Pflegeforschung anwenden - Hanna Mayer - E-Book

Pflegeforschung anwenden E-Book

Hanna Mayer

0,0
31,99 €

Beschreibung

Pflegeforschung anwenden bietet eine Einführung in das pflegewissenschaftliche Denken und die Methodik der Pflegefor-schung. Es vermittelt Wissen zur Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von Daten – die Basis für die Durchführung von For-schungsprojekten, das kritische Lesen von Forschungsarbeiten und die Anwendung von Forschungsergebnissen. Praxisnahe Beispiele und zahlreiche Abbildungen veranschaulichen komplexe Inhalte, kommentierte Literaturempfehlungen ermögli-chen eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 618

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Hanna Mayer

Pflegeforschung anwenden

Elemente und Basiswissen für Studium und Weiterbildung

5., vollständig überarbeitete Auflage

unter Mitarbeit von

Martin Nagl-Cupal

Isabella Hager (Statistik)

Veronika Kleibel (Literaturrecherche)

Hanna Mayer, Univ.-Prof. Mag. Dr.

DGKP, Studium der Pädagogik, Professorin für Pflegewissenschaft und Vorständin des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Wien, internationale Lehr- und Forschungstätigkeit.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

5. Auflage 2019

Copyright © 2004 Facultas Verlags- und Buchhandels AG

facultas Verlag, Stolberggasse 26, A-1050 Wien

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung

sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.

Satz und Abbildungen: Katja Geis-Burgert, CH-8008 Zürich

Lektorat: Astrid Fischer, D-10245 Berlin

Druck: finidr

Printed in the EU

EISBN: 978-3-9911-1022-4

ISBN: 978-3-7089-1870-9

Inhalt

Vorwort

Einführung in den Gegenstandsbereich

1 Wissen, Wissenschaft und Forschung

1.1 Wissensquellen beruflichen Handelns

1.1.1 Unstrukturierte Wissensquellen

1.1.2 Strukturierte Wissensquellen

1.2 Wissenschaft und Forschung

1.2.1 Wissenschaft

1.2.2 Wissenschaftliche Forschung

1.3 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

2 Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

2.1 Die Grundlagen des pflegerischen Wissens

2.2 Pflegewissenschaft

2.2.1 Definition und Gegenstandsbereich

2.2.2 Pflegewissenschaft im bestehenden Wissenschaftssystem

2.2.3 Zur Bedeutung der Pflegewissenschaft

2.3 Pflegeforschung

2.3.1 Definition und Ziel

2.3.2 Geschichte und Zukunftsperspektiven

2.3.3 Gegenstandsbereich

2.3.4 Die Rolle der Pflegenden in der Forschung

2.3.5 Forschung und Praxisbezug

2.4 Ethische Aspekte der Pflegeforschung

2.4.1 Grundsätze ethischen Vorgehens in der Pflegeforschung

2.4.2 Forschungsethikkommissionen

2.4.3 Die Verantwortung der einzelnen Pflegeperson

2.5 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

Methodische Grundlagen

3 Forschungsansätze: quantitative und qualitative Forschung

3.1 Das positivistische oder quantitative Forschungsparadigma

3.1.1 Zentrale Konzepte quantitativer Forschung

3.1.2 Die wissenschaftliche Güte quantitativer Forschung

3.2 Das naturalistische Paradigma oder die „qualitative“ Forschung

3.2.1 Grundprinzipien qualitativer Forschung

3.2.2 Spezielle Ansätze/Richtungen qualitativer Forschung

3.2.3 Gütekriterien qualitativer Forschung

3.3 Quantitativer und qualitativer Forschungsansatz – eine Gegenüberstellung

3.4 Die Bedeutung quantitativer und qualitativer Forschung in der Pflegewissenschaft

3.5 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

4 Forschungsdesigns

4.1 Klassifizierung von Forschungsdesigns

4.1.1 Klassifizierung nach Ziel und Zweck der Studie

4.1.2 Klassifizierung nach Zeitpunkt und Häufigkeit der Datenerhebung

4.1.3 Klassifizierung nach dem Gesichtspunkt der Manipulation von Variablen

4.1.4 Algorithmus quantitativer Designs

4.2 Interne und externe Validität quantitativer Forschungsdesigns

4.2.1 Interne Validität

4.2.2 Externe Validität

4.3 Das Experiment

4.3.1 Kennzeichen eines Experiments

4.3.2 Experimentelle Designs

4.3.3 Experimentelle Settings

4.4 Modelle zur Entwicklung und Testung komplexer Interventionen

4.5 Delphi-Studien

4.6 Case-Study-Design (Einzelfallstudien, Fallstudien)

4.7 Partizipative, aktionsorientierte Forschung

4.8 Evaluationsforschung

4.9 Mixed-Methods-Design

4.10 Metastudien

4.10.1 Metaanalyse

4.10.2 Metasynthese

4.11 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

5 Methoden der Datenerhebung

5.1 Die schriftliche Befragung

5.1.1 Konzeptionsphase: Definition und Operationalisierung

5.1.2 Konstruktionsphase: Formulierung der Fragen und Gestaltung des Fragebogens

5.1.3 Testphase

5.2 Das Interview (mündliche Befragung)

5.2.1 Arten von Interviews

5.2.2 Das qualitative Interview und seine Formen

5.2.3 Das Interview mit Gruppen als Sonderform der mündlichen Befragung

5.3 Die Beobachtung

5.3.1 Formen der Beobachtung

5.3.2 Bestandteile einer Beobachtung

5.3.3 Die agierenden Personen

5.3.4 Möglichkeiten und Grenzen der Beobachtung als Forschungsmethode

5.4 Inhalts- und Dokumentenanalysen

5.4.1 Die Dokumentenanalyse

5.5 Biophysikalische Messungen

5.6 Exkurs: Quantitative Messinstrumente und ihre wissenschaftliche „Güte“

5.6.1 Testtheoretische Gütekriterien

5.6.2 Anwendungsbezogene Gütekriterien

5.7 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

6 Methoden der Datenauswertung im Überblick

6.1 Die Datenanalyse in der quantitativen Forschung

6.1.1 Aufbereiten der Datenbestände

6.1.2 Exkurs: Skalen- oder Messniveaus

6.1.3 Deskriptive Statistik

6.1.4 Schließende (induktive) Statistik

6.2 Die Datenanalyse in der qualitativen Forschung

6.2.1 Aufbereiten der Datenbestände

6.2.2 Auswertung der Daten

6.3 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

Durchführung und Anwendung von Forschung

7 Exkurs: Literaturrecherche

7.1 Grundlagen

7.2 Die Literaturrecherche

7.2.1 Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes (Phase 1)

7.2.2 Recherche (Phase 2)

7.2.3 Bewertung, Lektüre, Kritik (Phase 3)

7.3 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

8 Der Forschungsprozess

8.1 Die Ausgangslage – wie Forschung beginnt

8.2 Die Phasen des Forschungsprozesses im Überblick

8.3 Theoretische oder konzeptionelle Phase

8.3.1 Explikation der Problemstellung

8.3.2 Forschungsfragen entwickeln

8.3.3 Literaturrecherche und theoretischer Rahmen

8.3.4 Konkretisieren der Forschungsfrage(n) und Ziele; Aufstellen von Hypothesen

8.4 Design- oder Planungsphase

8.4.1 Festlegen von Ansatz, Design und Methode

8.4.2 Entwickeln und Testen von Instrumenten

8.4.3 Bestimmung der Stichprobe

8.4.4 Festlegung der konkreten Umsetzung/Vorgehensweise

8.4.5 Forschungsantrag

8.5 Durchführungsphase: die Datenerhebung

8.6 Die Auswertungs- oder Analysephase

8.6.1 Auswertung

8.6.2 Ergebnisdarstellung

8.6.3 Ergebnisdiskussion

8.6.4 Schlussfolgerungen

8.7 Disseminations- oder Verbreitungsphase

8.7.1 Verfassen von Forschungsberichten

8.7.2 Mündliche Präsentationen von Forschungsergebnissen

8.7.3 Publikation von Forschungsergebnissen

8.8 Der Forschungsprozess: Unterschiede zwischen quantitativer und qualitativer Forschung

8.8.1 Besonderheiten des Forschungsprozesses im Rahmen quantitativer Forschung

8.8.2 Besonderheiten des Forschungsprozesses im Rahmen qualitativer Forschung

8.9 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

9 Bewerten der Qualität quantitativer und qualitativer Forschungsarbeiten

9.1 Einen Überblick gewinnen: Verstehendes Lesen von Forschungsarbeiten

9.2 Qualität beurteilen: Kritische Analyse von Forschungsarbeiten

9.2.1 Einschätzen der Qualität quantitativer Forschungsarbeiten

9.2.2 Einschätzen der Qualität qualitativer Forschungsarbeiten

10 Grundlagen und Modelle einer forschungsbasierten Pflegepraxis

10.1 Der Prozess der Forschungsanwendung

10.2 Wissenstranslation – das „Knowledge-to-Action“-Modell

10.3 Das PARIHS Framework

10.4 Anwendung von Forschungsergebnissen – Grenzen und Möglichkeiten

10.4.1 Barrieren der Forschungsanwendung

10.4.2 Strategien zum Abbau der Barrieren

10.5 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

Anhang

Verzeichnis wichtiger Fachbegriffe

Literaturverzeichnis

Sachregister

Vorwort

Die neuen Trends im Gesundheitswesen – die bestimmt sind durch Technisierung und Ökonomisierung, verbunden mit dem Wunsch nach mehr menschlicher Zuwendung – sind große Herausforderungen und bedingen eine professionelle Pflegepraxis, die verstärkt auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt ist. Pflege kann und darf nicht mehr beliebig angeboten werden, nimmt man die Verantwortung, die der Patientin gegenüber besteht, ernst und will man sich von nicht professioneller oder Laienpflege abgrenzen.

Empirisches Wissen ist – ebenso wie in anderen Disziplinen – ein wichtiger Bestandteil des Pflegewissens. Es ermöglicht professionelles Handeln, das nun rein intuitives oder erfahrungsbezogenes Tun ablösen kann, und stellt es auf eine andere Basis. Pflege versteht sich zusehends als Wissenschaft und die Ausbildung wird im Rahmen von Universitäts- und Fachhochschulstudium angeboten. Pflegeforschung ist ein wichtiger Bestandteil aller Ausbildungen im universitären Sektor und das Wissen darum bildet die Basis für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege.

Lehrbücher im universitären Bereich bieten meist umfangreiches oder sehr spezialisiertes Wissen, die didaktische Aufbereitung tritt gegenüber dem wissenschaftlichen Anspruch aber oft in den Hintergrund. Genauso sind sie auch noch wenig zielgruppenorientiert. Eine Erstsemestrige hat aber andere Ansprüche an ein Lehrbuch als Studierende am Ende des Studiums, ebenso wie eine Fachhochschulstudentin andere Ansprüche hat als eine Doktoratsstudentin. Gerade Studienanfängerinnen stehen oft umfangreichen Methodenbüchern oder wissenschaftlichen Abhandlungen noch hilflos gegenüber. Basislehrbücher, die eine Brücke bilden vom Anfang bis hin zu den ersten Schritten in der Wissenschaft, sind notwendig, um Barrieren zu überwinden und eine solide, breite Grundlage im jeweiligen Gegenstandsbereich zu geben. Ein breites Basiswissen zu Beginn ermöglicht dann einen sinnvollen Aufbau und eine Vertiefung in Spezialbereiche. Die Anforderungen an Basislehrbücher für den universitären Bildungsbereich sind hoch: Ein wissenschaftliches Niveau der Inhalte, eine einfache Sprache (sie werden ja schließlich von Nicht- oder Noch- nicht-Wissenschafterinnen benützt) und ein klarer Aufbau, der strukturiertes Lernen ermöglicht und zum Selbststudium und zur weiteren Vertiefung anregt, sind vonnöten. Der Bezug zum jeweiligen Fachgebiet durch Beispiele aus der Praxis und durch spezifische Übungen macht solche Bücher zwar nicht in erster Linie interdisziplinär nutzbar, ermöglicht den Studienanfängerinnen der Pflegewissenschaft aber, die Theorie schneller mit ihrem Erfahrungshintergrund oder zukünftigen Tätigkeits- bzw. Forschungsfeldern zu verbinden.

Mit dem vorliegenden Buch soll eine solche Brücke gebaut werden, die es den Studierenden erleichtert, die ersten Schritte in Richtung Wissenschaft und Forschung zu wagen. Es ist ein Einsteigerwerk und richtet sich vorwiegend an Studienanfängerinnen im universitären Bereich und an Studierende an Fachhochschulen. Der Band soll einen Einstieg in die Thematik der Pflegeforschung ermöglichen und eine erste Basis an Methodenwissen vermitteln. Nicht umsonst wurde der zweideutige Titel „Pflegeforschung anwenden“ von mir gewählt. „Anwenden“ bezieht sich zum einen auf das Anwenden von Forschungserkenntnissen – das Ziel eines Bakkalaureatsstudiums an der Universität ebenso wie an den Fachhochschulen, aber auch vieler Weiterbildungslehrgänge. „Anwenden“ kann aber auch das Anwenden von Forschungsmethoden zur Datengewinnung, also das Forschen selbst bedeuten. Hier soll das Buch bei den ersten Schritten helfen, hinüberführen zu einer Vertiefung, zu Spezialwissen, das dann durch dementsprechende Lehrbücher abgedeckt werden kann.

So weit es möglich war, wurde im Text eine geschlechtsneutrale Formulierung gewählt. War dies nicht möglich, so wurde – traditionelle Schreibgewohnheiten bewusst durchbrechend – die weibliche Form stellvertretend für beide Geschlechter gewählt. Ausnahmen bilden Originalzitate, in denen die konventionelle Schreibform enthalten ist.

Ich hoffe, dass die Lektüre des Buches Ihnen hilft, einen Einstieg in die Pflegeforschung zu finden, und dass Sie so wie ich der Faszination erliegen, pflegerische Phänomene von wissenschaftlicher Seite zu betrachten, sie zu be- und erleuchten, zu hinterfragen und zu ergründen.

Viel Freude beim Lesen, Studieren, Forschen und Umsetzen in die Praxis!

Wien, im Sommer 2019

Hanna Mayer

Einführung in den Gegenstandsbereich

1 Wissen, Wissenschaft und Forschung

Woher kommt menschliches Wissen? Was ist der Unterschied zwischen Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen? Und welcher Weg führt zu Erkenntnis? All das sind Fragen, die ganz zu Beginn einer Auseinandersetzung mit dem Thema „Wissenschaft und Forschung“ stehen. Aus diesem Grund sind die verschiedenen Wissensquellen und die Begriffe Wissenschaft und Forschung Gegenstand dieses Kapitels.

Wissenschaft ist heutzutage unbestritten ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft. Ganz egal ob es um Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung, wie z.B. Migrationsentwicklung, Veränderungen familiären Zusammenlebens oder Armutsbekämpfung, oder ob es um Technologie oder die Ursachen von Krankheiten geht, fast immer basieren die Versuche, eine Antwort zu geben, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wissenschaft zeigt Trends, Entwicklungen und Bedarfslagen auf und bildet eine zentrale Grundlage für Entscheidungen. Auch im Gesundheitswesen sind wissenschaftliche Erkenntnisse nicht wegzudenken. Dies betrifft auch die Pflege. Aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen sollen Entscheidungen auf eine nachvollziehbare Basis gestellt und soll damit letztendlich die Praxis verbessert werden – zum Wohle der Patientinnen und ihrer Angehörigen.

Um über Wissenschaft im eigenen beruflichen Bereich nachdenken zu können, ist es zuerst einmal wichtig, nachzuvollziehen, was Wissenschaft ist und wie wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen.

1.1 Wissensquellen beruflichen Handelns

Wissen ist keine „Gabe“, die den Menschen angeboren oder in die Wiege gelegt ist, es muss vielmehr erworben werden. Dabei sind Neugierde und Forschergeist (also die Lust daran, unbekannte Dinge zu hinterfragen) die wichtigsten Triebfedern. Dies gilt für alle Lebensbereiche, sowohl für die Bewältigung des Alltags als auch – und noch viel mehr – im Kontext des beruflichen Handelns.

Wenn man sich die eigene Situation in Erinnerung ruft (z. B. die eigene berufliche Praxis), so zeigen sich bei genauerem Hinsehen verschiedene Quellen, aus denen man sein Wissen schöpft. Wissen beruht im Wesentlichen immer auf den Wissensquellen Tradition, Autorität, Erfahrung, Versuch und Irrtum, logisches Denken und regelgeleitete Forschung (Polit, Beck & Hungler, 2004).

Diese Wissensquellen lassen sich – betrachtet man in erster Linie den Weg des Erkenntnisgewinns – in zwei Arten unterteilen: in unstrukturierte und in strukturierte Wissensquellen.

Zu den unstrukturierten Wissensquellen zählen:

• Intuition

• Erfahrung

• Versuch und Irrtum

• Tradition und Autorität

Strukturierte Wissensquellen sind:

• logisches Denken

• regelgeleitete Forschung

Die Unterteilung in strukturierte und unstrukturierte Wissensquellen stellt grundsätzlich keine Wertung dar. Wissen aus unstrukturierten Wissensquellen ist nicht notwendigerweise falsch oder gar unwichtig, und Wissen aus strukturierten Quellen ist nicht immer richtig oder bedeutungsvoll. Alle Wissensquellen sind Bestandteile des menschlichen Wissens und für das Handeln wesentlich. Sie bedürfen aber einer gründlichen Reflexion vor allem im Hinblick auf ihre Reichweite und Grenzen, da diese Quellen hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit und Verallgemeinerbarkeit stark variieren können (Polit et al., 2004).

1.1.1 Unstrukturierte Wissensquellen

Intuition

Intuition gründet auf einer Art tief verinnerlichten Wissens, das auf mehr oder weniger unbewusstem Weg zustande gekommen ist. Wer intuitiv handelt, stellt keine theoretischen Überlegungen an und analysiert auch keine Situation, sondern handelt „aus dem Bauch heraus“.

Intuition ist auch im beruflichen Alltag ein weit verbreitetes Mittel zur Lösung von Problemen; sie ist jedoch, soweit sie professionelles Handeln betrifft, abhängig von einer gewissen Vertrautheit mit der Materie. Menschen, die häufig intuitiv handeln, kennen sich auf dem betreffenden Gebiet meist gut aus, sind Expertinnen und verfügen über fundiertes Wissen und einen reichen Erfahrungsschatz. Sogar das Pflegehandeln auf der höchsten Stufe, der Expertenstufe, zeichnet sich oft durch Intuition aus.

„Mit ihrem großen Erfahrungsschatz sind Pflegeexpertinnen und -experten in der Lage, jede Situation intuitiv zu erfassen und direkt auf den Kern des Problems vorzustoßen, ohne viel Zeit mit der Betrachtung unfruchtbarer Alternativdiagnosen und -lösungen zu verlieren.“

(Benner, 1997, S. 50)

Intuition ist jedoch etwas Individuelles; man kann sie weder steuern noch beliebig abrufen. Daher hat sie zwar einen wichtigen Anteil am beruflichen Handeln, ist aber keine Wissensquelle, aus der man beliebig schöpfen kann. Mit anderen Worten: Intuition ermöglicht berufliches Handeln, trägt jedoch nicht zur systematischen Vermehrung von beruflichem Wissen bei.

Erfahrung, Versuch und Irrtum

Erfahrungen sind eine wohlbekannte Wissensquelle. Ein großer Teil des Wissens, über das jeder Mensch verfügt, besteht aus Erfahrung. Je vertrauter man mit einer Situation ist, je mehr Erfahrung man auf einem bestimmten Gebiet erworben hat, desto mehr versteht man, was dort geschieht; man kann darin Regelmäßigkeiten entdecken und Verallgemeinerungen ableiten. Erfahrungsreichtum erlaubt es, Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Situationen zu erkennen, von einem Problem auf ein anderes zu schließen und es auf diese Weise zu lösen. Jedoch ist Erfahrungswissen immer subjektiv, wird unsystematisch gewonnen und oft nicht überprüft. Der eigene Erfahrungsschatz ist daher nicht geeignet, allgemeingültige Schlüsse aus ihm zu ziehen; dazu ist er zu individuell und zu begrenzt. Aus diesem Grund kann Erfahrung nur eingeschränkt als Basis für pflegerisches Wissen und Verständnis gelten.

Beispiel

Dass Pflegehandeln, das alleine auf Erfahrung beruht, nicht immer zum Wohle der Patientin beiträgt, zeigt das bekannte Beispiel des „Eisens und Föhnens“ als Dekubitusprophylaxe. Diese Maßnahme, die sich auf Erfahrungswissen stützt, wurde in der Pflegepraxis häufig angewendet. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten aber nachweisen, dass diese Technik nicht nur unwirksam, sondern sogar schädlich ist.

Eine weitere, der Erfahrung nahe verwandte Wissensquelle ist die Methode von Versuch und Irrtum. Dabei werden verschiedene Möglichkeiten zur Lösung eines Problems so lange ausprobiert, bis sie erfolgreich sind. Dass diese Art von Problemlösung sich für die Praxis als untauglich erweist, ist leicht einzusehen. Sie verlangt einen hohen Zeit- und Energieaufwand und verzichtet auf die Frage, ob die gesuchte Lösung möglicherweise bereits von jemand anderem gefunden wurde. Darüber hinaus kann dieses Vorgehen den Patientinnen Unannehmlichkeiten bereiten oder Schaden zufügen.

Tradition und Autorität

Unter tradiertem Wissen versteht man Erkenntnisse, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Man hält sie für richtig, weil sie schon lange existieren („Das wurde immer schon so gemacht Tradiertes Wissen wird in der Praxis oft in Form von Ritualen in den pflegerischen Alltag eingebaut und auf diese Weise weitergegeben. Ein Beispiel dafür ist das routinemäßige Messen der Temperatur aller Patientinnen am Morgen. Wird dieses Wissen von Personen vertreten, die aufgrund ihrer Verdienste, ihrer Position oder ihrer Erfahrung als Autoritäten (Expertinnen) gelten, bekommt es zusätzlich verbindlichen Charakter.

Bewährtes Wissen ist etwas sehr Wertvolles. Autoritäten (Spezialistinnen) zu befragen, kann ebenfalls ein guter Weg zur Problemlösung sein. Auch Rituale sind sinnvoll, denn sie bieten Struktur im beruflichen Alltag. Tradiertes Wissen und Rituale müssen jedoch auf ihren Sinn und Zweck, auf ihre Tauglichkeit und auch auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Nicht immer ist tradiertes Wissen zutreffend, und auch Expertinnen haben nicht immer recht. Daher sollte mit diesen Wissensquellen konstruktiv, aber nicht unkritisch umgegangen werden. Traditionen und/oder Expertenwissen können nur bedingt als verlässliche Wissensquellen gelten – vor allem, wenn ihre Behauptungen nicht kritisch hinterfragt werden.

Beispiel

Lange Zeit galt es als Tabu, Kinder als Besucherinnen auf Intensivstationen zuzulassen. Dieses Besuchsverbot wurde lange Zeit aufrechterhalten – es wurde tradiert weitergegeben, denn rationale oder wissenschaftlich gestützte Gründe standen nicht dahinter. Vielmehr zeigen neuere Forschungen, dass aus der Perspektive der familiären Krankheitsbewältigung Besuche von Kindern auf Intensivstationen durchaus sinnvoll sind und keineswegs Schäden psychologischer Art oder „hygienische“ Probleme hervorrufen. Trotzdem hält sich mancherorts dieses Besuchsverbot.

1.1.2 Strukturierte Wissensquellen

Logische Schlussfolgerungen

Die Logik ist ein Teilgebiet der Philosophie und beschäftigt sich damit, wie man zu korrekten Schlussfolgerungen gelangt. Sie systematisiert u. a. die Grundsätze des menschlichen Denkens. Diese werden in Form von Regeln ausgedrückt, die unbedingt beachtet werden müssen, wenn man zu logisch richtigen Urteilen kommen will. Eine bekannte logische Regel lautet z. B.: „Eine Aussage und ihr Gegenteil können nicht gleichzeitig wahr sein.“ (Satz vom Widerspruch)

Beispiel

Als Beispiel diene hier die Aussage: „Die Studentin Christine ist ein Mensch.“ Das Gegenteil dieser Aussage lautet: „Die Studentin Christine ist kein Mensch.“ Der Satz vom Widerspruch besagt, dass nur eine der beiden Aussagen richtig sein kann, aber nicht beide. Entweder ist Christine ein Mensch – oder nicht.

Viele Probleme können durch logisches Schlussfolgern gelöst werden. Es ermöglicht, die verschiedensten Phänomene korrekt zu durchdenken, zu beurteilen und dieses Verständnis zur Grundlage für gezieltes Handeln zu machen.

Logisches Schlussfolgern ist jedoch auch die Grundlage für Wissenschaft und Forschung. Es gibt unterschiedliche Wege des logischen Schlussfolgerns: die Deduktion, die Induktion und die Abduktion.

Beispiel

Es ist bekannt, dass bettlägerige Patientinnen nach einiger Zeit wund liegen können. Die Ursache dafür ist ständiger oder ungleichmäßiger Druck auf Körperstellen, an denen die Knochen direkt unter der Haut liegen (Theorie). Die Pflegende weiß dies und zieht daraus den Schluss, dass man die Entstehung von Druckgeschwüren verhindern kann, wenn man den Druck auf die besagten Stellen vermindert (Einzelerkenntnis). Die Erkenntnis dieser logischen Zusammenhänge kann nun dazu führen, dass die Pflegende Maßnahmen zur Entlastung der gefährdeten Körperstellen trifft.

Induktion bedeutet umgekehrt Schlussfolgern vom Besonderen auf das Allgemeine (siehe Abb. 1, S. 21). Auf diesem Weg des logischen Denkens geht man von Einzelbeobachtungen aus und leitet aus ihnen allgemeine theoretische Aussagen oder Theorien ab. Anders als bei der Deduktion erfolgt die Datensammlung hier gleich zu Beginn: Der erste Schritt besteht in der Ermittlung von Tatsachen und erst am Ende des Prozesses werden bestimmte Aspekte dieser Tatsachen verallgemeinert und zu einer theoretischen Aussage oder Theorie zusammengefügt. Induktives Vorgehen wird daher vor allem dort eingesetzt, wo erst wenig theoretisches Wissen vorhanden ist.

Beispiel

Die Genesung eines älteren Patienten macht kaum Fortschritte (Einzelbeobachtung), obwohl die medizinischen Daten zeigen, dass der Patient körperlich fast völlig wiederhergestellt ist und keine bleibenden Schäden davongetragen hat. Die Pflegende beobachtet an dem Patienten jedoch auch Appetitlosigkeit, Passivität und einen traurigen Blick (weitere Einzelbeobachtungen). Sie schließt daraus, dass der Patient ein psychisches Problem hat und dass die verzögerte Genesung mit seiner depressiven Stimmung zusammenhängt (Verallgemeinerung).

Ginge die aufmerksame Pflegende des letzten Beispiels nun daran, ihre mittels Induktion aufgestellte „Theorie“ durch ein Gespräch mit dem Patienten zu überprüfen, würde sie wiederum deduktiv vorgehen. Sie wechselt an einem bestimmten Punkt den Erkenntnisweg. Solche wechselnden Abfolgen von Induktion und Deduktion sind charakteristisch für die Entwicklung von Erkenntnis. Deduktion und Induktion verkörpern zwar jeweils unterschiedliche Erkenntnisprinzipien, die einander diametral entgegengesetzt sind; genau genommen sind jedoch beide an jedem Erkenntnisvorgang beteiligt.

Für sich genommen ist aber auch das logische Denken nur bedingt nutzbar, da seine Zuverlässigkeit und Genauigkeit eingeschränkt und vom Informationsstand der Person abhängig sind. Daher ist es auch nicht zulässig, allgemeingültige Aussagen oder Gesetzmäßigkeiten aus logischen Schlussfolgerungen abzuleiten, ohne diese vorher empirisch überprüft zu haben.

Abbildung 1: Deduktion und Induktion

Neben der Induktion und der Deduktion als zentrale Prinzipien des logischen Schlussfolgerns, die zwischen dem Schluss vom Allgemeinen zum Besonderen, zwischen Erfahrung und Theorie (Verallgemeinerung) pendeln, gibt es eine Form des Schlussfolgerns, die auf unterschiedlichen Arten von Wissen beruht: die Abduktion. Darunter versteht man einen Erkenntnisprozess, der sich sowohl auf induktiv als auch auf deduktiv gewonnenes Wissen stützt. Durch kreative Denkprozesse können daraus neue Schlussfolgerungen, Erklärungen oder Hypothesen gewonnen werden. Mittels Abduktion sucht man „angesichts überraschender Fakten nach einer sinnstiftenden Regel […], welche das Überraschende an den Fakten beseitigt“ (Reichertz, 2003, S. 43). Insofern erweist sich Abduktion eher als ein Problemlösungsprozess.

Die Abduktion ist daher kein zwingend logischer Schluss, sondern ein möglicher.

Regelgeleitetes Forschen

Der Wissenserwerb mittels regelgeleiteter Forschung ist der anspruchsvollste, hinsichtlich der Genauigkeit der Ergebnisse jedoch zuverlässigste Pfad zum Wissen. Regelgeleitete Forschung baut auf logischem Denken auf und ermöglicht es, Ahnungen, Vermutungen, Gewohnheiten, Aussagen von Autoritäten und sogar logische Schlussfolgerungen systematisch zu überprüfen, zu beweisen oder zu widerlegen. Regelgeleitete Forschung ist der häufigste Weg des Erkenntnisgewinns in der Wissenschaft.

Diese Methode der Wissensaneignung ist zwar auch nicht unfehlbar, im Allgemeinen aber verlässlicher als alle anderen Strategien. Der wissenschaftliche Prozess enthält nämlich Hürden, die unsystematisches Vorgehen verhindern sollen. Wissenschaft ist an Regeln gebunden, die zum einen dazu dienen, unsachliche Einflüsse, wie z. B. Vorlieben, Abneigungen, Befangenheit, aber auch Denkfehler, nach Möglichkeit auszuschalten. Zum anderen aber hat die Wissenschaft durch diese Regeln die Möglichkeit, sich selbst zu überprüfen und jeden einzelnen Forschungsakt detailliert nachzuvollziehen. Auf diese Weise kann das Zustandekommen aller wissenschaftlichen Ergebnisse einer genauen und jederzeit wiederholbaren Prüfung unterzogen werden.

1.2 Wissenschaft und Forschung

Im ersten Abschnitt wurden die unterschiedlichen Arten der Wissensquellen allgemein dargestellt; im Folgenden werden Fragen des wissenschaftlichen Wissens als Quelle in den Blick genommen und es wird erläutert, wie dieses sich vom Alltagswissen abgrenzt. Dabei wird aber auch gleich der Bogen zur Forschung als zentralem Wissenschaftsbereich gespannt.

1.2.1 Wissenschaft

„Wissenschaft“ kann mehrere Bedeutungen haben. Der Terminus ist am ehesten als eine Art Dachbegriff zu verstehen, unter dem man mehrere Deutungen zulassen kann. Mit einer Definition wird man dem Begriff daher nicht gerecht, vielmehr muss man sich ihm über mehrere Aspekte nähern.

Die Beschreibung, was Wissenschaft ist, lässt sich gut am Unterschied zwischen Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen festmachen. Das wissenschaftliche Wissen und das Alltagswissen unterscheiden sich in erster Linie dadurch, dass man im Alltag weniger nach Hinweisen sucht, die einen an getroffenen Entscheidungen oder an den Vorstellungen, die man von einer Sache hat, zweifeln lassen. Das heißt bezogen auf den Pflegeberuf, „dass wir gelernt haben vorzuspiegeln und selbst zu glauben, dass uns alles klar ist, wir seit langem Bescheid wissen und sich unsere Klienten uns nur anvertrauen müssen, weil wir alles besser wissen“ (Behrens & Langer, 2006, S. 62). Wissenschaft kann demnach – im Gegensatz zu Alltagswissen, das durch persönliche Anschauungen, Voreingenommenheit und unbegründete Annahmen charakterisiert ist – als eine bestimmte Praxis des menschlichen Denkens und Handelns beschrieben werden, bei der es darum geht, Aussagen, Theorien und Feststellungen zu überprüfen, die mithilfe bestimmter systematischer Methoden gewonnen wurden. Nicht zufällig gefundenes, sondern mit System und Methode gewonnenes Wissen, Zweifel am Bestehenden, die Suche nach Neuem und die Annahme, dass ein Phänomen stets eine Vielzahl von Interpretationen zulässt – all das sind wichtige Kennzeichen von Wissenschaft. Durch sie hebt sich wissenschaftliches Vorgehen von alltäglichen Verfahrensweisen ab.

„Bei wissenschaftlichen Aussagen handelt es sich letztlich um begründete, systematische, an rationalen Kriterien orientierte Sätze, die einen Wahrheitsanspruch beinhalten. Dabei geht es nie um endgültige Beweise oder ewige Wahrheiten, sondern immer nur um vorläufige Aussagen über Tatsachen und Zusammenhänge in der Wirklichkeit.“

(Brandenburg & Dorschner, 2015, S.23)

Darüber hinaus wird wissenschaftliches Wissen meist in schriftlicher Form aufbewahrt („verschriftlicht“) und in einer abstrakten Sprache festgehalten, die von persönlichen Erfahrungen weitgehend gelöst ist. Diese beiden letzten Merkmale gehen zwar nicht notwendigerweise mit Wissenschaftlichkeit einher, sind jedoch ihre wohl häufigste „Begleiterscheinung“.

Tabelle 1: Wissenschaftliches Wissen und Alltagswissen (Hierdeis & Hug, 1997)

Alltag

Wissenschaft

Nicht systematisiertes Wissen

Systematisiertes Wissen

Nicht organisierte Erkenntnis

Organisierte Erkenntnis

Routiniertes Handeln

Reflektiert-methodisches Handeln

Vermeidung von Zweifel

Systematisierung des Zweifels

Sicherung des Erkannten

Zweifel am Erkannten

Vermeidung von Alternativen

Aufdecken von und Suche nach Alternativen

Konzentration auf eine Deutung

Selbstverständliche Annahme von Mehrdeutigkeiten

Im einzelnen (subjektiven) und/oder kollektiven Bewusstsein aufgehobene und v. a. mündlich weitergegebene Erkenntnis

Vor allem in schriftlicher Form weitergegebene Erkenntnis

Erfahrungsnahe Sprache

Erfahrungsferne, abstrakte Sprache

Neben diesen wesentlichen Charakteristika von Wissenschaft stellt sich die Frage, ob nun mit Wissenschaft das „Tun“ (die Produktion von Wissen) oder das Produkt (der dadurch geschaffene Wissenspool) gemeint ist.

Die Antwort lautet: Beides ist richtig. Denn unter Wissenschaft versteht man

1.alle Aktivitäten, die auf wissenschaftliche Erkenntnis abzielen, wie das Forschen und das Entwickeln von Theorien,

2. die Gesamtheit der Erkenntnisse, die auf diesem Weg gewonnen werden.

Wissenschaft ist folglich eine bestimmte Handlung, aber nicht nur. Wissenschaft kann unter mindestens zwei Gesichtspunkten definiert werden. Es kann mehr das Tun, also das wissenschaftliche Arbeiten gemeint sein – dann stehen eher die Forschung und die verwendeten Methoden als Weg zur Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnis im Vordergrund. Oder es ist damit mehr das Ergebnis gemeint, das aufgrund von Forschung oder Theorieentwicklung entsteht und die Erkenntnis in einem bestimmten Wissenszweig vorantreibt.

Eine zentrale Aufgabe von Wissenschaft ist es, Wissensbestände („body of knowledge“) zu produzieren, die uns in die Lage versetzen, Phänomene zu verstehen, vorauszusagen, bei Bedarf zu verhüten, aufrechtzuerhalten oder gegebenenfalls zu verändern (Parahoo, 2006).

Wissenschaftstheorie

Genauso wie es unterschiedliche Quellen des Wissens gibt, existieren unterschiedliche Wege des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns. Damit beschäftigt sich die Wissenschaftstheorie. Wissenschaftstheorie ist ein Zweig der Philosophie und befasst sich mit der Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnis zustande kommt. Sie untersucht auf einer Metaebene – also auf einer abstrakten und anwendungsfernen Ebene -, auf welche Weise Forschung Erkenntnis bringen kann. Auch die Auseinandersetzung mit dem Werteproblem (ist Wissenschaft werturteilsfrei oder kann sie es sein, und wenn nicht, wie geht man damit um?) ist Gegenstand wissenschaftstheoretischer Diskussionen.

Die Bedeutung der Wissenschaftstheorie ist deshalb so groß, weil es eben nicht nur einen Weg gibt, über den man zu wissenschaftlicher Erkenntnis gelangen kann. Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften unterscheiden sich z. B. durch wesentliche Eigenheiten voneinander. Während die Naturwissenschaften zu den analytischen Wissenschaften zählen (sie zerlegen ihren Gegenstand in einzelne Bestandteile), gehören die Geisteswissenschaften zu den nicht analytischen Wissenschaften (sie erfassen ihren Gegenstand als Ganzen und interpretieren ihn, statt ihn zu messen). Bei den Naturwissenschaften erfolgt der Zugang zur Erkenntnis über das Zählen und Messen. Sie beschäftigen sich mit der materiellen Realität und haben ihre Wurzeln im Behaviorismus, im Positivismus und im kritischen Rationalismus. Die Geisteswissenschaften hingegen gewinnen durch das Verstehen Zugang zur Erkenntnis. Sie beschäftigen sich mit Bedeutungen und Werten und haben ihre Wurzeln u. a. in der Phänomenologie, in der Hermeneutik und im Interaktionismus.

Die Human- und Sozialwissenschaften (denen die Pflegewissenschaft am nächsten steht) lassen sich nicht so eindeutig in dieses Gegensatzpaar einordnen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden innerhalb dieser Wissenschaften auf unterschiedlichen Wegen gewonnen. Sowohl die Prinzipien der Deduktion als auch der Induktion oder der Abduktion liegen diesen zugrunde (siehe Kap. 1.1.2). Daher kommen in diesen Wissenschaften quantitative und qualitative Forschungsmethoden (siehe Kap. 3) sowie Methodentriangulation zum Einsatz.

Klassische Beispiele für die Anschauung, die dem naturwissenschaftlichen Denken zugrunde liegt, sind der Positivismus und der kritische Rationalismus.

Der Positivismus geht davon aus, dass es eine „positive“ Realität gibt, die man durch Forschung entdecken kann. Das Wort positiv hat hier nicht die Bedeutung „gut“, so wie im alltäglichen Sprachgebrauch, sondern heißt „gegeben“, „gesetzt“, „wirklich vorhanden“. Es ist also die gegebene, mit den Sinnen wahrnehmbare Realität, der sich der Positivismus zuwendet. Alles, was man hören, sehen, tasten, zählen oder messen kann – und sei es mit Hilfsmitteln wie dem Mikroskop -, ist Gegenstand der positiven Realität und soll auch Gegenstand der Wissenschaft sein. Hier geht es also um eine materielle Realität, die durch Zählen und Messen objektivierbar ist. Man kann daher mit Fug und Recht behaupten, dass diese Realität eine objektive Wirklichkeit ist. Dies ist eine der wichtigsten Annahmen des Positivismus: Es existiert eine Realität, die für alle Menschen und unter allen Bedingungen gleich ist, die mit den Sinnen erfasst, erforscht und gemessen werden kann und die durch Beobachten bzw. Experimentieren gefunden und bewiesen wird. Es gibt eine endgültige Wahrheit und sie besteht in dieser objektiven Wirklichkeit. Oberstes Anliegen ist es daher, die Wirklichkeit möglichst genau und unverfälscht wiederzugeben. Im Vordergrund steht also das Streben nach Objektivität.

Das Ziel positivistisch orientierter Wissenschaft ist es, zu erforschen, wie diese Wirklichkeit funktioniert, also Gesetzmäßigkeiten zu entdecken: etwa in der Natur, im menschlichen Organismus oder im Verhalten. Nach dem Prinzip der Deduktion sollen diese Gesetzmäßigkeiten in Form von wissenschaftlichen Hypothesen (Theorien) formuliert und dann empirisch bestätigt werden. Je häufiger eine Aussage bestätigt (verifiziert) wird, desto höher ist ihr Vorhersagewert für künftige Ereignisse. Die Verifikation von wissenschaftlichen Hypothesen ist also zentraler Bestandteil positivistischer Wissenschaft. In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts erfuhr der Positivismus eine Weiterentwicklung durch Sir Karl Popper (1902-1994). Er ist der Begründer des sogenannten kritischen Rationalismus. Auch dieser ist dem deduktiven Prinzip verpflichtet und auch hier besteht das Ziel darin, Gesetzmäßigkeiten zu finden, um damit zu objektiver Wahrheit zu gelangen. Theorien und Hypothesen werden ebenfalls mit der Realität konfrontiert und an ihr überprüft, jedoch beruft Popper sich – anders als die Positivisten – nicht auf die Verifikation, sondern auf das Prinzip der Falsifikation. Dieses beruht auf dem Gedanken, dass es eigentlich keine allgemeingültigen Sätze geben kann. Denn auch wenn eine Aussage sich 100 oder 1000 Mal bewahrheitet hat, so kann man doch nie sicher sein, ob dies auch beim 1001. Mal der Fall sein wird. Eine einzige Ausnahme würde ja hinreichen, um die Theorie zu stürzen.

Beispiel

Popper zieht zur Veranschaulichung hier immer das Beispiel von den Schwänen heran: Auch wenn viele weiße Schwäne beobachtet werden, so kann man einzig durch diese Beobachtungen nicht zu dem Schluss kommen, dass alle Schwäne weiß sind. Das Auftreten eines einzigen schwarzen Schwanes würde die Theorie stürzen (Popper, 1994).

Es kann, so Popper, in der Wissenschaft daher nicht um die Verifikation von Hypothesen gehen, sondern lediglich um ihre Falsifikation, um ihre Widerlegung (= Falsifikationsprinzip). Die treibende Kraft im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ist demnach die Kritik des Bestehenden, also der Versuch, bestehendes Wissen kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob bzw. unter welchen Bedingungen es zutrifft. Neben den Naturwissenschaften sind die Sozialwissenschaften, ebenso wie die Gesundheitswissenschaften, stark von der Denkschule des kritischen Rationalismus beeinflusst.

Die Wurzeln der interpretativen wissenschaftstheoretischen Ansätze (= interpretatives Paradigma) liegen in erster Linie in der Philosophie. Im Mittelpunkt der interpretativen Position steht der Gedanke, dass der Mensch nicht losgelöst von seiner Umwelt betrachtet werden kann, sondern immer in seinem Lebenszusammenhang gesehen werden muss. Forschung bedeutet also nicht neutrale Sammlung und Auswertung objektiv erfassbarer Daten. Für die interpretativen Ansätze gibt es weder eine objektive Realität noch eine neutrale Erforschung derselben, weil nur die Bedeutung eines Ereignisses für den Menschen real ist. Über das Ereignis oder das Ding selbst, so meinen diese Denkschulen, wissen Menschen nichts; sie haben nur Zugang zu der Bedeutung, die ein Phänomen für sie besitzt. Dessen Bedeutung ist jedoch von Mensch zu Mensch verschieden. Darum gibt es auch keine objektive Wahrheit, die für alle Menschen gleich ist. Es geht in der Wissenschaft also, so die Vertreter des Interpretativismus, um die Interpretation von Geschehnissen und um das Erleben der Menschen. Die Forscherin muss fragen, was ein bestimmtes Phänomen für den Menschen bedeutet und welchen Sinn es für ihn hat. Es ist das Verstehen menschlicher Erfahrungen, das hier im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses steht, weniger das Erklären oder Beweisen (denn individuelle Bedeutung kann man nicht beweisen). Wahrheit ist also etwas Subjektives: Wahrheit ist das, was von der Einzelnen wahrgenommen und der Forscherin mitgeteilt wird – und Wahrheit ist nicht immer gleich, sondern vom Zusammenhang (vom Kontext) abhängig, in dem sie entsteht.

In der folgenden Tabelle wird anhand von drei wesentlichen wissenschaftstheoretischen Konzepten – Ontologie, Epistemologie und Methodologie – dargestellt, wie diese aus der Sicht des positivistischen und des interpretativen Paradigmas verstanden werden können.

Tabelle 2: Zentrale Grundannahmen des positivistischen und des interpretativen Paradigmas

Positivistisches Paradigma

Interpretatives Paradigma

Ontologie

Wie ist Wirklichkeit konzipiert?

Es gibt eine Wirklichkeit, es gibt eine reale Welt.

Es gibt nicht eine Wirklichkeit; Wirklichkeit ist subjektiv und vom Individuum konstruiert.

Epistemologie

Wie ist die Beziehung zwischen Beobachteten/Forschenden und der Wirklichkeit?

Die Beobachtende ist von dem untersuchten Gegenstand unabhängig; es gibt keine Beeinflussung der Ergebnisse vonseiten der beobachtenden Person.

Die Beobachtende ist nicht unabhängig von der Untersuchung, sondern interagiert mit den Untersuchten; die Ergebnisse der Untersuchung sind Ergebnisse dieser Interaktion.

Methodologie

Welche wissenschaftlichen Methoden sind geeignet, um Wirklichkeit abzubilden?

Deduktives Prinzip mit dem Ziel der Verallgemeinerung; hohes Maß an Standardisierung der Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden, Repräsentativität und Verallgemeinerung werden angestrebt

Induktives Prinzip mit Sicht auf die Ganzheit und Kontextgebundenheit eines Phänomens; flexible und offene Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden; Untersuchung der Muster des Phänomens in seinen verschiedenen Formen

Positivismus und Interpretativismus als Beispiele unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer Positionen zeigen in ihrer Gegensätzlichkeit eindrucksvoll, dass es keine einzig richtige, allgemeingültige Definition von Wissenschaft (oder davon, was Wissenschaft ausmacht) geben kann.

Die unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Positionen führen in Wissenschaftskreisen immer wieder zu Diskussionen darüber, was nun wirklich „wissenschaftliches“ Vorgehen sei. Die Pflegewissenschaft ist davon nicht ausgenommen (siehe Kap. 3). Diese Auseinandersetzung ist aber nicht unwichtig, denn es handelt sich ja nicht nur um abstrakte Philosophien. Diese unterschiedlichen Denkschulen beeinflussen die Art der Phänomene, die untersucht werden sollen, die Methoden, mit denen man sie studiert, und die Techniken, mit deren Hilfe die Wissenschafterin ihre Daten sammelt.

Man sollte jedoch beachten – und zwar ganz gleich, von welcher Position man ausgeht -, dass auch wissenschaftliche Erkenntnisse niemals absolut oder endgültig sind. Wissen hat immer nur vorläufigen Charakter. Es ist nicht statisch, sondern einem dynamischen Prozess der ständigen Weiterentwicklung unterworfen.

„Absolute Sicherheit kann [durch Wissenschaft] nicht garantiert werden, allerdings der Ausschluss eines rationalen, das heißt durch Vernunft begründeten Zweifels. Der unvernünftige Zweifel an wissenschaftlichen Aussagen bleibt bestehen.“

(Brandenburg & Dorschner, 2015, S. 23)

1.2.2 Wissenschaftliche Forschung

Wie bereits vorher erwähnt, kann Wissenschaft als eine Art Überbegriff angesehen werden, der Unterschiedliches miteinander vereint. Das Gebäude der Wissenschaft wird von drei Säulen getragen. Diese sind

• Forschung,

• Theoriebild und

• Lehre.

Abbildung 2: Das Gebäude der Wissenschaft

Wenn man von diesen drei Säulen spricht, so ist das nur eine grobe Metapher, denn es sind eben nicht drei unabhängig voneinander existierende Säulen, die das Gebäude der Wissenschaft tragen (wie es in Abb. 2 den Anschein haben mag). Sie stehen vielmehr miteinander in Verbindung (durch Forschung kann es zu Theoriebildung kommen, Theorien sind oft der Ausgangspunkt für Forschung, Lehre wird aus Forschungserkenntnissen und Theorien gespeist etc.).

Forschung ist also ein zentraler Bestandteil von Wissenschaft. Sie ist es, die das Wachstum der Wissenschaft gewährleistet, indem sie planmäßig und zielgerichtet nach neuem wissenschaftlichen Wissen sucht.

Forschung kann demnach als „Versuch, das Wissen in einem bestimmten Gebiet durch systematische wissenschaftliche Methoden zu vermehren“ (Hockey, 1983, S. 753) verstanden werden.

Das Ziel von Forschung ist also die Vermehrung von Wissen. Wissensvermehrung bedeutet in diesem Zusammenhang zweierlei:

• das Auffinden neuer, noch unbekannter Fakten/Phänomene und

• das Auffinden bisher unbekannter Beziehungen zwischen bereits bekannten Fakten/Phänomenen.

Das Charakteristische an Forschung ist, dass diese Wissensvermehrung ausschließlich mithilfe von systematischen, geplanten Methoden erfolgt, d. h. mithilfe des wissenschaftlichen Regelwerkes. Grundlage dieser Methoden ist die Logik mit ihren beiden Erkenntnisprinzipien der Deduktion und Induktion (siehe auch Kap. 1.1.2). Weil Forschung aber auf Logik basiert, wird sie in jedem einzelnen ihrer Schritte (in der Formulierung der Forschungsfragen, in der Sammlung und Auswertung der Daten, ja sogar in der Ergebnisdarstellung) nachvollziehbar, und das von ihr produzierte Wissen ist damit einer Überprüfung zugänglich. Diese besondere Art der Gewinnung von Wissen unterscheidet Forschung von jedem anderen Verfahren der Wissensproduktion.

1.3 Literatur zur Vertiefung des Lernstoffs

Brandenburg, Hermann & Dorschner, Stephan (Hg.). (2015): Pflegewissenschaft I. Lehr- und Arbeitsbuch zur Einführung in die Pflegewissenschaft. Bern: Hans Huber. (320 Seiten)In Kapitel 1 finden Sie eine gute Auseinandersetzung mit der Frage „Was ist Wissenschaft?“, in Kapitel 2 und 3 gibt es einen kompakten Einblick in die für die Pflegewissenschaft zentralen wissenschaftstheoretischen Strömungen.

Schülein, Johann A. & Reitze, Simon. (2012): Wissenschaftstheorie für Einsteiger (3. Aufl.). Wien: Facultas (UTB). (278 Seiten)Dies ist eine kompakte, verständliche und sehr angenehm zu lesende Zusammenfassung der wichtigsten wissenschaftstheoretischen Strömungen und eine gute Einführung in das wissenschaftstheoretische Denken.

2 Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

Wurden im ersten Kapitel Wissen, Wissenschaft und Forschung aus allgemeiner Sicht beschrieben, so dient das zweite Kapitel dazu, dies nun auch aus Sicht der Pflege zu tun. Zentral ist dabei die Frage danach, was Pflegewissenschaft ist und wie sich ihr Gegenstandsbereich darstellt. Ein Einblick in die Struktur und die historische Entwicklung, in den Gegenstandsbereich und in die Ziele pflegewissenschaftlichen Arbeitens sowie ein Einblick in die Prinzipien der Forschungsethik sollen dabei helfen.

2.1 Die Grundlagen des pflegerischen Wissens

Pflegerisches Handeln baut auf vielfältigen Wissensquellen auf, die den Pflegenden zum Teil bewusst sind, zum Teil aber unbewusst ihr Tun leiten. Strukturierte und unstrukturierte Wissensquellen (vgl. Kap. 1.1) bilden die Grundlage des Handelns in der Pflege. Da dieses Buch sich in weiterer Folge nur einer dieser Wissensquellen zuwendet, nämlich dem empirischen Wissen bzw. der Forschung, ist es wichtig, zu Beginn darauf hinzuweisen, dass empirisches Wissen einen wichtigen, aber eben nur einen Teil der größeren Gesamtheit des pflegerischen Wissens bildet, das Pflegende handlungsfähig macht. Peggy Chinn und Maeona Kramer beschreiben in ihrem Buch „Pflegetheorien: Kontext – Konzepte – Kritik“ vier Bereiche, die in ihrem Zusammenspiel das Handeln von Pflegenden leiten. Diese sind:

•Intuition (die „Kunst der Pflege“),

•persönliches Wissen (Erfahrung),

•Empirie (der wissenschaftlich abgesicherte Bereich) und

•Ethik (die moralische Komponente der Pflege).

„Jede der Wissensgrundlagen ist bedeutsam. Jede ist ein deutlich abgegrenzter Aspekt des Ganzen und leistet ihren Beitrag zur Gesamtheit des Wissens.“

(Chinn & Kramer, 1996, S. 1)

Das Pflegewissen wird jedoch auch aus dem Wissen anderer Disziplinen gespeist, wie z. B. aus der Medizin, der Psychologie oder der Pädagogik. Man kann, ausgehend von den allgemeinen Wissensquellen und den Gedanken von Chinn und Kramer, die Quellen des Wissens, das Pflegende handlungsfähig macht, auch folgendermaßen darstellen:

Abbildung 3: Die Wissensquellen in der Pflege

In der Betrachtung dieses Zusammenspiels wird deutlich, dass es nicht darum gehen kann, Wissensquellen zu hierarchisieren oder zu werten (ganz gleich, ob man diese nun als strukturiert oder unstrukturiert bezeichnet). Die obige Skizze veranschaulicht auch, dass für das berufliche Handeln nicht einfach ein Bereich weggenommen oder ausgespart werden kann, denn dies würde das System aus dem Gleichgewicht bringen. Es fällt dadurch auch leichter, jenem Gedankengang zu folgen, der Pflege als „Wissenschaft und Kunst“ bezeichnet. Denn wie schon Schaeffer feststellt:

„Als Wissenschaft verkörpert sie [die Pflege; H. M.] einen zusammenhängenden Korpus an systematischem Theorie- und Problemlösungswissen. Die Kunst besteht in der kreativen Nutzung dieses Wissens, im Dienst der Genesung der Menschen.“

(Schaeffer, 1999, S. 144)

2.2 Pflegewissenschaft

2.2.1 Definition und Gegenstandsbereich

Das, was jede (Einzel-)Wissenschaft inhaltlich ausmacht, wodurch sie sich inhaltlich definiert und von anderen Einzelwissenschaften abgrenzt, ist ihr Gegenstand oder Interessenbereich, ihre „area of concern“. Zum Beispiel ist die menschliche Psyche der Gegenstand der Psychologie, all die Krankheiten und Beeinträchtigungen, die am menschlichen Körper auftreten, sind der Gegenstand der Medizin und der Gegenstand der Pflegewissenschaft ist die Pflege. Der Gegenstand (oder Gegenstandsbereich, die Domäne) der Pflegewissenschaft wird also nicht von der Wissenschaft erfunden oder neu entwickelt, sondern er ist – in Gestalt der Pflegepraxis – bereits vorhanden. Allerdings ist er häufig nicht offensichtlich, sondern „verborgen“, das heißt, er muss herausgearbeitet und für die Wissenschaft zugänglich gemacht werden.

Pflegewissenschaft ist somit die Wissenschaft vom Phänomen Pflege (Dassen & Buist, 1994). Oder anders gesagt: Pflegewissenschaft ist die Wissenschaft, deren definierter Interessenbereich (area of concern) das Handlungsfeld Pflege ist (Rennen-Allhoff & Schaeffer, 2000).

Die Beschreibung des Gegenstandsbereichs Pflege basiert also auf dem, was professionelle Pflege ausmacht. Der ICN (International Council of Nursing) definiert professionelle Pflege folgendermaßen:

„Nursing encompasses autonomous and collaborative care of individuals of all ages, families, groups and communities, sick or well and in all settings. Nursing includes the promotion of health, prevention of illness, and the care of ill, disabled and dying people. Advocacy, promotion of a safe environment, research, participation in shaping health policy and in patient and health systems management, and education are also key nursing roles.“   (ICN, 2014)

Genauere Beschreibungen/Definitionen dessen, was Pflege ist bzw. was zu den Aufgabenbereichen professioneller Pflege gehört, variieren, unter anderem je nach gesetzlichen Vorgaben der Kompetenzbereiche im Gesundheitswesen. Die Unterstützung von Menschen, die sich – kurzfristig oder längerfristig – nicht selbst pflegen können bzw. ihren Aktivitäten des täglichen Lebens und Grundbedürfnissen nicht nachkommen können, ist aber immer Kernaufgabe der beruflichen Pflege.

Gegenstand der Pflegewissenschaft sind einerseits die Auswirkungen von Krankheit, Behinderung und Gebrechen auf die Alltagsgestaltung. Andererseits beschäftigt sich Pflegewissenschaft mit der Wirkungsweise pflegerischer Interventionen und fragt nach den Einflussfaktoren und Kontextbedingungen „guter“ Pflege.

Von pflegetheoretischer Seite wird der Gegenstandsbereich der Pflege und somit der Pflegewissenschaft anhand sogenannter Schlüsselkonzepte beschrieben. Schlüsselkonzepte sind zentrale, inhaltlich grundlegende Begriffe der Pflege. Sie sind Resultat der vom angloamerikanischen Raum in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts ausgehenden Theoriedebatte in der Pflege.

Die amerikanische Pflegewissenschafterin Suzie Kim hat in den 1990er- Jahren mit der von ihr beschriebenen „Typologie der vier Bereiche“ eine wichtige Grundlage zur Strukturierung des Gegenstandsbereichs der Pflegewissenschaft gelegt. Die vier Bereiche sind der Patientenbereich1, der Patientinnen-Pflegende-Bereich, der Praxisbereich und Umweltbereich.

•Patientenbereich: Der Schwerpunkt dieses Bereichs liegt in der Gewinnung neuer Erkenntnisse zu allgemeinmenschlichen Phänomenen aus der Sicht der Krankenpflege. Dieser Bereich beinhaltet die Entwicklung, Überprüfung und Reformulierung von Pflegetheorien und -modellen zur Erklärung und Vorhersage patientenbezogener Phänomene, aber auch die Entwicklung analytischer Schemata wie Pflegediagnosen.

•Patientinnen-Pflegende-Bereich: Dies ist jener Bereich, der mit dem direkten Kontakt zwischen Patientin und Pflegender zu tun hat. Hier stehen die Beziehung, aber auch Muster der sozialen Interaktion und Kommunikation im Vordergrund. Der Fokus hierbei wird im Speziellen auf die Akteurinnen selbst (Patientin, Pflegende), auf das soziale Umfeld, innerhalb dessen sich die Kommunikation abspielt, auf die Art der Interaktion (Ablauf, Eigenart, Qualität) sowie auf die Auswirkungen auf den Zustand der Patientin gerichtet.

•Praxisbereich: In diesem Bereich werden Pflegephänomene im Zusammenhang mit der eigentlichen Pflegetätigkeit erfasst. Dies sind alle kognitiven, verhaltensmäßigen und sozialen Aspekte der Pflegetätigkeit. Dazu zählen Pflegemaßnahmen und Variationen in Verbindung mit bestimmten Problemstellungen, Art und Ablauf der Entscheidungsfindung sowie die Umsetzung in Pflegehandlungen, aber auch Fragen der pflegerischen Kompetenz sowie ethisches Handeln in der Pflege.

•Umweltbereich: Dieser Bereich betrifft die Umgebung der Patientin vor allem im Hinblick auf Zeit, Raum und Qualität. Diese sind aber nur dann relevant, wenn sie im Zusammenhang mit einem der anderen Bereiche stehen. So könnten zum Beispiel räumliche Strukturen wie etwas längere Gänge einer Abteilung untersucht werden, wenn sie sich auf die Leistungserbringung der Pflegenden oder das Wohlergehen der Patientinnen auswirken. In diesen Bereich fallen aber auch Fragen der Familie im Zusammenhang mit Pflege und Pflegebedürftigkeit.

Abbildung 4: Die Wissensbereiche der Pflegewissenschaft (nach Kim, 1990)

Diese vier Bereich stehen, wie die Darstellung zeigt, miteinander in Beziehung und sind auch nicht immer exakt voneinander abzugrenzen. Es gibt immer wieder Themen, die nicht eindeutig einem Bereich alleine zugeordnet werden können. Typologien, wie diese von Kim, sind jedoch nicht als Klassifikationssysteme zu verstehen, sondern bilden einen theoretischen Rahmen. Dieser kann, soll und muss immer wieder auf Gültigkeit überprüft und auch ergänzt und verändert werden.

Eine andere Charakterisierung der Pflegewissenschaft basiert auf den sogenannten vier Schlüsselbegriffen, die den meisten Pflegetheorien als Metaparadigmen zugrunde liegen. Diese sind Person, Umwelt, Wohlbefinden sowie pflegerisches Handeln (Fawcett, 1998).

Person

Das zentrale Interesse der Pflege gilt der Person und ihrer Biografie. In der Regel ist diese Person der pflegebedürftige Mensch. Hat man aber die Wechselbeziehung, den Austausch zwischen den Menschen (die Interaktion) im Auge, ist auch die pflegende Person miteingeschlossen.

Umwelt

Unter Umwelt versteht man hier das physische, psychische, soziale und ökologische Milieu. Die Umwelt hat in der Pflege eine große Bedeutung, weil sie der wichtigste äußere Bestandteil für Leben, Gesundheit und Wohlbefinden ist. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem ersten Begriff, der Person. Beide können nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Sie sind offene Systeme, die miteinander in Beziehung stehen („interagierende Systeme“).

Wohlbefinden

Gesundheit und Krankheit können als Pole gesehen werden. Wohlbefinden ist ein dynamischer Prozess, kein Zustand. Der Mensch befindet sich in diesem Zustand des subjektiven Wohlbefindens in einem Gleichgewicht zwischen den beiden Polen. Pflegebedarf entsteht, wenn dieses (subjektive) Gleichgewicht ins Wanken kommt und nicht mehr selbst wiederhergestellt werden kann. Die wichtigste Aufgabe der Pflegenden ist es daher, Wohlbefinden zu erhalten oder ein verändertes Wohlbefinden in die Lebensgestaltung der Patientin zu integrieren.

Pflegerisches Handeln

Das pflegerische Handeln verbindet alle drei Begriffe miteinander: Es geht von den Bedürfnissen bzw. der veränderten Lebenssituation und von den Kompetenzen (Fähigkeiten) des pflegebedürftigen Menschen aus. Die Pflegesituation wird als Interaktionsprozess zwischen Pflegebedürftiger und Pflegeperson in bestimmten Situationen verstanden. Die zentralen Anliegen dabei sind, die Fähigkeit der Patientin zu selbstständigem Handeln (Handlungskompetenz) wiederherzustellen, sie bei der Erhaltung dieser Fähigkeit zu unterstützen und die Selbstpflege und alltäglichen Fertigkeiten (Alltagskompetenzen) zu fördern.

Abbildung 5: Konzeption des Metaparadigmenbereichs der Pflegewissenschaft

Betrachtet man das Metaparadigma der Pflegewissenschaft genauer, so wird deutlich, dass ihm ein Verständnis von Pflege zugrunde liegt, das weit über den ausschließlichen Blick auf Funktionsstörungen und Krankheiten hinausgeht, wie er lange Zeit üblich war. Dieses Verständnis von Pflege, wie es anhand der Schlüsselkonzepte beschrieben wird, setzt einen Paradigmenwechsel voraus, weg von der reinen Krankheitsorientierung und hin zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen. Zu diesem Paradigmenwechsel gehört zweierlei:

• Zum einen ist es nicht mehr ausschließlich die Krankheit, die im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern die Gesundheit und ihre Erhaltung, auf die verstärkt Augenmerk gelegt wird.

• Zum anderen muss die reine Konzentration auf die Patientinnen einer erweiterten Perspektive weichen: Nicht mehr die Patientin allein steht im Zentrum, sondern auch die komplizierte Beziehung zwischen Patientin und Umwelt (Patient-Umwelt-Relation). Das heißt, die Patientin wird nicht mehr nur als isoliertes Individuum betrachtet, sondern im Zusammenhang mit ihrer Umwelt gesehen.

Dieser Paradigmenwechsel, der der Konzeption von Pflegewissenschaft zugrunde liegt, bedeutet einen wichtigen Umdenkprozess in der Pflege.

Neben der Beschreibung der vier Schlüsselbegriffe ist die Existenz eines eigenen Handlungsfeldes, aus dem die Wissenschaft entstanden ist, ein wesentliches Charakteristikum der Pflegewissenschaft. Denn anders als in anderen wissenschaftlichen Disziplinen ist für die Pflegewissenschaft dieses Handlungsfeld der Ausgangspunkt, das zentrale Element und die Legitimation. Mit van Maanen gesprochen: „Das Verstehen der Pflegewissenschaft findet nicht in einem Vakuum statt, sondern im Kontext des Handelns“ (van Maanen, 1996a, S. 147).

Das heißt: In der Praxis, an der Praxis und durch die Praxis wird der Gegenstand der Pflege erkennbar und nur so kann neues Wissen über diese Praxis entwickelt werden. Pflegewissenschaft wird daher oft als „Praxiswissenschaft“ bezeichnet (Kirkevolt, 2002; van Maanen, 1996) und kennzeichnet sich durch ihre nahe Beziehung zu einem konkreten Praxis- oder Anwendungsfeld. Gemäß Moers (2000) zeichnen sich Praxiswissenschaften dadurch aus, dass es sich bei ihnen um Wissenschaften handelt, „deren Existenz ohne das Handeln des Menschen nicht denkbar ist und die einem vom Menschen gesetzten Zweck dienen“ (Moers, 2000, S. 22). Nach dieser Umschreibung ist die Astronomie z. B. eine theoretische Wissenschaft, weil die Planeten einander auch ohne das Zutun des Menschen umkreisen. Die Pflege von Menschen erfolgt jedoch immer nur im Kontext menschlichen Handelns.

Praxiswissenschaften unterscheiden sich von anderen Wissenschaften insofern, als sie nicht nur auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet sind. Sie fragen nicht nur „Was ist wahr?“, sondern auch „Was ist zu tun?“. Sie beziehen sich also unter dem Gesichtspunkt der Veränderung auf ihren Gegenstand; das Erkennen oder Auffinden von universellen Gesetzmäßigkeiten ist nicht ihr oberstes Ziel.

Die schwedische Pflegewissenschafterin Marit Kirkevolt (2002) zeichnet ein sehr anschauliches Bild als Metapher für das Verhältnis zwischen Pflegepraxis und Pflegewissenschaft. Sie zeigt die Pflege(-praxis) als Landschaft und die Wissenschaft als Turm, der aus dieser Landschaft wächst und von dem aus es möglich wird, die Landschaft der Praxis aus der Vogelperspektive zu betrachten. Diese Metapher veranschaulicht, dass Pflegewissenschaft nicht etwas ist, das alleine für sich steht oder mit der Praxis verbunden werden muss, sondern aus ihr hervorgeht.

„Sie [die Pflegewissenschaft; H. M.] ist kein selbständiges Reich ohne Zusammenhang mit oder Beziehung zur Praxis. Sie ist vielmehr ein Instrument, um die Praxis ,aus der Entfernung‘ betrachten zu können und um die täglichen Aktivitäten und Routineabläufe in einem neuen und größeren Zusammenhang zu sehen.“

(Kirkevolt, 2002, S. 22 f.)

Die Bezeichnung Praxiswissenschaft beruht nun weniger auf der Tatsache, dass die Wissenschaft auf ihren praktischen Aspekt festgeschrieben wird, sondern darauf, dass sie einen klaren Ausgangs- und Bezugspunkt hat, nämlich die Pflegepraxis (Schrems, 2009), weil Pflegepraxis der Gegenstand ihrer theoretischen Reflexion ist. Die Bezeichnung „Praxiswissenschaft“ kann auf diese Weise auch in die Irre leiten und so verweist Schrems (2009) auf Nowotny, Scott und Gibbons (2008), die auf eine andere Art der Wissensproduktion in den „neuen Wissenschaften“ hinweisen. Der große Unterschied zu den traditionellen Wissenschaften zeigt sich in der spezifischen Anwendungsorientierung dieser neuen Wissenschaften. Diese Anwendungsorientierung wird auch Kontextualisierung oder Kontextbezogenheit genannt. Darunter ist zu verstehen, dass die Wissensproduktion dieser Wissenschaften immer im Kontext der Anwendung erfolgt – ein typisches Merkmal der Pflegewissenschaft.

2.2.2 Pflegewissenschaft im bestehenden Wissenschaftssystem

Nachdem nun einiges über das „Was?“, also über den Gegenstand der Pflegewissenschaft gesagt wurde, soll auch das „Wo?“ thematisiert werden, nämlich wo innerhalb des bestehenden Wissenschaftssystems sich die Pflegewissenschaft einordnen lässt.

Über ihre Positionierung gibt es immer wieder Diskussionen. Kann man sie nun zu den Naturwissenschaften zählen? Zur medizinischen Wissenschaft? Oder zu den Sozialwissenschaften oder vielleicht zu den Gesundheitswissenschaften?

Viele Wissenschafterinnen sind der Ansicht, dass sich die Pflegewissenschaft gar nicht eindeutig zuordnen lässt. Die Pflegewissenschaft, so Krüger (1996a), steht mit verschiedenen Wissenschaftszweigen in Beziehung, ohne jedoch in einem von ihnen völlig aufzugehen. Die Pflege teilt mit der Medizin die Anlässe ihres Handelns (wenn auch keineswegs immer), mit den Gesundheitswissenschaften die Ziele und mit den Sozialwissenschaften die Konzentration auf die Interaktionsprozesse, d. h. auf das zwischenmenschliche Handeln. Sie ist daher eine Wissenschaft mit multidisziplinärem Charakter. Auch Schrems (2002) sieht die Einordnung der Pflegewissenschaft in einen der traditionellen Wissenschaftszweige problematisch. Pflege, so meint sie, sei wie viele der „neuen“ wissenschaftlichen Disziplinen (z. B. die Umwelt-, die Frauen-, Gender- oder die Gesundheitsforschung) ein problemorientierter Forschungszweig, der sich nur schwer in eines der bestehenden Wissenschaftsgebiete einordnen lässt. Es ist nämlich nicht nur der Forschungsgegenstand an sich, durch den sich die Pflegewissenschaft von den anderen Wissenschaften unterscheidet – entscheidend ist, unter welchem Blickwinkel man das zu untersuchende Phänomen betrachtet.

Die Alltagsbewältigung mit dem Aufrechterhalten der Lebensqualität von gesunden und kranken Menschen steht im Zentrum der Pflegewissenschaft. Die Fokussierung auf diesen Aspekt findet sich in keiner anderen Disziplin in gleicher Weise und macht das Besondere an der Pflegewissenschaft aus. Die Bezugswissenschaften, wie die Medizin, die Soziologie, die Psychologie, die Pädagogik, die Ernährungswissenschaft oder die Philosophie, sind vielfältig. Pflegewissenschaft baut auch zum Teil auf Basiswissen aus diesen Bezugswissenschaften auf, geht aber nicht darin auf, sondern formt durch ihren Fokus ihren eigenen Gegenstand. Das Originäre der Pflegewissenschaft sind die Fragen sowie die Interpretation und Bewertung der Antworten.

2.2.3 Zur Bedeutung der Pflegewissenschaft

In weiten Teilen der westlichen Welt befinden sich die Gesundheitssysteme im Wandel; so auch im deutschsprachigen Raum. Die Gründe dafür liegen in mehreren Bereichen: zum einen in der Demografie, weil die Lebenserwartung und als Folge davon die Anzahl der älteren Menschen stetig ansteigt. Zum zweiten nehmen auch chronische Erkrankungen zu (epidemiologische Gründe). Beides geht mit Zunahme von Pflegebedürftigkeit einher. Drittens brechen in den industrialisierten Ländern Europas im pflegerischen Bereich die überkommenen Versorgungsstrukturen auf. Pflege, die früher durch die Familien (besser gesagt: durch die Frauen) geleistet wurde, muss mehr und mehr von anderen Systemen übernommen werden. Zusätzlich wird die Betreuung kranker Menschen aus dem Spitalsbereich verstärkt in den ambulanten und häuslichen Bereich verlegt.

Den Pflegenden, die die zahlenmäßig größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen darstellen, kommt im Rahmen dieses Wandels eine bedeutende Rolle zu, die sie mit anspruchsvollen Aufgaben und veränderten Bedingungen konfrontiert. In dieser neuen Situation mit ihren noch unbekannten Folgen und Begleiterscheinungen ist Forschung auf dem Gebiet der Pflege besonders wichtig, um Maßnahmen zu entwickeln, die eine wirkungsvolle Gesundheitsversorgung gewährleisten. Denn nur so ist es möglich, Fakten anstelle von Vermutungen zur Grundlage für das Pflegehandeln und zum Ausgangspunkt für gesundheitspolitische Entscheidungen zu machen (Görres, 1996a).

Steppe (1996) skizziert drei zentrale Innovationspotenziale der Pflegewissenschaft:

1.Innovation durch theoretische Fundierung der PflegepraxisDie Pflegeleistung an sich wird in Zukunft immer mehr ein eigenständiger Teil der gesamten Versorgung werden. Sie wird eigenständig erbracht und nachgewiesen werden müssen. Es ist weder fachlich noch ökonomisch vertretbar, dass Pflege beliebig und unkontrollierbar angeboten wird. Neben den ehernen Pfeilern „Pflegepraxis“ und „Erfahrung“ bzw. dem Wissen aus anderen Disziplinen muss eine Basis an spezifischem Pflegewissen geschaffen werden, durch das Begründungen und Systematisierungen pflegerischen Handelns möglich werden. Eine professionelle und selbstständige Pflegepraxis muss theoretisch fundiert sein. Dieses theoriegeleitete Handeln aber muss auf einem eigenen wissenschaftlichen Gegenstandsbereich beruhen.

2.Innovation durch ein verändertes Verständnis von pflegerischer DienstleistungDie Pflegewissenschaft beschäftigt sich nicht mehr mit der richtigen Durchführung einzelner Pflegehandlungen nach dem Lehrbuch. Vielmehr geht es darum, Situationen und Probleme umfassend zu betrachten, zu analysieren und daraus Möglichkeiten des pflegerischen Handelns abzuleiten. Die Pflege muss sich deshalb von der traditionellen Sichtweise abwenden, die durch die naturwissenschaftliche Medizin beeinflusst ist und den Körper weitgehend als Organsystem betrachtet. Sie muss vielmehr den ganzen Menschen und sein Körper- bzw. Krankheitserleben in den Mittelpunkt stellen. Dafür sind aber große Fähigkeiten und Kompetenzen im analytischen und kommunikativen Bereich gefordert, die in der Pflegepraxis bisher eher im Hintergrund standen. Pflegewissenschaft bringt einen Paradigmenwechsel mit sich (von der Krankheitsorientierung hin zur Gesunderhaltung; siehe S. 36), ein verändertes Verständnis pflegerischer Dienstleistung, das die Aufgaben und Inhalte der professionellen Pflege maßgeblich beeinflusst.

3.Innovation durch veränderte Karrieremuster in den PflegeberufenWährend die Pflege zur Wissenschaft wird, verliert sie ihr traditionelles Gepräge von Gehorsam und angeborener weiblicher Eignung für die Pflege (mehr zu diesem Punkt in Kap. 2.3.2). Was bisher einem Geschlecht als eigen zugeschrieben wurde, nämlich die Fähigkeit, zu pflegen, wird nun zu einer begründbaren und nachweisbaren Dienstleistung, zu einem professionellen Angebot, das grundsätzlich lehr- und lernbar ist.

Steppe hat diese drei Innovationspotenziale 1996 publiziert. Reflektiert man sie aus heutiger Sicht (also 15 Jahre später), so lässt sich feststellen, dass diese Potenziale, die sie der Pflegewissenschaft zugeschrieben hat, in vielen Bereichen auch sichtbar werden.

Auch Kirkevolt (2002) meint, dass Pflegewissenschaft nicht nur wissenschaftliche Selbstzwecke zu erfüllen hat, sondern einen Berufs- und gesellschaftspolitischen Auftrag hat. Sie ortet den Beitrag, den die Pflegewissenschaft zur Pflegepraxis leisten kann, auf verschiedenen Ebenen. Pflegewissenschaft kann u. a.

• der Praxis zur „Sprache“ verhelfen (= das implizite Wissen, über das Pflegende verfügen, sichtbar machen und systematisieren);

• konkrete klinische Problemstellungen, Phänomene und Fragen darstellen und aufzeigen (= bestimmte pflegerelevante Phänomene in ihrer Eigenheit erforschen, sie analysieren und somit nicht nur sichtbar, sondern auch verstehbar machen, Konzepte und Theorien daraus entwickeln können);

• Lösungen für konkrete Probleme und Fragen finden (= pflegerische Interventionen entwickeln, verbessern und testen);

• Hilfsmittel zur Verbesserung oder Erleichterung der Praxis finden oder auf ihre Tauglichkeit überprüfen, aber auch Assessmentinstrumente zur Erfassung von bestimmten pflegerelevanten Phänomenen, technische Hilfsmittel etc. entwickeln;

• die Pflegepraxis in einen Ideen- und Wertezusammenhang einfügen;

• einen gesellschaftlichen, philosophischen und kulturellen Zusammenhang herstellen.

Kirkevolt meint dazu:

„Der gesellschaftliche Auftrag der Pflege besteht darin, Leiden zu lindern und das Leben erhaltende und gesundheitsfördernde Maßnahmen zu unterstützen.“ Und: „Der gesellschaftliche Auftrag der Pflegewissenschaft besteht darin, Wissen bereitzustellen, das die Pflegepraxis unterstützt und verbessert.“ (Kirkevolt, 2002, S. 18)

2.3 Pflegeforschung

2.3.1 Definition und Ziel

Wie bereits in Kapitel 1 beschrieben, bezeichnet Hockey Forschung als Versuch, das Wissen auf einem bestimmten Gebiet durch systematische, wissenschaftliche Methoden zu vermehren (Hockey, 1983). Umgelegt auf Pflegeforschung heißt dies nun Folgendes:

Pflegeforschung …

… ist

Forschung auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, auf dem die Pflegende den größten Teil der Verantwortung selbst trägt.

… bedeutet

die Entwicklung und Vermehrung von pflegerischem Fachwissen.

… will

das Wissen vermehren, das man in der Pflege braucht, um effektiv zu sein.

(in Anlehnung an Hockey, 1983)

Pflegeforschung fokussiert also auf ein bestimmtes Gebiet des Gesundheitswesens. Das bedeutet, dass die Pflegeforschung zwar ihren Forschungsgegenstand mit all jenen Wissenschaften teilt, die ebenfalls auf dem Gebiet des Gesundheitswesens tätig sind, die Fragen aber, die die Pflegeforschung an diesen Gegenstand richtet, sind hauptsächlich für die Pflege relevant und unterscheiden sich daher grundlegend von den Fragen der anderen Wissenschaften. Zum Beispiel sind Entzündungen im Bereich der Mundschleimhaut als Nebenwirkung von Chemotherapie ein Problem, mit dem sich sowohl die Pflegewissenschaft als auch die Medizin beschäftigen könnte. Während die Medizin (bzw. die Pharmakologie) jedoch beispielsweise danach fragen würde, wie ein Chemotherapeutikum zusammengesetzt sein muss, um weniger Nebenwirkungen hervorzurufen, oder welches andere Chemotherapeutikum man ebenfalls anwenden könnte, fragt die Pflegewissenschaft danach, welche prophylaktischen Pflegemaßnahmen der beste Schutz vor möglichen Nebenwirkungen sind. Es ist also nicht der Gegenstand alleine, sondern es sind die Forschungsfragen, die die Pflegeforschung charakterisieren. Pflegewissenschaftlich ausgerichtete Forschungsfragen richten sich nach der Verantwortlichkeit, den Aufgaben und den Handlungsmöglichkeiten der Pflegenden.

Ein weiteres zentrales Element von Pflegeforschung ist der Anspruch der Wissensvermehrung und auch sie ist auf Pflegerelevanz ausgerichtet: Vermehrt wird jenes Wissen, mit dem man die Pflege der Patientinnen besser und effektiver gestalten kann. Pflegeforschung hat also das Ziel, das Pflegewissen zu vermehren oder, anders ausgedrückt, pflegerisches Fachwissen zu entwickeln (Käppeli, 1994).

Darin erschöpft sie sich jedoch nicht – die Ziele der Pflegeforschung sind vielfältiger. Man kann sie grundsätzlich in fünf Schwerpunkten zusammenfassen:

1. Schaffung von Wissensgrundlagen zur Verbesserung der Pflege und damit der Situation der Patientinnen;

2. Schaffung von Grundlagen für die Theorieentwickung;

3. Anpassung und Weiterentwicklung des Methodenrepertoires der Forschung, speziell für pflegewissenschaftliche Fragestellungen;

4. Entwicklung von Instrumenten zur Erfassung und Messung pflegerelevanter Phänomene; und

5. Professionalisierung und berufliche Emanzipation der Pflege.

Geht man von der Definition aus, dass Forschung eine Möglichkeit zur systematischen Vermehrung von Wissen darstellt (siehe S. 28), so kann man durch Pflegeforschung eine spezifische wissenschaftlich fundierte Wissensgrundlage für die professionelle Pflege entwickeln. Das ist der Beitrag der Pflegeforschung zur Sicherung und Verbesserung der Pflegequalität. Verbesserung der Pflegequalität wiederum heißt, dass die Versorgungsstruktur, die Heilungschancen und die Lebensqualität des einzelnen Menschen verbessert werden sollen.

Für eine so junge Disziplin wie die Pflegewissenschaft ist es aber nicht damit getan, direkt anwendbares Wissen für die Praxis zu erzeugen. Ziel der Forschung ist es auch, einen theoretischen Rahmen, theoretisch gut fundierte Konzepte für die Praxis zu entwickeln. Pflegetheorien, die auf empirischen Daten basieren, sind genauso wichtig wie empirisch fundierte Konzepte, die z. B. eine Grundlage für standardisierte Pflegediagnosen bilden.

Darüber hinaus hat Pflegeforschung auch ein berufspolitisches Ziel: Die wissenschaftliche Fundierung der Pflege liefert einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung des Berufs und zur Emanzipation der Pflege. Das Merkmal jeder Profession ist die Generierung eigener Wissensbestände und somit ist Forschung auch für die Entwicklung der Profession ein wichtiger Bestandteil.

2.3.2 Geschichte und Zukunftsperspektiven

Obwohl es schon seit längerer Zeit Forschung gibt, die sich mit Pflegethemen beschäftigt, stützt sich das traditionelle Pflegewissen zum Großteil auf unstrukturierte Wissensquellen wie Tradition, Intuition, Autorität und Erfahrung, aber auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse anderer Disziplinen (z. B. der Medizin). Viele Pflegepersonen sind (aus unterschiedlichen Motiven) manchmal nur zögernd bereit, eingefahrene Wege zu verlassen, und haben auch nie gelernt, ihr eigenes Tun kritisch zu reflektieren. Andererseits gab bzw. gibt es heute immer mehr Pflegende, die den Status quo infrage stellen und wissenschaftliche Forschung begrüßen – auch deshalb, weil sie das Bedürfnis haben, wissenschaftliche Antworten auf die Fragen zu bekommen, die bei der täglichen Arbeit auftauchen und zu Problemen führen.

Doch auch wenn die Pflegenden wissenschaftlichem Arbeiten heute wesentlich offener gegenüberstehen als noch vor wenigen Jahrzehnten, geht die Entwicklung der Forschung und deren Akzeptanz in der Praxis noch immer schleppend voran. Die Ursachen dafür sind zu einem großen Teil in der Geschichte der beruflichen Pflege zu finden.

Historischer Exkurs

Während in anderen Berufen Forschung und berufliche Praxis Hand in Hand gehen, wie z. B. in der Medizin, wuchs (und wächst) in der Krankenpflege die Partnerschaft zwischen Forschung und Praxis nur langsam heran. Eine Ursache dafür liegt in der Geschichte des Pflegeberufs.

Pflegen und heilen, heute als zwei unterschiedliche Tätigkeiten aufgefasst, gehörten ursprünglich beide zur sogenannten Heilkunde, deren Tradition bis ins Altertum zurückreicht. Die Aufgaben jener umfassenden Heilkunde wurden alle durch ein und dieselbe Person wahrgenommen. Zur Aufspaltung der beiden Bereiche Medizin und Pflege kam es erst im 19. Jahrhundert (Müller, 1997). Ein Grund dafür war der wissenschaftliche Fortschritt der Medizin, in dessen Verlauf sich der Arzt immer mehr vom Krankenbett zurückzog und den „diffusen“ körperlichen Teil der Heilkunde an Hilfspersonal delegierte. Auf diese Weise begann die Heilkunde in einen wissenschaftlich-rationalen und in einen handwerklich arbeitenden Teil zu zerfallen. Die damit einhergehende Auffassung von Medizin als männlicher und Pflege als weiblicher Tätigkeit zog auch eine aus den Geschlechterrollen abgeleitete Hierarchisierung nach sich: Der männlich definierten, herrschenden Medizin hatte sich eine weiblich definierte, dienende Pflege unterzuordnen (Steppe, 2000b).

Diese Veränderung traf mit einer anderen Entwicklung zusammen, nämlich der bürgerlichen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts.2