Peterchens Mondfahrt - Gerdt von Bassewitz - E-Book + Hörbuch

Peterchens Mondfahrt E-Book

Gerdt von Bassewitz

4,5

Beschreibung

Der Bestseller Peterchens Mondfahrt hat Generationen von Kindern durch ihre Jugend begleitet. Der spannende Aufbau der Geschichte von Gerdt von Bassewitz und der träumerische Charme der Illustrationen von Hans Baluschek haben bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren. Die Kinder Peterchen und Anneliese werden nachts von dem Maikäfer Herrn Sumsemann aufgesucht. Herr Sumsemann hat ein Beinchen verloren, das auf Umwegen zum Mann im Mond gelangt ist. Alleine wagt er nicht, es wiederzuholen. Die Kinder bieten ihre Hilfe an. Sie begleiten den Maikäfer in die Nacht hinaus auf seiner Reise zum Mond. Auf ihrer phantastischen Reise begegnen ihnen geheimnisvolle Gestalten wie die Königin der Nacht, die Blitzhexe, der Wassermann, und der Morgenstern. Federleicht durchfliegen sie den Sternenhimmel, erleben aufregende Abenteuer und landen schließlich mit einer Rakete auf dem Mondberg. Das in kindgerechter Sprache verfasste Stück verwandelt die Naturerscheinungen des Kosmos zu einer mystischen Zauber- und Feenwelt. Es erzählt von gemeinsamen Abenteuern, Freundschaft, Bedürftigkeit und Liebe. Peterchens Mondfahrt ist ein Klassiker der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Das Märchen wurde 1912 als Bühnenstück am Stadttheater Leipzig uraufgeführt. 1915 erschien das Buch. Peterchens Mondfahrt wurde 1959 und 1990 verfilmt. Der Autor Gerdt von Bassewitz (1878 - 1923) war zunächst Offizier der preußischen Armee, wurde aber wegen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung 1903 aus dem aktiven Dienst entlassen. Danach war er Schauspieler, Direktionsassistent am Kölner Theater, und freier Schriftsteller in Berlin. Der Bestseller Peterchens Mondfahrt wurde sein größter Erfolg.

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Peterchens Mondfahrt

Peterchens Mondfahrt Gerdt von Bassewitz Die Geschichte der SumsemannsIn der KinderstubeDer Flug nach der SternenwieseDie SternenwieseDie Schlittenfahrt auf der MilchstraßeDas Schloß der NachtfeeDie Ankunft der Kinder im Schloß der NachtfeeDer Ritt auf dem großen BärenDie WeihnachtswieseDas OsternestDie MondkanoneDer Kampf mit dem MondmannDas BeinchenWieder daheimImpressum

Peterchens Mondfahrt

Gerdt von Bassewitz

Der Bilderbuchklassiker mit den Illustrationen der Originalausgabe

Die Geschichte der Sumsemanns

„Sumsemann“ hieß der dicke Maikäfer, der im Frühling auf einer Kastanie im Garten von Peterchens Eltern hauste, nicht weit von der großen Wiese mit den vielen Sternblumen. Er war verheiratet gewesen; aber seine Frau war nun tot. Ein Huhn hatte sie gefressen, als sie auf dem Hofe einherkrabbelte am Nachmittag, um einmal nachzusehen, was es da im Sonnenlicht zu schnabulieren gab. Für die Maikäfer ist es nämlich sehr gefährlich, am Tage spazierenzugehen. Wie die Menschen des Nachts schlafen müssen, so schlafen die Maikäfer am Tage.

Aber die kleine Frau Sumsemann war sehr neugierig und so brummte sie auch am Tage herum. Gerade hatte sie sich auf ein Salatblatt gesetzt und dachte: ›Willst mal probieren, wie das schmeckt!‹ ... Pick! – da hatte das Huhn sie aufgefressen.

Es war ein großer Schmerz für Herrn Sumsemann, den Maikäfer. Er weinte viele Blätter naß und ließ seine Beinchen schwarz lackieren. Die waren früher rot gewesen; aber es ist Sitte bei den Maikäfern, daß die Witwer schwarze Beine haben in der Trauerzeit. Und Herr Sumsemann hielt auf gute Sitte, denn er war der letzte Sohn einer sehr berühmten Familie.

Vor vielen hundert Jahren nämlich, als der Urahn der Familie Sumsemann sich gerade verheiratet hatte, geschah ein großes Unglück. Er war mit seiner kleinen Frau im Wald spazierengeflogen – an einem schönen Sonntagabend. Sie hatten viel gegessen und ruhten sich ein wenig auf einem Birkenzweiglein aus.

Da sie aber sehr mit sich selbst beschäftigt waren, denn sie waren jung verheiratet, merkten sie nicht, daß ein böser Mann durch den Wald herbeikam; ein Holzdieb, der am Sonntag stehlen wollte. Der schwang plötzlich seine Axt und hieb die Birke um. Und so schrecklich schlug er zu, daß er dem Urgroßvater Sumsemann ein Beinchen mit abschlug. Fürchterlich war es!

Und sie fielen auf den Rücken und wurden ohnmächtig vor Angst. Nach einiger Zeit aber kamen sie zu sich von einem hellen Schein, der um sie leuchtete.

Da stand eine schöne Frau vor ihnen im Walde und sagte: „Der böse Mann ist bestraft für seinen Waldfrevel am Sonntag. Ich bin die Fee der Nacht und habe es vom Monde aus gesehen. Zur Strafe ist er nun mit dem Holz, das er umgeschlagen hat, auf den höchsten Mondberg verbannt. Dort muß er bleiben bis in alle Ewigkeit, Bäume abhauen und Ruten schleppen.“

Aber der Urgroßvater Sumsemann schrie und sagte: „Wo ist mein Beinchen, wo ist mein Beinchen, wo ist mein kleines sechstes Beinchen?“

Da erschrak die Fee.

„Ach“, sagte sie, „das tut mir sehr leid; es ist wohl an der Birke hängengeblieben und nun mit auf den Mond gekommen.“

„Oh, oh, mein Beinchen, mein kleines sechstes Beinchen!“ schrie der arme Urgroßvater Sumsemann, und seine kleine Frau weinte schrecklich. Sie wußte, daß nun alle ihre Kinder nur fünf Beinchen haben würden statt sechs, denn es vererbt sich. Und das war schlimm. Als aber die Fee den großen Jammer sah, hatte sie Mitleid mit den Käfertierchen und sagte: „Ein Mensch ist zwar sehr viel mehr als ein Maikäfer, und deshalb kann ich die Strafe für den bösen Mann nicht aufheben; aber ich will erlauben, daß gute Menschen, wenn ihr sie findet, euch das Beinchen wiedergewinnen können. Wenn ihr zwei Kinder findet, die niemals ein Tierchen quälten, dann dürft ihr auf den Mond mit ihnen und das Beinchen wiederholen.“

Da waren die beiden etwas getröstet und flogen heim und trockneten ihre Tränen.

Diese Geschichte hatte sich bald unter allen Käfern herumgesprochen; alle Mücken, Grillen und Ameisen wußten es, sogar die Libellen und Schmetterlinge hatten davon gehört. Die Familie der Sumsemanns war berühmt geworden. Sie galt auf allen Wiesen und in allen Bäumen für ein sehr vornehmes Geschlecht. Aber die Sumsemänner und Frauen hatten viel Leid von ihrem Ruhm, denn immer wieder wurden sie totgeschlagen, wenn sie nachts in die Stuben kamen, um die Kinder zu bitten; oft von rohen und unverständigen Dienstmädchen, oft auch von den Kindern selbst. Dies war der große Fluch, der auf der Familie lastete. Und so kam es, daß zuletzt nur noch ein Sumsemann übrig war auf der Welt, der Witwer, dessen Frau von dem Huhn gefressen wurde, weil sie so neugierig am Tag herumflog, statt zu schlafen.

Er war ein sehr vorsichtiger Mann, hielt sich immer ein wenig abseits von den anderen Maikäfern, und besonders, seit seine Frau tot war, liebte er die Einsamkeit.

Da saß er in der Dämmerung, wenn er sich satt gegessen hatte, auf irgendeinem Zweiglein, geigte sehnsüchtige Liederchen an den Mond und die große Ballade vom sechsten Beinchen, das noch immer dort oben war. Manchmal spielte er sich auch ein lustiges Liedchen. Dazu tanzte er dann auf den großen Kastanienblättern herum. Das sah sehr komisch aus. Die anderen Maikäfer veranstalteten allabendlich ein großes Brummbaß- und Paukenkonzert unter dem Baum. Herr Sumsemann aber sagte regelmäßig ab, wenn sie ihn dazu einluden, und das ärgerte sie sehr. „Er ist hochnäsig“, sagten sie, „seit er nicht mehr den Brummbaß, sondern die Geige spielt.“

Aber es war nur Neid von ihnen. Sie hatten nämlich alle nur ihre Pauken und dicken Brummbässe; er aber hatte eine kleine silberne Geige, die funkelte wie das Mondlicht und hatte einen Ton, so fein wie die winzigen, singenden Mücken, die in der Sonne tanzen. Diese Geige war ein altes Familienerbstück. Einst hatte ein Herr Sumsemann der Grille Zirpedirp, die auf der Sternblumenwiese wohnte, das Leben gerettet, als sie zu hoch auf einen Baum gestiegen war und einen Schwindelanfall bekam. Zum Dank für diese mutige Tat hatte die Grille ihrem Lebensretter die silberne Geige geschenkt. Die erbte seither im Geschlechte der Sumsemanns immer der älteste Sohn, und sie wurde hoch in Ehren gehalten. So war nun der letzte Sumsemann auch der letzte Erbe. All dies machte ihn sehr stolz. Man kann es begreifen. Er führte ein bequemes Leben, war dick und vorsichtig und dachte immer daran, daß er sich nicht in Gefahr bringen dürfe. Nur manchmal, wenn der Abend gar so schön war, packte es ihn, und er wurde mutig. Dann trank er ein Vergißmeinnichtschnäpschen nach dem anderen zur Erinnerung an seine Frau – obwohl sie damit ganz gewiß nicht einverstanden gewesen wäre –, und in sehr angeregter Stimmung summte er in Zickzacklinien durch die Gärten. Er störte die Mücken bei ihrem Abendtanz und die Leuchtkäfer beim Versteckspielen. Er rempelte die Apfelblüten an, daß die kleinen Marienkäferkinderchen herauspurzelten, die da eben einschlafen wollten. Er zerriß der schieläugigen Spinne die Fangnetze und rannte ... bums! ... gegen alle Fenster, weil er nicht mehr genau unterscheiden konnte, ob ein Fenster offen oder geschlossen war. Es tat ihm aber nichts, denn er hatte einen sehr harten Schädel. „Hoppla!“ sagte er meistens nur und flog weiter, von gewaltigem Tatendurst getrieben. ›Ein Ritter bin ich‹, so dachte er, ›und der letzte Sumsemann!‹

In der Kinderstube

So war der letzte Sumsemann denn auch eines schönen Abends in das Schlafzimmer von Peterchen und Anneliese geraten, als die Kinder gerade von der dicken Minna zu Bett gebracht wurden.

Peterchen hatte natürlich sein Gebrumm gehört und wollte ihn greifen. Gut war nur, daß Minna die Jagd nicht erlaubte, denn sonst wäre Sumsemann vielleicht in eine schlimme Lage geraten. Sie war wahrscheinlich schwerhörig, denn sie hatte gar nichts gehört und glaubte, daß Peterchen ihr nur etwas vormachen wolle, um im Hemdchen noch so „ein bissel“ im Zimmer herumzuturnen.

Der Schreck war dem edlen Sumsemann aber doch scheußlich in die Glieder gefahren, und, trotzdem er gerade heute besonders viele Vergißmeinnichtschnäpschen getrunken hatte, war all sein Mut fort. Er lag oben auf der Gardinenstange und stellte sich tot. Dies ist ein altes und bewährtes Mittel bei den Maikäfern, in großen Gefahren. Derweil aber paßte er genau auf, was im Zimmer geschah. Die Minna ging fort, als sie die Kinder ins Bettchen gepackt hatte, und Peterchen unterhielt sich mit Anneliese natürlich gleich über den Maikäfer. Jetzt wurde es wieder gefährlich!

Der Sumsemann bekam oben auf der Gardinenstange kolossales Herzklopfen, als Peterchen plötzlich leise aufstand, um ihn zu suchen, weil Anneliese ein bissel Angst hatte.

›Wer weiß, es hätte ihm doch ans Leben gehen können; obwohl die Kinder ja sonst gut waren. Aber man darf sich auf die Gutmütigkeit der Menschen nicht verlassen.‹ Dies wußte er aus seiner Familiengeschichte.

Das Geschick war ihm aber günstig; denn, gerade als Peterchen an der Gardine war und die Gefahr am höchsten stieg, kam die Mutter herein. Husch! wurde der kleine Junge wieder ins Bettchen gesteckt; beide Kinder mußten die Hände falten und das Nachtgebet sprechen. Dann sang die Mutter ihnen noch ein Schlaflied. Und sie sang die berühmte Maikäferballade. Hier ist sie:

„War einst ein kleines Käferlein, Summ – Summ – Summ – Hatte zwei braune Flügelein, Summ – Summ – Summ – Und sechs Beinchen hatte es auch Unter seinem schwarz-weißen Bauch, Summ – Summ – Summ.

Saß auf einem grünen Baum, Summ – Summ – Summ – Träumte einen schönen Traum, Summ – Summ – Summ – Träumte von Sonne, Mond und Sternen Und von fremden Länderfernen, Summ – Summ – Summ.

Als der dunkle Abend kam, Summ – Summ – Summ – Käferlein sein Ränzel nahm, Summ – Summ – Summ – Wollt' auf die große Reise gehn Und die weite Welt besehn, Summ – Summ – Summ.

Flog über einen breiten Bach, Summ – Summ – Summ – Verlor ein kleines Beinchen, ach! Summ – Summ – Summ – Reiste nur noch mit fünf Beinen, Tat so bitterlich drum weinen, Summ – Summ – Summ.

Flog es nach dem Mond geschwind, Summ – Summ – Summ – Kam ein großer Wirbelwind, Summ – Summ – Summ – Brach ein Flügelchen entzwei; Ach, das gab ein groß' Geschrei! Summ – Summ – Summ.

Fiel in einen tiefen Wald, Summ – Summ – Summ – Starb an seinem Kummer bald, Summ – Summ – Summ – Mußt' die Reis' ein Ende haben; Sandmännchen hat es eingegraben, Summ – Summ – Summ.“

›Seltsam!‹ Herr Sumsemann oben auf der Gardinenstange wunderte sich, daß die Menschen dies Lied auch kannten. Es war ihm aber ein neuer Beweis für die Berühmtheit der Maikäfer auf der weiten Welt, und dies beruhigte ihn sehr. Als die Kinder nun eingeschlafen waren und die Mutter aus dem Zimmer ging, faßte er neuen Mut. Ganz leise rappelte er sich auf und spazierte in der Stube herum.

Er besah und beschnüffelte alles. Eine Puppenstube, ein Schaukelpferdchen, ein Lämmchen, Soldaten und Bilderbücher waren da. Lauter langweilige Sachen!

In der Puppenstube war allerdings etwas Zucker; aber Zucker? Puh, den mochte er nicht! Er verstand gar nicht, wie man so was essen könnte. Dann waren noch zwei Körbchen mit Äpfel da. Die Mutter hatte sie den Kindern für morgen hingestellt, wenn sie recht brav ausgeschlafen hätten. Er schüttelte den Kopf. ›Wie konnte man nur Äpfel essen?!‹ Unbegreiflich war ihm das. Greuliche Bauchschmerzen hätte er bekommen. Er aß nur Salat; das war vornehm. ›Komisch, was den Menschen alles gut schmeckt!‹ dachte er, und dabei mußte er laut lachen. Da er aber so viel Vergißmeinnichtschnäpse getrunken hatte, geriet er plötzlich aus dem Gleichgewicht und purzelte auf den Rücken. Au!... das war eine außerordentlich fatale und unangenehme Lage für den dicken Sumsemann, denn jeder weiß, daß es für Maikäfer sehr schlimm ist, auf den Rücken zu fallen, weil sie sich dann gar nicht mehr recht aufrappeln können. Er angelte also mit seinen fünf Beinchen in der Luft herum und dachte: ›Ja, ja, das kommt von den Schnäpschen, die man zum Andenken an die tote Ehefrau trinkt!‹

Lebte sie noch, sie hätte ihm sicher eins ausgewischt für die vielen Schnäpschen. Er wiegte sich nach rechts und links wie ein kleines Boot, kreiselte herum wie eine Karussell und quälte sich sehr. Endlich geriet er in die Nähe eines Tischbeins, und daran konnte er sich stützen, so daß er wieder hochkam. Ganz schmutzig war sein schöner, brauner Rock geworden. Alle Knöpfe waren abgeplatzt, und eine lange Naht war aufgerissen. Gut, daß ihn seine Frau nicht mehr sehen konnte. Nun saß der Sumsemann eine Weile am Tisch und dachte nach, womit er sich die Zeit vertreiben könnte. Da er aber weiter nichts anzufangen wußte und über die traurige Stimmung hinwegkommen wollte, nahm er seine kleine Geige und spielte sich ein lustiges Maikäfertänzchen; dazu sang er:

„Eins, zwei, drei – eins, zwei, drei, Fiel eine Biene in den Brei; Plumsdibums, Dideldumdei! Alle Käfer sitzen drum herum, Lachen sich schief, Lachen sich krumm, Brumm, brumm!

Vier, fünf, sechs – vier, fünf, sechs, Macht eine Fliege einen Klecks; Putschpitschpatsch, Klickklackklecks! Pfui, ruft jeder rechte Käfermann, Seht sie an, Was sie kann, Heran, heran!

Sieben, acht, neun – sieben, acht, neun, Tanzen alle kleinen Käferlein; Ringelreih, Dideldudeldei! Um die dicke Linde mit Gesumm, Rechts herum, Links herum, Brumm, brumm!“