PERSEUS Kristallmagie - Manfred Rehor - E-Book

PERSEUS Kristallmagie E-Book

Manfred Rehor

5,0

Beschreibung

ERSTER BAND DER PERSEUS-SAGA! - Space Opera trifft Fantasy! - Jahr: 2502. Ort: Perseusarm der Galaxis. Die Kolonialplaneten der Menschheit verlieren die Verbindung zur 5.000 Lichtjahre entfernten Erde. Fremde Raumschiffe greifen an. Seltsame Dinge geschehen, die den Gesetzen der Physik widersprechen. Brendan Hollister, kaum zwanzig Jahre alt, verfügt über einige ungewöhnliche Begabungen. Brendan wird mit seinem Raumschiff Jool immer dorthin geschickt, wo es Probleme gibt ...

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Seitenzahl: 300

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Table of Contents

Title Page

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

PERSEUS Kristallmagie

 

 

von M. E Rehor

 

Imprint

„PERSEUS Kristallmagie“

von M. E. Rehor

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Copyright 2014 - M. E. Rehor, Berlin

Cover: Ivan Zanchetta

ISBN 978-3-7375-2211-3

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Eine vollständige Liste der Romanevon M. E. Rehor finden Sie unter:

http://merehor.de

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Die Personen und Begebenheiten in diesem Buch sind der Phantasie des Autors entsprungen. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Begebenheiten sind rein zufällig.

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Prolog

Hufschläge und das Knarren der Räder einer Kutsche störten die morgendliche Stille. Äsende Tiere flohen zurück in den Schutz des Waldes. Die Kutsche hielt und Fürst Gambarov stieg aus. Er trug Hosen aus Samt, einen purpurnen Umhang und eine Schärpe mit dem Familienwappen. Seine große, korpulente Gestalt wirkte durch diese farbenfrohe Kleidung noch auffälliger als sonst.

Die Reiter hinter ihm saßen ab und hielten ihre Pferde an den Zügeln. Sie trugen martialische Lederrüstungen, waren aber mit modernen Plasmagewehren bewaffnet.

Susan beobachtete die Gruppe von ihrem Versteck am Waldrand aus. Weiter rechts von ihr kauerte Richard in der Senke eines Bachbettes, das ihm genügend Sichtschutz bot. Moraan war auf einen vereinzelt stehenden Baum geklettert. Sie war der Kutsche am nächsten. Von oben überblickte sie das Waldgebiet und sah in der Ferne die Stadt Chend und das Schloss des Fürsten.

Gambarov stand neben der Kutsche und starrte hoch in den Sommerhimmel. Ein heller Punkt war dort erschienen, der langsam größer wurde. Auf einen Wink des Fürsten hin machten sich zwei seiner Männer an der Kutsche zu schaffen. Sie lösten die Lederriemen, mit denen eine Kiste befestigt war. Dann packten sie die Kiste an den Eisengriffen und schleppten sie zu Gambarov.

Susan wusste, was sie enthielt: faustgroße Kristalle. Die verfügten angeblich über magische Eigenschaften. Es gab eine Religion, deren Anhänger glaubten, ein Schöpfergott habe sie geschaffen. Priesterinnen vollführten regelmäßig Rituale, um die Menschen vor der Wirkung dieser Kristalle zu schützen.

Der helle Punkt im Himmel nahm Konturen an. Es war ein kleines Raumschiff, das chemische Triebwerke benutzte. Das war ungewöhnlich. Diese Antriebsart verwendete man im Schwerefeld eines Planeten nur, wenn die Antigravprojektoren ausfielen - oder man nicht geortet werden wollte.

Susan starrte genauso gespannt nach oben wie der Fürst. Die Bauart des Raumschiffes war ihr nicht bekannt. Seine Unterseite war kreisförmig und leicht ausgebuchtet. Anstatt eines großen Haupttriebwerkes schickten mehrere Dutzend kleiner Düsen ihre Feuerlanzen nach unten.

In zweihundert Meter Höhe bremste es vollständig ab. Der glühende Hauch der Triebwerke reichte bis auf den Boden und veranlasste Susan, sich zurückzuziehen. Sie brauchte keine Entdeckung zu befürchten, denn der Fürst und seine Begleiter sahen weiterhin nach oben. Die Besatzung des Raumschiffs würde hoffentlich Wichtigeres zu tun haben, als nach versteckten Beobachtern zu suchen.

Nachdem sie tief genug im Wald war, überlegte Susan, wie sie weiter vorgehen sollte. Wenn das Shuttle aufsetzte, dann sicherlich so, dass die Schleuse in Richtung auf den Fürsten zeigte. Keiner der drei heimlichen Beobachter der Szene würde sehen können, was vor sich ging. Also musste sie in weitem Bogen um den Fürsten herum in dessen Rücken gelangen.

Das war zwar entgegen der Absprache mit ihren beiden Begleitern, aber mit dieser Situation hatten sie nicht gerechnet. Susan sah sich um. Das Shuttle schwebte immer noch über der weiten Lichtung. Sie spurtete los.

Es gelang ihr, eine gute Position hinter den Reitern zu finden, und zwar abseits des Weges. Hier war sie auch sicher, wenn die Kutsche an ihr vorbei zum Schloss zurückfuhr.

Das Raumfahrzeug war immer noch nicht gelandet. Während Susan überlegte, welchen Grund es dafür geben konnte, fuhren kurz nacheinander zwei Blitze aus dessen Seitenwand.

Plasmawaffen, dachte Susan und warf sich zu Boden. Doch dann stand sie gleich wieder auf. Hätten die Schüsse ihr gegolten, wäre sie jetzt tot. Sie sah nach den beiden Stellen, an denen die mehrere tausend Grad heißen Geschosse eingeschlagen hatten. Von ihnen stiegen Qualmwolken in den Himmel: Es waren der Wipfel des höchsten Baums in der Umgebung und die Senke des Bachs, der am Waldrand entlangfloss. Moraan und Richard!

Es krachte in dem brennenden Baum und ein verkohlter Körper fiel durch das Geäst auf den Boden. Susan kämpfte gegen Übelkeit an und gegen den Wunsch, laut zu schreien.

Das Raumschiff sank tiefer. In hundert Meter Höhe erloschen die chemischen Triebwerke, um die wartenden Menschen nicht zu gefährden. Die Besatzung riskierte es, für die letzten Sekunden das Antigravtriebwerk zu nutzen. An der Unterseite fuhren kurze Standbeine mit Tellerauflagen aus. Es landete.

Susan musterte die Form des nur sechs Meter durchmessenden Fahrzeugs. Der große Antriebsblock und das im Vergleich dazu kleine Cockpit sprachen dafür, dass es sich um ein Kurierschiff mit interstellarem Antrieb handelte. Obwohl Susan diesen Typ nie gesehen hatte, konnte sie ihn zuordnen: Das Raumschiff musste den H’Ruun gehören, den schlimmsten Feinden der Menschheit!

Wie von ihr erwartet, öffnete sich die Schleuse dort, wo Fürst Gambarov stand. Eine grotesk aussehende Gestalt erschien.

Fürst Gambarov ging ihr entgegen. Er schien Angst zu haben, denn er sah sich mehrfach nach seinen bewaffneten Begleitern um. Als er nur noch zwei Schritte von der Schleuse entfernt war, begann eine kurze Unterhaltung, die Susan wegen der Entfernung nicht verstehen konnte. Doch die Gestik des Fremden war eindeutig. Er zeigte auf den Baum und auf das Bachbett. Und dann auf Susans vorheriges Versteck. Von dort aus beschrieb er deutend einen Bogen, der in der Nähe ihres jetzigen Standortes endete.

Er hat mich per Infrarot verfolgt, dachte Susan. In Panik sprang sie auf und rannte los. Ihr Ziel konnte es nur sein, die ersten Häuser in den Vororten der Hauptstadt zu erreichen. Die lagen etwa zwei Kilometer entfernt. Nur dort war sie vor einer Entdeckung durch Infrarotgeräte sicher, weil sie in der Menge anderer Menschen untertauchen konnte. Während sie rannte, fiel ihr ein, warum das Kurierschiff sie nicht ebenfalls beschossen hatte: Es hätte über den Fürsten und dessen Begleiter hinweg schießen müssen - und die hätten das missverstehen können. Dem verdankte sie ihr Leben.

Hoffentlich bleibt das Raumschiff am Boden, dachte sie. Die Reiter des Fürsten konnten sie im dichten Wald nicht verfolgen.

Sie hörte Rufe und ein lautes Zischen. Irgendwo hinter ihr entflammte ein Baum. Vielleicht war das ein Warnschuss. Sie kümmerte sich nicht darum.

Wieder das zischende Geräusch.

Susan rannte schneller.

Kapitel 1

Die Frau war einen Kopf größer als Brendan, er musste zu ihr aufsehen. Mit einem Blick erfasste er ihr hageres Gesicht, die kühlen grauen Augen und die kleinen Falten in den Augenwinkeln. Sie war um die fünfzig Jahre alt und trug keine Uniform, sondern eine schlichte schwarze Kombination. Vermutlich war sie die Adjutantin eines hohen Offiziers.

Trotzdem fühlte Brendan sich eingeschüchtert. Er spürte, dass er wie ein gescholtener Junge vor ihr stand. Aber wie immer war er trotz dieser Einsicht nicht in der Lage, sein eigenes Verhalten zu ändern.

„Brendan Hollister?“, fragte die Frau.

„Der bin ich.“ Er nahm das Namensschild entgegen, das sie ihm hinhielt.

„Ich heiße Lydia Vendaar. Willkommen auf Gaia. Haben Sie die Erklärung über Geheimhaltung und Datenschutz unterzeichnet?“

Diese Frage ist überflüssig, dachte Brendan; wer die Erklärung nicht unterschreibt, kommt gar nicht hier herein. „Notgedrungen“, sagte er. „Sie liegt beim Empfang.“

„Gut. Kommen Sie mit.“

Brendan befestigte das Namensschild an der Brusttasche seiner Jacke. Von nun an würde die darin verborgene Mikrokamera alles aufzeichnen, was er während seines Aufenthalts im Hauptquartier der Raumflotte sagte oder tat. Die so gewonnenen Daten durften zehn Jahre lang gespeichert und für militärische Zwecke genutzt werden. So stand es in der Erklärung. Wobei das einer der unproblematischsten Punkte war.

Sollte er hier von militärischen Geheimnissen erfahren, die nicht für Zivilisten gedacht waren, so drohte ihm Schlimmeres. Der Generalstab hatte das Recht, die entsprechenden Gedächtnisareale in seinem Gehirn zu löschen. Eine Prozedur, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch viele private Erinnerungen und einen Teil der Persönlichkeit unrettbar zerstörte.

Brendan war nicht freiwillig hier und er hatte diese Erklärung auch nicht freiwillig unterschrieben. Doch es wäre lächerlich gewesen, sich bei einer Adjutantin darüber zu beschweren.

Lydia Vendaar führte ihn durch breite Gänge zu einem Aufzug. „Hatten Sie eine angenehme Reise?“, fragte sie beiläufig.

„Nein!“, stieß Brendan ruppiger hervor, als er es beabsichtigte. Small Talk war nicht seine Stärke, er wusste das. „Vor drei Monaten wurde Alkana von den H’Ruun vernichtet. Seitdem werde ich auf Kriegsschiffen von einem militärischen Stützpunkt zum nächsten gebracht, ohne zu erfahren, warum.“

„Sie werden es in wenigen Minuten wissen. Der Verlust des Planeten hat uns alle betroffen gemacht. Wieder sind mehr als eine Million unschuldiger Menschen bei einem Angriff gestorben. Haben Sie die Vernichtung Alkanas miterlebt?“

Brendan hatte nach der Zerstörung seines Heimatplaneten einige Wochen unter Schock gestanden. Zu seiner eigenen Überraschung stellte sich danach aber ein Gefühl der Erleichterung ein. Er hatte keine Verwandten mehr und nur wenige Freunde gehabt auf Alkana. Nun war er alle Bindungen seines früheren Lebens los. Dass er wegen dieses Gefühls unter einem schlechten Gewissen litt, brauchte aber weder diese Frau, noch sonst jemand zu wissen.

„Nein“, sagte er. „Ich kam wenige Tage nach dem Angriff von einer Reise zurück. Alkana war eine brennende Kugel im All. Wir dachten im ersten Moment, wir wären im falschen Sonnensystem herausgekommen.“

„Wir?“

„Mein Freund Koumeran Ahab und ich. Wir haben abgelegene Koloniewelten besucht. Ich will ein Buch darüber schreiben. Als wir aus dem Hyperraum kamen ...“

Erinnerungen an die schrecklichen Bilder stiegen in Brendan hoch. Er bekam kaum mit, wie Lydia Vendaar ihn in ein Büro führte. Hinter dem Schreibtisch saß eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren. Sie blickte ihm neugierig entgegen.

„Das ist Arianna Bold, meine Assistentin“, stellte Lydia Vendaar vor. „Ari, ich möchte in der nächsten Stunde nicht gestört werden.“

„Selbstverständlich.“

Durch eine Tür gelangten sie in ein weiteres, größeres Büro. Ein alter Holzschreibtisch dominierte den Raum. Ein Stapel Unterlagen - aus Papier! - und einige historisch wirkende Schreibutensilien lagen darauf.

„Nehmen Sie Platz“, sagte Lydia Vendaar.

Brendan sank auf den Besucherstuhl „Erfahre ich jetzt, warum man mich nach Gaia gebracht hat?“

„Ahnen Sie das nicht?“

„Nein! Ich weiß nichts über den Angriff auf Alkana. Geheimdienstler haben mich mehrfach befragt. Warum ich genau zu dem Zeitpunkt unterwegs gewesen sei und wo und so weiter. Als hätte ich meinen Heimatplaneten an die H’Ruun verraten und wäre dann rechtzeitig abgehauen.“

„Es gehört zu den Aufgaben des Geheimdienstes, misstrauisch zu sein.“

Lydia Vendaar sah mit gerunzelter Stirn auf Brendan herab, als sei er ein Problem, das sie lösen musste. Schließlich ging sie um den Schreibtisch herum und setzte sich.

Im ersten Moment glaubte Brendan, sie erlaube sich einen Scherz. Dann begriff er, dass sie selbst der hohe Militär war, der ihn nach Gaia beordert hatte.

Mit einem Lächeln, das in ihrem hageren Gesicht wenig vertrauenerweckend wirkte, schaltete sie die Rechnerverbindung ein. Projektoren bauten einen 3D-Bildschirm über dem Schreibtisch auf. Das Symbol der Raumstreitkräfte erschien und darunter in goldenen Buchstaben: Commander L. Vendaar.

„Ich habe Sie persönlich abgeholt, um mir einen unverfälschten ersten Eindruck zu verschaffen“, sagte sie.

Brendan verbuchte das als Beweis dafür, dass es mit seiner Menschenkenntnis nicht weit her war. Pampig sagte er: „Ist mir egal. Warum bin ich hier?“

„Wir sind auf der Suche nach jemandem mit einem gewissen Einfühlungsvermögen. Ideal wäre eine Person, die auch in entlegenen Gebieten der Perseuskolonie Nachforschungen anstellen kann, ohne als Spion zu gelten.“

„Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Beschreibung auf mich zutrifft.“

„Oh, doch! Von Ihrem Vater haben Sie ein Vermögen und ein Raumschiff geerbt. Anstatt zu studieren, fliegen sie seit drei Jahren von einem abgelegenen Planeten zum nächsten. Sie erzählen, dass Sie ein Buch über die Gesellschaftsformen in der Perseuskolonie schreiben wollen. Wo auch immer Sie mit Ihrem Raumschiff als Nächstes auftauchen, keiner wird sich darüber wundern.“

Brendan verstand. „Weil mich niemand für einen Spion hält, wollen Sie mich als Spion einsetzen.“

„Wir bitte Sie, sich auf einem interessanten Planeten einmal umzusehen. Mehr nicht.“

„Was ist daran interessant?“

„Auf Chenderra haben Siedler vor zwei Jahrhunderten eine Art Feudalherrschaft errichtet. Wie Sie wissen, gibt es auf unseren Kolonialplaneten die unterschiedlichsten Gesellschaftssysteme. Solange jeder Bewohner eines solchen Planeten diesen jederzeit verlassen darf, greift die Zentralregierung auf Gaia nicht ein. Das hat auch die Erde nicht getan, als noch Verbindung zu ihr bestand.“

„Religiöse Eiferer, magische Zirkel, Zurück-zur-Natur-Gesellschaften, androide Mensch-Maschine-Mischformen ...“

Brendans fehlendes Verständnis für Verrücktheiten dieser Art konterte Lydia Vendaar mit einem Schulterzucken: „Jeder hat das Recht, auf seine Art glücklich zu sein. Solange er andere dadurch nicht einschränkt.“

„Was ist an einer mittelalterlichen Feudalgesellschaft so wichtig, dass das Militär einen Spion hinschicken will?“

„Seit die Verbindung zur Erde vor fast fünfzig Jahren von den H’Ruun zerstört wurde, haben wir versucht, die Perseuskolonie so autark wie möglich zu machen. Auf vielen Gebieten ist uns das gelungen. Wir verfügen hier über die Vielfalt von mehreren Hundert besiedelten Planeten. Doch es gibt eine Ressource, für die wir bisher keinen Ersatz gefunden haben. Wir gehen sparsam mit ihr um, aber die Vorräte werden in naher Zukunft verbraucht sein.“

Brendan hatte von einer solchen Knappheit noch nichts gehört. Er folgerte, dass es sich um etwas nur für das Militär Wichtiges handelte. Seltene Metalle für den Bau von Raumschiffen, zum Beispiel. „Warum schicken Sie keine Prospektoren los, um nach Ersatz zu suchen?“, fragte er.

„Der Rohstoff ist selten und wir haben nicht die Möglichkeit, Tausende von unerforschten Planeten abzusuchen.“ Commander Vendaar beugte sich vor. „Aber das ist auch nicht erforderlich. Jemand verkauft das, was wir benötigen, auf dem Schwarzmarkt.“

Nun fügte sich für Brendan alles zu einem Bild zusammen. „Dieser Jemand lebt also auf dem feudal regierten Planeten. Warum bietet ihm Gaia nicht einfach einen besseren Preis, als er ihn auf dem Schwarzmarkt bekommt?“

„Der Mann heißt Gambarov und hat sich den Titel Fürst zugelegt. Er leugnet, über die erforderlichen Rohstoffe zu verfügen. Weitere Verhandlungen mit uns lehnt er rundheraus ab. Wir könnten den Planeten militärisch besetzen, aber das würde uns nichts nützen. Denn das Rohmaterial zu besitzen, löst nur die Hälfte des Problems.“

„Warum?“

„Wir wissen nicht, wie man es weiterverarbeitet.“

„Unmöglich! Wenn man das Material auf der Erde bearbeiten konnte, dann ist das Wissen darüber in den Datenbanken verzeichnet.“

„Richtig. Aber wir können die Produktionsanleitungen nicht umsetzen. Irgendetwas daran verstehen wir nicht. Das Verfahren erfordert komplexe, KI-gesteuerte Bearbeitungsschritte, die unvollständig dokumentiert wurden.“

„Zu komplex für unsere moderne Industrie - aber auf diesem rückständigen Planeten kann es jemand?“ Nun war Brendans Interesse geweckt.

„So scheint es. Es geht um das hier.“

Ein dreidimensionales Bild erschien über dem Schreibtisch. Es zeigte faustgroße Kristalle. Durch ihre feinst geschliffenen Facetten strahlte von innen heraus ein bläuliches Licht.

„Hyperkristalle“, sagte Brendan. „Man benötigt sie für den Bau von interstellaren Raumschiffen.“

„Man nennt sie auch magische Kristalle, weil bisher kein Physiker versteht, worauf ihre Funktionsweise beruht.“ Commander Vendaar beugte sich vor und sagte eindringlich: „Das ist der Rohstoff, der zur Neige geht. Ohne diese Kristalle gibt es keine Raumfahrt mehr zwischen den Welten der Perseuskolonie. Die menschliche Zivilisation in unserem Bereich der Milchstraße wäre am Ende.“

Es dauerte einen Moment, bis Brendan verstand. Keine Raumfahrt mehr zwischen den Sternensystemen! Keine Möglichkeit, die Angriffe der H’Ruun abzuwehren! Jeder besiedelte Planet wäre auf sich selbst gestellt - und damit verloren!

„Kristalle, die von Raumschiffen für interstellare Sprünge genutzt werden, sind Verschleißteile“, sagte er. „Nach einigen hundert Hypersprüngen muss man sie ersetzen. Wie lange reichen die Vorräte noch?“

„Zwei oder drei Jahre. Wir haben die Nutzung bisher nicht rationiert, um Panik zu vermeiden.“

„Auf der Erde gab es meines Wissens nie Engpässe.“

„Die Erde ist jetzt unerreichbar weit weg. Fünftausend Lichtjahre. Unsere Hypersprungtriebwerke reichen für einige Dutzend Lichtjahre, die interstellaren Funkverbindungen auch nicht viel weiter. Wir sind auf uns allein gestellt.“

„Die H’Ruun benutzen doch eine ähnliche Technologie wie wir. Man weiß das aus der Untersuchung von Raumschiffwracks. Könnten die Kristalle, die Fürst Gambarov auf dem Schwarzmarkt verkauft, von ihnen stammen?“

„Warum sollten unsere Feinde uns damit versorgen? Im Übrigen sind die Exopsychologen der Meinung, dass es bei einem Volk von Kollektivlebewesen wie den H’Ruun keine einzelnen intelligenten Verräter oder Schmuggler geben kann.“ Commander Vendaar schüttelte den Kopf. „Wer auch immer dahintersteckt: Es sind Menschen. Die einzige Spur, die wir haben, führt nach Chenderra.“

„Aber ...“

Vendaar unterbrach Brendan: „Reden wir über etwas Anderes: Geld! Nach dem Tod Ihres Vaters haben Sie Ihr ererbtes Vermögen auf Alkana angelegt. Sie haben sich nie um sichere Anlagemöglichkeiten gekümmert. Alkana ist zerstört, Ihr Vermögen verloren. Sie werden von nun an für Ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen.“

„Und Sie bieten mir einen Job als Spion auf einer unterentwickelten Welt an.“

„Richtig. Gegen gute Bezahlung. Außerdem bekommen Sie die Jool zurück, Ihr privates Raumschiff. Es ist Ihnen doch klar, dass der Unterhalt dieses Schiffes im Monat mehr kostet, als ein normaler Arbeitnehmer in einem Jahr verdient. Wir werden die Kosten für die Jool und die Mannschaft übernehmen - solange Sie für uns arbeiten.“

„Welche Mannschaft?“, fragte Brendan verblüfft.

„Ihr ehemaliger Bodyguard Koumeran Ahab. Er arbeitet doch seit dem Tod Ihres Vaters als Pilot für Sie.“

„Koumeran ist mein Freund.“

„Mag sein. Aber auch er ist auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen. Das können Sie ihm jetzt nicht mehr bieten. Wir schon.“

„Das ist Erpressung!“

Vendaar antwortete nicht. Sie sah Brendan erwartungsvoll an.

„Wenn die Situation so ist, wie Sie sie mir schildern, dann rechtfertigt das doch den Einsatz des Geheimdienstes und ausgebildeter Agenten“, sagte der schließlich, als ihm das Schweigen zu lange dauerte. „Warum ausgerechnet ich?“

„Hollister, ich habe Ihnen schon mehr militärische Geheimnisse anvertraut, als gut für Sie ist. Also: Sind Sie bereit, nach Chenderra zu fliegen?“

„Was ist, wenn ich nein sage?“

„Sie können Gaia als freier Mann verlassen. Wir bezahlen Ihnen sogar den Flug zu einem Planeten Ihrer Wahl. Allerdings ...“

Brendan ahnte, was jetzt kommen würde: die von ihm unterschriebene Erklärung. Trotzdem fragte er: „Was?“

„Bevor Sie dieses Gebäude verlassen, müssen wir Ihr Gedächtnis bereinigen.“

Nun war die Drohung heraus. Brendan fühlte Panik in sich aufsteigen. Die Vorstellung, sein Gehirn manipulieren zu lassen, war ihm unerträglich. „Nein!“, schrie er.

Commander Vendaar lächelte und sagte: „Kein Grund zur Aufregung. Übrigens habe ich ganz vergessen, Ihnen das hier zu zeigen.“

Auf ihrem Bildschirm erschien ein Planet. Er war erdähnlich, mit großen Wasserflächen und kleinen Kontinenten. „Das ist Chenderra. Näher lässt uns Fürst Gambarov nicht heran und er hat das Gesetz auf seiner Seite. Allerdings ist es uns gelungen, unbemerkt drei Agenten abzusetzen. Leider ist der Kontakt zu ihnen abgebrochen.“

Auf dem 3D-Bildschirm erschienen Bilder von drei Personen.

Brendan starrte die dritte davon ungläubig an. „Das ist Susan Karoon!“

„Sie kennen sie?“

„Susan war Professorin an der Universität von Alkana und mit meinem Vater befreundet. Später hat sie ihre Professur aufgegeben, um für humanitäre Organisationen zu arbeiten. Sie sagte, das sei die Lehre, die sie für sich aus dem Studium der Geschichte der Menschheit gezogen hat.“

Außerdem hatte Susan einmal ein Verhältnis mit Koumeran gehabt, aber das behielt Brendan für sich. Von allen Menschen, die er kannte, war Susan am vernünftigsten und am praktischsten veranlagt. Niemals würde sie sich dafür hergeben, als Agentin der Regierung einen fremden Planeten auszukundschaften!

Einige Personendaten überlagerten das Bild der Frau mit den kurzen, rotblonden Haaren. Vendaar las sie laut vor: „Susan Karoon, fünfundvierzig Jahre alt. Vermisst im Einsatz auf Chenderra. Sie meldete sich freiwillig, nachdem wir ihr die Situation geschildert hatten. Sie wollte ihren Anteil zum Fortbestand der Perseuskolonie beitragen.“

Brendan sprang auf. „Als Nächstes werden Sie mir einreden, nur ich könne Susan von diesem Planeten retten.“

„Halten Sie das für abwegig?“

Brendan schwieg. Natürlich musste jemand dorthin fliegen und nachsehen, was Susan zugestoßen war. Wenn sie auf diesem Planeten festsaß ...

„Ich bin einverstanden“, sagte er, ein wenig zu seiner eigenen Überraschung. „Um Perseus zu helfen und um nach Susan zu suchen.“

„Na, endlich! Sie erhalten einen Vertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Regierung. Das Gehalt ist bescheiden, da Sie über keine abgeschlossene Ausbildung verfügen. Die Jool ist auf einer Raumwerft im Orbit. Wir statten sie mit allem aus, was für einen militärischen Einsatz erforderlich ist. Außerdem hat sich Ihr Pilot bereits entschieden, ebenfalls für uns zu arbeiten.“

Commander Vendaar drückte auf einen Knopf. Die Tür ging auf und die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren sah herein. Wieder hatte Brendan das Gefühl, sie betrachte ihn mit einer merkwürdigen, unangemessenen Neugier.

„Bring Koumeran Ahab herein, Ari.“

Ein bulliger, großer Mann trat ins Büro. Das Glänzen seiner Glatze wurde nur noch vom Strahlen seiner weißen Zähne übertroffen. Gekleidet war er wie ein Mechaniker, den man gerade bei der Wartung einer Maschine unterbrochen hat.

„Hi, Brendan“, sagte er und winkte lässig. „Ich wusste, Commander Vendaar bekommt dich herum.“

Brendans Freude wurde überlagert durch den Verdacht, sein Beschützer und Freund könnte all die Jahre ein Spion gewesen sein. „Du bist ein Agent des Militärs?“, fragte er.

„Jetzt ja!“, sagte Koumeran und grinste breit. „Genau wie du.“

Kapitel 2

Die Sonne Chenderras brannte heiß vom blauen Himmel. Schon im Frühsommer hatte sie in diesem Jahr mehr Kraft als üblich. Es würden unangenehme Tage werden für die Kristallschleifer in den Dörfern.

Yogar stand am Rand des Grasmeeres, von dem das Dorf Wernningen nach allen Seiten hin umgeben war. Eine halb zugewachsene Landstraße führte durch die zwei Meter hohen, grünen Halme in den Ort. Sie war gerade breit genug, um ein Fuhrwerk passieren zu lassen. Der Aufkäufer, die Händler und der Planwagen der Kristallpriesterin konnten nur auf diesem Weg hierher gelangen.

Das Dorf war auf lehmigem Boden erbaut worden, auf dem Gras nicht wachsen konnte. Hinter den letzten Häusern kamen dann die ersten Grashalme, nur wenige Zentimeter hoch. Je weiter der Abstand zum Dorf war, desto höher wuchsen die Halme.

Das Grasmeer breitete sich nach Westen hin rund vierzig Kilometer weit aus. Erst jenseits davon kam fruchtbarer Boden, auf dem Bauern ihr Getreide ansäen konnten. In den anderen Himmelsrichtungen waren es sogar Hunderte von Kilometern. Das Gras wuchs auf dieser riesigen Fläche überall gleich hoch und gleich dicht. Warum es ab und zu einen Platz frei ließ, auf dem Menschen ein Dorf errichten konnten, wusste Yogar nicht. Vielleicht kannte die Priesterin den Grund. Wenn sie das nächste Mal kam, würde er sie danach fragen.

Wernningen umfasste nur zwanzig Häuser. Die meisten von ihnen gehörten Kristallschleifern. Es gab eine Taverne, in der man sich traf, ein Lagerhaus und ein Gästehaus für den Aufkäufer des Fürsten, der alle drei Monate vorbeikam.

Mehr benötigte man in einem Dorf im Grasmeer nicht. Es gab keinen fruchtbaren Boden, keine jagdbaren Tiere in der Umgebung und das Gras selbst war weder genießbar, noch für sonst irgendetwas zu gebrauchen. Alles, was die Menschen benötigten, musste von außen geliefert werden.

Yogar ging langsam um das Dorf herum, bis hinter das Lagerhaus. Dort befand sich der Friedhof. Er war nicht groß, denn schon nach einem Jahr war von den Begrabenen nichts mehr übrig. Die Wurzeln des Grases holten sich die Nährstoffe aus den Leichen. Dann konnte man an derselben Stelle wieder jemanden beerdigen.

Hardor war gestorben, mit zweiundvierzig Jahren. Es war lange her, dass ein Kristallschleifer ein so hohes Alter erreicht hatte. Hardor war ein zäher, alter Bursche gewesen. Nun lag sein Leichnam in ein Tuch eingewickelt am Boden, während zwei Männer eine Grube aushoben. Ohne jede Zeremonie legten sie den Toten in das Loch und schaufelten es wieder zu.

Wer in einem Dorf der Kristallschleifer starb, wurde durch den Segen der Kristalle in ein neues, besseres Leben geführt. Ein Leben zwischen grünen Wiesen, wo man viele Kinder hatte und gesund alt wurde. So erzählte es die Kristallpriesterin manchmal, wenn sie das Dorf besuchte. Warum das so war, konnte sie aber auch nicht sagen. Yogar hatte sie einmal danach gefragt und sie hatte eine Geschichte vom Schöpfer erzählt, die er nicht verstand. Aber es war ein schöner Gedanke, für die Arbeit und die Krankheit dann doch noch einen gerechten Lohn zu empfangen in einem neuen Leben.

Die Männer, die das Grab zuschaufelten, wischten sich den Schweiß von der Stirn. Es war schwül. Nur ein schwacher Wind kam von Osten.

Yogar hob den Kopf und sog die Luft mehrfach langsam durch die Nase ein. Täuschte er sich?

Die anderen Dorfbewohner, die der Beerdigung beiwohnten, wurden unruhig. Sie sahen Yogar an. Nun, da Hardor tot war, übernahm er das Amt des Dorfältesten. Es war seine Aufgabe, vor Gefahren zu warnen und das Überleben des Dorfes zu sichern.

Noch einmal roch er. Kein Zweifel, das war der leicht säuerliche Geruch, den die Flut mit sich brachte! Er wandte sich um und rief: „Die Käfer kommen! Bringt Vorräte aus dem Lager in die Häuser! Vernagelt die Fenster und helft den Schwachen, die das nicht selber machen können.“

Die tödliche Flut brach alle zwei, drei Jahre über das Dorf herein. Sie bestand aus einer viele hundert Meter breiten Front aus kleinen braunen Käfern. Die lebten im Grasmeer und traten dort normalerweise nur in geringer Zahl auf. Sie waren ungefährlich - einzeln. Aber wenn Millionen von ihnen sich auf die Suche nach tierischer Nahrung machten, dann konnten sie binnen Stunden die Bevölkerung eines ganzen Dorfes auslöschen.

Vielleicht gierten die Käfer manchmal nach Fleisch, weil sie von den Pflanzenresten im Grasmeer auf Dauer nicht leben konnten. Da es im Grasmeer kaum andere Lebewesen gab, waren die Menschen das Ziel der Käferflut.

Yogar ging zu seinem Haus. Sura wusste bereits, was bevorstand. Sie überprüfte die Vorräte und das Rohr, das unter der Erde Wasser aus dem abgedeckten Brunnen in der Dorfmitte ins Haus leitete. Yogar vernagelte die Fenster und holte einen Eimer mit klebrigem Harz aus dem Keller. Mit dieser Masse verschloss er all die kleinen Ritzen und Löcher, die er erkennen konnte.

Auf einem Rundgang durch das Dorf kontrollierte er die Häuser. Als Dorfältester war es seine Aufgabe, bis zuletzt im Freien zu sein und auf Probleme zu achten. Er hörte schon das Rauschen der Flut, als er seine Tür hinter sich verschloss. Er verkleisterte rundherum den Türspalt, bis kein Käfer mehr hindurch konnte.

Dann stieg Yogar hoch unter das Dach. Dort war eine Luke, durch die frische Luft ins Haus gelangen konnte. Neben ihr befand sich ein Rad, an dem dünne Holzblätter angebracht waren, ähnlich wie bei einem Mühlrad. Diesen einfachen Ventilator konnte man mit Hilfe einer Schnur und einer Umlenkrolle aus dem Wohnraum unten betreiben. Er saugte von außen Luft an und blies sie nach innen. Es genügte, wenn man alle halbe Stunde für ein paar Minuten an der Schnur zog, um in dem abgedichteten Haus nicht zu ersticken. Allerdings durfte man das Tag und Nacht nie vergessen. Spätestens, wenn die Kerzen zu flackern begannen, weil ihnen der Sauerstoff fehlte, musste man den Ventilator bedienen.

Diese Luke im Dach blieb offen, weil die Käfer nicht fliegen konnten. Sie bewegten sich mit Sprüngen voran, ähnlich Heuschrecken. Außerdem kletterten sie nie höher als zwei Meter an den Hauswänden empor. Vielleicht, weil es etwas Höheres in ihrer Heimat im Grasmeer nicht gab. Sollte sich das eines Tages ändern, so wären die Dörfer der Kristallschleifer verloren.

Zwei Stunden später drang ein summendes Geräusch von draußen herein. Erst wurde es lauter, dann schien es, als prasselten Hagelkörner gegen die Wände und die verbarrikadierten Fenster.

„Es ist heftiger als sonst“, sagte Yogar nach einer Weile. „Das bedeutet, es wird auch länger als üblich dauern. Mehrere Tage.“

Er stand auf und zog ein paarmal an der Schnur. Die Luft, die hereinkam, stank entsetzlich. Sura verzog angeekelt das Gesicht.

Schweigend saßen die beiden Menschen da und hörten dem prasselnden Geräusch zu. Es klang nun gedämpfter und leiser, bis es fast ganz aufhörte.

„Was ist das?“, sagte Sura plötzlich.

Yogar sah sie fragend an.

„Ich habe Schreie gehört.“

„Entweder, jemand war so unvorsichtig, ins Freie zu gehen“, sagte Yogar, „oder es ist den Käfern gelungen, in eines der Häuser einzudringen.“

Dann hörte auch er es: männliche Stimmen, die in Todesangst schrien. Weit entfernt und stark gedämpft.

Sura schluchzte und hielt sich die Ohren zu.

Nach ein paar Minuten brachen die Schreie ab.

Yogar stand auf und machte mit einer Kerze in der Hand einen Rundgang durchs Haus. Er kontrollierte, ob durch irgendeine kleine Ritze Käfer eindrangen. In den letzten Jahren war niemand während der Flut umgekommen. Sollte es nun, so kurz nach Hardors Tod, noch einen Kristallschleifer weniger geben in Wernningen, so stand die Existenz des ganzen Dorfes auf dem Spiel. Wo es zu wenige Menschen gab, die mit Kristallen hantierten, sank die Qualität der Produkte. Die Kristalle waren eigensinnig, was das betraf.

„Ich gehe aufs Dach“, sagte er. „Nachsehen, was passiert ist.“

„Das ist zu gefährlich!“, rief Sura. „Wenn die Käfer dich bemerken, werden sie einen Weg hinauf suchen!“

„Das haben sie noch nie getan.“ Yogar stieg hoch und streckte den Kopf durch die Lüftungsluke. Sein Blick ging hinunter auf den Dorfplatz. Überall war der Boden von einer wuselnden, bräunlichen Masse bedeckt, die sich an den Hauswänden bis auf zwei Meter Höhe hochzog. Es war kein Geräusch zu hören außer dem raschelnden Knistern, das von den Käfern ausging.

Ein heller Fleck zwischen zwei weiter entfernten Häusern fiel ihm auf. Er sah genauer hin und glaubte, die Knochen von Skeletten zu sehen.

Der Kristallschleifer runzelte die Stirn. Es sah aus, als wären dort ein Pferd und einige Menschen gestorben. Es mussten Fremde gewesen sein, denn als sie ins Dorf kamen, hatte die Invasion der Käfer bereits begonnen. Niemand, der sich im Gebiet des Grasmeeres auskannte oder auch nur davon gehört hatte, würde freiwillig mitten zwischen die Käfer reiten.

Sura schwieg, als er ihr von der Entdeckung erzählte, doch sie sah noch unglücklicher aus als bisher.

Fünf Tage blieben Yogar und Sura im Haus eingesperrt. Dann war es soweit. Alle Anzeichen sprachen dafür, dass die Käfer sich zurückzogen ins Grasmeer. Die Luft, die vom Dach herunter in die Wohnräume kam, roch anders - frischer. Yogar bekam Kopfschmerzen davon.

Als es draußen völlig still war, kletterte Yogar noch einmal hoch zu der Luke und sah hinaus.

„Sie sind weg“, rief er triumphierend nach unten zu Sura. Das war ein Grund zum Feiern: Sie hatten wieder eine Flut überlebt!

Trotzdem blieb er vorsichtig. Zunächst entfernte er die klebrige Masse, mit der er die Ritzen versiegelt hatte. Dann zog er die Tür langsam auf. Einige Käfer lagen auf der Schwelle, doch sie waren tot. Auch auf der Straße sah er Käfer liegen. Vielleicht waren sie von der Last der auf ihnen herumkletternden Artgenossen erdrückt worden, vielleicht auch eines natürlichen Todes gestorben.

Während er um das Haus ging, bewachte Sura die Tür. Es war zwar noch nie vorgekommen, dass die Käfer zurückkehrten oder ein Teil von ihnen im Dorf blieb, doch riskieren durfte man trotzdem nichts.

Auch aus den anderen Häusern kamen Menschen ins Freie. Sie erkundeten vorsichtig die Umgebung und begannen, die vernagelten Fenster zu öffnen.

Doch bevor auch Yogar das nötige Werkzeug holte, um die Bretter zu entfernen, ging er hinüber zu der Stelle, an der die Skelette lagen.

An einigen Kleidungsfetzen war zu erkennen, dass mindestens einer von ihnen ein Soldat gewesen sein musste.

Eine Gruppe von Dorfbewohnern hatte sich bereits versammelt und untersuchte die Reste, die auf dem Boden verstreut lagen.

„Ein Pferd und drei Menschen“, sagte einer von ihnen. „Das ist seltsam. Warum sollte einer reiten und zwei zu Fuß gehen?“

„Weil auf dem Pferd ein wichtiger Mann saß, dem das Marschieren zu Fuß nicht zuzumuten war“, erwiderte ein anderer. Er hielt einen seltsamen länglichen Gegenstand hoch. „Das lag dort drüben.“

„Das kenne ich“, sagte Yogar. „Es ist eine feuerspeiende Waffe, wie sie die Soldaten der Elitetruppe des Fürsten benutzen. Das gibt Ärger!“

Diese Feststellung sorgte für lautes Murmeln unter den Umstehenden.

Eine Frau fand eine von den Käfern halb zerfressene Ledertasche, in der einige Papiere steckten. Sie zog sie heraus und gab sie Yogar.

„Ausgerechnet Hardor war der Einzige, der gut lesen konnte“, sagte der, während er die Papiere hilflos hin und her drehte. „Aber hier ist ein Bild. Eine Frau. Und darunter sind Worte und Zahlen.“

„Ein Steckbrief!“, rief jemand. „Ich habe so etwas schon einmal gesehen. Wer die Frau findet und den Soldaten übergibt, bekommt eine Belohnung.“

„Sie muss schwere Verbrechen begangen haben, wenn der Fürst sie von seinen Elitesoldaten suchen lässt.“

Das Bild ging von Hand zu Hand. Keiner kannte die Frau.

„Zum Glück ist es niemand aus unserem Dorf.“ Yogar wurde sich seiner neuen Führungsrolle bewusst. „Wir sammeln die Ausrüstung und die Knochen ein und bringen sie in den alten Schuppen. Wenn der Aufkäufer des Fürsten das nächste Mal kommt, geben wir ihm die Sachen mit.“

„Aber die Waffe ist bestimmt wertvoll!“, rief einer.

„Mein Leben ist mir mehr wert. Man wird herausfinden, dass diese Männer bei uns im Dorf gestorben sind. Wenn wir ihre Ausrüstung verschwinden lassen, fällt die Strafe umso härter aus.“

Am folgenden Tag waren alle Spuren der Flut beseitigt. Die Dörfler machten sich wieder an ihre Arbeit.

Auch Yogar ging in die fensterlose Werkstatt, die an jedes Haus eines Kristallschleifers angebaut war. Sorgen bedrückten ihn. Sura war nicht gesund und auch er fühlte sich alt und ausgelaugt. Obwohl er nun mit sechsunddreißig der Dorfälteste war, hoffte er, noch ein oder zwei Jahre leben zu dürfen.

Er mischte sich seinen ersten Trunk zusammen. Dank der Drogen brachte er noch genügend Energie auf, um die Kristalle zu bearbeiten. Sie erwarteten es von ihm.

Aber es wurde Zeit, dass die Kristallpriesterin wieder ins Dorf kam.

Kapitel 3

Die Regierung auf Gaia war zuständig für mehrere hundert Kolonialplaneten im Perseusarm der Milchstraße. Entsprechend umfangreich war der Verwaltungsapparat, der sich hier konzentrierte. Dasselbe galt auch für die Militärbürokratie. Allein der Gebäudekomplex der Raumflotte hatte die Größe einer Stadt. Bauwerke ragten bis fünfzig Stockwerke in den Himmel.

Lydia Vendaar kannte hier jeden Winkel und wusste, wohin sie gehen durfte und wohin nicht. Sie führte Brendan Hollister und Koumeran Ahab auf Umwegen durch die langen Gänge. Statt der Fahrstühle benutzte sie immer wieder die Treppen, um unterwegs möglichst wenigen Menschen zu begegnen. Arianna Bold ging am Schluss der kleinen Gruppe und sicherte nach hinten. Sollten jemand kommen und Fragen stellen, so war es ihre Aufgabe, denjenigen in ein Gespräch zu verwickeln. Das würde Lydia die Zeit verschaffen, Hollister und Ahab wegzubringen.

Um die beiden Männer von ihrem seltsamen Verhalten abzulenken, unterhielt sie sich mit ihnen.

„Falls man Sie während des Flugs nach Chenderra entdeckt, sind Sie Brendan Hollister, der bekannte Millionenerbe. Sie besuchen zusammen mit ihrem Begleiter aus Neugier entlegene Planeten. Niemand weiß, dass Sie Ihr Vermögen verloren haben, daher ist diese Ausrede glaubwürdig.“

„Das muss doch durch alle Medien gegangen sein“, widersprach Hollister.

„Wir konnten die Tatsache aus den Berichten heraushalten. Sogar dass Sie leben, weiß niemand außerhalb der Raumflotte. Das ist der Grund dafür, dass wir Sie beide sofort festgesetzt haben, nachdem Sie mit der Jool im Alkanasystem aufgetaucht sind.“

„Das klingt so, als hätten Sie bereits zu dem Zeitpunkt gewusst, was Sie mit uns vorhaben. Wie kann das sein?“

„Nachdem wir den Kontakt mit Susan Karoon und ihren beiden Begleitern verloren hatten, haben wir nach jemandem Ausschau gehalten, der nach ihnen suchen kann.“

Koumeran Ahab räusperte sich überlaut, bevor er sagte: „Die Raumflotte verfügt über Spezialeinheiten für die Erkundung von Planetenoberflächen. Also warum uns schicken?“

„Es geht nicht nur darum, Susan Karoon und ihre Begleiter zu finden. Die Suche nach den Hyperkristallen ist ebenso wichtig.“

„Auch für diese Suche sind wir nicht qualifiziert.“

Zum ersten Mal, seit sie unterwegs waren, blieb Lydia stehen.

„Wir haben die Daten genauestens analysiert, die wir über die Herstellung der Kristalle haben. Mit allen Mitteln haben wir versucht, herauszufinden, wie das auf der Erde gemacht wurde. Ich sagte bereits, dass es uns nicht gelungen ist. Aber wir haben etwas Anderes entdeckt: Nur Menschen mit bestimmten psychischen Eigenschaften waren mit der Herstellung der Kristalle beschäftigt. Für die Einstellung von Arbeitern war das Psychoprofil wichtiger als jede Qualifikation.“

„Man muss eine Macke haben, um Hyperkristalle bearbeiten zu können?“, platzte Ahab heraus. Er lachte.