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Diplomarbeit aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Medien / Kommunikation - Mediengeschichte, Note: 1,0, Universität Siegen, Sprache: Deutsch, Abstract: [...]Ich möchte Flashmobs in dieser Arbeit unter folgenden Fragestellungen vorstellen und untersuchen: Neben dem visuellen Ereignis im Stadtraum, als das Flashmobs im Allgemeinen wahrgenommen werden, interessiert hier, welche Schritte dem Ereignis vorangehen und was im Anschluss an die Aktion im urbanen öffentlichen Raum geschieht. Gezeigt werden soll, dass Flashmobs einen Prozess9 darstellen, der auch die Vor- und Nachbereitung der Aktionen beinhaltet. Anders als die Live-Aktion finden diese im virtuellen Raum des Internets statt. Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit ist es, mit Performance 2.0 einen Begriff vorzustellen, der dem prozessualen Charakter des Untersuchungsgegenstandes gerecht wird. Der Aspekt der Performance rekurriert dabei auf die Aufführung des visuellen Ereignisses, während 2.0 auf die Bedeutung des Internets, respektive des Web 2.0, für den Ablauf eines Flashmob verweist. Dies geschieht aus einer mediengeschichtlichen Perspektive, womit ich einen interdisziplinären Ansatz verfolge, der es möglich macht, den Prozess eines Flashmobs aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten.[...]
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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Kölner Hauptbahnhof. 15.00 Uhr. 5. Dezember 2009. Alles scheint wie immer an diesem Samstagnachmittag. Die Bahnhofshalle gleicht einem Ameisenhaufen, Menschen eilen hektisch hin und her, bemüht, ihr Ziel in Nah und Fern zu erreichen. Doch irgendetwas ist anders. Ein Schwarm von Menschen ist ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, aufgetaucht. Ein kurzer Aufschrei und nichts ist mehr wie es war. Unwirklich irgendwie. Der Menschenschwarm hat sich verteilt. Jeder Einzelne hält eine Banane in der Hand, die er als Waffe auf sein Gegenüber richtet. Wie von einem Schuss getroffen, sinken die Akteure kurz darauf nieder. Was zum Teufel ist hier eigentlich los? Ungläubige Blicke. Einige Passanten greifen zu Handy und Digitalkamera, um diesen Moment festzuhalten. Andere Reisende waten eilig über die am Boden liegende Menge. Dann, ein Pfiff. Die Menschen am Boden rappeln sich auf. Sie brechen in Jubel aus, klatschen. Die Bananen werden wieder verstaut oder gegessen. So plötzlich wie er aufgetaucht ist, löst sich der Schwarm wieder auf. Die Akteure verlassen den Bahnhof. Alles ist wieder wie immer an diesem Samstagnachmittag.1
Mit der hier beschriebenen Szene möchte ich ein Phänomen veranschaulichen, das erstmalig 2003 in New York auftrat.2Seitdem werden die sogenanntenFlashmobsrund um den Globus aufgeführt. Der Verlauf ist dabei stets der gleiche. Plötzlich und unerwartet erscheinen die Akteure auf öffentlichen Plätzen, wo sie eine kurze, scheinbar sinnlose Handlung durchführen, um sich danach wieder in alle Winde zu verstreuen. Gemeinsam wird getanzt, gehüpft, gesungen oder ein kollektiver Bewegungsstillstand erprobt. Der Fantasie für die Aktionen sind keine Grenzen gesetzt. Hauptsache ist, die Ideen sind außergewöhnlich und beleben den Alltag. Die Reaktionen der Außenstehenden sind derweil geteilt. Neben positiver Resonanz seitens der Passanten und Presse, die die Kreativität der Aktionen loben, gibt es auch kritische Stimmen. Der Flashmob lebe von der Langeweile, der Leere, dem Unbehagen seiner Teilnehmer, moniert dieZeit Online.Er sei wie ein Werbespot ohne Produkt, ohne jeden Sinn.3Diese Kritik bleibt jedoch substanzlos, wenn man den Blickwinkel der Betrachtung verändert. Beleuchtet man die Voraussetzungen und die Motivaton der Aktionen, so wird deutlich: Es geht um ein Gefühl von Gemeinschaft, den Wunsch nach Provokation, einen Moment der Selbstermächtigung.
1Die Schilderung dieser Eindrücke beruht auf der Rezeption des Flashmob-VideosBanana-Bang Cologne.URL: http://www.youtube.com/watch?v=MQ1_xOeOIXM. Siehe Clip 3 auf der beiliegenden DVD.
2Vgl.Clay Shirky,Here comes everybody: the power of organizing without organizations, New York 2008, 164 f.
3Vgl.Peter Kümmel,Flashmob. Der kurze Sommer der Anarchie, in: DIE ZEIT (2003), Nr. 38. Online unter URL: http://www.zeit.de/2003/38/Flashmobs?page=all [04.02.2010].
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Die Flashmobber erobern die Städte, nutzen sie als Bühne und reihen sich damit ein in die Traditionslinie der künstlerischen Aktionsformen im öffentlichen Raum. Flashmobs sind Ausdruck eines Trends, die Straße kreativ umzugestalten und als Freizeitraum zu nutzen. Dazu zählen nebenGraffitiundStreet ArtauchCross Golfund dieParkourläufer.4Sie alle nutzen die Stadt als eine Art Spielplatz.Urban Playground MovementoderUrban Hackinglauten die neuen Begriffe, unter denen die verschiedenen Ausdrucksformen subsumiert werden.
Wer sich für die Flashmob-Idee interessiert und an einer Aktion teilnehmen möchte, der ist auf einen Computer mit Internetzugang angewiesen. Ohne diverse Online-Dienste, die es Menschen mit den gleichen Interessen ermöglichen, sich zu finden, auszutauschen und in Gruppen zu organisieren, wäre das Phänomen Flashmob nicht denkbar. In Foren wird zunächst über mögliche neue Ideen diskutiert, um anschließend, nach einer gewissen Planungszeit, den virtuellen Raum zu verlassen und als Gruppe den Stadtraum zum Schauplatz eines Kurzhappenings werden zu lassen. Neben der Aktion im urbanen öffentlichen Raum inhäriert das Konzept eines Flashmob auch die mediale Aufzeichnung des Ereignisses durch mindestens einen der Teilnehmer. Mit einer Videokamera oder dem Handy wird die Aktion festgehalten, auf Videoportale hochgeladen und somit theoretisch für jeden mit einem Internetanschluss sichtbar gemacht.
Wissenschaftlich ist das Phänomen Flashmob weitgehend unerforscht. Zu den wenigen Arbeiten, die sich eingehender mit dem Thema„Flashmob“beschäftigen, gehört Howard Rheingolds WerkSmart Mobs: the next social revolution.5Sein Blick in die Zukunft fokussiert in erster Linie die Frage, inwiefern neue Medien den menschlichen Handlungsspielraum erweitern und neue soziale Handlungsformen ermöglichen.Here comes everybody: the power of organizing without organizationsvon Clay Shirky greift sechs Jahre nach Rheingold dessen Forschungsschwerpunkt wieder auf. Auch er prognostiziert die zunehmende Bedeutung neuer Medien für soziale und damit auch für gesellschaftliche Transformationen. Beide sind der Ansicht, dass deren Potenzial anhand der neuen Möglichkeiten zur Gruppenbildung am deutlichsten sichtbar wird. Menschen, die sich nicht kennen, sind plötzlich, weil sie ein gemeinsames Ziel oder Interesse teilen,
4Während es sich beiGraffitiundStreet Artum künstlerische Ausdrucksformen handelt, bei denen sichtbare grafische Zeichen bzw. plastische Elemente im öffentlichen Raum hinterlassen werden, bezeichnen die BegriffeCross GolfundParkourneue Trendsportarten. Hierbei werden öffentliche Plätze mit ihren architektonischen Vorgaben in die Handlungen der Akteure integriert.
5Vgl.Howard Rheingold,Smart Mobs: the next social revolution, Cambridge 2002.
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kulturhistorischen Verortung des Untersuchungsgegenstandes. Beispiele aus der Kunstgeschichte und der Populären Kultur sollen zeigen, dass Flashmobs als hybrides Ereignis bestimmt werden können, welches Elemente aus beiden Bereichen inkorporiert. Hinsichtlich der Intention, mitPerformance 2.0einen neuen Begriff zu etablieren, wird in diesem Kapitel die Begriffskomponente derPerformancenäher betrachtet.
Ein wesentliches strukturelles Merkmal von Performances ist derenProzessualität.10Neben der Aufführung eines visuellen Ereignisses gehört auch dessen Planung und Reproduktion in Form der medialen Aufzeichnung dazu. Auch Flashmobs stellen einen mehrstufigen Prozess dar, der inKapitel 4analysiert wird. Dieser lässt sich in drei Phasen unterteilen: die Phase derVorbereitung,derDurchführungund derBilderwanderung.11Die Wanderung von Bildern bezeichnet deren Neukontextualisierung12, die mit einem Bedeutungswandel einhergeht. Wenn ich in dieser Arbeit den Begriff der Bilderwanderung verwende, dann denke ich das visuelle Ereignis im öffentlichen Raum alslebendes Bild.13Durch seine mediale Aufzeichnung wird es fixiert und wandert in den Raum des Internets, wo es in ein neues mediales Umfeld eingebettet wird und somit eine andere Sinnzuschreibung erfährt.
Bezüglich meiner Intention, den Begriff derPerformance 2.0für das Phänomen Flashmob vorzuschlagen, gehe ich inKapitel 4näher auf den Aspekt desWeb 2.0bzw. des2.0ein. Abschließend werde ich beide Elemente des Begriffs zusammenführen und verdeutlichen, worauf ich mit dieser Begrifflichkeit verweise.
10Vgl.Elisabeth Jappe,Ritual-Performance-Prozess. Handbuch der Aktionskunst in Europa, München [u.a.] 1993.
11Der Aspekt der Bilderwanderung gehört zuSusanne RegenersKonzept derBlickkultur.Vgl. Susanne Regener, Bildgedächtnis, Blickkultur. Fotografie als intermediales Objekt, in: Historische Anthropologie. Kultur-Gesellschaft-Alltag, 14. Jg., H.1, Köln 2006, 119-132.Unter Blickkultur versteht man „jenein einer jeweiligen Kultur durch Bilder und die Medialisierung von Bildern geprägten Formen von Wahrnehmen und Darstellen. Zur Blickkultur gehören Erfahrungen mit Bildern, Traditionen der symbolischen Darstellung und dieWanderung von Bildern von einem gesellschaftlichen Bereich in den anderen von einem Medium ins andere.“Der Begriff der Bilderwanderung wird hierbei im Zusammenhang mit Fotografien verwendet. Auf Basis der Annahme, dass zu jeder Fotografie immer ein Umfeld gehört-in Form eines Produktions-und Rezeptionszusammenhangs sowie eines Textes-bedeutet die Wanderung eines Bildes, dass sich dieses Umfeld verändert. Daraus resultiert eine andere Wahrnehmung und Sinnzuschreibung des Bildes.
12Susanne Regenerversteht unter dem Kontextbezug der Bilder einen komplexen Begriff, „der Texte, Bilder,Fantasien, Haupt-undNebenschauplätze, verschiedene Medien und Vermittlungsebenen vereint“. Vgl.Regener,Bildgedächtnis, Blickkultur, 128.
13Ich beziehe mich hier auf Elisabeth Jappe, die konstatiert: „Performance ist ein lebendes Bild, in dem der Künstler selbst eine zentrale Stellung einnimmt.“ Sie begründet ihre Einschätzung mit dem Verweis darauf,dass auch eine Handlung als Bild rezipiert wird-insbesondere die Performance würde in erster Linie als visuelles Erlebnis wahrgenommen. Vgl.Jappe,Ritual-Performance-Prozess, 10.
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“We'vecome a long long way together, through the hard times and the good. I have to14celebrate you baby, I have to praise you like I should.”
War der SongPraise youvon Fatboy Slim 1999 ein großer Hit, der die Nummer Eins der britischen Charts eroberte, ist es bis heute vor allem seine visuelle Umsetzung, die sich in15Der Videoclip von Regisseur Spike Jonze zeichnet sich durch den Köpfen verankert hat.
eine Umkehrung der Relation von Bild und Ton aus und steht stellvertretend für eine16Gefilmt im Reihe von Musikvideos, in denen sich das Bild von der Musik emanzipiert.‚Guerilla-Stil‘,also ohne Drehgenehmigung, zeigt das Video verwackelte Bilder einer vermeintlichen Amateur-Tanzgruppe, die plötzlich auf dem Vorplatz eines Theaters einen Ghettoblaster platziert und mit einer skurrilen Performance beginnt. Die Gruppe bildet eine verschworene Gemeinschaft und scheint ganz in ihrem Element zu sein. Ihr Auftreten entspricht nicht der Norm, ihr Verhalten wirkt deplatziert:‚ver-rückt‘.Schnell bildet sich eine Traube von Menschen, die verwundert stehen bleiben und Augenzeuge dieses seltsamen Ereignisses werden. Der Vortänzer der Gruppe, Spike Jonze selbst, der mit besonders ausgefallenen Bewegungen hervorsticht, sucht den direkten Kontakt zum Publikum, indem er sich immer wieder von der Gruppe löst und auf die Umherstehenden zuspringt. Die Kamera, die den Auftritt festhält, wird als dokumentierendes Werkzeug eingesetzt, die sowohl die Performance der Tänzer, als auch die Reaktionen der am Rande stehenden Passanten einfängt. Sie ist fast pausenlos in Bewegung, zeigt teils verwackelte und stets schlechtbeleuchtete Aufnahmen und „rekurriert [damit, J.J.]auf die17Ästhetik des Amateurvideos“.
18belegte Aktion findet 2003 in New York statt. Doch Die erste mit dem BegriffFlashmob
schon der Fatboy-Slim-Clip von 1999 bannt eine Situation auf Video, die wesentliche Elemente der heutigen Flashmob-Aktionen inhäriert. Auch wenn die Performance der Aerobic-Tänzer von 1999 nicht innerhalb der Geschichte der Flashmobs verortet werden kann (ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist die nicht-kommerzielle Ausrichtung der Flashmob-Aktionen), lassen sich doch einige inhaltliche und strukturelle Ähnlichkeiten
14Der SongPraise youvon Fatboy Slim erschien 1998 auf dem AlbumYou’ve come a long way baby.15Bei den MTV Music Awards von 1999 erhielt das Video drei Auszeichnungen: Breakthrough Video, Best Direction und Best Choreography.
16Vgl.Henry Keazor/Thorsten Wübbena,Video thrills the radio star. Musikvideos. Geschichte, Themen, Analysen, Bielefeld 2007, 280 f.
17David Schubert,das Meisterwerk des Trash: Fatboy Slim-praise you (27.11.2006). URL: http://www.bittekunst.de/fatboy-slim-praise-you-r-spike-jonze/ [01.02.2010].
18Imenglischen Sprachgebrauch wird der Begriff getrennt, hier ist die vorherrschende Schreibweise „flash mob“. Vor allem im deutschen Sprachraum hat sich jedoch die Schreibweise „Flashmob“ durchgesetzt, die ichebenfalls verwenden werde.
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herausfiltern. Der vorliegenden Untersuchung dient der beschriebene Inhalt des Videos dazu, um von hier aus die Geschichte der Flashmobs nachzuzeichnen und eine erste Begriffsbestimmung vorzunehmen.
Gemeinsam anders
Abbildung 1:Eindrücke ausMoments of Starlings,einem Projekt derUrbanauten, durchgeführt im Rahmen des SPIELART Festivals in München 2009 (Quelle: www.blog.urbanaut.org/pics/ [02.02.2010]).Spontan, verwirrend,gemeinsamanders als die Anderen sein,diese Schlagwörter zeichnen nicht nur die Intention der Tänzer aus dem genannten Videoclip aus, sondern charakterisieren auch das Erscheinungsbild der ersten Aktion, die zunächst unter dem19besprochen wurde. Der NeologismusFlashmobstammt von Sean BegriffMob-Project
Savage, Webdesigner aus San Francisco, in Anlehnung an den von Howard Rheingold20kreierten BegriffSmart Mob.
Der erste Flashmob: Ein New Yorker Kaufhaus am 17. Juni im Jahr 2003. Plötzlich erscheint eine Gruppe von mehr als hundert Menschen und erkundigt sich aufgeregt nach einem‚Liebesteppich‘für ihre Kommune. Die verdutzten Verkäufer haben nicht viel Zeit, Ursachenforschung zu betreiben, denn der Trupp zieht weiter, verstreut sich in alle Richtungen, um sich später in einer Hotellobby erneut zu versammeln und dort für 15 Sekunden ohne ersichtlichen Grund zu applaudieren. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda,21die SMS, E-Mails und Blogeinträge hatte der Organisator, der US-Journalist Bill Wasik, Menschen über die Idee zu der Aktion informiert.22Seine Intention war es, den Drang
19Michelle Delio,E-Mail mob takes Manhattan (06.19.03). URL:
http://www.wired.com/culture/lifestyle/news/2003/06/59297 [02.02.2010].
20Vgl.Judith Nicholson,Flash! Mobs in the Age of Mobile Connectivity, in: Fibreculture Journal 2005. Issue 6-Mobility, New Social Intensities and the Coordinates of Digital Networks. URL: http://journal.fibreculture.org/issue6/issue6_nicholson.html [01.02.2010]. Vgl. auch den Blog vonSean Savage.URL: http://www.cheesebikini.com/category/flash-mobs/ [04.02.2010].21Lange Zeit hielt Bill Wasik seine Identität geheim. So wird in den ersten Artikeln, die von dem Ereignis berichten, ausschließlich von einem ominösen Bill gesprochen. Vgl.Sandra Shmueli,Flash mob' craze spreads (09.08.2003). URL: http://www.cnn.com/2003/TECH/internet/08/04/flash.mob/ [01.02.2010].
22„Wasik […] would e-mailinstructions to a group of people, spelling out when and where to converge and describing the activity they were toengage in once there.”Shirky,Here comes everybody, 165.
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aufzudecken, mit dem junge Menschen danach streben, unbedingt Teil eines Trends zu23Aus sein. Solch eine sinnfreie Aktion, so sein Gedanke, könnte diese Leute entlarven. heutiger Sicht wird deutlich, dass er sein Ziel weit verfehlt hat. Ausgehend von New York hat sich die Flashmob-Idee inzwischen in der ganzen Welt verbreitet und findet vor allem in Großstädten eine immer größere Anhängerschaft.
24wird seit 2008 zur weltweiten Unter dem MottoThe International Pillow Fight Day
Kissenschlacht aufgerufen. Die Betreiber der gleichnamigen Internetseite beheimaten einen zentralen Ort für den Austausch der Gruppen, die sich mit ihren jeweiligen Städten für den Tag X anmelden können. 2009 waren mit Köln, Hamburg, Stuttgart und Düsseldorf vier deutsche Städte vertreten, die am 4. April in einen überdimensionalen Spielplatz verwandelt wurden. Neben solchen Ausnahmeaktionen, die in ihrer Größe und Reichweite einmalig sind, werden die skurrilsten Ideen auf die‚Bühnen‘der Städte und deren Videodokumentation auf die‚Bühne‘des Internets gebracht. Die Teilnehmer sind häufig Studenten oder Schüler der Oberstufenklassen, die nicht in irgendwelchen Vereinen oder Initiativen organisiert sind.25
FREEZEist eine weitere Bezeichnung für einen Flashmob, bei dem alle Teilnehmer in einer Bewegung einfrieren und so ein modernesTableau Vivantim öffentlichen Raum generieren.26Den Ideen sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass es keiner langen Vorbereitungszeit bedarf, um teilnehmen zu können. Auf Kommando wird eine Banane hervorgeholt und wie eine Waffe auf die anderen Teilnehmer gerichtet,27Menschen hüpfen umher wie Hühner oder treffen sich zumZombie walk28. In einem Bielefelder Kaufhaus ließ man gemeinsam Seifenblasen durch den Raum schweben. Einen größeren Aufwand im Vorfeld benötigen diejenigen Flashmobs, die auf einer vor dem eigentlichen‚Auftrittvor Publikum‘ einstudierten Choreographie basieren.29Nach dem Tod von Michael Jackson sind es vor allem seine Songs, die auf den Straßen wiederbelebt werden-so geschehen am 29.08.2009 im Schanzenviertel von Hamburg. Nachdem zunächst nur ein Tänzer imMoonwalkdie Straße betritt, strömen kurz darauf
23Vgl.Shirky,Here comes everybody, 164 f.;Nicholson,Flash! Mobs in the Age of Mobile Connectivity.24URL: http://www.pillowfightday.com/ [02.02.2010]. URL: http://www.youtube.com/watch?v=2sV4Ck-PY80&feature=related [06.06.2010]. Siehe Clip 1 auf der beiliegenden DVD.
25Katrin Bauer,zitiert in: Mit dem Konsum zum Klimaschutz beitragen. Carrotmobs-eine moderne Form des Protests (10.12.2009). URL:
http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?tab=2&source=/nano/astuecke/140472/index.html [06.02.2010]. Katrin Bauer arbeitet als Ethnologin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Sie hat in ihrer Dissertation Flashmobs als ein Beispiel für neue Jugendkulturen untersucht, vgl.Bauer,Jugendkulturelle Szenen als Trendphänomene.
26URL: http://www.youtube.com/watch?v=oeD9Xcvn9RA [06.06.2010]. Siehe Clip 2.
27URL: http://www.youtube.com/watch?v=GN2PhIfUP1c [06.06.2010]. Siehe Clip 3.
28URL: http://www.youtube.com/watch?v=UpBUvadVeBQ [06.06.2010]. Siehe Clip 4.
29URL: http://www.youtube.com/watch?v=zillH6JbDRE [06.06.2010]. Siehe Clip 5.
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von allen Seiten Menschen hinzu, um gemeinsam zu Michael Jacksonsbeat itzu performen.30
Bei all ihrer Diversität gibt es bestimmte Regeln, auf denen fast alle Flashmobs basieren: Dem plötzlichen Auftauchen einer oder mehrerer Personen folgt ein bestimmtes Signal (häufig eine Trillerpfeife), das den Start der Aktion bekannt gibt. Weitere Teilnehmer kommen hinzu, die eigentliche Aktion wird durchgeführt, ein erneutes Signal verkündet ihr Ende und alle Teilnehmer verstreuen sich in verschiedene Richtungen, als sei nichts gewesen.31Weitere Gemeinsamkeiten bestehen zumindest in der Theorie. So kursiert im Internet einFlashmob-Manifest,in dem das Selbstverständnis der Flashmobber artikuliert wird.32Die auf Spanisch und Englisch verfasste Proklamation enthält 16 Aspekte, die Regeln zum richtigen Verhalten der Flashmobber sowie Statements zu dem Wesen eines Flashmob beinhalten. Es muss jedoch bezweifelt werden, dass dieses Manifest ein unter Flashmobbern allgemein bekanntes und anerkanntes Dokument darstellt. Weder sind mir im Zuge meiner Recherchen Aussagen von Flashmobbern begegnet, die sich explizit auf dieses Manifest berufen, noch wurde es in einer der zahlreichen Flashmob-Communities veröffentlicht, in denen die Aktionen im Vorfeld sowie im Anschluss diskutiert werden. Dennoch enthält es wichtige Aspekte, die für einen Großteil der Flashmobs verbindlich zu sein scheinen.33So findet sich hier zum Beispiel ein Verweis auf die flachen Hierarchien, die zwischen den Flashmobbern herrschen:„Aflashmobdoesn’t have leaders.“34Darüber hinaus enthält das Manifest u. a. Angaben zu der zeitlichen Dimension eines Flashmob. So steht unter Punkt 14:„Aflash-mob must not last more than 10 minutes. The gathering and the dispersion must be natural and exact.”35
Das PhänomenFlashmobin wenigen Worten zu bestimmen, erweist sich als schwierig. Anstelle einer allgemein verbindlichen Definition kursieren diverse Beschreibungen, die jeweils bestimmte Attribute hervorheben.„Self-organizedentertainment is the overlookedubermessage of flash mobs […]”,lautet das Urteil von Howard Rheingold in seinem
30Das Video wurde vonYouTubeentfernt, Siehe Clip 6.
31Vgl.Marc Amann,go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Grafenau 2005, 193. Unter der Überschrift„Flash Mob - Do It Yourself“ gibt er den potenziellen Flashmobbern einen Leitfaden fürdie Durchführung an die Hand.
32Siehe Anhang: Flashmob-Manifest.
33Zu dieser Einschätzung komme ich auf Grundlage der zahlreichen Flashmob-Videos, die ich mir im Vorfeld und Verlauf dieser Arbeit angesehen habe.
34Siehe Anhang, Punkt 2 des Flashmob-Manifests.
35Siehe Anhang: Flashmob-Manifest.
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ArtikelFlash Mobs: Just An Early Form Of Self-Organized Entertainment.36Ulrike Knöfel verweist inDie Nonsens-Meuteauf die Kurzlebigkeit der Aktionen.37Sie übersetzt den Begriff Flashmobals „Blitzpöbel“,dessen Ziel sichin der „ruckartigen Zusammenrottung“manifestiere. Das kurze, flüchtige Moment der Gemeinschaft wird auch in Beschreibungen deutlich, die Flashmobs in Relation zu„speeddating“38und„onenight stands“39setzen. Damit orientieren sich die Aussagen eng an der Zusammensetzung der Morpheme des Wortes Flashmob:Flashbedeutet Blitz und rekurriert auf die Plötzlichkeit und die Vergänglichkeit des Phänomens.Mobleitet sich ab vonmobilis,welches mit beweglich übersetzt werden kann, aber auch fürdie Meutesteht. Diese Versuche, dem Phänomen mit Schlagworten, die ausschließlich auf das Momenthafte verweisen, gerecht zu werden, greifen jedoch zu kurz. Sie beschränken sich allein auf die ephemere Erscheinung der Aktion und übersehen die Voraussetzung für die gemeinsame Handlung. Diese nimmt Clay Shirky ins Visier:„One obvious lesson is that new technology enablesnew kinds of group-forming.”40Wie bereits die kurze Schilderung des ersten Flashmob gezeigt hat, waren es E-Mail-Verteiler, SMS- und Blognachrichten, die die Idee der‚Kaufhausinvasion‘gestreut haben. Auf die besondere Bedeutung der neuen Medien geht Marc Amann in seiner Beschreibung von Flashmobs ein, wenn er konstatiert:
„Übereine kurze Email- oder SMS-Nachricht informiert, kommen Menschen, die sich größtenteils gegenseitig nicht kennen, an einem bestimmten öffentlichen Ort zu einer bestimmten Zeit zusammen, erhalten weitere Instruktionen und führen gemeinsam eine41kurze, relativ absurd anmutende Handlung aus.“
Die aktuellen Entwicklungen zeigen jedoch, dass die Kommunikationsmittel bzw. -dienste, die zur Organisation benutzt werden, einem kontinuierlichen Wandel unterliegen und sich nicht mehr allein auf E-Mail, SMS und Blogeinträge beschränken. Die breite Angebotsstruktur des zum‚Buzzword‘verkommenenWeb 2.0bietet diverse Möglichkeiten für die Organisation der Gruppe und die Mobilisierung potenzieller Mitwirkender, wie der folgende Eintrag in der englischen Wikipedia verdeutlicht:
„Aflash mob (or flashmob) is a large group of people who assemble suddenly in a public place, perform an unusual and pointless act for a brief time, then quickly disperse. The term flash mob is generally applied only to gatherings organized via telecommunications, social
36Howard Rheingold,Flash Mobs: Just An Early Form Of Self-Organized Entertainment (22.09.2003). URL:http://www.thefeaturearchives.com/topic/Culture/Flash_Mobs__Just_An_Early_Form_Of_Self-Organized_Entertainment.html [04.02.2010].
37Ulrike Knöfel,Die Nonsens-Meute, in:Der Spiegel,(2003) Nr. 36, 160 f.
38Christian Nold,zitiert nach:Nicholson,Flash! Mobs in the Age of Mobile Connectivity.
39Peter Weibel,zitiert nach:Knöfel,Nonsens-Meute, 161.
40Shirky,Here comes everybody, 17.41Amann,go.stop.act!, 188.
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media, or viral emails. The term is generally not applied to events organized by public42relations firms, protests, and publicity stunts.”
Im Gegensatz zu Amanns Beschreibung zeigt sich diese Definition gegenüber technologischen Neuerungen offen, denn wer heute noch eine E-Mail geschickt hat, um Menschen zum Mitmachen zu bewegen, wird morgen vielleicht schon über dasiphone touch padkommunizieren. Neben den bereits genannten Merkmalen wird in der Wikipedia-Definition zudem auf die nicht kommerzielle Ausrichtung von Flashmobs hingewiesen, was bereits als ein Kriterium angeführt wurde, das das eingangs beschriebene Video zupraise youvon Flashmobs unterscheidet.
Über die Inhalte der jeweiligen Definitionen hinausgehend gibt es weitere Merkmale, die konstitutiv für das Wesen eines Flashmob sind. Ein Blick zurück auf die zwei genannten Beispiele: Die Darbietung der Tänzer im Video zupraise youund die erste, mit dem BegriffFlashmobbelegte Aktion verweisen auf einen dieser Aspekte-das Publikum. Denn ein Flashmob ergibt nur dann Sinn, wenn er von anderen wahrgenommen wird. Das Publikum ist somit ein essenzieller Bestandteil jeder Aktion. Waren es im ersten Fall die Theaterbesucher, die sich um die Gruppe der Tänzer scharten, um deren Treiben näher betrachten zu können, so sind es im zweiten Beispiel zunächst die Verkäufer und später die Anwesenden in der Hotellobby, die-wenn auch ungewollt-Teil des Ereignisses werden. Es geht um die Interaktion, die Provokation einer Reaktion, die die Flashmobber unter anderem antreibt.43Diesen Gedanken greift Howard Rheingold auf, wenn er die Flashmobber spezifiziert als:„[…] people […]who use the Internet and their mobile devices to self-organize urban performance art.“44Obwohl diese Aussage keinen expliziten Hinweis auf den Aspekt der Interaktion enthält, so ist dieser doch präsent im Begriff derPerformance Art.Wie ich noch zeigen werde, ist der Austausch, das aufeinander bezogene Handeln dieser Kunstform implizit.
Abschließend soll auf einen weiteren Aspekt aufmerksam gemacht werden, der ein konstitutives Merkmal eines Flashmob darstellt, der jedoch bislang in seiner Bedeutung für das Phänomen übersehen wurde: die Dokumentation der Aktion in Form von Bildern und Videos. Mit der Digitalkamera, dem Camcorder, einer professionellen Videokamera oder auch dem Handy wird die Performance zunächst fotografiert oder gefilmt und dann
42Wikipedia: “Flashmobs”.URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Flashmobs [08.02.2010].
43„If bystanders thought it was weird, it only served to drive the flashmobbers on”, Martin Croucher,Pillow Fighters TransformLondon into 'Urban Playground’ (12.04.2008).URL: http://en.epochtimes.com/news/8-4-12/69052.html [04.02.2010].
44Rheingold,Flash Mobs: Just An Early Form Of Self-Organized Entertainment.
