Physiologie der Ehe - Honorè de Balzac - E-Book

Physiologie der Ehe E-Book

Honore de Balzac

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Beschreibung

Diesem ebenso zynischen wie unterhaltsamen Handbuch für ledige Männer, das 1829 veröffentlicht wurde, verdankte Honoré de Balzac seinen Durchbruch als Schriftsteller. Es ist auch heute noch ein Vergnügen, seine Anekdoten, Analysen und Schlussfolgerungen zu lesen!

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Seitenzahl: 566

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Honoré de Balzac

Physiologie der Ehe

ISBN/EAN: 9783958706743

3. Auflage

Covergestaltung: nexx verlag gmbh, 2020

www.nexx-verlag.de

Einleitung

Die Frau, die sich durch den Titel dieses Buches versucht fühlen sollte, es aufzuschlagen, kann sich das ersparen: Sie hat es bereits gelesen, ohne es zu wissen. Der allerboshafteste Mann wird niemals über die Frauen so viel Gutes und so viel Böses sagen, wie sie selber von sich denken. Sollte trotz dieser Vorbemerkung eine Frau das Werk unbedingt lesen wollen, wird das Zartgefühl ihr zur Pflicht machen müssen, nicht auf den Verfasser zu schmälen – denn auf den Beifall verzichtend, der für alle Künstler der allerschmeichelhafteste ist, hat er sozusagen auf dem Titelkupfer seines Buches die vorsichtige Inschrift eingegraben, die man zuweilen über Türen liest: »Nicht für Damen!«

Die Ehe hat mit der Natur nichts zu tun. Die morgenländische Familie ist völlig verschieden von der abendländischen Familie. – Der Mensch ist der Diener der Natur, und die Gesellschaft wird dieser aufgepfropft. – Die Gesetze sind um der Sitten willen gemacht, und die Sitten wechseln.

»Für die Ehe kann also dasselbe Gesetz allmählicher Vervollkommnung gültig sein, dem, wie es scheint, alles Menschliche unterworfen ist.‹

Diese von Napoleon bei der Erörterung über das Bürgerliche Gesetzbuch gesprochenen Worte machten auf den Verfasser dieses Buches einen bedeutenden Eindruck; vielleicht senkten sie, ihm unbewusst, in ihn den Keim des Werkes, das er heute dem Publikum darbietet. Als er nämlich – er war damals viel jünger – französisches Recht studierte, verursachte das Wort »Ehebruch« ihm eigentümliche Gefühle. In ungeheurer Größe von all den Paragrafen des Gesetzbuches sich abhebend, trat dieses Wort niemals ohne ein grausiges Trauergefolge vor seine Fantasie: Tränen, Schande, Hass, Todesangst, geheime Verbrechen, blutige Kriege, Familien ohne ihr Oberhaupt, Unglück – alle diese Begriffe nahmen Fleisch und Blut an und richteten sich plötzlich auf, wenn er dieses große Wort »Ehebruch « las. Als er dann später an den in höchster Kultur stehenden Gestaden der Gesellschaft landete, bemerkte der Verfasser, dass die Strenge der ehelichen Gesetze ziemlich allgemein durch den Ehebruch gemildert wurde. Er fand, dass die Gesamtsumme der schlechten Ehen bei Weitem die der glücklichen Ehen übertreffe. Endlich glaubte er, als Erster die Bemerkung zu machen, dass von allen menschlichen Kenntnissen die Kenntnis vom Wesen der Ehe am weitesten zurückgeblieben sei. Aber dies war eine Beobachtung, wie ein junger Mann sie macht: Es erging ihm wie so vielen anderen, und wie ein in einen See geworfener Stein verschwand sie im Abgrund seiner stürmischen Gedanken. Der Verfasser beobachtete indessen unbewusst weiter; und so bildete sich in seiner Fantasie langsam ein Schwarm mehr oder weniger richtiger Gedanken über die Natur der Eheangelegenheiten. Bücher bilden sich in den Seelen vielleicht ebenso geheimnisvoll, wie in den duftenden Ebenen von Périgord die Trüffeln sprießen. Aus der einfältig-frommen Angst, die der Ehebruch ihm einjagte, und aus der gedankenlos gemachten Beobachtung entspross eines Morgens ein winziger Gedanke, worin seine Idee Form gewann. Es war ein Spaß über die Ehe: Zwei Gatten liebten sich zum ersten Mal, nachdem sie siebenundzwanzig Jahre verheiratet gewesen waren. Er hatte seine Freude an diesem kleinen Pamphlet gegen die Ehe und verbrachte eine ganze Woche mit der köstlichen Beschäftigung, um dieses harmlose Epigramm die vielfältigen Ideen zu gruppieren, die er unbewusst gewonnen hatte und zu seinem eigenen Erstaunen in sich fand. Infolge einer schulmeisterlichen Bemerkung wurde diese Tändelei aufgegeben. Diesem Rat gehorsam, ergab der Verfasser sich wieder der Sorglosigkeit seiner Faulenzergewohnheiten. Indessen vervollkommnete sich dieser kleine Erstlingsversuch in scherzhafter Wissenschaft ganz allein auf den Gefilden des Gedankens: Jeder Satz des verurteilten Werkes fasste dort Wurzel und erstarkte, wie ein Zweiglein, das, an einem Winterabend auf dem Sand liegen geblieben, am nächsten Morgen mit jenen bizarren weißen Kristallformen bedeckt ist, in denen sich die launenhafte Zeichenkunst des Nachtfrostes ergeht. So blieb auch dieser Entwurf am Leben und wurde der Ausgangspunkt für eine Menge moralischer Verästelungen. Er war gleichsam ein Polyp, der sich aus sich selber erzeugte. Die sinnlichen Empfindungen seiner Jugend, die Beobachtungen, die eine freundliche Macht ihn anstellen ließ, fanden Stützpunkte in den geringsten Ereignissen. Noch mehr – diese Ideenmasse gewann Harmonie und Leben, beinahe körperliche Gestalt und wandelte in jenen fantastischen Reichen, in denen die Seele gern ihre ausgelassenen Sprösslinge vagabundieren lässt. Mitten im Getriebe der Welt und des Lebens hörte der Verfasser stets eine innere Stimme, die ihm gerade, wenn er mit dem größten Vergnügen eine tanzende, lächelnde oder plaudernde Frau beobachtete, die boshaftesten Bemerkungen zuflüsterte. Wie Mephistopheles auf dem Hexensabbat des Brockens seinem Faust grausige Gestalten zeigt, so spürte der Verfasser überall die Gegenwart eines Teufels, der mitten auf einem Ball ihm vertraulich auf die Achsel klopfte und sagte: »Siehst du dies Zauberlächeln? Es ist ein Lächeln des Hasses.« Bald stolzierte der Teufel einher wie ein renommistischer Kapitän der alten Hardyschen Komödien, schüttelte die Purpurfalten seines gestickten Mantels und bemühte sich, die alten Kinkerlitzchen und Flitter des Ruhmes wieder aufzufrischen; bald lachte er ein Rabelaissches breites, offenes Lachen und schrieb auf der Straße an eine Häuserwand ein Wort, das jenem »Trink!«– dem einzigen Orakel, das aus der göttlichen Flasche herauszubekommen war – als Gegenstück dienen könnte. Oft saß dieser literarische Trilby auf einem Haufen zerfetzter Bücher und zeigte mit seinen Krallenfingern boshaft auf zwei Bände mit gelb flammenden Umschlägen. Wenn er dann sah, dass der Verfasser aufmerksam wurde, buchstabierte er mit einer Stimme, die auf die Nerven fiel wie die Töne einer Harmonika, den Titel: »Physiologie der Ehe!«. Aber fast immer erschien er abends, im Augenblick, wo die Träume kommen. Liebkosend wie eine Fee versuchte er durch sanfte Worte die Seele, die er sich unterjocht hatte, zutraulich zu machen. Ebenso spöttisch wie verführerisch, geschmeidig wie eine Frau, grausam wie ein Tiger – war er in seiner Freundschaft gefährlicher als in seinem Hass; denn er konnte nicht liebkosen, ohne zu kratzen. Eines Nachts versuchte er auch wieder die Macht aller seiner Zauberkünste und krönte sie durch eine letzte Bemühung. Er kam, er setzte sich auf den Bettrand wie ein junges verliebtes Mädchen, das zuerst schweigt, aber mit seinen glänzenden Augen zuletzt doch sein Geheimnis sich entschlüpfen lässt – und sagte:

»Dies hier ist der Prospekt eines Schwimmapparates, mittels dessen man trockenen Fußes auf der Seine wird spazieren gehen können. Dieser andere Band ist ein Bericht des Instituts über eine Bekleidung, mit deren Hilfe wir durch Flammen schreiten können, ohne uns zu verbrennen. Willst du denn nicht etwas vorschlagen, was die Ehe vor den Leiden des Frostes und der Hitze beschützen könnte? Aber höre! Hier habe ich: ›Die Kunst, Nahrungsmittel aufzubewahren‹; ›Die Kunst, das Rauchen der Kamine zu verhindern‹; ›Die Kunst, seine Krawatte zu knoten‹; ›Die Kunst, den Braten vorzulegen‹.«

Er zählte in einer Minute eine so ungeheure Menge von Büchern auf, dass dem Verfasser ganz wirblig zumute wurde.

»Diese Myriaden von Büchern sind vom Publikum verschlungen worden«, sagte der Dämon; »aber es baut doch nicht, es isst doch nicht ein jeder Mensch, nicht jeder hat eine Krawatte oder wärmt sich an einem Kaminfeuer – verheiraten aber tut sich jedermann mehr oder weniger ... aber sieh mal da!«

Er machte eine Handbewegung, und es war, als enthüllte er in der Ferne einen Ozean, in welchem alle Bücher des Jahrhunderts hin und her wogten. Die Oktodezbände prallten von der Wasserfläche ab, die Oktavbände sanken mit einem tiefen Ton auf den Grund und arbeiteten sich nur mit großer Mühe wieder an die Oberfläche, behindert durch die Fülle von Duodez- und Sedezbänden, die sich zu einem leichten Schaum auflösten. Die wilden Wogen waren voll von Journalisten, Druckereifaktoren, Papierhändlern, Setzerlehrlingen und Buchdruckern, von denen man nur die Köpfe in buntem Gewimmel unter all den Büchern sah. Tausende von Stimmen schrien wie Schüler im Bad. In ihren Booten fuhren einige Menschen hin und her, fischten die Bücher auf und brachten sie ans Ufer zu einem großen schwarzgekleideten Mann mit hochmütiger, gefühlloser und kalter Miene: Die Leute waren die Buchhändler, und der Mann war das Publikum. Der Teufel zeigte auf ein neu getakeltes Schiffchen, das unter vollen Segeln dahinfuhr und als Flagge ein Plakat trug; dann las er mit einem hämischen Lachen und schneidender Stimme: ›Physiologie der Ehe‹.

Der Verfasser verliebte sich; der Teufel ließ ihn in Ruhe – denn er hätte zu schweren Stand gehabt, wäre er in eine Wohnung gekommen, wo eine Frau waltete. Einige Jahre vergingen ohne andere Qualen als die der Liebe, und der Verfasser konnte glauben, er sei von einer Krankheit durch eine andere geheilt worden. Aber als er eines Abends in einem Pariser Salon mit einigen anderen Herren im Halbkreis vor dem Kamin saß, ergriff einer von der Gesellschaft das Wort und erzählte mit Grabesstimme folgende Anekdote:

»Als ich in Gent war, passierte eine Geschichte. Eine seit zehn Jahren verwitwete Dame lag todkrank in ihrem Bett. Auf ihren letzten Seufzer warteten drei Erben, Seitenverwandte, die nicht von ihr wichen, weil sie befürchteten, sie könnte ein Testament zugunsten des Beginenklosters der Stadt machen. Die Kranke lag stillschweigend wie betäubt da, und der Tod schien sich langsam ihres stummen, bleichen Gesichtes zu bemächtigen. Sehen Sie nicht die drei Verwandten vor sich, wie sie schweigend in der Winternacht vor dem Bett sitzen? Eine alte Krankenwärterin ist da und schüttelt den Kopf; der Arzt sieht voller Unruhe die Krankheit bei ihrem letzten Stadium angelangt, hält in der einen Hand seinen Hut und macht mit der anderen den Verwandten ein Zeichen, wie wenn er ihnen sagen wollte: ›Ich brauche hier keinen Besuch mehr zu machen.‹ In dem feierlichen Schweigen konnte man das gedämpfte Sausen eines Schneetreibens hören, das die Fensterläden peitschte. Damit nicht die Augen der Sterbenden vom Licht getroffen würden, hatte der jüngste der drei Erben die neben dem Bett stehende Kerze mit einem Schirm versehen, so dass der Lichtkreis kaum das Kopfkissen erreichte, von dem das vergilbte Gesicht sich abhob wie ein schlecht vergoldeter Kruzifixus von einem Kreuz aus mattem Silber. Die aufzuckenden blauen Flammen eines prasselnden Kaminfeuers beleuchteten also allein dieses düstere Zimmer, worin ein Drama seinen Abschluss finden sollte. Plötzlich rollte nämlich ein glühendes Holzstückchen aus dem Kamin auf das Parkett, wie wenn es ein Ereignis voraussagen wollte. Auf dieses Geräusch richtet die Kranke sich rasch empor und reißt ihre Augen auf, die so hell funkeln wie die einer Katze. Alle Anwesenden blicken sie erstaunt an. Sie sieht nach der rollenden Kohle, springt, ehe jemand daran denkt, sich dieser unerwarteten Bewegung einer Fieberkranken zu widersetzen, aus dem Bett, ergreift die Feuerzange und wirft die Kohle in den Kamin zurück. Die Wärterin, der Arzt, die Verwandten stürzen herzu und fangen die Sterbende in ihren Armen auf; sie wird wieder zu Bett gebracht und legt den Kopf auf das Pfühl. Und kaum sind einige Minuten verflossen, da stirbt sie, und auch nach ihrem Tod bleibt ihr Blick noch auf dem Brettchen des Parketts haften, bis zu dem die Kohle gerollt war. Kaum war die Gräfin von Ostroem verschieden, so warfen die drei Erben sich einen misstrauischen Blick zu und zeigten sich das geheimnisvolle Parkett; an ihre Tante dachten sie schon nicht mehr. Da sie Belgier waren, so ging bei ihnen das Rechnen ebenso schnell wie das Sehen. Drei leise Worte wurden ausgetauscht, und sie kamen überein, keiner von ihnen solle das Zimmer verlassen. Ein Lakai holte einen Arbeiter. Ihre Verwandtenherzen pochten lebhaft, als die drei Belgier, die das Schatz bergende Parkett bewachten, einen kleinen Schreinerlehrling erscheinen sahen. Er setzt den Meißel an; das Werkzeug dringt in das Holz ein.

›Tante hat sich gerührt‹, sagt der jüngste von den Erben.

›Nein, das kommt nur von dem flackernden Licht!‹, antwortet der Älteste, der mit dem einen Auge den Schatz, mit dem anderen die Tote ansieht.

Die leidtragenden Verwandten fanden genau an der Stelle, bis zu der die Kohle gerollt war, eine kunstvoll von einer Gipsschicht umhüllte Masse.

›Vorwärts!‹, sagte der Älteste.

Im selben Augenblick legte der Meißel des Lehrlings einen Menschenkopf bloß, und an irgendeinem Kleidungsüberrest erkannten sie den Grafen, der nach der Meinung der ganzen Stadt auf Java gestorben war und dessen Verlust seine Witwe leidenschaftlich beweint hatte.«

Der Erzähler dieser alten Geschichte war ein großer dürrer Mann mit gelben Augen und braunen Haaren, und der Verfasser glaubte eine entfernte Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Teufel zu bemerken, der ihm früher so arg zugesetzt hatte; aber der Fremde hatte keinen Klumpfuß. Plötzlich klang wie eine Art Glockenton das Wort ›Ehebruch‹ dem Verfasser in die Ohren und erweckte in seiner Fantasie die grausigsten Gestalten des Gefolges, das früher hinter diesen Wundersilben hergezogen war.

Seit diesem Abend begannen von Neuem die gaukelnden Verfolgungen eines noch nicht existierenden Werkes; in keiner Epoche seines Lebens wurde der Verfasser von so viel trügerischen Gedanken über den unglückseligen Gegenstand dieses Buches bestürmt. Aber er leistete dem Geist mutigen Widerstand, obwohl dieser die unbedeutendsten Lebensereignisse mit jenem noch unbekannten Werk in Verbindung brachte und wie ein Zollschreiber an alles die Plombe mit seinem spöttisch in die Augen springenden Zeichen anhängte.

Einige Tage darauf befand sich der Verfasser in Gesellschaft zweier Damen. Die erste war eine der liebenswürdigsten und geistreichsten Frauen des Napoleonischen Hofes gewesen. In ihrer hohen gesellschaftlichen Stellung wurde sie von der Restauration überrascht und gestürzt; sie war Einsiedlerin geworden. Die zweite, jung und schön, spielte in diesem Augenblick in Paris die Rolle einer Modekönigin. Sie waren Freundinnen, da die eine vierzig und die andere zweiundzwanzig Jahre alt war und daher die Ansprüche ihrer Eitelkeit sich selten auf demselben Gebiet begegneten. Die eine der beiden Damen brauchte sich vor dem Verfasser nicht zu genieren, und da die andere dies erraten hatte, so setzten sie in seiner Gegenwart ein ziemlich freies Gespräch über ihren Frauenberuf fort.

»Haben Sie bemerkt, meine Liebe, dass die Frauen im Allgemeinen nur Dummköpfe lieben?«

»Was sagen Sie da, Herzogin? Wie wollen Sie diese Bemerkung mit ihrer Abneigung gegen ihre Ehemänner in Einklang bringen?«

›Aber das ist ja eine Tyrannei!‹, dachte der Verfasser bei sich selber.

»Nein, meine Liebe, ich spaße nicht!«, sagte die Herzogin; »und seitdem ich mir mit kaltem Urteil die Leute, die ich früher gekannt hatte, näher betrachtet habe, meine ich, dass wir Frauen Anlass haben, um uns selber zu zittern. Geist hat immer etwas Glänzendes an sich, was uns verletzt; der Mann, der viel Geist hat, erschreckt uns vielleicht, und wenn er stolz ist, wird er nicht eifersüchtig sein, kann uns also nicht gefallen. Endlich erheben wir vielleicht lieber einen Mann zu uns empor, als dass wir zu ihm hinaufsteigen ... Das Talent lässt uns allerdings an Erfolgen teilnehmen, aber der Dummkopf verschafft uns Genüsse; und wir ziehen es stets vor, sagen zu hören: ›Ah! Das ist aber ein schöner Mann!‹ – als unsern Liebhaber zum Mitglied des Instituts erwählt zu sehen.«

»Jetzt ist's aber genug, Herzogin! Sie haben mich wirklich erschreckt!«

Und die junge Kokette begann die Porträts aller Liebhaber zu entwerfen, in die die Frauen ihrer Bekanntschaft vernarrt waren; sie fand unter ihnen nicht einen einzigen Mann von Geist und rief:

»Wahrhaftig, bei meiner Tugend – ihre Männer sind mehr wert ...«

»Diese Leute sind ihre Männer«, antwortete ernst die Herzogin.

»Aber«, fragte der Verfasser, »ist denn das Unglück, das in Frankreich den Ehemann bedroht, wirklich unvermeidlich?«

»Ja!«, antwortete die Herzogin lachend. »Und die Erbitterung gewisser Frauen gegen diejenigen, die das glückliche Unglück haben, eine Leidenschaft zu empfinden, beweist, wie lästig ihnen die Keuschheit ist. Ohne die Angst vor dem Teufel wäre die eine eine Lais; die andere verdankt ihre Tugend der Trockenheit ihres Herzens; diese der Dummheit, womit sich ihr erster Liebhaber betrug; jene ...«

Der Verfasser hemmte den Strom dieser Enthüllungen, indem er den beiden Damen von dem ihn verfolgenden Plan eines Werkes über die Ehe Mitteilung machte: Sie nahmen sie mit beifälligem Lächeln auf und versprachen viele Ratschläge beizusteuern. Die Jüngere lieferte in heiterer Laune eines der ersten Kapitel der Unternehmung, indem sie sagte, sie erbiete sich, mathematisch nachzuweisen, dass selbst die völlig tugendhaften Frauen vernunftbegabte Wesen seien.

In seine Häuslichkeit zurückgekehrt, sagte jetzt der Verfasser zu seinem Dämon:

»Komm! Ich bin bereit. Wir wollen den Pakt unterzeichnen!«

Der Teufel kam nicht mehr.

Wenn der Verfasser hier die Entstehungsgeschichte seines Buches schreibt, so geschieht das keineswegs aus Eitelkeit. Er erzählt Tatsachen, die zur Geschichte des menschlichen Gedankens beitragen können und ohne Zweifel das Werk selbst erklären werden. Vielleicht ist es gewissen Gedankenanatomen nicht gleichgültig, zu erfahren, dass die Seele weiblich ist: Solange der Verfasser es sich versagte, an das Buch zu denken, zu dessen Vollendung er bestimmt war, zeigte das Buch sich überall fertig geschrieben. Eine Seite desselben fand er auf einem Krankenbett, eine andere auf dem Ruhebett eines Boudoirs. Die Blicke der Frauen, die sich im Wirbel eines Walzers drehten, warfen ihm Gedanken zu; eine Bewegung, ein Wort befruchteten sein geringschätzig-stolzes Gehirn. Am dem Tag, an dem er sich sagte: »Dieses Werk, das mich verfolgt, es soll entstehen!« – war alles verschwunden; und wie die drei Belgier fand er ein Skelett, wo er sich gebückt hatte, um einen Schatz zu heben.

Eine sanfte, blasse Gestalt trat an die Stelle des dämonischen Versuchers; sie hatte liebenswürdige Manieren und ein gutmütiges Wesen, ihren Einwendungen fehlten die scharf geschliffenen Spitzen der Kritik. Sie war mit Worten freigebiger als mit Gedanken und schien eine Angst vor jedem Lärm zu haben. Vielleicht war sie der Hausgeist der ehrenwerten Abgeordneten, die das Zentrum der Kammer bilden.

»Ist es nicht besser«, fragte die Gestalt, »man lässt die Dinge, wie sie sind? Steht es denn wirklich so schlimm mit ihnen? An die Ehe muss man glauben wie an die Unsterblichkeit der Seele; und ganz gewiss schreiben Sie kein Buch, um das Glück der Ehe zu preisen. Übrigens werden Sie ohne Zweifel Ihre Schlüsse aus tausend Pariser Ehen ziehen, die nur Ausnahmen sind. Sie werden vielleicht Gatten finden, die bereit sind, Ihnen ihre Frauen preiszugeben; aber kein Sohn wird Ihnen seine Mutter preisgeben ... Leute, die durch die von Ihnen vorgebrachten Meinungen verletzt sind, werden Ihre Sitten in Zweifel ziehen, werden Ihre Absichten verleumden. Endlich muss man, um die Skrofeln der Gesellschaft durch Berührung zu heilen, König oder zum Mindesten Erster Konsul sein.«

Obwohl sie in der Gestalt auftrat, die dem Verfasser am besten gefallen konnte, wurde die Vernunft nicht erhört; denn in der Ferne schwenkte die Narrheit Panurgs Schellenkappe, und die wollte er haben; aber als er sie zu ergreifen versuchte, stellte es sich heraus, dass sie so schwer war wie die Keule des Herkules. Außerdem hatte der Pfarrer von Meudon sie auf eine Weise verziert, dass ein junger Mann, dem weniger daran liegt, ein gutes Buch zu schreiben, als tadellose Handschuhe zu tragen, sie wirklich nicht anfassen konnte.

»Ist unser Buch fertig?«, fragte die jüngere der beiden weiblichen Mitverschworenen den Verfasser.

»Ach, gnädige Frau, werden Sie mich für all den Hass entschädigen, den es mir vielleicht zuziehen wird?«

Sie machte nur eine Handbewegung, und auf diesen unbestimmten Ausdruck erwiderte der Verfasser mit einem Achselzucken.

»Wie? Sie wollten zögern? Veröffentlichen Sie es, haben Sie keine Furcht! Heutzutage nehmen wir Frauen ein Buch vielmehr wegen der Machart als wegen des Stoffes.«

Obwohl der Verfasser hier nur als der bescheidene Sekretär zweier Damen auftritt, hat er doch durch die Sichtung und Anordnung ihrer Beobachtungen mehr als eine Aufgabe vollbracht. Eine einzige war vielleicht hinsichtlich der Ehe noch unerfüllt geblieben: nämlich die Gedanken zusammenzutragen, die jedermann denkt und niemand ausspricht. Aber wenn man eine derartige Studie mit jedermanns Geist macht, heißt das nicht, sich der Gefahr aussetzen, niemandem zu gefallen? Indessen wird vielleicht der Eklektizismus dieser Studie sie retten. Bei allem Spott hat der Verfasser doch versucht, einige tröstende Ideen zu verbreiten. Fast immer hat er sich bemüht, unbekannte Triebfedern in der Menschenseele zu wecken. Indem er die materiellsten Interessen verteidigt, beurteilt oder verurteilt hat, wird er vielleicht auf mehr als einen geistigen Genuss aufmerksam gemacht haben. Aber der Verfasser leidet nicht an der dummen Einbildung, es sei ihm stets gelungen, geschmackvolle Scherze zu machen; nur hat er auf die Verschiedenheit der Geister gerechnet, um nicht mehr Tadel als Beifall zu ernten. Der Stoff war so ernst, dass er beständig versucht hat, ihn ›anekdotisch zu gestalten‹; denn heutzutage sind die Anekdoten Freipass aller Moral und das Antinarkotikum aller Bücher. In diesem nun, wo alles Analyse und Beobachtung ist, ließen die Ermüdung beim Leser und das ›Ich‹ beim Verfasser sich nicht vermeiden. Dies ist so ziemlich das größte Unglück, das einem Werk zustoßen kann, und der Verfasser hat sich dies nicht verhehlt. Er hat also die Grundstoffe dieser langen Studie derartig angeordnet, dass der Leser ab und zu haltmachen kann. Dieses System ist durch einen Schriftsteller gerechtfertigt worden, der über den ›Geschmack‹ eine der vorliegenden über die ›Ehe‹ ziemlich ähnliche Arbeit verfasste; es sei erlaubt, eine Anleihe von wenigen Worten zu machen, um einen den beiden Verfassern gemeinsamen Gedanken auszudrücken. Der Verfasser wird damit seinem Vorgänger, der so bald nach seinem Erfolg starb, gewissermaßen seine Ehrerbietung bezeigen: »Wenn ich von ›mir‹ in der Einzahl schreibe und spreche, so halte ich ein vertrauliches Gespräch mit dem Leser; er mag prüfen, diskutieren, zweifeln und sogar lachen; aber wenn ich mich mit dem erhabenen ›Wir‹ bewaffne, dann allerdings muss der Leser sich unterwerfen.«

Brillat-Savarin, Vorrede zur ›Physiologie des Geschmacks‹5. Dezember 1829

Allgemeine Betrachtungen

Gegen unvernünftige Gesetze werden wir Reden halten,bis man sie bessert, und unterdessen werden wir uns ihnenblindlings unterwerfen.

Diderot

Der Gegenstand

Physiologie, was willst du von mir?

Ist es dein Zweck, uns nachzuweisen, dass die Ehe zwei Wesen, die sich nicht kennen, für das ganze Leben vereinigt?

Dass Leben gleichbedeutend ist mit Leidenschaft und dass keine Leidenschaft der Ehe standhält?

Dass die Ehe eine zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft notwendige Einrichtung ist, dass sie aber den Gesetzen der Natur widerspricht?

Dass die Scheidung, dieses wunderbare Mittel gegen die Leiden der Ehe, durch einstimmiges Begehren zurückgefordert werden wird?

Dass trotz allen ihren Unannehmlichkeiten die Ehe die erste Quelle des Eigentums ist?

Dass sie den Regierungen unschätzbare Unterpfänder der Sicherheit darbietet?

Dass etwas Rührendes darin liegt, wenn zwei Wesen sich vereinigen, um gemeinsam die Mühen des Lebens zu ertragen?

Dass etwas Lächerliches darin liegt, verlangen zu wollen, dass ein und derselbe Gedanke zwei Seelen lenke?

Dass die Frau als Sklavin behandelt wird?

Dass es keine vollständig glückliche Ehe gibt?

Dass die Ehe mit Verbrechen schwanger geht und dass die bekannt gewordenen Mordtaten nicht die schlimmsten sind?

Dass Treue unmöglich ist, wenigstens dem Mann?

Dass eine Untersuchung über die Erbüberlieferung des Eigentums – wenn eine solche Untersuchung überhaupt möglich wäre – mehr Beunruhigungen als Sicherheit hervorrufen würde?

Dass der Ehebruch mehr Nachteile verursacht, als die Ehe Vorteile?

Dass die eheliche Untreue der Frau in die ältesten Zeiten gesellschaftlicher Bildungen hinaufreicht und dass, diesen beständigen Betrügereien zum Trotz, die Ehe fortbesteht?

Dass die Gesetze der Liebe zwei Wesen so fest miteinander verbinden, dass kein Menschengesetz sie trennen kann?

Dass es nicht nur Ehen gibt, die in die Standesamtsregister eingetragen werden, sondern auch Ehen, die durch ein Verlangen der Natur sich bilden, durch eine süße Übereinstimmung oder gänzliche Verschiedenheit im Denken und durch körperliche Gestaltungen – dass also Himmel und Erde ohne Unterlass einander widersprechen?

Dass es Ehemänner von stattlicher Gestalt und überlegenem Geist gibt, deren Frauen sehr hässliche, kleine oder dumme Liebhaber haben?

Jede dieser Fragen würde im Notfall für ein Buch ausreichen; aber diese Bücher sind bereits geschrieben, und die Fragen werden beständig beantwortet.

Physiologie, was willst du von mir?

Offenbarst du neue Grundsätze? Willst du behaupten, man müsse die Frauen zu Gemeingut machen? Lykurg und einige griechische Stämme, Tataren und Wilde haben es versucht.

Müsste man etwa die Frauen einsperren? Die Mohammedaner haben es getan und setzen sie heute in Freiheit.

Müsste man etwa die Mädchen ohne Mitgift vermählen und sie vom Erbfolgerecht ausschließen? Englische Schriftsteller und Sittenlehrer haben nachzuweisen gesucht, dass diese Bestimmung und die Scheidung das sicherste Mittel wäre, die Ehen glücklich zu machen.

Gehörte etwa zu jeder Ehe eine kleine Hagar? Dazu ist kein Gesetz nötig. Aus dem Paragrafen des Strafgesetzes, das die ehebrecherische Frau mit Strafe bedroht, einerlei, an welchem Ort das Verbrechen begangen wird, und aus dem anderen Paragrafen, der einen Ehemann nur dann bestraft, wenn seine Konkubine unter dem ehelichen Dach wohnt, muss notwendigerweise gefolgert werden, dass es erlaubt ist, sich außerhalb des Hauses Mätressen zu halten.

Sanchez hat das ganze Strafrecht der Ehe in allen Einzelfällen behandelt; er hat sogar über die Legitimität und die Opportunität jedes einzelnen Vergnügens Betrachtungen angestellt; er hat alle sittlichen, religiösen, fleischlichen Pflichten der Gatten genau umschrieben – kurz, sein Werk würde zwölf Oktavbände geben, wenn man von seinem dicken Folianten ›De Matrimonio‹ einen Neudruck veranstalten würde.

Haufen von Rechtsgelehrten haben Haufen von Abhandlungen erscheinen lassen über die juristischen Schwierigkeiten, die aus der Einrichtung der Ehe entspringen; es gibt sogar Werke über den gerichtlichen Begriff der Beiwohnung.

Legionen von Ärzten haben Legionen von Büchern erscheinen lassen über die Ehe in ihren Beziehungen zur Chirurgie und Medizin.

Im neunzehnten Jahrhundert ist also die Physiologie der Ehe entweder eine nichtssagende Zusammenstoppelung oder ein Werk, das ein Dummkopf für andere Dummköpfe schreibt: Alte Priester haben ihre Goldwagen hergenommen und die geringsten Skrupel gewogen; alte Juristen haben ihre Brillen aufgesetzt und alle Arten unterschieden; alte Ärzte haben die Sonde zur Hand genommen und sie in alle Wunden eingeführt; alte Richter haben sich in ihren Richterstuhl gesetzt und über alle Klagen auf Rücknahme der Waren wegen mangelhafter Lieferung abgeurteilt; ganze Menschengeschlechter sind vorübergezogen und haben ihr Freudengeschrei ausgestoßen oder ihr Klagelied angestimmt; jedes Jahrhundert hat seine Stimme in die Urne gelegt; der Heilige Geist, die Dichter, die Schriftsteller haben alles zu Protokoll genommen: von Eva bis zum Trojanerkrieg, von Helena bis zur Madame de Maintenon, von Ludwigs XIV. Gattin bis zur Contemporaine.

Physiologie, was willst du also von mir?

Solltest du uns etwa zufällig mehr oder minder gut gezeichnete Gemälde vorzuführen wünschen, um uns nachzuweisen, dass die Gründe, aus denen ein Mann sich verheiratet, folgende sind:

Alter: um mal ein Ende zu machen;

Berechnung: liegt fast immer zugrunde;

Charakterstärke: das Fräulein ist schwach gewesen;

Dankbarkeit: man gibt mehr, als man bekommen hat;

Eselei: denn eine solche ist das Heiraten immer;

Frömmigkeit: Beispiel der Herzog von Saint-Aignan, der keine Sünden begehen wollte;

Gutmütigkeit: um eine Tochter der Tyrannei ihrer Mutter zu entreißen;

Hässlichkeit: man hat Angst, man werde eines Tages keine Weiber mehr haben;

Jugendlichkeit: kaum vom Gymnasium abgegangen, heiratet der Grünschnabel;

Kränklichkeit: die Weiber machen krank, das Weib macht gesund;

Leidenschaft: um sich auf die sicherste Art davon zu heilen;

Machiavellismus: um eine Alte schnell zu beerben;

Notwendigkeit: ›unser‹ Sohn muss einen Namen haben;

Onkel: siehe unter ›Testament‹;

Prozess: man schafft ihn durch Heirat mit der Tochter oder Witwe des Gegners aus der Welt;

Quatsch: man hat keinen Grund, gibt aber 1001 an;

Reichtum: entweder kriegt man ihn durch eine Frau oder eine Frau durch ihn;

Scherz: ein sehr empfehlenswerter Grund, vorausgesetzt, dass kein Ernst daraus wird;

Testament: ein toter Onkel vermacht einem seine Tochter als Erbschaft;

Überdruss: an dem köstlichen Junggesellenleben;

Verachtung: einer ungetreuen Mätresse;

Wette: Beispiel Lord Byron;

X: fehlt (vielleicht hat man das X, weil es als Anfangsbuchstabe selten vorkommt, zur Bezeichnung unbekannter Größen gewählt);

Yatidi: türkisches Wort für die Stunde des Schlafengehens; bezeichnet zugleich alle damit verbundenen Bedürfnisse;

Zorn: um Verwandte um ihre Erbschaft zu bringen.

Aber alle diese Geschichten haben die Stoffe zu dreißigtausend Komödien und hunderttausend Romanen geliefert.

Physiologie, zum dritten und letzten Mal, was willst du von mir?

Bei diesem Gegenstand ist alles banal wie ein Straßenpflasterstein, gewöhnlich wie eine Straßenecke. Die Ehe ist bekannter als der Passionsbarrabas; alle alten Ideen, die sie wachruft, laufen in den Literaturen um, seitdem die Welt Welt ist, und es gibt keine verständige Meinung und kein abgeschmacktes Projekt, die sich nicht auf die Suche nach einem Schriftsteller, einem Buchdrucker, einem Buchhändler und einem Leser gemacht hätten.

Erlauben Sie mir, zu Ihnen zu sprechen wie Rabelais, unser aller Meister:

»Wackere Leute, Gott schütze euch und behüte euch! Wo seid ihr? Ich kann euch nicht sehen. Wartet, ich will meine Brille aufsetzen. Aha, jetzt sehe ich euch. Seid ihr, eure Frauen, eure Kinder, seid ihr alle bei erwünschter Gesundheit? Das freut mich.«

Aber nicht für euch schreibe ich. Ihr habt ja große Kinder: damit ist die Sache erledigt.

»Ah! Da seid ihr, hocherlauchte Zecher, ihr höchst kostbare Gichtkrüppel und ihr unermüdliche Schorfkratzer, ihr angebrannten Liebeshelden: ihr pantagruelisiert den ganzen Tag, ihr habt ja eure recht galanten geheimen Frömmigkeiten, ihr geht zur Tertie, zur Sexte, zur None und gleichermaßen zur Vesper, zur Komplete – mit einem Wort, ihr geht immerzu.«

Nicht an euch wendet sich daher die Physiologie der Ehe, denn ihr seid ja nicht verheiratet. Möge das immer so bleiben!

»Und ihr! Muckerbande! Heuchler, Schwätzer, Duckmäuser, Windmacher und all ihr anderen, die ihr euch hinter Masken verbergt, um die Welt zu betrügen! Packt euch, Brummochsen! Aus dem Weg! Raus, ihr Kerle mit euren Fallhüten! Zum Teufel auch – seid ihr immer noch da?«

So bleibt mir denn vielleicht kein anderes Publikum übrig als die guten Seelen, die gerne lachen. Fort mit diesen Heulmeiern, die bei jeder Gelegenheit in Vers und Prosa sich ersäufen wollen; die in Oden, in Sonetten, in Lehrgedichten die Kranken spielen! Fort mit diesen querköpfigen Grüblern aller Art – aber gebt mir dafür einige von diesen alten Pantagruelisten, die es nicht so genau nehmen, wenn es einen Becherlupf und einen Ulk gilt, die ihre Freude haben an Rabelais' Buch über Löffelerbsen mit Speck, cum commento, an dem Buch über die Würde der Hosenlätze, und die diese schönen Bücher hoch in Ehren halten.

Über die Regierung, meine lieben Freunde, kann man kaum noch lachen, seitdem sie es fertiggebracht hat, fünfzehnhundert Millionen Steuern zu erheben. Die Mönche und Mönchinnen sind noch nicht reich genug, um bei ihnen trinken zu können; aber es soll nur der heilige Michel kommen, der den Teufel aus dem Himmel jagte – dann werden wir vielleicht die gute Zeit wiederkommen sehen! Folglich bleibt uns in diesem Augenblick in Frankreich nur die Ehe als Gegenstand der Heiterkeit. Jünger Panurgs, euch allein will ich zu Lesern haben! Ihr wisst ein Buch zur rechten Zeit in die Hand zu nehmen und wieder fortzuwerfen, ihr seid leicht von Begriff, versteht eine halbe Andeutung und wisst aus einem Markknochen Nahrung zu ziehen!

Diese Mikroskop-Gucker, die nur einen Punkt sehen – ich meine die Zensoren – haben sie auch alles gesagt, alles untersucht? Und haben sie ihr unumstößliches Urteil verkündet, dass ein Buch über die Ehe zu schreiben ebenso unmöglich ist, wie einen zerbrochenen Krug wieder neu zu machen?

»Ja, Meister Narr! Quetscht noch so viel an der Ehe herum – es wird nie etwas anderes herauskommen, als Vergnügen für die Junggesellen und Verdruss für die Ehemänner. Das ist die ewige Moral. Eine Million gedruckte Seiten können kein anderes Thema behandeln.«

Hiergegen habe ich indessen einige Sätze aufzustellen; nämlich erstens: die Ehe ist ein Kampf auf Leben und Tod, vor welchem die beiden Gatten den Himmel um seinen Segen bitten – denn sich lieben ist stets das kühnste Wagnis; der Kampf beginnt sofort, und der Sieg, das heißt die Freiheit, verbleibt dem gewandtesten.

»Zugegeben. Inwiefern finden Sie aber hierin eine neue Auffassung?«

Nun, ich wende mich an die Neuvermählten von gestern und heute, an die, die eben aus der Kirche oder vom Standesamt kommen und sich der Hoffnung hingeben, ihre Frauen für sich allein behalten zu können; an die, die irgendein Egoismus oder sonst ein unerklärliches Gefühl verleitet, beim Anblick der Leiden ihres Nächsten zu sagen: » Mir passiert so etwas nicht!«

Ich wende mich an die Schiffer, die zur See gehen, nachdem sie manches Schiff haben scheitern sehen; an die Junggesellen, die sich zu verheiraten wagen, nachdem sie den Schiffbruch mehr als einer ehelichen Tugend verschuldet haben. Und dies ist mein Gegenstand – er ist ewig neu, ewig alt!

Ein junger Mann, oder auch vielleicht ein ältlicher Herr, verliebt oder nicht, erwirbt als sein Eigentum durch einen allen Vorschriften entsprechend protokollierten, auf dem Standesamt und im Himmel unterzeichneten und in die Steuerlisten eingetragenen Ehevertrag ein junges Mädchen mit langen Haaren, mit schwarzen feuchten Augen, mit kleinen Füßchen, mit zierlichen, spitzen Fingern, mit rotem Mund, mit elfenbeinweißen Zähnen – gut gewachsen, lebensatmend, appetitlich, sauber, weiß wie eine Lilie, mit den begehrenswertesten Schätzen der Schönheit reich bedacht: ihre gesenkten Wimpern gleichen den Stacheln der Eisernen Krone; ihre Haut ist frisch wie die Blumenkrone einer weißen Kamelie, gehoben durch den Purpur der roten Kamelie; in ihrer jungfräulichen Gesichtsfarbe glaubt das Auge den Duft einer jungen Frucht und den kaum wahrnehmbaren Flaum eines bunten Pfirsichs zu sehen; ihre azurnen Adern verbreiten eine wonnige Wärme über die klare Haut; sie fordert und gibt das Leben; sie ist ganz Freude und ganz Liebe, ganz Anmut und ganz Naivität. Sie liebt ihren Gatten, oder glaubt ihn wenigstens zu lieben.

Der verliebte Ehemann hat in seinem tiefsten Herzen zu sich gesagt: »Diese Augen werden nur mich sehen, dieser Mund wird nur für mich in Liebe zucken, diese weiche Hand wird nur über mich streichelnd die Schätze der Wonne ergießen, nur für mich wird dieser Busen wogen, nur meinem Willen wird diese schlummernde Seele erwachen; ich allein werde meine Finger in diese glänzenden Locken tauchen; ich allein werde in träumerischer Liebkosung dieses erzitternde Köpfchen streicheln. Ich werde den Tod zum Wächter bestellen, um dem fremden Räuber den Zugang zu unserm Ehebett zu wehren; dieser Thron der Liebe wird vom Blut der Unbesonnenen schwimmen oder von meinem Blut. Ruhe, Ehre, Glück, Blutsbande, Vermögen meiner Kinder – alles ist in unserm Ehebett; ich will das alles verteidigen, wie eine Löwin ihre Jungen. Wehe dem, der seinen Fuß in meine Höhle setzt!«

Nun, mutiger Ringer, wir klatschen deinem Vorhaben Beifall! Bis jetzt hat kein Mathematiker die Längen- und Breitengrade auf dem Meere der Ehe zu bestimmen gewagt. Die alten Ehemänner haben sich geschämt, die Sandbänke, die Riffe, die Klippen, die Brandungen, die Monsune, die Küsten und die Strömungen zu bezeichnen, die ihre Schiffe zerstört haben – so sehr schämten sie sich ihres Schiffbruchs. Es fehlte ein Führer, ein Kompass für die verheirateten Pilger; dieses Werk ist bestimmt, ihnen diesen Dienst zu leisten.

Abgesehen von Gewürz- und Schnittwarenkrämern gibt es so viele Leute, die zu reinem Zeitvertreib sich mit Nachforschungen nach den geheimen Gründen der Handlungsweise der Frauen beschäftigen, dass es ein Werk der Barmherzigkeit ist, ihnen abschnitts- und kapitelweise alle geheimen Situationen der Ehe aufzuzählen; ein gutes Inhaltsverzeichnis wird sie instand setzen, alle Herzbewegungen ihrer Frauen zu durchschauen, wie sie in der Logarithmentafel das Ergebnis einer Multiplikationsaufgabe finden.

Nun, was meinen Sie dazu? Zu zeigen, wie man eine Frau verhindern kann, ihren Gatten zu betrügen – ist das nicht ein neues Unternehmen, an das sich noch kein Philosoph herangewagt hat? Ist das nicht die Komödie der Komödien? Ist das nicht ein anderes ›speculum vitae humanae‹? Es handelt sich nicht mehr um jene müßigen Fragen, denen wir in dieser Betrachtung ihren Anteil eingeräumt haben. Heutzutage verlangt das Jahrhundert auf dem Gebiete der Moral wie auf dem der exakten Wissenschaften Tatsachen, Beobachtungen. Wir liefern sie.

Prüfen wir also zunächst den wahren Stand der Dinge, analysieren wir die Kräfte der beiden Parteien. Ehe wir den von unserer Fantasie geschaffenen Kämpen wappnen, wollen wir einen Überschlag über die Zahl seiner Feinde machen, wollen die Kosaken zählen, die in sein kleines Vaterland einfallen wollen.

So schiffe sich denn mit uns ein, wer Lust hat; lache, wer kann! Den Anker gelichtet! Die Segel gehisst! Ihr kennt den kleinen runden Punkt, von dem ihr abfahrt. Das ist ein großer Vorteil, den wir vor vielen Büchern voraushaben.

Und wenn wir nun einmal eine Vorliebe dafür haben, beim Weinen zu lachen und beim Lachen zu weinen, wie der göttliche Rabelais beim Essen trank und beim Trinken aß – wenn wir die Manie haben, auf ein und derselben Seite von Heraklit und Demokrit zu schreiben, weder stilgerecht noch in ausgeklügelten Sätzen zu schreiben – dass keiner von der Mannschaft sich erlaube, darüber zu brummen! ... Herunter vom Deck, ihr alten Köpfe mit Fallhüten auf, ihr Klassiker in Windeln, ihr Romantiker in Leichentüchern! – Vorwärts! Komme, was da will!

Alle diese Leute werden uns vielleicht vorwerfen, wir machten's wie gewisse Menschen, die mit lustigem Gesicht sagen: »Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen – da werden Sie aber lachen!« Als ob es sich um etwas zum Lachen handelte, wenn man von der Ehe spricht! Erraten Sie denn nicht, dass wir diese als eine leichte Krankheit ansehen, der wir alle unterworfen sind, und dass dieses Buch die Monografie besagter Krankheit ist?

»Aber Sie selber, Ihr Schiff oder Ihr Buch sehen aus wie jene Postillione, die bei der Abfahrt mit der Peitsche knallen, weil sie Engländer im Wagen haben. Sie werden noch keine halbe Meile in gestrecktem Galopp gefahren sein, so werden Sie schon absteigen, um einen Strang wieder in Ordnung zu bringen oder Ihre Pferde verschnaufen zu lassen. Warum die Trompete blasen, ehe der Sieg erfochten ist?«

Ei, liebe Pantagruelisten! Heutzutage genügt es, nach einem Erfolg zu streben, um ihn zu erhalten; und da schließlich große Werke vielleicht nichts weiter sind als langatmig ausgeführte kleine Ideen, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht versuchen sollte, Lorbeeren zu pflücken – wär's auch nur, um damit die scharf gesalzenen Schinken zu umkränzen, die uns helfen werden, mit wackerem Durst den Topf leer zu schlürfen. Einen Augenblick noch, Lotse! Ehe wir abfahren, wollen wir noch eine kleine Definition geben: Leser, wenn ihr von Zeit zu Zeit, wie in der Welt, in diesem Werk den Worten ›Tugend‹ oder ›tugendhafte Frauen‹ begegnet, so soll unter dieser Tugend nichts weiter verstanden sein, als jene mühselige Leichtigkeit, womit eine Gattin ihr Herz einem Gatten bewahrt – es sei denn, dass das Wort in einem allgemeinen Sinn angewandt werde: diese Unterscheidung ist dem natürlichen Scharfsinn eines jeden anheimgestellt.

Ehestatistik

Seit ungefähr zwanzig Jahren beschäftigt sich die Staatsverwaltung mit der Untersuchung, wie viele Hektare Wald, Wiesen, Weinberge, Brachland der Boden Frankreichs enthält. Aber sie ist auch dabei noch nicht stehen geblieben, sie hat Zahl und Art des Viehstandes festgesetzt. Die Gelehrten sind noch weiter gegangen: sie zählten die Klafter Holz, die Kilogramme Rindfleisch, die Liter Wein, die Kartoffeln und die Eier, die in Paris verzehrt werden. Aber niemand ist bis jetzt auf den Gedanken gekommen, zur Ehre der Ehe oder im Interesse der Leute, die sich verheiraten wollen, oder zum Nutzen der Moral und der Vervollkommnung menschlicher Einrichtungen die Zahl der anständigen Frauen festzustellen. Wie? Auf eine Anfrage würde das französische Ministerium antworten können, es habe soundso viel Soldaten unter den Waffen, soundso viel Spione, soundso viel Beamte, soundso viel Schüler – und über die tugendhaften Frauen nichts? Wenn ein König von Frankreich den Einfall bekäme, sich seine erhabene Lebensgefährtin unter seinen Untertaninnen zu suchen, dann könnte die Regierung ihm nicht einmal die Herde weißer Schafe bezeichnen, unter denen er seine Wahl zu treffen hätte? Sie wäre genötigt, eine Art von Rosenmädchen-Preisbewerbung auszuschreiben – und das wäre ja lächerlich.

So wären also die Alten unsere Meister in politischen Einrichtungen so gut wie auf dem Gebiet der Moral? Die Weltgeschichte lehrt uns, dass Asverus, als er unter den Töchtern Persiens eine Frau nehmen wollte, Esther wählte, die tugendhafteste und schönste. Seine Minister mussten also notwendigerweise irgendein Verfahren ausfindig gemacht haben, um von der Bevölkerung den Rahm abzuschöpfen. Unglücklicherweise hat die Bibel, die sonst in allen Eheangelegenheiten sich so klar ausdrückt, es unterlassen, dieses Gesetz der ehelichen Auslese uns mitzuteilen.

Versuchen wir, da die Regierung sich über diese Frage ausschweigt, die Lücke auszufüllen, indem wir die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in Frankreich zahlenmäßig feststellen. Wir wenden uns damit an die Aufmerksamkeit aller Freunde der öffentlichen Moral und rufen sie als Richter über unser Verfahren an. Wir werden versuchen, in unsern Schätzungen nicht kleinlich und in unsern Folgerungen möglichst genau zu sein, weil wir wünschen, dass das Ergebnis dieser Untersuchung allgemein anerkannt werde.

Man rechnet im Allgemeinen die Einwohnerzahl Frankreichs zu dreißig Millionen.

Einige Naturwissenschaftler meinen, die Zahl der Frauen übersteige die der Männer; da aber viele Statistiker der entgegengesetzten Ansicht sind, so bedienen wir uns der Wahrscheinlichkeitsrechnung und nehmen die Zahl der Frauen zu fünfzehn Millionen an.

Von dieser Gesamtsumme ziehen wir zunächst ungefähr neun Millionen Geschöpfe ab, die auf den ersten Anblick eine ziemlich große Ähnlichkeit mit der Frau zu haben scheinen, die aber eine tiefer eindringende Prüfung uns zurückzuweisen nötigt.

Nämlich:

Die Naturforscher sehen im Menschen nur eine einzige Gattung der Ordnung Zweihänder, die von Duméril in seiner ›Analytischen Zoologie‹, Seite 16, aufgestellt ist und welcher Bory-Saint-Vincent, angeblich um sie zu vervollständigen, noch die Gattung Orang glaubte hinzufügen zu müssen.

Wenn diese Zoologen in uns nur ein Säugetier sehen, das zweiunddreißig Wirbel, ein Zungenbein und mehr Gehirnwindungen hat als irgendein anderes Tier; wenn für sie in dieser Ordnung keine anderen Unterschiede bestehen, als die durch klimatische Einflüsse hervorgerufenen, die zur Einteilung in fünfzehn verschiedene Rassen führten, deren wissenschaftliche Namen ich nicht anzuführen brauche – so muss auch der Physiologe das Recht haben, nach gewissen Abstufungen der Intelligenz und nach gewissen moralischen und pekuniären Daseinsbedingungen seine Arten und Unterarten aufzustellen.

Nun bieten allerdings die neun Millionen Wesen, um die es sich hier handelt, auf den ersten Anblick alle dem Menschengeschlecht zugeschriebenen Merkmale: Sie haben das Zungenbein und den Jochbogen. Es sei also den Herren vom Zoologischen Garten erlaubt, sie zur Gattung Zweihänder zu rechnen; aber dass wir in ihnen Frauen sehen sollten – das wird unsere Physiologie niemals zugeben!

Für uns und für die, denen dieses Buch zugedacht ist, ist eine Frau eine seltene Spielart der Gattung Mensch, und ihre hauptsächlichsten physiologischen Merkmale sind folgende:

Wir verdanken diese Abart der besonderen Sorgfalt, die die Menschen, dank der Macht des Goldes und der moralischen Wärme der Kultur, auf ihre Aufzucht haben verwenden können. Man erkennt sie im Allgemeinen an der Weiße, Reinheit und Weichheit der Haut. Sie hat eine angeborene Vorliebe für eine köstliche Reinlichkeit. Ihre Finger mögen nichts anderes berühren als glatte, weiche, duftende Gegenstände. Wie das Hermelin stirbt sie zuweilen vor Schmerz, wenn sie ihr weißes Kleid besudelt sieht. Sie liebt es, ihre Haare zu strählen, sie betäubende Düfte aushauchen zu lassen, ihre rosigen Nägel zu bürsten, sie mandelförmig zu beschneiden, oftmals ihre zarten Glieder zu baden. Nachts ist ihr nur das weichste Daunenlager behaglich, tags nur ein gut gepolsterter Diwan; daher bevorzugt sie denn auch von allen Lagen die horizontale. Ihre Stimme ist von einer durchdringenden Süße, ihre Bewegungen sind anmutig. Sie spricht mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Sie widmet sich keiner mühevollen Arbeit; und trotzdem, trotz ihrer anscheinenden Schwäche gibt es Lasten, die sie mit einer fabelhaften Leichtigkeit zu tragen und zu bewegen weiß. Sie flieht den Glanz der Sonne und schützt sich davor durch sinnreiche Vorrichtungen. Gehen ist für sie eine Anstrengung. Isst sie? Das ist ein Geheimnis. Teilt sie die Bedürfnisse der anderen Menschenrassen? Das ist ein Problem. Überaus neugierig, lässt sie sich leicht von jemandem fangen, der ihr auch nur die geringste Kleinigkeit zu verbergen weiß – denn ihr Geist treibt sie unaufhörlich, das Unbekannte zu suchen. Lieben ist ihre Religion: sie denkt nur daran, dem zu gefallen, den sie liebt. Geliebt zu werden, ist der Zweck aller ihrer Handlungen; Begierden zu erregen der Zweck aller ihrer Bewegungen. Daher denkt sie auch nur an die Mittel, durch die sie glänzen kann; sie bewegt sich nur in einer Sphäre von Anmut und Eleganz; für sie hat die junge Inderin das weiche Haar der Tibet-Ziege gesponnen, webt Tarare seine luftzarten Schleier, lässt Brüssel seine Klöppelnadeln mit dem reinsten und dünnsten Flachs hin und her schießen, entreißt Bisapur den Eingeweiden der Erde funkelnde Kiesel, vergoldet Sèvres seinen weißen Ton. Tag und Nacht denkt sie über neuen Putz nach, bringt ihr Leben damit zu, ihre Röcke stärken zu lassen, ihre Busentücher zu zerknittern. Glänzend und frisch zeigt sie sich Unbekannten, deren Huldigungen ihr schmeicheln, deren Wünsche sie entzücken, selbst wenn die Betreffenden ihr gleichgültig sind. Die Stunden, die die Pflege ihres Leibes und die Sinnenlust ihr übrig lassen, verwendet sie darauf, die süßesten Melodien zu singen: für sie ersinnen Frankreich und Italien ihre köstlichen Konzerte, gibt Neapel den Saiten eine harmonische Seele. Mit einem Wort: Diese Abart des Menschen, die Frau, ist die Königin der Welt und die Sklavin eines Wunsches. Sie fürchtet sich vor der Ehe, weil diese ihr schließlich den Wuchs verderben würde; aber sie gibt sich ihr hin, weil sie das Glück verspricht. Wenn sie Kinder bekommt, geschieht es durch reinen Zufall; und wenn sie groß sind, verbirgt sie sie.

Finden diese Züge, die wir auf gut Glück unter tausend herausgreifen, sich bei jenen Geschöpfen wieder, deren Hände schwarz sind wie Affenhände, deren gegerbte Haut an alte Pergamente aus Olims Zeit erinnert; deren Gesicht von der Sonne verbrannt, deren Hals runzlig ist wie ein Truthahnhals? Deren Stimme ein Gekrächze, deren Intelligenz gleich null, deren Geruch unerträglich ist? Die mit Lumpen bedeckt sind; die nur an ihren Backtrog denken; die fortwährend mit krummem Rücken die Erde bearbeiten; die hacken, eggen, heuen, Ähren lesen, mähen, Brot kneten, Hanf pochen? Die in einem kunterbunten Durcheinander mit Vieh, Kindern und Männern in Löchern wohnen, wo sie kaum ein Strohbund haben? Denen es endlich wenig darauf ankommt, wenn es ihnen Kinder ins Haus regnet? Viele Kinder zu erzeugen, um viele dem Elend und der Arbeit zu überliefern, ist ihre ganze Aufgabe; und wenn sie ihre Liebe nicht als eine Arbeit betrachten wie die Feldarbeit, so ist sie zum Mindesten eine Spekulation.

Ach! Wenn es auf der ganzen Welt Kaufmannsfrauen gibt, die den ganzen Tag zwischen Kerzen und Farinzucker sitzen; Pächterfrauen, die Kühe melken; Unglückliche, die man in den Fabriken als Lasttiere benutzt, oder die mit Hacke, Hucke und Gemüsekorb sich schleppen; wenn es unglücklicherweise nur zu viele gemeine Geschöpfe gibt, für die das Leben der Seele, die Wohltaten der Erziehung, die köstlichen Stürme des Herzens ein unerreichbares Paradies sind, und wenn die Natur gewollt hat, dass sie ein Zungenbein und zweiunddreißig Wirbel haben – so mögen sie für den Physiologen in der Gattung Orang verbleiben! Hier beschäftigen wir uns nur mit den Müßigen; mit denen, die Zeit und Geist haben, um zu lieben; mit den Reichen, die sich um ihr Geld den Besitz der Leidenschaften erworben haben; mit den Geistigen, die sich das Monopol fantastischer Träume gewonnen haben. Verflucht sei alles, was nicht geistig lebt! Sagen wir ›Racha!‹ und wieder ›Racha!‹ zu allem, was nicht heißblütig, jung, schön und leidenschaftlich ist! Dies ist der öffentliche Ausdruck für das geheime Gefühl der Menschenfreunde, die lesen können oder sich eigene Equipage zu leisten vermögen. In den von uns mit dem Bann belegten neun Millionen sehen der Steuereinnehmer, der Verwaltungsbeamte, der Gesetzgeber, der Priester ohne Zweifel Seelen, Untertanen, Gerichtssassen, Steuerpflichtige – aber der feinfühlige Mensch, der Boudoir-Philosoph essen wohl das Kaffeebrötchen aus dem von jenen Geschöpfen gesäten und geernteten Korn, aber sie werden sie, wie wir es tun, aus der Gattung ›Frau‹ ausschließen. Für sie ist ›Frau‹ nur eine solche, die Liebe einflößen kann; daher gibt's als Frau nur ein Geschöpf, das durch eine gewählte Erziehung zum Priestertum des Gedankens geweiht ist; in dem der Müßiggang alle Macht der Einbildungskraft entwickelt hat – mit einem Wort ein Wesen, dessen Seele in der Liebe ebenso hohe geistige Genüsse wie körperliche Wonnen erträumt.

Wir wollen indessen darauf hinweisen, dass diese neun Millionen weiblicher Parias hier und da einige Tausend Bauernmädchen hervorbringen, die seltsamerweise schön wie Liebesgöttinnen sind; diese kommen nach Paris oder in andere große Städte und steigen schließlich zum Rang feiner Damen empor; aber auf diese zwei oder dreitausend Bevorzugte kommen hunderttausend andere, die Dienstmädchen bleiben oder sich einem schrecklichen Lasterleben ergeben. Trotzdem wollen wir dem weiblichen Pöbel diese Dorf-Pompadours in Rechnung stellen.

Diese unsere erste Berechnung gründet sich auf die statistisch festgestellte Tatsache, dass es in Frankreich achtzehn Millionen Arme, zehn Millionen Wohlhabende und zwei Millionen Reiche gibt.

Es sind also in Frankreich nur sechs Millionen Frauen vorhanden, mit denen feinfühlige Männer sich beschäftigen, sich beschäftigt haben oder sich beschäftigen werden.

Unterziehen wir diese gesellschaftliche Auslese einer philosophischen Prüfung!

Wir sind – ohne Widerspruch zu befürchten – der Meinung, dass die Ehemänner, die eine zwanzigjährige Ehe hinter sich haben, ruhig schlafen dürfen, und nicht mehr Übergriffe der Liebe und den Skandal eines Prozesses wegen strafbaren Verkehrs zu befürchten brauchen. Von diesen sechs Millionen muss man also ungefähr zwei Millionen Frauen abziehen, die außerordentlich liebenswürdig sind, weil sie mit vierzig Jahren und darüber die Welt gesehen haben; da sie aber keine Herzen mehr in Wallung bringen können, so kommen sie für die vorliegende Frage nicht in Betracht. Nenn sie das Unglück haben, dass ihre Gesellschaft nicht wegen ihrer Liebenswürdigkeit gesucht wird, so packt sie die Langeweile; sie verlegen sich auf Frömmigkeit, Katzen, Hündchen und andere Liebhabereien, die sie nur vor Gott zu verantworten haben.

Die vom Statistischen Amt angestellten Berechnungen der Bevölkerung berechtigen uns, von der Gesamtzahl ferner zwei Millionen kleiner Mädchen abzuziehen; sie sind zum Anbeißen hübsch, aber sie stehen noch beim Abc des Lebens und spielen in aller Unschuld mit anderen Kindern, ohne eine Ahnung zu haben, dass sie über diese kleinen ›Mannis‹, über die sie jetzt lachen, eines Tages weinen werden.

So bleiben also zwei Millionen Frauen. Welcher vernünftige Mensch wird uns nicht zugeben, dass hiervon hunderttausend arme Mädchen abzuziehen sind: Hässliche, Bucklige, Hysterische, Rachitische, Kranke, Blinde, Verkrüppelte, Arme? Sie alle sind Mädchen von guter Erziehung, aber sie alle bleiben Mädchen und können infolgedessen gegen die heiligen Gesetze der Ehe nicht verstoßen.

Wird man uns hunderttausend andere Mädchen abstreiten: Schwestern der Heiligen Camilla, barmherzige Schwestern, Nonnen, Lehrerinnen, Gesellschaftsfräuleins usw.? In die fromme Nachbarschaft dieser Mädchen wollen wir die ziemlich schwer zu bestimmende Zahl von solchen stellen, die zu groß sind, um noch mit kleinen Jungen zu spielen, und noch zu jung, um schon ihre Orangeblütenkränze entblättern zu lassen.

Endlich wollen wir von den fünfzehnhunderttausend Frauen, die wir in unserm Probiertiegel haben, noch fünfhunderttausend abziehen: die Töchter Baals, an denen die wenig zartfühlenden Männer ihr Vergnügen haben. Wir wollen sogar – ohne zu befürchten, dass sie sich gegenseitig etwas zuleide tun könnten – zu ihnen noch hinzurechnen: die ausgehaltenen Frauen, die Modistinnen, Laden- und Geschäftsmädchen, Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen, Statistinnen, Haushälterinnen, Dienstmädchen usw. Die meisten von diesen Geschöpfen wissen auch ihre Leidenschaften zu erregen, aber sie finden es unanständig, für den Tag und Augenblick, wo sie sich ihrem Liebhaber ergeben, einen Notar, einen Bürgermeister, einen Geistlichen und eine ganze Schar lachlustiger Menschen vorher zu bestellen. Ihr System, das von einer neugierigen Gesellschaft mit Recht verdammt wird, bietet den Vorteil, sie gegen die Männer, gegen den Herrn Bürgermeister, gegen die hohe Justiz zu nichts zu verpflichten. Da sie nun in keiner Weise gegen einen von der Behörde vorgeschriebenen Eid verstoßen, so haben diese Frauen nichts mit einem Werk zu schaffen, das ausschließlich den legitimen Ehen geweiht ist.

Man wird vielleicht sagen, auf diese Weise beschränkten wir uns auf ein recht kleines Stoffgebiet für das Thema, das dieser Betrachtung zugrunde liegt – dafür wird aber dieses Kapitel einen Ausgleich bilden für andere, die nach der Meinung von Liebhabern zu sehr anschwellen könnten. Sollte jemand eine reiche Witwe, die er liebt, gerne zu der verbleibenden Million gerechnet wissen wollen, so kann er sie auf das Kapitel der Barmherzigen Schwestern, der Ballettmädchen oder Buckligen anrechnen. Endlich müssen wir darauf aufmerksam machen, dass wir für unsere letzte Kategorie nur fünfhunderttausend in Anspruch genommen haben, weil es oftmals vorkommt – wie wir bereits oben gezeigt haben, dass die neun Millionen Bäuerinnen sie um eine beträchtliche Anzahl vermehren. Aus demselben Grunde haben wir die arbeitende Klasse und den kleinen Bürgerstand nicht berücksichtigt: Die Frauen dieser beiden Gesellschaftsstände sind das Produkt der Anstrengungen, die die neun Millionen weiblicher Zweihänder machen, um sich zu den hohen Regionen der Zivilisation zu erheben. Wenn wir nicht diese peinliche Genauigkeit übten, würden viele Leute diese statistische Betrachtung als einen Scherz ansehen.

Wir hatten auch daran gedacht, eine kleine Sonderabteilung von hunderttausend Frauen zu bilden, eine Art Amortisationskasse der Frauenrasse, ein Asyl für Frauen, die man als eine Art Zwitterwesen betrachten muss, wie z. B. die Witwen; aber wir haben es vorgezogen, nur mit runden Summen zu rechnen.

Die Richtigkeit unserer Analyse lässt sich leicht nachweisen; es genügt dazu eine einzige Überlegung:

Das Leben der Frau zerlegt sich in drei genau abgegrenzte Zeitabschnitte: Der erste beginnt mit der Wiege und schließt mit der Erreichung des Alters der Heiratsfähigkeit; der zweite umfasst die Zeit, während welcher eine Frau für die Ehe in Betracht kommt; der dritte beginnt mit dem kritischen Alter, der ziemlich brutalen Aufforderung der Natur an die Leidenschaften, dass sie nunmehr aufzuhören hätten. Da diese drei Lebensabschnitte an Zeitdauer so ziemlich gleich sind, so muss durch sie die vorhandene Anzahl aller Frauen ebenfalls in drei ziemlich gleiche Teile zerlegt werden. So findet man also in einer Gesamtzahl von sechs Millionen – abgesehen von den Bruchzahlen, die die Herren Gelehrten berechnen mögen – ungefähr zwei Millionen Mädchen von einem bis zu achtzehn Jahren, zwei Millionen Frauen von mindestens achtzehn bis höchstens vierzig Jahren und zwei Millionen Alte. Die Launen unseres Gesellschaftszustandes haben nun die zwei Millionen heiratsfähiger Frauen in drei große Kategorien geteilt, nämlich: Diejenigen, die aus den von uns angeführten Gründen Mädchen bleiben; diejenigen, auf deren Tugend es für Ehemänner wenig ankommt; und endlich die Million legitimer Frauen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben.

Wie man aus dieser ziemlich genauen Berechnung der weiblichen Bevölkerung ersieht, ist in Frankreich kaum eine kleine Herde von einer Million weißer Schafe vorhanden – der privilegierte Schafstall, in den alle Wölfe einbrechen möchten!

Nun wollen wir diese Million Frauen, die wir bereits mittels der Worfschaufel gesichtet haben, noch durch ein anderes Seihtuch passieren lassen:

Um den Grad des Vertrauens, das ein Mann in seine Frau setzen darf, möglichst richtig abzuschätzen, wollen wir einen Augenblick annehmen, dass alle diese Gattinnen ihren Gemahl betrügen.

Wenn wir diese Hypothese aufstellen, werden wir billigerweise ungefähr ein Zwanzigstel abrechnen müssen: die jungen Personen, die erst ganz kurze Zeit verheiratet sind und ihren Schwüren wenigstens eine gewisse Zeit lang treu bleiben werden.

Ein anderes Zwanzigstel wird auf Kranke zu rechnen sein. Damit räumen wir den menschlichen Schmerzen einen recht geringen Teil ein.

Gewisse Leidenschaften, die, wie man sagt, die Herrschaft des Mannes über das Frauenherz zerstören, Hässlichkeit, Sorgen, Schwangerschaften, nehmen ebenfalls ein Zwanzigstel für sich in Anspruch.

Der Ehebruch dringt einer verheirateten Frau nicht ins Herz, wie eine Pistolenkugel trifft. Selbst wenn durch Wahlverwandtschaft schon beim ersten Anblick Gefühle erwachen sollten, so findet doch stets ein Kampf statt, der bei der Bemessung der Gesamtsumme ehelicher Treulosigkeiten in Anschlag zu bringen ist. Es hieße fast die Schamhaftigkeit der Französinnen beleidigen, wollten wir nicht die Zeitdauer dieser Kämpfe in einem von Natur so kriegerisch veranlagten Land bei unserer Rechnung berücksichtigen, indem wir ein Zwanzigstel von der Gesamtsumme der Frauen in Abzug bringen; dann aber werden wir freilich annehmen, dass gewisse kranke Frauen allen Medizinflaschen zum Trotz ihre Liebhaber beibehalten, und dass es Frauen gibt, über deren Schwangerschaft dieser oder jener boshafte Junggeselle lächelt. Auf diese Weise retten wir die Scham der Frauen, die für die Tugend kämpfen.

Aus demselben Grund wollen wir nicht zu glauben wagen, dass eine von ihrem Liebhaber verlassene Frau hic et nunc einen anderen findet; da aber dieser Ausfall notwendigerweise viel geringer ist, als der vorher erwähnte, so wollen wir ihn auf ein Vierzigstel schätzen.

Diese Einschränkungen werden unsere Gesamtzahl von Frauen, die imstande sind, das eheliche Gesetz zu übertreten, auf achthunderttausend herunterbringen.

Wer würde jetzt nicht überzeugt sein, dass diese Frauen tugendhaft sind?

Sind sie nicht die Blüte des Landes? Sind sie nicht alle in ihrer Vollkraft, entzückend, berauschend durch Schönheit, Jugend, Leben und Liebe? An ihre Tugend zu glauben, ist eine Art gesellschaftlicher Religion; denn sie sind der Schmuck der Welt und Frankreichs Ruhm.

In dieser Million also haben wir zu suchen:die Zahl der anständigen Frauen,die Zahl der tugendhaften Frauen.

Diese Untersuchung und diese beiden Kategorien verlangen jede für sich eine vollständige Betrachtung; diese Betrachtungen werden einen Anhang zu diesem letzten Kapitel bilden.

Die anständige Frau

Die vorhergehende Betrachtung hat uns gezeigt, dass wir in Frankreich eine Durchschnittszahl von einer Million Frauen besitzen, die das Vorrecht ausbeuten, Leidenschaften einzuflößen, die ein galanter Mann ohne Scham eingesteht oder mit Vergnügen verbirgt. Diese Million Frauen müssen wir also mit unserer Diogenes-Laterne beleuchten, um die anständigen Frauen unseres Landes herauszufinden.

Diese Untersuchung veranlasst uns jedoch zunächst zu einigen Abschweifungen.

Zwei gut gekleidete junge Herren, die mit ihrer schlanken Figur und ihren vorgebogenen Armen wie die Rammjungfer eines Straßenpflasterers aussehen, und deren Stiefel von hervorragender Eleganz sind, treffen sich eines Morgens auf dem Boulevard bei der Panoramapassage.

»Schau, du bist's!«

»Jawohl, mein Lieber; ich seh' mir ähnlich, nicht wahr?«

Und ein mehr oder weniger geistreiches Lachen, je nach der Güte des Scherzes, der die Unterhaltung eröffnet hat.

Nachdem sie sich mit der Neugier eines Gendarms, der einen Arrestanten mit der Personalbeschreibung eines Steckbriefes vergleicht, gegenseitig gemustert haben; nachdem sie sich überzeugt haben, dass beiderseits Handschuhe und Westen tadellos neu, dass ihre Krawatten mit der ganzen Grazie der letzten Mode gebunden sind; und nachdem sie sich einigermaßen vergewissert haben, dass keiner von ihnen im ›Dalles‹ ist – gehen sie Arm in Arm den Boulevard entlang und sind noch nicht bei Frascati, so haben sie schon eine etwas knollige Frage aneinander gerichtet, deren freie Übersetzung lautet:

»Mit wem sind wir augenblicklich verheiratet?«

Allgemeine Regel: Es ist stets eine reizende Frau.

Welchem Pariser Spaziergänger wären nicht Tausende von Worten, die die Luft durchschwirren wie Kugeln an einem Schlachttage, in die Ohren geklungen? Und wer hätte nicht von diesen unzähligen Worten, die nach Rabelais' Ausdruck in der Luft gefroren sind, das eine oder andere erhascht? Aber die meisten Menschen spazieren in Paris herum, wie sie essen, wie sie leben – nämlich ohne sich was dabei zu denken. Es gibt wenig geschickte Musiker, wenig geübte Physiognomiker, die die Tonart dieser verstreuten Noten festzustellen, die Leidenschaft, der sie entstammen, zu erkennen vermögen. Oh! In Paris herumstreifen – anbetungswürdiges und köstliches Dasein. Flanieren ist eine Wissenschaft, ist die Feinschmeckerei des Auges. Spazierengehen ist vegetieren; Flanieren ist leben. Die junge hübsche Frau, die jahrelang glühenden Augen zur Weide dient, könnte viel eher Anspruch auf eine Belohnung machen, als der Garkoch, der dem mit weit aufgeblähter Nase die nahrhaften Düfte einsaugenden Limousiner zwanzig Sous abverlangte. Flanieren heißt genießen, heißt geistreiche Beobachtungen einheimsen, heißt erhabene Gemälde des Unglücks, der Liebe, der Freude, anmutige oder komische Porträts bewundern, heißt seine Blicke in die Tiefen von tausend Existenzen tauchen – heißt, solange man jung ist, alles begehren, alles besitzen; heißt, wenn man alt ist, das Leben eines Jünglings führen, die Leidenschaften eines Jünglings empfinden. Wie viele Antworten auf die kategorische Frage, die uns zu dieser Abschweifung veranlasste, hat nicht ein Flanierkünstler gehört!

»Sie ist fünfunddreißig Jahre alt, aber du würdest ihr keine zwanzig geben!«, sagt ein siedend-heißer junger Mensch mit funkelnden Augen, eben vom Gymnasium gekommen, der wie Cherubin alle Frauen küssen möchte.

»Was meinst du wohl! wir haben Batist-Morgenröcke und Nachtringe mit Diamanten!«, sagt ein Advokatenschreiber.

»Sie hat Pferd und Wagen und eine Loge im Français!«, sagt ein Militär.

»Einer wie ich!«, ruft ein anderer, etwas älterer, der, wie es scheint, auf einen Angriff antwortet; »mir kostet das keinen Sou! Wenn man ein Kerl ist wie ich! ... was würdest du an meiner Stelle anfangen, mein würdiger Freund?«

Und dabei gibt der Herr seinem Kameraden einen leichten Schlag mit der flachen Hand auf den Bauch.

»Oh! Sie liebt mich!«, sagt ein anderer. »Und wie! – man kann sich keinen Begriff davon machen; aber sie hat den dümmsten Mann von der Welt. Ah! Buffons Beschreibung der Tiere ist ganz ausgezeichnet, aber der Zweifüßler, Ehemann genannt ...«

Wie angenehm es ist, so etwas zu hören, wenn man verheiratet ist!

»Oh! Mein liebet Freund, wie ein Engel!«, ist die Antwort auf eine diskret ins Ohr geflüsterte Frage.

»Kannst du mir ihren Namen nennen oder sie mir zeigen?«

»Oh nein! sie ist eine anständige Frau.«

Wenn ein Student von einer Kellnerin geliebt wird, nennt er sie mit Stolz und führt seine Freunde hin, um bei ihr zu frühstücken. Wenn ein junger Mann eine Frau liebt, deren Mann mit allernotwendigsten Lebensbedürfnissen handelt, wird er auf eine solche Frage errötend antworten: »Sie ist Wäschenäherin, sie ist die Frau eines Buchbinders, eines Strumpfwirkers, eines Tuchhändlers, eines Kanzleirats« usw.

Aber dieses Geständnis einer in untergeordneten Kreisen sich bewegenden Liebe, die unter Warenballen, Zuckerhüten oder Flanell-Kamisolen aufgeblüht und groß geworden ist, begleitet stets eine pomphafte Lobpreisung des Vermögens der Dame. Nur der Mann befasst sich mit dem Geschäft, er ist reich, er hat schöne Möbel; übrigens kommt die Herzallerliebste zu ihrem Liebhaber; sie hat einen Kaschmirschal, ein Landhaus usw.