Beschreibung

Gewinner des "Deutschen Phantastik Preises" in der Kategorie "Bester Deutschsprachiger Roman"   Europa liegt nach einem fehlgeschlagenen Experiment im Jahr 1913 und diversen Kriegen mit Amerika in Trümmern. Mithilfe des damals führenden Wissenschaftlers Nicola Tesla bauten die Saiwalo, eine überirdische Macht, Europa langsam wieder auf. 120 Jahre später erschüttert eine Mordserie Hamburg, die sich niemand erklären kann. Leon, ein Anhänger der Saiwalo und Mitglied der Kontinentalarmee, wird auf die Fälle angesetzt und trifft bei seinen Ermittlungen auf die rätselhafte Tavi. Wer ist sie und wieso ist sie so fest von der Schuld der Saiwalo an den Morden überzeugt?   Weitere aktuelle Titel von Ann-Kathrin Karschnick:    Phoenix (Dystopische Trilogie): - Tochter der Asche - Erbe des Feuers - Kinder der Glut   Rack (Steampunk Thriller Reihe): - Alle für einen (Teil 1-3) - Einer für alle (Teil 4-6)  Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Felix A. Münter): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Einzelbände: RED - Urban Fantasy Der Fluchsammler - Urban Fantasy

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Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über

http://dnb.dnb.deabrufbar.

Copyright©2014 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung: Timo Kümmel,www.timokuemmel.wordpress.com

Produktion und Lektorat: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-06-9

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www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Phoenix - Tochter der Asche
Informationen
Die Flucht
Mordopfer
Einkaufen
Brennende Feder
Beweisfindung
Verdächtiges Verhalten
Fahndung
Tod
Überzeugungsarbeit
Verabredung im Lagerhaus
Spurensuche
Vertrauen lernen
Gemeinsame Flucht
Sicherheit
Hamburger Hafen
Kennenlernen
Suche nach dem Dolch
Das Versteck
Jagd
Mörder auf der Flucht
Entführung
Auffinden einer Person
Erwachen
Einbruch
Befreiung
Der Schrei des Phoenix
Epilog
Autorin Ann-Kathrin Karschnick

Die Flucht

Das Experiment hatte alles verändert, dachte Tavi bitter und warf einen gehetzten Blick um die Hausecke. Der Straßenzug war leer−zu leer. Dunkle Wolken hingen einer Drohung gleich über der Stadt und drückten auf die trübe Stimmung Hamburgs.

Ein Surren ließ sie aufhorchen, als auch schon zwei scheibenförmige Flugobjekte mit einem mörderischen Tempo um die Kurve rasten.Scheiße, schoss es ihr durch den Kopf. Zwei Drohnen waren dicht hinter ihr.

Tavi rannte, dass ihre graublonden Haare ihr in den Nacken und auf die flache Stirn peitschten. Hektisch blickte sie sich nach einem Versteck um, eine schmale Gasse schien ihre Rettung zu sein. Erleichterung strömte mit frischem Adrenalin durch ihre Adern, als sie an einem baufälligen Altherrenhaus vorbeilief und um die Ecke bog. Mit den Händen stoppte sie den Aufprall an der linken Mauer der Gasse, dennoch ratschte sie derart hart über die zerfurchten Wände, dass sie sich die Finger aufriss. Mit der Zunge fuhr sie sich nervös über die Lippen. Ein weiterer Blick über die Schulter bestätigte ihre Vermutung: Die Drohnen waren zu breit, um ihr direkt zu folgen. Zunächst schwebten sie unschlüssig vor dem Eingang auf und ab.

Tavi lachte laut auf, während sie weiterrannte. Das Levitationsfeld der Maschinen beschränkte sich auf den Boden. Sobald sie sich auf die Seite drehten,fielensie vom Himmel wie mit einem Stein beschwerte Vögel. Vor Tavis innerem Auge blitzten Bilder verschiedener Drohnen-Baureihen auf. In den letzten zehn Jahren hatte die Kontinentalarmee deutliche technologische Fortschritte gemacht: schneller,wendigerund kleiner. Die neuen Baureihen wurden bevorzugt in den Randgebieten Europas eingesetzt. Angeblich um dort den Einmarsch der Amerikaner zu verhindern, aber Tavi wusste den wahren Grund: Mit den neuen Drohnen wurden die Flüchtlinge aufgehalten, die versuchten aus Europa zu fliehen. Der einzige Grund, warum die Drohnen noch nicht europaweit eingesetzt wurden, war die permanente Materialknappheit.

Tavi sah über die Schulter und fluchte. Dafür trafen diese Drohnen ihre Entscheidungen schneller. Sie stiegen bereits parallel zur Hauswand des Herrenhauses auf. Innerhalb einer Sekunde verdüsterte sich Tavis Stimmung zu einem wütenden Grummeln.

»Drecksdinger. Ihr könnt mich mal!«

Bevor die Drohnen das Dach erreicht hatten, entdeckte Tavi einen Durchgang. Eine zerschlissene Stoffdecke hing vor einem Halbbogen, der den Eingang zu dem Haus links von ihr verdeckte. Obwohl sie ahnte, dass sie vermutlich irgendeine Familie beim Abendbrot aufschreckte, rannte sie weiter. Ihre Schuhe klatschten auf den quadratisch gemusterten Boden, hallten von den leeren Wänden wider. Trotz der gebrochenen Fliesen stolperte Tavi dank ihres ausgeprägten Gleichgewichtssinns nicht.

Der Treppenaufgang in dem Mehrfamilienhaus wirkte intakt. Sie stockte, blieb für einen Moment stehen.Das gibt es selten, dachte Tavi überrascht. Wer diese Unterkunft für sich beansprucht, hat Glück. Ihre eigenen Unterkünfte der letzten Jahrzehntekamenihr in den Sinn. Meistens landete sie in alten Häusern oder verlassenen Fabriken, in denen niemand leben wollte.

Tavi schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich darauf, die Drohnen abzuschütteln. Mit etwas Glück war ihre Flucht ins Haus unentdecktgeblieben, dennoch musste sie so schnell wie möglich verschwinden. Riefen die blöden Metallwächter erst einmal nach Verstärkung, wären sie das geringste Übel. Schließlich stattete die Kontinentalarmee sie im Gegensatz zu den Gyrokoptern eher schwach mit Munition aus.

Ihre Finger umklammerten das Geländer, während sie in die oberen Stockwerke flüchtete.

Wenn die Gyrokopter eintrafen, würde es selbst für Tavi schwer werden, unerkannt zu entkommen.Dabei habe ich nur einem Mann helfen wollen, schoss es ihr grimmig durch den Kopf. Scheiß Helfersyndrom!, ärgerte sie sich über sich selbst.

Der Geruch von Fäkalien drang an ihre empfindliche Nase. Angewidert zog sie sie kraus, musste aber dennoch einatmen, denn ihre Lungen hungerten nach Luft, auch wenn sie noch so ekelhaft roch.

In einem Stockwerk brannte Licht. Wievermutetraste sie an Familien vorbei, die in diesem Hauslebten. Verschwommen nahm sie im Augenwinkel gut ein Dutzend Kinder wahr, die auf dem Fußboden der weitläufigen, halb zerstörten Etage saßen.

Sie rannte um einen Pfeiler herum, der einsam ins nächste Stockwerk ragte. Tavi fühlte geradezu die drückende Last des Gebäudes, dessen Last sich nur auf wenige Säulen verteilte. Ein Erdbeben hätte wahrscheinlich ausgereicht und die Mauern zum Einsturz gebracht. Ein Stich fuhr Tavi durch das Herz. In Hamburg gab es durch die Kriege mit Amerika zu wenig Wohnraum. Die bestehenden Häuser waren unter den Einwohnern von staatlicher Seite aufgeteilt worden. Die Gebäude waren in Staatseigentum übergegangen, dennoch kontrollierte niemand die Baufälligkeit der Häuser – ganz im Gegenteil. Weil die Saiwalo, wie sich ihre geisterhafte Regierung nannte, selbst keine Wohnräume benötigten,vernachlässigtensie diese für die Menschen schändlich. Zumindest vermutete Tavi das. Klugerweise tischten die Saiwalo den Bewohnern Lügen über den Wiederaufbau auf, sobald die Bedrohung aus Amerika besiegt wäre.

Tavi linste aus dem Fenster zu ihrer Rechten, an dem die Drohnen gerade vorbeiflogen. Die halbrunde Schweißnaht in der Mitte der Maschine wirkte wie ein selbstgefälliges Grinsen. Tavis Blick richtete sich nach unten. Sie befand sich im zweiten Stock, was nicht hoch genug für einen Kampf war. Sie musste auf das Dach, in ihr Element. Dort bestand eine Chance gegen die Maschinen. Das Holz der Stufen knirschte unter ihren Schritten, nur ganz leise, aber es ließ sie aufhorchen. Ihr Instinkt riet ihr, vorsichtig zu sein, denn falls die Treppe nachgab, würden ihr nur Sekunden für eine Reaktion bleiben. Schweiß drang ihr auf die Stirn, als das Knacken mit jedem Schritt grausamer in ihren Ohren dröhnte.

Leicht außer Atem erreichte sie die Tür zum Dach, falls man es denn so nennen konnte. Tavi bemerkte eine einfach gezimmerte Treppe, die auf das Flachdach führte. Auf ihrem Rücken, in der Nähe ihrer Schulterblätter kribbelte es.

Tavi erreichte die letzte Stufe. Gierig sog sie die frische Luft in ihre Lungen. Von diesem Punkt aus überblickte sie einen Teil der Stadt. Aus den Stromfabriken stieg heller Rauch auf, vernebelte den Himmel und die untergehende Sonne. Die engmaschigen Begrenzungszäune der Bezirke waren das einzige, was über die Dächer der Stadt hinausragte.

Sehnsüchtig seufzte Tavi. Hamburg, der Hafen, die Pferdekutschen in den Straßen und ihre einmaligen Bauwerke−alles vernichtet oder verkommen.

Tavi wandte den Kopf nach hinten. Die Drohnen waren nur wenige Meter entfernt und aus ihrenSeiten fuhr ein mechanischer Arm heraus. Sie wusste nur zu gut, was an dessen Ende saß−eineT4, eine automatische Kanone, die gebündelte Stromkugeln erzeugte und gezielt in jede Richtung schoss. Ihr Herzschlag setzte aus, als die Spule sich auf sie richtete. Einen Augenblick lang starrte sie regungslos auf das kupferne Ende, wollte mit ihrem Blick die Flugbahn der Kugeln beeinflussen. Ihre Erfahrung brüllte ihr etwas anderes entgegen. Das Surren, das beim Laden der Waffe ertönte, holte sie aus ihren Gedanken zurück. Mit einem Hechtsprung rettete sie sich hinter den verrosteten Unterbau eines Vogelschlags. Stromkugeln schlugen um sie herum ein, brachten die Mauern des Hauses zum Schwanken. Staub bröckelte auf sie nieder, verschleierte ihre Sicht, während sie angespannt die Schüsse zählte.

Siebzehn.

Achtzehn.

Neunzehn.

Zwanzig.

Sogar die Reserve verschossen, dachte sie mit einem Schmunzeln. Jetzt blieb nur noch ein einziger bewaffneter Gegner.

»Ergib dich«, sagte die mechanische Stimme durch den Kommunikator.

»Na klar, sobald ihr angefangen habt, uns nicht mehr zu jagen und zu töten, nur weil es euch gefällt!«, brummte sie zurück.

Wütend dachte sie an all die Vertrauten, die sie schon an die Saiwalo verloren hatte. Freunde, Familie. Dutzende Gesichter tauchten vor ihr auf. Tavi wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, um das Bild verschwinden zu lassen. Diese Art von Erinnerungen konnte sie in diesem Moment nicht gebrauchen.

Sie lugte über den Unterbau. Sofort schoss die zweite Drohne. Tavi duckte sich wieder undverschwandzwischen den Stäben aus kaltem Metall, die sie wie ein Faraday’scher Käfig vor den Einschlägen der Stromkugeln schützten. Ein besseres Versteck vor den Drohnen konnte sie nicht finden. Egal wie oft sie auf Tavi schossen, hier war sie sicher. Doch die zweite Maschine verschoss nicht alles.

»Gut, dann nach alter Manier«, sagte sie.

Sie atmete zweimal tief durch und rollte zur Seite.

Ihre Finger pressten sich in den abgelagerten Dreck und federten ihren Körper aus der Drehung nach oben. Dank der immensen Kraft ihrer Arme schleuderte sie sich beinahe einen Meter nach oben. Die leergeschossene Drohne schwebte in der Luft und drehte sich unkontrolliert, als ob sie fliehen wollte. Doch Tavis Finger schlossen sich um das grobschlächtige Metall des Außenrings. Der darauffolgende Elektrostoß kam nicht unerwartet, dennoch verzog sie das Gesicht bei dem feinen Schmerz, der sie für den Bruchteil eines Wimpernschlags lähmte. Hitze brannte sich durch ihre Haut, versengte ihre Hand.

Zusammen mit der Drohne krachte sie auf das Dach. Es gelang ihr in letzter Sekunde, die Maschine so zu drehen, dass diese mit der schlecht verarbeiteten Schweißnaht auf der Seite aufschlug. Dutzende Einzelteile sprangen ihr entgegen, als die Drohne mit einem gequälten Surren verstummte. Tavi blieb keine Zeit durchzuatmen. Knapp einen Meter vor den kläglichen Resten einer Dachrinne schwebte die zweite Drohne und schoss auf sie.

Dreizehn.

Tavi riss die Überreste der zerstörten Maschine hoch, nutzte sie als Schild gegen die Geschosse.

Vierzehn.

Das intensive Pressen in ihren Schulterblättern, das sie bisher noch unterdrückte, nahm zu.

Fünfzehn.

Sie sprang auf, schleuderte den Drohnen-Schrotthaufen auf die zweite. Mit wenigen Schritten erreichte sie trotz der Schüsse unversehrt die Dachkante.

Sechzehn.

Siebzehn.

Ihr Magen kribbelte, als sie absprang. Der Wind strich über ihre Wangen, veränderte ihre Wahrnehmung, die Zeit blieb stehen. Es interessierte sie nicht, dass sie gerade von einer Drohne mit tödlichen Stromkugeln beschossen wurde. Im Angesicht der prickelnden Erleichterung des Flugs vergaß sie sogar den Streifschuss an ihrem Oberschenkel.

Freiheit durchflutete sie und erlaubte ihr, sich für einen Moment in die Vergangenheit zu wagen. Die Zeit, als sie noch ohne Verfolgung wandeln konnte. Die Zeit, in der niemand sie aufhielt, wenn sie abhob und davonflog.

Genau in solchen Momenten war Tavi es leid, ihre Identität seit fast einhundert Jahren geheim halten zu müssen.

Der Genuss des Flugs verging in der Sekunde, da ihre Finger sich um die zweite Drohne schlossen. Tavi drehte sich auf den Rücken, sackte einen Meter ab, nur um sich sofort wieder abzufangen.

Mit einem enormen Kraftaufwand schleuderte sie die Maschine gegen die Hauswand und glitt selbst unbeschadet abwärts, bis sie auf einer Feuerleiter landete. Teile der Drohne regneten wie Tropfen hinab und landeten mit einem Krachen auf dem Pflaster der Nebenstraße.

Tavi hob den Blick. In der Ferne sah sie die Luftabwehr anrücken: bemannte Gyrokopter, an Schnelligkeit nicht zu überbieten, nicht einmal von ihr.

Jetzt bereute sie es, die EMP-Waffe nicht mitgenommen zu haben. Damit hätte sie innerhalb von wenigen Augenblicken die Gyrokopter ausschalten können.

Tavi presste die Lippen aufeinander. Sie war nachlässig geworden. Früher hatte sie ständig eine Waffe bei sich getragen. Vor dem Experiment ein Messer, danach dieT1: Die kleinste Version der Stromkanonen, die Nicola Tesla für den ersten Krieg gegen Amerika erfunden hatte. Er, ein Forscher und Erfinder, hatte überlebt und war zum führenden Wissenschaftler unter den Saiwalo aufgestiegen. Mitte der neunziger Jahre war er gestorben, aber seine Erfindungen überdauerten bis zu diesem Tag und wurden stetig weiterentwickelt.

Traurig warf sie einen Blick über die Stadt. Die Wolken zogen sich dichter zusammen, als ob sie wussten, dass ihre Laune sich verschlechterte. Halb eingestürzte Gebäude reihten sich dicht an dicht, nur unterbrochen von kreisförmigen Kratern, die niemand betreten konnte. Auch Hamburg hatte die Bombenangriffe aus Amerika nicht unbeschadet überstanden.

Obwohl Menschen die Städte besiedelten, lagen graue Staubschichten zu ihren Füßen, den verbliebenen Bäumen und sogar den Straßen. Manchmal glaubte Tavi, diese graue Schicht auch auf den Menschen zu sehen. Eingestaubt und wie Roboter programmiert folgten sie den Anweisungen aus dem Bezirk, in dem die Saiwalo ihren Hauptsitz hielten. Niemand stellte die Integrität der Saiwalo in Frage. Nicht der geringste Zweifel kam auf.

Doch Tavi wusste es besser. Vor Verärgerung hätte sie gern die Scheibe hinter sich eingeschlagen, tat es aber nicht.

Nathan würde sicher schon auf sie warten.

»Ich hoffe, der Kerl hat keinen Blödsinn angestellt«, murmelte sie und sprang durch ein Loch im Boden drei Meter in die Tiefe. Ein fieses Stechen im Oberschenkel erinnerte sie daran, dass Stromkugel siebzehn ihre Haut in eine kribbelnde Schicht auf ihrem Körper verwandelt hatte. Tavi hob ihre selbstgenähte Hose hoch und betrachtete die Wunde. Eine zierliche Flammenlinie bildete sich auf dem Streifschuss. Zischend und mit einem unangenehmen Ziehen schloss sich die Wunde nach und nach. Lange dauerte es bei solch kleinen Verletzungen nie, höchstens ein paar Sekunden und die konnte sie sich gönnen, um einmal tief durchzuatmen.

Nur die Blutflecken auf ihrer Hose konnte sie nicht verschwinden lassen. Wenn sie sie nicht auswusch, musste sie wohl auch diese Hose mit einem Flicken verunstalten. Dabei hatte sie für die Herstellung dieses knopflosen Exemplars fast zwei Wochen benötigt. Sie stöhnte auf und fluchte über die Drohnen. Dann marschierte sie weiter.

Die Wand bot, durch ein Sprengloch bedingt, zwei Ein- und Ausgänge. Klamotten würde sie hier sicher nicht finden. Und eine Marke für eine neue Hose trug sie nicht bei sich. Noch etwas, was sie sich dringend angewöhnen musste: auf einer Flucht stets mit Blut rechnen und entweder Ersatzkleidung oder eine Marke einpacken. Niemand würde ihr einfach eine schenken, dafür gab es einfach von allem zu wenig.

Tavi sah sich um. Ihre Wohnung befand sich nicht weit von dem Areal innerhalb desEhernen Bezirksentfernt, in dem die Drohnen sie entdeckt hatten.

Sie seufzte missmutig. Ehe die Drohnen ihre Wohnung und damit auch Nathan fanden, musste sie sich wieder einen anderen Bezirk zum Wohnen suchen.

Auf einmal blieb sie stehen, weil sie glaubte, etwas gehört zu haben, das ihr bekannt vorkam. Ein Surren! Aber als sie den Blick nach oben richtete, entdeckte sie nichts, nur den leeren Himmel.

Dort oben breitete sich seit einigen Jahren die Einsamkeit aus. Keine Vögel, niemand ihrer Art. Ein schmerzhaftes Stechen in ihrem Herzen erinnerte sie daran, wie lange sie ihre Heimat nicht mehr aufgesucht hatte. Heftig pochte es in ihrer Brust. Mit dem nächsten Herzschlag vergaß sie den Schmerz wieder. Um zu überleben, musste sie über die Jahre lernen, ihn rasch zu verdrängen.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, um besser nach oben schauen zu können. Die Menschen lebten mit der Situation, sie kannten es nicht besser. Manchmal wollte Tavi jeden Einzelnenschütteln, um sie aufzuwecken. Doch solange die Regierung die Menschen nicht öffentlich auspeitschte oder mit Absicht tötete, würden sie nichts gegen die tyrannische Unterdrückung unternehmen. Dank ihrerach-so-geliebtenSaiwalo lebten die Europäer schließlich noch. Im Gegensatz zu den Seelenlosen, wie die Saiwalo und inzwischen auch die Menschen sie nannten – alle Wesen, die anders waren. Anders – so wie Tavi. Ihre Gedanken verdüsterten sich.

Früher hatte man sie einfach Hexen, Dämonen und Kreaturen genannt. Doch in dieser Zeit stempelte man sie alsseelenlosab. Tavi ballte die Fäuste bei diesem Gedanken.

Erneut schreckte sie ein Surren auf.

Sie presste sich an die Häuserwand und hielt den Atem an. Da kam die Luftraumabwehr, kein gutes Zeichen. Ihr Rücken drückte sich strichgerade durch. Die Muskeln ächzten, als sie von ihrem Körper verlangte, sich noch dünner zu machen.

Vor ihrem inneren Auge tauchten die Gyrokopter auf. Das ovale Design der Ein-Mann-Fluggeräte hatte von Anfang an existiert. Eine durchsichtige Kuppel bot dem Flieger einen kompletten Rundumblick. Unter ihm befand sich etwas, das im ersten Moment an die Beine einer Spinne erinnerte: ein Ring, an dem acht bewegliche Rotoren hingen. Mit diesen wurde die Richtung angegeben und das Gefährt gleichzeitig oben gehalten. Am hinteren Ende lag derGenerator, mit dem der Pilot das Gefährt betrieb.

Tavi verfluchte den Tag, an dem die Wissenschaftler um Nicola Tesla den sogenanntenleichten Stromerfunden hatten: Strom, der durch den Luftwiderstand erzeugt und zudem noch direkt in das Fluggerät eingespeist wurde. Dadurch erübrigten sich die schweren Stromspeicher, die es den Saiwalo anfangs schwer gemacht hatten, ihre Anhänger in die Luft zu befördern. Doch seit dem leichten Strom gab es die Gyrokopter, die ihr zu schaffen machten.

Grausam lange hielten sich die bemannten Flugobjekte über ihr, bis sie endlich beidrehten.

Tavi wartete mehrere Minuten ab, lauschte. Als nichts an ihr Ohr drang, kein Schatten mehr über den Boden huschte, brach sie auf und joggte in einem lockeren Tempo los. Die Nacht schluckte den einsamen Klang ihrer Schritte. Tavi würde sich erst in Sicherheit befinden, wenn sie ihre Wohnung erreichte…

Mordopfer

»Einheit neunzehn, Einheit neunzehn.«

Das kastenförmige, schwarze Kommunikationsgerät in Leons Wagen knackte. Kurz fuhr er sich mit der Hand von den schwarzen Haaren über die hohen Wangenknochen hinunter zu seinem spitzen Kinn, verscheuchte damit die Müdigkeit. Ich muss mich dringend wieder rasieren, ging es ihm durch den Kopf, als er die Stoppeln auf seinen Wangen spürte. Er drückte den blauen Knopf, der ihn mit der Einsatzleitung verband. »Einheit neunzehn hört.«

»Ein weiterer Mord im Areal Hamburg,Bezirk Ost, südlicher Straßenblock. Sind Sie einsatzbereit?« Das Knistern ließ nach, je länger die Stimme redete.

Sein Kollege auf dem Beifahrersitz zuckte zusammen, während Leon nur das Kribbeln in seinen Fingerspitzen spürte. Er musste sich zusammenreißen, um nicht sofort den Schalter umzulegen und mit seinem Wagen loszurasen.

Die Spannung zog sich wie ein dünner Faden durch den Einsatzwagen. Eine falsche Bewegung und er würde reißen. Rasch richtete Leon sich auf und streckte den Rücken durch. Er wollte einsatzbereit aussehen, auch wenn er wusste, dass die Stimme am anderen Ende ihn nicht sehen konnte.

»Einheit neunzehn bereit. Übernehmen den Einsatz.«

»Verstanden. Notieren Sie Einsatznummerfünf.«

Die Vergabe der Einsatznummer besiegelte den Auftrag. Ein weiterer Mord, wiederholte eine Stimme in seinem Kopf ständig.

»Der siebte innerhalb von vier Wochen«, murmelte sein Partner Deslo und schüttelte den Kopf.

Ein Mord stand eigentlich nicht auf der Tagesordnung, denn die Saiwalo sahen beinahe alles.Niemandkam mit einem Mord und erst recht nicht mit sieben davon, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.

Leons kräftige Finger umfassten den Hebel, der die Bremse des Magnetschwebewagens löste. Das spartanische Design von außen – weiß und ohne Spielereien – täuschte über die moderne Ausstattung im Wageninnern hinweg. Er besaß die neuste Technik der Magnetschweber, die die Wagen auf der Straße hielt. Eine ganze Weile zuvor sollte es Autos gegeben haben, die überall gefahren seien. Allerdings fragte Leon sich nach dem Sinn dieser Fahrzeuge. Der Ausbau der Magnetschwebebahnen in Hamburg war beinahe perfekt. Er kam dort an, wo er hinmusste.

Leon löste die Bremse. All die angestaute Energie in seinem Körper fütterte den Motor des Viersitzers, so dass er nach vorne schoss. Die Kante des Hartschalensitzes bohrte sich schmerzhaft in seine Wirbel, als er hineingepresst wurde. Angespannt griff er das Lenkrad mit jedem Finger neu nach.

»Was glaubst du, wer so etwas schafft?«, fragte Deslo leise und betrachtete die Einsatztafel vor sich. Die mechanischen Tasten übertrugen das Protokoll, das sie in wenigen Minuten anlegten, per Telegraph an die Verwahrstelle. Dort katalogisierte und archivierte ein Mitarbeiter alles sorgsam, so dass Leon später eine weitere Notiz in seiner stetig anwachsenden Fallakte finden würde.

Er wusste nicht, ob Deslo wirklich eine Antwort auf die Frage haben wollte, daher gab er einfach eine. »Vermutlich ein Seelenloser.«

Leon kniff die Augen zusammen und wich ohne zu bremsen einer Frau aus, die gerade verträumt über die Straße lief, dabei übersah er beinahe den hinter ihr laufenden Jungen. Erst das Vibrieren der nah beieinander liegenden Magneten zwischen dem Fahrzeug und der Straße holte sie scheinbar aus ihrer Trance. Erschrocken zog sie den Jungen an sich, doch Leon war schon an ihr vorbei.

»Du und deine Seelenlosen! Nicht jedes Verbrechen wird von Dämonen, Hexen oder Phoenixen begangen.«

Leon erinnerte sich an einen Spruch seiner Mutter:Alles Schlechte auf dieser Welt wird von den Seelenlosen begonnen, denn ihre Taten bringen Menschen dazu, sich zu verändern.

»Es gibt noch viel mehr Arten, aber das hier ist Mord«, knurrte er und verdrängte die Erinnerung. Sein Fokus lag auf der Straße, schließlich wollte er niemanden überfahren. Wenn die Menschen nicht wenigstens ein bisschen auf die Straße achteten, würden einige den Weg zur Arbeit nicht überleben.

Leon biss sich auf die Lippen und trat auf die Bremse, als die alte Frau beim Lumpensammeln vor seinen Wagen lief. Auch wenn er vor den Geisterwächtern da sein wollte – sein Ehrgeiz sollte keinem Menschen das Leben kosten.

»Menschen haben auch früher Morde begangen.«

»Vor dem Experiment, ja. Aber jetzt? Wann fand der letzte Mord statt, an den du dich erinnern kannst? Unfälle in den Stromfabriken oder Tote bei Angriffen aus Amerika gab es öfter mal, aber keine Morde, Deslo.«

Leon beharrte auf dem Gedanken, der ihn schon seit zwei Wochen verfolgte: Ein Seelenloser beging die Morde. Der Wagen schoss um die Straßenecke und raste gleich darauf auf einen Zaun zu. Ein ovales Blinklicht leuchtete, das die Zahl des Bezirksdurchgangs anzeigte. Der Schutzzaun trennte zwei Bezirke voneinander. Panzer, Luftabwehrflieger und Soldaten mit Plasmastrahlern standen bereit, umjedwedenUnbefugten den Zutritt zu verweigern. Dank der Saiwalo kam die Abwehr nicht allzu häufig zum Einsatz. Sie diente mehr zur Abschreckung als zur Verteidigung.

»Einheit neunzehn benötigt Durchfahrt am Tor…Kannst du die Zahl lesen?«, wandte sich Deslo an ihn.

»Dreiundzwanzig. Geh endlich zum Arzt, ehe sie dir deine Zulassung entziehen.«

»…benötigt Durchfahrt am TorDreiundzwanzig.«

»In Ordnung, ich sehe euch schon kommen. Habt wohl den Mordfall abbekommen, was?«

»Allerdings! Jetzt macht schon auf, ehe wir euch das Tor wegrammen.« Deslos rabiate Art kam in der Verwahrstelle nicht gut an, weswegen er wohl mit Leon arbeiten sollte. Trotz seiner erst siebzehn Jahre und seiner Kurzsichtigkeit bestand kein Zweifel an seinen Fähigkeiten als Schütze mit denT2-Waffen. Nur die Nervosität in seinem Abzugsfinger musste Deslo unter Kontrolle kriegen.

Leons Blick klebte an TorDreiundzwanzig, das sich endlich öffnete. Wenn es nur ein paar Sekunden später aufgegangen wäre, hätten die Bremsen seines Wagens darunter gelitten. Jahre hatte er gekämpft, um den Wagen vom Abteilungsleiter zugesprochen zu bekommen. Erst nach der erfolgreichen Aufklärung einer Diebesserie im Brückenbezirk hatte er endlich die Mittel erhalten, um die laufenden Kosten des Wagens wie Strom und Reparaturen zu decken.

Hinter dem Tor eröffnete sich ihm ein neuer Bezirk. Wie überall in Hamburg veränderte sich damit auch die Beleuchtung der Umgebung. In der Nacht erkannten die fliegenden Patrouillen so die einzelnen Stadtteile leichter. Die kupferne Beleuchtung deutete auf denBezirk Osthin, von den Einwohnern auchEherner Bezirkgenannt, weil hier die starrsinnigsten Menschen lebten, die Leon in seinem Leben bishererlebt hatte: Sie blieben unter sich, verlangten eigentlich nie Ausgang und bildeten den betriebsamsten Bezirk in ganz Hamburg.

Vielleicht lag es aber auch an den Eisenwerken, die in diesem Bezirk standen. Leon kümmerte es nicht, da er hier sowieso niemanden kannte. Er konnte nur hoffen, dass dieser Mord nicht zu den bisherigen gehörte.

»Deslo?«

»Jep?«

Leon verdrehte die Augen, da sein Kollege immer noch nicht gelernt hatte, richtig zu antworten. »Was wissen wir über den Mord?«

Das Räuspern war eigentlich nicht notwendig, aber Deslo tat es trotzdem jedes Mal, wenn er etwas erklärte.Eine dämliche Macke! Die sollte er sich schnellstmöglich wieder abgewöhnen, dachte Leon.

»Das ist jetzt der dritte Mord in diesem Bezirk, wodurch der Eherne an die Spitze rutscht. Eventuell lebt unser Mörder hier.«

»Oder seine präferierten Opfer«, murmelte Leon.

Er suchte sich einen Parkplatz direkt vor dem Tatort. Es war eine schmale Gasse, deren Wege keine Magnetschweben besaßen, wodurch er mit seinem Wagen nicht hineinkam.

In der Gasse befand sich ein Dutzend Menschen, alles Mitglieder der Kontinentalarmee. Unbefugte hielt ein zweimeterhohes Stromsperrband davon ab, hineinzugelangen.

Als Leon ausstieg waberte allgemeines Gemurmel über ihn hinweg, das seinen Körper mit Unruhe flutete. Während Deslo vom Rücksitz seine Tasche griff, ging Leon bereits vor. Er brauchte außer seinem Kopf kein Werkzeug.

Sein Blick wandte sich zum Himmel. Bald würde es regnen, also sollte er sich lieber beeilen, bevor alle Beweise weggespült waren.

Leon hatte sich vom einfachen Strombewacher auf den Nordseeplattformen zu einem Mittelrang in der Kontinentalarmee hochgearbeitet und das in weniger als vierzehn Jahren. Die Erinnerungen an seine Jugend verblassten, je älter er wurde, aber das störte ihn nicht. Manchmal wollte er die anstrengende Zeit auf der Plattform einfach nur vergessen. Das erste Mal, als seine Mutter ihn hingeschickt hatte, versuchte sie ihm klar zu machen, dass er dort besser aufgehoben sei, zumindest konnten ihm dort die Seelenlosen nichts anhaben. Er erinnerte sich noch, wie ihre Finger lieblos über den Kopf strichen, ehe sie ihn in den Transporter schoben, der ihn bis zur Küste fuhr.

»Träum nicht, Leon!« Ein Schlag auf die Schulter holte ihn zurück. »Der Tote wartet vielleicht auf dich, aber ich will heute Abend noch in die Seevebar, ehe die Ausgangssperre greift. Vielleicht kann ich eine Dame davon überzeugen, mit mir zu kommen. Du weißt doch, wie sehr ich nachts friere, wenn ich einsam bin.«

Lachend marschierte Deslo davon, direkt durch das Stromsperrband hindurch.

Ein prüfender Griff an seinen Gürtel versicherte Leon, dass auch er seinen Ausweis trug, der ihn vor dem Strom schützen würde. Ohne den Ausweis hätte er wie ein Fisch an Land gezappelt, sobald er die Barriere passierte. So allerdings trat er durch die blau blitzende Absperrung und spürte nicht einmal das Kribbeln der Elektrowellen.

Weiter hinten in der Gasse herrschte eine stoische Ruhe. Leon atmete erleichtert durch, jetzt konnte er vernünftig arbeiten. Ein paar Kollegen aus dem hiesigen Bezirk standen bereits bei der Leiche. Ein Tuch bedeckte den leblosen Körper, weswegen Leon erst den Bestatter mit einem Wink bitten musste, es wieder von ihm herunterzunehmen.

Als er das viele Blut auf der Brust der toten Frau sah, rumorte sein Magen und Galle stieg ihm in die Kehle. Er hielt sich vorsorglich den Handrücken vor den Mund, stoppte damit symbolisch den Fluss, der sich in ihm nach oben kämpfte. An den Anblick von Toten gewöhnte Leon sich nicht, schließlichereignetensich unter der Regierung der Saiwalo so gut wie keine Morde und doch ging es schon seitmehrerenWochen so. Das Schlimmste daran war, dass die Tötungen in immer kürzeren Abständen auftraten.

Ein Funkeln erregte seine Aufmerksamkeit, lenkte ihn von der Übelkeit ab. Sein Blick wanderte hinab zu der Stelle, an der der hochgerutschte Rock der Toten ihre Haut freilegte. Erst wollte Leon ihn wieder zurückschieben, aber dann entdeckte er den Grund der Ablenkung: Etwas schimmerte unter dem dünnen Stoff hindurch. Ohne lange zu zögern, wühlte Leon Einweghandschuhe aus seiner Westentasche und griff sich eine Pinzette. Er schob den Rock der Leiche noch ein Stückchen höher.

Der Umriss nahm mit jedem Zentimeter mehr Form an.

Ein Handabdruck … ein feuerrot leuchtender, nicht zu übersehender Handabdruck. Leon starrte die Stelle des Oberschenkels an. Wieso leuchtete die Haut? Egal wie sehr er es auch versuchte, er konnte sich nicht losreißen. Leon fühlte, wie Blut durch seinen Kopf rauschte, hinter seiner Stirn pochte, als wollte es sich zu der Toten gesellen. Ein seltsames Gefühl der Verbundenheit erfasste ihn.

Der Abdruck kam von einer linken Hand, aber er schien schmal, beinahe zierlich.

Unwillkürlich hob er seine Finger und verglich den Abdruck, der vollkommen darunter verschwand.

»Bist du jetzt unter die Perversen gegangen?«

»Wie bitte?« Zerstreut blinzelte Leon. Wo befand er sich? Deslo stand mit gerunzelter Stirn neben ihm und räusperte sich. Da erst erkannte Leon, wo seine Hand lag und zog sie weg.

»Ich wusste ja, dass dein Liebesleben nicht gerade das Beste ist, aber so tief musst du nun wirklich nicht sinken, oder?«

»Du solltest aufpassen, was du sagst, Deslo.« Leon erhob seine Stimme, während ein paar Mitarbeiter um ihn herum miteinander flüsterten. »Ich bin einer Spur gefolgt.«

»Klar, der Spur bin ich vor vier Jahren auch das erste Mal gefolgt.« Deslos unverschämtes Grinsen ließ Leon die Hitze in die Wangen steigen, woraufhin sich seine Fingernägel in die Handflächen bohrten.

»Deslo, komm mal kurz hier rüber.«

Leon presste die Lippen aufeinander, senkte den Kopf und winkte ihn mit zwei Fingern von der Leiche fort. Grinsend folgte Deslo seiner Anweisung.

»Ich will nicht, dass du so mit mir redest, verstanden? Wir sind keine Freunde, sondern Kollegen. Und das auch nur aus Zwang! Wenn ich könnte, würde ich alleine arbeiten.«

Das Grinsen verschwand langsam aus Deslos Gesicht, ebenso wie die Farbe.

»Ich…das…ich meinte das nicht so«, stammelte Deslo.

»Denk das nächste Mal nach, bevor du was sagst!«

Damit ließ er seinen Kollegen stehen und ging zurück zu der Leiche, um den Handabdruck zu untersuchen.

»Siehst du das hier?«, fragte er Deslo und erwartete eine Reaktionen.

Der kam beflissentlich angelaufen und beugte sich über die Leiche. »Was denn? Ich kann nichts erkennen.«

»Ehrlich nicht?«

Verunsichert bückte sich Leon erneut zur Leiche hinunter.Halluziniere ich etwa?, fragte er sich selbst, ohne es auszusprechen.

Drei weitere Kollegen untersuchten die Leiche, aber niemandem schien der Handabdruck aufzufallen. Zumindest hielt ihn keiner für relevant. Leon fuhr sich nachdenklich mit der Hand durch die Haare. Er wollte nicht als Idiot dastehen, deswegen schaltete er rasch um und räusperte sich.

»Ach, vergiss es! War wohl nichts. Was hast du erfahren?«, fragte Leon. Es dauerte einen Moment, dann zuckte Deslo mit den Schultern und begann mit dem Report, den er von dem Forensiker geholt hatte. Gleich zu Anfang hatte Leon auf eine Aufgabenverteilung bestanden, wie er es für sinnvoll hielt.

»Das Opfer ist weiblich, etwa dreißig Jahre alt.« Leon nickte zustimmend. »Eine Identität haben wir bisher noch nicht. Erstochen, genau wie die anderen, mausetot seit etwa einer Stunde. Aber hier kommt etwas, was dir gefallen dürfte!«

Direkt neben Deslos grinsendem Gesicht baumelte eine Beweistüte, in der sich ein Gegenstand befand. Durch die verschiedenen Schichten der Tüte schimmerte ein Umriss – lang und spitz zulaufend.

»Ein Dolch.«

»Die Mordwaffe, um genau zu sein. Der Mörder ließ das Messer wohl in der Brust stecken, als der nette Herr dort hinten ihn überraschte. Jedenfalls handelt es sich um die Tatwaffe.«

Leon hörte die letzten Worte nur sehr undeutlich. Der Dolch erweckte in ihm ein Gefühl, das er nur wenige Augenblicke zuvor schon einmal gespürt hatte: Verbundenheit. Auch jetzt erkannte er wieder einen feuerroten Schimmer, der sich in Wellen um die gesamte Waffe wand. Leon hob die Hand, griff nach der Tüte. Diesmal war es kein Hand- oder Fingerabdruck. Die Waffe schien aus sich heraus zu leuchten. Die Wellen glitten über die Oberfläche, als ob sie an das Ufer eines seichten Flussbetts spülten. Ein sicherer, vertrauter Hafen.

»Konnte er eine Beschreibung abgeben?«, hörte er sich unbeabsichtigt fragen.

»Schwarze Kleidung, vermutlich ein Mann. Aber der Zeuge konnte es nicht genau sagen.«

Leon schüttelte den Kopf, riss sich von dem Dolch los. Das Gefühl verschwand in dem Moment, da er das Schimmern nicht mehr wahrnahm. Schlagartig klärten sich seine Gedanken. All das wies nur auf eine einzige Lösung hin.

»Ein Seelenloser?« Die Tüte wechselte erneut den Besitzer.

»Nach den Beschreibungen würde ich sagen: Nö. Der Zeuge schwört, keine widernatürlichen Kräfte gesehen zu haben, der Täter ist einfach nur am Ende der Gasse verschwunden.«

»Ist das der Zeuge?« Leon zeigte auf einen Mann, der an der Wand stand und sich gerade eine Zigarette anzündete.

Deslo nickte und schrieb einige Anmerkungen auf sein Einsatzbord. Obwohl sein Kollege ihn bereits befragt hatte, verschaffte Leon sich lieber selbst ein Bild von dem Mann und ging zu ihm hinüber.

»Ihre Streichhölzer müssen Sie nachher mitnehmen, die können Sie hier nicht einfach hinschmeißen, schließlich ist dies ein Tatort.«

»Woher kommen Sie? Von der Aufräumarmee?«

Der Kerl warf das Zündholz demonstrativ vor Leons Füße. Danach verschränkte er die Arme vor der Brust und baute sich vor ihm auf. Dem Körperbau des Kerls nach zu urteilen, trieb er regelmäßig Sport.

»Nein, aber wenn unsere Techniker nachher beim Auflösen des Tatorts dies hier finden, befördern sie es in unser Labor, wo man es mit Ihren Körperdaten in Verbindung bringt und Sie vom Zeugen zum Verdächtigen mutieren.« Leon kannte solche Typen zur Genüge aus seiner Zeit als Barkeeper.Große Klappe, nichts dahinter!, dachte Leon, als der Kerl unsicher auf die verstümmelten Reste des Streichholzes starrte. Wenn man denen nur mit ein bisschen Logik kam, hob man ihre beschränkte Welt aus den Angeln.

»War ja nicht so gemeint.« Die Schultern seines Gegenübers sackten unverzüglich nach vorn und er bückte sich.

»Schon klar. Also berichten Sie mir nochmal, was Sie gesehen haben.«

»Das habe ich dem anderen Typen dahinten schon erzählt. Ich wollte in dieser Gasse jemanden treffen−einen Freund. Als ich um die Ecke bog, stach der Kerl auf das arme Mädel ein. Erst dachte ich, er würde sie schlagen und wollte schon gehen, aber dann zückte er das Messer.«

»Sie wären bei einem Gewaltakt gegangen?«, hakte Leon entrüstet nach.

»Nicht mein Problem.« Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern und blies den Rauch der Zigarette in die Luft. Kringel waberten nach oben, ehe sie verpufften.

Leon seufzte innerlich, bevor er fortfuhr. »Ist Ihnen etwas aufgefallen? Vielleicht ein Merkmal, ein besonderes Kleidungsstück?«

»Nein, Mann. Ich habe nicht wirklich viel gesehen. Es war noch früh am Morgen und ich hab kaum die Augen aufgekriegt. Ich weiß nur, dass ich zu ihm hin bin, ihm eine langen wollte und er dann verschwunden ist. Das Gesicht habe ich nicht gesehen. Das drehte er irgendwie immer von mir weg.«

»Sie wollten ihm eine langen?«, fragte Leon überrascht. »Ich dachte, das wäre nicht Ihr Problem?«

»Wenn ein Mann seine Frau prügelt, ist das nicht mein Problem, sollen sie damit selbst fertig werden. Wenn aber jemand auf eine Frau einsticht, dann greif ich ein … gehört sich so.« Der Kerl zuckte mit der linken Schulter und blies erneut Rauchkringel nach oben.

Leon verdrehte die Augen. Bei Mord zog der Mann also seine Grenze. »Es gehört sich auch, eine Frau vor ihrem schlagenden Ehemann zu bewahren.« Leon machte sich ein paar Notizen.

»Nicht mein Problem«, wiederholte sein Gegenüber uninteressiert.

»Ist es Ihnen dabei gelungen, die Tatwaffe an sich zu reißen?«, fragte Leon und schrieb weiter während der Kerl antwortete.

»Was? Ach so, dieses Messer. Ja, genau das!« Er warf sich stolz in die Brust. »Ich hab es ihm abgenommen. Dachte, es könnte vielleicht wichtig sein.«

»Da dachten Sie richtig.«

Der Zeuge warf die Zigarette vor sich auf den Boden, trat sie aus und stockte dann. Leon schmunzelte, da sich der Mann sofort bückte und die Zigarette wieder aufhob.

»Falls Ihnen noch etwas einfällt, wäre ich dankbar, wenn Sie es der Verwahrstelle mitteilen.«

»Na klar.« Ohne ein weiteres Wort und sichtlich erleichtert verschwand der Mann.

Wiedersehen würden sie ihn vermutlich nicht, außer wenn er wegen Hehlerei in der Verwahrstelle landen würde.

»Merkwürdiger Kerl, oder, Leon?«

»Ein Schwarzmarkthändler wie jeder andere. Hast du seinen Namen?«

»Jep, ist schon auf dem Weg in die Verwahrstelle. Die werden sich um ihn kümmern.«

»Gut.« Leon drehte sich noch einmal um. Jemand deckte die Leiche der jungen Frau wieder zu. Erleichtert atmete er auf, denn endlich konnte er den Handabdruck, der gerade unter dem Tuch verschwand, schneller vergessen.

Doch Leonwusste, dass er da war. Er ballte die Hände und wandte sich ab. Seine Konzentration ging verloren, das durfte nicht passieren, gerade jetzt nicht. Das siebte Opfer in vier Wochen … lange würden die Saiwalo das nicht mehr geheim halten können. Leon fürchtete sogar, dass sie jetzt an die Öffentlichkeit gehen mussten, schließlich wiesen sie endlich einen Zeugen vor.

Dennoch seufzte Leon, weil eine Frage ihn gerade mehr beschäftigte als die Mordserie:Warum sah er Dinge, die andere nicht sahen?