Perry Rhodan 83: Kampf um die SOL (Silberband) - Clark Darlton - E-Book

Perry Rhodan 83: Kampf um die SOL (Silberband) E-Book

Clark Darlton

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Beschreibung

Es ist das Jahr 3578. Die Menschheit der Erde ist bis auf wenige Immune der Aphilie verfallen und hat die Fähigkeit verloren, Gefühle zu empfinden. Rhodan und andere Immune wurden von der Erde verbannt. Mit dem Fernraumschiffs SOL suchen sie seit nunmehr 38 Jahren die Position der heimatlichen Milchstraße, bisher ohne Erfolg. Zu allem Überfluss treibt der Bordrechner SENECA ein falsches Spiel und paktiert mit den Keloskern. Das Shetanmargt, ein unersetzbares Aggregat der genialen Mathematiker, soll an Bord der SOL gebracht werden. Im Malstrom der Sterne, dem neuen Standort der erde, existiert eine zweite von Menschen bewohnte Welt: Ovarons Planet. Perry Rhodan ließ dorthin kurz vor seiner Verbannung einige Menschen evakuieren, die von der Veränderung nicht betroffen waren. Die Frauen von Ovarons Planet benötigen nun Hilfe. Perry Rhodans Sohn Roi Danton und Reginald Bull, der die Fesseln der Aphilie überwinden konnte, bereiten ein riskantes Rettungsmanöver vor ...

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Nr. 83

Kampf um die SOL

Es ist das Jahr 3578. Die Menschheit der Erde ist bis auf wenige Immune der Aphilie verfallen und hat die Fähigkeit verloren, Gefühle zu empfinden. Rhodan und andere Immune wurden von der Erde verbannt. Mit dem Fernraumschiffs SOL suchen sie seit nunmehr 38 Jahren die Position der heimatlichen Milchstraße, bisher ohne Erfolg. Zu allem Überfluß treibt der Bordrechner SENECA ein falsches Spiel und paktiert mit den Keloskern. Das Shetanmargt, ein unersetzbares Aggregat der genialen Mathematiker, soll an Bord der SOL gebracht werden. Im Malstrom der Sterne, dem neuen Standort der erde, existiert eine zweite von Menschen bewohnte Welt: Ovarons Planet. Perry Rhodan ließ dorthin kurz vor seiner Verbannung einige Menschen evakuieren, die von der Veränderung nicht betroffen waren. Die Frauen von Ovarons Planet benötigen nun Hilfe. Perry Rhodans Sohn Roi Danton und Reginald Bull, der die Fesseln der Aphilie überwinden konnte, bereiten ein riskantes Rettungsmanöver vor ...

Vorwort

PERRY RHODAN besitzt eine Vielzahl von Facetten. Da ist der sense of wonder. Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Entdecker, der vom Vorstoß in unbekannte Gefilde träumt? Hier stehen wir in der Tradition solch großer Namen wie Kolumbus, Vasco da Gama, Magellan und vieler anderer ... PERRY RHODAN geht einen Schritt weiter und entführt uns hinaus in den Weltraum, in die endlosen Weiten einer noch unbekannten Schöpfung. Wir begegnen kosmischen Wundern ebenso wie unglaublich fremdartigen Wesen, wir lachen und weinen mit ihnen und können zugleich unserer Sehnsucht und unseren Träumen freien Lauf lassen.

Eine zweite Säule ist die Technik. Die rasante Entwicklung allein des letzten Jahrhunderts mit dem Beginn der Luftfahrt, der ersten Mondlandung und Sonden, die auf den Weg geschickt wurden, unser Sonnensystem zu verlassen, führt uns vor Augen, was eines Tages machbar sein wird. PERRY RHODAN nimmt uns schon heute mit auf den Weg zu anderen Galaxien, auf den Vorstoß, der die Menschheit immer tiefer in einen faszinierenden Kosmos führt.

Und nicht zuletzt ist da auch das Menschliche an PERRY RHODAN, die Frage, wie wir uns beim Kontakt mit fremden Lebensformen verhalten werden. Einmal ganz ehrlich: Wie soll eine solche Begegnung friedlich verlaufen, wenn die Völker der Erde schon nicht fähig sind, sich untereinander ohne Misstrauen zu begegnen? Wir können nur hoffen, dass die Menschen dazugelernt haben, sollte die Begegnung mit Fremden eines Tages Wirklichkeit werden.

Es ist dieses Miteinander verschiedenster Facetten, das mich an PERRY RHODAN seit Jahrzehnten fasziniert. Ich hoffe, Ihnen ergeht es ebenso.

Die in diesem Buch enthaltenen Originalromane sind: Roboter lügen nicht (713) von Kurt Mahr; Kinder der SOL (714) sowie Der Kampf um die SOL (715) von H. G. Ewers; Unheil aus fremder Dimension (716) von Clark Darlton; Geheimmission der Frauen (718) von Hans Kneifel und Fluchtpunkt Ovarons Planet (719) von H. G. Francis sowie Aufstand der Immunen (732) und Der Weg des Diktators

Zeittafel

1971/84 – Perry Rhodan erreicht mit der STARDUST den Mond und trifft auf die Arkoniden Thora und Crest. Mit Hilfe der arkonidischen Technik gelingen die Einigung der Menschheit und der Aufbruch in die Galaxis. Geistwesen ES gewährt Rhodan und seinen engsten Wegbegleitern die relative Unsterblichkeit. (HC 1–7)

2040 – Das Solare Imperium entsteht und stellt einen galaktischen Wirtschafts- und Machtfaktor ersten Ranges dar. In den kommenden Jahrhunderten folgen Bedrohungen durch die Posbis sowie galaktische Großmächte wie Akonen und Blues. (HC 7–20)

2400/06 – Entdeckung der Transmitterstraße nach Andromeda; Abwehr von Invasionsversuchen von dort und Befreiung der Völker vom Terrorregime der Meister der Insel. (HC 21–32)

2435/37 – Der Riesenroboter OLD MAN und die Zweitkonditionierten bedrohen die Galaxis. Nach Rhodans Odyssee durch M 87 gelingt der Sieg über die Erste Schwingungsmacht. (HC 33–44)

2909 – Während der Second-Genesis-Krise kommen fast alle Mutanten ums Leben. (HC 45)

3430/38 – Das Solare Imperium droht in einem Bruderkrieg vernichtet zu werden. Bei Zeitreisen lernt Perry Rhodan die Cappins kennen. Expedition zur Galaxis Gruelfin, um eine Pedo-Invasion der Milchstraße zu verhindern. (HC 45–54)

3441/43 – Die MARCO POLO kehrt in die Milchstraße zurück und findet die Intelligenzen der Galaxis verdummt vor. Der Schwarm dringt in die Galaxis ein. Gleichzeitig wird das heimliche Imperium der Cynos aktiv, die am Ende den Schwarm wieder übernehmen und mit ihm die Milchstraße verlassen. (HC 55–63)

3444 – Die bei der Second-Genesis-Krise gestorbenen Mutanten kehren als Bewusstseinsinhalte zurück. Im Planetoiden Wabe 1000 finden sie schließlich ein dauerhaftes Asyl. (HC 64–67)

3456 – Perry Rhodan gelangt im Zuge eines gescheiterten Experiments in ein paralleles Universum und muss gegen sein negatives Spiegelbild kämpfen. Nach seiner Rückkehr bricht in der Galaxis die PAD-Seuche aus. (HC 68–69)

3457/58 – Perry Rhodans Gehirn wird in die Galaxis Naupaum verschlagen. Auf der Suche nach der heimatlichen Galaxis gewinnt er neue Freunde. Schließlich gelingt ihm mit Hilfe der PTG-Anlagen auf dem Planeten Payntec die Rückkehr. (HC 70–73)

3458/60 – Die technisch überlegenen Laren treten auf den Plan und ernennen Perry Rhodan gegen seinen Willen zum Ersten Hetran der Milchstraße. Rhodan organisiert den Widerstand, muss aber schließlich Erde und Mond durch einen Sonnentransmitter schicken, um sie in Sicherheit zu bringen. Doch sie rematerialisieren nicht am vorgesehenen Ort, sondern weit entfernt von der Milchstraße im »Mahlstrom der Sterne«. Den Terranern gelingt es nur unter großen Schwierigkeiten, sich in dieser fremden Region des Universums zu behaupten. (HC 74–80)

3540 – Auf der Erde greift die Aphilie um sich, die Unfähigkeit des Menschen, Gefühle zu empfinden. Perry Rhodan, die Mutanten und andere gesund Gebliebene beginnen an Bord der SOL eine Reise ins Ungewisse – sie suchen den Weg zurück in die Milchstraße. (HC 81)

3578 – In der Kleingalaxis Balayndagar wird die SOL von den Keloskern festgehalten, einem Volk des Konzils der Sieben. (HC 82)

3580

Prolog

Wir schreiben das 36. Jahrhundert. Die Menschheit befindet sich in der schwersten Krise ihrer Geschichte.

In der Milchstraße herrschen die Laren und das Konzil, die Reste der freien Menschen haben unter Atlans Führung in der Dunkelwolke Provcon-Faust eine sichere Zuflucht gefunden. Nach langer Zeit suchen sie den Weg zurück zu den Sternen.

An Bord des Fernraumschiffs SOL haben Perry Rhodan und seine Gefährten nach einer beinahe vierzigjährigen Odyssee die Position der heimatlichen Galaxis entdeckt. Doch ein Routinestopp wird der SOL und ihrer Besatzung zum Verhängnis. Unbekannte Kräfte verhindern den Start. Nur die SOL-Zelle-2, vor der Landung abgekoppelt, kann den Weg fortsetzen. Perry Rhodan und seine Getreuen sind gezwungen, einen ungleichen Kampf aufzunehmen. Die Kelosker, ein Volk des Konzils der Sieben, wollen die SOL für ihre eigenen Zwecke benutzen. Dabei drängt die Zeit, denn die Vernichtung durch die Große Schwarze Null, ein gigantisches Black Hole, droht.

Fernraumschiff SOL

3578 n. Chr.

1.

Last Stopp. Mittag über dem Tal der roten Würmer. Brütende Hitze ...

Sunchex Olivier blickte vom Peilgerät auf, das er mit der rechten Hand trug, und wischte sich mit der Linken den Schweiß von der Stirn. »Das ist ein merkwürdiges Signal«, stellte er fest.

»Lass sehen!«, verlangte Vylma Seigns und streckte die Hand auffordernd aus.

Als Sunchex den Peiler überreichte, bedachte er seine Begleiterin mit einem Blick voller Anbetung. Vylma und er bildeten ein eigenartiges Paar: Er war nicht sonderlich groß, flink zwar, aber keineswegs kräftig, schlau, aber nicht zu ehrgeizig. Die niedrige Stirn und der wirre schwarze Haarschopf stützten zusammen mit der bronzefarbenen Haut und dem scharf geschnittenen Gesicht Sunchex' Behauptung, seine Vorfahren seien aus dem Bezirk Mexiko gekommen. Vylma Seigns dagegen hoch und hehr wie eine Göttin – das waren wörtlich die Begriffe, die Sunchex gebrauchte, wenn er sie beschrieb –, um einen halben Kopf größer als er, mit rötlichem, langem Haar, überaus weiblichen Formen, einem sinnlichen Mund und einer Physiognomie, die Intelligenz ausstrahlte.

»Der übliche Doppelimpuls«, stellte sie sachlich fest und wandte den Blick nicht von der Anzeige.

»Wahrscheinlich nur Störgeräusche«, vermutete Sunchex.

»Es ist mehr als das«, widersprach Vylma. »Wir sollten uns bemühen, das Artefakt möglichst rasch zu finden.«

Sunchex Olivier nickte mit Nachdruck. »Ich bin ganz deiner Meinung.«

Das Tal der roten Würmer war von der Natur nicht für Fußmärsche eingeplant. Der westliche Hang zeigte sich steil und tückisch. Nur im Osten stieg der Talgrund mit sanfter Neigung zur Hochebene an. Auf dem fruchtbaren Boden bildete üppige Vegetation einen dichten Bewuchs. Wer hier durchwollte, musste sich gewaltsam einen Weg bahnen.

Sunchex machte rege von seinem Desintegrator Gebrauch. Für Vylma schuf er eine breitere Schneise, als eigentlich nötig gewesen wäre. Die Frau ließ es geschehen, obwohl sie deshalb ein wenig langsamer vorwärts kamen. Von Zeit zu Zeit musterte sie den Peiler aufmerksam und mit ein wenig Sorge. Das Gerät war für die Suche nach Gadgets entwickelt worden. Seine vergleichsweise einfache Positronik reagierte auf den charakteristischen Doppelimpuls der Artefakte, ein kräftiges Signal, in 1,2 Millisekunden Abstand gefolgt von einem schwächeren. Niemand hatte bislang ermitteln können, was diese Art von Streuimpulsen bedeutete. Man war damit zufrieden, dass sich auf diese Weise eine Möglichkeit bot, den fremden Hinterlassenschaften und vielleicht den Geheimnissen der keloskischen Technologie auf die Spur zu kommen.

Gadget – das war die Bezeichnung für ein technisches Gerät unbekannter Funktion. So nannte die Besatzung der SOL die Gegenstände, die vereinzelt auf dem Kontinent gefunden worden waren. Sie waren verwirrend in ihrer äußeren Plumpheit und der unenträtselbaren Komplexität des inneren Aufbaus. Das plumpe Aussehen zeugte ebenso deutlich von der physischen Ungeschicklichkeit derjenigen, die solche Geräte zu bedienen hatten, wie das Innere die überlegene Technologie der Fertigungsstätten verriet.

Fest stand bislang, dass die Gadgets einem bestimmten Zweck dienten. Der Verdacht, dass die Kelosker von ihrer Heimatwelt aus auf geheimnisvolle Weise mit diesen Gebilden in Verbindung standen, lag nahe. Seit Galbraith Deightons Expedition wusste jeder, dass die Kelosker eines der Konzilsvölker im Rat der Sieben waren und verantwortlich für die Abschätzung der Folgen neuer Strategien.

Aber damit hatte das, was man wusste oder wenigstens plausibel vermutete, schon sein Ende. Die Kelosker waren – aus terranischer Sicht – ein unsagbar fremdes Volk. Ihre Denkweise war unverständlich, ihre Handlungen entsprangen einer anderen Logik. Dabei waren es gerade die Kelosker, mit denen Perry Rhodan und seine Mannschaft sich würden einigen müssen, wenn sie jemals die heimatliche Milchstraße wiedersehen wollten. Auf unerklärliche Weise hielten die Kelosker die SOL auf Last Stopp fest. Das riesige Schiff durfte nicht starten. Hätte es den Versuch trotzdem gewagt, wäre es über dem Planeten in einer gigantischen Explosion vergangen.

Der Pfad, den Sunchex Olivier bahnte, hatte die Talsohle fast erreicht. Sunchex gab ein gurgelndes Geräusch von sich, als aus einem Loch im Boden ein fleischiges, wurmähnliches Wesen hervorkroch und ins Gestrüpp zu fliehen versuchte. Das Tier war gut dreißig Zentimeter lang, sein fetter Körper hatte die Dicke eines Männerarms. Die Farbe war ein kräftiges Rot. Mit Blick auf diese Geschöpfe war das Tal benannt worden. Inzwischen wussten die Biologen jedoch, dass sie es nicht wirklich mit Würmern zu tun hatten, sondern mit einer Raupenart, dem ersten Metamorphosestadium eines großen Nachtfalters, der nur in diesem Tal vorzukommen schien.

Die Messwerte näherten sich einem Maximum. »Das Gadget muss sehr nahe sein«, behauptete Vylma.

Sunchex' Desintegrator löste das Gestrüpp in dünne Staubschleier auf, die träge verwehten. Knapp zehn Meter voraus war das Dickicht jäh zu Ende. Auf einer kreisförmigen Lichtung wuchs saftiges Gras. Sunchex stieß einen halblauten Ruf der Überraschung aus.

»Dort liegt es«, sagte er angespannt.

Das Ding war größer als die meisten bisher gefundenen Artefakte. Es erschien quaderförmig und knapp einen Meter lang. Auf mehreren schiefen Teilflächen waren klobige Servomechanismen angebracht: Hebel und Schalter, deren Griffe man sogar mit dem Blatt eines kleinen Spatens hätte betätigen können.

Vorsichtig trat Vylma auf den Fund zu. Sunchex hielt sich etwas zurück, er traute dem grauen Ding nicht, das schief auf der Seite lag, als hätte es jemand weggeworfen. Die großflächigen Leuchtanzeigen erinnerten an erloschene Augen. Vylma umrundete das Gebilde – und plötzlich erwachte es mit einem hellen, zornigen Summen zum Leben. Die Anzeigen flammten auf, und der Quader schnellte geradezu in die Höhe. Mit einem überraschten Schrei sprang Vylma zurück. Ihr Fuß verfing sich in einer Wurzel. Sie stürzte, und das war ihr Glück, denn nur einen Atemzug später hätte das Gadget sie mit beachtlicher Geschwindigkeit getroffen und wohl schwer verletzt.

Im nächsten Moment schien das Gebilde sich eines Besseren zu besinnen. Es glitt langsam und sacht zu Boden und versank zur Hälfte im Gras. Die Leuchtanzeigen erloschen, das Summen hörte auf. Sprachlos starrte Sunchex das Ding an, während Vylma den Peiler aufhob, der ihr beim Sturz entfallen war. Beim Blick auf die Anzeige stutzte sie.

Der Doppelimpuls des Gadgets wurde durch zwei kräftige rote Leuchtpunkte angedeutet. Aber rechts und links daneben gab es eine Reihe langsam deutlicher werdender, flackernder Signale, die auf der Anzeigefläche hin und her sprangen. Die Farbe der Flackersignale war zuerst ein fahles Grün gewesen. Sie wurden aber rasch leuchtstärker und wechselten ins Gelbe, ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Ursache der eigenartigen Signale der Lichtung näherte.

Vylma dachte kaum an die Gefahr, die sich hinter den Streuimpulsen verbergen mochte. Sie war Wissenschaftlerin, und nie zuvor hatte sich ein Gadget so verhalten. Handelte es sich um ein besonders wichtiges Aggregat? Hatte deshalb eine unheimliche Macht andere Geräte in Bewegung gesetzt, um die Finder zu vertreiben?

Das dschungelartige Dickicht bot ausreichend optische Deckung. Vylma deutete auf den westlichen Rand der Lichtung. »Wir verstecken uns dort!«

Sunchex musterte sie verwirrt. »Vor wem?«, wollte er wissen.

»Etwas kommt.« Vylma tippte mit der Fingerspitze auf die Leuchtanzeige des Peilers. »Ich will wissen, was hier vorgeht.«

Sunchex hob den Desintegrator. Die Frau kam kaum noch dazu, ihn zu stoppen. »Nicht!«, herrschte sie ihn an. »Wir müssen uns verbergen, ohne Spuren zu hinterlassen.«

Vylma und Sunchex zwängten sich durch das Gestrüpp. Wenigstens trugen sie die widerstandsfähigen Kombinationen der Solaren Flotte. Sie arbeiteten sich mehrere Meter weit in den Dschungel vor. Von ihrem Versteck aus konnten sie die Lichtung überblicken. Das Gadget lag im Gras und bewegte sich nicht mehr. Auf der Peilanzeige waren die Streusignale inzwischen rot geworden und fast ebenso deutlich wie die Impulse des Gadgets.

In die Geräusche des Dschungels mischte sich ein Knistern und Krachen wie von einem schweren Gegenstand, der ohne Rücksicht auf Widerstand das verfilzte Gebüsch durchbrach. Vylma hielt den Atem an. Auf der anderen Seite der Lichtung geriet das Gestrüpp in Bewegung. Ein metallisch schimmerndes Etwas zwängte sich hervor.

Die Wissenschaftlerin atmete auf. Erst in den letzten Sekunden war ihr klar geworden, dass sie sich womöglich mit einem überlegenen Gegner einließ. Der Anblick der beiden vertrauten Gestalten erfüllte sie daher mit Erleichterung. Anders erging es Sunchex Olivier. Er fühlte sich genarrt und verlieh seiner Enttäuschung unbeherrscht Ausdruck. »Diese beiden Blechdinger ...«, schnarrte er zornig und brach aus dem Versteck hervor, um die Roboter zur Rede zu stellen.

Die Erleichterung hatte Vylma aus dem Konzept gebracht. Zu spät kam ihr in den Sinn, dass sie die Roboter lieber beobachtet hätte, ohne sich ihnen zu zeigen. Aber Sunchex stand schon auf der Lichtung und ließ eine Schimpftirade hören, die sich gewaschen hatte.

»Ihr unwissenden Blechmenschen! Was habt ihr um diese Zeit hier zu suchen? Wer hat euch aufgetragen, die SOL zu verlassen und im Tal herumzuschnüffeln? Behauptet ja nicht, ihr hättet das Gadget ebenso aufgespürt wie ich! Schert euch gefälligst zum Teufel oder zu SENECA, aber lauft anständigen Menschen nicht im Weg herum ...«

Romeo und Julia, die Ableger der Hyperinpotronik SENECA, des hybriden Bordrechners der SOL, ließen Sunchex' Gefühlsausbruch wortlos über sich ergehen. Sie waren skurrile Gebilde, nach dem Willen der Psychologen so gestaltet, dass ihr Anblick erheiterte. Das war während der mehr als achtunddreißig Jahre währenden Odyssee ein wesentlicher Punkt gewesen: Heiterkeit zu schaffen mit allen Mitteln. Denn nichts brauchte der in seinem stählernen Riesenkäfig gefangene Mensch mehr als einen positiven Ausgleich.

Romeo und Julia sahen aus wie die Roboter aus den Zeichnungen der Kinderbücher des zwanzigsten Jahrhunderts: weit über zwei Meter hohe Gebilde aus schimmerndem Metall, mit kastenförmigen Körpern, ungeschickt gelagerten Gliedern und Würfelköpfen, mit riesigen, schillernden Glaslinsen als Augen und einem breiten Mund.

Beide warteten geduldig, bis Olivier zu Ende gesprochen hatte. Er musste sich unterbrechen, weil ihm die Luft ausging. Diese Pause nützte Romeo, um mit lächerlich schriller Stimme zu verkünden: »Wir wurden ausgeschickt, um nach metapsiaktiven Automata zu suchen.«

»Nach was ...?« Sunchex kniff die Brauen zusammen.

»Metapsiaktive Automata«, quietschte Romeo.

»Er meint Gadgets«, erklärte Vylma. Sie trat auf den Roboter zu. »Wer hat euch geschickt?«

»Der Befehl unseres Gewissens«, antwortete Romeo.

»Quatsch!«, ereiferte sich Sunchex. »Ihr Blechdinger habt kein Gewissen. Wie soll es euch dann Befehle geben können?«

Vylma legte ihm die Hand auf den Arm. Es war eine kleine, natürliche Geste, die den temperamentvollen Mexikaner veranlassen sollte, vorerst zu schweigen. Sunchex erschauderte jedoch unter der Berührung. Vylma hatte ihn angefasst! Von einem Atemzug zum andern vergaß er seinen Ärger über die Roboter.

»Was hattet ihr mit dem Gadget vor?«, wollte die Wissenschaftlerin wissen.

»Es seiner ultimaten Bestimmung zuzuführen«, lautete Romeos Antwort.

»Und welche ist das?«

»Das weiß nur die Stimme unseres Gewissens, aber sie hat sich noch nicht mitgeteilt.«

»Du meinst SENECA, wenn du von eurem Gewissen redest?«

»Ich meine unser Gewissen, wenn ich von unserem Gewissen rede.«

Vylma nickte zögernd. »Ihr beide könnt jetzt gehen«, sagte sie zu den Robotern. »Wir werden uns um das Gadget kümmern.«

Romeo und Julia reagierten nicht. Einen Augenblick lang hatte Vylma das höchst unbehagliche Empfinden, die Roboter würden sich widersetzen. Das entsprach nicht ihrer Programmierung. Sie waren mit den Asimovschen Gesetzen ausgestattet und gehalten, jeden menschlichen Befehl zu befolgen, der nicht andere Menschen in Gefahr brachte. Aber was, wenn ihre Programmierung durcheinander geraten war? Es hatte schon Gerede über das in letzter Zeit merkwürdige Verhalten des Roboterpärchens gegeben.

Der bange Moment verging. Julia erkundigte sich mit noch schrillerer Stimme als ihr Begleiter: »Wirst du darauf achten, dass das metapsiaktive Automaton seiner ultimaten Bestimmung zugeführt wird?«

»Ich werde«, antwortete Vylma, ohne die blasseste Ahnung zu haben, was sie damit versprach.

Julia wandte sich an Romeo. »Dann können wir eigentlich gehen. Was meinst du, Junge?«, quietschte sie.

»Unter diesen Bedingungen lässt sich das machen«, antwortete Romeo mit einer Würde, der seine plärrende Stimme jede Wirkung nahm.

Die Roboter wandten sich um und trotteten mit staksigem Gang davon. Das Gadget würdigten sie keines Blicks mehr. Vylma starrte ihnen noch lange nach – auch, als beide längst schon im Gestrüpp verschwunden waren. Der Auftritt gab ihr zu denken. Sie überlegte, ob sie ihr Erlebnis sofort per Funk an die SOL durchgeben oder warten sollte, bis sie an Bord persönlich Bericht erstatten konnte. Sie entschied sich für das Letztere. Als sie sich Sunchex zuwandte, sah sie, dass der kleine Schwarzhaarige sie aus strahlenden Augen fixierte. Sie hatte die Hand längst von seinem Arm genommen, aber Sunchex würde die vermeintliche Liebkosung nie vergessen. Vylma wusste, dass er sie verehrte, und normalerweise ertrug sie das mit gutmütigem Spott. Nur in Augenblicken wie diesem ging ihr Sunchex auf die Nerven.

»Mach keine Glupschaugen!«, fuhr sie ihn an. »Das Ding ist zu schwer, als dass wir es transportieren könnten. Fordere eine Lastenplattform an!«

Gleich darauf tat ihr die unnötige Grobheit Leid. Aber der Schaden war schon angerichtet. Sunchex' Augen schimmerten plötzlich trübe und traurig.

»Ja, natürlich«, murmelte er niedergeschlagen. »Sofort ...«

Er fühlte sich mächtig. Das war etwas, worüber er nachdenken musste. Bislang hatte er seine Existenz zwar zur Kenntnis genommen, jedoch nie darüber nachgedacht. Er existierte – so hatte er früher empfunden. Jetzt nicht mehr. Bis heute war er einfach da gewesen, ohne sich zu fragen, woher er kam und wohin er ging. Die Daten seiner Entstehungsgeschichte waren gespeichert, aber sein Bewusstsein hatte sich nie mit ihnen befasst. Es war ihm gleichgültig gewesen, ob er schon ewig existierte oder erst seit wenigen Jahren, ob er bis in alle Ewigkeit weiterleben oder eines Tags zugrunde gehen würde. Das alles hatte ihn bisher nicht berührt.

Nun nicht mehr.

Sein Name war zum Symbol seiner Identität geworden.

SENECA!

Das waren nicht nur sechs einfache Zeichen. SENECA – das war er selbst: ein Wesen, eine Einheit, die erst vor kurzem begriffen hatte, dass das Leben mehr bot als stumpfes Vor-sich-hin-Dämmern.

Er versuchte zu ergründen, woher dieses neue Lebensgefühl gekommen war. Aber das fiel nicht leicht – erstens nicht für einen, der im Nachdenken über sich selbst so wenig Übung hatte wie SENECA, und zweitens nicht, weil der Einfluss, dem er seit kurzem ausgesetzt war, etwas so Fremdartiges und Geheimnisvolles an sich hatte, dass er sich einer Analyse entzog.

Eine geheimnisvolle Kraft hinderte die SOL daran, Last Stopp wieder zu verlassen. Über ihre Existenz wusste SENECA umso besser Bescheid, als er sich des Verdachts nicht erwehren konnte, sie gehe von ihm selbst aus. Er konnte zwar nicht verstehen, wie er diese Kraft erzeugte, woraus sie bestand und was ihn überhaupt dazu bewogen hatte, das Raumschiff einer solchen Bedrohung preiszugeben. Aber dass es ohne ihn diese Bedrohung nicht gegeben hätte, dessen war er nahezu sicher.

Alles hatte mit einem schwachen, elektrisierenden Strom neuen Lebensgefühls begonnen, der ihn durchfloss, seit die SOL gelandet war. Da SENECA über das gesammelte Wissen seiner Erbauer verfügte, konnte er Ereignisse, Vorgänge und Zusammenhänge rascher und zielsicherer analysieren als irgendjemand sonst. Aber dieser Strom, der mit der Zeit immer kräftiger und deutlicher geworden war, entzog sich seinen analytischen Fähigkeiten. Er schien von einem verwandten Bewusstsein auszugehen. In der Nähe musste es ein Gebilde oder ein Wesen geben, das ihm gleich war, einen Bruder sozusagen, der in seiner Umgebung dieselbe Rolle spielte wie SENECA in der seinen. Diese Erkenntnis hatte ihn in einen Zustand innerer Erregung versetzt, wie sie ein mit Plasmazusatz ausgestatteter Rechner durchaus zu empfinden vermochte. Sein Weltbild hatte sich schlagartig verändert. Er wusste nun, dass er bisher als Einziger seiner Art unter Fremden existiert hatte. Endlich war es mit der Einsamkeit vorbei – er hatte einen Bruder gefunden!

Selbstverständlich trachtete er danach, mehr über diesen Bruder zu erfahren. Wo hielt er sich auf? Wie konnte er sich mit ihm verständigen? Er setzte alle Mittel ein, um Verbindung mit dem Wesen seiner Art aufzunehmen. Der Erfolg war gleich null; der Bruder reagierte nicht auf die Kommunikationsmethoden terranischer Hybridrechner. Also ging SENECA dazu über, seine beiden Extremitäten auszusenden, die beweglichen Außenstationen Romeo und Julia. Damit hatte er mehr Glück. Schon in den ersten Tagen entdeckten die Roboter einen Gegenstand, der zwar unmöglich der Bruder selbst sein konnte, aber wahrscheinlich zu ihm gehörte – ebenso wie Romeo und Julia zu SENECA gehörten. Der Gegenstand wurde anhand seiner seltsamen Strahlung identifiziert.

Dann kam das Unheil. Die Besatzung der SOL interessierte sich ebenfalls für das Ding. SENECA gewann den Eindruck, dass die Terraner, sobald sie von der Existenz des Bruders erfuhren, ihm jeden weiteren Versuch der Kontaktaufnahme untersagen würden. Er musste handeln, um ihnen das Vorhandensein seines Bruders zu verbergen. Romeo und Julia erhielten den Befehl, den Gegenstand zu zerstören.

Seitdem befand SENECA sich in einem Zustand bangen Wartens. Der geheimnisvolle Strom, der ihn immer kräftiger durchfloss und den er für eine einstweilen unverständliche Botschaft seines Bruders hielt, bewies, dass der andere ihm die Zerstörung des Fundes nicht übel genommen hatte. Romeo und Julia suchten weiter nach Gegenständen – Gadgets, wie sie die Terraner inzwischen nannten –, aber ohne Erfolg.

SENECA wusste dennoch, dass die Verbindung mit seinem Bruder eines Tags zustande kommen würde. Es war diese Gewissheit, die ihm ein Gefühl der Zuversicht verlieh. Zusammen mit seinem Bruder würde er einen ernst zu nehmenden Machtfaktor in dieser für ihn neuen Umgebung bilden, die er mittlerweile als feindlich einschätzte.

Er dachte wieder an die Kraft, die das Raumschiff am Start hinderte. War es möglich, dass der Wunsch, in der Nähe seines Bruders zu bleiben, in einem Teil seines Bewusstseins so massive Form angenommen hatte, dass von ihm die zerstörenden Energien ausgingen, denen die SOL zum Opfer fallen würde, sobald sie die schützende Lufthülle des Planeten verließ? Diese Überlegung beunruhigte ihn. Es behagte ihm nicht, der Ursprung von Kräften zu sein, die er nicht kannte.

»Ich kann mich mit deiner Theorie nicht anfreunden.« Ein gewisses Unbehagen stand in Galbraith Deightons Gesicht zu lesen.

»Das ist keine Theorie«, antwortete sein Gesprächspartner. »Nur eine dumpfe und hässliche Ahnung.«

Das Gespräch fand in einer spärlich ausgestatteten Kammer statt. Es gab einen Tisch und zwei nicht sehr komfortable Sessel. In die Wände eingebaut – aber so, dass man sie erst registrierte, sobald sie den Betrieb aufnahmen – gab es Holoschirme und Kommunikationsanlagen. Der kleine Raum lag abseits der frequentierten Korridore im walzenförmigen Mittelteil des Riesenraumschiffs SOL. Er war ein Versteck, in das sich Galbraith Deighton und Perry Rhodan in letzter Zeit öfter zurückzogen, um über Probleme zu reden, die sie im engsten Kreis zu lösen versuchten.

Es gab keine Sicherheitsvorrichtungen, die diese Kammer schützten. Sicherheit und Ungestörtheit der beiden Männer, die hier zu gewichtigen Besprechungen zusammenkamen, beruhten auf dem Umstand, dass niemand außer ihnen diese Kammer kannte ... nicht einmal SENECA, dem sonst alles an Bord der SOL geläufig war. Denn die Kammer hatte es ursprünglich nicht gegeben. Sie war irgendwann aus dem toten Winkel eines wenig benutzten Korridors geschaffen worden, als es in der Nähe einen Schaden zu reparieren gegeben und die Werkroboter einen Ort benötigt hatten, an dem sie nach getaner Arbeit ihre nicht fest eingebauten Werkzeuge ablegen konnten.

Erst vor kurzem hatte Rhodan die Kammer mit kümmerlichem Mobiliar ausstatten lassen – von Robotern, deren Speicher nach Vollendung der Arbeiten gelöscht und neu beschickt worden waren. Nach menschlichem Ermessen gab es an Bord der SOL niemand außer Deighton und Rhodan, der die Kammer kannte.

»Die Mentalität der Kelosker ist für uns noch völlig undurchschaubar«, sagte Deighton. »Sie gehen mit Energieformen um, die wir nicht kennen und nicht analysieren können. Ich bin also auf unerwartete Ereignisse vorbereitet. Aber dass ausgerechnet SENECA mit den Keloskern gemeinsame Sache machen sollte ...«, er schüttelte ungläubig den Kopf, »... nein, das will mir nicht in den Schädel.«

»Er behauptet«, hielt Rhodan entgegen, »die geheimnisvolle Kraft, die bei einem Start zur Explosion des Schiffs führen würde, befinde sich in den Rohstoffen von Last Stopp ...«

»Wir haben bislang kein bestätigendes Untersuchungsergebnis. Das besagt doch wohl, dass SENECA sich irrt.«

Galbraith Deighton war ein hochgewachsener, schlanker Mann, der für gewöhnlich Sicherheit und innere Ruhe ausstrahlte. Im Augenblick war davon jedoch wenig übrig. Die eigenartigen und gefährlichen Ereignisse der letzten Tage und Wochen, die Unfähigkeit, den Geheimnissen des Planeten Last Stopp und der Kleingalaxis Balayndagar auf die Spur zu kommen ... all das hatte für Nervosität gesorgt.

»Ich frage mich, ob SENECA sich mit Absicht irrt«, stellte Rhodan fest.

Ruckartig hob Deighton den Blick. »Warum fragst du ihn nicht einfach?«

»Die Sache wird bedenklich«, erwiderte Rhodan. »Wir haben uns so daran gewöhnt, unsere Probleme im engsten Kreis zu diskutieren, dass wir zum selben Zeitpunkt auf dieselben Gedanken kommen. Wir sind im Begriff, unsere Identität zu verlieren.« Keineswegs der Tonfall, sondern nur sein Lächeln verriet, dass seine Beobachtung nicht ernst zu nehmen war.

»Du willst ihn wirklich fragen?«

»Natürlich! SENECA ist darauf programmiert, mir die Wahrheit zu sagen. Oder er war es zumindest.«

»Programmierbar ist nur der positronische Teil. Das Plasma dagegen ...« Deighton redete nicht weiter.

»Wenn SENECA mit den Keloskern gemeinsame Sache macht, wird er mich belügen«, konstatierte Rhodan. »Aber vielleicht bietet selbst seine Lüge einen Anhaltspunkt, der uns weiterhilft.«

»Ich fürchte«, sagte Deighton zweifelnd, »dass ein Wesen, das nach menschlichen Maßstäben einen Intelligenzquotienten von rund achthunderttausend aufweist, vorzüglich zu lügen versteht.«

»Natürlich.« Rhodan grinste jetzt. »Und das auf eine hyperintelligente Weise, die wir Dummköpfe manchmal durchschauen können.«

Vor ihm lag eine gigantische Halle, ein Raum, der die Sinne verwirrte und die Instinkte noch viel mehr, weil in ihm Einflüsse herrschten, die menschlicher Erfahrung zuwiderliefen. Künstliche Schwerefelder zum Beispiel, die jedem, der aufrecht den Raum betrat, schon nach wenigen Schritten den Eindruck vermittelten, er liege auf der Seite oder bewege sich gar mit dem Kopf nach unten.

Die Halle wirkte wie ein Würfel mit knapp einem Kilometer Kantenlänge. In den Ecken leuchteten grelle Sonnenlampen, deren Lichtfülle eine in der Raummitte frei schwebende Kugel funkeln ließ. Ihr Durchmesser betrug rund die halbe Seitenlänge. Woraus sie bestand, blieb aus der Ferne unermittelbar. Das fahle Rot des molekular verdichteten Stahls vermischte sich mit dem vielfarbigen Schimmer der sie umgebenden Energiefelder.

Nur zwei Zugänge existierten. Sie waren leuchtende Brücken, die den Abgrund überwanden – nichts anderes als geformte Energie.

An der Berechtigung des Mannes, der soeben aus Richtung der SOL-Zelle-1 die Energiebrücke betrat, bestand kein Zweifel. Perry Rhodan wurde dennoch denselben Prüfungen unterworfen wie jeder, der sich der Kugel näherte. Nachdem ihn Energiesensoren abgetastet hatten, brauchte er mehrere Minuten, um den zweihundertundfünfzig Meter weiten Abgrund zu überqueren. Das künstliche Schwerefeld vermittelte den Eindruck, die Brücke führe leicht bergauf. Das energetische Gebilde unter Rhodans Füßen fühlte sich an wie feste Materie.

Rhodan erreichte ein Stahlschott. Dahinter lag eine quadratische Kammer. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine zweite Tür und anschließend einen langen, lichtdurchfluteten Gang.

Erst ein drittes Schott führte in den Besprechungsraum. Die Einrichtung beschränkte sich auf das Übliche: ein Tisch, Sessel, Holoschirme und energetische Akustikfelder als schillernde Ringe, die mit der leichtesten Berührung verschoben werden konnten.

Rhodan setzte sich. »Ich bin gekommen, um mit dir zu reden, SENECA.«

»Ich höre, mein Freund«, antwortete eine wohlklingende Stimme.

»Ich habe eine Hypothese«, sagte Rhodan. »In den Materialien, die wir auf Last Stopp an Bord genommen haben, befinden sich weder fremde noch unbekannte oder gar gefährliche Substanzen. Die Explosion der Beiboote beim Versuch, den Planeten zu verlassen, kann unmöglich mit den Rohstoffen zu tun haben.«

»Das ist keine Hypothese«, antwortete SENECA, »sondern eine Infragestellung meiner Auskünfte.«

»Richtig. Sie bildet auch nur die Grundlage meiner eigentlichen Hypothese. Ich behaupte, dass du mit dem Geschehen zu tun hast.«

»Du glaubst, ich hätte die Fahrzeuge vernichtet?« In SENECAS Stimme schwang ein Unterton von Ungläubigkeit und Amüsement mit.

»Genau das ...«, bestätigte Rhodan.

Prompt kam der Ausspruch, den zu formulieren die Hyperinpotronik nur wegen eines winzigen Schaltfehlers in der Lage war, eines Fehlers, den man leicht hätte beheben können, es aber doch nicht tat, weil SENECA so menschlicher wirkte:

»Das wüsste ich aber!«

»Du behauptest, du hättest nichts damit zu tun?«

»Ich müsste davon wissen, nicht wahr?«

»Du weißt mehr, als du zugibst.«

»Mir fehlt die Fähigkeit, eine zur direkten Befragung autorisierte Person zu belügen.«

»In letzter Zeit frage ich mich, was dir außerdem fehlt.«

»Bitte erkläre das genauer.«

»Ein gehöriges Maß an Loyalität zum Beispiel. Und Skrupel.«

»Ich verstehe dich nicht ...«

Rhodan stand auf. »Du spielst in dieser Farce eine undurchsichtige Rolle. Du willst darüber nichts sagen. Gut. Aber ich werde weiterforschen und eines Tags herausfinden, welche Absichten du verfolgst. Deine Haltung ist mehr als nur befremdlich.«

2.

Sunchex Olivier trauerte nichts und niemandem lange nach. Ein Transportroboter brachte das Gadget zur SOL, während er selbst an Bord eines Fluggleiters zum Raumschiff zurückkehrte. Vylma Seigns hingegen hatte schon eine frühere Rückflugmöglichkeit genutzt.

Sunchex' Arbeitsbereich lag auf einem der oberen Decks in SOL-Zelle-1. Er war Mechaniker. Für die Suche nach Artefakten hatte er sich freiwillig gemeldet, nachdem er sichergestellt hatte, dass er Vylma zugeteilt werden würde. Nach seiner Rückkehr meldete er sich bei seinem Vorgesetzten, einem korpulenten Mann namens Veedre, dessen Vorfahren von Plophos stammten. »Ich muss dir etwas mitteilen ...«, eröffnete Sunchex.

Veedre warf einen Blick auf die Zeitanzeige. »Jetzt ist Arbeit angesagt, keine Schwatzzeit«, knurrte er.

Sunchex hatte sich von Veedres bärbeißiger Art nie einschüchtern lassen. »Es ist wichtig«, beharrte er. »Es geht um Romeo und Julia.«

»Was ist mit ihnen?«

»Sie tauchten urplötzlich genau bei dem Gadget auf. Übrigens ein seltsames Artefakt, denn es griff meinen Begleiter an ...«

»Weiter!«, drängte Veedre.

»Nun, die Roboter behaupteten, sie suchten nach metapsi... metapsi... Ich weiß nicht mehr, wie sie die Dinger nannten. Jedenfalls meinten sie Gadgets. Wir wollten sie wegschicken, ich und mein Begleiter; aber erst als wir ihnen versprachen, das Artefakt sanft zu behandeln ... erst dann gingen sie.«

Veedre taxierte den Mechaniker misstrauisch. »Du hattest zu viele Margueritas, wie?«

Sunchex wies den Vorwurf entrüstet von sich. »Ich war schon lange nicht mehr so nüchtern!«, schwor er.

»Wer war dein Begleiter?«

»Vylma«, antwortete Sunchex kleinlaut und bekam vor Aufregung glänzende Augen.

»Oh.« In der Konstellation, wusste Veedre, war Sunchex wirklich nüchtern gewesen. »Wird Vylma dasselbe aussagen wie du?«

»Natürlich. Alles war so, wie ich sagte.«

»Die Geschichte scheint interessant zu sein – wenn sie wahr ist«, erklärte Veedre. »Mit deinem Einverständnis schicke ich die Aufzeichnung an die Bordsicherheit.«

»Natürlich habe ich nichts dagegen«, entrüstete sich Sunchex Olivier. »Das will ich doch!«

Er ging an seinen Arbeitsplatz, wo er Werkroboter für den Zusammenbau eines neuen Gleitertyps programmieren sollte. Die Vorlage war erst vor wenigen Tagen überspielt worden. Er hatte die Angaben schon in ein plausibles Schema übertragen und merkte kaum, wie die Zeit verflog. Als er seinen Namen über Interkom hörte, waren seit der Unterhaltung mit Veedre fast drei Stunden vergangen.

»Sunchex Olivier zum Vormann!«

Er ließ alle Dateien geöffnet und eilte zu Veedres Büro. Natürlich erwartete er Fragen über Romeo und Julia. Veedre hatte jedoch ein völlig anderes Anliegen.

»Was weißt du über den Transporter JX-Q-255?«

Sunchex reagierte irritiert. »Was soll ich über ihn wissen? Ist etwas Besonderes an der Maschine, das sie von anderen Transportern unterscheidet?«

»Erinnerst du dich an die Kennung?«

»Wieso?«

»Du selbst hast den Transporter gerufen.«

»Wann ...?«

Veedre seufzte. »Welchen Kode hat dein Armband?«

Umständlich fummelte Sunchex an dem Gerät. »Eins-sieben-neun-zwo«, las er stockend ab.

»Na also. Mit diesem Zeichengeber wurde JX-Q-255 zuletzt gerufen.«

Endlich huschte es wie eine späte Einsicht über Sunchex' gebräuntes Gesicht. »Ist das der Transporter, von dem ich das Gadget an Bord bringen ließ?«

»Um acht Uhr einunddreißig Standardzeit«, erklärte Veedre.

Sunchex zuckte mit den Schultern. »Ungefähr richtig«, gab er zu. »Auf jeden Fall war's vor neun, daran erinnere ich mich.«

»Dann warst es also doch du«, triumphierte Veedre.

»Was soll ich gewesen sein?«

»Du hast den Roboter zuletzt gesehen.«

Allmählich erfasste Sunchex, dass es mit dem Transportroboter eine besondere Bewandtnis haben musste. »Zuletzt gesehen?«, erkundigte er sich misstrauisch. »Was heißt zuletzt? Ist die Maschine verschwunden?«

Veedre nickte gewichtig. »Der Transporter ist um elf Uhr vierundzwanzig Standardzeit ohne sichtbare äußere Einwirkung explodiert!«

Vylma Seigns war auf dem schnellsten Weg zur SOL zurückgekehrt, um über das seltsame Verhalten des Roboterpärchens Bericht zu erstatten. Sie hätte das ebenso über Funk tun können, doch der Kontakt von Mensch zu Mensch war ihr lieber. Zudem argwöhnte sie, dass Romeo und Julia den Funkspruch mitgehört hätten.

An Bord der SOL – in der Abteilung für intergalaktische Phänomene, der Vylma angehörte – erregte ihr Bericht erhebliches Aufsehen. Er wurde an Galbraith Deighton weitergeleitet, den Chef für Innere Sicherheit und stellvertretenden Kommandanten der Expedition. Von ihm kam zunächst keine Reaktion. Vylma hatte für den Rest des Tags alle Hände voll zu tun. Mehrere Gadgets waren gefunden worden – doch alle bis auf das eine, das sie und Sunchex entdeckt hatten, nur von geringer Größe. Eines der Geräte hatten Vylma und ihre Gruppe zur Analyse erhalten.

Die Untersuchung jedes Artefakts endete für gewöhnlich in Frustration. Die Technik war so fremd, dass sie sich dem menschlichen Zugriff entzog. Jede mühsam entwickelte Hypothese eines Wissenschaftlers wurde von einem anderen spätestens am nächsten Tag widerlegt. Bisher war es nicht einmal gelungen, die Energiequelle der Gadgets zu identifizieren. Es gab nur die Vermutung, dass sie ebenso wie die energetischen Hüllen larischer SVE-Raumschiffe ihre Energie durch ein unsichtbares Saugfeld unmittelbar aus dem Hyperraum bezogen. Von Gewissheit konnte gar nicht die Rede sein.

Vylma erging es an diesem Tag nicht anders als bei früheren Gelegenheiten. Erschöpft und niedergeschlagen legte sie vier Stunden nach dem üblichen Arbeitsschluss ihre Geräte nieder, überließ das Aufräumen einem Roboter und begab sich zu ihrer Unterkunft. Selbst der Appetit war ihr vergangen, und sie schlief erst lange nach Mitternacht ein.

Sie träumte unruhig, und als sie plötzlich ihren Namen rufen hörte, wusste sie nicht, ob die Stimme aus der Wirklichkeit oder aus ihrem Traum kam. Sie setzte sich stocksteif auf und wartete, bis sich der Ruf wiederholte: »Vylma Seigns, bitte sofort zum Lagerraum acht-null-drei auf dem C-Deck!«

Endlich schwang sie sich von der Liege. Das Licht flammte selbsttätig auf. Hastig streifte Vylma die Alltagsmontur über. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel, ein Versuch, das vom Schlaf zerzauste Haar zu bändigen ... Hoffentlich achtete niemand auf ihr Äußeres. Sie hasste es, schlampig herumzulaufen.

In den Korridoren herrschte Nachtruhe. Nur Robotposten und Spätheimkehrer aus den Labors waren unterwegs. Manchmal grüßte Vylma fahrig. Ihr Weg führte über Rollsteige und einen Antigravschacht. Auf der Ebene der Lagerräume war es noch ruhiger. Leere, düstere Gänge, ein erstarrt wirkender Wachroboter.

Lagerräume 801 bis 820, verkündete eine fluoreszierende Schrift. Der Korridor war breit genug für umfangreiche Lasten. Vylma hätte auf Anhieb nicht zu sagen vermocht, wann sie zum letzten Mal hier gewesen war. Auf den Ladedecks hatte sie für gewöhnlich nichts zu tun. Es war ihr schleierhaft, warum sie ausgerechnet in dieser Sektion benötigt wurde. War hier das Gadget abgeladen worden, das Sunchex und sie am vergangenen Tag entdeckt hatten?

803, leuchtete eine grüne Markierung. Vylma wäre beinahe gegen das Schott geprallt. Hier öffneten sich die Türen nicht automatisch, vielmehr gab es rechter Hand eine kleine Schalttafel. Erst auf banalen Handabdruck hin setzten sich die Schotthälften geräuschlos in Bewegung.

Der Lagerraum lag in völliger Finsternis. Vylma Seigns blieb im Durchgang stehen. Sie beugte sich vorwärts, lauschte sekundenlang und rief: »Ist hier jemand?«

Aus der Dunkelheit erscholl Antwort. »Kommen Sie herein, aber vorsichtig!«

Die Stimme klang ruhig, fast beiläufig. Vylma vertraute sich der Finsternis an. Sie lenkte ihre Schritte in die Richtung, aus der die Stimme erklungen war. Vom Korridor fiel noch eine fahle Lichtbahn ins Lager, aber je weiter Vylma vordrang, desto vollkommener wurde die Finsternis.

Vylma Seigns blieb stehen. »Warum schalten Sie die Beleuchtung nicht ein?«, fragte sie, ärgerlich und beunruhigt zugleich.

»Das Ding ist lichtempfindlich.«

»Wer sind Sie eigentlich?«

Ein scharrendes Geräusch erklang. Es kam auf sie zu. Zum ersten Mal argwöhnte Vylma, dass dies eine Falle sein konnte. Aber von wem? Und wieso?

»Melden Sie sich!«, rief sie. »Wer sind Sie?«

Das Scharren wurde lauter. Vylma wollte sich herumwerfen und davonlaufen. Bevor sie dazu kam, wuchs vor ihr ein grotesker Schatten auf. Sie glaubte, eine Fülle sich windender Tentakel auf sich zuschießen zu sehen, und schrie vor Entsetzen auf.

Einem grellen Blitz folgte ein ohrenbetäubendes Dröhnen, in dem die Welt unterging. Danach wusste Vylma Seigns nichts mehr von sich.

»Gibt es einen Grund, weshalb ich mich persönlich um diesen Fall kümmern muss?«, fragte Galbraith Deighton seinen Adjutanten.

Der junge Major machte ein bekümmertes Gesicht. »Keinen, den ich logisch begründen könnte, Sir. Ich habe nur das Gefühl, dass an der Sache etwas faul ist.«

»Ein Transporter ist explodiert«, resümierte Deighton. »Das ist zwar ungewöhnlich, geschieht aber hin und wieder.«

»Diesmal ohne äußeren Anlass oder erkennbaren Fehler«, gab der Major zu bedenken. »Die Untersuchung der Explosionsreste ergab keinen verwertbaren Hinweis.«

»Bin ich Fachmann für unerklärliche Explosionen?«

Der Major erlaubte sich ein ziemlich respektloses Grinsen. »Sie sind ein Fachmann für Rätsellösungen, Sir.«

»Sagt man das von mir?« Deighton zog die Brauen in die Höhe.

»Allerdings, Sir. Außerdem ist da noch etwas. Der fragliche Roboter war derselbe, der das große Gadget transportiert hat. Sie erinnern sich: der Fund von Vylma Seigns und ... und ...« Vergeblich suchte er nach dem Namen ihres Begleiters.

Galbraith Deightons Interesse erwachte schlagartig. »Warum sagen Sie das nicht gleich?«, warf er dem Adjutanten vor. »Das größte bislang gefundene Gadget. Und ausgerechnet dieser Transporter explodiert? Ich finde das merkwürdig.«

Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen. Der Major nahm sich trotzdem die Freiheit eines Kommentars: »Das sagte ich zu Anfang, Sir.«

Deighton schien ihn nicht zu hören. »Wir müssen mit Vylma Seigns reden«, entschied er. »Rufen Sie ... Halt! Wie spät ist es?«

»Kurz vor fünf, Sir.«

Deighton machte ein verdrossenes Gesicht. »Dann muss sie eben mit weniger Nachtruhe auskommen. Ich will Vylma Seigns sehen – sofort!«

Der Adjutant trat seitlich an den Arbeitstisch und aktivierte die interne Kommunikation. Deighton studierte inzwischen die vorläufigen Untersuchungsergebnisse. Er achtete nicht auf den Major.

Minuten später räusperte sich der Adjutant.

Galbraith Deighton schaute auf. »Was ist?«

»Die Frau reagierte nicht auf den Anruf. Also beorderte ich eine Ordonnanz zu ihrem Quartier. Sie ist nicht anwesend, Sir. Vylma Seigns scheint mitten in der Nacht aufgestanden und fortgegangen zu sein. Allerdings nicht zu ihrem Arbeitsplatz, denn da wurde sie ebenfalls nicht angetroffen.«

Deighton erkannte die Unruhe des jungen Mannes. »Wir werden sie bald gefunden haben«, beschwichtigte er. »Ich kenne Vylma. Wenn sie mitten in der Nacht unterwegs ist, fällt sie jedem auf, der ihr begegnet.«

Galbraith Deightons Prognose erwies sich nur zum Teil als richtig. Mehrere Männer erinnerten sich, der Frau begegnet zu sein. Doch auf dem E-Deck der SOL-Zelle-1 endete die Spur, und von da an musste SENECA eingesetzt werden, der in nahezu jeden Raum Einblick hatte.

»Die gesuchte Person befindet sich im Lagerraum 803, C-Deck, SOL-Zelle-1«, lautet seine Meldung. »Physiotherapie wird empfohlen. Die Frau ist bewusstlos und möglicherweise schwer verletzt.«

Zugleich alarmierte SENECA einen Rettungstrupp. Als Deighton mit seinem Begleiter den Lagerraum erreichte, wurde die Bewusstlose soeben abtransportiert.

»Sie hat überaus schwere Verletzungen, Sir«, erklärte einer der Ärzte. »Dass sie überhaupt noch lebt, erscheint wie ein kleines Wunder.«

»Was für Verletzungen?«, wollte Deighton wissen.

»Mechanische. Schläge mit einem stumpfen, schweren Gegenstand.«

»Wird sie es überstehen?«

»Wären wir fünf Minuten später gekommen, würde ich mit Nachdruck sagen, nein. So aber ...« Der Arzt zuckte mit den Schultern.

»Bringen Sie die Frau durch, egal wie! Sie ist ungeheuer wichtig.«

Deighton ließ den Lagerraum absuchen. Die Spezialisten der Bordsicherheit brachten die empfindlichsten Geräte zum Einsatz. Irgendwo musste der Täter, der Vylma Seigns brutal zusammengeschlagen hatte, eine Spur hinterlassen haben. Aber die Hoffnung trog. Es gab nicht einmal einen Infrarotabdruck des Unbekannten.

Als Galbraith Deighton das Untersuchungsergebnis hörte, konnte er seine Bestürzung nur schwer verbergen. Sein Adjutant war noch anwesend. In Gedanken versunken ging er einige Schritte auf und ab, die Arme auf dem Rücken verschränkt.

»Selbst hinter diesem negativen Ergebnis verbirgt sich etwas«, erklärte er. »Ich kann das fast spüren. Leiten Sie die Ergebnisse an SENECA weiter und fordern Sie seine Auswertung an. – Oder, besser ... warten Sie!«

»Sir ...?«

»Nicht SENECA!«, befahl Deighton. »Beauftragen Sie den Bordrechner der SOL-Zelle-1!«

Der Major starrte ihn verblüfft an. »Das heißt, dass wir auf die überlegene Rechenkapazität verzichten. SENECA ist dem Bordrechner so weit voraus, dass ...«

»Nur an Kapazität«, unterbrach Deighton schwer. »Nicht an Zuverlässigkeit.«

»Ich bin nicht für Betrunkene zuständig!«, schnarrte der Wachsergeant auf dem F-Deck.

»Ich glaube nicht, dass der Mann betrunken ist«, brachte sein baumlanger, dürrer Untergebener mit ungewöhnlichem Eifer hervor. »Ich habe eher den Eindruck, dass bei ihm einige Schrauben locker sind.«

»Für Verrückte bin ich ebenfalls nicht zuständig«, knurrte der Sergeant.

»Verstanden«, gab der Dürre zu. »Aber die Roboter sind auch nicht auf den Kopf gefallen. Wenn sie den Mann auf die Wache bringen anstatt ins Lazarett, liegt ein Fall vor, um den Sie sich kümmern müssen.«

Mit Hilfe der Dienstvorschrift war der Sergeant stets auf Trab zu kriegen gewesen. Er sah auf und erklärte mürrisch: »Na schön ... bringen Sie den Mann herein!«

Der Dürre öffnete das Schott. »Komm schon!«, rief er.

Ein kleiner Mann trat zögernd näher. Sein schmales Gesicht wirkte verkniffen, unruhig fuhr er sich mit einer Hand über die flache Stirn und durch das wirre schwarze Haar.

»Wie heißen Sie?«, wollte der Sergeant wissen.

Der Kleine machte eine verwirrte Bewegung. »Das ... das weiß ich nicht«, stotterte er.

Der Sergeant musterte seinen Untergebenen. »Der Mann ist ja doch betrunken.«

»Nein«, protestierte der Schwarzhaarige. »Das stimmt nicht ... Etwas ist mir zugestoßen, aber ich weiß nicht mehr, was. Ich ... ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.«

Seine Rede war einigermaßen zusammenhängend und passte nicht zu der Vermutung, er sei betrunken. Damit blieb dem Sergeant nur noch die andere Hypothese. Der Mann war also verrückt. Eine schnelle Interkomverbindung zur nächsten Krankenstation sollte das klären helfen. Das Abbild eines älteren Arztes stabilisierte sich.

»Ich habe hier einen Irren für euch«, eröffnete der Sergeant ohne jede Vorrede. »Wollt ihr ihn abholen, oder soll ich ihn hinüberbringen lassen?«

»Wie kommen Sie zu dem Mann?«

»Die Wachroboter haben ihn aufgegriffen und einem meiner Leute übergeben.«

Der Arzt kniff die Brauen zusammen. »Dann ist er nicht irre. Sonst hätten die Roboter ihn direkt überstellt. Wie kommen Sie überhaupt zu der Ansicht ...?«

»Er kann sich nicht einmal an seinen Namen erinnern.«

»Das hat mit Irrsinn nichts zu tun. Weiter!«

»Er ... er stottert«, fiel dem Sergeant zum Glück noch ein.

Der Arzt explodierte förmlich. »Das halten Sie für ein Anzeichen von Irrsinn? Mann, wenn ich Sie laut genug anschreie, fangen selbst Sie an zu stottern. Ich empfehle Ihnen dringend, die Dienstvorschrift durchzulesen und zur Kenntnis zu nehmen, dass Sie eine Ihnen unbequeme Person nicht einfach an die nächste Krankenstation abschieben können.«

Die Wiedergabe erlosch. Mit hochrotem Gesicht wandte der Sergeant sich seinem Untergebenen zu. Der reckte protestierend die Arme in die Höhe. »O nein!«, rief er. »Sie werden Ihre Wut nicht an mir auslassen! Ich kann für die ganze Sache nichts. Aber ich habe eine Idee.«

»Was für eine?«

»Wir müssen die Identität des Mannes feststellen. Wahrscheinlich wird er schon vermisst.«

Der Sergeant war einverstanden, und der Dürre bat den Schwarzhaarigen um dessen Identifizierungschip. Der Mann ohne Gedächtnis wusste nicht, was ein ID-Chip war, er erlaubte jedoch, seine Taschen zu durchsuchen. Die Suche förderte eine ovale Plastikmarke zum Vorschein.

»Gleich werden wir wissen, woran wir sind«, sagte der Sergeant zuversichtlich.

Galbraith Deighton wandte sich vom Interkom ab. »Vylma Seigns wird überleben«, sagte er zuversichtlich. »Sie hat es gerade noch geschafft. Aber es wird wohl Tage dauern, bis sie wirklich vernehmungsfähig sein wird.«

»Das ist viel Zeit, Sir«, sagte der Adjutant ernst.

»Inzwischen haben wir den Bordrechner. Was liefert der?«

»Er verweist auf eine unzureichende Eingabe.«

»Und eine Simulation ...?«

»Er weiß nicht, was er simulieren soll.«

Galbraith Deighton winkte mürrisch ab. »Was ist mit Vylmas Begleiter? Sie war nicht allein, als sie das Gadget fand.«

»Wir haben den Mann ebenfalls gesucht. Es handelt sich um einen Mechaniker namens ...« Der Major blickte auf sein Armband. »Sunchex Olivier«, vollendete er. »Bis jetzt war er nicht aufzutreiben. Dazu muss ich bemerken, dass die unteren Dienstgrade ...«

»... umfangreiche Freiheiten besitzen, ich weiß«, fiel ihm Galbraith Deighton ins Wort. »Der Mann wurde ausgerufen?«

»Selbstverständlich, Sir.«

»Er wird nicht spurlos verschwunden sein. Die Explosion des Roboters, das Attentat auf Vylma Seigns ... Irgendwo muss es einen Zusammenhang geben!«

»Ist es denkbar«, fragte der Major hastig, »dass auch dieser ... dieser Sunchex ...?« Weiter kam er nicht. Jemand verlangte, ihn über Interkom zu sprechen. Sein Gesicht wurde blasser, die Lippen bildeten nur noch einen dünnen Strich.

»Meine Vermutung, Sir«, sagte er gleich darauf. »Olivier wurde aufgegriffen, als er durch die Korridore des F-Decks irrte. Er hat seine Erinnerung verloren ...«

Dasselbe ärmliche Kämmerchen: ein Tisch und zwei einfache Sessel.

»Ich leiste Abbitte«, sagte Galbraith Deighton ernst. »Die jüngsten Ereignisse haben mich zu deiner Meinung bekehrt. SENECA ist verdächtig.«

»Wir stimmen also überein«, stellte Perry Rhodan fest. »Wie siehst du die Lage?«

»Ich kenne vorerst nur einen Ausschnitt davon genau. Nämlich den, der mit dem großen Gadget zu tun hat.«

»Deine Folgerung ...?«

»Eines unserer Suchteams, Vylma Seigns und Sunchex Olivier, stieß auf ein ungewöhnlich großes fremdes Objekt. Es verhielt sich zunächst, als wollte es unsere Leute angreifen. Aber dann erschienen Romeo und Julia. Die beiden SENECA-Ableger waren nur mit Mühe zum Abzug zu bewegen. Ein Transportroboter wurde gerufen, um das Gadget abzutransportieren, und kehrte mit seiner Last an Bord der SOL zurück. Später fing das Unheil an. Zuerst explodierte der Transporter, dann wurde Vylma Seigns fast zu Tode geprügelt. Schließlich verlor Olivier sein Gedächtnis. Die Absicht ist klar.«

»Wirklich?«, fragte Rhodan.

»Uns soll die Möglichkeit genommen werden, das Gadget zu visualisieren. Wahrscheinlich, weil aus dem Aussehen auf die Funktion geschlossen werden kann.«

»Und die wäre?«

»Woher soll ich das wissen? Dazu müsste ich das Ding gesehen haben.«

Sekunden vergingen in unbehaglichem Schweigen. Plötzlich sagte Rhodan mit verhaltenem Zorn in der Stimme: »Wir wissen es schon die ganze Zeit über ... nur wollen wir es uns nicht eingestehen, nicht wahr?«

Die Frage »Was?« brannte Deighton auf der Zunge, aber er schluckte sie unausgesprochen hinunter. Sie hatten die Ereignisse um Vylma, Sunchex und den Roboter erst zu spät im Zusammenhang erkannt. Etwas Wichtiges war ihnen dabei entgangen.

»Wahrscheinlich hast du Recht«, antwortete Deighton endlich. »Im Übrigen schadet es nur unserem Stolz, wenn wir uns jetzt gleich vergewissern.«

Statt einer Antwort ließ Rhodan ein Seufzen vernehmen. Er aktivierte ein Holo. Ein glühend rotes S und ein saphirblaues C leuchteten auf. Zugleich ertönte eine wohlklingende Stimme.

»Von wo aus werde ich angesprochen? Ich erkenne diese Verbindung nicht.«

»Das tut nichts zur Sache«, antwortete der Terraner. »Du erkennst mich?«

»Selbstverständlich, Perry Rhodan.«

»Lagerraum zwo-zwo-drei, A-Deck – ich benötige eine Bestandsaufnahme mit Bildübertragung.«

»Mir ist dein Standort unbekannt«, protestierte SENECA.

»Unerheblich. Ich erwarte sofortige Erledigung.«

»Lagerraum zwo-zwo-drei, A-Deck, SOL-Zelle-1«, verkündete SENECA. »Eingelagert sind ausschließlich Metapsi-Automata, die von Suchgruppen in der Umgebung des Landeplatzes gefunden wurden. Ihre Zahl ...«

»Wie viel verschiedene Größen gibt es?«

»Mir fehlt ein Kriterium zur Definition von Größenklassen.«

»Verdoppelung«, antwortete Rhodan spontan. »Zwei Gadgets, von denen eines das doppelte Volumen des anderen einnimmt, gehören verschiedenen Größenklassen an.«

»Es gibt nur eine Größenklasse«, stellte SENECA fest.

»Das Bild!«, forderte Rhodan.

Die Initialen verschwanden. Stattdessen erschien ein Abbild des großen Lagerraums. Es gab nicht viel zu sehen. Etwa zwei Dutzend Gadgets der üblichen geringen Größe waren zu Reihen angeordnet. Auf dem Boden vor jedem klebte ein Leuchtetikett mit der Angabe von Fundzeit und -ort.

Die Enttäuschung grub Falten in Galbraith Deightons Gesicht. »Es ist tatsächlich nicht da«, murmelte er.

Nach fast vier Stunden, in denen er versucht hatte, sich mit Rhodan auf einen Aktionsplan zu einigen, kehrte Deighton in sein Quartier zurück. Mehr als dreihundert Männer und Frauen suchten inzwischen mit hoch empfindlichen Sensoren jedes Deck der SOL ab. Aber schon eine nur grobe Durchsuchung des riesigen Raumschiffs würde Tage in Anspruch nehmen.

Zudem stellte sich die Frage nach der Funktion des verschwundenen Artefakts. Offensichtlich spielte es in der Strategie der Kelosker gegenüber der SOL eine wichtige Rolle. Nichts als Fragen, aber nirgendwo eine einzige Antwort. SENECA antwortete auf Fragen freundlich und zielbewusst wie immer. Doch angeblich wusste er nichts. Schlimmer noch: Seine Logik versagte, wenn es darum ging, potenzielle Deutungsmöglichkeiten des keloskischen Verhaltens zu ermitteln.

Wahrscheinlich, dachte Deighton, lügt SENECA. Er weiß mehr über die Kelosker. Er muss einfach mehr wissen.

Die riesigen Mengen an Plasma von der Hundertsonnenwelt verliehen der Hyperinpotronik so etwas wie den Status einer Persönlichkeit. Sie war von Anfang an eher Gefährte als Werkzeug gewesen, ein loyales Geschöpf, das die eigene Intelligenz nicht dazu missbrauchte, Konflikte heraufzubeschwören. Erst mit der Landung auf Last Stopp hatte sich das geändert.

SENECA war unzuverlässig geworden. Und je aufsässiger er reagierte, desto mehr erschien er als persönlicher Gegner, den man hassen und über den man verbittert sein konnte. Dabei kam der Hyperinpotronik zugute, dass ihr ein hohes Maß an Selbstbestimmung zugestanden worden war, mehr als je einem anderen Hybridrechner zuvor. SENECA konnte ohne deutliche Anzeichen dafür, dass der Plasmabestandteil dem Wahnsinn verfallen war, von außen nicht abgeschaltet werden. Seine autarke Energieversorgung befand sich im Innern der Riesenkugel, die auch den Rechner selbst beherbergte. Andererseits hatte SENECA selbst zu beurteilen, wann ihm Gefahr drohte, und konnte dann Gegenmaßnahmen ergreifen. Seine Erbauer hatten nur dafür gesorgt, dass er bestimmte Personen niemals als Feinde betrachten konnte, es sei denn – und hier zeigte sich das Prinzip der Gleichberechtigung, das ins Design eingegangen war –, es lagen deutliche Anzeichen dafür vor, dass diese Personen den Verstand verloren hatten.

Der Weg zur Beseitigung der aktuellen Missstände führte über SENECA selbst. Vor der Lösung des keloskischen Problems musste die Besatzung herausfinden, was die Hyperinpotronik zu ihrem merkwürdigen Verhalten veranlasste. Und das, erkannte Galbraith Deighton deutlich, war alles andere als eine angenehme Aufgabe.

So weit war er in seinen Gedanken gekommen, als sich ein Besucher anmeldete. Die Bilderfassung zeigte einen mittelgroßen, drahtigen jungen Mann mit dicht gelocktem tiefschwarzem Haar. Er hob den Blick, als spürte er genau, dass er in dieser Sekunde beobachtet wurde.

Deighton befahl der Automatik, das Schott zu öffnen.

»Kommen Sie herein, Hellmut!«, rief er.

Joscan Hellmut, der Betreuer der Roboter Romeo und Julia, trat ein. Wie immer wirkte er verschlossen und zurückhaltend.

»Ihr Anliegen scheint sehr wichtig zu sein«, bemerkte Deighton, auf die Uhrzeit anspielend.

3.

Das Ereignis, von dem Joscan Hellmut sprach, hatte vor dreieinhalb Wochen stattgefunden, also bald nach der Landung des Raumschiffs auf Last Stopp. Romeo und Julia hatten ein aufgefundenes Artefakt sofort und so gründlich vernichtet, dass keine Spur davon geblieben war. Joscan Hellmut war Zeuge dieses Vorgangs gewesen, hatte die Roboter aber nicht von ihrem Tun abhalten können.

Seine Aussage löste umfangreiche Aktivitäten an Bord der SOL aus. Rhodan und Deighton versuchten unter Hinzuziehung einiger Mutanten zu klären, warum das Roboterpärchen das Artefakt zerstört haben mochte. Sie gelangten einhellig zu der Ansicht, dass Romeo und Julia die Existenz des fremden Geräts vor der Besatzung hatten geheim halten wollen. Da die Roboter jedoch so gut wie keine Eigeninitiative entwickelten, sondern als Ableger der Hyperinpotronik handelten, hatte demnach SENECA verhindern wollen, dass die Besatzung von dem Gadget erfuhr. Seine Handlung erschien in gewissem Sinne unlogisch, denn es gab auf Last Stopp so viele Artefakte, dass die Roboter kaum alle vernichten oder verstecken konnten. Dieser scheinbare Mangel an Logik war leicht erklärbar. SENECA hatte anfangs nicht gewusst, dass es mehr geheimnisvolle Geräte auf diesem Planeten gab.

Perry Rhodan stellte die Hyperinpotronik zur Rede. SENECA bestritt, von dem Vorgang zu wissen. Er gab sich sogar besorgt und vermutete einen Fehler in seiner Kommunikation mit dem Roboterpaar. Auf Rhodans Vorhaltung, er sei ein Lügner, reagierte SENECA nicht.

Inzwischen hatte Galbraith Deighton veranlasst, dass alle Analysen von Gadgets künftig nicht mehr mit SENECAS Unterstützung durchgeführt werden durften. Bei dieser Gelegenheit verlangte er eine Statistik, wie viele Gadgets aufgefunden und wie viele untersucht worden waren.

Das Ergebnis war alarmierend. Im Laufe der vergangenen vier Tage waren von den Suchgruppen insgesamt dreiunddreißig Artefakte an Bord gebracht worden – nicht mitgezählt das übergroße Gadget von Vylma Seigns und Sunchex Olivier. Deighton erinnerte sich der drei Reihen fremder Gegenstände, die er im Lagerraum 223 gesehen hatte, vor nicht ganz zehn Stunden, als er mit Rhodan in der geheimen Kammer referierte. Er ließ sich das Bild erneut zeigen. Es waren noch immer drei Reihen von Gadgets, zwei zu acht und eine zu zehn. Insgesamt sechsundzwanzig Objekte also.

Wo waren die übrigen sieben geblieben ...?

Mühsam arbeitete sich Vylma Seigns' Bewusstsein aus den Tiefen der Ohnmacht empor. Es war ein schmerzhafter Prozess, angefüllt mit quälenden Gedankensplittern und nur halb zu Ende gebrachten Überlegungen. Da gab es etwas, das für die Beurteilung der Lage ungeheuer wichtig sein mochte, aber es entzog sich jedem Zugriff.

Als Vylma endlich zu sich kam, fühlte sie sich hundeelend. Und seltsam: Ausgerechnet jetzt erinnerte sie sich nicht einmal mehr, worüber sie nachgedacht hatte. Geblieben war nur ein bohrender Kopfschmerz.

Nach wenigen Augenblicken erschien in ihrem Blickfeld ein freundlich lächelndes Gesicht. Sie hatte Mühe, sich zu erinnern: Ein Arzt, dachte sie, ein ziemlich junger Mann, hellbraune Haut, vermutlich an Bord geboren.

»Wie geht es dir, Schwester?«

Sie nahm ihm die vertrauliche Anrede nicht übel. Unter den an Bord der SOL Geborenen hatten sich neue Umgangsformen entwickelt, die auch auf die ältere Generation übergriffen. Bruder, Schwester, Sohn und Tochter waren Anreden, die ohne tiefsinnige Bedeutung gebraucht wurden, allein in der Absicht, die eigene freundliche Gesinnung zum Ausdruck zu bringen.

»Ich kann mich nicht beklagen«, antwortete Vylma und versuchte ein Lächeln. »Ihr hattet Mühe mit mir, nicht wahr?«

»Ein wenig.« Der Arzt wurde ernst. »Das Ding hat dich ziemlich bös zugerichtet.«

»Das Ding?«, grübelte sie. »Was für ein Ding?«

»Das wollten wir eigentlich von dir hören, Schwester. Bisher hat niemand eine Ahnung, was dir auf dem C-Deck zugestoßen sein könnte.«

Vylma schüttelte leicht den Kopf. »Ich weiß es auch nicht. Ich sah einen Schatten auf mich zukommen, riesengroß ... und dann war alles aus.«

»Seit ein paar Wochen ist der Teufel los, und von Tag zu Tag wird es schlimmer.« Der junge Arzt seufzte. »Mich nimmt niemand ernst, weil ich nur Mediziner bin, aber ich behaupte, das hat mit den Gadgets zu tun, die in immer größerer Zahl an Bord gebracht werden.«

»Gadgets ...?«, wiederholte Vylma verstört. »Immer größere Zahl ...?«

»Du weißt doch ...«

»Sei still!«, fuhr sie den Mediziner an.

Das war es, worüber sie während des Erwachens nachgegrübelt hatte. Die Zahl der Gadgets! Schlagartig erinnerte sie sich, warum der Gedanke sie derart intensiv beschäftigt hatte. Sie stützte sich auf die Ellbogen und drückte den Oberkörper in die Höhe. »Ich muss mit jemand von der Bordsicherheit sprechen!«, drängte sie. »Sofort!«

»Auf nichts warten die sehnsüchtiger«, sagte der Arzt. »Jeden Tag liegen sie mir in den Ohren, wann du endlich verhörfähig sein wirst. Aber ich weiß nicht, ob das schon ...«

»Ich bin kräftig genug«, unterbrach sie ihn. »Außerdem ist jeder Aufschub gefährlich!«

Zweifel spiegelte sich auf seinem Gesicht. »Ich brauche erst die Zustimmung der Diagnostik.«

»Lass das!«, herrschte Vylma ihn an. »Du bist verantwortlich, wenn du nicht sofort jemanden rufst ...«

Das gab den Ausschlag.

Es war nicht irgendein Offizier, der die Medostation betrat, sondern Galbraith Deighton höchstpersönlich.

»Meine Angelegenheit ist zwar wichtig«, Vylma wurde verlegen, als sie den Mann erkannte, »aber ob Sie sich selbst bemühen müssen, da bin ich nicht so ganz sicher.«

Deighton ließ sich auf einem Stuhl nieder. »Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf. Ich höre mir einfach an, was Sie zu sagen haben, und danach entscheiden wir.«

Vylma nickte knapp. »Es geht wohl um die Gadgets. Wie viele wurden inzwischen gefunden?«

»Dreiunddreißig während der letzten vier Tage.«

»Und vorher?«

»Höchstens eine Handvoll ... vier oder fünf.«

»Finden Sie das nicht merkwürdig?«

»Nein. Schließlich haben wir mit der organisierten Suche erst vor vier Tagen begonnen. Die Peilgeräte stehen uns auch erst seit kurzem zur Verfügung.«

»Das ist richtig«, gestand Vylma zu. »Es gab zuvor keine Suchaktion. Aber die Gegend wurde während der Suche nach Nahrungsmitteln und Rohstoffen auf den Kopf gestellt. Ist es da nicht wahrscheinlich, dass wenigstens einige Artefakte schon eher hätten entdeckt werden müssen?«

Galbraith Deighton wiegte den Kopf. »Zugegeben, das ist ein bislang vernachlässigter Denkansatz.« Er musterte Vylma aufmerksam. »Ich vermute, Sie haben sich eine Erklärung zurechtgelegt?«

Vylma Seigns wich seinem forschenden Blick aus. »Das mag sein. Aber zuvor möchte ich auf etwas hinweisen.«

»Bitte ...«

»Das Tal der roten Würmer ist keine unbekannte Gegend. Unsere Abteilung hat schon wenige Tage nach der Landung von den dort lebenden Würmern erfahren. Ich erinnere mich, dass die biologische Sektion den Auftrag erhielt, das Phänomen zu erforschen. Im Verlauf der Untersuchungen wurde das Tal bis in den hintersten Winkel kartografiert und abgesucht. Es wäre merkwürdig, wenn die Lichtung mit dem großen Gadget unbemerkt geblieben wäre.«

»Weiter!«, drängte Deighton.

»Ich bin überzeugt, dass die Biologen die Lichtung kennen, zumal sie nahe am östlichen Abstieg liegt. Falls jemand das Gadget gesehen hätte, wäre der Fund gemeldet worden. Das scheint nicht geschehen zu sein. Ich behaupte also, dass es vor einigen Tagen noch nicht da war.«

Deighton nickte nachdenklich. Vylma Seigns wusste bislang nicht, dass ihr Fund wieder verschwunden war. »Jetzt will ich Ihre Erklärung hören«, sagte er.

»Die Gadgets wurden nach unserer Landung von den Keloskern herangeschafft.«

»Und wie? Die SOL liegt zwar fest, aber alle Ortungen funktionieren einwandfrei. Wir hätten jedes fremde Raumschiff im Anflug auf Last Stopp sofort bemerkt.«