Phoenicrus - Mirjam H. Hüberli - E-Book

Phoenicrus E-Book

Mirjam H. Hüberli

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Beschreibung

Was, wenn zwischen Himmel und Erde mehr existiert, als wir mit bloßem Auge erkennen können? Wie unsichtbare Zwischenspiele. Zwar zum Greifen nah, manchmal auch fühlbar, aber nicht fassbar … Es existiert tatsächlich. Ich weiß es – seit heute. Zuerst diese unheimliche Kapuzengestalt. Dann der rätselhafte Brief und mit diesem Fund ist nichts mehr, wie es war. Selbst die wirren Geschichten meines leicht verrückten Opas ergeben plötzlich einen Sinn. Ich habe eine Schwester! Yosephine – verschwunden, genau wie all die Erinnerungen an sie. Damit findet die Kette von verworrenen und geheimnisvollen Hinweisen erst ihren Anfang. Zusammen mit meinem Opa und dem draufgängerischen, aber doch faszinierenden Ben mache ich mich auf die Suche nach Yosephine und den sagenumwobenen Schwarzen Engeln. Nur wie findet man einen Menschen, an den man keinerlei Erinnerung mehr hat? Und einen Ort, der nicht gefunden werden will?

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Beliebtheit




Phoenicrus

Mirjam H. Hüberli

Copyright © 2018 by

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Tanja Selder

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Illustrationen: Mirjam H. Hüberli

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-711-7

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Band 1

Prolog

1. Ein Vollpfosten auf Rollen

2. Held und Tragödie

3. Ein Umschlag und andere Katastrophen

4. Murphy, du elender Mistkerl

5. Eine Föhnfrisur und ein Fremder

6. Verrückt, verzweifelt, verloren

7. Mein Brief, mein Foto, meine Parkbank

8. Reisefieber

9. Bücher, Bücher, Bücher überall

10. Wahrhaftige Illusionen

11. Träumereien

12. Zufallsgeschichten

13. I got you Babe – oder doch nicht?

14. Herzensklänge

15. Neues Kapitel aufschlagen

16. Allein, allein …

Epilog

Band 2

Prolog

1. Hinter der Mauer

2. Gespenstischer Vladimir

3. Purpurlicht

4. Teuflische Anspielung

5. Tutamina und andere Probleme

6. Unverdrängbar

7. Diebische Elster

8. Zwischen Buchstaben und Gefühlen

9. Grenzenloses Nichts

10. Fremde Erinnerungen und ihre Nebenwirkungen

11. Treffpunkt: Kaugummi-Todesfall

12. Bitte spülen …?

13. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre …

14. Blutige Hände

15. Schattengestalt

16. Feuerschwingen

17. Tödliches Spiel

18. Schreckensbild

19. Hohler Schatten

20. Die Zeit drängt …

Epilog

Band 3

Prolog

1. Kribbeln unter der Haut

2. Verwirrt, verbohrt, verschollen

3. Wachgerüttelt im Rokoko

4. Ledersessel, Leseratte und allerlei verirrte Hormone

5. Frango oder nicht Frango, das ist hier die Frage

6. Die Macht des Schicksals eines anderen

7. Manipulative Schmerzen

8. Gleiches mit Gleichem vergelten

9. Grauenhafter Wiederhall

10. Tutaminas unter sich

11. Scharlachrote Tropfen

12. Manchmal, aber nur manchmal …

13. Männer und Versuchskaninchen unter sich

14. Erinnerungen liegen in der Luft

15. Zeitgefühl zwischen Zeitraffer und Zeitlupe

16. Ausklingen lassen

Epilog

Noch ein paar letzte Worte …

Danksagung

Über die Autorin

Bücher von Mirjam H. Hüberli

Für Erika.

Weil du mich gelehrt hast, dass zwischen Himmel und Erde mehr existiert, als wir mit bloßem Auge erkennen können. Wie unsichtbare Zwischenspiele, zwar zum Greifen nah, manchmal auch fühlbar, aber nicht fassbar.

Für Fredi.

Weil du mich bereits als kleines Mädchen in die fantastische Welt der Bücher entführt hast.

Band Eins

PHOENICRUS

Stadt der Verborgenen

ZARA

Prolog

Die Mondsichel steht hoch am Firmament, umspielt von Wind und Wolken. Ja, der Wind hat sich gedreht. Nun weht er kalt und verschwörerisch.

Deine Zeit wird kommen. Mit jedem Tag, der verstreicht, rückt das Ende meiner Suche näher. Schließlich lerne ich jede Nacht dazu und bin stärker als jemals zuvor. Bald bin ich bereit. Ich warte auf den richtigen Zeitpunkt. Den Tag der Abrechnung.

Doch ich fühle deinen Atemhauch.

Und spüre, dass er schwächer wird.

Gib nicht auf. Kämpfe!

So, wie ich für dich kämpfen werde.

Eins

Ein Vollpfosten auf Rollen

Bereits als ich aus dem Haus trete und den Morgenhimmel betrachte, trifft mich die Erkenntnis dieses jungen Tages: Wer auch immer den Satz Morgenstund hat Gold im Mund erfunden hat, ist ein echtes Arschgesicht und gehört geknebelt, gefesselt und gevierteilt!

Es regnet in Strömen.

Schon wieder.

»Öfter mal was Neues!«, schimpfe ich.

Zwar ist es nicht weit bis zur Schule, bloß ein paar Hundert Meter, die ich locker zu Fuß gehen kann, aber bei diesem Wetter ist selbst das zu viel. Ich stapfe durch Pfützen, renne den Gehweg entlang und schaue weder nach links noch nach rechts. Die Regentropfen klatschen mir ins Gesicht, und meine dunklen langen Haare kleben innerhalb weniger Sekunden an meinen Wangen fest. Damit sackt meine Stimmung endgültig unter den Gefrierpunkt.

Während ich noch dabei bin, diesen Tag so richtig zu verfluchen, bemerke ich, dass sich mir eine Gestalt in rasantem Tempo nähert. Ein Skateboard donnert auf mich zu. Als ich das erkenne, ist es längst zu spät.

Es geht alles blitzschnell.

»Hey, mach die Augen auf!«, rufe ich im letzten Augenblick und fuchtle wie wild mit den Armen, doch der Typ scheint mich weder zu sehen noch zu hören. Ich will ausweichen und mache einen großen Schritt zur Seite. Doch es nutzt alles nichts. Meine Schuhsohle rutscht über die glitschige Kante des Gehweges, ich stolpere und falle hin. In letzter Sekunde gelingt es mir, mich mit beiden Händen abzufangen. So rette ich wenigstens einen Teil meiner Klamotten, die sonst garantiert ein unfreiwilliges Vollbad genommen hätten. Allerdings bekommt die Schultasche die volle Ladung ab. Sie landet in einer Pfütze und bespritzt mein Shirt und meine Jacke mit miefendem Dreckwasser.

»Verdammt! Pass doch auf! Hast du keine Augen im Kopf! Wer skatet denn überhaupt bei Regen?«, brülle ich dem Kerl hinterher, während ich mich umständlich auf meine Knie aufraffe, um die Tasche hochzuheben. Auf den ersten Blick scheint mit dem Inhalt zumindest alles soweit okay zu sein. Gerade noch gutgegangen. Meine vor Nässe triefende Bioarbeit komplett abzuschreiben, darauf kann ich echt liebend gerne verzichten!

Der Regen verschluckt meine Silben. So hänge ich noch ein beherztes »Vollidiot!« an und realisiere im selben Moment den Schmerz an meinen Händen. Hoffentlich blute ich nicht! Sobald ich nur einen Tropfen Blut sehe, wird mir speiübel. Mit bangem Blick beginne ich meine Handflächen zu untersuchen und sehe ein ungesundes Rot. Kleine Kieselsteine haben sich millimetertief in die Haut gebohrt.

»Was für ein hirnloser Vollpfosten«, fluche ich noch einmal genervt, und noch während ich ganz vorsichtig die ersten Steinchen einzeln herauszupfe, streckt sich mir plötzlich eine Hand entgegen.

Ich blicke erschrocken auf und sehe dabei direkt in geheimnisvolle grüne Augen. Ein Funke der Belustigung tanzt in ihnen. Auf den Lippen meines Gegenübers zeichnet sich ein schelmisches Grinsen ab. Das Gesamtpaket gefällt mir. Warum muss es ausgerechnet zu dem Typen gehören, der mich eben über den Haufen gefahren hat? Ich schätze ihn auf siebzehn, vielleicht achtzehn. Dass er unverschämt gut aussieht, muss ich ja nicht noch extra erwähnen. In dem Moment, als er mir die Hand entgegenstreckt, fallen ihm ein paar Locken in die Stirn. Sie sind so schwarz wie seine dichten Augenwimpern und bilden einen faszinierenden Kontrast zu seinen markanten Wangenknochen.

Sein Mundwinkel verzieht sich noch ein kleines bisschen mehr und ein angedeutetes Grübchen ziert seine Wange. »Der Vollpfosten bittet um Entschuldigung.«

Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht schießt und wische verlegen darüber. Dann sehe ich, dass er mir immer noch versöhnlich die Hand hinhält, um mir auf die Beine zu helfen.

»Vergiss es, die Hand gebe ich dir nicht«, murmle ich.

Ist das Erstaunen in seinem Blick?

»Oh, ähm ... okay«, sagt er und zieht seine zurück. »Es war keine Absicht. Ehrlich.«

Offenbar hat er nicht kapiert, warum ich das gesagt habe.

»War nicht so gemeint«, beginne ich zu erklären und verhasple mich beim Reden. Mit mürrischem Blick rapple ich mich hoch. »Meine Hände schmerzen echt höllisch, und da brauche ich nicht noch jemanden, der sie zusätzlich zerquetscht.« Zum Beweis strecke ich ihm meine geröteten Handflächen unter seine Nase – die, wie ich finde, für sein kantiges Gesicht etwas zu groß geraten ist.

Er schaut gar nicht hin.

Ein kurzes, unbehagliches Schweigen folgt und seine Füße spielen unruhig mit dem Skateboard.

»Ich habe dich nicht gesehen.«

Na toll! Ich lasse ihn nicht weitersprechen. Er trifft einen wunden Punkt. Diese dämlichen, an den Haaren herbeigezogenen Entschuldigungen habe ich so was von satt!

Hab dich nicht gesehen ... Oh, du bist auch noch hier ... Hab dich vergessen ... Blablabla ...

So ein Szenario hab ich zur Genüge mit meinem Ex durchgespielt und deswegen reagiere ich bei dem Thema leicht über. Eigentlich habe ich gehofft, diese Sprüche genauso aus meiner Erinnerung streichen zu können wie die gemeinsame Zeit mit Nils. Das gestaltet sich allerdings schwieriger, als mir lieb ist. Aber so ist das nun mal, wenn man dieselbe Schule besucht wie der Ex und ihm somit zwangsläufig immer wieder über den Weg läuft.

»Wie nett«, presse ich hervor. Okay, fairerweise muss ich dem Typ zugutehalten, dass er nicht wissen konnte, wie allergisch ich auf solche Entschuldige-ich-bin-ein-wandelnder-Halbgott-Sprüche reagiere. Dennoch braucht er mir ja nicht noch extra dick unter die Nase zu reiben, wie unsichtbar ich für ihn bin. »Aber schon okay«, füge ich hastig hinzu, um ihn endlich loszuwerden - obwohl meine Hände anderer Meinung sind und lauthals protestieren, weil sie immer noch heftig schmerzen. Nichts ist okay!

»Na, dann.« Noch einmal grinst er, ganz so, als ob ich nichts weiter gesagt hätte. »Man sieht sich.«

Und mit diesen Worten verschwindet er auf seinen vier Rollen unter den Füßen.

»Lieber nicht«, murmle ich leise, auch wenn er mich bestimmt längst nicht mehr hören kann.

Kurz verharre ich, schaue ihm nach, wie er zwischen dem grauen Himmel und den Regentropfen verschwindet, dann stapfe ich weiter und biege um die Ecke. Bis zum Schultor sind es nur noch wenige Schritte.

»Das gibt bestimmt eine fette Erkältung«, brummle ich und steige die steinerne Treppe empor, die zum Schultor führt.

Was gäbe ich jetzt für trockene Klamotten!

Bevor ich die Schule betrete, höre ich, wie hinter meinem Rücken jemand meinen Namen ruft.

»Hey, Zara!«

Meine Lippen verformen sich zu einem Lächeln. Es ist meine Freundin Lila. Obwohl sie ziemlich klein ist, fällt sie durch ihren geschmacksverirrten Stil in Sachen Klamotten so aus dem Rahmen, dass keiner sie übersieht – wie heute, mit ihren ständig die Farbe wechselnden Haarsträhnen, dem grell-pink-orangen Lippenstift und dem neongrünen Shirt. Okay, manchmal driftet sie auch ins Extrem ab. Wenn sie die Toleranzschwelle der Geschmacksverirrung überschreitet, schaut sie viel eher aus wie eine Miniaturversion von Olivia Jones. Aber trotzdem ist Lila ein Mensch, ohne den ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen kann. Wenn es mir schlecht geht, brauche ich nur einen Anruf zu tätigen und keine Minute später steht sie vor meiner Haustür.

»Bei Hades! Was ist dir denn passiert?«, ruft sie entrüstet, während ihr Blick an meinem vor Dreck triefenden Oberteil hängenbleibt. Ihrem Ausruf der Bewunderung (oder wohl eher des Entsetzens?) ist unschwer zu entnehmen, dass sie ein totaler Fan der griechischen Mythologie ist.

»So charmant wie eh und je«, stichle ich und drücke sie kurz zur Begrüßung, besser gesagt ich versuche es, denn Lila hält einen gehörigen Sicherheitsabstand zwischen sich und meinem Dreckshirt. Oh, ich vergaß zu erwähnen, dass sie manchmal zu einer gehörigen Portion Oberflächlichkeit neigt. Aber wenn wir uns deswegen hin und wieder anzicken, vertragen wir uns meistens schon im nächsten Moment wieder. Das gehört bei uns einfach dazu.

»Nichts für Ungut, aber …«, entschuldigt sie sich mit einem schiefen Lächeln.

»Schon verstanden«, winke ich ab.

Sobald wir den Korridor betreten, beginne ich mich mühsam aus meiner Jacke zu schälen. Alles klebt auf meiner Haut und das klamme Nass hinterlässt bei jeder Bewegung eine unangenehme Kälte. Zudem sehe ich aus, als hätte ich ein Schlammbad hinter mir.

Gerade als ich davon ausgehe, dass dieser Donnerstagmorgen den Tiefpunkt bereits erreicht hat, bemerke ich einen total unheimlichen Typen im Schulkorridor. Ganz in Schwarz, fast so, als ob er bloß ein Schatten seiner selbst wäre. Irgendwie gruselt es mich bei dem Gedanken. Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt, aber mir ist sofort klar, dass er nicht hierher gehört. Es ist nicht, weil er zu alt aussieht, auch nicht wegen seines dunklen Erscheinungsbildes, doch da ist so ein Gefühl, ganz tief in mir drin. Er hat die Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass ich kaum was von seinem Gesicht erkennen kann. Nur seine dunklen Augen, schwärzer als die Nacht, blitzen bedrohlich unter dem Kapuzenrand hervor. (Es fehlt nur noch Pfeil und Bogen, und der Typ könnte mit Oliver Queen aus Arrow konkurrieren!)

»He, Lila«, flüstere ich in einer Zischelstimme und zerre sie ungestüm am Jackenärmel. Irgendwie ist mir plötzlich so schwindelig. Sicher eine lästige Nebenwirkung meines Beinahe-Sturzes oder des Fast-blutigen-Hände-Anblicks. Trotz des Schwindels bringe ich ein »Wer ist das?« hervor.

Doch Lila befindet sich in ihrem allseits bekannten Labermodus und registriert weder meine Frage noch mein Gezupfe, geschweige denn diesen Fremdkörper von Kerl.

Als ich erneut zu ihm rüberblicke, ist er verschwunden. Einfach weg. Vom Erdboden verschluckt.

Ich blinzle, reibe mir die Augen und für den Bruchteil einer Sekunde frage ich mich ernsthaft, ob er bloß meinem übernächtigten Hirn entsprungen ist? Denn ganz offensichtlich hat ihn keiner wahrgenommen. Mal wieder ein erbärmliches Zeichen dafür, dass ich immer und überall aus der Reihe tanze. Okay, okay, vielleicht habe ich ihn auch aus dem einfachen Grund als Einzige wahrgenommen, weil er genau neben meinem Spind aufgetaucht war.

»Also echt, Zara, deine Negativität verursacht bei mir Migräne«, sagt Lila gerade, aber ich höre nur mit halbem Ohr hin. Sie fängt wieder mit der alten Leier über meinen Ex Nils und seiner Geburtstagsfete an, bei der ich mich endgültig und für immer von ihm getrennt habe. Die Edelzicke Cilia hat dabei eine nicht ganz unbedeutende Nebenrolle gespielt. Ich vermute, dass zwischen den beiden etwas gelaufen ist, habe aber keinen Beweis dafür. Cilia ist bildhübsch, hat die Figur eines Topmodels, ist dementsprechend gekleidet, hat leider auch echt was im Köpfchen und geht bedauerlicherweise in meine Klasse! Aber was soll’s. Das alles gehört fortan zu meiner Vergangenheit, was Lila irgendwie immer noch nicht zu akzeptieren scheint. Ich stöhne innerlich laut auf, denn sie redet bereits seit geraumer Zeit auf mich ein.

»Ich schwör dir hoch und heilig, Nils hat im Rox nicht mit Cilia rumgemacht. Jetzt verurteil ihn doch nicht so.«

»Verurteilen? Ich habe doch keinen Ton dazu gesagt«, gehe ich in den Verteidigungsmodus über, während ich beinahe meine Tasche verliere, weil mir plötzlich wieder schummrig vor Augen wird.

»Schweigen ist manchmal ein stärkeres Argument als ein einziges Wort«, kontert Lila, und so wie sie mich anschaut (mit diesem leidgeplagten Ausdruck im Gesicht), wissen wir beide, dass sie damit ins Schwarze getroffen hat.

Ich blinzle noch einmal und fahre mir mit meinen Händen übers Gesicht. Mensch, es wird höchste Zeit, dass die Ferien beginnen.

»Schon gut«, murmle ich abwesend und muss mich mit einem Mal festhalten. Ich taumle mehr in Richtung meines Spinds, als dass ich aufrecht gehe. Ehrlich gesagt fühle ich mich beschissen.

Als ich endlich an dem Schrank ankomme, um mein Chemiebuch aus dem Stapel aus Notizen und zerfetzten Papieren herauszukramen, bin ich heilfroh, dass ich mich an der Spindtür festhalten kann.

Auch meine Sportsachen befinden sich noch in diesem Chaos, was bedeutet, dass ich zumindest ein trockenes Oberteil anziehen könnte. Wenn ich es denn finden würde. Verdammt, in dem Durcheinander (Chi-Fluss gleich null) würde ich nicht mal einen Elefanten wiederfinden. Meine Freunde nennen mich nicht umsonst: die wandelnde Chaosqueen.

»Mann Zara, echt jetzt, hörst du mir überhaupt zu?«, dringt Lilas Stimme zu mir durch und schon holt sie zu einer nächsten ausschweifenden Erklärung aus. »He, ihr seid das Traumpaar schlechthin! Wie kannst du das alles einfach so aufgeben? Und mal ehrlich, er hat nur vier Mal, okay vielleicht eher sechs Mal mit Cilia geredet und ihr dabei höchstens dreimal wirklich in die Augen geschaut. Das ist aber überhaupt nicht das Problem. Garantiert hätte er gar nicht mit ihr geredet, wenn du ihn nur einmal beachtet hättest.«

»Ach, Lila, du bist echt eine unverwüstliche Optimistin«, seufze ich. »Aber sieh es doch endlich ein: Es ist aus zwischen Nils und mir. Vorbei. Ende. Aus. Basta.«

»Nur noch eines …« Lila zieht mich am Arm zurück und baut sich direkt vor mir auf. »… dein Freund -«

Ich unterbreche sie sofort. »Sorry, aber ich hab echt keinen Bock auf einen Kerl, dessen Verständnis von Erfolg darin besteht, möglichst galant von einem Bett ins nächste zu hüpfen. Außerdem weiß der Geier, was er sich dabei alles für Seuchen einfängt.« Okay, das ist eine leichte Übertreibung, aber es soll Lila endlich die Augen für Nils wahren Charakter öffnen.

»Ihhh, bei Hades!« Lila klappt die Kinnlade runter. Nur kurz, dann rümpft sie angewidert die Nase, begleitet von einem empörten Augenverdrehen. »Ein verseuchter Nils? Danke, diese eklige Vorstellung werde ich bestimmt nie mehr los.«

Ich hingegen muss in diesem Moment die Augen schließen und meine Finger krallen sich in das Erstbeste, was ich zu fassen kriege. Unglücklicherweise erwischt es Lilas nackten Unterarm und als der Schwindelanfall endlich überstanden ist, seufze ich schwer.

»Autsch!«, knurrt sie mich mit finsterer Miene an. »Kannst du mir nicht auf eine dezentere Art mitteilen, dass ich die Klappe halten soll?«

Ich ignoriere erfolgreich ihre Worte, wie auch den nächsten Schwindelanfall. »Und weißt du was? Sein Atem riecht wie abgestandenes Blumenwasser, vermischt mit penetrant riechenden Pfefferminzbonbons.«

Lila verzieht das Gesicht. »Okay, deine Botschaft ist angekommen. Wie hässlich. Und das auf leeren Magen.« Ein langgezogener Seufzer untermauert ihren Unmut. »Was für ein Verlust, denn er ist einfach zum Niederknien heiß.«

Ich schüttle den Kopf und bemühe mich erst gar nicht zu überspielen, dass mir ihre typische Ausrutscher in die Oberflächlichkeit voll auf den Zeiger gehen. Schon geht es weiter – meine angeblich angekommene Botschaft scheint sich bereits wieder verflüchtigt zu haben.

»Zara, wenn du wüsstest, was für einen kläglichen Blick er draufhatte, als du ihn gestern nach der Schule einfach hast stehenlassen. Wie ein armes, verletztes Greifenbaby. Er konnte nicht mal etwas …«

Und da steht er plötzlich. Wieder. Ganz nah. Die Fata Morgana dieses Arrow-Typen.

Okay, genau genommen kann er nicht wirklich eine Einbildung sein, so viel steht fest. Keine Ahnung, wie er es angestellt hat, vorhin einfach so zu verschwinden. Hey, vielleicht ist er etwas Unmenschliches oder Überirdisches - oder weiß der Geier was sonst. Bei dem Gedanken stellen sich mir sämtliche Nackenhärchen. Auf jeden Fall besteht kein Zweifel, dass er jetzt wieder neben meinem Schließfach steht. Trotz der Distanz zwischen uns spüre ich, welche Autorität und Macht von ihm ausgeht, dazu den düsteren Blick aus rabenschwarzen Augen und die gewundene Tätowierung, die sich über seine Finger schlängelt. Alles an ihm schreit: G-e-f-a-h-r!

Warum, zur Hölle, steht er ausgerechnet neben meinem Schließfach? Echt großartig! Und als wenn das nicht schon reichen würde, schaut er mir nun auch noch direkt in die Augen und in dem Moment wird mir klar: Er hat es auf mich abgesehen. Fuck!

»Zara, was ist heute bloß mit dir los?«, nörgelt Lila neben mir. »Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

»Sei ruhig!«, zische ich Lila eindringlich an und zerre sie hektisch an den Schultern herum, in der Hoffnung, dass sie den Typen direkt neben mir endlich bemerkt. Ich selber gerate dabei ins Taumeln und pralle mit meinem Hinterkopf unsanft gegen die Spindtür. Mein Kopf fühlt sich an, als ob mein Hirn von einer überdimensionalen Pranke gepackt und gequetscht würde. Blendend helle Lichter tanzen vor meinem geistigen Auge. Und da sind Worte, leise, so leise, dass ich nicht sagen kann, von wem sie kommen.

Alles ist, wie es sein soll, Zara. Hinterfrage nicht …

Es sind nur wenige unkonzentrierte Sekunden, aber als ich die Augen wieder aufschlage, sind die Worte wie weggewischt. Nach und nach verlieren die Lichtflecke an Intensität und mir kommen die Sinne wieder. Über mir erscheint Lilas Gesicht (bleich wie Kreide!) und plötzlich erkenne ich die Köpfe vom Rest meiner Clique vor mir, von Isa und Chris, und augenblicklich fühle ich mich besser.

Noch völlig benommen spreche ich den ersten stupiden Gedanken aus, der mir durch den Brummschädel schießt. »Lila, mach den Mund zu, es zieht.«

Überraschenderweise gehorcht sie ohne Widerworte. Und Isa weiter hinten grinst, aber nur kurz, dann kauert sie sich zu mir hin. »Ist alles in Ordnung? Du siehst echt schrecklich aus. Was war denn nur los mit dir?«

»Keine Ahnung. Mir war plötzlich so schwindelig und dann …« Ich breche ab, blicke an meinen Freunden vorbei. »Wo ist er hin?«

»Von wem sprichst du? Und wie siehst du überhaupt aus?« Chris zieht seine Brauen so hoch, dass sie beinahe seinen Haaransatz berühren.

»Na der Typ, der neben meinem Schließfach gestanden und mich angestarrt hat.« Ich blicke von einem zum nächsten. Bei allen dasselbe: sorgenvolle Gesichter.

»Da war niemand, Zara«, wispert Isa.

Ich schüttle verwirrt den Kopf. Was ist nur mit mir los? Ich erinnere mich genau an die Begegnung mit dem Skateboard-Typen, an mein Schlamm-Bad und Lilas Moralpredigt wegen Nils. Und an diesen ganz in schwarz gekleideten Kapuzen-Kerl. Aber der ist wieder wie vom Erdboden verschluckt.

Warum sitze ich eigentlich auf dem Boden des Schulkorridors?

»Aber … da …«, stammle ich. Es ist, als ob mir eine innere Stimme etwas zuwispert, aber ich verstehe es einfach nicht. »Irgendetwas war noch …«

»Was denn?«, drängen Chris und Isa simultan.

»Dieser Kerl …«, ich zucke unspezifisch mit den Schultern, »… seltsam.«

»Wen meinst du denn?«, will Chris wissen. Mir entgehen die eigenartig dreinblickenden Gesichter nicht, ebenso wenig die Blicke, die die drei untereinander austauschen.

»Ich hab irgendetwas gehört … denke ich …«

»Du denkst?«

»Sie ist schon die ganze Zeit so merkwürdig«, wispert Lila Isa zu, ohne dabei die Lippen zu bewegen.

»Hallo? Ich bin noch da und ich besitze nach wie vor ein Gehör und ein Gehirn, das Worte verarbeiten kann«, kontere ich leicht genervt, weil sich mein Schädel anfühlt, als ob er von einer viel zu langen und glühenden Nadel durchbohrt würde.

Was für ein elender Scheißtag!

»Sorry«, murmelt Lila. »Ich mach mir nur Sorgen, das ist alles.«

Die mache ich mir allerdings langsam auch. Ich presse mir immer noch leicht zitternd die Hand auf den Hinterkopf und ein Stöhnen entweicht mir. Und da ist diese unbestimmte Ahnung, gerade etwas erlebt zu haben, das mir das Gefühl gibt, dass mir mein Leben entgleitet. Es ist verrückt, ich weiß, aber genauso fühlt es sich an. Und dieser Arrow-Kerl hat irgendwas damit zu tun. Nur was?

Mein Hirn hat allem Anschein nach auf Amnesie umgeschaltet. Im Eiltempo sammle ich meine Schultasche auf, die einen glänzenden Abdruck auf dem Boden hinterlässt.

Das ist doch alles echt toll, richtig großartig – Sarkasmus Ende.

Offensichtlich drücken bei mir allmählich die Erbanlagen meines Opas durch und ich verliere den Verstand. Und alles, was mir geblieben ist, sind mörderische Kopfschmerzen. Ob die mich wenigstens von der grässlichen Englischklausur erlösen?

Zwei

Held und Tragödie

Vermutlich ist Chemie das einzige Fach, bei dem ich mich komplett und völlig talentfrei durch die Klausuren mogeln muss.

Unsere Chemielehrerin Frau Malkan verteilt in diesem Augenblick die Unterlagen für ein spontanes Zwischenexperiment. Zuvor quälte sie uns mit einem ihrer berühmt-berüchtigten Vorträge über Laugen, Reagenzgläser und Erlenmeyerkolben, bei dem ich mich viel eher so gefühlt hab, als ob ich bereits den ganzen Tag und nicht erst seit bald einer Stunde hier sitzen würde.

»Was würde ich nur ohne dich tun?«, sage ich, lehne mich zu Chris hinüber und klimpere übertrieben aufreizend mit den Wimpern.

»Braucht da mal wieder jemand eine Portion meines absolut genialen Verstands?«, grinst er schelmisch und zwinkert mir nicht weniger aufreizend entgegen.

»Chris, irgendwann kriegst du einfach einen Button auf dem es in Großbuchstaben und Leuchtschrift draufsteht, damit es jeder weiß. Zudem kannst du dann immer und überall herumprahlen«, sage ich schließlich.

»Was steht da noch mal drauf?«

Ich stöhne, dann sage ich es sicher zum tausendsten Mal: »Mein Held.« Weil er mir so oft bei Chemie geholfen hat, verlangt er, dass ich ihn so nenne.

Chris lacht selbstgefällig und kassiert postwendend eine Verwarnung.

»Ruhe auf den hinteren Plätzen«, ermahnt uns Frau Malkan und tritt zurück ans Lehrerpult. »Sonst muss ich -«

Als sie gerade zu weiteren langweiligen Ausführungen ansetzt, was es für Konsequenzen mit sich bringt, wenn wir nicht aufmerksam dem Unterricht folgen (das ist immer der Punkt, an dem mein Hirn automatisch auf Standby schaltet), klopft es an die Tür. Ehe sie reagieren kann, streckt schon der Schulleiter Herr Grönefeld seinen roten Kopf mit Restflaumkränzchen unaufgefordert durch den Türspalt.

Langsam hebe ich meinen Blick.

Und da sehe ich ihn.

IHN!

Natürlich erkenne ich ihn sofort, obwohl ich mir nichts anmerken lasse. Es ist der Kerl, dem ich meine missratene Schlammpackung verdanke. Der Vollpfosten auf Rollen!

»Götter im Olymp, was für ein Kerl!«, höre ich Lila aufgeregt hauchen.

Während Herr Grönefeld wie ein Wasserfall plappert, hört der Typ ihm zu und nickt hin und wieder bestätigend. Er sieht sich noch nicht mal in der Klasse um. Wie er da steht, wirkt er äußerst selbstsicher, wenn nicht sogar überheblich. Und wie seine schwarzen Haare aussehen. Leicht verwuschelt, nicht etwa so, als würde er Stunden vor dem Spiegel mit Gel und Wachs verbringen, damit jede Locke in eine andere Richtung wippt. Nein, sie sehen aus, als würden sie ganz natürlich so fallen, doch genau das tun sie bestimmt nicht. Mit Sicherheit!

Herr Grönefeld beschließt offenbar, den Neuen seinem Schicksal zu überlassen, nachdem er ihn kurz als Ben-irgendein-Nachname vorgestellt hat. Daraufhin teilt Frau Malkan ihn ausgerechnet Cilia als Schützling zu. Und da erwische ich mich, wie ich sein Gesicht eindringlich mustere. Mann, der hat echt die schönsten grünen Augen, die ich je bei einem Typen gesehen habe.

»Ähm, Zara, lass mal«, sagt Chris und entzieht mir das Reagenzglas, das ich total verkrampft zwischen meinen Fingern halte. »Wir wollen doch niemanden umbringen.«

»Nein, heute ausnahmsweise mal nicht«, gebe ich trocken zurück.

Chris, sonst um keinen blöden Spruch verlegen, seufzt nur und ich ertappe ihn dabei, wie er zu Cilia hinüberschielt. Ohne es zu wollen wandert mein Blick zu ihrem neuen Tischnachbarn, der sofort völlig ins Experiment vertieft ist, konzentriert die Brauen zusammenzieht und dabei einfach umwerfend aussieht. Mit einem Mal, so als könne er spüren, dass ich ihn beobachte, hebt er seinen Blick und erstarrt mitten in der Bewegung. Ich kann es nicht mit Worten beschreiben, aber dieser Moment fühlt sich unglaublich an, als ob meinem Magen plötzlich Flügel gewachsen wären und ich mit ihm zu schweben beginne. Alles um mich herum gerät in Vergessenheit, zumindest für ein paar winzige Augenblicke – doch plötzlich bohren sich andere Augen in mein Gesichtsfeld.

»Muss deinHeld heute etwa alles alleine erledigen?«

»Tut mir leid. Ich war in Gedanken.« Bei ihm!, hänge ich für mich noch an und hoffe nur, dass Chris mir das nicht anmerkt. Hastig rede ich weiter. »Also, was lassen wir als nächstes explodieren?«, versuche ich völlig locker rüberzukommen, aber wenn ich nervös bin, schwafle ich meist nur wirres Zeugs. Ich fühle mich irgendwie immer noch atemlos, zwinge mich aber, mich auf den Kolben und das Reagenzglas zu konzentrieren und scheine mich tatsächlich wieder unter Kontrolle zu haben. Als ich gegen meinen Willen erneut einen heimlichen Blick hinüberwerfe, ist der Neue gerade dabei, sich mit den Fingern sein wirres Haar aus der Stirn zu streifen, dann lächelt er – doch es gilt nicht mir.

Im selben Moment, als ich in seinem Anblick zu versinken drohe, endet die Tragödie (mit dem Titel Chemiestunde und andere Katastrophen) mit der Pausenklingel. Nicht nur ich springe auf als säße ich auf heißen Kohlen, sondern die gesamte Klasse. Dadurch verliere ich Ben auch gleich wieder aus den Augen. Es ist keineswegs so, dass mich das stört, ganz im Gegenteil, ich bin heilfroh, wenn ich nichts weiter mit ihm zu tun habe. Ehrlich.

»Was starrst du denn für überirdische Löcher in die Luft?«, stichelt Isa, die sich mit mir in den Schulkorridor hinauszwängt. »Suchst du vielleicht irgendwas? Oder irgendwen?«

»Suchen?«, frage ich. Warum krächze ich wie ein uraltes Großmütterchen? Und warum glühen meine Wangen, als ob mich meine Freundin bei etwas Verbotenem ertappt hätte?

»Na, vielleicht einen gewissen Kerl?«

»Ähm … ich? Sicher nicht«, empöre ich mich. Erst beim zweiten Atemzug begreife ich, dass Isa nicht auf den Neuen, sondern den unheimlichen Typen von heute Morgen anspielt.

»Okaaaaay«, grinst sie und zieht dabei das Wort misstrauisch in die Länge.

Isa ist echt ne Wucht. Ich blicke in ihr hübsches Gesicht mit den meeresblauen Augen und der beneidenswert reinen Haut. Sie hat immer einen passenden Spruch auf Lager, ja, Schlagfertigkeit liegt ihr im Blut – auch wenn ihre Wortwahl manchmal ziemlich heftig ausfällt.

»Mädels, wartet auf mich«, dringt Chris Stimme zu uns hinüber, während er sich umständlich mit beiden Ellenbogen durch die Schülerschar zwängt, um uns einzuholen. Sein Gesicht glänzt, seine Wangen sind gerötet. Man sieht wieder mal deutlich, dass er viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringt, anstatt sich hin und wieder mal eine Jogginghose überzuziehen, um eine Runde an der frischen Luft zu laufen. »Ihr habt nicht zufälligerweise gerade von mir gesprochen?«

»Du musst dein Selbstvertrauen echt einem Gott gestohlen haben«, sage ich kopfschüttelnd.

»Hey, war ich nicht eben noch dein Held?«, grinst er schelmisch. »Gebt’s zu Mädels, ihr könnt nicht ohne mich leben.«

»Oh ja, wir lieben dich, Chris«, kontert Isa und setzt dabei ihr bezauberndstes Lächeln auf. »Wir sind dir mit Haut und Haaren verfallen ...«

»... himmeln dich an«, ergänze ich, »und träumen jede Nacht von dir.«

»Von wem träumen wir, diesem Halbgott von vorhin?« Lila ist endlich zu uns aufgerückt. Mit dem ganzen Schulkram in den Armen, der sogar ihren Kopf überragt, brauchte sie mal wieder doppelt so lange wie eine Normalsterbliche. Nun streckt sie ihren Kopf hinter dem Stapel hervor und wendet sich mir zu. »Übrigens, Zara, du siehst immer noch aus, als hättest du eine missratene Schlammmaske mit deinen Klamotten weggewischt, das wollte ich dir schon vorhin sagen. Warum eigentlich? Was ist passiert?«

Lilas wachsamen Augen entgeht auch gar nichts. Okay – DAS wäre selbst einem unterbelichteten Vorgartenzwerg nicht entgangen – ich stehe vor Dreck! Ich weiß nicht weshalb, aber ich verschweige ihnen die Ursache der Schlammpackung.

»Ihr wisst doch, was ich für ein Pechvogel sein kann, und heute war mein Start in den Tag echt besonders missglückt«, winke ich ab.

»Alles klar!«, erklingt es simultan, und zwar dreistimmig.

»Und in der Kombination mit dem weiblichen Mr. Bean-Gen ist das echt lebensgefährlich!«, stichelt Chris und kommt augenscheinlich nicht dagegen an, dass sich sein Mund zu einem ziemlich schelmisches Grinsen in die Breite zieht, als wäre er ein Breitmaulfrosch. Fast wirkt es herablassend. »Man müsste vielleicht mal recherchieren, ob du irgendwie mit dem Kerl verwandt bist.«

»Schon gut«, ersticke ich seine blühende Fantasie im Keim und schmeiße mein Chemiebuch in den Spind. Natürlich fliegt mir dabei wieder mein ganzes Hab und Gut entgegen.(Eigentlich nenne ich meinen Spind liebevoll meine kreative Ablage, aber gerade in diesem Moment kommt mir der Gedanke, ob es vielleicht nicht an der Zeit wäre, das ganze Chaos zu entrümpeln. Hmmm … Ach, Morgen ist auch noch ein Tag.) Während ich verzweifelt versuche, alles wieder zusammenzuraffen und halbwegs Ordnung in das Innenleben meines Schließfachs zu bringen, höre ich Lila schwärmen. »Bei Erato, da ist er wieder. Einfach göttlich.«

Obwohl ich bereits ahne, wem diese Begeisterung gilt, kann ich nicht anders, als mich langsam umzudrehen. Es ist wie ein innerer Zwang. Und tatsächlich - wieder dieser Ben. Wie ich gerade feststellen muss, bewegt er sich auch ohne seine vier Rollen ziemlich cool.

»Wie der stolziert«, meint Chris in diesem Augenblick, als ob er meine Gedanken erraten hätte. »So ein aufgeblasener Gockel.«

»Tja, entweder man hat’s oder man hat’s nicht«, sage ich schulterzuckend.

»Chris hat es nicht«, hängt Lila noch an.

»Und dieser Kerl hier, der hat’s«, ergänzt Isa.

Definitiv, denke ich.

Hallo?! Erde an Zara, Erde an Zara, bitte kommen!!!

Was sind denn das für abnorme Gedanken in meinen Hirnwindungen?!

»Meine Gebete wurden erhört«, sagt Lila noch einmal ehrfürchtig. »McDreamy in jung.«

Nicht nur Chris, sondern auch Isa hat Ben offenbar die Sprache verschlagen. Ich schweige ebenfalls. Aber nicht, weil ich sprachlos bin. Viel eher ärgert es mich tierisch, dass der Kerl ausgerechnet auf meine Schule gehen muss!

»Niemals! Er sieht Patrick Dempsey überhaupt nicht ähnlich. Schaut doch nur, seine Nase ist viel zu groß«, empört sich Chris. Offenbar hat er seine Sprache wiedergefunden, nur kümmert das keine von uns. »Okay, vielleicht die Haare, aber das ist auch schon alles.«

Der Typ schreitet gemütlich durch den Korridor, und obwohl er neu an dieser Schule ist, wirkt er keineswegs verloren oder überfordert. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, marschiert er in unsere Richtung. Unweigerlich fährt meine Hand über mein Shirt. Ich fühle die Dreckkrusten unter meinen Fingerspitzen und beginne hastig, sie mit dem Nagel abzukratzen, als plötzlich Lila völlig deplatziert etwas zischt.

»Oh, bei Aphrodite im Olymp!«

Wie bereits erwähnt, entgeht Lilas wachsamen Augen nichts.

Ich hebe meinen Kopf und dann verstehe ich.

Ob Zufall oder Schicksal sei dahingestellt, aber just in dem Moment steuern von der anderen Seite des Korridors ein paar Schüler quer über den Korridor Richtung Treppenabsatz - dem Treffpunkt der Coolen und Beliebten, zu denen natürlich Cilia Winter und ihre Bediensteten gehören. In diesem Moment ist Cilia nicht nur unübersehbar, sondern auch unüberwindbar. Sie stützt die Hände in die Hüften und baut sich mit einem liebreizenden Lächeln vor dem Neuen auf, ehe dieser an ihr vorbeigehen kann.

»Eine richtige Medusa«, stöhnt Lila entnervt. »Echt typisch, wie sie immer ihre gierigen Schlangenköpfe ausstreckt, um alle männlichen Wesen mit ihren unzähligen Augen zu hypnotisieren.«

»Aber eine bildhübsche Schlange«, wirft Chris mit verträumtem Gesichtsausdruck dazwischen und kassiert dafür drei Ellenbogen. »Bildhübsch, aber herzlos. Besser?«

»Besser«, antworten wir Mädels wie aus einem Mund.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Chris Cilia seit langem anschmachtet, was zu seinem Bedauern auf totaler Einseitigkeit beruht.

Ihr Stimmorgan funktioniert auch heute wieder äußerst prächtig und so kriegen wir zwangsläufig mit, wie Cilia den Neuen liebreizend darüber informiert, dass der Direktor sie gebeten hätte, ihn unter ihre Fittiche zu nehmen und ihm den Weg zum Lateinkurs zu zeigen.

»Habt ihr gehört? Er kommt in unsere Klasse«, klärt uns Lila überflüssigerweise kreischend auf.

»Alle hier Anwesenden haben es bereits in der Chemiestunde angenommen«, meint Isa schnell, bevor Lila in ihren üblichen Labermodus abschweifen kann, und unterdrückt ein Grinsen. Lila kann sich manchmal richtig in Rage reden. »Cilia geht ihm bestimmt gerne zur Hand. Nicht nur beim Einleben in der neuen Schule, wenn ihr versteht, was ich meine«, stichelt sie weiter, was begleitet wird von einer eindeutig zweideutigen Handbewegung.

In diesem Augenblick begibt sich das neue Opfer in die Fänge der giftigen Medusa, was ihm scheinbar ganz gut gefällt.

»Hey Leute, ist doch egal, wenn er mit diesen eingebildeten Schnepfen rumhängt«, sage ich ungeduldig und schmettere die Tür meines Schließfaches zu. »Da passt er sowieso ganz gut hin.«

Okay, okay. Sie haben ja Recht. Er scheint wirklich cool zu sein. Und sieht umwerfend aus. Ist aber immer noch ein Vollpfosten. Ein umwerfender Vollpfosten.

Und da passiert es – offenbar hat ihn das Schmettern meiner Spindtür aufhorchen lassen. Er schaut auf und mir direkt in die Augen. Fast unmerklich zucke ich zusammen. Er hat mich erkannt. Ich sehe es daran, wie er mich mustert. Belustigt. Grinsend. Arrogant – alles auf einmal.

Nicht nur mir fällt das auf, sondern auch Cilia. Beinahe kann ich sehen, wie kleine Schlangenköpfe mit Augen voller Eifersucht und Überheblichkeit aus ihrem Kopf aufsteigen. Zorn lodert in ihren Pupillen. Aber Cilia wäre nicht Cilia, wenn sie nicht alles daransetzen würde, damit Adonis ihr wieder seine volle Aufmerksamkeit schenkt.

»Was war denn das eben?«, will Lila von mir wissen, während ich beobachte, wie Cilia ihrer neusten Eroberung die Hand auf die Schulter legt und ihn zu sich zieht, damit er endlich wieder seinen Blick von mir löst.

»Was meinst du?«, frage ich und stelle mich ahnungslos.

»Na, dieser Blick. Und dieses«, sie gestikuliert wie wild vor meinem Gesicht herum, »Funkensprühen und so?«

»Unsere Chaosqueen weiß eben, wie man sich unauffällig in Szene setzt, Schätzchen«, kontert Chris an meiner Stelle und schlägt mir gut gelaunt auf die Schulter. »Euer neu erkorener McDreamy steht offenbar auf Dreckklamotten.«

»Halt die Klappe, Chris!«, stöhne ich und verpasse ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen – schon wieder. Dann verstummen wir alle gleichzeitig.

»Keine Panik«, posaunt Cilia laut herum, damit auch alle auf dem Korridor umherwandelnden Schüler sie hören. Und stellt den Blickwechsel zwischen mir und dem Neuen dann natürlich absichtlich falsch dar. »Solch dreckigen Abschaum gibt es zum Glück sonst kaum an unserer Schule. Dummerweise muss genau unsere Klasse mit dieser grässlichen Plage leben.«

Okay, das war eine eindeutige Kampfansage!

Alle um uns herum lachen. Und mit meinem Auftritt im Schlammshirt, was ich ausgerechnet ihm zu verdanken habe, habe ich natürlich die absolute Steilvorlage für Cilias Worte geboten. Ich beiße die Zähne zusammen und senke den Blick. Oh Mann! Für den Tarnumhang von Harry Potter würde ich glatt einen Mord begehen. Unsichtbar, für einige Sekunden. Als ich wieder aufschaue, bin ich leider immer noch hier, und zwar voll und ganz sichtbar.

»Ben«, sagt Cilia und lässt ihre Wimpern tanzen. »Ich beweis dir, dass unsere Schule wesentlich Besseres zu bieten hat als die da.«

Der Neue sagt kein Wort, aber seine Körperhaltung spricht Bände. Vertraut lehnt er sich zu Cilia, und die beiden stehen so nahe beieinander, dass kein Lüftchen mehr zwischen ihnen hindurchwehen könnte. Obwohl ich sein Gesicht nicht mehr sehen kann, ahne ich, dass sich ein Lächeln auf seinen Lippen abzeichnet.

»Ich hab genug für heute«, sage ich zerknirscht, während ich meine Tasche vom Boden klaube. Dann schreite ich wortlos an allen vorbei und nähere mich mit klopfendem Herzen dem Lateinklassenzimmer.

Hirnloser Vollpfosten trifft auf hohle Nuss. Perfekt!

Drei

Ein Umschlag und andere Katastrophen

Ich spüre die Wärme auf meiner Haut und die Sonnenstrahlen durch meine Augenlider, obwohl meine Augen geschlossen sind. Es ist ein Moment zwischen Wachen und Träumen und ich lasse mich treiben. In diesem sorglosen Augenblick.

Zeitlos.

Namenlos.

Unter der Bettdecke ist es kuschelig warm und ich stelle mir vor, wie die Frühlingssonne meine Fußsohlen kitzelt. Ein genüsslich fauler Zustand. Seit Langem keine schlechten Träume, die mir den Schlaf rauben. Kein Feuer, keine Schreie, keine Schatten.

Zufrieden drehe ich mich auf die andere Seite und döse weiter.

Von weit her höre ich gedämpftes Dröhnen. Irgendwelche Geräusche, die da nicht hingehören. Und ein Rabe krächzt. Krächzt immer lauter.

Ich stutze, blinzle, reibe mir die Müdigkeit aus den Augen, während ich konzentriert in die Stille hineinhorche. Moment mal, das ist kein Rabe, das ist -

»Shit!«

Schlagartig bin ich hellwach und meine flache Hand klatscht auf den krächzenden Radiowecker.

»Shit! Shit! Shit!«

Das darf doch nicht wahr sein, ich hab tatsächlich verpennt! So ein verdammter Mist! Erst letzte Woche kam ich zu spät in die Schule, weil Opa wieder einen seiner Anfälle hatte. (Wir nennen seine Verwirrtheit scherzhaft Aufmerksamkeits-Entzugs-Syndrom, aber eigentlich ist es alles andere als lustig. Er wäre viel eher reif für die Psychiatrie. Zumindest fürs Altersheim, nach Ansicht meiner Eltern.)

Papa ist wahrscheinlich schon auf der Arbeit. Oder immer noch. Er arbeitet im Tierrettungsdienst, wo er sich um verletzte Tiere aller Artkümmert. Doch seit geraumer Zeit hat er sich auf die Rettung von Labortieren spezialisiert. Was da alles abgeht, ist echt mehr als grausig. Neulich haben sie sogar ein Labor auffliegen lassen, welches auf Tierversuche verzichtete, dafür die Tests direkt an menschlichen Versuchskaninchen durchführte. (Gut für die Tiere, aber es ist trotzdem mehr als abartig!) Und ständig muss er zum Noteinsatz, weswegen er kaum noch zu Hause ist.

Mama schläft anscheinend auch immer noch tief und fest, ansonsten hätte mich der morgendliche Kaffeeduft längst geweckt. Seit einer Weile arbeitet sie selbstständig als Yogalehrerin und da kommt es schon mal vor, dass sie morgens ausgiebig ausschlafen kann, weil noch keine Termine auf dem Plan stehen.

Ächzend schleppe ich meine übernächtigten Knochen aus dem Bett, stolpere ins Bad und erledige alles im Eiltempo.

Klo. Duschen. Anziehen.

Mitten im Zähneputzen fällt mir etwas ein.

»Mist!«

Es klingt viel eher nach Mischd und der ganze Zahnpastaschaum, der sich eben noch in meinem Mund befand, verteilt sich jetzt großzügig über dem Spiegelschrank.

Ich wische mir notdürftig über den Mund, dann über den Spiegel, und hechte ins Arbeitszimmer meiner Mama.

»Ein Buch, ich brauche dringend ein Buch für den Literaturkurs von Perückenschaf.«

Ähm, also eigentlich heißt unser Lehrer Herr Tunker. Aber seit ihm letztes Jahr ein kleiner Versprecher unterlaufen ist, bei dem er aus Perückenhaar dummerweise Perückenschaf machte, klebt der haarige Schaf-Name nun an ihm wie eine zweite Haut.

Letzte Chance, Zara!, meinte er schon vergangene Woche mit theatralisch erhobenem Zeigefinger und seine Augenbrauen zuckten dabei heftig. Alarmstufe explosivrot, nennt Chris das scherzhaft. Und leider hat er damit absolut Recht. Auch wenn Perückenschaf sehr witzig aussieht, wenn er mit seinem Wurstfinger herumwedelt und dabei die Brauenbüschel in seinem Gesicht hüpfen lässt. Aber ich kann mir echt nicht noch eine Verwarnung einhandeln, sonst riskiere ich einen mehr als schlechten Notendurchschnitt. Also durchforste ich in Windeseile die Buchtitel in Mamas Regal.

»Ein Klassiker«, erinnere ich mich. »Ich brauche einen vorsintflutlichen und ätzend langweiligen Klassiker.«

Goethe, Schiller, Kafka … Oh, Mann! Die bringen eh schon andere mit.

Plötzlich klingelt das Telefon im Flur.

»Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit!«, informiere ich überflüssigerweise den Apparat und wusle mich stattdessen durch die Bücher.

Piep … der Anrufbeantworter ist angesprungen.

»Halli hallo, hier ist Opa!«, höre ich die markant tiefe Stimme. Unweigerlich muss ich schmunzeln. Immer wenn wir mehrere Tage nicht zu Besuch waren, ruft er bei uns an. Wer kann es ihm verübeln? Seit Oma vor etwas mehr als einem Jahr gestorben ist, fühlt er sich ziemlich einsam. Doch das ist nicht alles. Leider. Mit jedem Tag, der vergeht, benimmt er sich eigenartiger. Anfangs hofften wir alle, es sei nur seine ganz eigene Art zu trauern, aber mittlerweile …? Ich seufze. Meine Eltern diskutieren seit geraumer Zeit, ob er vielleicht nicht besser in einem Seniorenheim aufgehoben wäre. Ehrlich gesagt habe ich kein gutes Gefühl dabei. Opa liebt sein altes Haus, seinen Garten und vor allem seine kleine Tüftlerwerkstatt. Er ist fit wie eh und je, nur sein Verstand scheint nicht mehr so gut zu funktionieren.

»Na, bei euch alles gut? Sagt mal, es ist nicht zufälligerweise vorhin einer von euch vor meinem Haus herumgeschlichen?«

Ich halte in meiner Suche kurz inne und schüttle betrübt den Kopf. Der alte Verfolgungswahn.

Seit er alleine lebt, ist er total verwirrt. Ob seine Verwirrtheit davon kommt, dass er alleine leben muss und überfordert ist oder ob er eher an Altersdemenz leidet, ist noch unklar. Ständig sucht er irgendwas und plappert wirres Zeug. Er behauptet immer wieder, dass Menschen aus seinem Leben spurlos verschwinden und böse Leute ihn observieren.

»Und Kleines, bist du noch Zuhause?«, fragt er den Anrufbeantworter.

»Ja, bin ich«, murmle ich, aber ich ahne, dass er nicht wissen will, ob ich schon in der Schule bin. Er spielt auf etwas anderes an. Seinen Traum – seinen wiederkehrenden Albtraum, um genau zu sein. Er hat Angst, dass ich entführt wurde. Ich versuche mich auf meine Suche zu konzentrieren und mein Blick tastet die Buchrücken ab. Leider komme ich partout nicht dahinter, nach welchem System Mama ihre Bücher eingeordnet hat – vermutlich nach gar keinem. Viel eher ist sie für Feng-Shui und den richtigen Chi-Fluss zu begeistern als für das Alphabet. So bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als ein Buchrücken nach dem anderen zu prüfen - Echt großartig, Mama!

»Kind, ich hab es wieder geträumt! Sie haben dich geholt! Bei Nacht und Nebel. Gib doch bitte mal ein kurzes Lebenszeichen. Du weißt ja, wo du mich findest …«

Alles klar! Das war das Codewort für: Komm vorbei!

»Mach ich, Opa«, verspreche ich ihm, auch wenn er mich nicht hören kann.

Mir bleibt ohnehin keine Zeit. Nicht jetzt. Selbst meine Hände sind schweißnass, weil ich so unter Zeitdruck stehe.

Dann endlich bleibt mein Augenmerk an einem Titel hängen. Ein Buch, das ziemlich alt und verstaubt aussieht. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und schnuppere am Einband, der bereits feine Brüche hat. Er riecht sogar leicht muffig – genau das, was ich brauche.

Emma.

Es ist von Jane Austen – definitiv ein Klassiker.

Kurzerhand schnappe ich mir den Wälzer. Als ich das Buch aus dem Regal ziehe, steigt eine dicke Staubwolke empor. Ich huste und wedle mir Luft zu, während sich die feinen Staubkörner flirrend im ganzen Zimmer verteilen. Emma ist offenbar schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr bewegt worden. Ich lasse die Seiten zwischen meinen Fingern springen und nehme vage die Zahl fünfhundertneunundfünfzig wahr, als plötzlich etwas Helles zu Boden segelt.

»Was ist das denn?«, murmle ich, während ich in die Knie gehe und das Papier betrachte. Es ist ein Briefumschlag. Die Kanten sind gelb verfärbt, leicht geknickt und fleckig. Neugierig wende ich das Kuvert in der Hand hin und her.

Keine Anschrift. Kein Absender.

»Merkwürdig.«

Doch die unversiegelte Umschlagklappe lacht mich auffordernd an. Wirklich! Na ja, es kommt, wie es kommen muss. Die Neugier in mir siegt – wie immer.

Mit leicht zittrigen Fingern ziehe ich einen Brief aus der Hülle und entfalte ihn vorsichtig. Als ich die erste Zeile überfliege, bin ich verwirrt. Der oder die geheimnisvolle Unbekannte richtet das Wort direkt an meine Eltern.

Liebe Anna, lieber Zenno,

Sämtliche Spuren sind verwischt.

Versunken in der Welt des Vergessens.

Des Weiteren habe ich dafür gesorgt, dass mich keiner hat kommen sehen, und dass keiner uns wird sehen, wenn wir abreisen.

Ich habe mein Versprechen gehalten: Ihr Name existiert nicht mehr. Weder hier noch bei den Ämtern.

Sobald wir in Sicherheit sind, werdet auch Ihr vergessen, genau wie Euer Kind. Ich weiß, es ist ein unsagbar schwerer Schritt, doch ich garantiere Euch, es ist der einzig richtige.

Wie abgemacht seid ihr verpflichtet, diese Zeilen nach Erhalt zu verbrennen. Denkt dran – es dient Eurer eigenen Sicherheit.

Ich wünsche Euch nur das Beste.

In tiefer Verbundenheit,

M. V.

Für einen Wimpernschlag vergesse ich die Zeit, und dass ich eigentlich schon mit halbem Fuß in der ersten Stunde sitzen und mich von Herr Böckles mathematischen Weisheiten berieseln lassen sollte. Opas Worte hallen in meinem Kopf nach, vermischen sich mit den Briefzeilen von M. V.

Vergessen. Verschwunden. Geholt. In Sicherheit.

Mein Atem beschleunigt sich schlagartig. Ich spüre die Bewegung meines Kopfes, obwohl ich gar nicht den Kopf schütteln will, aber ich kann es nicht abschalten. Was soll das bedeuten? Ich verstehe nichts. Liegt hier wirklich ein leises Geheimnis in meinen Händen? Noch ist es weniger als eine Ahnung, weniger als eine vage Vermutung, und dennoch ist es spürbar. Auf einmal ist da ein kaum hörbares Wispern tief in mir drin, dass ich hier etwas Wichtiges entdeckt habe. Etwas, das ich niemals hätte finden dürfen. Ich kann nicht erklären, weshalb ich mir da so sicher bin, aber ich weiß es. Ich weiß es ganz einfach.

Ein erregtes Kribbeln nimmt Besitz von mir. Ich liebe Geheimnisse – je verworrener, desto besser.

Wer ist dieser M. V.? Und was ist an diesem Brief so gefährlich? Offenbar so gefährlich, dass meine Eltern ihn nach Erhalt verbrennen sollten? Wieso taten sie es nicht? Eine andere Frage beschäftigt mich noch viel mehr: Wessen Name existiert nicht mehr? Arbeitet dieser M. V. vielleicht fürs Zeugenschutzprogramm? Hey, vielleicht heiße ich gar nicht Zara, sondern Astrid oder Eva. Ich lächle, während mein Blick abermals über die Zeilen huscht. Einerseits neugierig, aber zu einem nicht zu verachtenden Teil verwirrt.

Es ist sinnlos. Ich finde keine Antwort.

Einen Moment lang betrachte ich das Papier näher. Es liegt schwer in der Hand, schwerer als übliches Briefpapier. Zudem fühlt es sich rau an und bei genauerer Betrachtung ist eine leichte Struktur darin zu erkennen. Ich schnuppere an dem Blatt. Jetzt bin ich echt überrascht. Es riecht nach Öl.

»Merkwürdig«, murmle ich bereits das zweite Mal innerhalb weniger Minuten, als mein Blick unverhofft an etwas rechteckigem haften bleibt, das noch immer im Umschlag steckt. Vorsichtig ziehe ich es heraus und erstarre.

Es ist ein abgewetztes Foto von zwei Mädchen. Ich strecke meine Finger aus und berühre das Bild, gleichzeitig läuft mir ein Schauer über den Rücken, denn eines der beiden Mädchen bin ich. Als meine Hand über das Gesicht des fremden Mädchens streift, bemerke ich, wie sehr meine Finger zittern. Was hat das zu bedeuten?

Okay, okay, es ist ja nicht so, dass ich mich noch nie auf einem Bild betrachtet habe, aber das hier ist etwas anderes. Wer ist dieses Mädchen? Sie sieht aus wie eine kindliche Ausführung meiner Oma. Rotblondes Haar, feine Gesichtszüge und eine milchige Haut.

Ich versteh das nicht …

Ich komme nicht gegen den Schwall von Übelkeit an, der meinem Mageninhalt auf einmal befiehlt, immer weiter emporzuklettern. Hinter meiner Stirn vermischt sich das Bild mit den Briefzeilen und pocht wie Hammerschläge. In der Verbindung mit diesem fremden und doch furchtbar vertrauten Mädchen ist mir das Ganze unheimlich, und in mein Bewusstsein schleicht sich die Vermutung, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt …

Überhaupt, die ganze Situation ist gruselig. Wäre es sinnvoll, meiner Mutter von diesem Umschlag zu erzählen? Sie muss ihn ja kennen - schließlich ist er an sie adressiert und lag in einem ihrer Bücher.

Mein Schädel brummt vor lauter Fragen und Stress. Eine ungesunde Mischung. Das reinste Chaos herrscht in meinem Kopf. Ich habe grad null Durchblick!

Was gäbe ich jetzt darum, Lila hier zu haben. Obwohl sie manchmal definitiv zu viel redet und ihre Vorliebe für die griechische Mythologie schon fast krankhafte Züge annimmt, so besitzt sie dennoch die Gabe, alles mit ihrem schlauen Köpfchen bis ins kleinste Detail analysieren zu können. Und genau das brauche ich jetzt - ihren messerscharfen Verstand!

Eines ist somit klar: Der Umschlag muss mit in die Schule! Meine Freunde wissen bestimmt, was zu tun ist. Ich hab zwar nicht allzu viele Freunde, dafür ergeben sie eine verdammt bunte Mischung. Bei dem Gedanken muss ich lächeln. Aber mein Mund erstarrt augenblicklich.

Ich höre, wie ein Türgriff runtergedrückt wird.

»Zara?«, ruft meine Mutter in derselben Sekunde. Zum Glück ist sie in den ersten Minuten ihrer Aufwachphase nicht wirklich das, was man unter brauchbar versteht.

Mein Blick fällt auf die Uhr.

Mist! Mist! Mist! Was trödle ich hier eigentlich noch rum?!

Schlurfende Schritte. Sie werden lauter.

»Bist du etwa immer noch da?«

»Nein, Mama, das bin nicht ich, das ist nur eine Astralprojektion.«

»Hm, das ist gut …«

Was hab ich gesagt – nicht wirklich brauchbar.

»Ist heute keine Schule?«, fragt sie und kommt schlurfend näher.

Es ist keine logische, keine durchdachte, sondern völlig irrationale Entscheidung: Rasch verstecke ich den Umschlag in meiner Schultasche.

»Doch, aber ich hab verschlafen«, stöhne ich und betrachte Mamas Sturmfrisur von hinten, weil sie bereits auf dem Weg in die Küche ist. Ihre blonden Haarsträhnen haben den leichten Anschein eines Vogelnestes.

»Soll ich dir noch einen Kaffee kochen?«, fragt sie murmelnd, aber gerade so laut, dass ich sie verstehen kann, und betätigt den Knopf der Kaffeemaschine.

Ich schüttle den Kopf. »Keine Zeit, ich sollte längst dort sein.«

Argh! Ich. Muss. Echt. Loooos!

Hektik. Mein Hirn funktioniert einfach nicht unter Stress, da stellt es instinktiv auf Durchzug.

Mama murmelt noch irgendwas Unverständliches, aber ich schaue sie nicht an, während ich mir hastig die Jacke überziehe und die Umhängetasche schultere. Die Gefahr, dass ich mich wegen des Briefes verplappere, ist zu groß.

»Ich geh jetzt«, rufe ich und spurte los. »Tschüssi!«

»Mach’s gut, Hasi«, höre ich noch mit einem Ohr, schon fällt die Tür hinter mir krachend ins Schloss und ich stöhne laut auf.

Wo war ich stehengeblieben?

Mann, Zara, konzentrier dich, wenigstens für zwei Sekunden!

Ach ja, bei Hirn und Durchzug.

Also gut, Schultasche: Check.

Emma: Check.

Handy: Check. (OMG, zehn Nachrichten von Isa, je drei von Chris und Lila!!! Und eine, bei der sich mein Herz kurz zusammenzieht: Nils!)

Dubioser Umschlag: Check.

Keine Minute später flitze ich mit hastigen Schritten durch den Schulkorridor, um mein Mathebuch aus dem Spind zu kramen. Es überrascht mich nicht, dass ich kaum jemanden antreffe, denn die Stunde hat längst begonnen.

Mit klammen Fingern zerre ich das Schließfach auf. Irgendwo da drin muss das verflixte Buch - eigentlich eher verhasste Buch! - doch liegen. Jetzt ärgere ich mich, dass ich meine kreative Ablage gestern nicht entrümpelt habe. Chaosqueen lässt grüßen! Endlich erhasche ich zwischen einem alten Kaffeepappbecher (wie kommt der denn hier rein?) und einigen losen Blättern die Ecke des Buches. Schnell zerre ich es raus und schmettere die Tür zu.

Besser gesagt: Ich versuche sie zuzukriegen.

Sie klemmt.

Ausgerechnet JETZT. Timing ist alles – haha!

Natürlich ist es mir nicht egal, dass ich schon wieder zu spät komme, eigentlich ist es mir sogar richtig peinlich! Dafür ist es mir scheißegal, dass ich grade jetzt einen Höllenlärm fabriziere, indem ich die Tür immer wieder zuknalle. Schließlich werfe ich mich dagegen, aber das dumme Ding rastet einfach nicht ein.

Dann plötzlich: BAM!

Ich zucke zusammen, wirble herum und erkenne das breite Grinsen von Chris. Seine Faust verharrt auf meiner Spindtür.

»Himmel! Ich bin vor Schreck fast gestorben.«

»Stets zu Diensten, Chaosqueen«, grinst er.

Vermutlich ist er der einzige Schüler, der auf der Top-Ten-Liste im Zuspätkommen über mir steht. Im Eiltempo sammle ich Mathebuch und Schultasche auf und laufe gemeinsam mit Chris in hastigen Schritten den Korridor hinunter.

»Was würde ich nur ohne dich tun?«, sage ich übertrieben schmachtend, während wir gemeinsam den Klassenraum betreten.

»Na, wen haben wir denn da?«, fragt Herr Böckle, als ich, mich hinter Chris versteckend, zum Tisch flitzen möchte. »Zara und Chris, was für ein seltener Anblick! Soll ich raten? Oma ist zum dritten Mal gestorben, was?«, meint er trocken. Die Frage ist an Chris gerichtet.

»Nein, heute nicht«, grinst er unverfroren. »Ich musste lediglich einer wehrlosen Mitschülerin mit meiner Muskelkraft heldenhaft zur Seite stehen«, antwortet er, als wäre es das Normalste auf der Welt und zwinkert mir verschwörerisch zu. Dass er das Wort heldenhaft ganz besonders stark betont, entgeht mir keineswegs.

»Chris, bei dir ist echt Hopfen und Malz verloren.« Herr Böckle schüttelt den Kopf und tritt einen Schritt näher. »Und du?« Jetzt gilt die Aufmerksamkeit mir. Seine Adleraugen bohren sich in mein Gehirn und scannen es durch. »Eigentlich brauchst du keine drei Schritte bis zur Schule. Wie kommt es, dass du es dennoch schaffst, in regelmäßigen Abständen zu spät zum Matheunterricht zu erscheinen?«

Ich erwidere stumm seinen bohrenden Adleraugenblick.

»Da drängt sich mir der Verdacht allmählich auf, dass es an mir und meinem Unterricht liegt, was dich dazu ermuntert, oder wie siehst du das?«

Ich unterdrücke erfolgreich den Impuls, die Augen zu verdrehen, weil er mir diese Frage sicher zum tausendsten Mal stellt und es ist wohl keinem klarer als mir selber, dass mein Verschlafen keine Seltenheit ist. Viel eher könnte man es als lästige Angewohnheit bezeichnen. Und ja, komischerweise passiert es mir tatsächlich meistens, wenn Mathe auf dem Stundenplan steht.

»Vermutlich liegt es eher am Wochentag. Kurz vor dem Wochenende oder so …«, versuche ich mich aus der misslichen Lage rauszureden.

»Brauchst du vielleicht einen lauteren Wecker?«

Wenn er wüsste. Damit entlockt er mir ungewollt ein Grinsen, weil ich dabei an meinen rabenkrächzenden Wecker denken muss. »Das wäre keine schlechte Idee«, stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, um das Lachen, das mir bereits auf der Zunge liegt, zu unterdrücken.

»Geht an euren Platz«, sagt Herr Böckle und deutet mit dem Arm zu den Tischen, »die Unterbrechung war lange genug. Dann schlagt eure Bücher auf Seite sechsundachtzig auf.«

Ohne ein weiteres Wort eile ich an meinen Platz, winke kurz Lila und Isa zu und erstarre im selben Moment für einen Herzschlag, als ich neben Cilia den schwarzen Wuschelkopf entdecke. Den Neuen hatte ich komplett vergessen! Kein Wunder: Gestern hatte er sich den restlichen Tag nicht mehr blicken lassen. Ich zwinge mich, das Buch aufzuschlagen und meinen Blick darauf zu lenken. Chris nimmt die Sache deutlich gemütlicher in Angriff. Während ich Heft und Stifte auspacke, kramt er im Vorbeigehen nach irgendetwas in seiner Tasche und macht es sich eine Reihe hinter mir bequem.

Und Herr Böckle? Der labert und labert. Es fällt mir so schwer seinen Worten zu folgen, die Augen offenzuhalten und zudem noch zu kapieren, was er uns da eigentlich vermittelt. Logarithmen. Wer zur Hölle braucht die?

Gerade als ich mir nichts Sehnlicheres wünsche, als wieder zurück in mein Bett unter meine kuschelige Decke zu kriechen, fliegt plötzlich ein zusammengeknülltes Papierknäuel auf mein Mathebuch.

Ich kann nicht verhindern, dass sich meine Mundwinkel verräterisch nach oben ziehen, während ich das Knäuel vorsichtig in die Hand nehme. Ich weiß, was das ist. Der Wochenendplaner. Meine Rettung! Pünktlich wie eh und je. So leise wie möglich streiche ich das Knäuel glatt.

Rox Pub, Kino oder Disco?

Weitere Vorschläge werden nicht akzeptiert!!!

Chris

Ich linse zu meinen Freundinnen rüber. Isa grinst und Lila deutet mir an, den Zettel weiterzulesen.

Unten auf der Liste haben die Mädels bereits ihren Senf dazu abgegeben. Natürlich ignorieren sie beide Chris Vorschläge – wie immer. So wie ich jetzt auch.

Allesamt einer Meinung: DVD-Abend bei Lila ;)

In einem unachtsamen Augenblick seitens Herrn Böckle fliegt der Zettel zurück zu Chris, und nur eine Sekunde später findet die Mathestunde endlich ein Ende.

»Na, warum hast du diesmal verschlafen? Schon wieder schlecht geträumt?«, will Isa von mir wissen, während ich meinen ganzen Kram achtlos zusammenpacke und in die Tasche schmeiße. Sie hakt sich bei mir unter und so schlängeln wir uns gemeinsam zu den Schließfächern hindurch.

»Wie kommst du bloß darauf?«

»Vielleicht wegen etwas, das allgemeingültig als Augenringe bekannt ist«, antwortet sie und verzieht ihren Mund zu einer Schnute, als ob es ihr wehtue, das sagen zu müssen. »Aber nur ein klitzekleines bisschen«, hängt sie noch an und ich lächle dankbar. Isa hat so ein gutes Herz, darin hat die ganze Welt Platz.

»Hey, was haltet ihr denn vom Wochenendplaner?«, unterbricht uns Chris, der sich wieder umständlich mit beiden Ellenbogen durch die Schülerschar zwängt, um uns einzuholen. »Ihr wisst, Gegenvorschläge werden nicht akzeptiert«, ermahnt er uns selbstzufrieden.

»Hast du dir vielleicht mal überlegt, dass deine immer wiederkehrenden Vorschläge uns so langsam auf die nicht vorhandenen Eier gehen?«, gibt Isa zurück.

Er zuckt unbeeindruckt die Achseln. »Hm, Ansichtssache. Bei Kino stimme ich dir zu, da läuft dieses Wochenende nämlich echt nur Liebesgesülze. Aber wir können uns auch alle im Rox treffen und dort mit dem Rest der Klasse abhängen?«

»Iiih!«, rufen Isa und ich gleichzeitig.

»Was kreischt ihr denn so rum?«, fragt Lila, die sich zwischen zwei Jungs hindurchdrängelt. »Übrigens, Zara, da hinten wartet jemand auf dich.«

So wie ihre eine Braue verräterisch zuckt, ist mir sofort klar, von wem sie spricht. Nur ist mein Nils-Konsum-Interesse noch immer übersättigt.

»Danke, kein Bedarf«, antworte ich knapp. Viel lieber will ich ihnen endlich von dem Umschlag erzählen. »Hört mal, ich muss euch unbedingt etwas erzählen. Heute Morgen ist mir was echt Eigenartiges passiert«, beginne ich und schmeiße mein Mathebuch zurück in den Spind. Natürlich fliegt mir schon wieder mehr als die Hälfte entgegen und ich verfluche meinen chaotischen Kreativgeist. Noch während ich höchst ungeschickt alles auffange, höre ich plötzlich dicht hinter mir die tiefe Stimme, die mich zusammenfahren lässt.

»Können wir reden?«

Ich werfe einen vorsichtigen Blick über die Schulter.

Nils. Er hat sich mir unbemerkt genähert. Mit seinem kastanienbraunen Haar und den ebenso braunen Augen sieht er einfach hinreißend aus, wie immer – okay, davon lass ich mich nicht ablenken. Nicht mehr.

Glotz ihn nicht so an, Zara, sag etwas!

»Ich, äh …«, stammle ich nicht gerade vor Selbstsicherheit strotzend und wende mich schnell wieder meinem Spind zu. »Nicht jetzt, okay?«, erwidere ich schließlich, ohne mich ganz umzudrehen und bin heilfroh, dass ich überhaupt einen Ton rauskriege.

»Es ist aber wichtig«, sagt Nils vor allen anderen und seine Stimme schwankt ein wenig. Sie schwankt noch mehr, als er weiterspricht. »Du bist mir wichtig.«

Kurz zuckt mein Herz und meine Augen beginnen verräterisch zu brennen. Wow, ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Dafür begreife ich in diesem Moment, dass meine Behauptung, nichts mehr für ihn zu empfinden, eine himmelschreiende Lüge ist. Gefühle lassen sich nicht ausknipsen wie eine Nachttischlampe. Und trotzdem. Es ändert nichts. All die Monate war ich ihm wichtig, aber eben nie wichtig genug …

Jetzt spüre ich seine Hand auf meiner Schulter, fühle, wie sie leicht zudrückt. Er will, dass ich mich zu ihm umdrehe, doch ich lasse es nicht zu. In einer resignierenden Geste senke ich meinen Kopf, presse die Augenlider zusammen und kämpfe gegen den Schwall von Emotionen, der durch mein Inneres wirbelt. »Ich muss zum Unterricht.«

»Zara, bitte«, fleht er mich an, »das mit Cilia hatte nichts zu bedeuten.«

Endlich drehe ich mich um und schaue ihn an, versuche in seinen Augen zu lesen. Nils war schon immer gut darin, den Leuten genau das zu sagen, was sie hören wollten - selbst wenn es nicht der Wahrheit entspricht?

»Lass mir etwas Zeit, okay?«, sage ich ruhig.

»Okay.«

Ich realisiere erst jetzt, dass meine Freunde wie hypnotisiert an meinen Lippen hängen. Sie standen ja die ganze Zeit neben uns. Ich beschließe, ihnen später von dem Umschlag zu erzählen, weil ich dazu jetzt sowieso nicht mehr in Stimmung bin.

Ohne ein weiteres Wort schultere ich meine Tasche und steuere entschlossen dem Treppenabsatz entgegen. Wo ich natürlich Cilia und ihren Freundinnen begegnen muss.

»Sag mal, Ben, was verschlägt einen so heißen Typen wie dich an unsere Schule?«, schnappe ich von Cilias schmachtendem Gesäusel auf. Ihre Frage wird begleitet von drei lang gezogenen »Jaaaaa?« ihrer Bediensteten Nummer 1, 2 und 3: Agnes, Dany und Rebekka. Eines verbindet diese drei ohne Zweifel: Eine ist hohler als die andere.