Perlen für Messias - Theophil Spoerri - E-Book

Perlen für Messias E-Book

Theophil Spoerri

4,9
12,99 €

Beschreibung

Die groß angelegte Familiensaga vor dem Hintergrund eines kriegerischen Jahrhunderts trägt alle Züge menschlicher Tragödien: Liebe, Hingabe, Verzweiflung und Mut, Leben und Tod. Die verrücktesten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Dieses Buch ist das Denkmal einer ganzen Familie, die - hin und her gerissen zwischen religiösen Vorstellungen und hingebungsvoller Liebe - alle Höhen und Tiefen menschlicher Existenz durchlebt. Es erzählt von starken Frauen, missionierenden Männern und allen Prüfungen eines gnadenlosen Jahrhunderts. Theophil Spoerri beschreibt in Form einer sich über drei Generationen hinweg erstreckenden Familiensaga das letzte Kapitel der Geschichte der protestantischen Judenmission. Das Absurde: Judenmissionar Simon Goldstein ist selbst ein ursprünglich im Chassidismus verwurzelter rumänischer Jude, seine Frau Bertha Hufschmid eine Schweizerin mit pietistischem Hintergrund. Beide arbeiten im Auftrag einer norwegischen Missionsgesellschaft in Rumänien. Im Pogrom von Jassy wird Goldstein mit Tausenden von Juden ermordet. Seiner Frau gelingt es, sich mitten im Krieg mit ihren sechs kleinen Kindern in die Schweiz durchzuschlagen, aus dem Inferno des Holocaust und der Katastrophe des Krieges zurück in die sichere Heimat.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 550

Bewertungen
4,9 (12 Bewertungen)
11
1
0
0
0



Theophil Spoerri

Perlen für Messias

Die Goldstein-Hufschmid-Saga

Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, Dezember 2013

Copyright © 2013 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Fotos aus dem Archiv des Autors

ISBN 978-3-905802-47-4

Die Erstausgabe erschien 2010 im Verlag Huber, Frauenfeld

an Imprint of Orell Füssli Verlag AG, Zürich, Switzerland

Umschlag: Barbara Ziltener, Frauenfeld

Über das Buch

In diesem Buch erzählt Theophil Spoerri in Form einer sich über drei Generationen hinweg erstreckenden Familiensaga das letzte Kapitel der Geschichte der protestantischen Judenmission. Das Absurde: Judenmissionar Simon Goldstein ist selbst ein ursprünglich im Chassidismus verwurzelter rumänischer Jude, seine Frau Bertha Hufschmid eine Schweizerin mit pietistischem Hintergrund.

Beide arbeiten im Auftrag einer norwegischen Missionsgesellschaft in Rumänien. Im Pogrom von Jassy wird Goldstein mit Tausenden von Juden ermordet. Seiner Frau gelingt es, sich mitten im Krieg mit ihren sechs kleinen Kindern in die Schweiz durchzuschlagen, aus dem Inferno des Holocaust und der Katastrophe des Krieges zurück in die sichere Heimat ...

Über den Autor

Theophil Spoerri, geboren 1939 in Jassy (Rumänien) als Sohn des jüdischen Vaters Isak Feinstein und der Schweizerin Lydia Spoerri.

Nach der Ermordung des Vaters im Pogrom von Jassy 1941 durch rumänische Faschisten Flucht mit der Mutter und fünf Geschwistern in die Schweiz. Ausbildung zum Primarlehrer, Studium der Theologie, zuerst Gemeindepfarrer, dann über zwanzig Jahre Seelsorger am Universitätsspital Basel.

Unter dem Namen Ben-Jizchak Feinstein Interpret von Liedern in jiddischer Sprache.

Spoerri lebt in Basel.

Widmung

Für die verstorbenen und die lebenden Mitglieder der Feinstein-Spoerri-Familie

Jiddisches Volkslied

Shnirele perele, gilderne fon,

Meshiach, ben Dovid, zitst ojbn on.

Er halt a becher in der rechter hant

Un macht di bruche ojfn gantsen lant

Omejn, we omejn, doz iz wor:

Meshiach wet kumen, heintiks jor.

*

Perlenschnur, goldene Fahne,

Messias, Sohn Davids, sitzt oben an.

Er hält den Becher in der rechten Hand

Und spricht den Segen übers ganze Land.

Amen, amen, das ist wahr:

Messias wird kommen, dieses Jahr.

Vorauswort: Die Blechschachtel

Philipp Hufschmid, der fünfjährige kleine Bub, kniet auf einem Stuhl am runden Stubentisch im braungebrannten Chalet, das oberhalb des Bergdorfes Gstaad inmitten von grünen Wiesen liegt. Neben ihm liegt eine leere Blechschachtel, auf der in verschnörkelter Schrift Oulevay, bisquits de qualité supérieure zu lesen ist.

Es sind längst keine Kekse mehr drin, sondern Fotografien verschiedener Grösse, die er aus der Schachtel geleert und auf dem Tischtuch verstreut hat. Nach dem Mittagessen, als die drei Kinder der Familie Keller, Johannes, Rosmarie und Franziska, zur Schule gegangen waren, hatte ihm seine Pflegemutter, Frau Keller, vorgeschlagen: «Heute ist solch ein scheussliches Wetter, dass du am besten im Haus bleibst. Ich gebe dir die Schachtel mit den Familienfotos, damit du dich nicht langweilst, bis die Mädchen von der Schule zurückkehren. Johannes muss ja noch in die Klavierstunde.»

Draussen regnet es seit dem frühen Morgen und graue Nebel hängen bis dicht vor die Fenster. Der Bach im Tal unten rauscht viel lauter als gewöhnlich und die Tannen, die rings um das Chalet stehen, werden von den heftigen Windböen geschüttelt. Obschon es erst Mitte August ist, habe es letzte Nacht bis zu den obersten Alphütten herunter geschneit, wusste der Vater am Mittagstisch zu berichten.

Der kleine Bub sagt aber dem Vater nicht Vati wie die drei Kinder, sondern «Onkel», und die Mutter nennt er «Tante» und nicht Mueti. Er lebt erst seit drei Wochen als Pflegekind in der Familie und fühlt sich hier ganz wohl, vor allem, weil er sich mit den Kindern so gut versteht.

Er ist froh, hier wohnen zu dürfen und nicht etwa drüben im vornehmen Nachbarhaus bei der schrulligen alten Dame, wo er und seine Mama fast ein Jahr lang gelebt haben. Denn die alte Frau, welcher er Mamamare sagen musste, war ihm immer ein wenig unheimlich gewesen, obschon sie ihn manchmal freundlich angelächelt oder ihm mit der Hand über den Kopf gestrichen hatte. Aber handkehrum konnte sie ganz streng mit ihm sein, sodass er nie recht wusste, woran er war.

Vor einem Monat hatte seine Mutter unerwartet einen Brief mit der dringenden Aufforderung bekommen, wieder die Leitung des Heims für jüdische Flüchtlingskinder im Juradorf Langenbruck zu übernehmen, das sie bereits einmal betreut hatte, das aber aus finanziellen Gründen plötzlich hatte geschlossen werden müssen. Damals hatte der kleine Philipp in Lausanne bei einer ganz fremden Familie unterschlüpfen müssen. Dort sprach und verstand niemand Deutsch oder gar Rumänisch, sondern nur Französisch. Obschon es alle gut mit dem kleinen Flüchtlingsbuben meinten, glaubte er vor lauter Heimweh nach Mama, Papa und seinen fünf älteren Geschwistern ersticken zu müssen. Welch ein Glück, dass ihn seine Mama nach langer, langer Zeit, wie es ihm schien, in Lausanne wieder abholte und mit ihm ins gediegene Chalet der alten Dame in Gstaad fuhr.

Die beiden Frauen – beide ehemalige Schweizerinnen – hatten sich in Rumänien kennengelernt. Madame Erika Grosjean, geborene Huber aus dem Aargauer Städtchen Baden, war die Witwe eines Schweizer Industriellen, der in Rumänien ein riesiges Vermögen erworben und durch den Krieg zum grössten Teil wieder verloren hatte. Es war ihm allerdings so viel übrig geblieben, dass er sich im Bergdorf ein luxuriöses Chalet hatte bauen lassen können, in dem nun Madame Grosjean das Leben einer trauernden Witwe führte. Als sie vernahm, dass Bertha Goldstein, geborene Hufschmid, aus Uster, die ebenfalls aus Rumänien in die Schweiz zurückgekehrt war – allerdings unter ganz andern Umständen! –, ihre Stelle als Hausmutter des Heimes für jüdische Flüchtlingskinder verloren hatte, lud sie sie als Gesellschaftsdame in ihr herrschaftliches Chalet ein. Dabei durfte sie ihren Jüngsten mitnehmen.

Obschon sich Mama nie über die alte Dame beklagte, spürte der kleine Bub, dass sie sich nicht wohl fühlte. Es entging ihm nicht, dass sie oft seufzte oder sich gar heimlich Tränen abwischte. Wenn er sich dann an sie schmiegte und sie mit erschrockenen Augen anschaute, fuhr sie ihm mit der Hand liebevoll übers Haar, versuchte zu lächeln und sagte: «Weisst du, ich habe halt manchmal ein wenig Heimweh nach unserm Papa und nach deinen Geschwistern, die überall in der Schweiz verstreut leben. Aber ich bin so froh, dass wir zwei wieder beieinander sein können. Ich habe dich so sehr vermisst, als du in Lausanne warst.» Dann hob sie ihn hoch, drückte ihn an sich, gab ihm einen Kuss und befahl: «So, geh wieder spielen! Ich muss mich um Mamamare kümmern.»

Philipp wühlt in den auf dem Stubentisch verstreuten Fotos, nimmt das eine oder das andere in seine Händchen und betrachtet die darauf abgebildeten Personen. Es gibt bräunlich getönte Bilder von würdigen, bärtigen Männern und ernst blickenden Damen in ähnlich langen, schwarzen Kleidern, wie sie Mamamare trägt. Auf der Rückseite einiger Fotos kleben Reste von weichem schwarzem oder braunem Papier. Die habe sie aus dicken, grossen Büchern, sogenannten Fotoalben, herausgelöst, hatte ihm Mama erklärt. Denn bei ihrer fluchtartigen Abreise aus Rumänien im September 1942 habe sie bloss ein paar wenige Fotos aus den schweren Alben herauslösen und als Erinnerung mitnehmen können. Verwandte und andere liebe Leute hätten ihr seither Fotos, die sie ihnen früher aus Rumänien geschickt hatte, zurückgegeben. Sie sollten ihr helfen, das Andenken an Menschen wachzuhalten, die sie wohl nie mehr sehen werde.

Etwas Ähnliches hatte sich auch Mama gedacht, als sie vor drei Wochen Mamamares vornehmes Chalet verliess, um die Leitung des Flüchtlingsheimes in Langenbruck zu übernehmen und ihren Jüngsten bei der Familie Keller im Nachbarhaus zurücklassen musste. Am Vorabend ihrer Abreise führten sie beim Gutenachtsagen ein ernsthaftes Gespräch.

«Versprich mir, Mama, dass du mich ganz sicher wieder abholst», sagte er und schlang die Arme um sie. «Ich hatte in Lausanne nämlich furchtbar Angst, du hättest mich vergessen und würdest nie wiederkommen und ich müsste für immer dort bleiben.»

«Ja, Philipp, das verspreche ich dir. Ich verspreche dir auch, dass ich dich zwischendurch besuchen werde», beteuerte sie, «aber du weisst ja, dass ich sechs Kinder an sechs verschiedenen Orten besuchen muss … Aber warte einen Moment, ich habe eine Idee!» Sie ging schnell in ihr Zimmer hinüber und kehrte mit der Blechschachtel zurück, in der sie die Familienfotos aufbewahrte.

Mit feierlicher Stimme sagte sie zu Philipp: «Ich übergebe dir als Andenken die Schachtel mit diesen Fotos, bis ich dich wieder abhole. Wenn du einmal grosses Heimweh hast oder wenn du dich nicht mehr erinnern solltest, wie deine Geschwister aussehen, dann schau dir einfach die Fotos an; dann bist nicht mehr so traurig. Pass gut auf diese kostbaren Fotos auf. Hoffentlich findet dieser schreckliche Krieg bald ein Ende, und dann können wir wieder alle zusammenleben. Die ganze Goldsteinfamilie – die jetzt allerdings wieder Hufschmid heisst –… ausser dem Papa; der kommt nie mehr zurück.»

Den letzten Satz hatte sie ganz leise ausgesprochen. Philipp spürte eine plötzliche Welle von Trauer und schmiegte sich noch enger an sie.

Am nächsten Tag begleiteten seine beiden «Ferienschwestern» Rosmarie und Franziska Mama und ihn zum Bahnhof.

«Gebt Sorge zu Philipp», bat sie. Dann hob sie ihn nochmals hoch, küsste ihn, setzte ihn ab, nahm den Koffer und stieg rasch in den wartenden Zug.

Unter den Fotos, die vor Philipp auf dem Tisch ausgebreitet sind, gibt es zwei besondere, die er immer wieder zur Hand nimmt und lange betrachtet.

Auf dem einen sind Papa und Mama abgebildet, die ihm direkt in die Augen schauen. Beide sind so jung und so schön! Mamas dunkle, leicht gewellten Haare umrahmen ihr Gesicht, und es scheint ihm, als flüsterten ihm ihre feinen Lippen ein liebes Wort zu. Einen Moment lang brennt in Philipp ein scharfes Heimweh. Wann wird sie mich wohl besuchen oder wann wird sie mich gar abholen?

Der schöne, elegant gekleidete Mann dicht hinter ihr mit den gewellten, dunklen Haaren und dem schmalen Bart auf der Oberlippe muss sein Papa sein. Fünf Jahre zählt Philipp jetzt; aber in seinem Gedächtnis findet er kein Bild von seinem Vater.

Er weiss nur, dass er tot ist, dass er auf eine schreckliche Weise mit vielen, vielen andern Männern der rumänischen Stadt Jassy getötet worden ist. Weil er ein Jude war, hatte Mama gesagt. Aber was ist das, ein Jude? Mama hatte ihm auch gesagt, dass viele Rumänen, die eigentlich gute Menschen seien, die Juden hassten und diese manchmal nur deshalb töteten, weil sie Juden waren, ohne dass sie ihnen etwas Böses angetan hätten. Jetzt gab es in Rumänien auch viele deutsche Soldaten mit ihren Gewehren und Kanonen, und dass die rumänischen und deutschen Soldaten gute Freunde wären. Und dass der Anführer aller Deutschen, der Adolf Hitler hiess, die Juden hasste, sie ausrotten und dann die ganze Welt erobern wollte.

Das sei der Grund gewesen, dass sie nach Papas Ermordung mit ihren sechs Kindern aus Rumänien in die Schweiz habe fliehen müssen, woher sie ja stammte, obschon sie gerne in Rumänien gelebt habe, weil dieses Land für sie eine neue Heimat geworden sei. In der Schweiz hätten sie und alle Kinder ihren jüdischen Namen Goldstein ablegen und wieder ihren ursprünglichen Schweizer Namen Hufschmid annehmen können.

Hier in der Schweiz herrsche Frieden, hat ihm Mama erklärt, und das sei ein grosses Glück. Aber anders als in Rumänien dürfen sie hier nicht mehr zusammenleben; sondern jedes der Geschwister lebt an einem andern Ort in einer fremden Familie, und auch Mama ist an einem andern Ort und sorgt dort für andere Kinder, die ihren Papa und ihre Mama auch verloren haben, weil sie Juden sind …, denkt Philipp.

Ganz deutlich erinnert er sich an das letzte Weihnachtsfest, an dem Mamamare heimlich vier seiner fünf Geschwister in ihr vornehmes Chalet eingeladen hatte. Welch eine freudige Überraschung war das für Mama und für ihn gewesen! Aber bereits am dritten Tag mussten sie alle wieder zu ihren Pflegefamilien irgendwo in der Schweiz zurückkehren. Seitdem hat sie Philipp nicht mehr gesehen.

Jetzt sucht Philipp sein anderes Lieblingsfoto heraus. Da sind sie alle darauf – nur ihr Papa fehlt:

In der Mitte sitzt Mama, umringt von ihren sechs Kindern. Ihre Augen blicken müde und sorgenvoll und ihre Lippen sind fest geschlossen. Anders als auf dem ersten Bild fallen ihre Haare mit den weissen Strähnen nicht weich um ihr Gesicht, sondern sind streng nach hinten gekämmt.

Links neben ihr steht im Hintergrund ihr Ältester, David. Philipp liebt und bewundert seinen grossen Bruder, der an Weihnachten mit ihm Schlitten gefahren ist und ihm die Anfangsgründe des Skifahrens beigebracht hat. David lebt in Zürich im Haus von Onkel Robert, Mamas Lieblingsbruder, dem bekannten Universitätsprofessor, und seiner Frau Antoinette.

Am linken Bildrand steht die älteste Schwester, Miriam, mit ihrer grossen, runden Brille. An Weihnachten hat sie ihn laut und stürmisch begrüsst und umarmt, sich dann aber nicht mehr um ihn gekümmert. Sie lebt bei Onkel Theddy, Mamas jüngstem Bruder, und seiner Frau Mizzi in Solothurn, wo er am Gymnasium Sprachen unterrichtet.

Rechts neben David schaut Benjamin unter seinem Wuschelkopf neugierig in die Welt hinaus. Ehrlich gesagt, hatte sich Philipp an Weihnachten fast ein wenig vor ihm gefürchtet. Obschon er klein, schmächtig und fünf Jahre jünger ist als der grosse David, erschien er ihm fast älter. Er konnte einen mit einem so durchdringenden Blick anschauen, dass man ganz unsicher wurde, und seine spöttischen Bemerkungen konnten einen richtiggehend verletzen. Benjamin muss in einem Heim in Zürich leben, weil er an der schlimmen Krankheit Epilepsie leidet, bei der man plötzlich das Bewusstsein verliert, zu Boden fällt und am ganzen Körper zittert, wie ihm Mama erklärt hat. Meistens dauere so ein Anfall bloss wenige Minuten, und man wisse hinterher nichts davon. Auch beim Weihnachtsbesuch habe Beni in der Nacht einen solchen Anfall erlitten. Das ganze Haus sei davon wach geworden – nur Philipp habe selig geschlafen.

Neben Mama, auf der linken Bildseite steht Gabriela. An sie kann sich Philipp überhaupt nicht erinnern, weil sie an Weihnachten nicht da gewesen war. Auch sie müsse leider in einem Heim leben, weil sie «mongoloid» sei, hat ihm Mama erläutert und beigefügt: «Weisst du, wegen ihrer Krankheit wird unsere Gabi immer wie ein Kind bleiben. Wenn sie unter lieben Menschen leben darf, bleibt sie auch fröhlich und glücklich wie ein Kind.»

In der rechten oberen Bildecke steht Ruthi, die schützend ihre Hand auf seine Schulter legt. Ruthiist Philipps Lieblingsschwester. An Weihnachten hat sie unermüdlich mit ihm gespielt. Als er abends todmüde zu Bett ging, half sie ihm, sich auszuziehen. Ja, er durfte sogar bei ihr im Bett schlafen. Ruthi sei schon von klein auf ein echtes Mütterchen gewesen, hat ihm Mama erzählt. Als er ganz klein war, habe sie ihm die Flasche gegeben, sei mit ihm spazieren gegangen und habe sich ohne zu murren um ihn gekümmert. Ruthi lebt in Bern bei Mamas jüngster Schwester, Tante Luise, und ihrem Mann, Onkel Hans.

Philipp sehnt sich am meisten nach Ruthi und seinem grossen Bruder David.

Die Wohnzimmertür öffnet sich, und Frau Keller kommt herein. «Jetzt musst du die Fotos wieder versorgen», sagt sie freundlich, aber bestimmt, «weisst du, die Mädchen kommen bald von der Schule zurück und müssen am Tisch ihre Aufgaben machen.» Mit flinken Händen hilft sie ihm, die Fotos zusammenzuschieben und in die Blechschachtel einzuordnen. Diese wird dann auf dem obersten Tablar des grossen Schranks versorgt.

Erster Teil: Von Czernowitz nach Bukarest

Czernowitz

Nathan Goldstein, Inhaber einer kleinen Schneiderwerkstatt im jüdischen Stadtviertel von Czernowitz, klaubt hastig einige weisse Fäden von seiner schwarzen, speckig glänzenden Hose und der Weste, schlüpft in den abgetragenen, schwarzen Kaftan und die ausgetretenen, lehmverdreckten Stiefel, setzt seinen schwarzen Hut auf den Kopf, dessen wuschelige dunkle Locken bereits von einer Kippa bedeckt sind, und eilt zur engen Tür hinaus. Im Vorübergehen berührt er mit der rechten Hand die Mesuse am Türpfosten und führt die Hand an die Lippen. Die enge, ungepflasterte, von niederen Häusern gesäumte Gasse ist vom Frühlingsregen aufgeweicht. Die Räder der Pferdewagen haben tiefe Spuren eingegraben, in denen sich das Wasser sammelt, und Nathan versucht den grössten Pfützen auszuweichen.

Es ist die Zeit des Nachmittagsgebetes. Viele Männer kommen aus ihren Werkstätten oder Läden und eilen in eine der Betstuben oder eines der Lehrhäuser des Viertels. In den Türen der kleinen Läden stehen die Inhaberinnen und locken die Frauen, bei ihnen einzutreten, um dunkles Brot, Zwiebeln und Salzfische fürs Abendbrot zu kaufen. Ein Gewimmel von sich geschäftig bewegenden Menschen erfüllt die Strasse; laut rufen sie sich Gruss- oder Schimpfworte zu. Männer, die schwere Lasten und Wassereimer tragen oder auf Handkarren hinter sich herziehen, keuchen an den müssig herumstehenden, auf irgendein Geschäft wartenden Juden vorbei. Fuhrleute, die sich mit ihren pferdebespannten Wagen durchquälen wollen, fluchen mit lauter Stimme auf Menschen und Tiere. Mancher Passant wird besudelt und ruft Schimpfworte hinterher, wenn die Wagenräder das Wasser der Pfützen aufspritzen lassen.

Nathan strebt dem Klejzel zu, in dem sich die Anhänger des Rebben Israel Friedmann, des Tsaddiks von Sadagora, versammeln. Eilig geht er zu seinem Pult, entnimmt ihm sein vom vielen Gebrauch zerfleddertes Gebetbuch und beginnt, mit halblauter Stimme die alten Worte zu lesen, wobei er seinen Oberkörper rhythmisch vor- und rückwärts bewegt. Das halblaute Murmeln der betenden Männer erfüllt den Raum wie das Summen eines Bienenstockes. Nur manchmal hebt sich eine einzelne Stimme heraus, die laut und heiser Gott anzuflehen oder dringlich zu bestürmen scheint.

Während seine Lippen beten und sein Oberkörper schaukelt, suchen Nathans Augen vergeblich seinen Sohn Immanuel, der wieder einmal seine Gebetspflicht vernachlässigt oder aber in einem andern Bethaus, jedenfalls nicht in einem chassidischen, erfüllt.

Es schmerzt ihn, und manchmal wird er auch darüber zornig, dass ausgerechnet sein erstes Kind und einziger Sohn – es folgten nach ihm noch vier Töchter – den Weg des Chassidismus verlassen hat und sich den lauen, aufgeklärten Haskilim angeschlossen hat, die ihren prunkvollen Tempel im Zentrum von Czernowitz erbaut haben. Nathan weiss schon, weshalb es den Jungen dorthin zieht. Es ist der Chazan Mordche Fein mit seiner klaren, ausdrucksvollen Stimme, der ihn in Bann zieht. Wenn Mordche Fein am Shabbes im Tempel vorbetet, hört ihm Immanuel hingerissen zu und vergisst ganz, selber die Gebete zu murmeln. Innerlich singt er alle Melodien mit ihren komplizierten Verzierungen mit. Wenn er vom Tempel nach Hause kommt, leuchten seine Augen, und er summt und trällert die heiligen Melodien mit, bis ihm sein Vater mit ärgerlicher Stimme verbietet, die heiligen Worte und Melodien aufs Nichtige auszusprechen.

Insgeheim freut sich Nathan jedoch über die grosse Sangesbegabung seines Sohnes; aber mit seiner schönen Stimme allein würde er nie eine Familie ernähren können. Und das sei nun einmal die göttliche Bestimmung und Pflicht eines jüdischen Mannes: heiraten, eine Familie gründen und Kinder grossziehen.

Das Nachmittagsgebet ist zu Ende. Nathan wechselt ein paar Worte mit einigen der Männer. In wenigen Wochen werden sich fast alle bei der Feier des Wochenfestes am prächtigen Hof ihres Tsaddiks im nahen Stedtl Sadagora einfinden, wenn sich dort Hunderte seiner Anhänger versammeln werden, die zum Teil von weither pilgern. Aber jetzt müssen alle wieder an ihre Arbeit zurück. Für einen kleinen Schneider wie Nathan, der vor allen Dingen abgetragene Hosen und Röcke kürzt, abändert, wendet, oder ansetzt und nur selten den Auftrag bekommt, ein neues Kleidungsstück anzufertigen und durch seiner Hände Arbeit vier unverheiratete Töchter ernähren und irgendwann verheiraten muss, gibt es am Werktag keine Ruhepausen zwischen Arbeit und Gebet. Einzig den Shabbes hat der Ewige, sein Name sei gepriesen, zum Ruhen bestimmt. Da rührt Nathan keine Nadel an. Er geht vormittags in die Shul, setzt sich anschliessend zum Sabbatmahl, zieht sich dann zu einem Schläfchen zurück und liest anschliessend in einem frommen Buch, bis es Zeit wird, die Prinzessin Sabbat zu verabschieden.

Nathan setzt sich wieder auf den Schneidertisch und näht beim trüben Licht der Petroleumlampe, bis seine Augen tränen und vor Müdigkeit zuzufallen drohen. Dann erst steigt er hinauf in die enge Wohnung über der Werkstatt. Rifke, seine Frau, setzt ihm gekochte Kartoffeln, ein Mus aus Zwiebeln mit saurer Sahne und Tee vor. Die zwei kleineren Mädchen liegen bereits im Bett und die grösseren sind mit einer Handarbeit beschäftigt; sie haben schon gegessen. Nathan wäscht sich die Hände und murmelt dazu den vorgeschriebenen Segensspruch, dann setzt er sich und beginnt zu essen.

«Wo ist Immanuel?», fragt er. Rifke hebt die Schultern, sie weiss es nicht.

«Vielleicht beim Chazan Mordche Fein im grossen Tempel», mutmasst sie. Sie weiss, dass ihr Sohn abends nach Arbeitsschluss oft den Vorbeter besucht.

Dieser ist für den gesangsbegabten und lernbegierigen jungen Chassiden ein väterlicher Freund geworden, der ihn in der Chazanut, der Kunst des Vorbetens, unterrichtet. Irgendwann wird der junge Mann – achtzehn Jahre zählt er jetzt – vor der Gemeinde beten und singen können. Noch ist seine Stimme nicht geübt und sicher genug, noch fehlt es ihr an der Leichtigkeit, die Verzierungen so zu singen, als wäre es eine Selbstverständlichkeit; aber Mordche Fein spürt, dass der junge Mann das Zeug zu einem guten Chazan hat. Er weiss allerdings auch, dass das ein recht brotloser Beruf ist; denn nicht jede Gemeinde ist so wohlhabend, dass sie ihrem Vorsänger ein Gehalt zahlen kann, um damit eine Familie zu ernähren. Die Gemeinde des grossen Tempels von Czernowitz besteht vor allem aus wohlhabenden Geschäftsinhabern, Beamten, Ärzten, Advokaten und Universitätsprofessoren, die im Alltag Deutsch und Polnisch sprechen und die das Jiddische der einfachen Juden meiden. Sie selber oder ihre Vorfahren auf vier Generationen zurück stammen mehrheitlich aus anderen Teilen der Habsburgischen Doppelmonarchie. 1774, also vor etwa hundert Jahren, wurde das Herzogtum Bukowina als Kronland ans Habsburgerreich angeschlossen. In der prunkvollen Herrengasse mit ihren eleganten Läden tragen die Geschäfte deutsche Schilder; die Namen der Besitzer verraten jedoch ihre jüdische Herkunft. An der neu gegründeten Universität – einem Vorposten deutscher Kultur tief im slawischen Südosten Europas – lehren viele Professoren mosaischer Religion, die sich sabbats in Gehrock und Zylinder in der grossen Synagoge zum Gottesdienst treffen, mit Genuss der meisterlichen Gesangskunst Mordche Feins lauschen und mit Interesse die intellektuellen Lehrreden des aus Wien stammenden Rabbiners Dr. Mosche Grün zur Kenntnis nehmen. Sogar einen jüdischen Bürgermeister hatte es in Czernowitz einmal gegeben.

Mit ihren Glaubensgenossen der kleinen Bethäuser im nahe des Flusses Pruth gelegenen Judenviertel mit seinen engen, schlammigen oder staubigen Gassen und den niedrigen Häusern haben sie wenig Gemeinsames, und deren Umgangssprache, das Jiddische, lehnen sie als eine üble Verballhornung des Deutschen ab.

In Czernowitz leben viele Völkerschaften und Sprachen friedlich beieinander und nebeneinander und lassen sich gegenseitig in Ruhe: Rumänen, Ukrainer, die amtlich Ruthenen heissen, Polen, Armenier, Huzulen, Griechen und Türken. Die Juden aber – ob liberal oder orthodox, chassidisch oder aufgeklärt – stellen die Mehrheit der Bevölkerung.

Mordche Fein, der bekannte Chazan der grossen Synagoge, wird gut bezahlt und verdient ausserdem ein schönes Geld, indem er den Töchtern und auch einigen Söhnen wohlhabender Juden Musikunterricht erteilt. Von Immanuel Goldstein jedoch nimmt er keinen Heller; denn fürs Beten darf man kein Geld verlangen. Ausserdem mag er den begabten Jungen sehr und weiss, dass er aus einem armen Haus stammt.

Immanuel

Immanuel kam im Jahr 1865 zur Welt. Seine Eltern Nathan und Rifke waren stolz und glücklich, dass Gott – sein Name sei gepriesen! – ihnen als erstes Kind einen Sohn geschenkt hatte. Deshalb konnten sie die Tatsache leichter verschmerzen, dass er sie mit weiteren vier Töchtern segnete. Es war selbstverständlich, dass der kleine Immi mit vier Jahren in den Cheder, die Religionsschule für die kleinen Buben, geschickt wurde, wo er täglich viele Stunden lang Loshenkojdesh, also die heilige Sprache Hebräisch, lernen musste, damit er Chumesh, die fünf Bücher Moses, und später den Talmud würde studieren können. Vielleicht – so hoffte sein Vater insgeheim – würde später einmal ein berühmter Talmudgelehrter aus ihm. Es war Rifke, Nathans energische und realistische Frau, welche ihren traditionsgläubigen und in vielen praktischen Dingen ahnungslosen Mann dazu überredete, ihr aufgewecktes Jüngelchen auch weltliche Dinge lernen zu lassen. So durfte er – halbwegs gegen den Willen seines Vaters – die Volkschule und später sogar das Gymnasium besuchen, wo er ohne Schwierigkeiten Deutsch und Rumänisch, Mathematik und Geschichte lernte. Zwar war Nathan stolz auf seinen klugen und lernbegierigen Sohn, hütete sich jedoch, den Stolz deutlich zu zeigen. Vielleicht würde er ja einmal ein berühmter Rechtsanwalt, Arzt oder Professor, träumte er manchmal, wenn er an seiner Nähmaschine sass. Aber dann rief er sich energisch in die Wirklichkeit zurück und machte sich schwere Vorwürfe, dass er dem Drängen Rifkes nachgegeben, Immi auf die weltliche Schule und nicht auf eine Jeshiwe, eine Talmudschule, hatte gehen lassen, wie es sich für einen chassidischen Jungen geziemte. Den ursprünglichen Traum, er werde möglicherweise einmal ein grosser Talmudgelehrter, hatte er längst aufgegeben; denn er sah ja mit grossem Kummer, wie er sich immer weiter vom chassidischen Weg seines Vaters entfernte. Die Barmitswe, den feierlichen Eintritt des jungen Mannes in den Bund mit Gott, wurde zwar noch in der Sadagorer-Shul begangen. Aber bereits am Tag danach schnitt sich Immanuel seine Peijes, die Schläfenlocken, ab und weigerte sich hinfort ebenfalls, den Arbakanfot mit den Tsitses, das viereckige Unterhemd mit den Schaufäden, das den Mann ständig an seine Verbundenheit mit dem Ewigen erinnern soll, zu tragen.

Als Nathan seinen Sohn zum ersten Mal ohne diese äusserlichen Merkmale der Jüdischkeit sah, war er wütend und entsetzt. Er stellte ihn heftig zur Rede und warf ihm vor, er verrate den Glauben seiner Väter. Immanuel erwiderte ebenso heftig, Gott habe ihm Verstand und Einsicht geschenkt, wofür er ihm dankbar sei. Genau dieser Verstand sage ihm aber, um die Welt regieren zu können, sei der Ewige nicht darauf angewiesen, dass er, Immanuel Goldstein, Sohn des Flickschneiders Nathan aus Czernowitz in der Bukowina, Peijes und Tsitses trage. Nathan hob die Hand, um Immanuel für diese unverschämte und gotteslästerliche Antwort zu schlagen, konnte sich jedoch im letzten Moment noch zurückhalten, stürzte aus dem Zimmer, schlug die Tür und verschwand kochend vor Zorn in seiner Werkstatt. Mehrere Wochen lang redete er nicht mehr mit seinem rebellischen Sohn und machte sich und Rifke schwere Vorwürfe, ihre Pflicht als jüdische Eltern versäumt zu haben. Schliesslich jedoch obsiegte seine Gutmütigkeit und Vaterliebe über die erlittene Kränkung. Vater und Sohn begannen zwar wieder miteinander zu reden; aber zwischen ihnen breitete sich eine Fremdheit aus, unter welcher beide litten.

Im Alter von fünfzehn Jahren verliess Immanuel freiwillig die Schule, weil er seinem Vater nicht länger als nötig auf der Tasche liegen wollte. Beim angesehenen Schneidermeister Grünberg an der Herrengasse fand er eine Lehrstelle, hielt sich gut und wurde dank seines gewinnenden Wesens manchmal auch im Verkaufsladen beschäftigt. Dadurch kam er mit jüdischen Kunden der Oberschicht in Kontakt und lernte dabei den Chazan Mordche Fein kennen.

Inzwischen ist Immanuel zu einem attraktiven jungen Mann von achtzehn Jahren herangewachsen. Er sieht gut aus, kleidet sich modisch-elegant und hat ein strahlendes Wesen. Die Frauen auf der Strasse schauen sich verstohlen nach ihm um, und auch er spürt bei ihrem Anblick ein seltsames drängendes Kribbeln. Rifke und Nathan haben es natürlich auch bemerkt und meinen, es sei höchste Zeit, dass der Junge heirate und eine Familie gründe; sonst käme er womöglich – was Gott verhüten möge! – auf die schiefe Bahn.

Aber jedes Mal, wenn Rifke – Nathan hat das Problem ihr überlassen – eine Andeutung macht, der Shadchen, der Heiratsvermittler, habe im Vorbeigehen angeklopft, winkt Immanuel ärgerlich ab. Er wolle erstens noch nicht heiraten und zweitens bestimmt nicht durch die Vermittlung eines berufsmässigen Shadchens. Er wolle das Mädchen, mit dem er seine Familie gründen werde, selber auswählen. Einmal kommt Nathan dazu, als Immanuel mit der Mutter über dieses Thema redet, und mischt sich ein: «Das sind diese neumodischen Flausen der aufgeklärten Haskilim», ereifert er sich, «du hast in der Schule zu viele goijsche Romane gelesen und bist deshalb vom Weg der Väter abgewichen. Meine Ehe mit Rifke ist jedenfalls von einem frommen Shadchen vermittelt worden. Sie besteht seit fast zwanzig Jahren, hat alle Widerwärtigkeiten durchgestanden und wird mit Gottes Hilfe bis zu unserm Tod weiterbestehen. Eine vom Shadchen gestiftete Ehe ist eben von Gott – gepriesen sei sein Name – gesegnet, weil sie nicht von der Willkür des menschlichen Begehrens abhängig ist.» So belehrt Nathan eifernd seinen aufgeklärten Sohn, der mit einem trotzig-spöttischen Lächeln dasteht und ihm dann den Rücken zuwendet. Er will sich nicht auf eine fruchtlose Auseinandersetzung mit ihm einlassen, die zwangsläufig im Streit enden muss. Das fromme, rückwärtsgewandte Gerede seines Vaters geht ihm manchmal furchtbar auf die Nerven, und er sehnt sich danach, das enge väterliche Haus, in dem so viele unnütze Vorschriften eingehalten werden müssen, so rasch als möglich verlassen zu können.

«Wasch die Hände, bevor du isst, und sprich zuerst den Segen», befiehlt er ihm, wenn er hungrig nach einem Stück Brot greifen will.

«Wo hast du heute Nachmittag gebetet?», fragt er ihn jeden Abend, wenn er nach Hause kommt.

«Nimm dich vor den goijschen Mädchen in Acht», warnt er ihn immer wieder.

Kürzlich war er ungewollt Zeuge eines besorgten Gesprächs seiner Eltern geworden, die sich ausmalten, er könnte sich – Gott behüte! – in eine deutsche oder rumänische Shickse verlieben. Welch ein Unglück, welch eine Schande!

Dass er längst ein Auge auf Ruchele geworfen hat, die sechzehnjährige Tochter von Shlojme Hirsch, dem Religionslehrer am grossen Tempel, der die Söhne der Haskilim auf die Barmitswe vorbereitet und – was für eine neumodische Einrichtung! – immer häufiger auch deren Töchter zur Batmitswe, verschweigt Immanuel sorgfältig. Sein chassidischer Vater wäre entsetzt, dass ausgerechnet sein Sohn um die Tochter eines bekanntermassen frei denkenden Juden wirbt.

Ruchele erwidert seine Zuneigung. Sie haben jedoch nur selten Gelegenheit sich zu sehen. Hin und wieder kann er ihr heimlich eine Botschaft zukommen lassen, dass sie sich an einem bestimmten Ort am Ufer des Pruth oder beim grossen jüdischen Friedhof auf der Anhöhe über dem Fluss treffen sollen. Voller Ungeduld wartet und hofft er dann, dass seine Geliebte die Nachricht bekommen habe, sich unter irgendeinem Vorwand von daheim entfernen und zum Stelldichein kommen könne. Ruchele hat auch einige Jahre die Schule besuchen dürfen, muss jetzt jedoch ihrer Mutter im Haus zur Hand gehen.

Shlojme Hirsch, der Lehrer, der mit seiner freien Auslegung der Thora bei den Frommen nur Kopfschütteln oder Empörung auslöst, bei den Aufgeklärten jedoch Beifall erntet, ist daheim ein rechter Tyrann und fordert von seiner Frau und seinem einzigen Kind absolute Unterwerfung. Er hält Ausschau nach einer guten Partie für die schöne, gescheite Ruchele, selbstverständlich ohne die Vermittlung eines Shadchen. Ruchele weiss, dass er schwerlich seine Einwilligung zu einer Verbindung von ihr und Immanuel Goldstein geben würde.

Dessen ungeachtet suchen Immanuel und Ruchele jede Gelegenheit, um sich für Minuten bloss oder für eine kurze Stunde zu sehen.

Beim ersten Mal hatten sie bloss verlegen nebeneinandergestanden, unsicher gelächelt, geschwiegen und Belangloses geredet. Erst im Nachhinein war ihnen eingefallen, was sie einander hätten sagen wollen. Bei jedem Treffen waren das Vertrauen und ihre Vertrautheit gewachsen, und sie hatten begonnen, einander von sich zu erzählen, von ihrem Alltag, von den Eltern, von ihren heimlichen Hoffnungen und Wünschen fürs Leben. Immanuel vertraute Ruchele seinen Wunschtraum an, Chazan zu werden, und dass Mordche Fein ihn in der Chazanut unterrichte. Ruchele offenbarte ihm ihren heimlichen Wunsch, Lehrerin zu werden; nicht Lehrerin für Religion wie ihr Vater, sondern eine «richtige» Lehrerin, die den kleinen Buben und Mädchen Lesen, Schreiben und Rechnen beibringt, ihnen aber auch den Blick für die Schönheit der Welt und des Lebens erschliesst. In der Kaiserstadt Wien, vielleicht auch im galizischen Lemberg gebe es Institute, wo sich auch Frauen zu Lehrerinnen ausbilden lassen können. Das wäre ihr grösster Wunsch; aber sie wage nicht zu glauben, dass er je in Erfüllung gehen werde.

Irgendwann geschah es. Ungewollt und unbemerkt berührten sich ihre Hände, und ein Stromschlag durchfuhr beide. Sie erschraken und fuhren zurück. Aber es war kein tödlicher Stromschlag, ganz im Gegenteil. Eine prickelnde Lebenslust breitete sich in ihren Körpern aus, ausgelöst durch diese ungewollte Berührung. Vorsichtig näherten sich ihre Hände zum zweiten Mal, und wieder spürten sie eine Welle von Lebendigkeit und ein Glücksempfinden bis hinauf zu den Haarwurzeln und hinab zu den Fusssohlen. Ihre Hände und Finger fassten und verschränkten sich, ihr Blick versank in den Augen des Gegenübers, ihre Stirnen neigten sich zueinander, und plötzlich trafen Immanuels Lippen auf Rucheles Lippen. Zuerst nur scheu, vorsichtig, tastend, aber auf einmal heftig, drängend und fordernd, bis sich die Lippen nicht mehr voneinander lösen wollten.

Plötzlich liessen sie erschreckt voneinander und wichen zurück. Verwirrt, schwer atmend standen sie einander gegenüber, schämten sich und getrauten sich nicht, die Augen zu heben. Was für ein Dibbuk, welcher Dämon, war in sie gefahren? In Romanen, die in einer fremden Welt spielten, in Wien, Paris oder London, hatten sie von solchen Gefühlsausbrüchen gelesen, von denen Menschen zuweilen erfasst werden. Aber doch nicht hier im verträumten Czernowitz! In den Romanen waren es immer Angehörige gehobener Gesellschaftsschichten gewesen; aber sie beide waren doch Kinder einfacher bukowinischer Juden.

Immanuel fasste sich als Erster: «Ruchele», flüsterte er mit heiserer Stimme, «ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder passieren wird. Lass uns lieber nach Hause gehen.» Stumm huschten sie zwischen den Büschen der Uferauen des Pruth zum Strässchen zurück, das zur Stadt führte. Bei den ersten Häusern angekommen, verabschiedeten sie sich verlegen lächelnd und trennten sich.

Bekanntlich werden aber Versprechen dieser Art nicht lange gehalten. Die Küsse hatten in Ruchele und Immanuel das Fieber des Begehrens und der Sehnsucht entzündet, das sie zu verbrennen schien. Die Einnerung an die wenigen Minuten, da sie sich, alles um sich vergessend, im Schutz der Büsche am Ufer des Pruth umarmt und geküsst hatten, liess beide nicht los und forderte herrisch nach einer Fortsetzung. Sie suchten nach der nächsten Gelegenheit, sich im Verborgenen treffen zu können.

Sie mussten fast zwei Wochen darauf warten. Inzwischen war es Herbst geworden, die Tage wurden kürzer und die Abende kühler. Am Freitag gelang es Ruchele, Immanuel die Nachricht in die Werkstatt, wo er arbeitete, zu schmuggeln, sie habe von ihren Eltern die Erlaubnis bekommen, morgen nach Sabbatausgang ihre Kusine zu besuchen und bei ihr zu übernachten. Er solle an einer bestimmten Stelle in der Stadt auf sie warten; aber heimlich, denn vielleicht beharre der Vater darauf, sie zu begleiten.

Gewöhnlich geht Nathan Goldstein gleich nach Sabbatausgang in seine Werkstatt hinunter, um noch ein paar Stunden zu arbeiten. So kann Immanuel unbemerkt das Elternhaus verlassen, um den angegebenen Treffpunkt aufzusuchen. Er staunt über Rucheles Klugheit bei der Wahl des Ortes; denn es gibt in der Nähe genug verschwiegene Winkel, wo sich Liebespaare verbergen können. Er duckt sich in den Schatten einer vorspringenden Mauer und wartet. Nach einer Weile taucht tatsächlich Ruchele auf, natürlich in Begleitung ihres Vaters Shlojme Hirsch. Als sie in seine Nähe kommen, hört er, wie Ruchele in bestimmtem Ton ausruft: «Also hör, Tate, ich bin doch kein kleines Mädchen mehr, das man an der Hand führen muss! Lass mich allein weitergehen. In ein paar Minuten bin ich doch schon bei meiner Kusine!» Seltsamerweise lässt sich Shlojme Hirsch dieses Mal von seiner Tochter überzeugen und antwortet: «Wenn du meinst … Nun ja, ich bin auch nicht mehr der Jüngste, aber pass gut auf, mein Kind!» Er drückt sie zum Abschied kurz an sich und dreht sich um. Ruchele geht ganz langsam weiter. Ob Immanuel wohl irgendwo auf sie wartet? Als der Alte hinter einer Strassenbiegung verschwunden ist, tritt Immanuel aus dem Mauerschatten hervor und eilt hinter Ruchele her. Sie hört seinen Schritt, dreht sich um, bleibt stehen und erwartet ihn mit klopfendem Herzen. «Ich bin so froh, mein Libinker, dass du kommst», flüstert sie, «ich habe dich nirgends sehen können. Ist es nicht wunderbar, dass ich den Tate habe heimschicken können?» Immanuel entdeckt einen dunkeln Torbogen, der in einen Hinterhof führt, fasst Ruchele bei der Hand und zieht sie mit sich.

Im Hof ist es düster. Aus einigen Fenstern sickert schwaches Licht von Petroleumlampen. An die rückwärtige Mauer lehnt sich ein Schuppen, die Werkstatt eines kleinen Handwerkers. Vom Latrinenhäuschen in der linken hinteren Ecke weht ein scharfer Geruch. Kein schöner Ort zum Kuscheln. Immanuel zieht Ruchele an der Hand zu einem dunklen Winkel an der schwarzen Mauer. Ihre Augen haben sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt; sie können ihre Gesichter schwach erkennen. Sie stehen einander gegenüber, halten sich an beiden Händen und schauen sich an, ohne etwas zu sagen.

«Du, du, Ruchele», flüstert er nach langen Sekunden, und sie erwidert: «Du, du, Immanuel.» «Du?» – «Du!» – «Du?» – «Du!»

Ein Dialog, der alle Sehnsucht, alles Begehren, alle Zärtlichkeit zweier junger Menschen ausdrückt. Ihre Gesichter nähern sich, ihre Lippen berühren sich, ihre Arme umschlingen den Körper des andern, und sie versinken in einen niemals enden wollenden Kuss.

Immanuels Schwur, er werde Ruchele nicht wieder berühren und küssen, löst sich auf wie Herbstnebel. Seine Sinne sind berauscht von Rucheles Duft, von ihrem Atem, vom Rascheln ihrer Kleider. Mit geschlossenen Augen saugt er alle Eindrücke in sich ein, und die Poren seiner Haut scheinen sich weit zu öffnen. Seine Hände streichen über Rucheles Rücken hinauf zum Nacken, wo ihre Haare unter dem Hütchen hervorquellen, das sie als anständige jüdische Bürgerstochter trägt. Vom Nacken lässt er seine Hände den Rücken hinabgleiten zu ihrer Hüfte, wo die wollene Jacke endet. Dort bleiben sie eine Weile liegen und tasten sich dann zögernd weiter bis zu den zwei sanften Rundungen, die er unter den Falten ihres langen Rockes spürt. Ruchele fährt bei dieser unerwarteten Berührung zusammen und verkrampft sich für einen Augenblick. Dann wird sie wieder weich und kommt ihm entgegen. So bleiben sie stehen, ihre Leiber aneinandergeklebt. In ihren Köpfen rauscht es, und in den Ohren hören sie, wie das Blut pulsiert. Dann fahren Immanuels Hände langsam tastend Rucheles Seite entlang bis unter ihre Arme. Jetzt halten beide den Atem an. Da überlässt Immanuel seine Hände ihrem eigenen Willen und spürt, wie sie langsam und sanft nach vorne gleiten und auf Rucheles kleinen Brüsten liegen bleiben. Sie atmet heftig und drückt sich an ihn. Nach wenigen Sekunden löst sie sich aber sanft von ihm und haucht kaum hörbar: «Immi, Libinker, lass uns aufhören, es ist besser …» Immanuel öffnet die Augen, als ob er aus einem Traum erwachte, tritt einen halben Schritt zurück und flüstert: «Ruchele, Serze majne, …!», und wieder umarmen und küssen sie sich.

Da hören sie schlurfende Schritte. Eine alte Frau in einem Schlafrock, den sie über der Brust zusammenhält, die nackten Füsse in ausgetretenen Pantoffeln, in der Hand eine Petroleumlampe, steuert auf das Latrinenhäuschen zu. Der trübe Lichtschein erfasst die beiden, die erschreckt voneinander lassen, erstarrt an der schwarzen Wand stehen bleiben und die Hände vor die Augen heben. «Gewalt geschrien, Einbrecher, Räuber!», zetert die alte Frau, als sie das ertappte Liebespaar sieht. «Komm, Ruchele», kommandiert Immanuel, fasst ihre Hand, und beide rennen wie eine aufgescheuchte Katze an der erschreckten Alten vorbei durch das Tor hinaus auf die Strasse. Im Haus öffnen sich mehrere Fenster, Menschen lehnen sich hinaus und fragen: «Was ist denn los?» Die alte Frau antwortet verwirrt: «Zwei Gestalten hatten sich im Hof versteckt und sind jetzt weggerannt. Vielleicht waren es Einbrecher. Mein Gott, haben die mich erschreckt; o mein armes Herz; mein armes Herz!» Ein Mann kommt mit einer Blendlaterne in den Hof und leuchtet in alle Winkel hinein. Dann brummt er verdriesslich: «Alles in Ordnung. Du hast wohl Gespenster gesehen. Geh aufs Häuschen und leg dich wieder schlafen.»

Unterdessen sind Ruchele und Immanuel durch ein paar Gassen gerannt, bis sie sicher sein können, dass niemand hinter ihnen her ist. In einer letzten dunklen Ecke vor dem Haus, wo Rucheles Kusine wohnt, umarmen und küssen sie sich noch einmal.

«Du …!» – «Du …!», flüstern sie sich zu. Ihre Herzen und ihre Körper stehen in Flammen.

Jom Kippur

Nach dieser nächtlichen Begegnung können sich Immanuel und Ruchele lange Zeit nicht mehr sehen. Der Vater hat nämlich den Verdacht geschöpft, Ruchele sei vielleicht doch nicht auf dem kürzesten Weg zu Kusine und Tante gegangen, weil diese später die Bemerkung hatte fallen lassen, sein Töchterchen sei an jenem Abend reichlich spät bei ihnen angekommen. Er fragt Ruchele beiläufig, weshalb sie erst so spät zu ihrer Kusine gekommen sei, und sie antwortet mit gespielter Zerknirschung, sie habe dummerweise einen Umweg gemacht in der Meinung, es sei eine Abkürzung, und habe sich dann in einigen Gassen verlaufen. «Also wäre es doch gescheiter gewesen, ich hätte dich bis zum Haus gebracht», knurrt der Vater, «aber so sind die heutigen Mädchen: Küken und wollen doch alles besser wissen als ihre Eltern!» Ruchele wundert sich hinterher über die Dreistigkeit, mit der sie ihren Vater angeschwindelt hat. Sie fühlt sich seither von den Eltern noch stärker kontrolliert; sie lassen ihr kaum noch freien Raum. Aber hin und wieder gelingt es ihr trotzdem, ihrem geliebten Immi ein verstohlenes Zeichen ihrer Liebe zukommen zu lassen. Auch drängt sie zur grossen Verwunderung der Eltern, jeden Freitagabend den Gottesdienst im Tempel zu besuchen. Da hofft sie, von der Frauenempore aus Immanuel sehen zu können, wie er hingebungsvoll dem Gesang des Chazan Mordche Fein lauscht und innerlich die Melodien mitsingt. In solchen Momenten meint sie, vor lauter Sehnsucht verbrennen zu müssen.

Auch Immanuels Fühlen und Denken ist von seiner Sehnsucht zu Ruchele erfüllt. Schon hundertmal hat er sich die Szene im dunklen Hinterhof innerlich vor Augen geführt. Er schämt sich ein wenig und fühlt Gewissensbisse; aber trotzig verteidigt er sich mit dem Argument, sie hätten zwar etwas getan, was ihre Eltern bestimmt nicht billigten; dass sie dabei aber niemandem Schaden zugefügt und somit nichts Böses begangen hätten.

Immanuel hat den Entschluss gefasst, so rasch als möglich sein Gesellenstück abzuliefern, sich beruflich selbstständig zu machen und dann Ruchele zu heiraten. Zielstrebig geht er ans Werk. Er teilt Schneidermeister Grünberg mit, dass er seine Lehrzeit beenden und als Gesellenstück heimlich für seinen Vater einen Kaftan aus dem feinsten Stoff nähen möchte. Meister Grünberg ist nicht eben erbaut, dass ihn sein Lehrjunge, den er ebenfalls als gewandten Verkäufer einsetzen kann, in absehbarer Zeit verlassen wird. Aber er pflichtet ihm bei und lässt ihm freie Hand. Immanuel treibt einen feinen schwarzen Wollstoff auf und kommt auf listige Weise zu den Körpermassen seines Vaters, ohne dass dieser etwas merkt.

Mit Bedacht und Sorgfalt macht er sich ans Werk und näht in wenigen Tagen einen Kaftan, an welchem auch sein gestrenger Lehrmeister nichts auszusetzen hat. Vordergründig konzentriert er sich ganz auf seine Arbeit; aber im Hinterkopf drehen seine Gedanken pausenlos um Ruchele. Vor dem Prüfungsausschuss der Innung der Herrenschneider in der Bukowina legt er sein Examen ab und erhält einen kaiserlich-königlich österreichisch-ungarischen Gesellenbrief ausgehändigt. Seinen Eltern gegenüber hat er jedoch keinen Ton verlauten lassen, und weil diese kaum in der Oberstadt verkehren, dringt auch kein Gerücht zu ihnen.

Eines Abends tritt er in Vaters Werkstatt, auf dem Arm den in braunes Packpapier eingeschlagenen schwarzen Kaftan. Er legt das Paket auf Vaters Werktisch und fordert ihn auf: «Tate, pack aus.» Etwas ungehalten über die Störung schlägt der Vater das Papier auseinander und sieht das Stück aus dem kostbaren Stoff. «Was soll das bedeuten?», fragt er. «Bitte, Tate, probier den Kaftan an», insistiert Immanuel, «das ist mein Gesellenstück, ein Geschenk für dich.» Ungläubig fahren Nathan Goldsteins trockene Finger über den Stoff. Dann hebt er ihn vom Tisch hoch; weich und faltenlos fällt er von den Schultern bis zum Saum. Zögernd fährt er in die Ärmel, knöpft den Mantel zu und tritt vor den Spiegel. Tadellos, wie angegossen! Bloss die Ärmel muss man ein wenig kürzen. Ein Prachtstück! Der Vater ist überwältigt und gerührt. Das hat er seinem Sohn nicht zugetraut. Um sich seine Rührung und seinen Stolz nicht anmerken zu lassen, zieht er ihn wieder aus und prüft die verborgenen Details, die nur der Fachmann beurteilen kann. Schliesslich geht er auf Immanuel zu, schliesst ihn in die Arme, klopft ihm auf den Rücken und sagt: «Das ist kein Gesellenstück, sondern eine Meisterarbeit, mein Sohn. Ich bin sehr stolz auf dich und danke dir für den wunderbaren Kaftan, den ich meiner Lebtag in Ehren halten werde.» Immanuel kommen die Tränen, als ihn sein Vater in die Arme schliesst und lobt. Wie lange hat er eine väterliche Liebkosung und Anerkennung entbehren müssen?

Der Kaftan ist so etwas wie ein Abschiedsgeschenk. Denn kurze Zeit später packt Immanuel seine Sachen und zieht in ein möbliertes Mansardenzimmer, das er in der Nähe des Ringplatzes für wenig Geld und mit wenig Komfort mieten kann. Immerhin gibt es im Flur einen Wasserhahn und im Treppenhaus eine Plumpstoilette für die Bewohner der fünf Mansarden.

Als er der Familie seinen Entschluss mitteilt, zeigt sein Vater fast keine Reaktion. «Ich wusste es längst, dass wir dich verlieren würden», sagt er bitter und meint damit seine chassidische Gemeinschaft. Die jüngste Schwester Lejele bricht in Tränen aus, denn sie hängt sehr an ihrem grossen Bruder, während die zweitjüngste, Chajele, ein aufmüpfiges Kind, herausfordernd murmelt: «Auch ich werde ausziehen, sobald ich kann, und werde mich nicht durch einen Shadchen verschachern lassen!» Damit spielt sie auf die Heirat ihrer beiden ältern Schwestern, Chavvele und Surele, an, die innerhalb kurzer Zeit, noch blutjung, durch Vermittlung des Shadchen mit ebenso blutjungen chassidischen Männern Chassene gehalten hatten und jetzt in der Nähe des grossen Tsaddiks Friedmann in Sadagora leben. Die Mutter Rifke legt ihrem Sohn die Hand auf den Arm, schaut ihn lange an und sagt: «Ich versteh dich, Immi, dass du mehr Luft brauchst; aber vergiss trotzdem nicht, wo du herkommst.» Immanuel sieht in ihren Augen Tränen glänzen.

Der junge Schneidergeselle kann weiterhin in Meister Grünbergs Atelier arbeiten und geht in jeder freien Minute seiner Leidenschaft, dem Chazanut, nach. Fast täglich besucht er seinen Mentor Mordche Fein. Seine Stimme entwickelt sich durch das beharrliche Üben, gewinnt an Volumen und bekommt einen metallisch-hellen Glanz. Mit der Zeit lernt er, durch seine Stimme alle Gefühlsnuancen von Freude und Verzweiflung, Klage und Bitte, die in den Gebetstexten enthalten sind, auszudrücken. Mordche lehrt ihn die komplizierten Melismen und Verzierungen, die so leicht klingen müssen, als seien es beiläufige Einfälle des Sängers, mühelos in allen Tonlagen zu singen. Mit der Zeit singen sich die beiden durch das ganze Siddur, das Gebetbuch mit seinen Liturgien für den Sabbat und für alle Feiertage des Jahres.

Das Besondere an Mordche Feins Unterricht ist jedoch, dass er seinem Schüler nicht allein die Gesangstechnik beibringt, sondern von ihm verlangt, dass er die Texte dieser uralten Gebete verstehe. Gerade weil sie in der Loshenkojdesh, der heiligen Sprache, gesungen werden und weil sie sich Bilder und Vorstellungen längst vergangener Zeiten bedienen, sei es wichtig, zu verstehen, was sie aussagen. Es ist eine harte Arbeit, sich die hebräischen Texte, die Immanuel seit frühesten Kinderjahren geläufig hersagen kann, jedoch ohne deren Bedeutung immer genau zu kennen, so anzueignen, dass er deren Inhalt wirklich verstehen und daher auch angemessen zu gestalten lernt. «Ein Chazan, der nicht versteht, was er singt, betrügt die Gemeinde», pflegt Mordche Fein zu sagen.

In der letzten Zeit wird dieser immer wieder von heftigen Hustenanfällen überfallen. Dann quält er sich, bis sein Gesicht rot und violett anläuft, er um Atem ringen muss und kraftlos in seinem Sessel zurücksinkt. Wenn der Anfall vorbei ist, klopft er sich mit der geballten Faust auf die Brust und spasst: «Nu, was für ein Wachhund bellt so laut in mir? Komm, lass uns weitermachen.» Immanuel weiss aber, dass Mordche damit bloss seine Krankheit überspielt, hat er doch kürzlich den Arzt, Doktor Katz, aus Feins Wohnung kommen sehen, als er gerade zum Chazan kam. Trotzdem versieht er seinen Dienst pünktlich und hat ihn bisher noch nie versäumt.

Es ist Herbstzeit. Die zehn ernsten Tage der Busse stehen bevor, beginnend mit Roshhashana, dem jüdischen Neujahrstag, und Jom Kippur, dem grossen Versöhnungstag, am Schluss. Am Neujahrstag steht Mordche Fein wie immer in seiner schwarzen Robe und dem Kantorenhut vor der Gemeinde. Es fällt Immanuel aber auf, dass seine Stimme nicht so kraftvoll klingt wie üblich. Mehrmals muss er einen Hustenanfall unterdrücken und verstohlen ein Glas Wasser trinken. Nach dem Gottesdienst wartet er auf seinen Lehrer. Dieser sieht erschöpft aus, sein Gesicht ist grau und sein Atem geht schwer. Als er Immanuels besorgte Miene sieht, lächelt er, klopft ihm auf die Schulter und sagt forsch: «Kuck nicht so betrübt in die Welt; es geht mir gut. Bloss mein alter Wachhund bellt ein wenig mehr als üblich. Möge dir ein gutes Jahr beschieden sein; Shanatowa!»

An den folgenden Busstagen besucht Immanuel seinen Lehrer nicht. Aber am Tag vor Jom Kippur kommt ein Bote und ruft ihn von der Arbeit weg zu Mordche Fein. Seine Frau führt ihn ins Schlafzimmer, wo der Kantor halb sitzend bleich im grossen Bett liegt, hustet und nach Atem ringt. Er winkt seinen Schüler näher zu sich und bittet ihn, sich auf den Stuhl vor dem Bett zu setzen. «Hör, Immanuel, der alte Wachhund in meiner Brust gibt einfach keine Ruhe», beginnt er sarkastisch und fährt fort: «Ich kann an Jom Kippur nicht vorbeten. Tu du es an meiner Stelle. Es ist zwar ein grosser Brocken gleich für den Anfang; aber ich traue dir zu, dass du ihn schlucken kannst. Meine Frau Golde soll dir das weisse Kantorengewand geben. Geh jetzt und mach deinem Lehrer keine Schande!»

Immanuel ist entlassen. Mit der weissen Robe für Jom Kippur kehrt er in seine Mansarde zurück, legt sich aufs Bett und versucht, seine Gedanken zu ordnen. Er, der neunzehnjährige Schneiderjunge Immanuel Goldstein soll morgen am höchsten jüdischen Feiertag im Grossen Tempel von Czernowitz, der zu diesem Anlass von allen hochstehenden Juden der Stadt besucht sein wird, vorbeten und vorsingen. Welch ehrenvolle Aufgabe! Der Gedanke daran raubt ihm fast den Atem. Wird er ihr gewachsen sein? Wie, wenn er sich vor all den jüdischen Honoratioren blamieren wird? Aber sogleich schämt er sich über diesen Gedanken und ruft sich zur Ordnung. «Wenn der Chazan betet, steht er vor dem Ewigen und vertritt vor ihm die Gemeinde. Er steht nicht vor Menschen», hat ihm sein Lehrer immer wieder gesagt. Auch ein Ausspruch seines Vaters fällt ihm ein, der einmal die Begeisterung seines Sohnes für das Chazanut sarkastisch kommentiert hatte: «Ein bescheidener Chazan, der krächzt, gefällt Gott besser als ein eitler, der singt wie eine Nachtigall.» Dann hatte er ihm auch die Anekdote des grossen chassidischen Meisters Levi Jizchak aus Berditschew erzählt, der am Vorabend von Jom Kippur seinen stockheiseren Chazan angetroffen habe. Auf seine Frage, weshalb er denn seine Stimme ausgerechnet jetzt verloren habe, erwiderte ihm dieser, er sei den ganzen Tag vor dem Pult gestanden und habe gebetet. «Ja klar», habe der Berditschewer geantwortet, «wenn du vor dem Pult betest, musst du ja heiser werden; aber wenn du vor dem lebendigen Gott betest, kannst du nicht heiser werden!»

Trotz solcher innerer Ermahnungen nimmt Immanuel den Siddur zur Hand, geht aufmerksam alle fünf für dieses Fest vorgeschriebenen Gebetszeiten durch und singt sich einzelne Passagen halblaut vor. Seine Aufregung wird dadurch nicht kleiner, umso mehr, als er sich mit der grössten Willensanstrengung nicht verkneifen kann, sich die Verwunderung der Menschen auszumalen, wenn morgen an Stelle des berühmten Mordche Fein der unscheinbare Immanuel Goldstein ans Kantorenpult treten und das Kol Nidre anstimmen wird. Was wird wohl Ruchele denken? Was ihre Eltern? Was sein Lehrmeister Grünberg? Bestimmt werden auch seine Eltern und Geschwister irgendwann vernehmen, dass ihr Sohn und Bruder an Jom Kippur in der Grossen Shul der Deutschen vorgebetet hat. Nein, er schafft es auch mit der grössten Anstrengung nicht, sein ganzes Herz allein auf Gott zu richten. Irgendein menschliches Gesicht drängt sich immer wieder vor sein inneres Auge.

Eref Jom Kippur, der Vorabend des Versöhnungstages, fällt auf einen Mittwoch. Am späten Nachmittag strömen Männer, den Beutel mit dem Talles, dem Gebetsmantel, unter dem Arm, gefolgt von Frauen und ganzen Familien durch die belebten Strassen der Stadtmitte zum Grossen Tempel. Immanuel ist bereits früher gekommen, hat das zum heutigen Anlass weisse Kantorengewand übergeworfen und wartet mit klopfendem Herzen auf seinen Auftritt.

Etwas plagt ihn: Zum ersten Mal in seinem Leben hat er es unterlassen, vor Beginn des Festes im Kreise der Familie seine Eltern und Geschwister um Verzeihung für die von ihm begangenen Fehler, Unrechtstaten und Kränkungen zu bitten. In den letzten Jahren hatte er sich zwar gegen diese rituelle Entschuldigung innerlich aufgelehnt, weil er spürte, dass Verletzungen, die er andern zugefügt oder von andern erlitten hatte, durch eine blosse Entschuldigungsformel nicht geheilt werden. Aber jetzt empfindet er etwas wie ein schmerzliches Bedauern, den Versuch einer echten Versöhnung nicht gewagt zu haben.

Nun steht er im weissen Gewand vor dem Thoraschrein; links und rechts von ihm stehen zwei angesehene Gemeindeglieder, ältere Herren, die Gebetsschals über die Köpfe gezogen, und beide tragen im Arm eine Thorarolle. Er ist der Jüngste und Schmächtigste von ihnen; aber alle Augen sind auf ihn gerichtet. In seinem Rücken spürt er die Blicke der Leute und hört ihr Murmeln und Tuscheln. Da wird es Immanuel plötzlich bewusst, dass er und die beiden Thoraträger in diesem Augenblick die ganze hinter ihnen stehende Gemeinde vor dem himmlischen Tribunal vertreten. Ein Gefühl von Ehrfurcht und grosser Verantwortung erfüllt ihn. Gemeinsam eröffnen sie mit der rituellen Formel das Gebet vor dem Ewigen Gott. Darauf stimmt er als Chazan das dreimalige Kol Nidre an: «Alle Gelübde, Verpflichtungen und Eide widerrufen wir …» Das erste Mal singt er leise und verhalten. Das zweite Mal mit fester, klingender Stimme. Beim dritten Kol Nidre tönt seine Stimme metallisch klar und erfüllt den ganzen Tempel. Sie scheint zu flehen und zu weinen, zu bekennen und zu fordern, und jede einzelne Koloratur klingt gestochen deutlich. Die Beter in der Synagoge lauschen verwundert, schauen sich gegenseitig an, nicken beifällig und manche vergessen mitzubeten. Als das Kol Nidre verklungen ist, hört man bewundernde Rufe und begeistertes Klatschen. Ohne sich umzudrehen, weiss Immanuel, dass er die Feuerprobe bestanden und seinen Einstand als Chazan geleistet hat.

Nach Beendigung des Abendgebetes kommen viele Männer auf ihn zu, um ihm zu gratulieren, die Hand zu schütteln und ihre Bewunderung auszudrücken. Ruchele, im Kreis ihrer Familie, strahlt ihn an, getraut sich jedoch nicht, näher zu kommen. Trotz seiner Schwäche hat sich auch Mordche Fein zum Tempel geschleppt. Gestützt von seiner Frau kommt er zu ihm. Unbeholfen umarmt er seinen Schüler, klopft ihm auf den Rücken und sagt anerkennend: «Das war sehr schön!» Dann packt und schüttelt ihn ein Hustenanfall.

Als Chazan einen ganzen Jom Kippur durchzustehen bedeutet eine harte Prüfung. Nichts essen, nichts trinken und fünf lange Gebetszeiten stehend durchhalten verlangt ausserordentliche Kraft und Konzentration. Im Lauf des Tages nimmt die Zahl der Betenden ab, und erst zum Schlussgottesdienst füllt sich der Tempel wieder. Ein paar Unentwegte harren jedoch mit dem Kantor den ganzen Tag aus, sprechen mehrere Male das Sündenbekenntnis, flehen Gott stellvertretend für die Gemeinde um Vergebung an und hören die alten Geschichten vom Sündenbock und anderen Versöhnungsritualen der Bibel. Als die Strahlen der Sonne bereits schräg durch die Fenster der Synagoge dringen, stimmt der erschöpfte Chazan das abschliessende Bittgebet Neilat Shearim an: «Lass jetzt, wo die Tore des Himmels sich schliessen, Deine Gnade uns schützen.» Es folgt noch einmal das Grundbekenntnis Israels zum einigen Gott: «Shema Israel» und «Gesegnet sei der Name des einzigen Gottes …» Dann ertönt das Shofar, der erste Stern erscheint am Himmel, und Jom Kippur ist vorbei.

Wieder wird Immanuel von vielen Menschen umringt, die ihn beglückwünschen und ihre Bewunderung ausdrücken wollen. Auch Shlojme Hirsch, Rucheles Vater, der nur den Vorabend und den Schlussgottesdienst besucht hat, drückt ihm anerkennend die Hand, lässt seine Tochter jedoch nicht aus der Obhut ihrer Mutter. Ein langer, sehnsüchtiger Blick ist alles, was sie austauschen dürfen. Der gelehrte Gemeinderabbiner, Dr. Moses Grün, lädt den jungen Chazan in sein gepflegtes Haus zum Essen ein. Er macht ihm ein grosses Kompliment und ermuntert ihn, das Chazanut fleissig weiterzupflegen.

Nun liegt Immanuel in seiner einsamen Mansarde im Bett und spürt, wie nach all der Anspannung und dem Erfolg eine tiefe Traurigkeit in ihm aufsteigt, die ihm die Tränen in die Augen treibt. Er fühlt sich unendlich einsam, verloren und leer. Zwei Tage lang hat er sich auf ein grosses Ziel ausgerichtet, und seine ganze Aufmerksamkeit ist auf die Erfüllung dieser einen Aufgabe konzentriert gewesen. Jetzt ist alles vorüber; er kommt sich vor wie ein ausgeleerter Kartoffelsack. Der Applaus, die Komplimente und Glückwünsche, mit denen er überschüttet worden ist – können sie etwa seine Einsamkeit aufheben? Hätte er jetzt doch nur einen lieben Menschen in der Nähe! Ruchele? – Natürlich Ruchele! Wie schön wäre es, ihren anmutigen Körper neben sich zu spüren … Gewaltsam löst er sich von dieser Phantasie.

Er denkt an seine Familie. Wie, wenn er jetzt bei den Eltern und Schwestern wäre? Wenn ihn sein Vater als Vorbeter erlebt hätte? Wäre er wohl stolz auf seinen Sohn und könnte er ihm seine Anerkennung zeigen? Die Mutter schon; davon ist er überzeugt.

Immanuel spürt seine Erschöpfung. Seine Glieder schmerzen vor lauter Müdigkeit und Abspannung. Dazu diese Sehnsucht nach Rucheles Körper, nach der Anerkennung durch den Vater, nach der stillen Liebe der Mutter. Mit einem Mal beginnen die Tränen zu fliessen, und er fängt an, laut zu schluchzen. Von weit unten steigen sie auf und brechen krampfartig aus ihm heraus. Er kann sie nicht zurückhalten; unbekannte, laute Töne dringen aus seiner Kehle. Er liegt bäuchlings im Bett und presst sein Gesicht ins Kissen. Es schüttelt seinen ganzen Körper; aber es lindert allmählich seinen Schmerz. Das krampfige Schluchzen wird weniger; aber noch immer fliessen die Tränen. Immanuel spürt, wie sich eine wohlige Müdigkeit in seinem ganzen Körper ausbreitet. Er denkt an Ruchele, und dann denkt er nichts mehr.

Ruchele

Ein paar Wochen nach Jom Kippur – ein milder Oktober neigt sich dem Ende zu – treten eines Nachmittags drei Männer in Meister Grünbergs Atelier und fragen nach dem jungen Chazan des Grossen Tempels, der hier als Schneider arbeiten soll. Erstaunt ruft Grünberg nach Immanuel, der an seiner Nähmaschine sitzt, zuerst die Naht fertig rattert und mit dem Massband um den Hals näher tritt. Sie hätten etwas Wichtiges mit Herrn Goldstein zu bereden, sagt höflich der Sprecher der drei Herren zu Meister Grünberg, und sie bäten um Erlaubnis, ihn für ein Stündchen nebenan ins Café «Europa» entführen zu dürfen.

Verwundert schlüpft Immanuel in seinen Rock, setzt den Hut auf und folgt den drei Herren in das elegante Wiener Kaffeehaus an der Herrengasse. Dort nehmen sie in einer stillen Ecke Platz, bestellen Kaffee, und dann kommt der Wortführer gleich zur Sache. Doktor Isidor Rosenzweig, stellt er sich vor, Rechtsanwalt und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in der etwa vierzig Kilometer südlich von Czernowitz, unmittelbar an der rumänischen Grenze gelegenen kleinen Stadt Sereth. Mit der Rechten deutet er auf seine Begleiter: «Doktor Moritz Kohn, Arzt, und Herr Julius Busch, Geschäftsinhaber, beide Beisitzer im Gemeindevorstand.» Dann setzt er zu einer, wie sich herausstellen wird, etwas weitschweifigen Rede an: «Wie Sie, Herr Goldstein, vielleicht wissen, ist Sereth eine aufstrebende Stadt von gegen zehntausend Einwohnern, von denen jeder dritte der jüdischen Religion angehört. Die allermeisten von ihnen pflegen eine freie Auffassung ihres Glaubens und werden darin von unserem Rabbiner, Doktor Freifeld – der Name sagt bereits alles! –, der sich übrigens auch als scharfsinniger Publizist zu Fragen der jüdischen Moral einen Namen gemacht hat, angeführt. Natürlich gibt es in Sereth auch eine Anzahl kleiner Gebetsstuben, in denen die Anhänger verschiedener chassidischerTsaddikim ihre oft etwas lauten Versammlungen abhalten.» Indes könne er guten Gewissens behaupten, die Stimmung unter der jüdischen Bevölkerung sei erfreulich gut. Was allerdings ihrer Gemeinde, die vor zehn Jahren die offizielle Approbation durch das k. und k. Ministerium für Kultus und Unterricht erhalten hat, noch fehle, sei ein Kantor, welcher die Gebete im neuen Tempel auf würdige Weise leiten könne.

An dieser Stelle legt Doktor Rosenzweig eine kleine Pause ein und fährt weiter: «Nun ist die Kunde bis zu uns nach Sereth gedrungen, wie grossartig Sie, Immanuel Goldstein, an Jom Kippur den bewährten und weit herum bekannten Chazan Mordche Fein vertreten haben und, ohne sichtbar zu ermüden, während allen fünf Gebetszeiten das Kantorenamt ausgeübt haben. Der Überbringer dieser Kunde ist übrigens niemand anders als unser Herr Doktor Kohn.» Herr Rosenzweig deutet mit der Hand auf ihn, der gerade seine Kaffeetasse zum Mund führen will, sie absetzt und bescheiden lächelt.

Dann fährt er fort: «Es ergab sich nämlich, dass ausgerechnet in der Woche von Jom Kippur in Czernowitz der Jahreskongress der Vereinigung Bukowinischer Ärzte stattfand, an welchem Doktor Kohn einen sehr beachteten Vortrag hielt. Als bewusster Jude besuchte er selbstverständlich das Kol-Nidre-Gebet und den Schlussgottesdienst und kam so in den Genuss Ihres herrlichen Gesangs.»

Wieder legt Herr Rosenzweig eine wirkungsvolle kleine Pause ein und setzt zum abschliessenden Schlusswort an: «Machen wir es kurz, lieber Goldstein, Doktor Kohn hat Ihre Kunst dermassen gelobt, dass der Gemeindevorstand einstimmig den Beschluss gefasst hat, Ihnen das Amt des Kantors an der Neuen Shul von Sereth anzubieten. Wir können Ihnen ein bescheidenes Gehalt ausrichten sowie eine freie Wohnung mit der Möglichkeit, Ihr Schneiderhandwerk auszuüben. Für einen jungen Mann sind das äusserst vorteilhafte Konditionen.»