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Wirre, beängstigende Träume über ihre verschüttete Vergangenheit treiben die erfolgreiche Architektin Emma Schäfer an den Rand der Verzweiflung. Es gibt nur einen Weg da raus, und der führt zurück in ihre Kindheit. Doch der Weg dahin entpuppt sich unvermittelt als ein gefährliches Unterfangen. Während sie und ihre beiden Freunde mit ihrer Recherche eine Lawine von Ereignissen lostreten, die nicht mehr aufzuhalten ist, wird die Schweiz von einer der schwersten Naturkatastrophen heimgesucht. Menschen sterben, und Emma gerät ins Visier eines gnadenlosen Killers, der eine Mission zu erfüllen hat.
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Seitenzahl: 569
Veröffentlichungsjahr: 2015
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A. C. Risi
PID - Tödliches Erbe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
PID - Tödliches Erbe
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Impressum neobooks
A. C. Risi
PID
Tödliches Erbe
Thriller
Alle Rechte vorbehalten
A.C. Risi
Umschlaggestaltung und Satz: Touch Design AG, Luzern
Prolog
Herzkrampf. Den Mund weit aufgerissen, stolperte er weiter, während der alte Muskel in seiner Brust den roten Lebenssaft mühsam durch die verkalkten Kanäle der Aorta bis in die äussersten Kapillaren pumpte, wo er schliesslich, vom Sauerstoff beraubt, seinen fortwährenden Kreislauf schloss. Durch das Rauschen des Blutes hörte er seinen eigenen keuchenden Atem, ein unheimlich pfeifendes Geräusch. Gierig schnappte er nach Luft, doch die geschwärzten, mit dem Teer unzähliger Zigarren verklebten Alveolen seiner Lungen lagen brach und versagten ihm ihre Unterstützung gerade jetzt, da er sie so dringend gebraucht hätte. Sein Treibstoff ging zur Neige, der alte Körper war ausgebrannt und stand kurz vor dem totalen Kollaps.
Dr. Anselmo Di Giuglio war auf der Flucht. Was als erholsamer Spaziergang begonnen hatte. Seine Gedanken rasten. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Nackte Angst hielt ihn gepackt und trieb ihn vor sich her. Seine Füsse bewegten sich viel zu langsam. Immer wieder geriet er aus dem Tritt. Weiter musste er auf alle Fälle; wenn er stehen blieb, war er tot.
Und so taumelte er immer tiefer hinein, in eine jener engen, dunklen Gassen, die um diese nachtschlafende Zeit ausgestorben vor ihm lag. Sein Kopf folgte jedem seiner unkontrollierten Schritte: auf und ab! Auf und ab! Sein Blick hetzte umher. Wo war er, dieser eine, rettende Weg. Raus aus Angst und Beinahe-Exitus. Er blickte auch nicht zurück, das würde ihn nur aufhalten, und ein schlimmes Gefühl - beharrlich und unmissverständlich - gab ihm zu verstehen: Es würde kein Zurück mehr geben – nie wieder.
Dicke Regentropfen klatschten auf seinen Kopf und während er völlig verängstigt und durchnässt weiterstolperte, dachte er an Emilia. Dachte daran, wie sie ihm beim Verlassen des Hauses den Schirm in die Hand und einen weichen Kuss auf die Wange gedrückt hatte, und er erinnerte sich an sein Versprechen, das gute Stück nicht achtlos irgendwo liegen zu lassen. Jetzt war er weg, der Regenschirm mit dem filigran geschnitzten Griff aus Edelholz, er hatte ihn fallen lassen, unnützer Ballast.
Lichte Strähnen nassen Haares klebten ihm im Nacken, während eisiges Wasser in Rinnsalen zwischen seinen Schulterblättern den gebeugten, von der Anstrengung erhitzten Rücken hinunterlief. Sein Körper war dem Regen und dem unheimlichen Verfolger schutzlos ausgeliefert und sein Wille weiterzulaufen erlahmte. Er fühlte sich entblösst und elend. Seine Füsse in den Schuhen mit den dünnen Sohlen schmerzten, wund gescheuert vom Garn der nassen Strümpfe. Die empfindliche Haut an Zehen und Fersen war aufgerissen und das rohe Fleisch darunter brannte wie Feuer. Es war wider jede Vernunft, doch er kam einfach nicht dagegen an: Er konnte nicht innehalten. Dieser unerklärliche Antrieb, der ihn steuerte und wie die Fäden einer Marionette in Bewegung hielt, liess ihn nicht los. Nicht solange noch ein winziger Funken Leben in ihm war.
Was, wenn er sich das alles nur einbildete?
Wenn der Verfolger tatsächlich existierte, wieso rückte er dann nicht auf? Was erhoffte sich der Mistkerl - dass er sich mit diesem Körper selbst ums Leben brachte?
Nun ja, dachte Di Giuglio und erschrak über seinen eigenen Sarkasmus. Wenn der Kerl diese zermürbende Strategie der Verfolgung weiter beibehält, stehen die Chancen auf Erfolg gar nicht mal so schlecht.
Trotz dieser Einsicht und so etwas Ähnlichem wie aufkeimender Vernunft schaffte er es nicht, einfach stehen zu bleiben und seinem Schicksal mit gesenktem Haupt entgegenzutreten. Es gab noch einen anderen Weg. Sehnsüchtig wünschte er sich das Ende der langen Häuserschlucht herbei, dahinter, so wusste er, waren Menschen. Menschen, denen er sich anschliessen konnte, Menschen, die ihn schützten, vor dem Verfolger oder – vor sich selbst.
Doch die Gasse wollte nicht enden - im Gegenteil, die stuckverzierten Fassaden aus Sandstein rückten nur noch enger zusammen, bis sie sich über seinem Kopf zu berühren schienen. Niemand war da, der ihn fliehen sah. Auch nicht sein Bemühen, dem unbestimmten Grauen zu entkommen, und so stolperte er weiter. Längst hatten lebenserhaltende, tief verwurzelte Instinkte die Führung über Körper und Geist übernommen, gleich einem Tier, das gejagt und in die Enge getrieben wird.
Kaum noch in der Lage, sich länger auf den Beinen zu halten, stierte er blicklos nach vorne. Verwundert registrierte er, wie nahe er dem Ende der Gasse auf einmal war. Zaghafte Zuversicht glomm in ihm auf, schwoll rasch weiter an und trieb die hoffnungsvollsten Blüten aus. Den Fokus nur noch auf das dieses eine Ziel gerichtet, redete er sich ein, wenn er nur lange genug darauf starrte, könnte er auch dieses letzte, kurze Stück unbeschadet überwinden.
Er wollte leben.
Er würde leben.
Anselmo Di Giuglio, ehemaliger Biologe und liebender Ehemann, mobilisierte seine letzten Reserven, sammelte sie dort, wo er sie am nötigsten brauchte, dort, wo Hoffnung entsteht – in seinem Kopf. Eine freudige Welle der Erregung durchströmte ihn, doch sein malträtierter Körper spielte nicht mehr länger mit, er war schon zu erschöpft. Tränen des Zorns und der Verzweiflung rannen ihm über die erhitzten Wangen und ein weibisches Schluchzen entrang sich seiner zugeschnürten Kehle. Er hasste sich, hasste sich dafür, dass er seinen Körper in den letzten Jahren so vernachlässigt hatte. Mehr wankend als gehend kam er schliesslich kaum mehr vom Fleck, während er die leichtfüssigen Schritte seines Verfolgers im Nacken zu hören glaubte. Wie ein Jäger, lauernd und nahezu lautlos, folgte er ihm in gleichbleibendem Abstand.
Gelächter drang in die Gasse. Fröhliche Stimmen von Menschen in ausgelassener Gesellschaft auf ihrer nächtlichen Tour durch die glitzernde Welt der Discos und Bars.
Di Giuglio riskierte einen Blick über die Schulter. Vor Überraschung stolperte er über seine eigenen Füsse und wäre beinahe gestürzt. Nicht was er sah, liess ihn zusammenzucken - vielmehr das, was er nicht sah. Aus der dunklen Gasse in seinem Rücken starrte ihm nur gähnende Leere entgegen. Da war niemand. Niemand, der hinter ihm her war.
Freudige Erleichterung durchzuckte sein Herz.
Der Schlag traf den alten Mann mit voller Wucht. Das Schlagholz knallte so hart und ungestüm gegen seine Brust, dass jeder, der das wollte, und jeder, der das nicht wollte, das brechende Brustbein durch die Kleidung hindurch laut knacken hören konnte. Der heimtückisch geführte Hieb katapultierte die sterblichen Überreste des Biologen rücklings auf das nasse Kopfsteinpflaster. Der Hinterkopf krachte dabei so unglücklich auf die schartige Kante des nass glänzenden Bordsteins, dass der Schädel mit einem schmatzenden Geräusch unter der faltigen Haut zersprang wie die Schale einer überreifen Melone. Er war tot, noch ehe sein Geist realisierte, dass dies nicht das Ende seiner Flucht, sondern das brutale Ende seines Lebens war.
Der Jäger liess den Baseballschläger achtlos zu Boden fallen, wo er laut scheppernd gegen die schmutzige Häuserwand rollte. Ohne Zeit zu verlieren, fasste er den Toten unter den Armen und schleifte ihn weg vom schummrig beleuchteten Pflaster in die düsteren Schatten der langen Häuserreihe. Er handelte kalt und schnell. Es hatte ihn keiner allzu grossen Mühe bedurft, dem Biologen zwischen den Häuserzeilen hindurch und über einen Hinterhof zuvorzukommen. Der Mann war alt und schwach gewesen, nur ein bemitleidenswert fettes Schwein, das durch ihn endlich seiner gerechten Strafe zugeführt worden war. Der Forscher war so elend gestorben wie einst die Ratten in seinem Labor; gejagt durch ein Labyrinth der Angst, an dessen Ende statt der erhofften Freiheit nur der Tod auf sie wartete.
Fast hatte es ihm ein wenig leidgetan, zuzuschlagen, als der Alte so ahnungslos auf ihn zugestolpert kam. Kurz hatte er den aufblühenden Hoffnungsschimmer und ein aufatmendes Lächeln wahrgenommen, ehe das Schlagholz den ausgepumpten Körper zu Fall gebracht und das Licht für immer aus den alten Augen gewischt hatte.
Er schleifte die Leiche tiefer in den dunklen Schatten eines Hauseingangs. Zeit für ausschweifende Gedanken fehlte, dieses Vergnügen behielt er sich für später vor, wenn alles andere erledigt war. Er drapierte den Toten auf die oberste der ausgetretenen Steinstufen, die zum Eingang eines verschämten Dessousgeschäfts gehörten.
Der Ort hätte dem Alten gefallen.
Ein zynisches Grinsen erschien auf den blassen Lippen. Mit einem letzten prüfenden Blick zurück auf die eingesunkene Gestalt strich er sich den Schlips glatt, ein Ruck mit den Schultern und sein massgeschneiderter Anzug sass wieder perfekt. Der Alte hatte ihn doch noch ganz schön gefordert, aber nun war er tot. Ratten-tot.
Massvollen Schrittes ging er vorbei an den Menschen, die sich der tote Forscher so sehnlichst herbeigewünscht hatte - als er dazu noch in der Lage gewesen war.
Nebelschwaden zogen über das Tal. Das rhythmische Geräusch der stampfenden Hufe im Sandviereck untermalte die überwältigende Stille der frühen Morgenstunde. Unterbrochen durch den vorbeitrabenden Leib des Pferdes konnte man schemenhaft die schlanke Gestalt im Zentrum des Platzes erkennen, die der Stute mit kaum sichtbaren Gesten, gelegentlichen Schnalzlauten und kurzen Pfiffen Richtung und Tempo vorgab. Das halblange braune Haar fiel ihr glatt auf die sonnengebräunte, gut geformte Schulterpartie. Das schwarze Top betonte eine schmale Taille und wohlgeformte Brüste. Die langen, schlanken Beine steckten in verwaschenen Bluejeans und Cowboystiefeln.
Emma fühlte sich überraschend gut. Trotz der Träume.
Sie beugte ihren Oberkörper etwas vor. Im Schein der allmählich aufgehenden Sonne glitzerten Staubkörner auf ihren schweissbedeckten, sehnigen Armen. Das Pferd spürte den kompromisslosen Blick ihrer grünen Katzenaugen auf seiner Hinterhand, vollführte eine fliessende Wendung und trabte gehorsam auf sie zu. Kleine Wolken aus Dampf entwichen den geblähten Nüstern und ein kräftiges Abschnauben übersprühte Emmas Gesicht mit hauchzarter Nässe. Sachte strich sie dem Tier mit der Hand über die Augen.
Für einen kurzen Moment verharrte sie in dieser Position und gab dem Equiden damit Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Mit geübter Hand löste sie den kurzen Strick vom Gürtel, schlang ihn dem Tier um den muskulösen Hals und schnalzte leise mit der Zunge. Das Pferd folgte ihr ohne zu zögern. Gehorsam blieb es neben ihr am Eingang zur Koppel stehen. Mit einem prüfenden Blick zum Himmel entliess sie den Schimmel in die Freiheit. Die Koppel erstreckte sich unter dunklen, mächtigen Regenwolken, die die Sonne verdecken würden.
Früher oder später.
Emma versuchte sie zu ignorieren. Sie erinnerten sie an diese Träume. Quälend, Nacht für Nacht.
Ein letzter Blick zurück, es war Zeit zu gehen.
Widerstrebend riss sie sich los. Jeder Meter zwischen ihr und dem Tier hiess, das kostbare Stück neu erworbener Gelassenheit zu verlieren. Einmal mehr.
Sie ging zum Parkplatz. Ihr vormals geschmeidiger Gang wich nun eiligen, steiferen Schritten. Noch im Gehen schob sie sich die dunkle Brille vor die Augen, zeitgleich erlosch das Leuchten auf ihrem Gesicht mit den ebenmässigen Zügen. Der Glanz ihrer Augen aus der normalen Zeit. Vor den Träumen. Die mit dem Tod der Adoptiveltern begannen.
Sie wollte nicht gehen, aber sie hatte keine Wahl. Gerade heute war sie auf das Wohlwollen ihrer Partner angewiesen, sich zu verspäten wäre unverzeihlich.
Sie klemmte sich hinter das Steuer ihres BMWs und startete den Motor. Die kräftigen Finger schlossen sich so eng um das glatte Leder am Lenkrad, dass sie die Schwielen an den Handinnenseiten spürte, letztes, aber immer fühlbares Zeichen ihrer Verbindung zu dem Tier. Ein leises Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück. Bei dem Gedanken an die verblüfften Gesichter der Menschen, denen sie zur Begrüssung die Hand reichte, grinste sie. Niemand hatte sie je darauf angesprochen.
Sie steuerte den Wagen auf die Strasse hinaus und beschleunigte rasant. Das anschwellende aggressive Fauchen des hochtourigen Motors färbte fast sofort auf sie ab.
Ungeduld.
Statt Besonnenheit.
Emma kannte ihren egozentrischen Fahrstil. Aber der Wagen passte einfach zum Image der innovativen Architektin, die sie war. Etwas „Kleineres“ kam also nicht infrage. Außerdem setzten ihre Kunden eine gewisse Exklusivität in Geschmack und Stil voraus. Was ihr aber einen Touch von Exzentrik verlieh und sie immer wieder ins Gerede brachte, war ihre Handtasche in Mammutgrösse. Sie wusste, dass man sich im Büro den Mund über ihren Spleen für grosse Taschen zerriss.
Aber kümmerte sie das wirklich ernsthaft?
Exzentrik und Ehrgeiz, Workaholic, stets unterwegs auf dem schmalen Grat zwischen Erfolg und Selbstverletzung, das war sie. Oder besser: Das war das, was sie bis jetzt von sich kannte.
Nur diese Träume. Sie frassen Energie.
Emma drehte das Radio lauter. Nach Ansicht der Meteorologen spitzte sich die Wetterlage weiter zu. Es war ernst. Die seit Tagen andauernden Regenfälle hatten rekordverdächtige Ausmasse angenommen. Weite Teile des Landes waren bereits von den schnell ansteigenden Wassermassen überflutet worden und eine Wetterbesserung war auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.
Mist! Verärgert presste sie die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Das war's dann wohl mit Reiten am Wochenende. Bevor sie den Wagen in die Tiefgarage ihres Wohnblocks hinabsteuerte, prüfte sie mit eigenen Augen die Wetterlage.
Die Altstadt von Luzern lag unter einer Decke drohenden Unheils.
Sie schloss die Tür auf. Die Zeiger der antiken Standuhr im Entree mahnten zur Eile.
Halb acht. Die Tür fiel krachend hinter ihr ins Schloss. Für Sanfteres war keine Zeit geblieben. Hastig streifte sie sich Stiefel und Reitkleidung vom Leib. Mit einem Fuss schob sie den nach Pferd riechenden Wäschehaufen zur Seite.
Was sie jetzt dringender als alles andere brauchte, war eine Tasse Kaffee.
Das kreischende Mahlwerk liess sie zusammenfahren. Ihre Nackenhaare sträubten sich. An diesem Morgen erschreckte sie die eigene Kaffeemaschine. Das war neu. Verunsichert nahm sie eine Tasse aus dem Küchenschrank.
Nach einem kurzen E-Mail-Check packte sie ihren Laptop in die Tasche und ging ins Bad.
Vor dem grossen Spiegel stoppte Emma. Sie war gertenschlank. Der Körper einer Mittzwanzigerin. Ein Körper, der sich flink bewegte. Ein Körper, der flotten Schritts durchs Leben ging. Ein sportlicher, sehniger Körper.
Ein Körper – entstanden vor 37 Jahren.
Mit den Fingerspitzen berührte sie das Narbengewebe an ihrem rechten Oberschenkel. Die Muskeln unter der zerstörten Haut hatten sich in den Jahren nach dem verhängnisvollen Tag voll regeneriert und verliehen dem Bein seine wohlmodellierte Form – nur die Narben, die würden immer da sein.
Sie nahm einen letzten Schluck Kaffee und ging unter die Dusche.
Als sie kurze Zeit später den Wagen etwas zu schnell aus der Tiefgarage zurück auf die Strasse steuerte, trug sie eine Bluejeans, eine weisse ärmellose Bluse mit Stehkragen und darüber eine schwarze, schlichte Anzugjacke von Armani. Abgerundet wurde das Outfit durch schwarze italienische Lederstiefeletten, die ihre schlanken Füsse weich umschlossen. Neben Emma auf dem Beifahrersitz lag das lederne Objekt spöttischen Neids.
***
Jack Gold stoppte den Wagen an der roten Ampel. Amüsiert verfolgte er das Treiben auf der Strasse. Fussgänger überquerten mit eingezogenen Schultern, die Regenschirme tief über ihre Köpfe gezogen, den gelben Zebrastreifen. Vom Wind zerzauste Haare und fliegende Kleiderzipfel eiferten tanzend um die Wette; gewaltige Windböen schoben die vermummten Körper vor sich her. Es war August und viel zu kalt für die Jahreszeit. Anhaltende Regenfälle hatten die Temperaturen in den Keller fallen lassen.
Jack gähnte herzhaft und freute sich über die behagliche Wärme in seinem alten Jeep. Er genoss das Schauspiel der Akteure im Kampf gegen die Naturgewalten sozusagen bequem aus der ersten Reihe. Wind und Wetter konnten ihm hier drin nichts anhaben und das bisschen Schadenfreude versüsste ihm das tägliche Einerlei.
Die Ampel schaltete auf Grün. Jack gab Gas, doch der Motor röchelte und stotterte bloss und der Wagen rührte sich nicht von der Stelle.
Oh nein, nur das nicht, flehte er und befürchtete insgeheim, seine Schadenfreude könnte zum Bumerang werden. Wenn jetzt auch noch der Motor absoff – vor all den Leuten …
Ungeduldiges Hupen von hinten.
Ja, ja, nur keine Panik! Er hob beschwichtigend die Hand und wedelte damit in der Luft herum.
Dann endlich, mit einem gewaltigen Satz nach vorne, gefolgt von einem abrupten Stopp, erwachte die alte Karre wieder zum Leben. Zwar noch etwas lahm, aber wenigstens kam er vom Fleck. Einmal in Bewegung, lief der Motor wieder rund und er machte rumpelnd Fahrt. Von hinten, dem fleckigen Rücksitz und vom Laderaum her, drang lautes Geklapper nach vorn. Sein alter Motorradhelm sowie etliche andere Dinge des täglichen Gebrauchs stiessen immer wieder scheppernd gegen die rostzerfressene Innenverkleidung. Das Geräusch malträtierte seine Geduld und er nahm sich fest vor, den Wagen noch heute komplett auszuräumen.
Seit ihn Eliane vor einer Woche aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hatte, kutschierte er seine bescheidene Habe im Jeep durch die Gegend. Das war nicht in Ordnung – ganz und gar nicht.
Jahrelang angestaute Wut hatte ihn sintflutartig abgestraft. War über seinen Kopf zusammengeschlagen wie die Zorneswelle eines archaischen Rachegottes.
„Du bist die Liederlichkeit in Person – und du bist nie da, wenn man dich braucht. Also verschwinde aus meinem Leben. Ich ertrage deine Anwesenheit keine Minute länger“, hatte Eliane geschrien, während sie vor Wut weinte. „Überall, wo du gehst und stehst, hinterlässt du eine chaotische Spur aus Unordnung und Schmutz.“
Für Jack hatte es sich angehört, als spräche sie mit ihrem Hund. „Du weisst nicht, wo dein Platz ist!“, hatte sie weiter geschrien und da sie gerade so schön in Fahrt war, „Ich habe die Nase gestrichen voll von dir!“
Das war's dann also. Ihm war gerade noch genug Zeit geblieben, ein paar seiner Sachen vor der endgültigen Zerstörung zu retten, ehe sie den kürzeren Weg aus dem Fenster nahmen.
Jack steuerte den Jeep in den Hinterhof des Hotels Monopol, gegenüber dem Hauptbahnhof. Allem Unbill zum Trotz fand er gleich einen freien Parkplatz – sein sprichwörtliches Glück hatte ihn also doch noch nicht ganz verlassen.
Er griff sich seine Büffellederjacke vom Beifahrersitz und warf einen prüfenden Blick durch das Seitenfenster in den Rückspiegel. Seine eisblauen Augen unter den hellen Brauen standen in starkem Kontrast zum Rest des gebräunten Gesichts und liessen die kantige grosse Nase etwas in den Hintergrund treten. Der ausgeprägt modellierte Mund war zu einem amüsierten, etwas selbstgefälligen Grinsen verzogen. Unterhalb der Unterlippe zierte ein kleines auf dem Kopf stehendes Dreieck blonder Barthaare das markant hervorspringende Kinn. Er sah gut aus, fand er.
Jack sprang in den Regen hinaus. Sofort zog und zerrte der Wind an seinem T-Shirt. Kurz blitzte ein Stück angespannter Bauchmuskulatur hervor. Er zog sich die Jacke über und rannte mit eingezogenem Kopf durch den peitschenden Regen auf den rückseitigen Eingang des Hotels zu.
Als er schliesslich das Café im vorderen Teil des Hotels betrat, fühlte er sich wieder gut.
Das Café war schlecht besucht. An den kleinen runden Tischen sassen nur ein paar vereinzelte Gäste, die in ihre Zeitungen vertieft waren. Niemand sah Jack.
Am Tresen bestellte Jack einen Ristretto ohne alles und griff nach einer der ausliegenden Tageszeitungen. Seine Auswahl hätte beliebiger nicht sein können. Alle Blätter berichteten nur eines: Das Jahrhundertunwetter.
Geräuschvoll blätterte er durch die Seiten. Den Mini-Espresso kippte er mit einem einzigen Schluck die Kehle hinunter und schob dann die winzige Tasse von sich. Er zückte den Geldclip aus der Gesässtasche seiner Jeans, entnahm dem Bündel einen Zehner und liess den Schein auf die Theke flattern. Ohne ein Danke strich der Barkeeper den Schein mit einer einzigen fliessenden Bewegung ein.
Unfreundlicher Genosse, dachte Jack. Trinkgeld für den Kerl war gestrichen.
Jemand tippte ihm auf die Schulter.
„Entschuldigen Sie bitte. Ich bin auf der Suche nach einem langen blonden Typen, der sich selbst für unwiderstehlich hält.“
Jack schwang seine langen Beine vom Hocker und drehte sich um.
Vor ihm stand ein Inder, schlank, gut aussehend. Der Kerl musterte ihn missbilligend mit arrogant hochgezogener Augenbraue. Doch dann zerriss ein breites Grinsen sein bemüht ernstes Gesicht. „Na, wie läuft's, Kumpel?“
„Rahul, altes Haus, du kommst spät!“
Der Tumult hinter der geschlossenen Tür des Sitzungszimmers hallte ihr noch nach, als sie ihre Schritte längst den Flur entlang auf ihr Büro zu lenkte. Emma hatte mit ihrer unerwarteten Ankündigung einen hitzigen Disput ausgelöst, aber komme, was wolle, sie würde keinen Rückzieher machen.
Sie schnappte sich ihre Jacke von der Stuhllehne und wollte gerade das Büro verlassen, als Frank, einer der Partner, die Tür aufriss.
Frank war weit mehr als nur Arbeitskollege und Partner; Frank war ihr engster Freund. Er war ihr schon oft zur Seite gestanden, hatte ihr bei schwierigen Anliegen den Rücken gestärkt, doch jetzt, so wie er da vor ihr stand, gereizt und auf Distanz, liess sie der Anblick seines massigen Körpers zurückweichen. Würde sie ihn nicht besser kennen, wäre dies vermutlich der richtige Zeitpunkt, sich zu fürchten.
„Was ist los mit dir? Was sollte das eben?“ Er versetzte der Tür einen Stoss, sodass sie lautstark ins Schloss fiel.
Emma zuckte zusammen. Sein wilder Auftritt verschlug ihr die Sprache. Was hoffte er zu hören? Offensichtlich nichts, denn er schien gar nicht die Absicht zu haben, ihr zuzuhören – jedenfalls noch nicht. Erst mal liess er Dampf ab. Eine ganze Menge Dampf, fand Emma.
„Du kannst nicht einfach alles hinschmeissen und verschwinden. Ein halbes Jahr – bist du verrückt?“ Mit fahrigen Fingern nestelte er an seinem engen Hemdkragen herum. Das steife Leinen spannte sich wie das Seil eines Henkers um den stiernackigen Hals und drückte ihm die Luft ab.
Emma sah ihm stumm zu. Sie wartete darauf, was noch kommen würde. Versuchte einigermassen locker zu wirken, während sich gleichzeitig ihr Rücken vor innerer Abwehr versteifte.
„Was denkst du dir bloss dabei“, wetterte Frank. „Du weisst, wie wichtig dieser Auftrag ist! Wir verdienen eine Menge Geld damit - auch du, schon vergessen?“ Seine Augenbrauen schossen in die Höhe, sollte wohl Eindruck machen. An einem anderen Tag hätte sie gelacht.
Nicht heute. Nicht an diesem Tag.
Dem Tag eins.
Als Antwort hob Emma ein Mal die Schultern. Das war's schon. Sie hatte bereits im Sitzungszimmer alles gesagt.
Frank kapierte schnell. Aus der Tirade wurde ein Bitten. „Emma, lass uns jetzt nicht einfach so hängen - wir brauchen dich.“ Er ging auf sie zu, um wenigstens die räumliche Distanz etwas zu verringern. Fasste sie an den Armen und versenkte seinen Blick in ihre Augen. Beschwörend hakte er nach: „Wenn du jetzt aus dem Projekt aussteigst, verlieren wir möglicherweise den gesamten Auftrag, denn ohne deine Hilfe schaffen wir die Eingabe nicht fristgerecht.“ Schonungslos appellierte er an ihr ausgeprägtes Pflichtbewusstsein.
„Auch Heuchler müssen sterben, Frank.“ Enttäuscht über seinen erneuten Versuch, sie umzustimmen, stiess Emma ihn von sich. „Aber zugegeben, diese Mitleidstour macht dir so schnell keiner nach, nur … bei mir zieht das nicht.“ Sie fühlte sich verraten.
„Ihr habt euch also gegen mich verschworen und dich hat man zum Fürsprecher dieser Farce ernannt. Was haben sie von dir verlangt – dass du mir die Hölle heissmachst? Mir drohst? Wollt ihr mir die Partnerschaft kündigen? Ist es das, was du mit diesem Tamtam bezweckst?“
„Sei nicht albern, Emma. Niemand will so etwas - aber ja, sie haben mich gebeten, nochmals mit dir zu sprechen. Wärst du an meiner Stelle, würdest du genauso handeln. Paul und Tom wissen, dass wir gut miteinander können. Also hilf mir, gib dir einen Ruck und verschiebe deine privaten Probleme einfach ein paar Wochen nach hinten – mir zuliebe.“
Frank liess sich auf das Sofa fallen. Das schlichte Design des Möbellabels USM dominierte den gesamten Raum. War trotz Franks Gewicht nicht totzukriegen. Der Chromstahl ächzte. Aber das war auch schon alles.
Emma wollte etwas erwidern, doch Frank wischte ihr Vorhaben mit einer schwungvollen Handbewegung und einem hinreissenden Grinsen einfach vom Tisch, stattdessen klopfte er aufmunternd mit der flachen Hand auf das schwarze Leder der freien Sitzfläche neben sich.
Emma tat ihm den Gefallen und setzte sich. Sie versuchte zu erklären: „Ihr habt mir einfach nicht richtig zugehört. Ich bitte nicht darum, ich verlange, dass mein Anliegen ernst genommen wird. Esmuss jetztsein, basta! Deine Behauptung, dass es ohne mich nicht geht, ist einfach lächerlich, und du weisst das. Genauso, wie du weisst, dass ich dich durchschaue.“
Frank verzog das Gesicht.
„Was zum Kuckuck ist eigentlich los mit euch Männern“, schimpfte Emma weiter, allmählich geriet sie in Fahrt. „Denk doch mal nach: Wenn ich jetzt aussteige, vergrössert sich euer Profit um meinen Anteil – und meine Arbeit ist praktisch bereits getan.“
Die Falten um Franks Augen vertieften sich. Er lachte laut auf. „Für ein Weibsbild führst du ein ganz schön lockeres Mundwerk, weisst du das?“
Emma schnitt ihm eine Grimasse. „Akzeptier' es einfach! Es liegt nicht in deiner Macht, mich umzustimmen, meine Entscheidung steht fest. Doch als mein Freund bitte ich dich: Sprich noch mal mit Paul und Tom, erzähl ihnen irgendetwas - aber vor allem, halt sie mir vom Hals!“
Keine Reaktion von Frank.
„Es muss jetzt sein!“
„Okay, ist ja gut, ich habe verstanden. Du kannst also getrost wieder runterkommen von deinem Trip. Was auch immer du dir da eingeworfen hast, lass in Zukunft die Hände davon. Ich erkenne dich ja kaum wieder. Und noch etwas, wenn ich mich für dich starkmachen soll, brauche ich was Handfestes. Irgend so eine obskure, an den Haaren herbeigezogene Geschichte reicht da nicht. Dein momentanes – verzeih mir den Ausdruck - hysterisches Getue kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.“
Emma überging die chauvinistische Anspielung. Sie würde sich jetzt nicht darüber aufregen, gönnte sich aber einen kurzen Moment, um entnervt die Augen zu schliessen. Als sie sie wieder öffnete, hatte sie einen Entschluss gefasst.
„Also gut.“ Sie atmete tief ein. „Erinnerst du dich an das, was ich dir über meine … Kindheit erzählt habe?“
„Spielst du etwa auf diese Wer-bin-ich-wirklich-Geschichte an?“, fragte er und verfolgte ihr unruhiges Auf und Ab. Sie tigerte zum Fenster und zurück an den Schreibtisch, zum Fenster – an den Schreibtisch … und das, ohne einmal innezuhalten. „Mir wird noch schwindlig“, seufzte er. „Aber was ist jetzt neu an der Geschichte?“ Er gähnte.
Emma beachtete ihn nicht, stattdessen machte sie sich Gedanken über die richtige Wortwahl. Wenn sie Frank nicht klarmachen konnte, wie existenziell wichtig diese Nachforschungen für sie waren, dass ihr Seelenfrieden davon abhing - von der körperlichen Erschöpfung durch chronischen Schlafmangel einmal abgesehen, dann konnte sie sich gleich jedes weitere Wort sparen.
Frank begann zu pfeifen und mit dem Fuss zu wippen, da endlich begann sie zu erzählen. Sie nannte den Albtraum, der sie quälte.
„Was ist das für ein Traum“, unterbrach er sie, „was passiert da?“
„In meinem Traum bin ich ein Kind und ich sitze in einem Flugzeug. Ich blicke aus einem ovalen Fenster, dessen Scheibe milchig weiss beschlagen ist. Wir fliegen über eine weisse Decke aus Zuckerwatte, die lautlos unter dem Flugzeug dahingleitet, als das Ding plötzlich wegsackt und wie ein Stein durch die Wolken fällt. Wir stürzen ab. Ich habe fürchterliche Angst, doch niemand ist da, der sich um mich kümmert, meine Hand hält, mir sagt, dass alles gut wird, oder mich auch nur tröstend anlächelt. Ich kann kaum atmen, so sehr schnürt mir die Angst die Brust zu.“ Emma atmet tief ein, allein die Erinnerung an den schrecklichen Traum bereitet ihr körperliches Unbehagen.
„Irgendwann später …“, fährt sie fort, „sehe ich mich selbst, als kleines Mädchen inmitten rauchender Trümmer stehen. Wie zerstörte Spielsachen liegen Wrackteile verstreut um mich herum und dort, wo das grösste heil gebliebene Stück des Flugzeugs liegt, brennt es lichterloh. Und immer noch sehe ich mich da stehen und weinen, als wäre ich eine Fremde, während ich die Tränen fühlen kann, die dem Mädchen heiss und nass über die Wangen rollen. Die Flammen schlagen immer höher und eine unerträgliche Hitze breitet sich aus. Die Haut an meinen Armen beginnt zu jucken und das Letzte, was ich sehe, ist eine gewaltige, alles zerstörende Explosion. Danach wache ich auf, bin schweissgebadet und mein Bein schmerzt.“ Emma streicht sich mit der Hand über die längst verheilten Narben. Sie kann sie durch den Stoff hindurch fühlen.
Frank räusperte sich. „Scheisse, und so was träumst du jede Nacht?“ Der betroffene Tonfall in seiner Stimme klang echt. „Kein Wunder, dass dein Nervenkostüm nur noch Pudding ist.“
Emma sah ihn an: „Nicht jede Nacht, aber vielleicht begreifst du jetzt, dass ich so nicht weitermachen kann. Mir fehlt einfach die Kraft dazu.“
„Verstehe! Hhmm … Hast du schon mal daran gedacht, einen dieser Psychoheinis aufzusuchen – du weisst schon, einen Seelenklempner?
Emma antwortete nicht gleich. Sie wusste, dass dies nicht einfach eine neuerliche Stichelei war, die Frage war ernst gemeint.
„Daran gedacht habe ich, ja. Zu Anfang jedenfalls, mittlerweile bin ich jedoch davon überzeugt, dass die Träume einen realen Hintergrund haben. Ich habe auch bereits einige Nachforschungen in diese Richtung angestellt. Recherchiert, herumtelefoniert, solche Sachen eben - und weisst du was? Ich bin tatsächlich fündig geworden.“
Frank glotzte sie verständnislos an, als spräche sie plötzlich Mandarin. In diesem einen kurzen Moment wurde ihr klar, dass sie den Gaul von der falschen Seite her aufgezäumt hatte, aber da war es bereits zu spät.
Frank verdrehte die Augen. „Komm schon, Emma, das ist doch verrückt. Du bist verrückt!“ Seine Bestürzung war nicht gespielt. Er konnte nicht fassen, was sie ihm da gerade aufzutischen versuchte. „Weisst du überhaupt, wie sich das anhört? Wie kommst du nur auf solch einen Unsinn? Jeder hat mal Albträume - sogar ich. Doch stelle ich deswegen gleich Nachforschungen an?“ Frank schüttelte den Kopf. Er war fassungslos. „Du ereiferst dich. Träume sind doch nur verworrene Bilder unseres Unterbewusstseins, ohne jeglichen Bezug zur Realität, völlig bedeutungslos. Wach auf, Emma, bevor du dich zu sehr in diese Sache verrennst!“
Emma hielt den Blick auf ihre Schuhe gerichtet. „Bist du endlich fertig?“, fragte sie müde.
„Ja, bin ich. Aber sag mir bitte, dass du das Geschwätz von eben nicht ernst gemeint hast.“ Er durchforstete ihr Gesicht nach einer Bestätigung, einer Bestätigung dessen, dass sie sich nur einen dummen Spass mit ihm erlaubt hatte, doch ihre Mine blieb ungerührt.
Frank seufzte.
„Ich nehme an, den Rest willst du nicht mehr hören?“
Frank gab auf. „Ist ja gut, also erzähl weiter.“
Emma machte es kurz, sie schloss ihren Bericht mit den folgenden Worten: „1979 gab es tatsächlich einen Flugzeugabsturz in der Gegend und die Unglücksmaschine - ein Learjet - stürzte nur etwa einen Kilometer von der Stelle entfernt ab, wo man mich damals gefunden hat.“
„War's das jetzt?“ Frank veränderte seine Sitzhaltung. Das weiche Leder unter ihm knarzte bedrohlich. „Okay, dann beantworte mir mal eine Frage: Was glaubst du, wieso vor dir niemand diese Verbindung hergestellt hat? Die Polizei, zum Beispiel, oder die Flugsicherheit. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, aber war es nicht schon damals üblich, dass Passagierlisten geführt werden mussten?“
„Ich weiss es nicht“, antwortete Emma wahrheitsgetreu, „aber ich weiss, worauf du anspielst. Aber du irrst dich. Ich bin nicht verrückt. Ich weiss genau, was ich tue, und ich werde den Grund für dieses Versäumnis, Missverständnis – nenn es, wie du willst - herausfinden und danach …“
„Was danach?“, hakte Frank nach. „Glaubst du wirklich, dass du, nachdem achtundzwanzig Jahre verstrichen sind, noch herausfinden kannst, was damals geschah. Niemand weiss, wie du auf dieses Feld gelangt bist – nicht einmal du selbst. Und wenn – das, was du zu erfahren hoffst, wird die bösen Träume auch nicht verschwinden lassen, weil sie ganz einfach nichts mit deiner Herkunft zu tun haben.“
„Mach dich nicht lustig über mich.“
„Das tue ich nicht, Emma. Ich mache mir bloss Sorgen. Was du da vorhast, macht mir Angst. Es ist … es ist verrückt.“
„Du wiederholst dich.“
Frank hob abwehrend beide Hände, so als wolle er sich vor weiteren Offenbarungen schützen. „Ich kenne dich jetzt seit nunmehr - wie lange - fünfzehn Jahren? Ich durfte deine großartigen Adoptiveltern kennenlernen, auch ein paar von deinen, ähmm … Herrenbekanntschaften sind mir noch präsent, aber habe ich deswegen jemals meine Nase ungebeten in deine Angelegenheiten gesteckt? Nein, das habe ich nicht. Habe ich jemals eine deiner Entscheidungen infrage gestellt? Auch das habe ich nie getan, im Gegenteil, ich habe immer und in jeder Beziehung hinter dir gestanden – was du auch erwarten durftest. Ich habe dich bewundert, deine Arbeit, aber auch deinen Sachverstand. Du bist die beste, talentierteste und innovativste Architektin, der ich im Laufe meiner Karriere begegnet bin – kein Scheiss –, du bist sogar besser als Paul, Tom und ich zusammen, aber das jetzt, das hört sich rein gar nicht nach der vernünftigen Frau an, die ich bis dato besser zu kennen geglaubt hatte als mich selbst.“
Emma wollte etwas sagen, doch Frank winkte ab.
„Lass mich bitte ausreden. Wenn nun aber …“, fuhr er fort, „und das meine ich so, wie ich es sage, also wenn dich diese Sache“, er betonte das Wort „Sache“ mit Nachdruck, „wirklich derart quält, dass offensichtlich sogar dein gesunder Menschenverstand darunter zu leiden beginnt, ist es wohl tatsächlich das Beste, du findest selbst heraus, wie lächerlich dein Vorhaben ist.“
Emma war enttäuscht über seine Reaktion, hatte bei den letzten Sätzen gehofft, dass Frank – obwohl, wenn sie ehrlich zu sich war, sie nicht viel anderes von Frank erwartet hatte.
Frank war kein ignoranter Idiot. Er musste gespürt haben, dass er zu weit gegangen war, denn unvermittelt lenkte er ein.
„Tut mir leid, wenn ich dich gerade enttäuscht habe, aber du kennst mich. Mit diesem esoterischen Zeug kann ich partout nichts anfangen. Aber es ist mir absolut ernst mit dem, was ich gerade sagte: Wenn dich die Sache wirklich so fertigmacht, musst du es wohl oder übel durchziehen.“
Emma versuchte zu lächeln, etwas verkniffen zwar, dennoch, es war eindeutig ein Lächeln.
Beide schwiegen. Es war alles gesagt. Im Hintergrund klatschten fette Regentropfen gegen die geschlossenen Fensterscheiben. Emma fuhr sich über die Vorderseite ihrer Jeans, die noch immer etwas feucht war und den frischen Geruch nach Weichspüler verströmte. Frank hatte nichts begriffen, aber das spielte keine Rolle, ihr Entschluss hatte schon festgestanden, lange bevor sie beide dieses Gespräch geführt hatten.
Frank fuhr sich durch sein dichtes schwarzes Haar. Auch er schien zu spüren, dass da etwas zwischen ihnen stand, das sie regeln mussten. So konnten sie nicht auseinandergehen. Beherzt griff er sich einen der glänzenden roten Äpfel vom Beistelltisch und streckte ihn Emma entgegen, doch sie schüttelte nur stumm den Kopf, und so biss er selbst gespielt herzhaft hinein.
„Schmeckt gut“, meinte er kauend. „Was für eine Sorte ist das?“
Emma griff nach ihrer Jacke. „Es ist wohl besser, ich gehe jetzt.“
„Warte!“ Mühsam erhob er sich vom Sofa. „Es tut mir leid und es war ziemlich vermessen von mir, deine Entscheidung infrage zu stellen - aber versuchen musste ich es, das verstehst du doch.“
Er bewegte sich langsam auf sie zu.
Emma wusste, was jetzt kam. Sie versuchte nicht, sich zu widersetzen – es wäre zwecklos gewesen. Seinen gewaltigen Armen gingen lange Schatten voraus, und ehe sie sichs versah, presste Frank sie heftig gegen seine breite Brust.
„Ich hoffe, du findest wonach du suchst“, flüsterte er zu nah an ihrem Ohr. Sie versuchte zu nicken, was jedoch unmöglich war. Kurz bevor ihr die Luft ausging, löste Frank seine Umklammerung. Er schob sie auf Armeslänge von sich und schenkte ihr ein versöhnliches Lächeln.
Emma atmete tief ein.
Frank ging zur Tür. Dort drehte er sich nochmals um und zwinkerte ihr zu: „Pass auf dich auf, Kleines!“
Emma nickte stumm.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, schnappte sie sich eilig Jacke und Tasche und nach einem kurzen befreienden Blick in die Runde kehrte sie ihrem bisherigen Leben den Rücken zu.
***
Jack umarmte seinen Freund zur Begrüssung und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Rahuls gequältes Stöhnen überging er dabei geflissentlich.
Ein paar Köpfe zuckten von ihren Zeitungen hoch. Rahul war die ungewollte Aufmerksamkeit peinlich. Er mochte es nicht besonders, im Mittelpunkt allgemeinen Interesses zu stehen, doch seinem Freund Jack waren solche Gefühlsregungen fremd; er tat seine Meinung laut und offen kund, egal wo und wann das war. Anfangs hatte ihn Jacks lautes Wesen irritiert, aber schon bald fing er an, diese etwas gewöhnungsbedürftige Art zu schätzen. Bei Jack wusste man immer, woran man war. Rahul kannte keinen ehrlicheren Typen als ihn. Das konnte manchmal durchaus unbequem sein, trotzdem war ihm Jacks offene Art lieber als das falsche, oberflächliche Getue so mancher Leute, mit denen er zu tun hatte.
„Weisst du“, sagte Jack gerade, „ich freue mich wirklich, dass du dir für diesen Trip Zeit genommen hast. Du siehst nämlich miserabel aus, wenn ich das mal so sagen darf; müde und ich weiss nicht … griesgrämig? Aber lass mal – was dir fehlt, ist etwas Ruhe und Erholung, also haargenau das, was ich dir zu bieten habe.“
„Ruhe und Erholung – bei dir?“, echote Rahul.
„Jaap. Und danach …“ Jack fügte eine kunstvolle Pause ein, „danach, könntest du es tatsächlich schaffen, mit meinem blendenden Aussehen in Konkurrenz zu treten.“
Rahul grinste. „Im Herzen bleibst du für immer ein hitziges Kind. Du hast dich auch kein bisschen verändert seit unserem letzten Treffen. Wie schaffst du es bloss, dir all diesen Quatsch abzukaufen? Du kannst unmöglich ernst meinen, was du da gerade von dir gibst. Du bist vierzig - weisst du, wie alt sich das anhört? Und du bist angezogen wie Indiana Jones und das mitten in der Stadt. Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich mich dir angleichen möchte.“ Rahul legte sein Gesicht in mitleidige Falten. „Dein Narzissmus ist wirklich und wahrhaftig nicht zu toppen!“
Jack grinste, als hätte man ihn gerade zum neuen Mister Schweiz gewählt. Siegessicher streckte er beide Daumen in die Luft.
„Gott, mit dir stimmt echt was nicht, weisst du das?! Du solltest dich mal sehen.“ Rahul schüttelte den Kopf. „Du weisst wirklich nicht, wieso ich hier bin – stimmt's?“ Jack zog als Antwort die Schultern hoch und machte ein dummes Gesicht. „Ich bin hier, weil sie dich hat sitzen lassen, weil ich dachte, dass es dir dreckig geht, dass du am Boden liegst, zerstört, hoffungslos, nur noch ein bedauernswerter Schatten deiner selbst.“ Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. „Sie hat dich doch nicht etwa wieder zurückgenommen?“
„Oh nein, wo denkst du hin.“ Jack fasste sich ans Kinn, „obwohl … es fällt dem alten Mädchen sicher sehr schwer, diesen Schritt nicht zu tun, schliesslich weiss sie, was sie an mir verloren hat.“
Rahul stöhnte auf.
Jack gab auf: „Okay, Spass beiseite, du hast ja recht. Es hat mich anfangs ganz schön umgehauen, aber die Geschichte mit Eliane hat sich einfach totgelaufen. So gesehen, bietet sich mir jedoch die einmalige Chance, nochmals ganz von vorne zu beginnen. Und zum Auftakt dazu gönnen wir uns jetzt erst mal unseren wohlverdienten Urlaub.“
„Gut, dann lass mal hören: Was sind deine Pläne?“ Rahul zog sich einen Hocker heran, doch Jack hielt ihn zurück.
„Lass uns erst von hier verschwinden und sehen wir zu, dass du deine Sachen verstauen kannst.“
„Gut, aber hast du denn schon eine neue Bleibe?“ Rahul warf einen skeptischen Blick auf Jacks feuchte, zerknitterte Jeans.
Jack registrierte Rahuls Blick. „Oh, schau da einfach nicht hin. Daran ist nur das miese Wetter schuld.“
„Okay, aber dir ist schon klar, dass ich auf keinen Fall mit dir im selben Zimmer hause?“
Jack verdrehte die Augen. „Du bist ein Snob.“ Er wies auf die Reisetasche. „Ist das alles, was du dabeihast?“
„Mehr brauche ich nicht.“ Rahul knetete sich den schmerzenden Nacken - der lange Flug von Delhi nach Zürich hatte strapaziöse Spuren hinterlassen. „Ich bin schliesslich nicht das erste Mal hier. Sogar ich weiss: In der Schweiz gibt es nichts, was man nicht kaufen kann – das stimmt doch? Ausserdem …“, fügte er so beiläufig wie möglich hinzu, „habe ich noch ein paar Sachen in meinem Ferienhaus rumliegen.“
Jack riss vor Verblüffung den Mund auf. „Du hast – was? Ein Ferienhaus? Hier – in meinem Land?“
„Ich dachte, du wüsstest davon? Wir waren oft da, meine Frau und ich.“
„Du bist verheiratet?“ Jack war geschockt.
„War. Sie ist gestorben.“
„Oh, tut mir leid. Wieso hast du mir nie etwas davon erzählt?“
„Ich rede nicht gerne darüber. Ausserdem war das vor unserer Zeit.“ Mehr sagte er nicht.
„Aber das mit dem Ferienhaus, das wenigstens hättest du mir gegenüber erwähnen können“, empörte sich Jack. „Wo …?“
Noch ehe Jack sich inhaltlich näher auf das Haus einschiessen konnte, klemmte Rahul erneut ab. Er hob seine Tasche vom Boden. „Also, was ist? Ich dachte, wir wollten fahren!“
„Nur zu“, brummte Jack und ging den Flur entlang voraus Richtung Parkplatz. Rahul folgte ihm.
Sie standen unter dem Vordach des Hinterausgangs. Ein stetes Rauschen lag in der Luft, vermischt mit dem frischen Geruch des Regens. Der Wagen war hinter dem nassen Vorhang kaum noch auszumachen; wenigstens hatte der Wind etwas nachgelassen.
Jack rannte zum Jeep, Rahul hinterher. Während Rahul sich hastig auf den trockenen Beifahrersitz hievte, versuchte Jack Rahuls Reisetasche irgendwo im Fond in eine Lücke zu quetschen – aber es war hoffnungslos. Obwohl die Tasche nicht sehr gross war, fand sich kein freier Platz. Kurzerhand drückte er sie Rahul in den Schoss. „Hier! Sieht so aus, als müsstest du sie doch bei dir behalten.“
Rahul warf einen Blick über die Schulter auf die überladenen Sitze und den vollgestopften Laderaum dahinter. „Was ist das überhaupt für Zeug. Schläfst du etwa hier drin?“
„Quatsch!“, sagte Jack rasch. „Ich hatte einfach allerhand um die Ohren und noch keine Zeit, die Sachen auszuräumen.“
„Tatsächlich?“ Rahul lehnte sich zurück. Etwas bohrte sich schmerzhaft zwischen seine Schulterblätter. Er griff hinter sich und zog mit spitzen Fingern und indigniert hochgezogener Braue Jacks Trekkingschuhe hervor. Sein Freund hatte sie an den Schnürsenkeln zusammengebunden und um die Nackenstütze gehängt. Er warf sie vor sich in den Fussraum, wo die derben Schuhe neben seinen weichen braunen Lederslippern von Gucci landeten und sich ausnahmen wie arme Verwandte vom Lande.
Rahul Kahn entstammte einer vermögenden Industriellenfamilie. Sein Freund Jack wusste natürlich, dass Rahul gut betucht war, ohne jedoch das wahre Ausmass seines Reichtums zu kennen. Ihre Freundschaft beruhte auf einer gemeinsamen Leidenschaft: Beide waren sie begeisterte Trekking-Fans.
Rahul war nicht der Typ, der mit seinem Geld protzte; im Grunde seines Wesens gehörte er eher der stillen, zurückhaltenden Spezies an. Seinen dunklen Augen haftete eine latente Traurigkeit an, die das dichte schwarze Haar und die eigenwillig gewölbten Augenbrauen verstärkten. Für einen Inder war er sehr hellhäutig, mit klaren, aber leicht unbeweglichen, abweisenden Gesichtszügen. Er hatte markante Lippen, so als wären sie aus Holz geschnitzt, und an den Mundwinkeln sassen kleine zynische Fältchen, die auf einen vielschichtigen Charakter hindeuteten.
„Wieso fährst du nicht über die Seebrücke, wenn du Richtung Basel willst?“, fragte er, als Jack auf die Strasse nach Kriens einbog.
„Keine Chance. Du hast keine Vorstellung davon, was da drüben los ist“, erklärte ihm Jack. „Die halbe Stadt steht unter Wasser. Das Luzern, wie du es kennst, gibt es nicht mehr, wenigstens für die nächste Zeit. Das Reussufer und das gesamte Ufergelände entlang dem Seebecken, die Strassen – alles weg. Da drüben sieht es aus, als ob sich einer an einer Zeitmaschine versucht hätte. Der See hatte sich seine ursprüngliche Form zurückerobert, es ist, als wäre man unvermittelt ins Luzern um das 16. Jahrhundert zurückversetzt worden.“
„Was ist mit den Leuten, die da wohnen, wie kommen die damit klar?“
„Provisorische Holzstege. Das Militär hat sie angelegt. Aber du solltest die Gestalten mal sehen, die wandeln auf den Dingern, als stünden sie unter Drogen. Jedenfalls, der einzige Weg für uns, ist die Umfahrung.“
Jack bog in die Auffahrt zur Autobahn. Der Regen schien kein Ende zu nehmen. Überall war Wasser. Wasser, wohin das Auge reichte. Auf dem erhöhten Strassenbelag der Autobahn sammelte es sich zu gefährlichen, unüberschaubaren Seen und die Sicht betrug gerade mal ein paar Meter. Beide atmeten befreit auf, als sie endlich die Tunneleinfahrt passierten und das laute Trommeln des Wassers auf dem Wagendach abrupt erstarb.
Die doppelspurige Röhre bot mehrfachen Schutz vor dem garstigen Wetter. Aber das Gefühl der Sicherheit war trügerisch. Kaum waren die beiden Männer dem Regen entronnen, beschlugen die Scheiben des Jeeps und die Sicht wurde noch schlechter als zuvor.
Jack wischte mit dem Ärmel seiner Jacke über die Innenseite der Frontscheibe. Ein schmaler, lichter Streifen bot aber nur kurzzeitig etwas mehr Sicht.
„Gütiger Gott. Stell endlich die Lüftung an, man kann ja kaum noch etwas erkennen!“ Rahul warf Jack einen hektischen Blick zu, doch der reagierte nicht einmal, also legte er selbst Hand an. Er drehte und schraubte an den wenigen Armaturen herum, ohne dass etwas geschah. Ein Knopf brach ab.
„Vergiss es!“, meinte Jack. „Deine Anstrengungen sind zwecklos. Die Lüftung hat ihren Geist längst aufgegeben, lange bevor ich dieses Bijou erworben habe. Aber keine Bange, wir kommen schon heil da durch.“
„Ein Traktor hat mehr Komfort als diese alte Karre!“, schimpfte Rahul und liess das abgebrochene Teil unbemerkt in seiner Jackentasche verschwinden. Er begann sich ernsthaft Sorgen zu machen. Wo zum Teufel war der sprichwörtliche Schweizer Perfektionismus geblieben.
Der Wind frischte wieder auf. Neue Sturmböen fegten über den nass glänzenden Asphalt, der Regen trommelte jetzt seitlich gegen die schwarze Lackierung des Wagens. Der BMW reagierte wie ein bockendes Pferd. Emma musste kräftig gegensteuern, um nicht von der Fahrbahn gefegt zu werden, und es kostete sie einige Mühe, den Wagen auf einer Linie zu halten.
Auf der lang gezogenen Kurve zur Autobahn hoch verloren die breiten Pininfarina-Reifen in einer der wassergefüllten Fahrspurrillen kurz die Bodenhaftung. Der Wagen drohte erneut auszubrechen, Emma schaffte es gerade noch so auf sicheren Grund, doch die Sicht war inzwischen gleich null. Als Orientierungshilfe blieb ihr nur noch die seitliche Markierungslinie entlang der Strasse. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren, doch gegen die allgewaltigen Wassermassen richteten sie nicht mehr aus als ein Staubtuch in der Wüste. Etwas Derartiges hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht erlebt. Die Welt um sie herum war im Begriff, sich in eine konturlose Masse aufzulösen.
Der Wagen schoss auf die überdachte Einfahrt des Sonnenbergtunnels zu. Die plötzliche Stille, als der Wagen in die eins Komma fünf Kilometer lange Doppelröhre eintauchte, wirkte auf Emma unnatürlich, unlogisch, aber endlich konnte sie wieder klar sehen.
Emma entspannte sich. Sie dachte über ihr neues Leben nach, dachte daran, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor – wenn sie es überhaupt schaffte, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen. Sie hatte ein halbes Jahr. Oberflächlich betrachtet, eine Menge Zeit, aber es wartete viel Arbeit auf sie - und sie hatte noch nicht mal einen Plan.
Wo beginne ich am besten? Jeder Schritt musste weise vorausgeplant und dokumentiert werden. Ich brauche ein Konstrukt des voraussichtlichen zeitlichen Rahmens, dachte sie, undich werde noch mehr Zeit darauf verwenden müssen, Fragen zu stellen, Hinweisen und Spuren nachzugehen. Diese Gedanken versetzten sie in eine beschwingte Stimmung. Die Haut an ihren Unterarmen prickelte, die Härchen darauf standen aufrecht wie die Stacheln eines Igels.
Das einschiessende Adrenalin machte sie übermütig, ihr Fuss liebkoste das Gaspedal. Der Wagen beschleunigte mit einem kraftvollen Schnurren und die Nadel am Tachometer schoss so mühelos über das Tempolimit hinaus, dass sie es nicht mal wahrnahm. Emma drehte die Musik lauter; gemeinsam mit Freddy Mercury sang sie: „We are the Champions …”
Das Licht im Tunnel ging aus; erst flackernd, dann war es ganz weg. Die plötzliche Dunkelheit liess die Tunnelwände bedrohlich eng zusammenrücken. Nichts, das Emma beunruhigt hätte, sie war nicht klaustrophobisch veranlagt. Trotzdem ging sie etwas vom Gas. Dieser verdammte Regen. Sie seufzte, dabei malte sie sich aus, wie ein zorniger Wettergott sich immer neue noch chaotischere Katastrophen ausdachte, um die ungehorsame Menschheit zu bestrafen. Diese Vorstellung lenkte sie einen Moment ab. Einen gefährlichen winzigen Augenblick.
Am äusseren, zerfliessenden Rand ihres rechten Scheinwerfers tauchte ein hässlicher Schrotthaufen auf. Oh Gott! Das Ding fährt sogar noch? Emma traute ihren Augen nicht. Das rostzerfressene Chassis war derart verzogen, sie konnte alle vier Reifen sehen – nebeneinander.
Der ohrenbetäubende Knall einer Fehlzündung liess sie erschrocken das Steuer zur Seite reissen. Der schwere Wagen vollführte einen bedenklichen Schlenker, fast hätte sie den hohen Randstein an der seitlichen Begrenzung gestreift.
„Dämlicher Idiot!“, schrie sie ihre Frontscheibe an, als ihr der Wagen wieder gehorchte. Der Schreck sass ihr tief in den Knochen, das war gerade noch mal gut gegangen. „So eine Karre gehört verboten“, echauffierte sie sich. „Das ist unglaublich. Blödmann, du tickst doch nicht richtig.“
Der Jeep wurde hässlicher, je näher sie auffuhr. Schon konnte sie den rostigen Auspuff erkennen, der, schwarzen Qualm hustend, bedrohlich locker auf und ab wippte. Der Gestank, der ihm entströmte, war bestialisch, aber noch schlimmer war dieses unheimliche Grollen, das die ganze Tunnelröhre durchdrang.
Dieses hässliche Ding ist kein Auto, dachte sie, das ist eine tickende Zeitbombe auf Rädern. Emmas Finger betätigten die Umluft-Taste, doch dafür war es längst zu spät. Der widerliche Abgasgestank hatte sich bereits im ganzen Wagen ausgebreitet. Sie begann zu husten und eine Nanosekunde lang war sie abgelenkt.
Der zweite falsche Augenblick.
Die Rostschleuder legte eine Vollbremsung hin. Emmas Fuss schnellte vor aufs Bremspedal, das Bein steif durchgestreckt; ein eingeübter Reflex. Trotz des furchterregenden Ratterns des ABS liess sie den Fuss da, wo er war. Die Reifen griffen wieder, doch das wild schlingernde Heck des Jeeps war bereits zu nah, und jetzt brach es auch noch zur Seite aus.
***
Jack und Rahul starrten dem diffusen Lichtfinger ihres einen, halb blinden Scheinwerfers hinterher, der sich schon nach ein paar wenigen Metern im Tunnelinnern verlor. Der zweite hatte sich gar nicht erst zum Dienst gemeldet.
Jack kurbelte das beschlagene Seitenfenster herunter und streckte den Kopf hinaus. Lautes Donnern und Getöse erfüllte die Luft im Tunnel. Er war etwas verwirrt.
Das kann unmöglich mein Wagen sein, dachte er. Einerseits beruhigte ihn diese Erkenntnis, andererseits liess das unheimliche Grollen, egal woher es kam, auf nichts Gutes schliessen. Er wischte mit seinem Taschentuch ein kleines Loch in den Schmutz am Seitenspiegel. Ein Wagen schloss von hinten auf, ein BMW, schwarz. Das schnittige Fahrzeug rückte verdammt schnell auf.
Rahul stiess ihm den Ellbogen in die Seite. „Pass auf! Vor dir!“
Jack riss den Kopf zurück in den Wagen und schmetterte seinen Fuss auf die Bremse: Die betagte Karre bockte und begann wild zu schlingern und dann brach das Heck aus. Einen Herzschlag lang befürchtete er, sie würden sich überschlagen, aber dann kamen sie quer zur Fahrbahn doch noch zum Stillstand - nur einen knappen Meter hinter dem gestürzten Motorradfahrer und seiner Maschine.
Der Kerl sah aus wie ein Ausserirdischer in seiner schwarzen Montur und dem Helm mit dem geschlossenen Visier. Er kam mühsam wieder auf die Beine, während er versuchte das Visier zu öffnen, aber etwas klemmte. Durch den Sichtschutz hindurch schrie er Jack etwas zu, doch der verstand kein Wort. Was der Alien auch zu sagen hatte, es ging in dem Getöse und dem dumpfen Grollen vollständig unter.
Jack hielt sich hilflos die Hand hinter sein Ohr.
Der Alien schien zu verstehen, reagierte jedoch für Jack völlig unverständlich - er rannte davon. Das alles passierte in einem Bruchteil von Sekunden und während Jack noch immer verdutzt dem sich eilig davonmachenden Motorradfahrer hinterherglotzte, bohrte sich die bullige Schnauze des BMWs in die Beifahrerseite des Jeeps. Die alte Kiste verabschiedete sich wie ein etwas zu breit geratener Pfeil vom Strassenbelag, sodass sie bei der Landung in hohem Bogen zurück auf den Asphalt das Motorrad unter sich begrub.
Rahul stöhnte auf. Im Gegensatz zu Jack hatte er den Zusammenstoss kommen sehen. Ihm war gerade genug Zeit geblieben, die Arme hochzureissen, um sein Gesicht zu schützen. Er hatte das leise Knacken des berstenden Knochens noch im Ohr, als ihm der teuflische Schmerz auch schon den Atem raubte.
Jack traf es völlig unvorbereitet, aber ausser einem Schlag gegen seine Schulter bekam er nichts ab. Unsinnigerweise beschäftigten sich seine Gedanken noch immer mit dem sonderbaren Verhalten des Motorradfahrers. Wieso, zum Teufel, hat sich der Kerl einfach aus dem Staub gemacht?
Rahul bewegte sich. „Ist mit dir alles in Ordnung?“ Erst jetzt bemerkte Jack, wie Rahul sein rechtes Handgelenk umklammerte. Rahul schrie etwas, aber Jacks Ohren waren taub. Den Tunnel erfüllte ein dumpfes Grollen. Der Druck, der auf seinem Trommelfell lastete, packte alles um ihn herum in Watte. Verständnislos starrte er auf Rahuls Lippen, die sich zwar bewegten, aber keine Laute von sich gaben. Jack hielt sich achselzuckend die Ohren zu, zum Zeichen, dass er nicht verstand. Rahul riss seine Augen weit auf. Da endlich registrierte Jack die Panik in Rahuls Gesicht. Nichts Gutes ahnend, folgten seine Augen dem ausgestreckten Arm seines Freundes, der über seine eigene linke Schulter wies. Er drehte sich um.
„Gütiger Gott! Was ist das?“
Vier Augen stierten fassungslos in die Tiefen des Tunnels hinein. Ihr Atem stockte. Eine gewaltige Mauer aus Wasser und Geröll walzte auf sie zu.
***
Der Airbag fiel in sich zusammen. Sie hatte wieder freie Sicht. Sicht auf etwas, das nicht sein konnte, aber dennoch auf sie zuraste. Emma wollte aus dem Auto springen, sie konnte sich jedoch nicht bewegen – Schockstarre. Ausserhalb ihres Wagens war die Hölle ausgebrochen. Reifen quietschten, Menschen schrien, doch von alldem hörte und sah sie nichts. Sie sah sie nicht. Diejenigen, die aus wilder Angst ihre Fahrzeuge verliessen und zurück in Richtung Tunneleingang hetzten. Diejenigen, die ihre Wagen in der engen Röhre zu wenden versuchten und dabei hoffnungslos stecken blieben, sich gegenseitig den Weg zum rettenden Ausgang versperrend.
Dantes Inferno zu Gast in der Schweiz: Hinter Emma totales Chaos, vor ihr war der Tod. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen; obwohl jede Faser ihres Körpers danach schrie, den Wagen sofort zu verlassen, versagten die Glieder ihr den Dienst. Das war das Ende.
Das Ganze hatte nur Sekunden gedauert; der Zusammenstoss, die schockierende Erkenntnis, und dennoch hatte das Tosen des heranrollenden Unheils noch weiter an Intensität gewonnen.
„Nichts wie weg hier!", schrie Rahul.
Jack brauchte Rahuls Worte nicht mehr zu verstehen - er hatte endlich kapiert. Er sprang aus dem Wagen. Rahul folgte ihm über die Mittelkonsole.
Jack sah die Frau am Steuer des BMWs, registrierte ihr lähmendes Entsetzen. Ohne nachzudenken riss er die intakt gebliebene Fahrertür auf. Sie war noch angegurtet, die Augen weit aufgerissen, aber mit leerem Blick. Jack schrie sie an, rüttelte an ihrer Schulter. Sie stöhnte, behielt den Blick aber weiter starr geradeaus bei.
Jack griff kurzerhand über den Schoss der Frau und öffnete den Sicherheitsgurt. Rahul half ihm. Gemeinsam zogen Sie sie aus dem Wagen. Sie wussten nicht, ob sie verletzt war, aber darauf konnten sie gerade jetzt keine Rücksicht nehmen. Sie mussten von hier weg, so schnell wie möglich. Jede Sekunde zählte, entschied über Leben oder Tod. Sie nahmen die junge Frau in ihre Mitte.
Rahul wollte Richtung Tunneleingang lospreschen, aber Jack winkte ab.
„Nicht da lang.“ Er zeigte in die entgegengesetzte Richtung, genau auf die Katastrophe zu.
Rahul schüttelte heftig den Kopf. Obwohl er Jacks Worte nicht verstand, begriff er, was sein Freund vorhatte. Aber das konnte unmöglich sein Ernst sein. Noch ehe sich Rahul versah, riss Jack die Frau bereits mit sich. Rahul folgte instinktiv. Etwas weiter vorne, im tiefen Dunkel, erkannte nun auch Rahul das schwache Licht einer Notbeleuchtung und darunter die Umrisse einer Ausweichstelle. Darauf hielt Jack zu.
Das Chaos im Tunnel war unbeschreiblich. Jeder, der dazu noch in der Lage war, rannte um sein Leben. Nur das zählte noch: überleben und dieser Hölle, diesem alles verschlingenden nassen Grab rechtzeitig entkommen. Jene, die der Tunneleinfahrt am nächsten waren, würden es wohl gerade noch schaffen, doch für viele andere, weit im Innern der Röhre, war es bereits zu spät. Sie ergriff der Tod mit eisigen Fingern, riss sie mit sich ins kalte, nasse Vergessen.
Jack stürmte mit weit ausholenden Schritten vorneweg, seine Hand hielt die der Frau fest umklammert. Er zerrte sie einfach hinter sich her. Obwohl sie rasend schnell unterwegs waren, wurde er das dumpfe Gefühl nicht los, sich nur in Zeitlupe zu bewegen. Angst fühlte er keine. Die anfängliche Panik war in eine eigentümliche, innere Ruhe umgeschlagen. Seine Gedanken waren jetzt klar durchstrukturiert und seine Sinne nahmen jedes noch so winzige Detail wahr. Jeder Muskel seines angespannten Körpers baute präzise die richtige Spannung auf, um das bestmögliche Resultat zu erzielen. Alles lief wie von selbst. Die Frau hatte sich widerstandslos in seine Obhut ergeben. Ihre anfängliche Apathie war einer beachtlichen, sportlichen Leistung gewichen, denn jetzt lief sie aktiv mit. Aber egal wie auch immer sie reagiert hätte, sie zurückzulassen wäre keine Alternative gewesen. Rahul bildete den Schluss der Truppe. Er schien noch immer am gesunden Menschenverstand seines Freundes zu zweifeln.
Jack achtete nicht darauf. Unbeirrbar hetzte er weiter direkt auf die Katastrophe zu. Er stemmte sich gegen den gewaltigen Luftdruck, den die Druckwelle des Wassers vor sich herschob. Feiner Sprühnebel legte sich ihm kalt auf das Gesicht und durchnässte seine Kleidung bis auf die Haut. Die ohnehin schlechte Sicht wurde durch den feuchten Dunst noch undurchdringlicher. Dann endlich. Da war sie, die rettende Tür zum Notausstieg.
Jack mobilisierte seine letzten Reserven; die langen Beine holten weit aus, flogen über die Fahrbahn. Und da war sie, eine kleine Unachtsamkeit.
Erst stolperte er.
Dann fiel er.
Noch im Fallen gab er die Hand der Frau frei. Instinktiv versuchte er den Aufprall aufs Pflaster wenigstens zum Teil mit den Händen abzuschwächen. Der ganze Spurt, die Flucht, das alles hatte nur Sekunden gedauert und fast hätten sie es auch geschafft.
Jack traf hart auf dem Boden auf, das Gesicht dem Grollen entgegengewandt. Zum ersten Mal sah er in aller Deutlichkeit, was sich da in unmittelbarer Nähe auf sie zubewegte – viel zu nah. Eine Wand aus: Wasser, Geröll, Autos und … Menschen. Das Grauen, das ihn bei ihrem Anblick befiel, war unbeschreiblich. Er erstarrte zu Stein. Der Adrenalinschub, der ihn noch kurz zuvor beflügelt und sie alle bis hierhin gebracht hatte, hatte sich verbraucht. Jack stöhnte vor Enttäuschung und Wut. So kurz vor dem rettenden Ziel hatte er versagt.
Aber jetzt schoss Rahul heran; ohne seinen Lauf zu bremsen, streckte er Jack seine Hand entgegen.
Jack packte zu, seine Hand umschloss hart die des Freundes.
Rahul schrie auf. Ein irrer Schmerz durchzuckte das gebrochene Handgelenk. Die anhaltende Qual, während er Jack auf der einen Seite und die Frau auf der anderen hinter sich her zur rettenden Tür schleifte, war unmenschlich, aber er liess nicht los.
Die Frau löste sich von ihm und riss die Tür auf. Atemlos, gefangen in einem Rausch aus Angst, Faszination und Erschöpfung starrte sie ihren beiden Rettern entgegen, während Rahul seinen halb kriechenden Freund weiter in die Ausweichstelle auf die Tür zuzerrte, das Gesicht in einem stummen Schrei erstarrt.
Sie packte wieder mit an. Jack spürte, wie sie keuchend an seinem Gürtel zerrte und Rahul verzweifelt an seinem Arm riss. Sie hievten ihn wie einen nassen Sack über die hohe Schwelle, durch die Tür und weiter in den schützenden Wartungsraum.
Dann kam das Wasser. Mit einem gewagten Sprung über Jack hinweg brachte sich die junge Frau in allerletzter Sekunde in Sicherheit. Jack riss seine Beine an den Körper, keine Sekunde zu früh. Die schwere Tür wurde von der herantobenden Masse mit einem gewaltigen Knall zugeschlagen.
***
Im Wartungsraum des Tunnels war die Stille abermalig unnatürlich. Rahul stand auf zittrigen Beinen vornübergebeugt an einer der gelb gestrichenen Wände und versuchte keuchend zu Atem zu kommen. Während ihm Tränen über das Gesicht liefen. Er hielt das verletzte Handgelenk eng an den Körper gepresst.
Jack lag noch immer auf dem Boden. Er fasste es nicht, dass sie es doch noch geschafft hatten.
„Danke, Kumpel!“ Seine Stimme war nicht mehr als ein leises Krächzen. Mehr brachte er im Moment nicht über die Lippen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in gierigen Atemzügen.
„Touché!“, entgegnete Rahul. „Wäre ich in die andere Richtung gerannt, hätten wir es nicht geschafft!"
Jack schwieg. Statt zu antworten, versuchte er auf die Beine zu kommen, fiel aber gleich wieder erschöpft zurück.
Rahul stiess sich mit einem Fuss von der Wand ab und streckte Jack seine Hand hin.
„Ist das auch die richtige?“, fragte Jack.
Rahul verzog das Gesicht. „Garantiert! Darauf kannst du Gift nehmen, so ein Fehler unterläuft niemandem ein zweites Mal.“ Mit einem kurzen Ruck zog er seinen Freund auf die Füsse.
Fast gleichzeitig blickten sie auf die zusammengekauerte Gestalt hinunter, die erschöpft auf dem schmutzig grauen Betonfussboden hockte, die Beine mit den Armen schützend an den Körper gezogen. Langsam hob sie den Kopf. Wirre Strähnen halblangen Haares klebten ihr nass im Gesicht. Das fahle, gelbliche Licht der Notbeleuchtung verlieh ihren Gesichtszügen eine gespenstig blasse Aura. Sie öffnete die Augen; sie waren grün und sie leuchteten wie Smaragde.
Jack streckte ihr seine Hand hin. Zögernd griff sie danach und liess zu, dass er sie auf die Füsse zog. Offenbar steckte noch immer viel zu viel Kraft in ihm, oder sie war leicht wie eine Feder, denn sie prallte direkt an seine Brust. Für Sekunden umfing er sie schützend mit den Armen, während sie taumelnd nach Halt suchte. Sein Herz pochte laut. Ihre Nähe betörte und verwirrte ihn zugleich.
