Perry Rhodan 3123: Der Krieger und die Navakan - Christian Montillon - E-Book

Perry Rhodan 3123: Der Krieger und die Navakan E-Book

Christian Montillon

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Beschreibung

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist. Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Perry Rhodan begibt sich in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf die Suche nach dem Chaoporter. Doch dessen Agenten sind bereits aktiv. Während der Terraner eine Rettungsmission für zwei Besatzungsmitglieder der kosmokratischen LEUCHTKRAFT startet, verschlägt es zwei Besatzungsmitglieder der RAS TSCHUBAI in den Apathengrund. Dort befinden sich DER KRIEGER UND DIE NAVAKAN ...

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Nr. 3123

Der Krieger und die Navakan

Das Gehöft der Bußfertigkeit – ein Äon geht zu Ende

Christian Montillon / Oliver Fröhlich

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Schlechte Kunde ist gute Kunde

2. Tondars Erinnerungen – Die Last des Friedens

3. Drogenküche

4. Tondars Erinnerungen – Gen-Cluster Sieben

5. Wenn nicht wir, wer dann?

6. Tondars Erinnerungen – Die letzte Schlacht

7. Kein Urteil

Leserkontaktseite

Glossar

Risszeichnung Kampfroboter der Laichkangen

Impressum

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen.

Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Perry Rhodan begibt sich in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf die Suche nach dem Chaoporter. Doch dessen Agenten sind bereits aktiv. Während der Terraner eine Rettungsmission für zwei Besatzungsmitglieder der kosmokratischen LEUCHTKRAFT startet, verschlägt es zwei Besatzungsmitglieder der RAS TSCHUBAI in den Apathengrund. Dort befinden sich DER KRIEGER UND DIE NAVAKAN ...

Die Hauptpersonen des Romans

Tondar – Ein Krieger stellt sich seiner Vergangenheit.

Anzu Gotjian – Die Mutantin beweist, was in ihr steckt.

Krarek – Ein Sammler bittet um Hilfe.

Bouner Haad

Wir wurden nicht erschaffen,

um für den Hohen Adariat zu denken.

Wir wurden erschaffen,

um für ihn zu kämpfen,

zu töten und zu sterben.

(Vorderste Erkenntnis aus dem Kanon der Gen-Cluster)

1.

Schlechte Kunde ist gute Kunde

»Was ... willst ... du?«

So langsam und apathisch Noch-1 sprach, so sehr konnte Anzu Gotjian dessen Erregung erahnen. Die wurmartigen Navakan waren wirklich ein erstaunliches Volk.

Die Worte richteten sich an einen neuen Besucher im Gehöft der Bußfertigkeit, in dem die Gerichtsverhandlung gegen Anzu sowie ihre Begleiter Bouner Haad und Tondar gerade ihren Anfang nahm. Sie mussten sich für einen Einbruch verantworten. Oder für eine Explosion und eine gewaltige Zerstörung, je nach Betrachtungsweise. Es würde sich zeigen, wie die Navakan die Geschehnisse einordneten.

»Wir brauchen Hilfe, große Herren«, sagte der etwa 50 Zentimeter kleine Neuankömmling, ein insektoides Wesen, das mit den untersten Extremitäten aufrecht stand. Die beiden oberen Beinpaare streckte es dem Wurmwesen in einer flehentlichen Geste entgegen. Den Körper umgab ein leuchtend gelber Chitinpanzer – Anzu nahm jedenfalls automatisch an, dass es sich um Chitin handelte. Was allerdings daran liegen konnte, dass sie sich mit insektoiden Lebensformen nicht auskannte.

Über den schwarzen Facettenaugen pendelten gewaltig lange Fühler auf und ab, hin und her, fast als würden sie Muster in die Luft zeichnen. Vielleicht war es Ausdruck einer ausgeprägten Körpersprache.

Möglicherweise schnupperten sie in Richtung der Säule, die vom Boden bis zur Decke reichte und dazu diente, Wasser und Nahrung zu spenden. Es verteilten sich einige davon in diesem großen Raum – die einzigen Einrichtungsgegenstände außer den fremdartigen Gestellen, den Sitzgelegenheiten der Navakan. Fünf der Wurmwesen hielten sich im Gehöft auf, wovon zwei nahe bei den Galaktikern standen: neben Noch-1 auch Noch-716.

Den letztgenannten hatten sie als Noch-717 kennengelernt, ehe er nach eigener Aussage den stummen Schlag gehört und seine Zahl abgeändert hatte. Die Vorstellung, seinen Namen in Form eines Countdowns bis zum Tod mit dem letzten stummen Schlag zu führen, ließ Anzu frösteln.

Wie musste es sein, die Zeitspanne bis zum Sterben zu kennen? Sie ständig mit sich zu tragen? Für sie und wahrscheinlich die meisten anderen Wesen wäre es schrecklich, doch die Navakan fühlten sich damit offenbar gut. Selbst Noch-1, der kurz vor dem Tod stand, schien deswegen nicht im Geringsten beunruhigt zu sein. Im Gegenteil.

»Wir wissen, was in der Fabrik geschehen ist«, sagte Noch-716. Sein röhrenartiger Wurmkörper war orange-schwarz gemustert und lag etwa 50 Zentimeter auf dem Boden, ehe er nach oben abknickte und anderthalb Meter senkrecht in die Höhe ragte. Am Kopf war die Haut schlohweiß, und um den kleinen Mund bewegten sich knochenlose, fingerlange Tentakel. »Wir wissen, dass die Parxen angegriffen und große Zerstörung angerichtet haben. Einer der Unseren ist dabei gestorben.«

Anzu dachte an das Holobild der Trümmer und des Toten, das sie gesehen hatten.

»Warum handelt ihr dann nicht?«, fragte der Insektoide. »Meine Brüder in der Fabrik sind verzweifelt! Viele sind begraben und zerschmettert worden. Sogar für eure Verhältnisse ist das doch dringend!« Nach einer knappen Pause fügte er hinzu: »Große Herren.« Wahrscheinlich war ihm erst im Nachhinein aufgefallen, dass er es an dem offenbar üblichen Respekt hatte mangeln lassen.

Der Navakan ließ sich Zeit mit der Antwort, wie es ihrem langsamen, apathischen Wesen entsprach. In der Sprechpause schweiften Anzus Gedanken ab.

In welchem genauen Verhältnis die Insektoiden wohl zu den Wurmwesen standen? Waren es Arbeiter? Diener? Sklaven? Die unterwürfige Anrede deutete eher auf Letzteres hin.

Diese Vorstellung gefiel Anzu zwar nicht, aber sie hütete sich, ein vorschnelles Urteil zu fällen. Noch wusste sie zu wenig über diese Welt und ihre Bewohner. Genauer gesagt, von dieser und den anderen Welten, die sie umschlangen ... und die in ihrer Gesamtheit wohl den Chaoporter FENERIK formten.

Als sie daran dachte, wurde ihr flau im Magen, ein hohles, verzehrendes Gefühl der Angst. Erst vor einigen Minuten war klar geworden, dass es Bouner und sie an Bord von FENERIK verschlagen hatte! In jenes havarierte Gefährt der Chaotarchen, das eine ungeheure, unbestimmbare Gefahr für die Milchstraße bildete.

Ein sogenannter Transpositstrahl hatte den Haluter und sie in der RAS TSCHUBAI erfasst, weil sie über Paragaben verfügten, und sie in den Chaoporter geholt. Aus diesem Strahl wiederum hatte sie der schildkrötenartige Cyborg Tondar geangelt, hatte sie mit einer höherdimensionalen Technologie herausgefischt.

Und nun saßen sie in der Höhle des Löwen fest.

Wobei eine Löwenhöhle im Vergleich zu FENERIK idyllische Sanftmut verhieß und zum Picknick einlud.

Endlich antwortete Noch-1 auf die vor fast einer Minute ausgesprochene Aufforderung des Neuankömmlings. »Wir handeln, wenn ...« Eine nervenzerfetzende Pause. »... das hier erledigt ist.«

»Hohe Herren, ich will nicht widersprechen, aber ...« Der Insektoide stockte und verstummte ganz.

Aber du tust es trotzdem, dachte Anzu und merkte, wie ihr der Kleine immer sympathischer wurde. Selbstverständlich konnte sie an seinem fremdartigen Gesicht keine Gefühle ablesen, falls sein Volk überhaupt eine Gefühlswelt kannte, doch sie bildete sich ein, seine innere Unruhe zu spüren, seine Entrüstung. Als wollte er sich auf den Navakan stürzen, ihn an den nicht vorhandenen Schultern packen und ihn durchschütteln, um ihn aus der Antriebslosigkeit zu reißen.

Aber wahrscheinlich war das nur eine Projektion ihrer eigenen Wunschvorstellungen.

»Darf ich es voranbringen, Noch-1?«, fragte Noch-716.

Er hatte eine große Dosis einer Droge namens Saphna eingenommen, die seine Apathie in den Hintergrund drängte und ihn zu erstaunlich schnellem – und nicht minder erstaunlich kämpferischem – Handeln befähigte.

»Ja«, sagte Noch-1.

Anzu war froh, dass er keine wortreichere Antwort wählte, für die er weitaus mehr Zeit benötigt hätte. Oder kam noch etwas nach? In einer halben Stunde vielleicht?

»Noch-1 leitet die Verhandlung gegen diese drei Fremden, die unter Anklage stehen«, sagte der Navakan. »Das genießt Priorität.«

»Aber viele meiner Brüder sind gestorben, und weitere werden es, sobald die Angreifer zurückkommen!«

»Lass uns helfen«, mischte sich Bouner Haad ein. Der Haluter trat einen Schritt näher an den Insektoiden; würde der Koloss den Fuß höher heben, könnte er den Kleinen glatt darunter zermalmen.

Tondar folgte, und ihn kostete dieselbe Entfernung vier Schritte. Der Cyborg verschränkte beide Armpaare vor dem Körper. »Das ist ein vernünftiger Vorschlag meines Kollegen! Wenn wir die Sache bei der Fabrik in Ordnung bringen, können wir beweisen, dass wir euch nicht schaden wollten. Die Parxen tragen die Schuld, nur die Parxen!«

Die Parxen ... jene Wesen, die Anzu bislang nur in ihren Robotkörpern gesehen hatte, die sie an bizarre, riesige Schachfiguren erinnerten. Tondar hatte von Anfang an vor ihnen gewarnt, davor, dass sie bald auftauchen würden, um ihm seine geangelte Beute wegzunehmen. Also waren sie gemeinsam geflohen und hatten sich nach einem Angriff in einem Gehöft der Navakan verschanzt, das bei einem Kampf völlig zerstört worden war. Noch-12 und Noch-717 hatten die Parxen in die Flucht geschlagen und Anzu mit ihren beiden Begleitern zum Gehöft der Bußfertigkeit geführt.

Alles ganz einfach. Nur dass Anzu der Kopf schwirrte, weil sich die Ereignisse ständig überschlugen. Gerade hatte Noch-1 erklärt, dass er die Verhandlung leiten würde, da hatten sie begriffen, dass sie sich in FENERIK befanden, und kurz darauf war der Insektoide aufgetaucht.

»Na?«, fragte Tondar. »Was hältst du davon? Wir bringen die Situation in der Fabrik unter Kontrolle, und ihr lasst uns frei.« Er schob den faltigen Schildkrötenkopf weiter aus dem Rückenpanzer und wiegte ihn leicht. Die Lampions, die zwischen den Lagen seines Turbans leuchteten, wackelten. Schatten huschten über seinen Schrumpelmund.

»Das Maß eurer Strafe bestimmt allein diese Verhandlung«, sagte Noch-716, »nicht etwa ihr. Ob wir euch freilassen, wenn ihr uns geholfen habt, wage ich im Vorfeld nicht vorherzusagen.«

»Aber wir dürfen helfen, ja?«, fragte der Cyborg, der darin offenbar eine Chance witterte, die Ankläger auf seine Seite zu ziehen und sie milde zu stimmen. Eine Sichtweise, die Anzu durchaus teilte. Doch wer wusste schon, wie Würmer dachten?

Für die drei Angeklagten jedenfalls konnten die schlechten Nachrichten von der Zerstörung der Fabrik letztlich gute Nachrichten sein.

»Es ist ein vernünftiger Vorschlag«, sagte Noch-716. »Und es soll euer Schaden nicht sein. Zumindest ...«

»Danke«, fiel Tondar dem Navakan ins Wort und ergänzte süffisant: »Mein großer Herr.«

»Zumindest«, setzte Noch-716 neu an, »falls ihr den Kampf um die Fabrik überlebt.«

Na, herzlichen Glückwunsch für unsere großartige Idee, dachte Anzu. Das klang nicht besonders ermutigend.

*

»Bevor ihr aufbrecht«, sagte der Navakan, »werde ich mit Noch-1 einige Einzelheiten besprechen. Ihr wartet.« Er schob sich mit gleitenden Bewegungen von ihnen weg, an der Säule vorbei, dem Leiter der Verhandlung entgegen.

Anzu, Bouner und Tondar blieben zurück.

Der kleine Insektoide kam mit kurzen, trippelnden Schritten näher. »Ich danke für eure Hilfe. Ich heiße Krarekriagorakar. Im Umgang mit den Navakan habe ich mir die Kurzform Krarek angewöhnt. Sie brauchen sehr lange, um unsere vollen Namen auszusprechen.«

»Lässt sich besser merken«, meinte Anzu und stellte sich und die anderen ebenfalls vor.

»Die großen Herren sind nicht sonderlich entschlussfreudig«, sagte der Insektoide. »Deshalb helfen wir ihnen bei der Ernte, um die sechsdimensionalen Spurenelemente für das Saphna zu sammeln.«

»Helft ihr freiwillig?«, fragte Anzu.

»Wer sollte uns zwingen?«, stellte Krarek eine Gegenfrage.

»Die großen Herren.«

»Nein, sie zwingen uns nicht.«

»Womit bezahlen sie eure Dienste?«

Illustration: Swen Papenbrock

»Mit Frieden. Wir dürfen im Schatten ihrer Äonenuhren leben.«

»Ich habe nie zuvor von euch gehört«, sagte Tondar.

»Wir suchen keine Aufmerksamkeit und wirken gerne im Verborgenen. Das verstärkt den Frieden.«

»Und die Parxen?«, fragte Bouner. »Greifen sie oft an?«

Krarek lehnte den Körper nach hinten, um dem halutischen Koloss ins Gesicht blicken zu können. »Es gibt alte Geschichten darüber, doch solange ich lebe, ist dies das erste Mal. Die Fabrik ist sehr wertvoll für die Parxen.«

»Was hindert sie daran, sie einfach zu erobern?«

»Habt ihr je einen Navakan kämpfen sehen, nachdem er Saphna eingeatmet hat?«

Anzu erinnerte sich an die kurze, spektakuläre Auseinandersetzung zwischen Noch-717 und dem Parxen, der sie verfolgt hatte. »Andeutungsweise«, sagte sie.

»Dann kennt ihr den Grund. Sie fürchten sich. Aber nun scheint ein offener Krieg entbrannt zu sein.«

Anzu wechselte einen Blick mit Bouner. Unseretwegen, dachte sie.

Weil Tondar sie aus dem Transpositstrahl geangelt und damit dem Zugriff der unbekannten Hintermänner entzogen hatte.

Weil die Parxen sie zurückhaben wollten, um sie auszuliefern.

FENERIK ist auf der Suche nach neuen Sextadim-Kanonieren, hatte der Cyborg gesagt. Und dafür kamen offenbar nur Wesen mit Paragaben infrage, die der Chaoporter mit dem Transpositstrahl ihrer Heimat entriss und sie ohne ihr Einverständnis an Bord brachte. Eine radikale Art der Rekrutierung.

Noch-716 kam zurück. »Ich werde euch begleiten. Unserer Einschätzung nach besteht Fluchtgefahr.«

»Wenn wir uns eurem Zugriff entziehen wollten«, sagte Bouner, »wären wir längst ...«

»Außerdem«, fiel der Navakan ihm ungerührt ins Wort, »unterstütze ich euch. Unterschätzt die Parxen nicht! Wir sondieren die Lage vor Ort gemeinsam. Wir brechen sofort auf.«

Er stieg in seine Rüstung, die er erst vor Kurzem nach der Ankunft im Gehöft verlassen hatte; ein filigranes Metallgestell, das seinen Wurmkörper in Form von elegant geschwungenen Stangen umgab, ohne ihn völlig abzuschirmen.

Anzu hatte die Rüstung bereits in Aktion erlebt. Sie vermochte einen wirkungsvollen Schirm aufzubauen und beherbergte diverse Waffentechnologie. Außerdem war sie flugfähig und in der Lage, schnell zu beschleunigen – weitere Gimmicks nicht ausgeschlossen.

Nun jedoch glitt sie in gemächlichem Tempo der Außenwand des Gehöfts der Bußfertigkeit entgegen. Noch-716 gab einen Impuls ab, und ein Durchgang öffnete sich, breit und hoch genug, damit auch Bouner Haad ihn passieren konnte.

Nach dem Haluter traten erst Anzu, dann Tondar und schließlich Krarek ins Freie.

Noch-716 schwebte in derselben geringen Geschwindigkeit weiter. »Ein langer Weg bis zur Fabrik liegt vor uns.«

»Wir sollten uns beeilen, großer Herr«, sagte der Insektoide. »Die Parxen könnten zurückkehren.«

»Ich kann die anderen tragen«, informierte Bouner Noch-716. »Auf diese Weise kommen wir sehr rasch voran.«

»Ich muss nicht getragen werden.« Krarek ließ sich nach vorne fallen, sodass all seine Gliedmaßen den Boden berührten. »Und ich glaube nicht, dass du schneller sein könntest als ich.«

»Die Herausforderung nehme ich gerne an!« Der Haluter lachte grollend.

Doch der Navakan machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. »Es ist, wie es ist. Das Äon vertickt langsam, und wer sind wir, ihm mit unangebrachter Hektik entgegenzuwirken?« Er beschleunigte kein bisschen, sondern glitt in aller Seelenruhe voran.

Damit war der Beschluss offensichtlich gefällt, und es ging gemächlich weiter in der trostlosen Landschaft des Apathengrunds.

Die Ebene ähnelte einer nicht enden wollenden grauen Steinwüste, auf der nur selten karges Gebüsch wucherte, und noch seltener vereinzelte Gebäude standen – meist Gehöfte. In der Ferne erahnte Anzu den schlanken Turm einer Äonenuhr.

Tondar seufzte einen seiner von Herzen kommenden Seufzer. »Ich hasse die Navakan. Aber das sagte ich ja bereits. Machen wir das Beste daraus. Ich habe die eine oder andere Geschichte aus meinem Leben versprochen. Das habe ich doch, oder? Falls nicht, hatte ich es jedenfalls vor. Jedenfalls bin ich in der Stimmung, euch ins Vertrauen zu ziehen. Und dich, Kleiner, wenn es sein soll, ebenfalls!«

Einer der vier Arme des Cyborgs, der künstliche mit den beiden Ellenbogengelenken, deutete auf Krarek. »Bevor ich jedoch erzähle, muss ich noch etwas loswerden, sonst platze ich! Das ist doch nicht mehr normal. Wir eilen zur Rettung dieser bescheuerten Fabrik, und dieser Navakan lässt uns zu Fuß gehen!«

Anzu fragte sich bei diesen Worten, wer mit seinen Meinungen und seiner Auffassung in ihrer bunten Truppe definierte, was wohl normal wäre. Der Insektoide, das Wurmwesen, der Schildkröten-Cyborg, der vierarmige Koloss mit den roten Augen ... oder sie, die Terranerin?

Wahrscheinlich war verschieden das neue Normal.

2.

Tondars Erinnerungen

Die Last des Friedens

Was macht es aus einem, wenn man für nichts anderes als den Krieg gelebt hat und plötzlich nicht mehr kämpfen kann? Nicht mehr kämpfen darf, weil einem der Feind geraubt wurde!

Jemandem wie dir, Anzu Gotjian, mag diese Frage merkwürdig erscheinen. Sieh dich doch an! Mit deiner weichen Haut und diesem zerbrechlichen Körper würde ich auch lieber jeder Auseinandersetzung aus dem Weg gehen.

Aber du, Bouner Haad, du verstehst mich, nicht wahr? Während ich einen Panzer auf dem Rücken trage, bist du ein Panzer. Einer mit vier Armen, genau wie ich. Bei der schorfigen Kopfhaut des Adariat, wenn ich jemals einen Kampfkörper gesehen habe, dann deinen!

Von welchem Krieg ich spreche, wollt ihr wissen? Vom immerwährenden Krieg! Von welchem sonst? Von dem, der sich zumindest für mich als nicht ganz so immerwährend entpuppt hat.

Allerdings ist nicht er es, von dem ich erzählen möchte. Später vielleicht. Oder nie. Schließlich kenne ich euch kaum. Hättest du, Bouner Haad, mir nicht die Ehre erwiesen, im Kampf gegen dich zu verlieren, würdet ihr nicht einmal von den Schlaglichtern meines langen Lebens erfahren, die zu offenbaren ich bereit bin.

Andererseits, wie sagte einst mein Freund und Kampfgefährte Mandarkk? Wenn du deinem Kontrahenten unterliegst, schuldest du ihm nichts als einen ehrenvollen Tod. Wenn er dich jedoch verschont, schuldest du ihm drei bis vier Geschichten aus deinem Leben, die ihm den Wert seines Geschenks verdeutlichen.

Also bekommt ihr drei oder vier. Ich bin mir noch nicht sicher. Und wahrscheinlich erzähle ich sie nicht in der Reihenfolge, die euch als die richtige erscheinen würde.

Aber ich schweife ab. Entschuldigt bitte. Ich fürchte, ich bin es nicht mehr gewöhnt, Geschichten zu erzählen – oder auch nur, mich zu unterhalten. In so langen Jahren der Einsamkeit verliert man leicht die Übung. Nicht, dass ich davon jemals recht viel gehabt hätte.

Lasst mich euch verraten, was das Ende des immerwährenden Kriegs aus mir gemacht hat: ein Raumschiff, das für immer auf einem Planeten gestrandet ist und den Tag herbeisehnt, an dem es auseinanderfällt. Ein Werkzeug, das erschaffen wurde, um bis zum letzten Augenblick seiner Existenz benutzt zu werden, und das nun vergessen in einer Ecke liegt. Eine Strahlenpistole, deren Griff ein primitives Volk als Hammer verwendet. Ein Raubtier, dem sämtliche Zähne und Krallen entrissen wurden.

Sucht euch aus, was euch am besten gefällt! Zugegeben, die Vergleiche sind schlecht, aber meine Waffen waren nun einmal eher Desintegratoren, Gravitationsdisruptoren oder die bloßen Fäuste – und nicht Worte.

Ich will eine Geschichte erzählen, die sich lange nach dem Ende des Kriegs ereignete. Mandarkk war vor einiger Zeit erloschen, und ich ... hatte mich selbst wiedergefunden. Nun, zumindest zu einem kleinen Teil. Ich will von meinem ersten und vor unserer Begegnung einzigen Besuch im Apathengrund erzählen.

*