte wieder. Ihr Lachen bestand zu gleichen Teilen aus Hysterie und Angst, und es schien den Manager, mit dem sie momentan festsaß, nicht gerade freundlich zu stimmen. »Ich lache immer, wenn ich nervös bin. Aber ich werde versuchen, es zu unterlassen.«

»Gut.«

Sie kicherte erneut und schlug sich dann eine Hand vor den Mund.

Er sagte nichts. Sie wünschte sich, dass sie wenigstens noch Licht hätten, damit sie sich umdrehen und seinen Gesichtsausdruck deuten könnte. Aber vielleicht war es auch besser so. Vermutlich hätte er sie nur hasserfüllt angestarrt. Eigentlich konnte sie ihm das auch nicht verdenken. Sie benahm sich schon ziemlich dämlich. Hysterisch und dämlich.

Sie schwiegen beide, und das Schweigen wirkte fast ebenso erdrückend wie die Dunkelheit. Keiner von ihnen sagte einen Ton, und Brontë sehnte fast schon wieder die monotone Lautsprecherdurchsage herbei, nur um diese Stille nicht länger ertragen zu müssen. Sie wollte irgendwas hören, egal was.

Vorsichtig streckte sie den Arm aus und versuchte, sich daran zu erinnern, wie groß der Fahrstuhl eigentlich war. Etwa viereinhalb Meter? Länger? Kürzer? Sie hatte nicht genau darauf geachtet. Wenn Brontë nur einen Schritt nach vorne machte, würde sie den Fremden sicher mit dem ausgestreckten Arm berühren.

Gemütlich. Etwas zu gemütlich, wenn man bedachte, dass sie hier festsaßen.

Wie lange würden sie hier wohl ausharren müssen, bevor jemand ihr Fehlen bemerkte? Was war, wenn das Schiff bereits abgelegt hatte und auf dem Weg zum Festland war? Brontë versuchte, nicht daran zu denken oder an den Orkan, der immer näher kam. Irgendjemand würde sie schon rausholen. Sie wartete auf den Klang von Stimmen, auf ihre Retter.

Und wartete …

Und wartete … Die Dunkelheit wirkte erstickend, und das einzige Geräusch war das ihrer beschleunigten Atmung.

Da der Strom anscheinend nicht wieder angeschaltet wurde, ließ sich Brontë in der Fahrstuhlkabine zu Boden gleiten. Das Metall fühlte sich unter ihren Beinen kühl an, was sie als recht angenehm empfand, da es im Fahrstuhl langsam stickig wurde. Wie lange hielten sie sich jetzt schon hier in der Dunkelheit auf? Zehn Minuten? Zwanzig? Wie lange würde es noch dauern, bis der Orkan hier war? Sie drückte ihre Handtasche an sich.

Ihr Handy. Natürlich. Sie kam sich richtig dumm vor, dass sie nicht früher daran gedacht hatte. Sie konnte Sharon anrufen und ihr sagen, dass sie im Fahrstuhl festsaß. Brontë suchte in ihrer Handtasche herum, stieß schließlich mit den Fingerspitzen gegen ihr Handy und zog es heraus. Als sie es anschaltete, wurde ihre Ecke des Fahrstuhls von bläulichem Licht erhellt, das sie beinahe blendete. Sie hatte noch einen Balken übrig … Das hatte sie davon, dass sie auf ihrem Handy Bücher las. Nicht, dass es jetzt von großer Bedeutung war. Auf dem Bildschirm stand eine Nachricht: »Kein Empfang.« Scheiße.

Auf der anderen Seite des Fahrstuhls war ebenfalls ein Licht zu sehen, und sie konnte einen Blick auf den Mann im Anzug werfen, dessen Gesicht vom Licht seines Handys beleuchtet wurde. Er sah gut aus. Sie schätzte, dass er einige Jahre älter war als sie. Er hatte einen kräftigen Kiefer und eine breite Nase. Sofort schaltete er sein Handy wieder aus. »Kein Empfang.« Dabei klang er angewidert.

Als sie wieder von Dunkelheit umgeben waren, musste Brontë blinzeln. Sie hatte lauter rote Punkte vor Augen. Die Luft bewegte sich, als würde der Mann näher kommen, und sie drückte sich an die Wand. »Was machen Sie denn?«

Sie hörte, dass er einige Tasten drückte. Anscheinend ignorierte er sie.

»Was machen Sie da?«, wiederholte sie.

Auf einmal hörte sie ein Summen, und sie erschreckte sich so, dass ihr Herz wie wild klopfte und sie zusammenzuckte.

»Der Notfallknopf«, sagte er leise. »Irgendjemand sollte ihn hören und uns hier rausholen.«

»Falls noch irgendjemand da ist«, meinte sie.

»Sie sind mir ja eine Optimistin«, entgegnete er. »Wenigstens unternehme ich etwas, anstatt nur herumzusitzen und zu kichern.«

»›Menschliches Handeln kennt drei Ursachen: Begierde, Emotion und Wissen‹«, zitierte sie.

»Was?«

»Platon«, erwiderte Brontë und reckte in der Dunkelheit das Kinn in die Luft.

Nach einer langen Pause erklärte er: »Ich bezweifle, dass Plato an ›Kichern‹ gedacht hat, als er diese Worte schrieb.«

»Hey«, protestierte sie und blähte vor Wut die Nasenflügel. »Das nennt man nervöses Lachen, Sie Blödmann. Ich lache, wenn mir eine Situation unangenehm ist. Verklagen Sie mich doch! Und nur so als Vorschlag: Da wir offenbar hier festsitzen, könnten Sie ja mal ein paar Minuten lang versuchen, sich nicht wie ein Arschloch zu benehmen. Wir wär’s?«

Er sagte nichts und drückte nur weiter auf dem Knopf herum.

Nachdem er das etwa zwanzig Minuten lang durchgehalten hatte, hätte sie sich am liebsten die Ohren zugehalten und ihm gesagt, er solle endlich Ruhe geben. Doch das wäre natürlich dumm gewesen. Wenn jemand das Summen hörte, würde er sie hier rausholen. Doch es kam niemand. Der Strom blieb weiterhin aus. Sie schaltete ihr Handy ein, sah auf die Uhr und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass der Akku fast leer war.

Sie steckten schon seit über einer Stunde im Fahrstuhl fest. Die Busse standen bestimmt noch vor der Tür. Bei dem starken Regen war eine Evakuierung nicht so einfach zu bewerkstelligen. Die Luft im Fahrstuhl wurde immer stickiger … oder sie fing langsam an zu hyperventilieren. Sie legte sich eine Hand auf die schweißnasse Stirn und zwang sich, langsam ein- und auszuatmen. Das Ganze wäre ihr sehr viel leichter gefallen, wenn sie nicht mit diesem idiotischen Manager hier dringesteckt hätte. Kein Wunder, dass das Hotel so heruntergekommen war, wenn er hier das Sagen hatte.

»Müsste nicht mal jemandem auffallen, dass Sie verschwunden sind?«, fragte sie. Man brauchte den Manager doch bestimmt bei der Evakuierung.

»Das sollte man annehmen.«

Dieses Mal klang seine Stimme nicht sarkastisch. Tja, das war doch schön. Sie machten Fortschritte. Brontë kramte in ihrer Handtasche herum, holte einen Kaugummi heraus und kaute nervös darauf herum. Alles, was sie in der erdrückenden, lautlosen Dunkelheit tat, kam ihr plötzlich ungemein wichtig vor. Sie tastete in ihrer Handtasche herum, untersuchte den Inhalt und hoffte darauf, etwas Hilfreiches zu entdecken. Ein Stift. Ihr Scheckbuch. Ihr Pass. Ihre Geldbörse. Kleingeld. Die Antibabypille. Als ihre Hand die Tabletten berührte, musste sie schon wieder ein hysterisches Lachen unterdrücken.

Sie hörte, wie er leise seufzte. Er klang frustriert. Sein Pech, sie war mit ihrem Latein am Ende. Aber sie musste etwas sagen, also fragte sie: »Glauben Sie, dass die Busse noch vor der Tür stehen?«

»Das weiß ich nicht, und es ist mir auch egal.«

Himmel noch mal. Viel unhöflicher ging’s ja wohl nicht. »Sollten Sie mit Ihren Gästen nicht höflicher umgehen? In dieser Beziehung lassen Sie wirklich einiges zu wünschen übrig.«

Er klang amüsiert. »Tue ich das?«

»Ja, als Manager sollten Sie an ihrer sozialen Kompetenz arbeiten. Ist zumindest meine Meinung.«

»Ich werde es mir merken«, erwiderte er trocken.

Sie gähnte. Der anfängliche Schrecken ließ langsam nach, und sie war eher damit beschäftigt, sich über den Kerl zu ärgern, als sich zu fürchten. In Kombination mit der zunehmenden Luftfeuchtigkeit bewirkte das, dass sie müde wurde.

»Vermutlich haben Sie ein eigenes Fahrzeug, das Sie hier wegbringen soll, bevor der Orkan zuschlägt?«

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann: »Ja, einen Hubschrauber.«

Wow, er stand wohl ganz hoch im Management? »Okay, versuchen wir es noch einmal: Glauben Sie, dass Ihr Hubschrauber noch da ist?«

Eine lange Pause. »Nicht, wenn sich die Wetterverhältnisse weiter verschlechtern«, gab er schließlich widerstrebend zu.

»Dann werden Sie zusammen mit uns Proleten mit dem Bus fahren müssen.« Sie legte sich auf den Boden und nutzte ihre Handtasche als Kopfkissen. »Eine Weisheit der Baumeister: Die großen Steine liegen nicht gut ohne die kleinen.«

»Noch mehr Philosophie?«

»Nur etwas zum Nachdenken«, erwiderte sie schnippisch.

»In der Tat«, antwortete er träge, und ihr fiel auf, dass er nicht mehr auf den Summer drückte. Vielleicht gab er langsam auf. Sie tat es auf jeden Fall. »Wird man nach Ihnen suchen?«, fragte er nach einem Augenblick.

Ihr Seufzen kam ihr in der Dunkelheit sehr laut vor. »Ich weiß es nicht. Ich bin mit einer Freundin hier, aber sie ist ein wenig … unzuverlässig. Möglicherweise bemerkt sie nicht einmal, dass ich verschwunden bin, oder sie denkt, ich wäre in einen anderen Bus gestiegen.« Darüber wollte Brontë lieber gar nicht nachdenken. Aber wenn es um die Frage ging, ob Sharon zurückbliebe, um sich davon zu überzeugen, dass Brontë nichts passiert war, oder sich selbst in Sicherheit brächte, dann wusste sie, was Sharon tun würde. »Ich hoffe einfach darauf, dass irgendjemand überprüft, ob auch jeder aus dem Gebäude evakuiert wurde, bevor alle aufs Festland übersetzen.«

»Mmmm.« Sein Tonfall klang unverbindlich, als wäre er nicht davon überzeugt, dass es sich tatsächlich so abspielen würde. Offenbar wollte er ihr das aber nicht direkt sagen.

Eigentlich war sie sich in der Beziehung auch nicht so sicher. Aber es klang gut, also rückte sie ihre Handtasche zurecht, legte ihre Wange darauf und wartete auf ihre Rettung.

***

Einige Zeit später wachte Brontë wieder auf. Sie hatte einen trockenen Mund, und ihr tat alles weh. Die Stille war ohrenbetäubend, und die Schwärze wirkte allumfassend.

Der Strom war noch immer ausgefallen. Sie waren noch immer im Fahrstuhl gefangen. Sie rieb sich die Augen und setzte sich umständlich auf. »Hallo?«

»Ich bin noch da.« Der Mann, der mit ihr hier gefangen war, klang inzwischen eher erschöpft als verärgert. »Sie haben nichts verpasst.«

»Ich muss eingeschlafen sein. Wie … wie lange war ich weggetreten?«

»Etwa sechs Stunden.«

Sechs Stunden? Großer Gott. Panik stieg in ihr auf, und ihr Herz begann zu flattern. »Dann wird uns niemand retten?«

»Sieht ganz danach aus.«

Sie holte tief Luft und versuchte, nicht die Fassung zu verlieren. Ein stecken gebliebener Fahrstuhl auf einer evakuierten Insel. Sie saßen fest. Inzwischen war es in der Kabine drückend heiß geworden, da die Klimaanlage schon seit mehreren Stunden nicht mehr funktionierte. »Wie konnten sie uns nur zurücklassen?«

»Meine Vermutung ist, dass irgendjemand bei dem ganzen Chaos während der Evakuierung den Überblick verloren hat.« Sein Ton war sachlich und gelangweilt.

War er noch immer wütend auf sie, oder ärgerte er sich über ihre Lage? Eigentlich war das egal, da sie beide offenbar noch eine Weile zusammen hier festsaßen.

Als sie sich anders hinsetzte, zuckte sie zusammen, da sich ihr Körper ganz steif anfühlte. Schweiß klebte auf ihrer Haut. Widerlich. Sie hatte auch großen Durst, und die Hitze war unerträglich. Die Jeans und das T-Shirt, die sie für die Evakuierung angezogen hatte, waren durchgeschwitzt. Sie zog die Sandalen aus und sah dann in seine Ecke der Fahrstuhlkabine … Nicht, dass sie etwas sehen konnte. Würde er es merken, wenn sie sich auszog? Würde es ihm etwas ausmachen? War es gefährlich? Er wirkte nicht wie ein Mann, der sich auf sie stürzen und sie vergewaltigen würde, und sie konnte die Hitze einfach nicht mehr ertragen.

Nach kurzem Zögern begann sie, langsam den Reißverschluss ihrer Jeans herunterzuziehen, und runzelte die Stirn, weil das Geräusch erschreckend laut zu sein schien.

»Was machen Sie da?«

Natürlich hatte er es gehört. War ja klar.

»Ich ziehe mich aus. Es ist sehr heiß hier drin. Bleiben Sie einfach auf Ihrer Seite des Fahrstuhls, dann dürfte Sie das nicht stören.«

Sie hörte, wie er es ihr in seiner Ecke nachtat. »Gute Idee.«

»War das etwa ein Kompliment? Du liebe Güte, wurde mir mein irres Kichern etwa verziehen?«, neckte sie ihn.

»Noch nicht.« Er war derart kurz angebunden, dass die Unterhaltung erneut ins Stocken geriet.

»›Verzeih bei anderen vieles, bei dir selbst jedoch nichts.‹«

»Wollen Sie den ganzen Tag da sitzen und Platon zitieren?« Er klang schon fast amüsiert.

»Das war eigentlich Ausonius. Und ja, schließlich muss mein Abschluss in Philosophie ja für irgendwas gut sein.« Sie zog ihr T-Shirt aus und seufzte vor Wonne, als ein Luftzug über ihre erhitzte Haut strich. Nur mit BH und Höschen bekleidet kam es ihr gleich viel kühler und angenehmer vor, und sie faltete ihre Kleidungsstücke zusammen und legte sie auf ihre Handtasche.

»Sie können sich ruhig bis auf die Boxershorts ausziehen«, meinte sie zu ihm. »Ich kann Sie nicht sehen, und Sie werden sich gleich viel besser fühlen.«

»So etwas trage ich nicht.«

»Dann eben bis auf die Unterhose.« Sie konnte nicht widerstehen hinzuzufügen: »Ich hätte Sie eher für einen Boxershortsträger gehalten.«

Eigentlich hatte sie ihn für gar nichts gehalten. Sie hatte gerade mal einen kurzen Blick auf ihn werfen können, bevor der Strom ausgefallen war. Aber es machte Spaß, ihn zu necken. Irgendwie wurde diese ganze schreckliche Angelegenheit dadurch etwas erträglicher.

»Warum interessieren Sie sich für meine Kleidung?« Sein Tonfall klang steif und unfreundlich.

Sie seufzte. »So etwas nennt man eine Unterhaltung. Sie sollten wirklich lernen, wie das geht.« Sie machte es sich mit ihrem Handy in der Hand bequem, auch wenn sie nicht wagte, es aufzuklappen und den Akku ganz zu leeren. Sie überlegte kurz. »Mein Name ist Brontë«, fügte sie dann hinzu.

»Brontë? Nach Charlotte oder nach Emily?«

Widerstrebend musste sie ihre Meinung über ihn ein wenig nach oben hin korrigieren. Normale Menschen machten eher Witze über Dinosaurier, wenn sie ihren Namen hörten. Kaum jemand wusste, wo der Name herkam. »Nach beiden, schätze ich. Meine Mutter liebte klassische Literatur, nicht dass es ihr je irgendetwas gebracht hätte.«

»Dann waren sich unsere Mütter offenbar sehr ähnlich.«

»Wirklich? War Ihre auch eine Träumerin?«

»Meine Mutter war ein Showgirl«, antwortete er mit emotionsloser Stimme. »Man hat mir erzählt, dass sie äußerst lebensuntauglich und sehr flatterhaft war.«

»Oh. Aha.« Das war nicht das, was Brontë gemeint hatte. Ihre Mutter war eine liebevolle, fürsorgliche Frau gewesen, die nur über keinerlei Realitätssinn verfügte. Sie hatte sich vehement geweigert, in anderen Menschen etwas anderes als das Beste zu sehen, und aus diesem Grund war Brontës Kindheit auch so idyllisch gewesen … und so verlogen. Sie schob die schlimmen Erinnerungen beiseite. »Ich wollte damit auch nichts Negatives über meine Mutter sagen. Sie war einfach nicht praktisch veranlagt, das ist alles. Aber sie war eine gute Frau. Und sie mochte Bücher, vor allem die klassische Literatur.«

»Und Sie haben ihre Liebe dazu geerbt, das ist mir schon aufgefallen. Anscheinend sind Sie fasziniert von den alten Philosophen.«

»Jeder hat ein Hobby«, erwiderte sie fröhlich. »Was ist mit Ihnen?«

»Ich habe keins.«

»Sie haben kein Hobby? Überhaupt keins?«

»Ich arbeite. Das beansprucht all meine Zeit. Aber ich schätze, ich könnte meine Zeit auch damit verbringen, mir kurze Zitate einzuprägen, um sie ahnungslosen Männern in Fahrstühlen an den Kopf zu werfen.«

Jetzt kam sie sich richtig blöd vor. »Ich … Wow. Tut mir leid. Ich …«

»Ich wollte Sie nur auf den Arm nehmen«, unterbrach er sie, und seine Stimme klang ebenso spröde und abgehackt wie zuvor, als sie es für Unhöflichkeit gehalten hatte. Möglicherweise war das einfach seine Art, und sie hatte es nur nicht einordnen können, da sie sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Oh.« Sie kam sich noch blöder vor. »Das war mir nicht klar.« Es kam zu einer langen Pause, bis sie schließlich beschloss, das Thema zu wechseln. »Und, wie heißen Sie?«

Er zögerte, als würde er abwägen, ob er ihr das wirklich verraten sollte. »Logan Hawkings.«

»Das ist ein schöner Name.«

»Allerdings.« Jetzt klang seine Stimme eindeutig amüsiert.

»Was ist denn daran so lustig?«

»Ach, gar nichts.«

Es hörte sich aber so an, als würde ihn etwas erheitern, auch wenn ihr nicht klar war, was das sein konnte. Leicht verärgert legte sich Brontë wieder auf den Boden und nutzte ihre zusammengefaltete Kleidung als Kopfkissen. »Was glauben Sie, wie lange wir hier ausharren müssen?«

»Das hängt vermutlich davon ab, wie schnell der Orkan das Seaturtle Cay erreicht. Und natürlich davon, wie schnell danach die Rettungsmannschaften hier eintreffen.«

Sie gähnte und wurde aufgrund der Hitze schon wieder müde. »Bis jetzt bin ich nicht sehr beeindruckt von den Rettungsbemühungen.«

Er schnaubte. »Dann sind wir schon zwei.«

Erneut schlief die Unterhaltung ein, und sie beschloss, sie wieder aufzunehmen, bevor er zu der Erkenntnis gelangen konnte, dass ihm Schweigen besser gefiel. »Haben Sie eine Familie, Logan?«

»Nein.« Das war definitiv eine kurze und knappe Antwort. Offensichtlich wollte er nicht über dieses Thema sprechen.

»Ich auch nicht. Ich habe ein paar Freunde in Kansas City, aber da ich ja offiziell im Urlaub bin, werden sie mich noch wenigstens eine Woche lang nicht vermissen.« Da kam ihr ein erschreckender Gedanke. »Himmel, ich hoffe doch, dass wir hier keine Woche lang festsitzen.«

»Das bezweifle ich.«

»Warum?«

»Weil wir bis dahin längst an Dehydrierung gestorben sind.«

Auf einmal verspürte sie den Drang, ihn mit ihren Sandalen zu bewerfen. »Sagen Sie doch nicht so was.«

»Okay, dann sterben wir eben durch den Orkan.«

»Für Sie ist das Glas wohl immer halb leer, was? Sie sollten das nicht so sehen. Vielleicht ist einer der Hotelangestellten hier geblieben und sucht schon nach Ihnen. Haben Sie denn niemanden beauftragt, alle Stockwerke zu überprüfen?«

»Ich? Warum in aller Welt sollte ich so etwas tun?«

Sie runzelte die Stirn, was er natürlich nicht sehen konnte. »Sie tragen ein Namensschild. Sind Sie denn nicht der Hotelmanager?«

»Äh … Ja. Und nein, ich habe niemanden beauftragt, die Stockwerke zu überprüfen.«

Na großartig. Der Mann war nicht nur eine Kratzbürste, sondern offenbar auch unfähig, in einem Notfall die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Sie gähnte wieder. Diese Hitze machte sie so unglaublich schläfrig. Sie hatte in der Nacht zuvor allerdings auch nicht gerade viel geschlafen, da ihre Zimmernachbarn ein reges Treiben im Bett veranstaltet hatten. Da fiel ihr etwas ein … »Da Sie hier der Manager sind, darf ich vielleicht einen Vorschlag machen?«

»Ich kann Sie wohl kaum davon abhalten.«

»Dickere Wände.«

»Wie bitte?«

»Sie brauchen hier auf jeden Fall dickere Wände. Man kann oft alles aus dem Nachbarzimmer hören. Das wäre eine deutliche Verbesserung.«

»Ich werde es mir merken.« Er klang wieder amüsiert.

Der Wind schien stärker zu werden, und sie hörte in der Ferne ein lautes Knacken, woraufhin sie sich abrupt aufsetzte. »Was war das?«

Er schien ebenfalls aufzustehen. »Der Orkan kommt anscheinend näher«, sagte er.

»Oh, Scheiße.« Sie geriet in Panik. »Wir müssen hier raus, Logan.«

»Ich weiß.«

Brontë kaute auf ihren Fingernägeln herum und lauschte angestrengt auf weitere Geräusche, während ihr Mund immer trockener wurde. Was passierte da draußen? Hatte Sharon vielleicht doch gemerkt, dass sie nicht zurückgekommen war? Sie bezweifelte es. Vermutlich hatte ihre Freundin ihren Pass an der Bar gefunden und angefangen, mit dem nächstbesten Kerl zu flirten. Auf solche Freunde konnte man echt verzichten.

Den nächsten Urlaub würde sie auf jeden Fall alleine machen.

Sie hörte ein merkwürdiges kratzendes Geräusch und sah auf einmal einen Lichtspalt, der breiter wurde. Überrascht sah sie mit an, wie Logan die Fahrstuhltüren auseinanderdrückte. Sie steckten zwischen zwei Stockwerken fest. Brontë sah den Teil einer Ziegelsteinmauer, und dann kam noch mehr Licht herein, als er die Türen ganz aufgeschoben hatte. Jetzt konnte sie erkennen, dass er nur noch seine Hose trug und dass seine nackte Brust schweißgebadet war.

Doch sobald er die erste Tür losließ, begann sie, wieder zuzugleiten, daher hielt er sie fest und drückte sich gegen sie, um Brontë dann über die Schulter anzusehen. »Ich glaube, wir können da runterspringen.«

Sie nahm ihre Kleidung und ihre Handtasche, trat vorsichtig heran und spähte nach unten. Die Lücke war knapp einen halben Meter breit, und dann mussten sie etwa zwei Meter nach unten springen. »Ist das auch sicher?«

»Es ist besser, als hierzubleiben.«

Da hatte er recht. »Und, wie stellen wir das an?«

Logan hielt die Türen weiterhin offen und schien nachzudenken. Im schwachen Licht wirkte sein Gesicht sehr kantig. »Wenn Sie die Türen festhalten können, springe ich nach unten und suche etwas, was wir dazwischen verkeilen können.«

Das klang … beunruhigend. Sie musste darauf vertrauen, dass er zu ihr zurückkam. »Und wenn ich zuerst gehe?«

»Ich bin stärker. Wenn ich nichts finde, um die Türen offen zu halten, kann ich sie aufdrücken, während Sie runterklettern. Ich bezweifle, dass Sie dasselbe für mich tun können.«

Verdammt. Dagegen konnte sie nichts einwenden. Brontë biss sich auf die Lippe und nickte dann. »Okay. Ich halte sie auf.«

Sie tauschten die Plätze, und Brontë packte die Türen, während er seine Kleidung zusammenraffte und schnell wieder anzog. Dabei fragte sie sich, wieso sie nicht selbst auf die Idee gekommen war, sich zuerst anzuziehen, sodass sie jetzt nur mit einem BH mit Leopardenmuster und einem rosafarbenen Schlüpfer im Aufzug stand. Aber es hätte schlimmer kommen können, dachte sie. »Bereit?«

Er hockte sich auf den Boden und nahm die Lücke in Augenschein, dann sah er sie an. »Würde es Sie stören, wenn ich mich zwischen Ihre Beine hocke?«

»Oh nein«, erwiderte sie. »Nur zu. Meine Beine haben nichts gegen Ihr Eindringen einzuwenden.«

Dieses Mal kicherte er, und sie wurde rot. »Ich möchte nur nicht, dass Sie plötzlich die Türen loslassen«, meinte er. »Das ist alles. Ich verspreche auch, dass ich nicht nach oben sehen werde.«