Peter Prock: Bavaria - Rainer Gros - E-Book

Peter Prock: Bavaria E-Book

Rainer Gros

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Beschreibung

Ein Kriminalroman mit aktuellem Bezug zu München. Crystal Meth ist auch in der bayrischen Metropole die Modedroge Nummer Eins und wird in großem Stil aus Tschechien nach Bayern geschafft. Aber der in loser Form auf der Strasse erhältliche Stoff ist unsauber und hat entsprechende Nebenwirkungen. Nicht so das Crystal Meth, das die Schickeria konsumiert. Ihre Tabletten sind absolut sauber und jede einzelne ist in Alufolie eingeschweißt. Auf Grund ihrer Reinheit und ihrer professionellen Verpackung können diese Drogen nur aus einer offiziellen Pharmafirma stammen. Robert Bard, Münchens populärster Klatschreporter, hat diese Droge im Blut, als er auf dem Rückweg von dem Geburtstagsfest des schwulen Softwareunternehmers Greg Beaulieu mit seinem Porsche tödlich verunglückt. Da keine weiteren Personen beteiligt sind, legt die Polizei den Fall zu den Akten. Doch Peter Prock, ein Redaktionskollege und Freund aus Kindertagen, entdeckt Ungereimtheiten und ermittelt zusammen mit Ulli Petzold, dem Fotografen des Blattes, weiter. Mit Hilfe des Bruders des Toten, der ein Institut für medizinische Analysen besitzt und unterstützt von einem Apotheker, finden sie heraus, von welchem Pharmaunternehmen die Drogen stammen. Peter versucht, über die Stieftochter des Inhabers näher an das Unternehmen heranzukommen. Doch die Drogenmafia, deren Verbindungen bis in die bayrische Staatsregierung reichen, läßt sich nicht in die Suppe spucken und schlägt zurück. Es gibt die ersten Toten, für die beiden ermittelnden Freunde wird es immer gefährlicher und die Ereignisse überschlagen sich.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Prock: Bavaria

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Der Sportreporter Peter Prock wird in seiner Stammkneipe von einer Touristin angemacht

2 Der Fotograf Ulli Petzold macht eine grauenhafte Entdeckung

3 Peter nimmt die Touristin mit nach Hause

4 Vom Ort des Grauens in die Klinik

5 Verdacht auf Drogen

6 Crystal Meth

7 Auftrag zu Ermitteln

8 Bärbel, Herrscherin im Archiv

9 Peter und der schwule Millionär

10 Den Drogen auf der Spur

11 Ein Apotheker als Experte

12 Der Apotheker behält Recht

13 Der Chefredakteur wittert eine heiße Story

14 Die hohe Politik kommt mit ins Spiel

15 Das Mädchen Claudia

16 Claudia im Schwimmbad

17 Randale im Schwimmbad

18 Am Ostersee

19 Ein Apotheker auf Abwegen

20 Peter führt Claudia aus

21 Probleme beim Italiener

22 Versöhnung im Harlekin

23 Claudia in Peters Wohnung, der Rausch beginnt

24 Reisepläne am Frühstückstisch

25 Auf dem Weg in gefährliche Zonen

26 Der Pharmakologe Professor Grimmel

27 Peter und Claudia kommen der Drogenküche immer näher

28 Der Apotheker bekommt Besuch

29 Peter und Claudia in der Höhle des Löwen

30 Peter bekommt eine Werksführung

31 Der Anschlag

32 Ein verhängnisvoller Ritt

33 Dunkle Wolken

34 Eine gefährliche Schlucht

35 Der entscheidende Crash

36 Ein folgenschwerer Entschluss

37 Die Audienz

38 Katerstimmung

39 Das Geständnis

40 Eine Verfolgung mit einer unerwarteten Erkenntnis

41 Delikatessen und Drogen

42 Ein bühnenreifer Trick

43 Peter und seine Probleme

44 Das Mordkomplott

45 Ein explosiver Aufstieg

46 Showdown auf dem Hof

47 Eine unfassbare Offenbarung

48 Eine dramatische Wende

49 Der Bruder des Toten

50 Bärbel hat etwas entdeckt

51 Ein verhafteter Chef und seine Firma

52 Noch ein Todesfall

53 Happy End

Impressum neobooks

1 Der Sportreporter Peter Prock wird in seiner Stammkneipe von einer Touristin angemacht

Für einen Sportreporter wie Peter Prock gehörte der Samstag zu den normalen Arbeitstagen. Das lag in erster Linie an der Fußball-Bundesliga, die ihn manchmal sogar bis in den Abend hinein beanspruchte. So wie heute, als um achtzehn Uhr dreißig in der Allianz Arena das Spiel des FC Bayern gegen den Hamburger SV angepfiffen worden war. Erwartungsgemäß hatte es sich als einseitige Angelegenheit zu Gunsten der Bayern entpuppt.

Bei der anschließenden Pressekonferenz versuchte der Münchner Coach Pep Guardiola tief zu stapeln, aber das löste bei den anwesenden Journalisten nur Heiterkeit aus. Einer wollte von dem Trainer wissen, ob die Bundesliga wegen der drückenden Überlegenheit der Bayern nicht allmählich langweilig würde. Was der Bayern-Coach lächelnd von sich wies. Immerhin blieb ja noch die spannende Frage, wer hinter den Bayern Zweiter würde.

Normalerweise unternahm Peter am Samstagabend etwas mit seinen Freunden. Aber da Robert, Ulli und Frank den Abend gemeinsam auf einem Schicki-Micki-Fest verbrachten, hatte er beschlossen, nach dem Spiel der Bayern einen typischen Schwabinger Abend zu verbringen. Das bedeutete für Robert, zunächst einmal bei seinem Lieblings-Italiener Guiseppe vorbeizuschauen und etwas zu essen. Guiseppes Lokal verfügte nicht nur über eine vorzügliche Küche, sondern auch über ein sehr anheimelndes Ambiente. Deshalb war Guiseppe für Peter immer die erste Adresse, wenn er eine neue Eroberung zum Essen ausführen wollte. Danach ging es ins Harlekin, eine alte Schwabinger Musikkneipe, die ebenso wie Guiseppe in der Nähe seiner Wohnung lag und ihm seit dem ersten Semester als Stammlokal diente. Hier fühlte er sich wie zu Hause, hier hatte er oft auf der Bühne gestanden, hier hatte er so manche zarte Bande geknüpft und hier trank er mit seinen drei Freunden nach dem Boxen das eine oder andere Bier.

Bei Guiseppe setzte sich Peter in ein ruhiges Eckchen und bestellte eine Pizza.

„Nanu“, wunderte sich der Wirt, „bist du heute allein?“ Normalerweise kam Peter in Damenbegleitung zu ihm.

„Komme gerade von den Bayern“, erklärte Peter.

Guiseppe ließ sich kurz berichten und wandte sich dann wieder seinen anderen Gästen zu.

Während Peter auf sein Essen wartete, musste er an seine drei Freunde denken, die heute an dem Top-Event der Münchner Schickeria teilnahmen. Greg Beaulieu, der schwerreiche und exzentrische Software-Unternehmer, feierte seinen sechzigsten Geburtstag und hatte in sein schlossartiges Anwesen außerhalb der Stadt geladen. Und wie immer, wenn der bekennende Homosexuelle feierte, ließ er es vermutlich gewaltig krachen.

Peters Freunde nahmen aus beruflichen Gründen an dem Fest teil. Robert als Gesellschaftsreporter der Boulevardzeitung NZ und Ulli als sein Fotograf. Früher hatte Peter Robert immer beneidet, denn Gesellschaftsreporter war ein absoluter Traumjob und dem Freund wie auf den Leib geschneidert. Robert sah blendend aus und besaß einen Charme, der ihm alle Türen öffnete. Vor allem die der Damenwelt.

Doch seit einiger Zeit war Peters Neid verflogen. Denn Robert hatte inzwischen geheiratet, war Vater geworden war und führte trotz seines glamourösen Jobs als „Klatschreporter“ das Leben eines treusorgenden Familienvaters. Aber vor allem machten Robert zunehmend gesundheitliche Probleme zu schaffen. Seit Monaten schleppte er eine hartnäckige Sommergrippe mit sich herum, die gelegentlich sogar zu Kreislaufproblemen führte. Das war auch der Grund, weshalb Robert ihren gemeinsamen Freund Frank, einen Arzt, mit auf Beaulieus Fest genommen hatte. Sollte Robert in der Hektik des Abends Schwierigkeiten bekommen, war Frank zur Stelle.

Während Peter seine Pizza aß, wurde ihm bewusst, dass Robert tatsächlich nicht mehr der Alte war.

Nach dem Essen ging Peter ins Harlekin. Die alte Musikkneipe gehörte zu den wenigen Treffpunkten in Schwabing, die sich noch ihre ursprüngliche Identität bewahrt hatten. Das hölzerne Mobiliar hatte ebenso wie die getäfelten Wände durch Jahrzehnte ohne Rauchverbot eine tief dunkle Farbe angenommen und verbreitete ebenso wie die Lampen einen anheimelnden Hauch von Flohmarkt. Den wichtigsten Beitrag zur Atmosphäre lieferte jedoch die Bühne, die den Protagonisten Schwabinger Kleinkunst ein beliebtes Forum bot. Vor allem in Form von Musik und Gesang. Obwohl hier keine Profis auftraten, gefiel es den Gästen und auch für den Wirt ging die Rechnung auf. Denn die Gage für die Darbietungen beschränkte sich auf freie Getränke und da viele Künstler ihren Anhang mitbrachten, war die Bude fast immer voll. Auch Peter war hier oft mit Gitarre und Gesang aufgetreten. In letzter Zeit griff er jedoch nur noch zur Gitarre, wenn er in der entsprechenden Stimmung war oder ihn jemand dazu animierte.

Auch an diesem Samstagabend war das Harlekin wieder brechend voll. Peter ging zur Bar, sagte dem Wirt Hallo und bestellte ein Bier.

Während er auf das Getränk wartete, musste er wieder an Robert denken. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und später bei der Zeitung gelandet für die sie schon als Studenten gejobbt hatten. Peter wunderte sich, dass er heute so oft an Robert denken musste. Wie es dem Freund wohl gerade auf dem Fest ging? Spätestens am Montag würde er ihn in der Redaktion treffen. Vielleicht sollte er ihn einmal fragen, ob er etwas für ihn tun könne.

Der Wirt des Harlekin weckte Peter aus seinen Überlegungen, stellte das Bier vor ihm ab und deutete auf die leere Bühne. „Wenn Du was spielst, geht es aufs Haus.“

Peter überlegte kurz. Musizieren passte heute nicht zu seiner Stimmung. Er wollte gerade ablehnen, als er eine Hand auf seinem Arm spürte. „Bitte“, vernahm er eine weibliche Stimme. Peter drehte sich um und sah in das Gesicht einer jungen Frau, die direkt neben ihm stand. Er war so in seine Gedanken versunken gewesen, dass er sie gar nicht bemerkt hatte. „Bitte!“, wiederholte sie und lächelte gewinnend.

„Kennen wir uns?“, fragte Peter.

„Nein“, antwortete die junge Frau und reichte Peter die Hand. „Ich bin Birgit. Ich komme aus Dortmund und bin mit ein paar Freundinnen über ein verlängertes Wochenende hier, um die berühmte Schwabinger Atmosphäre zu genießen.“ Birgit setzte eine gespielte Trauermiene auf. „Aber was ist so eine schöne Kneipe ohne Live-Musik?“

Birgit war von einer überzeugenden Weiblichkeit. Peter spielte noch einen Moment den Zögerlichen, aber als Birgit einen Blick aufsetzte, der selbst einen Gletscher zum Schmelzen gebracht hätte, konnte er nicht länger Nein sagen. Er holte aus dem Nebenraum eine der Gitarren und ging zur Bühne. Als er das Mikrofon auf seine Höhe einstellte, wurde es im Raum merklich ruhiger und erwartungsvolle Blicke richteten sich auf ihn.

Als er das erste Lied vortrug, war es fast ganz still. Peter sang den Universal Soldier von Donovan, sein traditionelles Lied, um Finger und Stimme aufzuwärmen. Dem Publikum gefiel es. Er ließ ein paar Klassiker wie Blowing in the Wind, Where have all the Flowers gone und Fivehundred Miles folgen und wie im Harlekin üblich stimmten viele aus dem Publikum in den Refrain mit ein. Als er zwanzig Minuten später nach zwei Zugaben wieder die Bühne verließ, begleitete ihn kräftiger Applaus.

„Das war wunderschön“, sagte Birgit, als Peter an die Bar zurückkam. Auch der Wirt nickte zufrieden. Er deutete auf Peters und Birgits Gläser. „Die nächste Runde geht aufs Haus.“

Da sie mit eingeladen war, hatte Birgit einen guten Grund, an Peters Seite zu bleiben. Sie erzählte, dass sie Single sei und dass man die Männer im Ruhrgebiet in der Pfeife rauchen konnte. Peter versuchte, die Ehre seiner Geschlechtsgenossen zu retten und erinnerte an den guten Fußball, den man in Dortmund spielte. Aber Fußball schien Birgit nicht zu interessieren.

Das Gedränge an der Bar nahm zu und schließlich wurde es so eng, dass ihre Hände nur noch auf dem Körper des anderen Platz fanden. Birgit bewies dabei ausgeprägten Pioniergeist und Peter musste feststellen, dass er die Zahl seiner erogenen Zonen erheblich unterschätzt hatte. Da Birgit High Heels trug, konnte sie mit Peter fast auf Augenhöhe kommunizieren und ihre Lippen kamen ihm immer näher. Irgendwann blieben sie an seinem Mund hängen. Es wurde ein langer und intensiver Kuss.

„Lebst Du in München?“, fragte Birgit, als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten. Ihre Stimme klang heiser.

„Ja“, sagte Peter, „gleich um die Ecke.“

2 Der Fotograf Ulli Petzold macht eine grauenhafte Entdeckung

Zur gleichen Zeit ging in Greg Beaulieus Anwesen ein rauschendes Fest über die Bühne. Der Champagner floss in Strömen und die Band heizte dem Meer der wogenden Leiber auf der Tanzfläche mächtig ein

Robert würde in seiner Klatschspalte einiges zu berichten haben. Und Ulli hatte die dafür notwendigen Fotos gemacht. Er packte seine Kamera ein und sah sich um. Für seinen Geschmack war das Fest zu laut und dieser Schicki-Micki-Gesellschaft fühlte er sich ohnehin nicht zugehörig. Aber bevor er fuhr, wollte er sich von Robert verabschieden. Das war so üblich.

Da er ihn nirgendwo entdecken konnte, ging er zurück zur Bar, wo sich Robert am liebsten aufhielt. Aber auch hier war er nicht. Nur Frank, den Robert heute Abend als seinen Arzt mitgebracht hatte. Frank kam zusammen mit Robert und Peter regelmäßig in Ullis Sportclub. Denn in seiner Freizeit arbeitete der Fotograf als Boxtrainer.

„Hast du Robert gesehen?“, fragte Ulli.

„Nein“, sagte Frank, „er ist einfach aufgestanden und gegangen. Ich dachte, er geht pinkeln. “

„Wie lange ist das her?“

Frank sah auf seine Uhr. „So etwa eine halbe Stunde.“

Ulli überlegte, wo Robert hingegangen sein konnte. Ihm war aufgefallen, dass Robert heute merkwürdig drauf war. Introvertiert und ohne die übliche Energie. Vielleicht lag es an der Erkältung, die er schon länger mit sich herumschleppte. Hatte er sich deshalb so lange mit dem Arzt unterhalten?

„Was macht Roberts Erkältung?“, fragte er Frank.

„Unverändert“, meinte der Arzt.

Ulli sah hinüber zur Tanzfläche. Die Band heizte den Gästen mächtig ein. „Willst du nicht tanzen?“, fragte er Frank.

Die Frage war naheliegend, denn der Arzt war Single und auf dem Fest wimmelte es von attraktiven Frauen.

„Bin nicht in Stimmung“, sagte Frank, „in ein paar Stunden geht mein Flieger.“

Ulli erinnerte sich, dass Frank von dem Fest direkt zum Flughafen fahren wollte, um mit einer der ersten Maschinen für eine Woche auf die Bahamas zu fliegen.

„Flugangst?“, fragte Ulli.

„Eher Reisefieber“, sagte Frank. Dann fiel ihm etwas ein. „Vielleicht ist Robert bei seinem Bruder?“

Ulli überlegte. Das war eine Möglichkeit. Robert lebte mit seinem Bruder Günther seit der Kindheit in einer Dauerfehde und hatte sich schon seit langem vorgenommen, den Zwist zu beenden. Deshalb hatte er Günther und dessen neuer Partnerin Verena Einladungen zu dem Fest besorgt. Es konnte gut sein, dass Robert bei seinem Bruder war. Ulli wusste, dass Robert dieser Schritt nicht leicht fiel, aber er könnte erklären, dass sich der Freund heute Abend in einer so gedrückten Stimmung befand.

Ulli wusste, wo Günther saß. Er hatte ihn bereits vorhin bei seiner ersten Fotorunde gesehen und kurz begrüßt.

Als Ulli an Günthers Tisch trat, wurde ihm sofort klar, dass die erhoffte Annäherung nicht stattgefunden hatte. Roberts Bruder wirkte angespannt und sah Ulli mit finsterer Miene an. Ein Freund seines verhassten Bruders war für ihn automatisch eine Persona non grata.

„Hast du Robert gesehen?“, fragte Ulli.

„Nein“, antwortete Günther schroff und wandte sich demonstrativ wieder seiner Begleiterin zu.

„Schade.“ Ulli ging wieder zurück zur Bar und erzählte Frank von Günthers Reaktion. Der Arzt schien nicht verwundert. „Du kennst doch die verfahrene Situation. Ich glaube nicht, dass sich daran je etwas ändern wird.“

Ulli nickte. Wahrscheinlich hatte Frank Recht. Trotzdem fragte er sich, wo Robert geblieben war. Es war absolut unüblich, dass einer ohne Rücksprache mit dem anderen ein Fest verließ, an dem sie aus beruflichen Gründen gemeinsam teilnahmen.

„Ich möchte wissen, wo Robert steckt“, sagte Ulli.

„Vielleicht ist er schon gefahren?“, vermutete Frank. Dann fiel ihm noch etwas ein. „Könntest du mir einen Gefallen tun?“

„Klar. Was?“

„Für Peter etwas mitnehmen?“

„Kein Problem“, sagte Ulli.

Frank öffnete seine kleine Herrentasche. Sie enthielt die typischen Utensilien wie Brieftasche, Kalender und Schlüssel. Und dann fiel Ulli ein Foto ins Auge. Es lag ganz oben auf, als hätte Frank es eben erst betrachtet.

Frank drehte die Tasche schnell zur Seite und reichte Ulli ein kleines Päckchen. „Gib das bitte Peter, wenn du ihn das nächste Mal siehst.“

Ulli nahm das Päckchen entgegen. Es war leicht und höchstens halb so groß wie eine Zigarettenschachtel. Als Verpackung diente weißes Papier, das Frank provisorisch mit Klebeband gesichert hatte. Wie ein Geschenk sah es nicht gerade aus.

„Was ist das?“, Ulli konnte sich die Frage nicht verkneifen.

„Eine Nachricht für Peter“, sagte Frank. Seine Miene verriet, dass er dazu nicht mehr sagen wollte.

„Okay“, sagte Ulli und steckte das Päckchen ein. Es war für ihn im Moment auch weniger interessant als die Frage, warum Frank dieses Foto, das er eben kurz gesehen hatte, noch mit sich herumtrug.

Denn Ulli hatte die Person auf dem Bild sofort erkannt.

Eine hübsche junge Frau.

Ihr Name war Laura.

Sie war früher mit Frank liiert gewesen.

Doch inzwischen hatte sie Robert geheiratet und ein Kind von ihm.

Frank versuchte, Ullis sichtliche Irritation zu überspielen und deutete mit einem Kopfnicken auf einen Tisch in ihrer Nähe, wo der Herr des Hauses gerade die Aufmerksamkeit auf sich zog. Greg Beaulieu, im glitzernden Smoking und das Champagnerglas in der Hand, busselte einige Gäste. Dicht gefolgt von einem blonden Jüngling, der eifersüchtig darüber wachte, dass der Jubilar keinem Mann zu nahe kam. Vor allem keinem attraktiven.

„Konnte man sein Schwulsein schon immer so offen ausleben?“, fragte Frank leise.

„Wenn man genug Geld hat“, flüsterte Ulli zurück. Dann sah er sich erneut im Saal um. Von Robert weiterhin keine Spur. War sein Glas vielleicht ein Hinweis? Robert trank grundsätzlich nur Campari, so dass sein rotes Getränk in dem Meer der Champagnergläser fast wie ein Leuchtturm zu erkennen war. Aber Ulli sah kein Glas mit einem roten Inhalt.

Eine Möglichkeit gab es noch. Ulli sah auf sein Handy. Er hatte Robert eine SMS geschickt. Aber es war keine Antwort eingegangen. Eine ungewöhnliche Funkstille, denn seit Robert geheiratet hatte, war er sehr zuverlässig und hatte Ullis Nachrichten immer sofort beantwortet.

Was war heute los? Warum hatte sich Robert nicht verabschiedet und warum reagierte er nicht auf Ullis SMS? War er in alte Zeiten zurückgefallen? Wie ein Alkoholiker, der seine Abstinenz nicht länger durchhalten konnte? War ihm wieder eine Frau über den Weg gelaufen, bei der er nicht Nein sagen konnte?

Robert würde es ihm erklären, wenn sie sich in der Redaktion trafen. Auf jeden Fall gab es für Ulli keinen Grund mehr, länger zu bleiben. Er hängte sich die Fototasche um, wünschte Frank einen guten Flug und ging.

Vor dem Haupteingang musste er einen Bogen um einen schwarzen 7er BMW machen, der am Fuß der Treppe stand. Hinter dem Steuer saß ein gelangweilter Chauffeur und kaute Kaugummi. Ulli kannte den Mann. Vor allem den Herrn, den er fuhr. Er zählte zu den Promis, die Ulli heute Abend fotografiert hatte. Es handelte sich um Hubert Gerweiler, den einflussreichen Staatssekretär aus dem Innenministerium.

Gerweiler tauchte häufig auf den Festen der Schickeria auf und Robert hatte ihn in seiner Rubrik einmal als „Platzhirsch unter den politischen Partygängern” bezeichnet. Das hatte dem Staatssekretär gar nicht gefallen und bei der nächsten Begegnung hatte er Robert mit dem ausgefahrenen Zeigefinger gegen die Brust getippt und gedroht. Wenn er es noch einmal wagen sollte, ihm ans Bein zu pinkeln, würde er ihm zeigen, wer in diesem Land das Sagen hatte. Dann könne Robert sehen, ob er sich als Arbeitsloser noch einen Porsche leisten kann.

Natürlich hatte Robert seinen Chefredakteur Husoll über diese Begegnung informiert. Husoll hatte amüsiert abgewinkt. Er stammte aus dem Norden der Republik und konnte über die bayrische Wesensart nur milde lächeln. Vor allem über Politiker im Trachtenanzug, die mit dem Maßkrug in der Hand glaubten, dass der Freistaat seine eigenen Gesetze habe und dass die CSU legitimiert sei, den Prinzipien des Feudalismus weiterhin Geltung zu verschaffen.

Als Ulli das Hoftor von Beaulieus Anwesen hinter sich gelassen hatte, sah er seinen Wagen. Aber Roberts Porsche, der neben seinem BMW gestanden hatte, war verschwunden.

Ulli blickte noch einmal auf sein Handy. Immer noch keine Nachricht von Robert.

Egal. Mehr konnte er nicht tun. Jetzt freute er sich auf sein Bett.

Ulli öffnete das Schiebedach und fuhr los. Nach dem lauten Fest war das Säuseln des Fahrtwindes eine wahre Erholung. Wenn die Straßen frei waren, machte Ulli das Autofahren noch Spaß. So wie hier auf dieser einsamen Landstraße mit ihren langgezogenen Kurven.

Doch dann war es mit der idyllischen Einsamkeit schlagartig vorbei. Hinter einer Kurve sah sich Ulli einer Front flackernder Blaulichter gegenüber. Er nahm den Fuß vom Gas und versuchte zu erkennen, was passiert war.

Es handelte sich offensichtlich um einen Unfall, denn er sah einen Notarztwagen. Polizisten mit Leuchtkellen winkten Ulli im Schritttempo an den Einsatzfahrzeugen vorbei. Dann sah er, was passiert war. Ein Fahrzeug war, aus seiner Richtung kommend, gegen einen der mächtigen Alleebäume gerast. Der Wagen musste eine so wahnsinnige Geschwindigkeit drauf gehabt haben, dass er sich regelrecht um den Stamm gewickelt hatte. Von dem ursprünglichen Auto war kaum noch etwas zu erkennen. Schaudernd erkannte Ulli, dass sich die Insassen noch in dem Fahrzeug befinden mussten, denn Feuerwehrleute waren fieberhaft damit beschäftigt, mit einer hydraulischen Rettungsschere in das Innere des Wagens vorzudringen.

Das Kennzeichen schien das Einzige an diesem deformierten Klumpen Blech zu sein, das unbeschädigt geblieben war.

Ulli registrierte das Nummernschild mit der gleichen emotionalen Distanz wie bei den zahlreichen anderen Unfällen, über die er als Reporter berichten musste.

Doch dann ließ ihm die Kombination aus Buchstaben und Zahlen den Atem stocken.

Dieses Kennzeichen kannte er.

Der Klumpen Blech war Roberts Por­sche!

3 Peter nimmt die Touristin mit nach Hause

Als Peter und Birgit das Harlekin verließen, griff sie nach seiner Hand und ließ sie erst wieder los, als sie vor Peters Tür standen.

Peter wohnte drei Minuten von der Musikkneipe entfernt am Rand des englischen Gartens in einem jener typischen Patrizierhäuser, wie sie vor über hundert Jahren von wohlhabenden Bürgern am damaligen Stadtrand von München errichtet worden waren. Peters Wohnung lag unter dem Dach und wurde nach oben von einer schrägen Balkendecke begrenzt, die zusammen mit zwei Erkern und einem großen Gaubenfenster der Räumlichkeit eine besonders anheimelnde Atmosphäre verlieh.

Doch als erstes fiel Birgits Blick auf ein Bild, das im Flur neben der Garderobe hing. Ein gerahmtes Foto von vier athletischen Männern, die mit freiem Oberkörper vor einem Boxring standen. Einer trug Boxershorts, die anderen drei hatten nur ein Handtuch um ihre Hüften. Birgit deutete auf einen der Handtuchträger. „Bist du das?“

„Ja“, bestätigte Peter.

„Und wer sind die anderen?“

Peter erklärte, dass es sich bei dem mit den Boxershorts um Ulli, ihren Trainer handelte. Die anderen beiden waren Robert und Frank, zwei Freunde.

Birgit nickte beifällig. „Alles richtige Kerle“, meinte sie. Dann wandte sie sich Peter zu und schmiegte sich an ihn. Als er seine Arme um sie legte, drückte sie sich noch näher an ihn und ließ ihre Hände über seinen Körper gleiten. Da sie sich jetzt nicht mehr in der Öffentlichkeit befanden, waren ihrer anatomischen Neugier keine Grenzen mehr gesetzt. Dann suchten ihre Lippen Peters Mund. Gierig fuhr ihre Zunge in seinen Hals und er fühlte, wie gleichzeitig ihr Oberschenkel gegen seinen Schritt drängte. Seine Reaktion schien ihr zu gefallen, denn kurz darauf wanderten ihre Hände in die Tiefe und öffneten den Reißverschluss seiner Hose. Als sie ihre Hand unter seinen Slip schob, ging sein Handy.

„Schlechtes Timing“, stöhnte Peter, angelte nach dem Telefon und sah auf das Display. Es war Ulli.

„Geh nicht dran”, bettelte Birgit.

„Ich muss“, sagte Peter, entwand sich Birgits Armen und nahm das Gespräch an. „Hi, Ulli. Was gibt’s um diese Stunde?“

„Robert hatte einen Unfall.“ Ulli Stimme klang ungewöhnlich erregt und er musste erst noch einmal durchatmen, bevor er Peter erklären konnte, was passiert war und wo er sich befand.

„Ich komme“, sagte Peter. Er machte seine Hose wieder zu und sah Birgit bedauernd an. „Mein bester Freund ist eben verunglückt“, erklärte er, „ich muss sofort los.“

Auf Birgits Miene lag ein Ausdruck abgrundtiefen Bedauerns. Aber es schien nicht dem unbekannten Freund zu gelten.

4 Vom Ort des Grauens in die Klinik

Auf dem Weg zum Unfallort versuchte Peter sich einzureden, dass es schon nicht so schlimm sein würde. Unfälle sahen auf den ersten Blick oft viel dramatischer aus, als sie sich im Nachhinein darstellten. Ulli hatte sich schließlich nur im Vorbeifahren ein flüchtiges Bild machen können. Wahrscheinlich war er inzwischen ausgestiegen und sah das Geschehen mit anderen Augen. Peter kannte eine Menge Gründe, warum Robert nicht viel passiert sein konnte. Bei Roberts Porsche handelte es sich um ein sicheres Auto und seit der Freund Familienvater geworden war, fuhr er ausgesprochen vorsichtig. Erst vor kurzem hatte er Peter gesagt, wie viel ihm seine kleine Familie bedeutete und dass er alles für sie tun würde.

Als er auf die Allee zu Beaulieus Anwesen einbog, geriet Peters Optimismus allerdings etwas ins Wanken. Wenn es stimmte, dass Robert gegen einen Baum gefahren war, hatte er auf dieser Strasse keine guten Karten. Die alten Alleebäume besaßen mächtige Stämme und standen verdammt dicht an der Fahrbahn.

Dann tauchte der Unfallort vor ihm auf. Rotierende Blau­lichter ließen die Schatten der Bäume wie irrlichternde Derwische tanzen und tauchten die Straße vor ihm in ein dramatisches Szenario.

Peter stellte seinen Wa­gen ein paar Schritte vor dem ersten Einsatzfahrzeug ab und ging zu Fuß weiter. Dann sah er das Wrack von Roberts Porsche und ihm stockte das Herz. Er musste erst einmal stehenbleiben und durchatmen. Was er sah, war ein Klumpen Blech, der wie eine bizarre Manschette um den mächtigen Stamm eines Alleebaumes gewickelt war. Seine Hoffnung, der Unfall könnte glimpflich ausgegangen sein, zerplatzte wie eine Seifenblase. Wie sollte jemand aus diesem Trümmerhaufen le­bend herauskommen? Fast mechanisch trat er näher, um sich das Wrack genauer anzusehen.

Oberhalb der Fahrertür war die Karos­serie mit der Rettungsschere aufgetrennt worden. Das Armatu­renbrett befand sich fast am Stamm des Baumes, das Lenk­rad war vollständig deformiert und überall war Blut.

Peter wollte sich gerade schaudernd abwenden, als sein Blick auf den Türholm der Fahrer­seite fiel. Dort hing, unbenutzt und unversehrt, der Sicherheitsgurt. Peter konnte es nicht glauben, aber es war eindeutig. Robert war nicht angeschnallt gewesen.

Plötzlich vernahm er eine leise Stimme hinter sich. „Robert ist im NAW.” Es war Ulli. Er deutete mit versteinerter Miene auf den Notarztwagen. Hinter dessen Milchglas­scheiben herrschte hekti­sche Ak­tivi­tät.

„Er lebt?”, fragte Peter überrascht. Nach dem Zustand des Autos hatte er den Freund bereits für tot gehalten. Er sah kurz hinüber zu dem Notarztwagen, dann deutete er auf den Gurt. „Robert war nicht angeschnallt!” sagte er mit tonloser Stimme.

„Ich weiß”, sagte Ulli und schüttelte ratlos den Kopf. „Er muss ein Höllentempo drauf gehabt haben. Ich kann das alles nicht begreifen.“

Ein Wagen kam an der Unfallstelle vorbei und hielt auf Höhe der beiden Freunde. Die Scheibe ging herunter. „Was ist denn hier passiert?”

Es war Günther Bard. Er betrachtete das Wrack mit der distanzierten Neugier eines Schaulustigen. Erst dann erkannte er das Nummernschild und seine Miene erstarrte. „Mein Gott!“, entfuhr es ihm, „das ist ja Roberts Wagen!“

„Ja“, bestätigte Peter und deutete auf den Notarztwagen, „er ist da drin.”

In diesem Moment sprang der Motor des NAW an.

„Sie fahren!”, stieß Ulli hervor, „das bedeutet, dass Robert lebt!“

Peter starrte den Freund an. „Bist du sicher?”

„Ganz sicher”, bestätigte Ulli, „in einem Notarztwagen dürfen nur Lebende transportiert werden.” Als Reporter, der schon von vielen Unfallorten berichtet hatte, kannte er die Vor­schriften.

„Das stimmt!“, schaltete sich Günther ein. Als Arzt musste er es wissen. Er wechselte ein paar Worte mit seiner Begleiterin. Dann sah er die beiden Freunde entschlossen an. „Ich fahre hinterher.”

Ulli und Peter tauschten einen kurzen Blick. „Wir auch“, entschieden sie wie aus einem Mund.

Kurz darauf befand sich die kleine Auto-Karawane auf dem Weg nach München. Vorne fuhr der Notarztwagen, dann folgten die Autos von Günther, Ulli und Peter.

Das Spital zum Heiligen Geist war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden und bestand aus einem drei­stöcki­gen Backsteinbau, dessen Hauptportal von eckigen Säulen mit religiösen Motiven getragen wurde. Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts waren noch mehrere Nebengebäude dazu gekommen, die sich mit ihrer kastenartigen Nüchternheit deutlich von dem alten Haupthaus abhoben.

Der Notarzt­wagen fuhr seitlich am Haupthaus vorbei zu einem der Nebengebäude. Über einer großen offenen Schie­betür leuchtete in grellen Buchstaben das Wort „Notaufnahme”. Zwei Pfleger warteten bereits mit einer Lafette.

Der NAW war kaum zum Stehen gekommen, als der Patient ausgeladen und ins Gebäude gebracht wurde.

Der Hof der Klinik war zu dieser nächtlichen Stunde fast leer, so dass die drei Wagen in der Nähe des Eingangs parken konnten. Auf dem Weg zur Notaufnahme machte Günther die beiden Freunde mit seiner Begleiterin bekannt. Ulli hatte sie bereits auf dem Fest gesehen. Sie hieß Verena und arbeitete in Günthers Institut.

Der breite Flur der Notaufnahme diente zugleich als Wartezone. Von vier Schiebetüren standen drei offen und gewährten Einblick in leere Räume. Günther ging zur der vierten Tür und schob sie ein wenig zur Seite.

In der Mitte des Raumes lag das Unfallopfer auf einem Operationstisch, angeschlossen an zahlreiche Schläuche. Eine Handvoll Helfer wuselten um ihn herum. Einer hatte gerade einen Blasenkatheter gelegt. Günther sah, dass der Urin blutrot war. Ein untrügliches Zeichen für die massiven inneren Verletzungen, die Robert erlitten hatte. Es wurde kaum etwas gesprochen, doch die wenigen Satzfetzen, die hin- und herflogen, ließen nichts Gutes ah­nen. Günther hörte, dass der Puls kaum noch fühlbar und der systolische Blut­druck auf unter Sechzig abgefallen waren. Jemand meldete, dass die Pupillen eng seien. Und über allem lagen zwei konstante Geräusche. Das Piepen des Herzmonitors und das rhythmische Pumpen der Beatmungsmaschine.

Die Geräusche waren auch draußen in der Wartezone zu vernehmen. Peter sah Ulli fragend an. „Weißt du, was das bedeutet? Enge Pupillen?”

Ulli hatte durch seine Einsätze an Unfallorten Interesse an Notfallme­dizin entwickelt und sich im Internet und durch Gespräche mit Frank ein bescheidenes Wissen zugelegt.

„Ich glaube, enge Pupillen sind ein gutes Zeichen”, sagte er, „erst im Tod werden sie weit und star­r.”

Günther spähte noch immer in den Ambulanzraum. Ein Mann in grüner Operationskleidung bemerkte es und trat hinaus in den Flur. Sein Blick heftete sich auf Günther. „Sind Sie ein Angehöriger?”

„Sein Bruder”, sagte Günther, „ich bin auch Arzt.”

Die Miene des Mannes hellte sich auf. Er stellte sich als Ober­arzt der Unfallchirurgie vor. „Es geht ihrem Bruder nicht gut“, sagte er, „wir tun, was wir können.”

Dann verschwand er wieder zu seinem Patienten und zog die Tür hinter sich zu. Günther blieb etwas ratlos stehen.

„Setz dich!”, sagte Verena und zog ihn auf den Platz neben sich. Schweigend saßen die vier neben der Schiebetür und lauschten dem unregelmäßigen Piepton des Herzmonitors.

Wenn die Tür aufging und Menschen hin und her eilten, wurde das Piepen lauter. Peter versuchte aus den Mienen der Helfer zu entnehmen, wie es Robert ging. Aber er sah nur konzentrierte Anspannung. Oder waren es nicht doch schon Anzeichen von Resignation?

Plötzlich schlug das Piepen in einen hässlichen, schrillen Dauerton um, der nach wenigen Sekunden jäh versiegte. Kurz darauf erstarb auch das Pumpgeräusch der Beatmungsmaschine.

Totenstille lag über der Ambulanz.

Jeder wusste, was das bedeutete. Die vier in der Wartezone sahen sich mit versteinerten Mienen an.

Kurz darauf kam der Chirurg heraus und wandte sich an Günther. „Es tut mir leid“, sagte er, „die Verletzungen waren zu schwer. Wir hatten keine Chance.”

In diesem Moment erschienen zwei Polizisten. Ulli hatte sie schon an der Unfallstelle gesehen. Sie wandten sich direkt an den Chirurgen, der in seiner blutverschmierten Operationskleidung unschwer als der richtige Ansprechpartner zu erkennen war.

„Wie geht es dem Unfallopfer?”, fragte der erste Polizist.

„Er ist gerade gestorben“, sagte der Arzt.

Der Polizist nickte. Er wirkte nicht überrascht. „Haben Sie schon seine Identität, seine Papiere?”

Der Chirurg verneinte.

Die Beamten wechselten einen kurzen Blick, dann verschwand einer wortlos in dem Ambulanzraum. Der andere sah die vier auf der Bank an. „Sind Sie Angehörige?“

Der Chirurg deutete auf Günther. „Das ist sein Bruder. Er ist ein Kollege von mir.”

„Mein Beileid”, murmelte der Polizist. Es klang sehr sachlich. „Haben Sie Ihren Bruder schon identifiziert?”

„Nein.“ Günther schüttelte den Kopf. Von der Tür aus hatte er das Gesicht nicht erkennen können.

Der zweite Uniformierte kehrte aus dem Ambulanzraum zurück und reichte seinem Kollegen einen Personalausweis. Der zeigte ihn Günther. „Ist das der Ausweis Ihres Bruders?”

Günther sah auf das Dokument. „Ja”, bestätigte er.

„Könnten Sie dann bitte kurz mit hinein kommen und ihn identifizieren?”

Günther sah den Beamten erstaunt an. Dann deutete er auf den Ausweis. „Aber sie haben doch schon seine Identität!”

Der Polizist setzte eine nachsichtige Miene auf. „Das ist nur die Identität des Halters des Wagens”, erklärte er geduldig, „und die kannten wir schon.“

Peter und Ulli starrten sich an. Beide begriffen im selben Moment, was der Beamte damit sagen wollte. Ulli erhob sich und trat zu dem Polizisten. „Haben Sie seinen Mantel?” Ullis Stimme klang aufgeregt.

Sekundenlang herrschte Schweigen. Die beiden Uniformierten tauschten einen kurzen Blick. „Was für einen Mantel?” fragte der erste.

„Einen blauen Kaschmirmantel”, drängte Ulli, „wir waren gemeinsam auf einem Fest und Robert“, Ulli deutete auf den Ausweis in der Hand des Polizisten, „trug diesen Mantel.“

Die Polizisten sahen sich erneut an, dann schüttelte der erste den Kopf. „Nein“, erklärte er mit Bestimmtheit, „das Opfer trug keinen Mantel und auch im Fahrzeug haben wir keinen Mantel gefunden. Ein so großes Kleidungsstück wäre uns aufgefallen.”

Ulli und Peter sahen sich an. Beiden schoss der gleiche Gedanke durch den Kopf. Der blaue Kaschmirmantel gehörte zu Roberts Lieblingsgarderobe. Er würde ihn niemals irgendwo zurücklassen. Wenn der Unglücksfahrer den Mantel nicht dabei hatte, konnte es dafür eine ebenso naheliegende wie aberwitzige Erklärung geben: bei dem Mann, der soeben seinen Verletzungen erlegen war, handelte es sich gar nicht um Robert! Damit fänden nicht nur der verschwundene Mantel, sondern auch der nicht angelegte Sicherheitsgurt und die unverständliche Raserei eine Erklärung.

Für den Umstand, dass sich Roberts Ausweis bei dem Verunglückten befand, konnte es viele Erklärungen geben. Vielleicht handelte es sich um einen Autodieb, der Robert die Papiere und den Schlüssel entwendet hatte. In der Hitze von Beaulieus Fest hatten viele Herren ihr Sakko abgelegt. Da hätte ein Dieb leichtes Spiel gehabt. Wer achtet in dem Trubel eines solchen Festes schon auf sein abgelegtes Sakko? Vor allem, wenn nur geladene Gäste anwesend sind und man praktisch unter sich ist.

Einer der Polizisten schien in eine ähnliche Richtung zu denken. „Ein Porsche ist ein schönes Auto”, meinte er, „deshalb sollten wir uns Gewissheit verschaffen.” Er wandte er sich wieder an Günther. „Würden Sie das Opfer jetzt bitte identifizieren?“

5 Verdacht auf Drogen

Als Günther zwei Minuten später den Ambulanzraum in Begleitung des Chirurgen verließ, sprach sein Gesicht Bände. Schwerfällig ließ er sich neben Verena nieder.

„Und ...?”, Peter wollte Gewissheit haben.

Günther atmete tief durch. „Es ist Robert.”

Eisiges Schweigen legte sich über die Runde. Die kleine Flamme der Hoffnung war jäh erloschen. Bei dem Toten handelte es sich also doch um Robert und nicht um einen Autodieb!

Ulli fand als erster seine Fassung wieder und stand entschlossen auf. „Robert war für mich mehr als nur ein guter Freund”, verkündete er. „Ich möchte mich selbst von ihm verabschieden."

Der Chirurg schien skeptisch. „Behalten Sie ihn lieber so in Erinnerung, wie Sie ihn kannten”, meinte er, „es ist kein schöner Anblick.”

„Ich kann es mir denken”, sagte Ulli, „ich war selbst am Unfallort. Aber ich möchte ihn noch einmal sehen.”

Der Chirurg zuckte mit den Schultern und schob Ulli die Schiebetür auf. Peter folgte zögernd.

Der Ambulanzraum sah aus wie ein Schlachtfeld. An einem Ständer hingen mehrere halbvolle Infusionsflaschen und die Blutspuren auf dem Boden waren mit Zellstoff mehr verschmiert als entfernt worden. Der Körper auf dem Behandlungstisch war mit einem blau­en Tuch zugedeckt. Die Füße wiesen Richtung Tür.

Peter fühlte plötzlich, wie sein Magen gegen den Anblick rebellierte. „Ich bleibe hier”, flüsterte er, lehnte sich gegen den Türrahmen und atmete tief durch.

Ulli ging langsam weiter bis zum Kopfende und lüftete vorsichtig das Tuch.

Der Kopf des Toten bot einen grauenhaften Anblick. Der Unfall hatte das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die einst so ebenmäßigen Züge waren kaum mehr zu erahnen. Mund und Nase erinnerten an Robert, auch das, was von dem behaarten Schädel übriggeblieben war. Aber war er es wirklich? Wie konnte Günther bei einer solchen Verstümmelung sicher sein, dass es sich tatsächlich um seinen Bruder handelte?

Was war mit den Augen?

Sie waren geschlossen.

Vorsichtig schob Ulli die beiden Lider nach oben.

Die engen Pupillen betonten die Farbe der Iris - ein helles Blau mit einem winzigen Stich ins Graue.

Das waren ohne Zweifel Roberts Augen.

Die endgültige Gewissheit ließ Ulli erschaudern. Behutsam schob er die Lider wieder zu. Dann strich er über ein Stück unverletzte Stirn. „Machs gut, Kumpel“, flüsterte er, „ich werde dich nie vergessen!“

Er deckte das Tuch wieder über den toten Freund und ging zu Peter, der immer noch am Türrahmen lehnte und um Fassung rang.

Ulli legte ihm die Hand auf den Arm. „Es ist Robert“, sagte er leise. Dann kam er etwas dichter an Peters Ohr heran. „Aber etwas stimmt hier nicht“, flüsterte er.

Peter sah den Freund überrascht an. „Etwas stimmt nicht?“, flüsterte er zurück, „wie meinst du das?“

„Seine Pupillen", flüsterte Ulli, „sie sind immer noch eng. Da er tot ist, müssten sie weit sein."

„Und was bedeutet das?“

Ulli sah Peter nachdenklich an. „Ich bin kein Arzt. Aber soviel ich weiß, sind enge Pupillen ein Zeichen für Drogen!”

Sie gingen wieder nach draußen und setzten sich zu den anderen auf die Bank.

Günther unterhielt sich mit den Polizisten, die vor ihm standen.

„Was wird in Ihrem Bericht als Unfallursache stehen?” fragte er. Seine Stimme klang ganz sachlich. Da er an Roberts Tod jetzt ohnehin nichts mehr ändern konnte, musste er an das Wohl seines Instituts denken. Immerhin trug es ihren gemeinsamen Familiennamen. Er hatte lange genug unter dem zweifelhaftem Lebenswandel seines Bruders gelitten. Wenn Roberts Ableben jetzt von einem Skandal überschattet wurde, konnte das auch dem Ruf seines Instituts schaden.

„Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit”, erklärte der Polizist. Sein Kollege hob vorsichtig die Hand, als wollte er Bedenken anmelden. „Falls sich nicht noch etwas anderes ergibt.”

Günther sah den Beamten irritiert an. „Was sollte sich denn noch ergeben?“

„Wir müssen noch das Ergebnis der Blutprobe abwarten."

Peter horchte auf. Vielleicht lieferte die Untersuchung eine Erklärung für Roberts unkontrollierten Fahrstil und seine engen Pupillen.

„Auf was wird das Blut denn untersucht?"

„Auf Alkohol", antwortete der Polizist. Er überlegte kurz, dann sah er Peter interessiert an. „Oder glauben Sie, es könnte noch etwas anderes mit ihm Spiel sein?"

Peter tauschte einen raschen Blick mit Ulli. Der schüttelte unmerklich den Kopf. Bevor Peter noch etwas sagen konnte, schaltete sich der zweite Polizist ein. „Letztlich ist es uns egal, auf welche Weise jemand seine Fahrtüchtigkeit herabsetzt”, erklärte er gleichmütig, „wenn keine weiteren Personen geschädigt werden ist alles Weitere Sache der Versicherung."

„Dann ist der Fall für sie abgeschlossen?”, fragte Peter ungläubig.

Der erste Polizist hatte noch einmal einen Blick auf seine Unfallskizze geworfen. „Nicht ganz“, sagte er, „einer Frage müssen wir noch nachgehen.”

„Nämlich?” Günthers Misstrauen erwachte wieder. Roberts Unfall durfte keinen Staub aufwirbeln!

„Es gibt keine Bremsspuren”, erklärte der Beamte.

Alle sahen sich verblüfft an.

Verena, die bisher nur schweigend zugehört hatte, fand als erste ihre Sprache wieder. „Und was bedeutet das?”

„Durch das ABS und die damit verbundene Stotterbremse sind Bremsspuren grundsätzlich nicht so gut zu erkennen wie bei blockierenden Reifen, die schwarze Striche auf der Straße hinterlassen.“ Der Polizist sah sein Publikum an. „Aber da es hier überhaupt keine Bremsspuren gibt, muss man auch eine andere Möglichkeit in Betracht ziehen.“

„Nämlich?” Günther runzelte die Stirn.

Der Polizist setzte eine bedeutungsvolle Miene auf. „Dass an der Bremsanlage manipuliert wurde.”

Die vier auf der Bank tauschten überraschte Blicke.

„Wer sollte so etwas tun?“, fragte Verena.

Günther setzte eine vielsagende Miene auf. „Mein lieber Bruder hatte nicht nur Freunde.“

Peter fand die Bemerkung zu dem jetzigen Zeitpunkt reichlich pietätlos, aber Günther hatte Recht. Robert hatte sich tatsächlich eine Menge Feinde gemacht. Nicht nur, weil er die gesellschaftlichen Auftritte mancher hochgestellten Persönlichkeit in seiner Rubrik spöttisch kommentiert hatte. Sondern vor allem deshalb, weil er einigen Herren der Gesellschaft in aller Öffentlichkeit Hörner aufgesetzt hatte. Es konnte gut sein, dass einer dieser Gedemütigten nur auf die passende Gelegenheit gewartet hatte, es Robert heimzuzahlen. Und wenn er es auf Roberts Porsche abgesehen hatte, konnte er es kaum besser treffen als bei Beaulieus Fest. Roberts Wagen hatte unbeobachtet vor dem Hoftor gestanden und jeder hätte sich daran zu schaffen machen können.

Aber selbst wenn jemand Roberts Wagen manipuliert hatte, blieb die Frage offen, warum er sich nicht angeschnallt hatte und warum seine Pupillen so eng waren.

Peter sah den Polizisten an, „Wann wird der Wagen untersucht?”

„Gleich morgen früh”, erklärte der Polizist, „damit für den Fall einer strafbaren Handlung sofort weitere Ermittlungen eingeleitet werden können.”

„Und wann können wir das Ergebnis erfahren?”

„Gegen Mittag im Präsidium.” Der Polizist verstaute seine Unterlagen, griff zum Gruß an die Mütze und verließ zusammen mit seinem Kollegen die Ambulanz.

Der Chirurg sah den beiden Beamten versonnen hinterher. „Vielleicht hat ja tatsächlich jemand an dem Wagen manipuliert.“

Peter bewegte etwas ganz anderes. „Oder es sind Drogen im Spiel.“

„Drogen!“ Günther sah Peter erschrocken an. „Wie kommst du denn auf so was?”

Bevor Peter etwas sagen konnte, kam ihm Ulli zu Hilfe. „Roberts Pupillen sind immer noch eng.”

Günther tauschte mit dem Chirurgen einen kurzen Blick. Einen Moment herrschte betretenes Schweigen.

„Und wenn schon“, sagte Günther schließlich, „selbst wenn Robert Drogen genommen hat, ändert das nichts?”

„Oh doch!“, widersprach Peter. Günthers Gleichgültigkeit machte ihn wütend. „Ich kenne Robert seit einer Ewigkeit. Er hat noch nie irgendwelche Drogen genommen.“

Günther lächelte schwach. „Einmal ist immer das erste Mal.”

Ulli sah noch eine andere Möglichkeit. „Vielleicht hat er die Drogen ja nicht freiwillig genommen?"

„Nicht freiwillig?”, Günther schüttelte den Kopf, „warum sollte Robert gegen seinen Willen Drogen nehmen?“ Er schnaubte unwillig.

Verena legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Bitte keine unnötige Aufregung”, meinte sie sanft, „wir müssen über mögliche Drogen nicht spekulieren.“ Sie sah sich in der Runde um. „Ich schlage vor, dass wir die entsprechenden Untersuchungen selbst durchführen und dann wissen wir Bescheid.“

Peter und Ulli nickten zustimmend.

Der Chirurg hatte Verena interessiert zugehört. Plötzlich begriff er, weshalb ihm der Name Bard so bekannt vorkam. Er sah Günther interessiert an. „Gehört Ihnen das Institut für medizinische Analysen?"

Günther nickte.

Der Chirurg überlegte kurz. Dann wandte er sich wieder an Verena. „Sie haben Recht. Wenn Sie die Untersuchung selbst durchführen, fragt niemand nach Formularen oder Kosten und Sie allein entscheiden, was mit dem Ergebnis geschehen soll.”

Günther Miene verriet, dass ihm der Vorschlag nicht gefiel. „Das macht Robert auch nicht mehr lebendig“, meinte er unwillig.

Peter sah Günther missbilligend an. „Möchtest du denn nicht wissen, was hinter Roberts Tod steckt?“

Günthers Miene blieb abweisend.

„Komm schon”, drängte Verena, „ich kümmere mich selbst um die Untersuchung. Du hast nicht die geringste Arbeit damit.”

Die anderen pflichteten ihr bei.

„Na schön“, sagte Günther schließlich.

Er stand auf, beriet sich kurz mit dem Chirurgen und dann verschwanden die beiden Ärzte hinter der Schie­betür.

Peter sah Verena dankbar an. „Das mit der Untersuchung in Günthers Institut war eine gute Idee von Ihnen. Vielen Dank.”

„Kein Problem“, sagte Verena. Sie zögerte einen Moment, dann sah sie Peter und Ulli mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich bin Verena.“ Sie reichte den beiden Männern die Hand. Die nannten ihre Vornamen.

„Wann machst du die Untersuchung?“, fragte Peter.

„Sobald wir zu Hause sind“, sagte Verena, „ich kann jetzt sowieso nicht schlafen.“

„Dürfen wir mitkommen?“, fragte Ulli.

Verena dachte einen Moment nach. Eigentlich war das Günthers Entscheidung. Doch dann nickte sie. „Klar.”

Kurz darauf kamen die beiden Ärzte aus dem Ambulanzraum zurück. Da Günther schlecht zu Fuß war, trug der der Chirurg die Proben. Zwei blutgefüllte Röhrchen und einen Beutel mit einer rosa Flüssig­keit.

Verena stand auf und nahm das Untersuchungsmaterial wie selbstverständlich an sich. „Danke“, sagte sie.

„Können wir jetzt fahren?”, brummte Günther.

„Aber ja”, sagte Verena und lächelte besänftigend. „Ich werde mich wie versprochen selbst darum kümmern, so dass du keine Arbeit hast.“ Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf Peter und Ulli. „Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn Peter und Ulli mitkommen.”

Günthers Miene zeigte einen Anflug von Missfallen, doch dann zuckte er die Schultern.

Sie waren schon am Ausgang, als Günther noch einmal ein paar Schritte zurückging und mit dem Chirurgen sprach. Günther sprach so leise, dass er von den anderen an der Tür nicht vernommen werden konnte. Dagegen war der Chirurg, der in normaler Lautstärke sprach, auch an der Tür zu verstehen. Er sagte Günther zu, den Anruf für ihn zu übernehmen.

Als sie an den Autos angekommen waren und Günther einsteigen wollte, verstellte ihm Verena den Weg. „Welchen Anruf will dein Kollege für dich übernehmen?“

„Eine Sache unter Kollegen“, meinte Günther ausweichend und versuchte, sich an Verena vorbeizuschieben.

„Was für eine Sache?“, insistierte Verena und wich keinen Zentimeter zur Seite.

Peter und Ulli sahen sich verwundert an. Sie hatten noch nie erlebt, dass es jemand wagte, so mit Günther zu sprechen.

„Lass uns fahren!“, sagte Günther.

Verena rührte sich nicht vom Fleck. „Wollten wir nicht ehrlich miteinander umgehen?“

Günther seufzte ergeben. „Der Kollege ruft jemanden für mich an“, sagte er leise.

„Wen?“ Verena ließ nicht locker.

Günther seufzte genervt. „Laura.“

6 Crystal Meth

Auf der Fahrt vom Krankenhaus zum Bard´schen Institut ging Peter die Bedeutung von Günthers letzter Äußerung nicht aus dem Kopf. Günther hatte tatsächlich einen Fremden gebeten, seiner Schwägerin die Nachricht vom Tod ihres Mannes zu übermitteln! War die Abneigung gegen den eigenen Bruder selbst über dessen Tod hinaus so tief?

Hatte sich bei Günther so viel Hass aufgestaut, obwohl der Bruderkrieg jetzt auf so dramatische Weise ein Ende gefunden hatte? Eine familiäre Tragödie, die Peter als Roberts bester Freund hautnah miterlebt hatte. Günther, der ältere der beiden Brüder, litt seit der Geburt unter einer Muskelschwäche des linken Beines, die ihn in seinem Bewegungsablauf erheblich behinderte und ihm mit zunehmendem Alter immer mehr zu schaffen machte.

Demgegenüber lebte der jüngere Robert seine körperliche Unversehrtheit geradezu provokant aus. Dazu gehörten nicht nur sportliche Aktivitäten, sondern nach der Pubertät auch immer häufiger hübsche Mädchen, mit denen er dem behinderten Bruder vor Augen führte, wie schön ein Leben in Unversehrtheit sein konnte. Günther rächte sich im Gegenzug mit Sticheleien und ließ keine Gelegenheit aus, seinen Bruder wegen dessen ausschweifenden Lebenswandels und der damit verbundenen vermeintlichen Unzuverlässigkeit bei den Eltern anzuschwärzen.