Pferde, Sommer, Sonnenschein - Kathrin Schrocke - E-Book

Pferde, Sommer, Sonnenschein E-Book

Kathrin Schrocke

4,9

Beschreibung

Daniela erlebt einen Pferdesommer wie er besser kaum sein kann: die erste Reitstunde, die erste Liebe, der erste Kuss - das sind die aufregendsten Ferien ihres Lebens! Auch Marlenes Sommer ist voller Abenteuer: Pferde, Fußball und verliebt! Eigentlich wollte sie sich ja auf das große Springturnier vorbereiten … stattdessen meldet sie sich zur Fußball-AG an, um Jan zu beeindrucken. Und als sie auch noch einen Freund erfindet, um ihn eifersüchtig zu machen, bricht das totale Chaos aus! Dieser Doppelband enthält die beiden Einzelbände "Ein Pferd im Gepäck" und "Im Galopp ins Fettnäpfchen".

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 260

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,9 (19 Bewertungen)
18
1
0
0
0



Kathrin Schrocke

Ein Pferd

2. Ferientag

„Oje. Die Frau ist irgendwie putzsüchtig!“, sagt meine beste Freundin Ann-Katrin und reicht mir das Fernglas. Vorsichtig schiebt sie die Efeublätter am Balkon beiseite, sodass ich beste Sichtverhältnisse habe.

Die Frau ist meine Mama. Und vermutlich gibt es nichts Blöderes, als seine eigene Mutter heimlich mit dem Fernglas zu beobachten.

„Sie macht nur sauber!“, sage ich also und schaue beunruhigt zu, wie Mama die steinerne Vogeltränke in der Mitte unseres Gartens mit einer riesigen hellblauen Bürste bearbeitet. Ihr Gesichtsausdruck dabei ist so verbissen, als würde das hartnäckige Moos an den Rändern jeden Moment auf unser Haus überspringen und alles Leben darin vernichten.

„Ist es nicht schrecklich?“, sagt Tine, Ann-Katrins Zwillingsschwester, und wirft ihre Zeitschrift zur Seite. „Wir sind dreizehn, es ist der zweite Tag der Sommerferien. Und wir hocken hier auf Danielas Balkon und beobachten ihre putzsüchtige Mutter, wie sie einen Brunnen mit einer Klobürste reinigt.“

„Das ist keine Klobürste!“, versuche ich schon wieder, meine arme Mama zu verteidigen, und gebe Ann-Katrin das Fernglas zurück. Dann ziehe ich den kleinen roten Block aus meiner Hosentasche und starre auf den kurzen Eintrag. „1. Ferientag: reinste Langeweile“, habe ich gestern notiert. „2. Ferientag: genauso langweilig“, ergänze ich in Schönschrift.

„Was wird denn das?“, fragt Ann-Katrin und linst neugierig herüber. Rasch klappe ich den Miniblock zu und verstaue ihn wieder.

„Nach den Ferien will ich bei dem Wettbewerb der Schülerzeitung mitmachen“, erkläre ich den beiden Schwestern. „Ein Erlebnisbericht über die Sommerferien. Die besten Texte werden als Buch gebunden. Und der Sieger bekommt ein nagelneues Mountainbike. Ihr wisst doch, dass mein Fahrrad geklaut wurde!“

„Aha.“ Tine tut unbeeindruckt. „Ob die es abdrucken, wenn du drei leere Blätter abgibst? Ehrlich gesagt fürchte ich nämlich, das werden die langweiligsten Ferien aller Zeiten.“

Sie gähnt ausgiebig und vertieft sich wieder in ihre Zeitschrift.

Es stimmt leider. In Golfingen liegt wirklich der Hund begraben. Aber auf dem Balkon herumsitzen und sich unterhalten ist allemal besser, als in der Schule Mathe zu büffeln.

„Deine Mama hat den Brunnen kaputt geschrubbt und poliert jetzt den Gartenzaun!“, gibt Ann-Katrin die Entwicklungen im Vorgarten durch.

Ich schiebe meine gelbe Schirmmütze über die Augen und lehne mich an der warmen Hauswand an. Wie schön wäre es jetzt, in Urlaub zu fahren. Direkt ans Meer. Aber ich habe nicht nur eine putzsüchtige Mutter, sondern auch einen Firmenchef zum Vater. In Urlaub fahren wir frühestens in den Weihnachtsferien, wenn Papas gesamter Betrieb die Türen schließt. Und selbst das ist nicht sicher.

„Jetzt hält ein uralter VW-Bus direkt vor dem Gartentor“, fährt Ann-Katrin fort. „Ein ziemlich schmutziger VW-Bus, der mit ulkigen Zebrastreifen bemalt ist.“

„Sehr witzig!“, murmele ich und denke weiter an Sonne, Strand und Wellen. An meinen Bikini, der mir dieses Jahr endlich passt wie angegossen!

Tine neben mir steht auf und beugt sich über die Brüstung. „Ann-Katrin hat recht“, sagt sie. „Da steht wirklich ein ziemlich klappriger VW-Bus. Und deine Mama guckt, als wäre ein Ufo gelandet.“

Endlich schiebe ich die Mütze wieder nach oben. Mein Blick wandert durch einen winzigen Spalt in der Efeuumwucherung des Balkons und landet direkt auf Rolands Lockenkopf.

„Aber das ist ja Roland!“, rufe ich entgeistert und springe auf.

„Welcher Roland?“, fragt Ann-Katrin und richtet das Fernrohr direkt auf ihn.

„Na, mein Onkel!“, erkläre ich. „Der jüngere Bruder meiner Mutter.“

„Der sehr viel jüngere Bruder deiner Mutter!“, verbessert mich Tine und starrt zur Straße hinunter.

„Der wirklich hübsche jüngere Bruder deiner Mutter!“, fällt Ann-Katrin laut in die Überlegung ihrer Schwester ein. Habe ich schon erwähnt, dass meine beste Freundin ziemlich männerbesessen ist?

Endlich guckt Roland nach oben.

„Hallo!“, ruft er und winkt zu uns hoch.

„Wieso hast du uns nie von ihm erzählt?“, fragt Ann-Katrin vorwurfsvoll.

Ich zucke mit den Schultern. „Seit wann interessiert ihr euch für meine Verwandtschaft? Außerdem haben wir nicht viel Kontakt. Ist bestimmt drei Jahre her, dass er zum letzten Mal hier war. Damals war ich noch so.“ Ich zeige mit der Hand meine damalige Größe an und Ann-Katrin nickt mitleidig.

„Verstehe. Und was macht dein hübscher junger Onkel beruflich? Bestimmt ist er staatlich geprüfter Herzensbrecher.“

„Er ist Maler“, sage ich und merke, dass das ein bisschen angeberisch klingt. Obwohl ich ja rein gar nichts dazukann, dass Roland zeichnet.

„Echt?“, sagt Tine und schiebt sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Und wo wohnt der?“

Ich kratze mich am Kopf. „In Düsseldorf. Das heißt, eigentlich in Portugal.“

Verunsichert sehe ich zu, wie Mama Onkel Roland hilft, einen riesigen Rucksack aus dem VW-Bus zu hieven.

„In Portugal?“, wiederholt Ann-Katrin und wird grün vor Neid. Der einzige Onkel von Ann-Katrin und Tine wohnt im Nachbarkaff und arbeitet in der Metzgerei, in der es letztes Jahr diesen Salamiskandal gab.

„Zumindest hat meine Mama erzählt, dass er gerade dabei ist, nach Portugal auszuwandern. Ich dachte eigentlich, dass er gerade im Moment auf dem Weg nach Spanien ist.“

Ann-Katrin nickt. „Klarer Fall. Dein niedlicher Onkel hat die falsche Ausfahrt genommen. Ob er schon kapiert hat, dass das Golfingen ist und nicht die schöne weite Welt?“

Wir grinsen uns an.

Jetzt bewegen sich Mama und Roland auf die Haustür zu.

„Entschuldigung, Mädels, aber ich muss euch jetzt rauswerfen!“, verkünde ich den Schwestern. „Ich muss rausfinden, was hier passiert.“

Ann-Katrin ist eingeschnappt. „Na toll. Gerade, wenn es spannend wird. Und was sollen Tine und ich den restlichen Nachmittag über machen?“

„Keine Ahnung.“ Im Augenblick ist mir das Schicksal der beiden reichlich egal. Viel wichtiger ist doch, was Roland hierher geführt hat. Was der große Rucksack und der vollgepackte Kleinbus sollen. Und überhaupt: Die Ferien scheinen doch noch spannend zu werden!

* * *

„Aha“, wiederholt Papa zum vierten Mal und läuft im Stechschritt das Wohnzimmer auf und ab. Dabei hat er die Hände in den Hosentaschen vergraben und zieht ein Gesicht, als hätte er eben ein Glas saure Milch getrunken.

„Habe ich das also richtig verstanden: Du bist eigentlich auf dem Weg nach Portugal?“

Mein Onkel nickt und zupft verlegen an den Ärmeln seines Ringelshirts. „Ich verspreche euch, in ein, zwei Wochen bin ich wieder weg.“

„Ein, zwei Wochen?“, meint Mama und sieht Papa fragend an.

Papa rückt seine Krawatte zurecht. „Und diese Unterkunft … diese Bleibe in Portugal …“

Roland lächelt. „Horst, wir reden hier von einem Haus. Und dieses Haus ist noch nicht bezugsfertig. Keine Elektrizität. Es gibt Probleme mit den Wasserleitungen. Den Anruf habe ich erst eben auf der Autobahn erhalten.“

Papa nickt. „Verstehe. Nicht bezugsfertig. Na ja. Selbstverständlich kannst du übergangsweise bleiben. Das Gästezimmer ist ja groß genug.“

Mama nickt bestätigend. Nur Roland wirkt irgendwie kleinlaut.

„Da gibt es noch etwas“, meint er und beobachtet Papa, wie er die Fernbedienung an sich nimmt und die Tagesschau einschaltet.

Papa winkt ab. „Dein Auto kannst du ruhig vor dem Haus stehen lassen. Die Nachbarn werden sich zwar ein bisschen über die Schrottlaube wundern, aber damit müssen wir leben.“ Roland räuspert sich. „Ihr beiden wisst doch, dass ich nicht allein nach Portugal auswandere“, meint er und guckt seine ausgelatschten Turnschuhe an.

Mama und Papa wechseln einen Blick.

„Ihr habt doch mitbekommen, dass mein Freund Hirse ebenfalls nach Portugal geht. Und dann gibt es da natürlich noch Tante Edda.“

„Dein Freund Hirse?“, wiederholt Papa und klingt auf einmal ziemlich patzig.

„Edda?“, sagt Mama eine Spur zu hoch. „Ist das etwa eine Freundin? Mensch, Roland!“

Wie sie es sagt, klingt das so, als wäre es das achte Weltwunder, sollte mein Onkel je eine Freundin abbekommen. Dabei würde es mich kein bisschen wundern, wenn hier jeden Moment ein ganzer Bus voller Eddas, Lenas und Susis anreisen würde. Alle meinem hübschen Onkel auf den Fersen.

Jetzt lacht Roland und streicht sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. „Quatsch. Von Tante Edda habe ich dir doch am Telefon erzählt. Tante Edda ist ein Maremmano.“

„Ein was?“, fragt Papa und schaltet die Tagesschau wieder aus.

„Ein Pferd. Mein Pferd. Oder unser Pferd, besser gesagt. Eigentlich gehört es ja Hirse. Unser Haus in Portugal hat einen eigenen Stall und eine große Koppel, wo sie sich auch mit anderen Pferden aus der Nachbarschaft treffen kann. Ist doch klar, dass wir Tante Edda mitnehmen. Sie gehört ja quasi zur Familie.“

Mama und Papa wechseln schon wieder einen Blick. Diesmal einen ziemlich entsetzten.

„Das heißt doch hoffentlich nicht, dass die beiden ebenfalls auf dem Weg zu uns sind?“, sagt Mama dann und ich frage mich, ob sie ihn wohl gleich anspringt.

Roland greift nach den Salzstangen auf dem Wohnzimmertisch und knabbert verlegen daran.

„Eigentlich doch“, sagt er dann endlich. „Genau das wollte ich euch die ganze Zeit sagen. Schon morgen müssten die beiden hier in Golfingen eintreffen.“

3. Ferientag

„Der ist doch verrückt!“, zischt Papa Mama zu, die verschlafen am Herd steht. „Kommt hier an mit seinem Zebramobil und faselt was von Familie. Ich bitte dich, ein Mann namens Hirse und ein Pferd. Das nennt der Familie? Wer gehört da sonst noch dazu? Ein hinkender Kanarienvogel?“

Mama fischt mit einem Löffel die Eier aus dem kochenden Wasser und verbrennt sich am Topf die Finger. „Krieg dich wieder ein!“, flüstert sie ebenso aufgebracht zurück. „Maximal zwei Wochen, das werden wir schon rumkriegen.“

„Roland ist doch nett“, versuche ich, Partei für Mamas Bruder zu ergreifen. „Vielleicht können wir sogar mal bei ihm Urlaub machen. In Portugal. Außerdem ist er Maler, ist doch cool.“

„Sehr cool“, sagt Papa und schlürft seinen Kaffee im Stehen. „Und der Gaul? An den denkt offenbar niemand.“

„Vorübergehend müssen wir das Pferd wohl im Garten unterbringen“, überlegt Mama laut. Papa sieht sie an, als wäre sie völlig übergeschnappt.

„Im Garten?“, meint er und stellt seine Tasse so heftig ab, dass das heiße Getränk überschwappt. „Sprichst du von unserem Garten?“

Mama nickt. „Was dachtest du denn? Sollen wir das Pferd auf dem Dachboden deponieren? Klar, dass wir baldmöglichst eine bessere Lösung brauchen. Aber bis dahin …“

Jetzt sieht Papa wirklich aus, als würde er jeden Moment wie eine Rakete durch die Zimmerdecke düsen.

„Tolle Idee. Warst du nicht diejenige, die auf keinen Fall eine Katze wollte? Und jetzt ein Pferd! Das ist ja lustig!“

Mama ächzt. „Das ist eben eine Notsituation. Wir können das Gartenhaus leer räumen, dann kann das Tier die erste Nacht darin schlafen.“

„Die Nachbarn werden uns für völlig wahnsinnig halten.“

„Die Nachbarn! Die Nachbarn!“ Jetzt ist Mama gereizt. „Die haben ihre eigenen Probleme. Daniela hilft mir bestimmt, die Gartenlaube leer zu räumen.“

Wieso ich denn? Ich ziehe eine Grimasse. Eigentlich war ich ja mit Ann-Katrin zum Baden am Weiher verabredet.

„Du magst doch Pferde?“, versucht es Mama schmeichelnd in meine Richtung. „Vielleicht kannst du dich ein bisschen um das Tier kümmern. Hast doch schließlich Ferien.“

Jetzt klappt mir der Mund zu. Seit wann bedeuten Ferien, dass man auf Tiere aufpassen muss, die mindestens einen halben Meter größer sind als man selbst?

„Ich weiß nicht, ob ich Pferde mag“, versuche ich, mich rauszuwinden. Das stimmt sogar. Pferde habe ich bisher bestenfalls aus der Ferne gesehen.

„Die Sachen im Gartenhaus räumt ihr aber bitte schön in den Keller!“, befiehlt Papa und hört sich an, als würde er mit einem seiner Angestellten telefonieren.

„Ach, eigentlich wollte ich das alles auf die Straße werfen!“, meint Mama spitz. „Den Bohrer, die Schneeschaufel, die Heckenschere. Aber danke für den Hinweis. An den Keller habe ich gar nicht gedacht.“

Papa packt schweigend seine Aktenmappe und rauscht aus dem Haus. Und die Stimmung ist mit einem Mal genauso vergiftet wie damals bei Ann-Katrin und Tine, als ihre Eltern sich beinahe getrennt haben.

* * *

„Ein Pferd?“, fragt Ann-Katrin über den Zaun hinweg und klammert sich an ihrem Fahrradlenker fest. „Ein richtiges Pferd?“

„Na ja.“ Ich wische mir über die Stirn. „Wegen einem Schaukelpferd würden wir diesen Aufwand bestimmt nicht betreiben.“

Das Gartenhaus ist so gut wie leer geräumt und das ganze Werkzeug ist fein säuberlich in Kisten im Keller verstaut.

„Und wo ist dein niedlicher Onkel hin?“, fragt Ann-Katrin und guckt sehnsüchtig an die Stelle, an der gestern noch sein gestreifter VW-Bus stand.

„Der ist unterwegs. Stroh und Futter kaufen. Außerdem sucht er nach einem Reiterhof, wo wir Tante Edda gegen Bezahlung vorübergehend unterstellen können.“

„Tante Edda? Was ist das denn für ein dämlicher Name?“

Ann-Katrin lässt eine Kaugummiblase platzen.

„Ist doch witzig.“

Ann-Katrin macht ein gleichgültiges Gesicht. „Ich fahre jetzt auf jeden Fall raus zum Weiher. Meine Schwester ist mit ihrer Clique dort. Wenn euer komischer Stall fertig ist, kannst du ja nachkommen.“

Mist! „Und das Pferd?“, wage ich einen Versuch. „Bist du gar nicht neugierig?“

Ann-Katrin gähnt. „Klar. Ich schaue mir das dann morgen an. Heute ist doch Schlauchbootrennen am Weiher. Sorry, aber da kann ein Pferd nun wirklich nicht mithalten.“ Sie stößt sich vom Gartenzaun ab und radelt davon.

„Und wann sehen wir uns wieder?“, rufe ich meiner besten Freundin hinterher.

„Keine Ahnung. Ruf mich an, wenn das Pferd startklar ist. Dann reiten wir mal durch die Ortschaft!“ Schon ist Ann-Katrin in der Kurve verschwunden.

* * *

Papa, Mama, Roland und ich stehen wie ein Empfangskomitee neben der Vogeltränke, als das Auto mit dem Anhänger in unsere Straße ruckelt.

Die schwerhörige Frau Straub von gegenüber reckt neugierig ihren Hals über die Hecke.

„Eine Lieferung?“, schreit sie.

„Ein Pferd“, antwortet Mama verlegen.

Frau Straub nickt. „Ein Herd? Ja, ich bräuchte auch dringend einen neuen Ofen. Aber einen mit Ober- und Unterhitze.“

Dann verschwindet sie wieder in ihrem Garten.

Jetzt hält das Auto mit dem Anhänger an. Die Tür öffnet sich und ein junger Mann steigt aus. Als Erstes fällt mir seine Frisur auf: kein wuscheliger Lockenkopf wie bei Roland, sondern ein frecher blonder Kurzhaarschnitt. Nur die Haare in der Mitte sind grasgrün gefärbt und stehen ab wie ein Hahnenkamm. Das ist genau so eine Frisur, bei der Papa immer sagt, dass ich ausziehen muss, wenn ich eines Tages damit ankomme. Ob dieser Hirse jetzt doch nicht bei uns übernachten darf?

„Hallo, ich bin Hirse!“, sagt Hirse in die Runde. Er umarmt meinen Onkel zur Begrüßung. „Ich hoffe, wir haben euch nicht zu sehr überfallen.“

„Ach, keine Umstände!“, antwortet Papa und starrt irritiert auf die grün gefärbten Haarsträhnen. „Wir haben ja Platz. Und das Gartenhaus haben wir heute Nachmittag extra für das Pferd leer geräumt.“

Mama guckt Papa schief an.

Das Pferd. Das ist das Stichwort. Hören kann man es schon. Leise schnaubt es durch die Sichtschlitze des Anhängers. Ein beruhigendes Geräusch, so als würde das Tier uns auf seine ganz eigene Art begrüßen.

„Das ist sie, die Gute!“, sagt Roland und geht mit seinem Freund Hirse nach hinten, um den Anhänger zu entriegeln. „Tante Edda. Das schönste und intelligenteste Pferd in dieser Galaxie.“

Hirse bringt eine kleine Rampe am Hänger an, und dann tritt Tante Edda nach draußen. Groß ist sie. Viel größer, als ich gedacht habe. Und von einer samtigen hellbraunen Farbe.

„Wow!“, sage ich und mache einen Schritt auf die Besucherin zu.

„Aha. Daniela hat sich augenblicklich verliebt!“, sagt Roland und lacht.

Das ist natürlich übertrieben. Aber fasziniert bin ich schon, das muss ich zugeben.

„Ich hoffe sehr auf deine Unterstützung!“, meint Roland leise und legt seinen Arm um meine Schulter. „Vielleicht kannst du uns helfen, einen Reiterhof für Tante Edda zu finden. Meine bisherige Suche war eher erfolglos. Das sind ja die reinsten Erpresser hier in der Gegend! Für das Geld kann ich Eddas Hufe mit Gold beschlagen lassen. Aber hier kann sie wirklich nur vorübergehend bleiben.“

Ich nicke. Roland hat mir gestern noch einen ganzen Stapel mit Büchern über Pferdehaltung und Pferdepflege in die Hand gedrückt. Nicht, weil er selber zu faul ist, sich die nächsten Tage um sein Pferd zu kümmern. Sondern weil er jede Menge Ärger mit dem Haus in Portugal hat, den er baldmöglichst klären muss. Und zwar vom Internetcafé in der Stadt aus.

Hirse führt das braune Pferd in den Garten. Etwas verunsichert guckt das Tier sich um.

„Hat dieses Pferd etwa Appetit auf unsere Rosenstöcke?“, meint Papa ängstlich und zieht seine Anzugjacke aus.

Roland zieht seine Stirn kraus. „Ich hoffe nicht. Kann sein, dass Edda ein bisschen euren Rasen anknabbert. Aber wir binden sie an und ich werde sie gleich mal ausreiten. Danach stellen wir sie sofort in die Gartenhütte und geben ihr Futter. Da hinten geht es doch direkt in die Wildnis, oder?“

„In den Wald!“, korrigiert Papa und guckt das Pferd misstrauisch an.

„Pippi Langstrumpf hat doch auch mit einem Pferd zusammengewohnt“, fällt mir ein. „Das hat ganz gut geklappt.“

Eine ätzende Stille legt sich über den Garten und nur Tante Edda schnaubt gemütlich vor sich hin.

„Hast du dich nicht gewundert, dass Pippi niemals erwachsen geworden ist?“, fragt Papa. „Das liegt mitunter daran, dass die ganze Person erfunden ist. Genauso wie alle Geschichten, die sich um sie ranken. Ein Pferd im Garten, das ist einfach …“ Dann fällt ihm ein, dass Onkel Roland und Hirse jedes Wort mithören. Er setzt ein gequältes Lächeln auf. „Jetzt gehen wir erst mal alle ins Haus und trinken eine Tasse Kaffee.“

* * *

Hirse sitzt neben Roland auf dem Sofa und schlägt angespannt die Beine übereinander. Immer wieder schaut er nach draußen, wo Tante Edda in ihrem Behelfsstall steht und genüsslich futtert.

„Und Sie sind also Zahnarzt?“, fragt Mama freundlich.

„Zahntechniker“, sagt Hirse und beobachtet beunruhigt, wie Tante Edda sich der Zierkirsche am Zaun nähert.

„In Portugal?“, fragt Papa zweifelnd.

„Aber natürlich!“ Endlich wird Hirse etwas gesprächiger. „Es gibt viele Auswanderer in Portugal. Und wer einmal dort war, will am liebsten für immer bleiben.“

Papa starrt meinen Onkel an. „Und du willst also weiterhin …“, offenbar hat er Schwierigkeiten, das Wort auszusprechen.

„Malen“, helfe ich ihm.

Roland nickt. „Klar doch. In unserem Haus gibt es ein eigenes Atelier. Mit einem richtigen Lichthof. Das ist optimal!“

„Und die Geschäfte laufen gut?“, fragt Papa.

Hirse nickt. „Roland ist wahnsinnig begabt. Seit er das Kinderbuch illustriert hat, hagelt es Aufträge.“

Das Kinderbuch heißt Polly Pinguin und steht in meinem Bücherregal.

„Ich dachte, das Buch wurde inzwischen verramscht“, sagt Papa.

„Was ist verramscht?“, frage ich.

Mama räuspert sich. „Liebes, wenn Bücher sich nicht so gut verkaufen, wie der Verlag das gerne hätte, werden sie … eingestampft.“

Oje, das klingt ja furchterregend.

„Im Bus habe ich noch zweihundert Restexemplare!“, sagt Onkel Roland stolz und Papa faltet die Hände zusammen.

„Zweihundert Pinguine auf dem Weg nach Portugal. Es wird immer besser.“

Wieder herrscht Schweigen. Dann deutet Hirse auf Papa.

„Roland hat schon erzählt, dass sie beide echte Karrieremenschen sind. Sie sind Filialleiter bei einem Versicherungsunternehmen?“

Papa nickt. Hirse sieht zu Mama. „Und Sie sind bei einer Werbeagentur?“

Mama lässt ihn gar nicht erst aussprechen. Ohne es zu wollen, hat Hirse das kritische Thema angesprochen. Das Thema, bei dem Mama immer ganz blass im Gesicht wird und anfängt, auf den Nägeln herumzukauen.

„Die Firma hat Konkurs angemeldet“, sagt sie trotzdem ganz tapfer. „Ich bin seit vier Monaten arbeitslos. Zurzeit bin ich … Hausfrau.“

Roland sieht Mama erschrocken an. „Arbeitslos? Wieso hast du das denn gar nicht erzählt?“

„Wann denn?“, Mama klingt vorwurfsvoll.

Verlegen springt Hirse auf.

„Ich hole dann meinen Seesack aus dem Auto!“, fällt ihm ein. „Wo ist noch mal das Gästezimmer?“

Mama deutet nach links. „Am Ende des Flurs. Wir freuen uns sehr, dass ihr beide bei uns seid.“

„Ihr drei“, sagt Papa gedehnt und starrt nach draußen, wo Tante Edda gerade den Kopf zum Gartenhäuschenfenster herausstreckt.

* * *

„Ruhig!“, sagt Roland und tätschelt Tante Edda vorsichtig am Bauch. Dann dreht er sich zu mir. „Momentan ist sie ziemlich aufgeregt wegen all der neuen Eindrücke. Und natürlich ist es Edda auch nicht gewohnt, in einem Gartenhaus untergebracht zu sein. Eigentlich geht so etwas auch nicht. Weißt du, es ist viel zu eng und ich muss höllisch aufpassen, denn Edda könnte im Garten Pflanzen fressen, die ihr nicht bekommen. Etwas niedertrampeln. Oder sich einfach auf und davon machen.“

„Auf und davon?“ Edda wirkt auf mich nicht so, als würde sie gerade Fluchtpläne aushecken.

Roland nickt. „Der Zaun ist doch viel zu niedrig. Ein Sprung, und Tante Edda ist weg.“

Ich verstehe. „Wir brauchen also wirklich einen Reiterhof für euer Pferd, oder?“

Roland läuft zum Anhänger und kommt mit einem Sattel zurück. „Diese Reitanlage im Nachbardorf wollte mich bis heute Abend zurückrufen. Und angeblich gibt es auch hier im Ort einen Reiterhof. Aber den habe ich einfach nicht gefunden.“

Von einem Reiterhof in Golfingen habe ich auch noch nichts gehört. Aber gleich morgen werde ich mich mal umhören.

Roland legt den Sattel auf Tante Eddas Rücken. Dann geht er noch mal zum Hänger zurück, um Zaumzeug zu holen. Hirse kommt auf uns zugeschlendert.

„Ach da steckt ihr“, sagt er. „Schon startbereit. Ihr wolltet mich hoffentlich nicht allein im Geraniengefängnis lassen?“

Hirse und Roland gucken sich an und lachen schallend los. Keine Ahnung, was daran witzig sein soll. Außerdem sind die Geranien am Balkon total hübsch und blühen herrlich rot.

Vorsichtig dirigiert Roland Tante Edda durch das Gartentor hinaus auf die Straße.

In dem Moment kommt Frau Straub mit einer Tüte Altglas aus dem Nachbarhaus marschiert. Als sie das Pferd erblickt, bleibt sie wie angewurzelt stehen.

„Oje!“, sagt sie. „Was sucht denn dieses riesige Tier in eurem Garten? Ist das aus einem Zirkus ausgebüchst?“

Sie klopft gegen ihr Hörgerät, als könnte sie die vermeintliche Halluzination dadurch vertreiben.

„Das ist Edda. Aber sie ist nur ein Gast-Pferd!“, beruhige ich unsere Nachbarin schnell. „Edda wohnt vorübergehend bei uns im Gartenhaus.“

„Aha.“ Frau Straub guckt Edda ungläubig an. Offenbar denkt sie gerade darüber nach, wann ihr letzter Termin beim Ohrenarzt war.

„Dann wünsche ich viel Spaß!“, sagt sie endlich. Doch sie dreht sich noch mal um. Vertrauensvoll kommt sie zu Roland gelaufen und flüstert ihm ins Ohr: „Passen Sie bloß auf. Die Schneidmüllers von gegenüber sind doch beide bei den Tierschützern aktiv. Wenn die das mit dem Pferd mitbekommen, haben Sie morgen lauter Fernsehteams in den Blumenbeeten stehen! Und die Zelte der Tierschützer vor der Garage!“

Betroffen sehen Hirse und Roland sich an.

„Danke für den Hinweis“, sagt mein Onkel und schüttelt Frau Straub die Hand. Dann schwingt er sich gekonnt in den Sattel. Nun thront er hoch über uns und lächelt freundlich auf Frau Straub herab. „Wir kümmern uns gerade um einen Platz auf einem Reiterhof. Das Gartenhaus ist eine absolute Ausnahme!“

Frau Straub glotzt Roland an, als habe sie die zweite Halluzination an diesem Tag. Erst ein Pferd im Garten, dann ein junger Mann, der so höflich zu ihr ist!

Verdattert klopft sie ein weiteres Mal an ihr Hörgerät und schwebt dann davon, als würde sie auf Watte gehen.

Roland schnalzt leise mit der Zunge und mit klappernden Hufen setzt sich das Pferd in Bewegung.

Hirse und ich laufen nebenher.

„Was für ein Pferd ist Edda eigentlich?“, frage ich Hirse.

„Du meinst, welche Rasse?“, fragt Hirse zurück und guckt in die Gärten der Reihenhäuser, an denen wir vorbeilaufen. „Edda ist ein Maremmano. Diese Rasse stammt aus der Toskana, der Maremma, um genau zu sein. Maremmanos sind ruhig und ausdauernd, weshalb man sie als Hirtenpferde von Rinderherden sehr schätzte.“

Ein ziemlich großer Schäferhund schießt hinter einem Gartenzaun hoch und bellt uns wütend hinterher. Für einen Moment macht Tante Edda einen erschrockenen Satz zur Seite, aber gleich hat Roland sie wieder im Griff und dirigiert sie in Richtung Ortsausgang.

„Na ja, vor bellenden Hunden hat wohl jedes Pferd Angst. Selbst ein Maremmano“, meint Hirse. „Pferde sind sehr neugierig, aber auch leicht zu erschrecken.“

Roland dreht sich zu uns um. „He, ihr Plappertaschen! Was gibt es denn zu diskutieren?“

Hirse lächelt ihm zu.

„Deine Nichte will alles über Maremmanos wissen.“

Roland zieht eine Grimasse. „Oje. Das ist doch langweilig. Erzähl ihr lieber, wie wir zu Tante Edda gekommen sind. Das ist wesentlich spannender!“

Jetzt werde ich wirklich neugierig.

Hirse zuckt mit den Achseln. „Ich habe Tante Edda gewonnen.“

„Ein Pferd kann man doch nicht gewinnen!“, sage ich entgeistert und denke an die Dinge, die ich bisher gewonnen habe. Einen Wecker mit kaputtem Batteriefach. Einen Plüschteddy, der „Ich will tanzen“ sagt. Ein T-Shirt vom Sportverein, das bei der ersten Wäsche eingegangen ist.

Hirse bleibt stehen. „Kennst du Poker? Das Kartenspiel?“

„Eigentlich nicht.“

Wir laufen weiter und endlich am Ortsschild von Golfingen vorbei. Ab jetzt beginnt die Straße zum Wald. Tante Edda wird schneller und Hirse und ich legen ebenfalls an Tempo zu.

„Ich spiele sehr leidenschaftlich Karten gegen Geld. Das ist ein Hobby und du darfst nicht denken, dass ich spielsüchtig bin oder so.“

Hirse erstaunt mich immer mehr. Ein Zahntechniker mit Punkfrisur, der Karten spielt! Was soll man davon halten?

„Auf jeden Fall habe ich vor zwei Jahren gegen eine sehr reiche Frau im Poker gewonnen. Und durfte mich zwischen dem Pferd und einem Kleinwagen entscheiden!“

Jetzt bin ich baff. „Wirklich?“

„Wirklich. Es gibt jede Menge Leute, die ihr ganzes Hab und Gut einsetzen. Das ist die Gefahr bei den Spielern.“

Die Geschichte macht mich traurig. Bestimmt hing die Frau an ihrem Pferd. Und dann musste sie es wegen einem lächerlichen Kartenspiel hergeben!

Hirse scheint meine Gedanken zu lesen. „Kein Grund, mitleidig zu sein, Daniela. Die Frau hatte so viele Pferde, da kam es auf das eine nicht an. Ich spiele nur gegen Leute, die es sich auch leisten können, haushoch gegen einen Profi zu verlieren.“

Roland schüttelt den Kopf. „Ich fände es besser, wenn Hirse aufhören würde mit dem Kartenspiel. Und sich ein anderes Hobby suchen würde. Kochen zum Beispiel. Französische Spitzenküche.“

Hirse grinst. „Das sieht dir ähnlich. Damit ich dir täglich ein Menü zaubern kann. Nein, nein, mein Lieber. Vergiss es!“

Ich mag es, wie Roland und Hirse ständig miteinander Scherze machen. Die zwei sind wirklich gute Freunde.

„Was macht man denn eigentlich mit einem gewonnenen Pferd?“, rutscht es mir heraus.

„Sich kümmern“, meint Hirse und bückt sich, um sich die Schnürsenkel seiner Schuhe zu binden. Echte Doc Martens sind das, mit der Englandflagge darauf.

„Es pflegen und ausreiten. Pferde sind wirklich toll. Wolltest du nie ein Pferd haben? Ich dachte, alle Mädchen seien verrückt nach Pferden!“

Ich überlege. Wonach bin ich verrückt? Nach Marshmallows. Nach der Fernsehserie über diese junge Frau in Berlin. Und natürlich nach Schirmmützen, davon habe ich bestimmt zwanzig Stück. Aber auf einmal kommt mir das reichlich albern vor. Bestimmt hält mich Hirse für total kindisch, wenn ich ihm das alles aufliste.

„Wie gesagt, Maremmanos kann man auch als Arbeitstiere einsetzen“, fährt Hirse fort. „Sie werden zum Beispiel in der Landwirtschaft verwendet. Und früher, als es noch keine Autos gab, sind die Polizisten auf ihnen geritten.“

„Echt?“ Ich starre beeindruckt auf Tante Eddas Hinterteil. Ein richtiges Polizeipferd also!

Roland hält Edda an. Er springt ab und gibt Hirse die Zügel.

Jetzt steigt Hirse schwungvoll in den Sattel.

„Meine Damen und Herren!“, sagt er und macht eine Verbeugung. „Es war mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!“

Dann spurten die beiden so schnell den Feldweg hinunter, dass mein Onkel und ich nur noch hinterherstarren können.

„Was für ein Bild!“, sagt Roland. „Ist Hirse nicht der schönste Mann, den du je gesehen hast?“

Hä? Schön finde ich Hirse nicht gerade. Aber lustig! Er sieht aus wie der Sänger einer Popband.

Aber um meinen Onkel nicht zu enttäuschen, nicke ich. Roland und sein Freund Hirse sind wirklich schwer in Ordnung. Und ich werde mich mächtig ins Zeug legen, um Tante Edda einen unvergesslichen Aufenthalt in Golfingen zu bescheren!

4. Ferientag

Der Bauer sieht langsam von Ann-Katrin zu ihrer Schwester Tine und schließlich zu mir. Dann schüttelt er den Kopf. „Platz für ein Pferd habe ich nicht. Aber wenn ihr euch ein bisschen Taschengeld verdienen wollt, könnt ihr jederzeit wieder vorbeischauen. Wir bräuchten dringend Unterstützung im Kuhstall. Mist wegschaffen. Oder kann eine von euch mit einer Melkmaschine umgehen?“

Ann-Katrin stößt empört die Luft aus. „Nein danke!“, sagt sie spitz und guckt den armen Bauern an wie ein achtbeiniges Insekt. „Wir suchen lediglich einen Stellplatz für unser echtes Marmelano-Pferd. Ihren Mistberg können Sie selber abtransportieren.“

Mit diesen Worten rauscht sie ab und wir haben Schwierigkeiten, mit ihr Schritt zu halten.

„So unfreundlich hättest du nun auch wieder nicht sein müssen!“, sagt Tine tadelnd.

„Außerdem heißt es Maremmano und nicht Marmelano“, füge ich hinzu.

Ann-Katrin zuckt mit den Schultern. „Mir doch egal. Was denkt der Typ eigentlich?“

„Vielleicht, dass wir einen Ferienjob suchen?“, versuche ich es. Aber es ist sinnlos, mit meiner besten Freundin zu streiten.

In dem Moment hält ein Fahrrad neben uns.

Darauf sitzt Arne aus unserer Klasse.

„Wenn das nicht der schwärmerische Arne Rotschopf ist!“, sagt Ann-Katrin und knufft mich in die Seite. Das war fies. Alle in Golfingen und dem Rest der Welt wissen nämlich, dass Arne heimlich in mich verliebt ist.

Arne wird rot. „Ich habe euch auf der Straße rumlaufen sehen und da dachte ich mir …“

Ann-Katrin räuspert sich. „Du kommst genau richtig. Wir suchen nämlich etwas“, unterbricht sie ihn und verscheucht mit der Hand eine Mücke.

„Aha!“ Arne schiebt sich nervös sein rotes Haar hinter die Ohren. „Und was?“

Tine und ich halten die Luft an. Meistens hat Ann-Katrin irgendeinen fürchterlich gemeinen Spruch auf den Lippen, wenn es darum geht, Leute zu ärgern, die sie nicht mag.

„Wir suchen eine verloren gegangene Sommersprosse. Sie muss hier irgendwo liegen.“

Tine kichert los und ich selber muss mich ziemlich beherrschen, nicht ebenfalls loszuplatzen. Arnes Gesicht ist vom Haaransatz bis zum Kinn mit Sommersprossen übersät.

Wütend tippt er sich an die Stirn.

„Ihr seid echt plemplem!“, sagt er zornig und steigt wieder auf sein Fahrrad.

„Warte doch mal!“ Schnell greife ich nach seinem Lenker. „Das war doch nur ein doofer Witz. Wir suchen nach einem Pferdestall. Irgendeinem Bauern, bei dem man Pferde unterstellen kann.“

„Wer von euch hat denn ein Pferd?“ Arne wirkt besänftigt. Das Thema scheint ihn wirklich zu interessieren.

„Ich!“, sage ich und blinzele. Die Sonne knallt so sehr herunter, dass alles rings um mich funkelt. Die geteerte Straße. Die Fensterscheiben der Häuser. Und Arnes Haar – als wäre es aus leuchtender Bronze gemacht.

„Ein Leihpferd sozusagen. Wir brauchen dringend für ein paar Tage eine Unterstellmöglichkeit.“

Arne nickt. „Ich kann euch wirklich helfen: Geht zum Breitnerhof, gegenüber vom Sägewerk.“

„Ich dachte, das sei so ein Biobauernhof!“, sagt Tine. Arne nickt. „Das auch. Aber die haben auch zwei Pferde da. Und ganz bestimmt nehmen sie kurzfristig einen Gast auf.“

„Woher weißt du das denn?“ Arne schickt wirklich der Himmel.

Er grinst. „Na ja. Ich arbeite da die Sommerferien über. Zusammen mit Marcel aus der Parallelklasse. Wir helfen bei der Ernte, machen Reparaturen. Um die Pferde kümmern wir uns auch ab und zu.“

„Mensch, das ist ja ein prima Tipp!“ Ich bin ganz aus dem Häuschen.

Ann-Katrin seufzt. „Krieg dich wieder ein. Wollen wir gleich mal hinlaufen?“

„Klar!“ Ich klopfe Arne auf die Schulter. „Danke, dass du uns geholfen hast!“

Arne macht eine abwehrende Handbewegung. „Kein Problem. Wenn ich helfen kann, helfe ich immer.“ Dann guckt er in Ann-Katrins Richtung. „Und falls du mal wieder eine Sommersprosse vermisst: Meine Nummer findest du im Telefonbuch!“

Dann radelt er davon.

„So ein Idiot!“, zischt Ann-Katrin. „Wenn der in mich verknallt wäre, würde ich mich glatt im Keller verstecken und erst wieder rauskommen, wenn ich 18 bin.“

„Er ist aber nicht in dich verknallt“, sage ich und gucke ihm hinterher. Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, ist mir Arne richtig sympathisch!

* * *

Das Mädchen mustert uns genauso skeptisch wie der Bauer eben, den Ann-Katrin so unfreundlich behandelt hat. „Ein Pferd also“, wiederholt es und fährt dem Schimmel, den es am Zügel hält, über den Kopf.