Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Klavier schaute harmlos aus. Es gab dem neuen Heim einen edlen Anstrich. Und es erschien als Lösung vieler Probleme. Doch manchmal haben auch Instrumente eine Geschichte. Manchmal haben sie auch einen Charakter. Als die junge Familie einen Flügel kaufte, ahnte sie nicht, dass für sie eine lange Reise ins Grauen beginnen sollte.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Uwe Frankenhauser
Piano Morte
Der Teufel steckt im Klavier
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prelude
Teil: Trauma
II.Teil: Inkubation
III.Teil: Krisis
Nachspiel
Impressum neobooks
„Es gibt mehr Götzen als Realitäten in der Welt: Das ist mein „böser Blick“ für diese Welt, das ist auch mein „böses Ohr“ … Hier einmal mit dem Hammer Fragen stellen und, vielleicht, als Antwort jenen berühmten hohlen Ton hören, der von geblähten Eingeweiden redet.“
Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung
„Er war auf eine neue Art langweilig, was dazu führte, daß ihn viele für groß hielten.
Samuel Johnson (1709 - 1784)
Gähnen zeugt zwar von schlechten Manieren, ist aber eine ehrliche Meinungsäußerung
Autor unbekannt
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.
Piano Morte: Der Teufel steckt im Klavier
Von Uwe Frankenhauser
Das Konzert neigte sich langsam dem Höhepunkt zu. Das Stück war besonders schwierig und forderte das ganze Können und Einfühlungsvermögen des grauhaarigen, hageren Pianisten. Er war einmal ein vielversprechendes Talent gewesen. Jetzt aber war er alt und müde. An die Stelle von Inspiration und Leidenschaft waren Präzision und technische Perfektion getreten, die er mit Emotion verwechselte. Und immer öfter standen seine steifen Finger und sein verbrauchter Leib dem Anspruch, den er an sich selber stellte, im Wege. Aber neben der Anerkennung als Pianist konnte er auch das Geld nur zu gut gebrauchen. Daher musste er oft an Wochenenden Konzerte geben. In kleinen Konzertsälen oder Lokalen. Je länger die Zeit voranschritt, desto kleiner und schäbiger wurden die Veranstaltungsorte. Es fehlte nicht viel und er würde als Alleinunterhalter auf Partys zu buchen sein. Im Geiste sah er sich auf Hochzeitsgesellschaften mit den Brautleuten ums Geld feilschen. Ihm schauderte vor diesem Gedanken. Noch war es aber zum Glück nicht so weit. Sein Ruf reichte wenigstens noch, einen Saal zu füllen.
Er hatte Stammpublikum. Neben seiner Tochter und deren Ehemann waren das vorwiegend ältere Leute, die immer wieder seine Vorstellungen besuchten und ihn schon seit Jahren kannten. Es waren allesamt Menschen, die nicht „nein“ sagen konnten, wenn er sie zu einem seiner Konzerte einlud: enge Freunde, Bekannte und Verwandte. Natürlich war die Einladung nur nominell und die Leute mussten den vollen Eintrittspreis bezahlen. Auch waren die Meinungen über seine Kunst geteilt. Nicht umsonst besagt ein altes Sprichwort, dass es so viele Geschmäcker gäbe wie Menschen und man sich darüber nicht streiten solle.
Auch an diesem Tag waren seine Stammhörer wieder vollzählig versammelt und lauschten mit mehr oder weniger großem Interesse den Sonaten und Etüden, die der Meister vortrug. Manche von ihnen hatten ihre Kinder oder Enkel mitgenommen, damit auch diese in den Genuss von etwas Bildung kommen würden. Und vielleicht waren sie ja dadurch auch zum Erlernen des Instrumentes zu animieren. Die Kinder sorgten jedoch für Unruhe im Publikum, da sie nicht lange ruhig bleiben konnten und es daher öfter vorkam, dass sie quengelten, sich lauthals bemerkbar machten oder auf die Toilette mussten. Je länger das Konzert andauerte, desto größer wurde die Unruhe im Saal. Der Alte vermochte schon lange nicht mehr, sein Publikum vollständig in Bann zu ziehen.
Nicht nur der Pianist und das Publikum waren in die Jahre gekommen. Das Gleiche galt auch für den winzigen Saal im Anbau eines kleinen Hotels, das den Mann gebucht hatte, um seinen Gästen etwas Abwechslung in der Nebensaison zu bieten. An manchen Stellen waren die Bezüge der Stühle schon abgewetzt und gaben den Blick auf die Polsterung frei. Die Sitze selbst waren schmale Blechgestelle und für sehr füllige Zuschauer nicht geeignet. Beleibtere Personen saßen wie in einer Falle fest. Die Polsterung war zum großen Teil schon durchgesessen und daher entsprechend unbequem. Es war schon kein Vergnügen, für die Dauer einer Mahlzeit darauf zu sitzen, geschweige denn einen ganzen Abend lang. Der Teppichboden war überall fleckig und an manchen Stellen durch die Reinigungskräfte schon durchgescheuert worden. Die Geschäfte liefen schlecht und neue Teppiche waren nicht drin. Ohne Subventionen der Kirche, welche die Eigentümerin des Etablissements war, hätte das Hotel schon lange schließen und die zwanzig Mitarbeiter heimschicken müssen. Zum Glück war das Licht etwas gedämpft, so dass man das ganze Ausmaß des Verfalls nicht sofort erkennen konnte. Die Realität wurde einem daher umso schmerzlicher bewusst, wenn das Licht nach der Vorstellung wieder anging. Oder wenn man in der Pause an der provisorischen Snackbar – zwei zusammengeschobenen Tischen mit einer Papiertischdecke - ein Glas Sekt holte. Die Zeiten, in denen der Musiker in schönen, neuen und vor allem großen Sälen vor viel Publikum aufgetreten war, waren unwiderruflich vorbei. Immer wenn er an seine früheren Erfolge dachte, wurde ihm schwer ums Herz. Ob er jemals wieder daran anknüpfen könnte?
Der Pianist gab sein Bestes, um die neunte Sonate von Scriabin in die düsteren und unheimlichen Bilder umzusetzen, die dem Thema einer Schwarzen Messe angemessen waren. Er setzte zu einer Reihe kräftiger Staccatos an, die die schaurigen Opferrituale in furchterregende Bilder umsetzen sollten. Kein Zuhörer sollte aus seinem Konzert gehen, ohne innerlich aufgewühlt und bewegt zu sein. Sie sollten die Schmerzen und Leiden des Opfers hautnah miterleben. Seine Finger wirbelten über die Tastatur und teilweise hatte es den Anschein, als ob es sich um zehn voneinander unabhängige Einheiten handelte. In scheinbar größter Erregung sausten die Finger der rechten Hand wild über die Tasten, um dann in einem gut berechneten Moment übers Kreuz auf die linke Seite zu wandern und eine einzelne Taste anzuschlagen. Das ganze Manöver erfolgte mit einem Gesichtsausdruck, der höchstes Erstaunen darstellen sollte, gerade so, als ob der einzelne Ton, der nun erklang, etwas ganz Besonderes sei. Alles war meisterhaft einstudiert und für den Kenner auch unterhaltsam. Er war zufrieden mit sich. Er gab wieder einmal ein großartiges Konzert. Nur Schade, dass er nicht in einem großen Opernhaus auftrat. Gleich würde er das Übungsstücke Nr. 95 in As-Moll eines weitgehend unbekannten Komponisten spielen. Das Stück war extrem schwierig und daher besonders gut geeignet, seine Fähigkeiten auf dem Tasteninstrument unter Beweis zu stellen. Es musste ja nicht immer etwas bekanntes sein. Mit dem Stück wollte er brillieren.
Doch dann passierte es: Er war gerade richtig in Fahrt, als auf einmal am Rand der mittleren Reihe ein Mobiltelefon zu klingeln begann. Das war schon ärgerlich genug. Aber was dann kam, setzte dem Ganzen die Krone auf: Der Besitzer des Handey, ein älterer Herr, nahm den Anruf auch noch an! Er wagte es, sich am Telefon zu melden und dann auch noch, leise in das Gerät murmelnd, den Saal zu verlassen! Sein Konzert! So ein Banause! Obwohl, dachte er sich, vielleicht war es ja ganz anders, als er sich vorstellte. Sicher war etwas ganz Schlimmes passiert und der Mann konnte einfach nicht anders. Ein Arzt vielleicht, der einen Notruf engegengenommen hatte. Solange sich das nicht wiederholte! Wenigstens hatte keiner gegähnt. Ein Gewirr irritierter Stimmen erhob sich. Bestimmt, dachte sich der Pianist, war das der Unmut der anderen Zuhörer wegen der Störung. Die meisten Zuhörer waren eben doch Kenner und Kunstgenießer. Das eben war sicher ein Einzelfall und die Unruhe würde sich bald legen, sagte sich der Meister. Doch leider blieb es nicht dabei. Im Gegenteil: Weitere Zuhörer schlossen sich dem Mann an und die Reihen leerten sich. Erst langsam, dann immer schneller. Unaufhaltsam. Als ob der „Notarzt“ einen Sog ausgelöst hätte, der nun die anderen bis dahin interessierten Zuhörer erfasste. Der Saal leerte sich weiter, bis nur noch der harte Kern da saß, der aus all den Leuten bestand, die aus persönlichen Gründen nicht gehen konnten. Sie waren alle persönlich eingeladen worden und fühlten sich moralisch verpflichtet, bis zum Ende durchzuhalten.
Verstört brachte der Pianist das Konzert zu Ende. Es wurde keine Zugabe verlangt, wie es sich eigentlich gehörte. Abgesehen davon: Unter diesen Umständen hätte er keine Zugabe gewährt. Das wäre einem schlechten Witz gleichgekommen. Der Mann war fertig mit sich und der Welt. Gebrochen und gedemütigt verließ er den Konzertsaal. Er konnte das nicht verstehen. Er hatte doch meisterhaft gespielt. Sein Scherzando, sein Risoluto und vor allem sein Appassionato waren wirklich hervorragend gewesen. Auf das gemütliche Zusammensein im Restaurant eines gemeinsamen Bekannten, wie er es sonst zu tun pflegte, wollte er heute verzichten. Diese Demütigung würde er sein Leben nicht vergessen können. Das Verhalten des Publikums grenzte für ihn an eine persönliche Beleidigung. Diese Banausen, während des Konzerts reden und auch noch vor dem Ende gehen! Wo blieb denn heutzutage der Anstand? Was verstanden diese Provinzler, diese ungebildeten Banausen, denn schon von echter Musik? Man sollte sie auf den Sitzen festkleben, oder nein, noch besser: man sollte sie alle an die Stühle ketten und den Mund zunähen, damit sie während der Vorführung nicht reden und Lärm machen könnten! Damit sie vor allem konzentriert zuhören würden. Und gehen sollten sie erst dürfen, wenn das Konzert vorüber war. Ganz am Ende. Aber er würde es ihnen heimzahlen, allen von ihnen. Und wenn nicht in diesem, dann in einem anderen Leben.
Mit solchen und ähnlichen tiefschwarzen Gedanken begab er sich in die provisorische Umkleide, wo er seinen Frack ablegen und sich bequemere Alltagskleidung anziehen konnte. Das karge Zimmer, nur mit Spiegel, Tisch und Stuhl ausgestattet und daher ohnehin schon nicht animierend, verstärkte seine morbiden Gedanken noch zusätzlich. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass seine Zeit abgelaufen war. Ab jetzt würde es nur noch bergab geben. Ihm war zu heulen zu Mute. Doch gleichzeitig erhob sich in seiner grenzenlosen Enttäuschung aber auch der unbedingte Willen, es allen noch einmal zu zeigen. Aber so richtig. Er würde noch einmal zurück auf die Bühne kommen. Strahlend und brillant, und alle würden ihn bewundern. Bestimmt!
Als seine Tochter und deren Ehemann ihn unmittelbar nach dem Konzert dort aufsuchten, wurde alles noch schlimmer. Es kostete ihn den Rest seiner Kräfte, sich vor den Beiden keine Blöße zu geben. Sie wollten ihn bewegen, endlich die Konzerte aufzugeben und ein regelmäßigeres Leben als Angestellter in einem Fachgeschäft für Musikinstrumente zu führen. Ohne all die Aufregungen und Entbehrungen, denen Künstler seit jeher unterworfen waren.
Sie meinten es nur gut, erreichten jedoch damit das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigten. Fast wären sie dabei noch aneinandergeraten. Vor allem sein Schwiegersohn ging ihm unheimlich auf die Nerven. Dieser Idiot mit seinen wirtschaftlich rationalen Argumenten. Was hatte das mit Kunst zu tun, mit Musik und Poesie? Als ob nur Zahlen und Fakten zählten. Die Kunst als Gegenstand des Handels? Das war ja lächerlich. Er hielt ihn für einen Ignoranten. Nur die Liebe zu seiner Tochter hielt ihn davon ab, ihm das direkt ins Gesicht zu sagen. Nicht dass das nötig gewesen wäre. Seine Tochter verstand zwar schon, wie wichtig die Musik für ihn und sein Seelenleben war, wollte aber, dass endlich Ruhe in das Leben ihres Vaters einkehrte. Mehr Planbarkeit. Mit einem Job als Pianoverkäufer und Lehrer in einer privaten Musikschule könnte er trotzdem noch für seine Musik leben, hatte sie gemeint. In seiner Freizeit eben. Und auf die Tantiemen wäre er dann nicht mehr so angewiesen. Damit würden etwas Kontinuität und Berechenbarkeit in sein Leben einkehren. Als ob es darauf ankäme. Einfach lächerlich, befand der alte Herr.
Denn Auftritte vor Publikum, im Rampenlicht zu stehen, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen, alle mit seiner Kunst zu begeistern und die Standing Ovations – nur das war ihm wichtig. Wichtiger als Geld und Ruhe allemal. Ausruhen? Das könnte er sich nach dem Tode noch. Da wäre immer noch Zeit genug dafür. Ihm seine Musik nehmen? Das wäre sein Todesurteil. Wollten oder konnten sie und ihr ungebildeter Trottel von einem Ehemann das nicht verstehen? Und das von heute – das war bestimmt ein absoluter Einzelfall. Das wollte nichts heißen. Er würde es nicht zulassen, dass sich das wiederholte. Vielleicht müsste er nur das Programm überarbeiten, ein paar andere Stücke in das Repertoire aufnehmen. Noch härter üben, um alle Unebenheiten aus seinem Spiel auszumerzen. Vielleicht waren seine Finger ja doch etwas steifer geworden? Genau, das war’s! Er müsste nur härter üben, dann würde er an seine alten Erfolge anknüpfen können. Im Geist stellte er bereits einen detaillierten Übungsplan zusammen.
Er hatte einen längeren Heimweg vor sich. Um nach Hause zu kommen, musste er mit der Straßenbahn in einen entlegeneren Vorort fahren, wo er eine geräumige, aber bezahlbare Wohnung in einem freistehenden alten Haus hatte. Dort konnte er üben und musizieren. Musik bedeutete einfach alles für ihn. Mit viel frischer Luft und etwas Wald in unmittelbarer Nähe. Er störte dort auch niemanden mit seiner Musik. Und was noch wichtiger war: Niemand störte ihn beim Musizieren mit lästigen Hausordnungen, Kehrwoche und dergleichen. Er wartete eine geraume Weile, bis sich die letzten Zuschauer zerstreut hatten. Unter diesen Umständen hätte er ihnen nicht begegnen mögen. Traurig verließ er das Theater.
Es war schon spät am Abend, als er endlich in die Straßenbahn einstieg. In dem schmuddeligen Wagon befanden sich jetzt nicht mehr viele Menschen. Ihm direkt gegenüber saß eine ältere Frau, so etwa um die sechzig Jahre alt. Sie war unauffällig angezogen, mit einem Rollkragenpulli, einer Stoffhose und einem leichten Mantel, den sie geöffnet hatte. Darüber eine Handtasche aus schwarzem Leder mit langen Fransen. Sie hatte markante Gesichtszüge. Hohe, nordische Wangenknochen über einem Kinn mit Grübchen. Über dem Mund mit den vollen Lippen eine markante Nase. Darauf saß eine Hornbrille. Sie war dezent und geschmackvoll geschminkt. Ihre dichten Haare hatte sie in einem langen Zopf nach hinten gekämmt. Sie lächelte ihn freundlich an. Das erste freundliche Gesicht des Abends für den armen Mann. Nicht mitleidig, nicht genervt. Einfach nur freundlich.
Dann sprach sie ihn unvermittelt an: „Machen Sie sich nichts draus. Das Schicksal geht manchmal krumme Wege. Sie vergeuden Ihr Talent mit solchen Auftritten. So wie Sie spielen, werfen Sie Perlen vor die Säue. Die haben sie nicht verdient. Einfach unter dem Konzert den Saal zu verlassen – das ist doch überhaupt kein Stil. Aber wissen Sie: Es ist schon vielen großen Künstlern passiert, dass die Zuhörer ihre Genialität nicht erkannt haben. Manche wurden sehr lange verkannt, viele wurden sogar ausgelacht. Am Ende haben sie noch immer den verdienten Erfolg gehabt. Manche früher, manche eben später. Sie werden sehen: Am Ende wird alles gut. Aber,“ sie schien kurz nachzudenken, bevor sie fortfuhr: „Vielleicht sollte man nicht darauf warten, bis sich alles von allein findet. Wenn man nur will, kann man dem Ganzen auch ein wenig nachhelfen. Nur üben und virtuos spielen reicht halt manchmal nicht. Manchmal muss man bei den Banausen andere Maßnahmen ergreifen und sie zu ihrem Glück zwingen. Die würden Sie nie verstehen und am Ende noch in einen Musikfachhandel stecken oder in eine Musikschule. Da würden Sie doch versauern. Stellen Sie sich doch mal vor, all den Unbegabten dieser Welt das Klavierspielen beizubringen. Lauter pubertierenden Teenies mit langem Gesicht bis zum Boden, die lieber ein paar einfache Akkorde auf der Gitarre greifen und herumplärren möchten. Und dann erst die Eltern, die in ihren untalentierten Sprösslingen lauter Lang Langs sehen.“
Der Künstler war bei ihren Worten hellhörig geworden. Die Worte taten seiner geschundenen Seele gut – doch woher konnte die Frau seine Gedanken lesen? Und woher wusste sie, was er mit seiner Tochter und ihrem Ignoranten besprochen hatte? Bestimmt war sie in seinem Konzert gewesen und hatte die ganze Tragödie miterlebt. Nur sah sie nicht wie eine typische Besucherin eines seiner Konzerte aus. Das erklärte auch nicht, woher sie von den Plänen der Kinder wusste. Zudem war es auch schon spät. Die Wahrscheinlichkeit, jetzt noch einem Zuhörer zu begegnen, war sehr unwahrscheinlich. Sie hatte doch nicht etwa extra auf ihn gewartet? Und wenn doch – was wollte sie von ihm? Groupies gab es in der klassischen Musik eigentlich nicht. Er war weit davon entfernt, sich geschmeichelt zu fühlen. Dem Pianisten war eher unheimlich zumute. Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
„Woher wissen Sie das alles? Ich meine, was die Kinder mir vorgeschlagen haben?“
Die Frau schien sein Unbehagen nicht wahrzunehmen. Denn sie fuhr unbeeindruckt fort: „Es gibt Mittel und Wege, Ihnen zu Ruhm und Ehren zu verhelfen. Das Publikum kann man ganz einfach fesseln.“ Sie wechselte die Seite der Straßenbahn und rückte näher an ihn heran. Dabei brachte sie den gesunden, sauberen Geruch nach Kernseife mit sich. Schließlich neigte sie sich vor, bis ihr Mund nahe an seinem Ohr war. „Es gibt Mittel und Wege, auch die ignorantesten Banausen für sich zu gewinnen. Man kann z. B.“, Sie fuhr im Flüsterton fort. Der Pianist hörte aufmerksam zu. Zum Abschluss gab sie ihm einen Zettel mit ihrer Telefonnummer.
In dieser Nacht fand der Alte keine Ruhe. Noch lange dachte er über diesen denkwürdigen Auftritt und die Worte der Frau nach. Vielleicht sollte er doch zu den Kindern in die Stadt ziehen und die Teilhaberschaft in einem Laden für gebrauchte Instrumente annehmen, die man ihm angeboten hatte. Aber für einen Künstler wie ihn war das eine Zumutung, da es ihm seine ganze Freiheit nahm und ihn dazu zwang, den ganzen Tag auf ein paar Quadratmetern in einem kleinen Laden zu verweilen. Dazu kam noch, dass er dann Kunden mit deren quengelnden Kindern zu bedienen hatte. Genau die Art von Menschen, die vorgaben, die Kunst zu lieben, ihn dann aber so schnöde behandeln würden und sich ein so schönes und edles Instrument nur zur Dekoration ins Zimmer stellten, um vor Besuchern mit ihrer Bildung anzugeben. Sie würden dann ein paar Takte eines einfachen Übungsstückes anschlagen. Und das auch noch ohne Rhythmus und Gefühl.
Lange grübelte er über die Worte der Frau nach. Vielleicht hatte sie ja doch Recht, und es war möglich, die Banausen für sich zu gewinnen? Je mehr er nachdachte, desto mehr reifte ein folgenschwerer Entschluss in ihm heran. Am nächsten Morgen ging der Pianist zum Telefon und wählte die Nummer auf der Karte. Er musste nicht lange warten, dann meldete sich die samtene, erotisierende Stimme der Frau vom Vortag.
Lilith schaltete das Radio lauter. Dann rutschte sie tiefer in den Sitz der Familienlimousine und stützte ihre Knie auf das Armaturenbrett auf. Sie gähnte laut und lange, wobei sie sich die Hand vor den Mund hielt. Dabei strich sie sich die langen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht.
Helmut Schlock, ihr Mann, trommelte gelangweilt im Takt zu der Radiomusik auf das Armaturenbrett, auf dem sich eine kleine Ansammlung verschiedenster Gegenstände befand: Bonbonpapiere, Haargummis, Folien und dergleichen mehr. Die Sammlung wuchs unaufhaltsam. Jedes Mal nach einer längeren Fahrt glich sein Auto einer Müllkippe. Die Autofahrt von der Großstadt zu ihrem neuen Haus, einem ehemaligen Aussiedlerhof in Stettingen auf der Schwäbischen Alb, dauerte nun schon über zehn Stunden und dementsprechend sah es jetzt im Auto auch aus. Mindestens drei davon hatten die Schlocks in verschiedenen Staus oder zähflüssigem Verkehr zugebracht. Stoßstange an Stoßstange hatten sie fahren müssen, mal im Schritttempo, mal schneller. Das Ganze wurde begleitet von der Quengelei ihrer Tochter Pandora oder „Schlocki“, wie sie ihre Bekannten und besten Freunde überall riefen.
Das Kind war sieben Jahre alt, für sein junges Alter aber sehr kräftig, etwas untersetzt, fast schon feist, und sehr hellhäutig. Betrachtete man sie gegen das Licht, hatte man das Gefühl sie sei blutleer. Ihre hellen Augenbrauen und das weißblonde Haar, kombiniert mit einem Paar wässriger, hellgrauer Augen, verstärkten diesen Eindruck zudem noch. Ihre Haut war sehr empfindlich und erlaubte es ihr nicht, sich länger unter der Sonne aufzuhalten. Wenn das Wetter gut war und sie sich den anderen anschließen wollte, die draußen herumtobten, musste sie sich besonders gut bedeckt halten: Sonnenhut, Halstuch und immer langärmelige Blusen. Die anderen Kinder fanden, dass das komisch aussah und hänselten sie daher. Sie schloss sich folglich nur ungern den anderen an, bekam daher zu wenig Bewegung und hatte schon in jungen Jahren Gewichtsprobleme. Unter ihren Spielgefährten in der Schule war sie darum nicht beliebt – sie machte ja nie mit. Ihre Eltern hatten sie gelegentlich liebevoll „Ameise“ genannt. Diesen Kosenamen hatte eine ihrer Spielgefährtinnen mitbekommen. Irgendwann einmal hatte dieses Mädchen angefangen, sie im Streit „Termite“ zu nennen. Das hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, bis sie jeder so nannte – auch die Erwachsenen. Die letzteren natürlich nur unter vorgehaltener Hand. Dieser Spitzname war dann an ihr äußerst hartnäckig klebengeblieben. Der Umzug nach Stettingen war eine Chance auf einen Neuanfang in einer Umgebung, die nicht vorbelastet war. Hier würden Sie alles anders machen. Sie würden Pandora keine Übernamen mehr geben und versuchen, sie aktiv an das Leben der Dorfgemeinde heranzuführen. Wie sie das bewerkstelligen wollten, war ihnen zwar noch nicht ganz klar, aber ihnen würde schon etwas einfallen. Das konnte nicht so schwer sein.
Pandora glich ihren Eltern überhaupt nicht und das war nicht weiter verwunderlich: Das Ehepaar hatte das Kind nämlich, als es gerade zwei Jahre alt war, im osteuropäischen Ausland adoptiert. Die beiden hatten schreckliche Bilder im Fernsehen gesehen und daraus war ihnen der Wunsch erwachsen, etwas Gutes zu tun. In einem Waisenhaus waren sie letztlich auf Pandora gestoßen, die unter den Unglückswürmchen in der Anstalt wegen ihres Aussehens einen besonders schweren Stand hatte. Zum Zeitpunkt ihrer Adoption war sie so abgemagert, dass sie sich sich ernsthaft Sorgen um ihr Überleben gemacht hatten. Außerdem hatte sie einen sogenannten „Wolfsrachen“, den sie mit mehreren schmerzhaften chirurgischen Eingriffen hatten richten lassen. Sie hatten mit ihrer Fürsorge so einen guten Job gemacht, dass das Kind letztlich ins Gegenteil ihrer Adoptiveltern umgeschlagen war.
Am wenigsten ähnelte sie ihrem Vater, dem Professor Dr. Helmut Schlock. Der Mittdreißiger war ein eleganter, hochgewachsener und schlanker Mann mit pechschwarzen Haaren und edel geschnittenen Gesichtszügen. Seine Statur konnte man fast schon athletisch nennen. Mit eiserner Disziplin beim Essen und exzessivem Training im Fitnessstudio und längeren Joggingrunden, wenn das Wetter es zuließ, schaute er danach, dass das auch so blieb. Er war umgänglich und für jeden Spaß zu haben. Dazu wusste er, seine Gesprächspartner angenehm und witzig zu unterhalten. Kurzum: wo immer er auftauchte, hinterließ er einen angenehmen und bleibenden Eindruck.
Auch ihrer Mutter Lilith, einer Pharmareferentin, sah sie nur wenig gleich. Die Endzwanzigerin war rank und schlank, ja fast zierlich. Sie war wie ihr Mann sehr durchtrainiert, hatte eine auffallende Oberweite und einen drallen, knackigen Hintern. Sie war schwarzhaarig und hatte blaugraue Augen. Ihre Körperhaltung war perfekt. Als Teenager war sie öfter von lokalen Modehäusern als Model gebucht worden. Das hatte sich dann in ihren frühen Zwanzigern geändert, als sie erwachsen wurde. Ihr Gesichtszüge störten das Gesamtbild nämlich. Da war zu einem die überproportionale Nase, die sie hatte operieren lassen, als sie achtzehn wurde. Es war ihr Geburtstagsgeschenk gewesen. Die OP hatte letzten Endes nicht ganz den erwünschten Effekt gehabt. Man konnte zwar nicht sagen, dass der chirurgische Eingriff alles in allem überflüssig gewesen war, aber gelungen war er auch nicht. Die Nase war immer noch mächtig, fast schon ein wahrer Zinken. Hinzu kamen ein breiter, kantiger Unterkiefer und eine unreine Gesichtshaut mit großen Poren, ein Überbleibsel einer hartnäckigen Akne aus den Tagen ihrer Pubertät. Sie verwendete daher notgedrungen reichlich Makeup. Manch ein Betrachter war bei näherem Betrachten etwas enttäuscht.
Pandora war nach langer Quengelei endlich auf dem Rücksitz eingeschlafen. Zuvor hatte Lilith mit ihr aber diverse Spiele spielen müssen. Zum Schluss hatte sie sich nicht mehr anders zu behelfen gewusst, als die Kleine mit einem Tablet-PC ruhigzustellen. Das war zwar nicht ihr Stil, das Kind von einem Computer „sitten“ zu lassen, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen und das hier war ein absoluter Notfall.
Nun vertrug sie das Autofahren ohnehin schon nicht so gut und das ständige Suchen und Herumdrehen zu ihrer Tochter auf dem Rücksitz hatten ihr erst recht nicht gutgetan. Von all dem war ihr jetzt sehr, sehr übel. Hoffentlich musste sie sich nicht noch im Auto übergeben. Das hätte ihr gerade noch gefehlt. Vielleicht sollte sie eine Tablette gegen Reiseübelkeit nehmen. Das würde ihr hoffentlich helfen, die restlichen Kilometer zu überstehen.
Irgendwann im Verlauf der Fahrt, etwa zwei, drei Stunden bevor sie die Autobahn verlassen konnten, sahen sie durch die trüben Schleier des verhangenen, grauen Wetters in der Ferne zu Beginn eines kleinen Waldstückes eine Autobahnraststätte. Helmut Schlock verkündete laut: „Jetzt machen wir aber alle eine kleine Pause, Beine vertreten und frische Luft schnappen. Vielleicht sollten wir zwei auch mal einen Kaffee trinken. Ich schlaf hier noch ein.“ Dabei zog er das Auto rechts auf die Abfahrt.
„Du und Dein Kaffee – du solltest lieber Wasser trinken. Kaffee trocknet den Körper aus und man sollte täglich zwei bis drei Liter Wasser trinken. Das hält fit. Habe ich in einem Artikel gelesen. Wasser ist immer noch das beste Getränk.“ brummte Lilith, der die Kaffeetrinkerei ihres Mannes sehr missfiel. „Und Wasser verfärbt auch nicht die Zähne und macht auch keinen schlechten Atem. Wozu brauchst Du immer einen Geschmack im Getränk? „Mag ja alles wahr sein – wenn ich nicht Auto fahren muss und nur als Beifahrer danebensitzen kann. Wenn ich alles tun muss, was gesund ist, habe ich den ganzen Tag nichts Anderes mehr zu tun, als Wasser zu trinken und Rohkost zu essen. Plus ein Glas Rotwein täglich wegen der Gerbsäure. Und nicht zu vergessen das Glas Bier wegen der Bitterstoffe“. Des lieben Friedens willen verkniff sich Lilith jede weitere Anmerkung. Funktionierende Ehen sind oft gespickt mit mehr oder weniger faulen Kompromissen und diese Ehe funktionierte seit mittlerweile fast zehn Jahren.
Die Autobahnraststätte, in die sie nun einfuhren, war sehr gut besucht. Überall waren Autos mit Verkehrsteilnehmern geparkt, die wie sie im Stau gestanden hatten und jetzt eine Pause bitter nötig hatten. Weit und breit waren nur gähnende und übermüdete Fahrer, genervte Mütter und schreiende Kinder. Hoffentlich würden sie überhaupt noch einen guten Platz zum Parken finden. Doch diesmal hatten sie Glück. Genau in dem Moment, in dem sie auf der Höhe des Restaurants waren, fuhr ein Jeep aus einer großen Parklücke. Am Steuer saß eine dunkelhaarige Frau mit schlauchartigen Lippen und geschwollenem Gesicht. Sah nach einem üblen Fall von Allergie aus – Gräser, Pollen oder sowas ähnliches. „Hoffentlich“, dachte sich der Prof., „habe ich keine solche Allergie oder bekomme noch eine. Könnte passieren, wenn ich hier länger bleibe.“ So etwas Fieses hätte ihm gerade noch gefehlt.
Einmal mehr stellte er sich die Frage: Warum um alles in der Welt hatte er sich nur auf diesen Umzug eingelassen? Aus der Großstadt direkt aufs Land, von der Stadt auf die Schwäbische Alb. Was für eine Veränderung. Aber was tut man nicht alles für seine Familie? Das war natürlich einmal deswegen, um Lilith einen Gefallen zu tun. Lilith kam aus dieser Gegend. Ihre Eltern und eine ältere Schwester wohnten in einer Kleinstadt in der Nähe ihres Hofes. Ihr Studium, das sie mehr dem Ehrgeiz ihrer Mutter als ihrem eigenen Willen verdankte, hatte sie erst in den Norden des Landes verschlagen. Nach ein paar Jahren hin und her hatte sich jetzt für sie die Möglichkeit ergeben, wieder in den Süden zurückzukehren. Für Lilith ging damit ein großer Wunsch in Erfüllung. Sie würde Hilfe und Unterstützung durch ihre Eltern in Anspruch nehmen und damit wieder in ihren Beruf als Pharmareferentin einsteigen können, anstelle wegen „eines Tellers Nudeln zu Hause bleiben zu müssen“, wie sie sich auszudrücken pflegte. Dass ihre Schule es nicht schaffte, Schulkindern eine warme Mahlzeit mit einer entsprechenden Qualität und zu einem gerechtfertigten Preis anzubieten, ging ihr nicht in den Kopf.
Und dann war da noch der Wunsch, ihre Tochter wohlbehütet auf dem Land aufwachsen zu sehen. In einer gesunden Umgebung, mit Tieren, mit Landwirtschaft und so. Viel frische Luft und Natur sowie landwirtschaftliche Produkte direkt vom Erzeuger würden der Kleinen (und natürlich den Erwachsenen auch) bestimmt guttun. Zudem hatte seine Frau große Pläne: Sie wollte nebenberuflich ein paar Pferde halten oder für andere Reiter in Pflege nehmen, vielleicht auch kleine Ausritte und Reitstunden organisieren. Das würde zu dem Gehalt als Pharmareferentin noch ein paar zusätzliche Euro in die Kassen spülen. Außerdem sollten Pferde bei der Erziehung von Kindern Wunder bewirken – dachte man nur daran, was es heißt, für ein Lebewesen Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht könnten er und Lilith auch den alten, aus großen Schamottsteinen gemauerten Brotbackofen, der hinter dem Haus stand, zum Leben erwecken. Wäre bestimmt ein großer Spaß. Er backte leidenschaftlich gerne. Bei dem Gedanken an frisches Brot aus dem Holzbackofen lief ihm das Wasser im Mund zusammen und er bekam plötzlich Hunger. Und das große Haus, das sie sich hier leisten konnten, das hatte schon was. In der Stadt, in der sie früher gewohnt hatten, hätte er davon nur träumen können. Da zahlte man schon für eine Dreizimmerwohnung so viel wie hier für einen Bauernhof. Sie würden jetzt sicher genug Platz haben, um alle ihre Freunde einzuladen. Die Argumente dafür waren zahlreich und sie waren ihm alle klar – aber er musste schließlich auch an sich denken. An seine Karriere, seine Aussichten, etwas in dieser Welt zu bewegen.
Was brachte ihm das Ganze? Sicherlich würde er viel Ruhe haben. Er war dem Ruf der nahegelegenen Universitätsstadt auf einen Lehrstuhl für Strömungsphysik gefolgt. Dieser Job erforderte es lediglich, zwei- bis dreimal in der Woche an der Uni präsent zu sein. Und das auch nur in der Vorlesungszeit. Den Rest des Jahres würde es genügen, einmal die Woche an der Uni vorbeizuschauen und die Verwaltungsangelegenheiten zu erledigen oder, wenn es sein musste und sich nicht vermeiden ließ, an Konferenzen und Besprechungen teilzunehmen. Den Rest der Arbeit konnte er über elektronische Medien erledigen. Mit Internet und E-Mail war heutzutage schon sehr viel möglich und die Bibliotheken der Zukunft waren ohnehin virtuell. Man lud sich Bücher und Artikel elektronisch auf den Desktop. Recherchen wurden damit einfacher und effizienter. Bibliotheken mit langen Wartezeiten und restriktiven Öffnungszeiten waren zum großen Teil Geschichte. Schlecht sortierte Kästen mit Karteikarten auch. Und dann könnte er ab und zu auch ein Forschungsfreisemester einlegen. Forschen und Aufsätze schreiben konnte er auch zu Hause. Und wenn alle Stricke rissen, konnte er auch für ein Semester ins Ausland gehen und dort forschen. Das brächte ihn in der Karriere mit Sicherheit weiter. Also unter dem Strich, war die Situation für die gesamte Familie ideal. Lilith und er würden sich ideal ergänzen. Hoffte er mindestens. Dafür würde er dann auch in den sauren Apfel beißen und aufs Land ziehen.
Lilith weckte Pandora. Die Kleine rieb sich die Augen: „Sind wir schon da?“. „Nein Schatz, wir machen nur eine kleine Pause. Papa muss ja unbedingt seinen Kaffee trinken“, Lilith warf Helmut einen missbilligenden Blick zu. „Und du kannst die Zeit nutzen, ein bisschen zu spielen. Siehst Du dort das Klettergerüst neben dem Schnellrestaurant? Das ist doch genau das Richtige für dich. Also raus mit Dir. “ Zu Dritt gingen sie langsam zu dem Fastfood-Restaurant. Während Helmut sich an der Ladentheke einen Kaffee mit extra viel Milchschaum und einem Schuss Sirup gönnte, begleitete Lilith ihre Tochter durch den Gastraum hindurch nach draußen zum Spielen.
Auf dem umzäunten Anbau an der Hinterseite des Restaurants stand ein Ensemble wie ein Gerüst, das mit Tauen versehen war. Mit mäßiger Begeisterung ging Pandora auf die Konstruktion zu. Sie war von der Aussicht auf frische Luft und Sport nicht halb so begeistert wie ihre Eltern, wollte aber ihrer Mutter einen Gefallen tun. Zunächst kletterte sie an den Seilen nach oben, um sich dann auf dem höchsten Punkt der Kletterwand hinzusetzen. Je höher ihre Tochter kletterte, desto unwohler war es der Mutter geworden. Langsam bildete sich ein flaues Gefühl in ihrer Magengegend, das sie sonst nur bei Gefahren kannte. Mütter haben bekanntlich einen siebten Sinn, wenn sich ihre Nachkommenschaft in Gefahr befindet und sie bildete keine Ausnahme. Der Tag hatte schon schief begonnen. Und sie kannte Murphys Law: Was schlecht beginnt, endet bekanntlich schlechter und an diesem Tag war schon einiges schiefgelaufen, seit sie beim Aufstehen in der Dunkelheit über einen Koffer gestolpert und Pandora in der Küche ausgerutscht war. Es hätte sie daher nicht gewundert, wenn jetzt noch etwas passieren würde. Kurz bevor sie es ins neue Heim geschafft hätten. Sie verdrängte aber den Gedanken schnell wieder. Sie wollte positiv denken. Pandora versuchte gerade, auf der Spitze des Gerüstes eine Drehung zu machen, um von der anderen Seite hinabzuklettern, als sie ausrutschte und kopfüber hinunterstürzte. Auf dem Weg nach unten schlug sie mehrfach auf das Gerüst auf, bis sie endlich am Boden bewusstlos liegenblieb. Lilith rannte mit einem lauten Aufschrei des Entsetzens auf ihr Mädchen zu: „Pandora, was ist mit dir? Ist alles in Ordnung? Pandora so sag‘ doch was? Mama macht sich große Sorgen“. Doch die Kleine antwortete nicht. Der Aufprall auf den Kopf hatte ihr das Bewusstsein genommen. Eine große Beule bildete sich auf ihrer Stirn, ein schmales Rinnsal von Blut floss ihr aus dem Ohr und die rechte Wange herunter. Das sah wirklich übel aus. Wenn das hoffentlich bloß kein Schädelbasisbruch war. Lieber Gott: bloß keine bleibenden Schäden!
Der entsetzte Aufschrei Liliths hatte auch den Prof, wie er wegen seines Berufes überall in der Familie gerufen wurde, alarmiert. Er ließ den Kaffee Kaffee sein und rannte durch das Lokal zu dem dahinter gelegenen Play Land, nur um seine Frau verzweifelt über das Kind gebückt zu sehen. „Was ist passiert?“. „Pandora ist vom Gerüst auf den Kopf gefallen. Sie ist bewusstlos. Tu was. Ruf den Notarzt. Das Kind muss sofort ins Krankenhaus und untersucht werden.“ Jetzt kreischte sie laut vor Aufregung: „Hoffentlich überlebt Pandora das. Um Himmels willen, tu was.“ Der Prof griff in die Jackentasche und fischte nach seinem Handy. Mist, er hatte es im Auto liegenlassen. „Ich muss es aus dem Auto holen“. Er rannte los und erreichte die Familienkutsche in Rekordgeschwindigkeit. Er tauchte von der Beifahrerseite in das Gefährt und öffnete das Handschuhfach, wo er normalerweise während längerer Autofahrten das Handy aufbewahrte. Bis das Smartphone hochgefahren war und er die Notrufnummer wählen konnte, verging eine kurze Zeit. Dennoch kam es ihm wie eine halbe Ewigkeit vor. „Komm schon, komm schon, heb schon ab“, dachte er bei sich und tippte nervös auf die Autorailing. Endlich kam er durch. Eine junge Frau, wie er der Stimme nach urteilte, nahm den Notruf entgegen. Sachlich fragte sie nach den Rahmendaten, dem was, wo und wie des Geschehens. Helmut antwortete so gut er konnte. Dann rannte er wieder zurück zum Spielplatz. Dort hatte sich schon eine kleine Traube neugieriger Menschen versammelt, die um die verzweifelte Lilith herumstanden und ihr Ratschläge gaben. Ein Angestellter des Restaurants versuchte ohne großen Erfolg, die Menschenmenge zu zerstreuen. Helmut hatte ziemliche Mühe durchzukommen. Endlich kam ein älterer Herr dazu und vertrieb die Menge mit den Worten „Ich bin Arzt. Lassen sie mich durch“. Er untersuchte das Kind kurz und stellte dann die Diagnose: „Hier liegt eine kranofaciale Läsion mit einer schweren Commotio vor. „Verletzung an Schädel und Gesicht mit einer schweren Gehirnerschütterung“, dachte sich der Prof. In Augenblicken wie diesem war er froh, dass er am Gymnasium Latein gelernt hatte. „Die Nackenwirbel sind scheinbar unverletzt,“ fuhr der Arzt fort. „Sie muss aber sofort in ein Krankenhaus und näher untersucht werden. Aber keine Angst: Ihr Leben ist nicht in Gefahr. Sie wird auf jeden Fall davonkommen. Haben Sie schon einen Sanka gerufen?“ –„Ja“ – „Bewegen Sie das Mädchen auf keinen Fall und überlassen Sie das den Sanitätern. Die sind dafür ausgebildet. Keine Angst, alles wird gut.“
Nach etwa zwanzig Minuten kam der Rettungswagen an, nur einen Augenblick später ein Notarzt. Ein Notarzt und zwei Sanitäter stiegen aus und eilten mit einer Trage im Laufschritt zur Unfallstelle, wo Pandora nochmal kurz untersucht wurde. Sie fixierten ihre Halswirbelsäule und bugsierten sie auf die Liege. Dann machten sie sich mit den besorgten Eltern auf den Weg zum Auto. Lilith durfte als Bezugsperson im Krankenwagen mit in die Klinik fahren. Mehr Plätze gab es nicht in dem Kombi. Helmut sollte im Auto hinterher in die nahegelegene Uniklinik folgen.
Aber er hatte das Ende dieser Pechsträhne noch nicht erreicht. Wegen des zähflüssigen Verkehrs waren die Sanitäter gezwungen, Martinshorn und Blaulicht einzuschalten und um die Autos im Slalom herumzufahren. Helmut folgte ihnen, so gut es ging. Die Autofahrer, die nach links und rechts zogen, um eine Rettungsgasse zu bilden warfen ihm hin und wieder ungläubige oder zornige und genervte Blicke zu. Wenn die töten könnten, dachte sich der Prof, würde er am heutigen Tag viele Tode sterben.
Sie hatten es schon fast geschafft und bereits die Abfahrt von der Autobahn auf die Bundesstraße erreicht, als ein uneinsichtiger oder abgelenkter Autofahrer mit seinem Kleinwagen ausscherte und den Rettungswagen zum Ausweichen zwang. Dieses Manöver kam aber zu spät. Der Rettungswagen konnte nicht mehr rechtzeitig an dem Kleinwagen vorbeiziehen, auch abbremsen war nicht mehr möglich und so kam, was kommen musste. Der Sanka schrammte das Kleinfahrzeug zunächst, wobei es ihm die Seite aufriss und nahm unaufhaltsam seinen Weg direkt in den Graben. Als es mit dem vorderen rechten Kotflügel auf dem Grund des Grabens aufschlug, bekam es das Übergewicht und neigte schließlich langsam aber unaufhaltsam zur Seite. Nach einem schier endlos scheinenden Augenblick blieb es auf der Seite liegen.
Dem Kleinwagen war bis auf einen geringfügigen Blechschaden weiter nichts passiert, aber das Rettungsfahrzeug sah schlimm aus: Die gesamte Vorderfront war eingedrückt, die Scheiben waren gesplittert. Die Airbags hatten Fahrer und Beifahrer vor dem Schlimmsten bewahrt – ohne ein paar hässliche Platz- und Schnittwunden waren sie dennoch nicht davongekommen. Einen Augenblick später kam der Prof zu dem Unfallsort. Helmut stürzte aus der Familienkutsche und entriegelte die Hecktür des Unfallfahrzeugs. Der Anblick war erschreckend: Lilith lag in einer scharf nach Alkohol riechenden Lache, umgeben von zerbrochenen Flaschen und Fläschchen, Mullbinden und chirurgischen Instrumenten. Durch den Aufprall hatten sich die Apparate im Auto in Wurfgeschosse verwandelt und Lilith sowie den Notarzt getroffen. Sie hatten beide oberflächliche Verletzungen davongetragen und bluteten aus vielen kleinen Schnittwunden. Wie durch ein Wunder war wenigstens Pandora davon unversehrt geblieben. Das Kind lag auf seiner Trage unter einer Schicht verschiedenster Dinge, die sich wie ein ungeheurer Belag auf ihm ausbreiteten. Damit sah die Kleine noch schwächer und zerbrechlicher aus, als sie es ohnehin schon war. Helmut half dem Notarzt und Lilith aus dem Wagen. Mit vereinten Kräften zogen sie dann die Liege mit Pandora heraus. Lilith schaute an sich hinunter und fing an, hysterisch zu kichern: „Sauber, sauber. Das fängt ja toll an. Sauber, sauber.“ Dazu rieb sie sich unbeholfen die Unterarme und klopfte auf ihre Oberschenkel, gerade als ob sie damit das ganze Unglück abschütteln könnte.
Mit Papiertüchern aus dem Wagen säuberte Helmut erst die kichernde Lilith, während er sie versuchte, mit sanften Worten zu beschwichtigen. Dann rief er zum zweiten Mal an diesem denkwürdigen Tag den Notruf an und gab die aktuelle Position durch. Jetzt war er endgültig mit den Nerven und seinen Kräften am Ende. Er setzte sich auf die Böschung und wartete auf das Eintreffen von Polizei und Rettungsmannschaft. Zum ersten Mal seit vielen Jahren verspürte er wieder den starken Drang, sich eine Zigarette oder einen Joint anzuzünden. Glück für ihn, dass er keinen Krümel Tabak dabeihatte. Pech für ihn, dass der Notarzt Zigaretten hatte, die er ihm auch noch anbot. Dankbar und ohne viel nachzudenken griff er zu.
Als die neue Rettungsmannschaft nach einer schier endlos scheinenden Viertelstunde endlich am neuen Unfallort eintraf, fanden die Helfer vier rauchende Männer auf der Böschung vor, daneben eine seltsam kichernde Frau und ein bewusstloses Kind auf einer Liege. Mit Blaulicht und Martinshorn ging es weiter in die nahegelegene Unfallklinik. Auch diesmal fuhr der Prof dem Konvoi hinterher. Diesmal erreichten sie die Uniklinik auf dem Heuberg, einem Stadtteil der benachbarten Stadt ohne weitere Vorfälle. Pandora wurde sofort mit Verdacht auf ein schweres Schädeltrauma stationär aufgenommen und in ein Untersuchungszimmer gebracht. Ihre Mutter, bei der eine temporäre histrionische Dysfunktion diagnostiziert worden war, wurde mit einer Spritze sediert und über Nacht zur Beobachtung auf Station behalten. Histrionische Dysfunktion? Irgendwo hatte er das schon mal gehört. Ach ja, das war der moderne Ausdruck für „Hysterie“, bevor die Medizin der Krankheit einen geschlechtsneutralen Namen gegeben hatte.
Helmut begleitete seine Frau aufs Zimmer, regelte die Formalitäten mit Krankenkarte und Zuzahlung für sie. Dann machte er sich auf den Rückweg zu ihr.
