Piniensommer - Stefanie Gerstenberger - E-Book

Piniensommer E-Book

Stefanie Gerstenberger

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9,99 €

Beschreibung

Eine sizilianische Liebe voller Sehnsucht und Schmerz

Stella und Nicola fühlen sich seit Kindertagen zueinander hingezogen. Obwohl ihre Familien alles daran setzten, ihre Liebe zu zerstören, ist diese über die Jahre nur noch stärker geworden. Während Stella unbedingt Architektin werden möchte, ist Nicola leidenschaftlicher Apnoetaucher. Tag für Tag steigt er in die gefährlichen Meerestiefen vor der sizilianischen Küste hinab und genießt die Musik der Stille. Die beiden Liebenden träumen von einem selbstbestimmten Leben. Doch dann schlägt das Schicksal völlig unerwartet zu ...

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EPUB

Seitenzahl: 628

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Zum Buch

Sizilien 1965: Nicola liebt das Meer. Seine Mutter fleht ihn an, das gefährliche Apnoetauchen sein zu lassen, trotzdem geht er in jeder freien Minute auf Tauchgang. Auch an Stella, seiner große Liebe, hält Nicola gegen den Willen seiner Familie fest. Die beiden kommen aus unterschiedlichen Welten, haben sich jedoch heimlich verlobt und planen ihre Hochzeit. Glücklich fahren sie jeden Tag zum Architekturstudium nach Palermo und träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Dort erleben sie hautnah mit, wie die Mafia die Bevölkerung drangsaliert. Nicola will handeln: Zusammen mit Freunden gründet er einen illegalen Radiosender, um gegen die Missstände zu protestieren. Palermo ist in Aufruhr, Nicola ist kurz davor, aufzufliegen. Doch Stella ahnt nicht, dass ihr gemeinsames Schicksal aus einer völlig anderen Richtung bedroht wird. Und sie alles, was ihr etwas bedeutet, verlieren könnte.

Zur Autorin

Stefanie Gerstenberger, 1965 in Osnabrück geboren, studierte Deutsch und Sport. Sie wechselte ins Hotelfach, lebte und arbeitete u.a. auf Elba und Sizilien. Nach einigen Jahren als Requisiteurin für Film und Fernsehen begann sie zu schreiben. Ihr erste Buch Das Limonenhaus wurde von der Presse hoch gelobt und auf Anhieb ein Bestseller, gefolgt von Magdalenas Garten, Oleanderregen, Orangenmond und Das Sternenboot. Die Autorin wurde mit dem DeLiA-Literaturpreis ausgezeichnet und lebt mit ihrer Familien in Köln.

STEFANIE

GERSTENBERGER

PINIENSOMMER

ROMAN

Quellennachweis zum Gedicht La Guitarra von Federico García Lorca [siehe hier]:

Die italienische Übersetzung von Carlo Bo, La Chitarra, stammt aus:

Federico García Lorca, Tutte le poesie. © 2001 Garzanti Libri s.p.a.

Die deutsche Übersetzung von Gustav Siebe^nmann, Die Gitarre, stammt aus:

Federico García Lorca, Poemas/Gedichte. Hrsg. Gustav Siebenmann.

© 2007 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH

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Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Von Stefanie Gerstenberger sind im Diana Verlag erschienen:

Das Limonenhaus – Magdalenas Garten – Oleanderregen – Orangenmond – Das Sternenboot –Piniensommer

Copyright © 2017 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Redaktion: Angelika Lieke

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotive: © Marta Teron, GooDween123,

S_Photo, kak2s/Shutterstock

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-17884-0V001

www.diana-verlag.de

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La Chitarra

Die Gitarre

Incomincia il pianto della chitarra.

Es beginnt das Klageliedder Gitarre.

Si spezzano le coppe dell’alba.

Es splittern die Gläser des Morgengrauens.

Incomincia il pianto della chitarra.

Es beginnt das Klagelied der Gitarre.

È inutile farla tacere.

Nichts hilft,dass sie schweige.

È impossibile farla tacere.

Unmöglich, dass sie schweigt.

Piange monotonacome piange l’acqua,come piange il ventosulla montagna.

Sie weint monoton,wie das Wasser weint,wie der Wind weintüber dem Schneefeld.

È impossibilefarla tacere.

Unmöglich, dass sie schweigt.

Piange per coselontane.

Sie weint um Dinge,die weit weg.

Federico García Lorca

1. Kapitel

Sie hatten sie verstoßen. Verstoßen. Wie im Märchen.

Leise lief sie über den verlassenen Flur der Villa. Von den Wänden wellten sich die Tapeten herab. Zwei verrostete Deckenstützen blockierten den Weg.

Die Marchesa hatte ihr drittgeborenes Mädchen in die Arme der behinderten Schwester gedrückt und diese aus der Villa geschickt. Der Vater hatte das Mädchen nicht zurückgeholt.

Doch nun, Jahre später, war sie wieder hier und spürte, wie der zermahlene Tuffstein unter ihren Füßen knirschte. Es roch nach Staub und Mäusen. Gleich würde sie ihr Ziel erreicht haben, aber vorher ging es noch an dem klaffenden Türspalt vorbei. Vorher musste sie über Steine und Zementbrocken steigen und den Blick auf die vom Schutt verwüstete Hauskapelle ertragen.

Der junge Mann schien den abgewandten Blick des Mädchens bemerkt zu haben, denn nun tat er etwas, was er noch nie zuvor getan hatte: Er machte einen Schritt über das Geröll, kickte ein paar von den Gesteinsbrocken in den Raum hinein und zog an der Türklinke. Die Tür wehrte sich, schrappte knirschend über den Boden, doch der Blick auf die Kapelle verschwand. Nur mit viel Mühe konnte man sie noch durch einen winzigen Spalt erahnen.

Stella lächelte. Nicola kannte sie so gut! Was für ein Glück, mit ihm zusammen zu sein!

Glück verhießen auch die zwei Treppen, die sie nun emporstiegen, Glück war eine hohe Flügeltür, die von Nicola in diesem Moment aufgestoßen und behutsam wieder geschlossen wurde, sobald sie hindurchgegangen war. Glück war ein Versteck, das so offensichtlich war, dass keiner sie dort suchte, und auch eine zusammengerollte Matratze in einem antiken Schrank, der einsam in der Ecke des leeren Raums stand.

Sie keuchten leise, ihre Fäuste krallten sich in den braun-weiß gestreiften Stoff, bis sie die schwere Last über dem eisernen Bettgestell loslassen konnten. Stella holte das Laken, das sie am Morgen aus dem Wäscheschrank entwendet hatte; für einen kurzen Moment flatterte es über der Matratze in der Luft, bis es sich schließlich auf das Lager senkte. Endlich allein!

Langsam, als ob die Hitze ihr Blut plötzlich in süßen roten Sirup verwandelt hätte, in den man die Äpfel an den Straßenständen tauchte, hoben sie die Hände. Ihre Gesichter näherten sich einander. Stella schlang ihre Arme um Nico. Er strich über ihre Haare, ihre Wangen. Sie sog seinen Duft ein, den köstlichsten Duft der Welt. Männlich, nach warmer Erde, Salz und einem Hauch zerriebener Minze. Langsam näherten sich ihre Münder, trafen sich ihre Lippen. Sie küssten und liebten sich voller Hingabe und dann gleich noch einmal. Erschöpft lagen sie schließlich nebeneinander, und Stella spürte, wie der leichte Schweißfilm auf ihrer Haut in der Luft trocknete. Nur das allerwinzigste Stückchen Haut ihres kleinen Fingers berührte den seinen und verband sie miteinander. Für immer.

»Amore.«

»Sì.«

»Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.«

»Was denn?« Nicos Stimme klang alarmiert.

»Da oben ist ein neuer Riss in der Decke.«

»Wo?«

»Dort oben in den Fresken. Siehst du das nicht?«

»Mein Gott, Stella … ich hab wirklich ’nen Schreck bekommen. Wo schaust du denn hin? Hast du das etwa schon bemerkt, während wir …?« Nico fing an zu lachen. »Mach dir keine Sorgen.« Er griff nach ihrer Hand und drehte unbewusst an dem Verlobungsring, der daran steckte.

»Der Riss ist riesig! Und neulich war er noch nicht da.«

»Ich sehe da oben nur das hellblaue Meer, die Fische und die Seeschlangen. Ich weiß schon, warum du wolltest, dass wir uns hier treffen. Es sind die schönsten Fresken, und damit ist es auch das schönste Zimmer der Villa.«

»Nö. Eigentlich nur, weil hier das alte Bettgestell steht …« Sie kicherte und schmiegte sich an ihn.

Nico ließ ihre Hand los und stützte sich auf einen Ellbogen: »Schau nicht auf den Riss, schau lieber mich an!«

»Ach, Nico. Irgendwann kommt das alles runter. Stell dir nur vor, wir werden von den Brocken erschlagen. Und man findet uns dann so!« Stella legte die Stirn in Falten.

»Wie jetzt gerade?« Nico lachte und küsste sie zärtlich auf den Mund. »Dann nennt man uns Romeo und Giulia und legt uns in ein gemeinsames Grab.«

»Sollten wir nicht vielleicht einen Statiker holen?«

»Frag mich!«

»Na klar, Herr Architekt.«

»Ich sage dir, das hält noch ewig.«

»Du siehst ja, was mit der Hauskapelle unter uns passiert ist.«

»Wann war das eigentlich genau?«

»Am Tag vor meiner Taufe, sagt Maria.« Wieder legte sich die Schwermut über sie, die unauflöslich mit ihrer Geburt in der Villa verbunden war.

»Madame! Was brauchen Sie eine Hauskapelle, wenn Sie Nicola Messina in den Armen halten können?«

Stella seufzte und sah heimlich auf ihre winzige Armbanduhr. Nie ist er ernst, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Aber gerade das magst du doch so an ihm, antwortete eine andere Stimme. Er bringt dich zum Lachen, wenn du dir mal wieder Sorgen machst. Und er bringt dich zum Strahlen, wenn ihr endlich mal alleine seid. Durch das Fenster konnte Stella die Zweige des hohen Pinienbaums sehen, der schon Jahrzehnte vor ihrer Geburt dort gestanden hatte. Als die Villa noch Reichtum und Überfluss beherbergte.

»Ich liebe dich. Habe ich dir das eigentlich schon einmal gesagt?« Er bohrte seinen wuscheligen Kopf in ihre Achselhöhle wie ein übermütiger junger Hund.

Sie lächelte, aber das konnte er nicht sehen: »Dass du mich liebst? Nein. Noch nie. Aber du wirst schon sehen, was du davon hast.« Sie schwang sich hoch, setzte sich auf ihn und nahm seine Handgelenke, als ob sie ihn am Weglaufen hindern wollte. »Wir haben noch eine halbe Stunde.«

»He, Stella! Wo biste denn?«

»Hörst du mich, mein Mädchen?«

»Also, was meinst du nun dazu, Stella?«

Aus allen Ecken der Villa rief man sie, die Stimmen überlagerten sich und drangen zu ihr in den grünen Salon. Muss denn immer ich alles machen? Stella legte ihre Stirn auf das aufgeschlagene Mathematikbuch, hob sie aber sofort wieder an, denn nun betrat der Marchese den Raum.

»Ach, hier sitzt du. So früh am Morgen schon über den Büchern? Nun ja, weißt du, es ist nämlich so … Ich musste gerade noch einmal über diese Statue im Garten nachdenken, und da ging mir die Frage durch den Kopf: Wer hat sie eigentlich umgestoßen? War es tatsächlich nur der Wind? Und wie kann das sein, dass ihr Kopf dabei abspringt und dann wegrollt und unauffindbar bleibt? So ein Kopf löst sich doch nicht in Luft auf …«

»Es tut mir leid, aber ich weiß es nicht«, unterbrach Stella den ungewohnten Redefluss ihres Vaters und zog die Schultern noch ein wenig höher. Sie hatten sich diese Fragen schon hundertmal gestellt.

»Ach so? Nun ja. Ich dachte nur …« Der Marchese knotete den Gürtel seines Hausmantels fester. »Vielleicht brauchen wir jemanden, der nach dem Rechten schaut. Als ich ein kleiner Junge war, hatten wir einen Portier, der Besucher mit einer Glocke ankündigte. Einmal bei einem einzelnen Herrn, zweimal für ein Ehepaar oder eine Dame, dreimal für Familienmitglieder, und wer war es doch noch, wenn er die Glocke viermal läutete? Ach, ich erinnere mich nicht …«

Stella stieß die Luft aus. Einen Portier? Wenn wir Geld hätten, lieber Vater, wenn wir Geld hätten, gerne auch einen Portier, dachte sie. Kann ich jetzt bitte in Ruhe einen letzten Blick auf meine Gleichungen werfen? Wie soll ich heute sonst die letzte Mathearbeit vor der Abschlussprüfung schreiben? In diesem Moment zog der Marchese etwas aus einer der Taschen seines goldschimmernden Rocks. »Und dann wäre da noch etwas. Es ist nämlich so … Der Brief traf gestern hier ein. Lies du ihn. Das bedeutet bestimmt nichts Gutes!« Er legte den Umschlag vor Stella auf den zierlichen Schreibtisch, tätschelte ihr unbeholfen und etwas zu heftig die Schulter und schlurfte dann in seinen Hauspantoffeln davon.

»Kloster der heiligen Samariterinnen vom Kreuz Christi«, las Stella auf dem Absender. »O Gott, wenn die beiden dort auch wieder rausgeschmissen werden, haben wir fast alle Klöster auf dem Festland durch.«

In diesem Moment kam Lolò durch die andere Türöffnung des salotto herein. »Hab dich schon gesucht, Schwesterchen. Warum antwortest du nich, wenn ich dich rufe?«

Stella steckte den Brief zwischen die Seiten des Mathebuches. Ihr Blick fiel auf die Oberarme ihres Cousins, deren Muskeln sich unter der schon jetzt im Frühjahr tiefbraunen Haut wölbten, und wanderte dann zu seinen derben Händen. »Hier, kriegst auch ’n Pfefferminz.« Er hielt ihr eine Packung Mentinas hin, die er Tag und Nacht lutschte. Hellblaue Mentina-Papierchen säumten seinen Weg wie die Kieselsteine bei Hänsel und Gretel.

Erst jetzt sah sie in seine kugelrunden dunklen Seerobbenaugen und auf seinen zu einem Grinsen verzogenen Mund. Ihr Cousin wusste nur zu gut, wie schwer sie ihm etwas abschlagen konnte.

»Lass dir von Maria etwas geben.«

»Die hat mich zu dir geschickt.«

»Mensch, Lolò! Warum hast du eigentlich nie Geld? Du bist doch zwei Wochen lang mit Alberto in Portovecchio beim Schiffsbau gewesen. Alberto gibt alles bei Assunta ab …«

»Na, die ist ja mit dem auch verheiratet«, warf Lolò ein.

»… und du? Liegst deiner Mutter auf der Tasche.«

»Und seine Wäsche lässt er mir da, und er futtert für drei …«, rief Assunta, während sie mit schaukelnden Hüften zu ihnen stieß. »Oh, sei ein Schatz, Stellina, und hilf mir doch mal mit dem Schuh!«

Stella seufzte und legte den Bleistift zur Seite. Lolò war natürlich in den benachbarten Salon geflohen und von dort aus abgehauen, sobald er den Hinkeschritt seiner Mutter hatte kommen hören. Sie stand auf und kniete sich vor Assunta hin, die im letzten Jahr so füllig geworden war, dass ihr das Bücken schwerfiel.

»Was koche ich denn für heute Abend?«, fragte die Tante auf sie hinab.

Natürlich, auch für den Speiseplan bin ich zuständig, dachte Stella und ging im Geiste den Inhalt des Kühlschranks und der Vorratskammer durch. »Haben wir nicht noch das sugo von Pupetta im Kühlschrank?« Sie klappte die Schnallen um und klemmte den hohen Spezialschuh damit an Assuntas verkümmertem Fuß fest. Assunta war es, die sie als Säugling in die Arme geschlossen und mit ihr aus der Villa gehinkt war. Die sie wie eine Tochter geliebt und aufgezogen hatte. Stella konnte sich noch gut daran erinnern, wie wundervoll geborgen sie sich in dem Bett zwischen Assunta und dem drei Jahre nach ihrer Ankunft geborenen Lolò gefühlt hatte. Das kleine Mädchen hatte immer darauf gewartet, einen Blick auf das geheimnisvolle weiße, an ein dünnes Stöckchen erinnernde verdrehte Bein zu erhaschen. Das Puppenbein. Manchmal, wenn Assunta schlief, hatte sie es aufgedeckt, lange betrachtet und vorsichtig berührt.

»Wenn wir heute Abend zu den Feuern von San Giuseppe gehen, essen wir ja auch noch etwas an den Ständen.«

»Oh, wie herrlich! All das Zuckerzeug!« Assunta klopfte sich auf ihren vorstehenden Bauch, der unter dem klein geblümten Hauskleid bebte.

»Eben. Da wird das sugo vorher schon noch reichen. Mach frische tagliatelle dazu, die kannst du besser als Pupetta.«

»Ach, ich liebe es, wenn wir mit der ganzen Familie unterwegs sind.«

Stella antwortete nicht. Sie musste sich unbedingt irgendetwas ausdenken, um zu Hause bleiben und lernen zu können.

An den Straßenständen wurde unter rot-goldenen Girlanden allerlei angeboten: gesalzene und kandierte Mandeln, Kichererbsen, weißer Nougat, Kürbiskerne. Und natürlich Granita. Aus Maulbeeren, Zitronen oder Jasminblüten. Stella schüttelte unmerklich den Kopf. Wieder einmal hatte sie es nicht geschafft, Assuntas Drängen nach dem abendlichen Spaziergang abzuwehren, noch dazu heute am Festtag.

»Siehst du«, sagte Assunta und umklammerte Stellas Arm noch fester, als sie an einer Gruppe junger Männer vorbeigingen, »so ein bisschen Bewegung tut dir nach dem vielen Sitzen doch gut!«

Stella nickte. Sosehr sie in der Villa für ihre Klugheit bewundert wurde und für das Talent, die meisten Probleme des Alltags zu lösen – hier draußen in der Öffentlichkeit hatte sie als minderjähriges Mädchen von fast neunzehn Jahren nichts zu sagen. Sie hatte ihren Körper angemessen bedeckt und die Augen gesenkt zu halten. Sie durfte niemanden anstarren, natürlich erst recht keinen Mann, und sollte möglichst nicht zu viel lachen oder sonst auf irgendeine Art die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn ihr wüsstet, wie sehr ich lachen kann und die Aufmerksamkeit eines Mannes auf mich ziehe, im wahrsten Sinne des Wortes, dachte sie und lächelte bei dem Gedanken an den gestrigen Nachmittag vor sich hin.

»Wo ist denn der Taucher heute?«

Stella war unmerklich zusammengezuckt. Nicht zu fassen, als ob die Tante es mit ihrer kleinen Kartoffelnase wittern würde. »Nico? Ich weiß nicht. Zu Hause? Er lernt vermutlich. Bis zu unseren Abschlussprüfungen sind es nur noch zwei Monate.«

»Lernen? Der? Ausgerechnet am Abend von San Giuseppe? Der hat doch noch nie was für die Schule getan. Warum ist er nicht hier? Will er dich nicht sehen? Ihr macht doch keinen Unsinn?!«

Stella protestierte: »Zia!«

Aber Assunta konnte man nichts vormachen. »Was denn? Bei euch jungen Leuten weiß man doch nie.«

Stella merkte, wie ihr Magen sich aus Furcht zusammenzog und eine alarmierende Welle an die umliegenden Eingeweide schickte. Natürlich machten sie Unsinn dort oben im Ostflügel, und Assunta wusste das. Man sagte auch Unkeuschheit oder Sittenlosigkeit dazu. »Sünde« nannte Pater Anselmo es in seinen Predigten. Aber sollten sie etwa noch warten, bis sie das Studium beendet hatten, wie Nicos Mutter es bei der Verlobung verlangt hatte? Sollte sie noch endlose Jahre bis zu ihrer Ehe auf seine Umarmungen verzichten, seine nackte Haut nicht mehr auf der ihren spüren, seine zärtlichen Küsse überall auf ihrem Körper missen und nicht mehr das eine tun, das sie mittlerweile so sehr genossen …

Das hielte sie unmöglich aus, eher würde sie sterben wollen. In diesem Moment drückte Assunta ihren Arm und lächelte von unten zu ihr hoch. Sie musste dabei den Kopf leicht in den Nacken legen, denn Stella war fast zwei Köpfe größer als sie. Stella wusste, dass ihre Tante ihr die Liebe zu Nicola und auch die heimlichen Treffen von ganzem Herzen gönnte, aber das würde sie natürlich niemals zugeben.

Es war wirklich mühsam, als Frau durchs Leben zu gehen. Nur bei Nicola war es wunderschön, eine Frau zu sein, seine Frau. Wenn sie doch nur endlich ihre Unterschrift unter die Heiratsurkunde neben die seine setzen könnte. Niemand könnte ihn ihr dann mehr wegnehmen. Sie wäre die Signora di Camaleo Messina, verheiratet mit dem Architekten Nicola Messina. Na ja, sie korrigierte sich, eigentlich könnte sie sich ja auch Marchesa nennen. Ach was, die Architektin Maristella di Camaleo Messina, verheiratet mit dem Architekten Nicola Messina. Hörte sich das nicht viel großartiger an?

Außer dem Ostflügel hatten sie noch zwei weitere Verstecke, in denen sie sich trafen. Das Hinterzimmer der Apotheke, wenn Manuels Eltern am Wochenende mit ihm auf dem Land waren. Und das verlassene Bootshaus in der Bucht, zu dem Lolò sie dummerweise immer begleiten musste. Weil es sich nun mal so gehörte.

Das abgelegene Zimmer in der Villa hatte ihnen nicht nur im Winter eine Zuflucht auf der breiten Matratze unter vielen alten Decken geboten, sondern war auch jetzt, wo die Nächte noch kühl waren, der beste Platz. Nico hatte das kleine Tor in der Mauer von uraltem Gestrüpp freigelegt und ein neues Vorhängeschloss angebracht. So hatte er immer Zugang zum Garten und konnte sich von dort aus ungesehen in den Ostflügel schleichen – wie erst gestern Nachmittag. Sie rollten die Matratze jedes Mal wieder zusammen und versteckten sie mitsamt der Leintücher und Decken wieder in dem alten Schrank. Der Zugang zu dem einsturzgefährdeten Trakt war innerhalb der Villa abgesperrt, aber falls doch mal jemand in den Ostflügel kam, durfte er keinen Verdacht schöpfen.

Warum sollte Nico also hier sein? Um höfliche Konversation zu machen? Um neben ihr herzugehen und ihr ein Eis zu kaufen?

Assunta zog Stella zu sich herab, damit Maria, die Hausangestellte, sie nicht hörte: »Dies ist kein Gespräch für die Straße«, wisperte sie ihr ins Ohr, »doch ich muss dich warnen. Es gibt Wege, die wir nicht durchschauen, und dann passiert das, was nicht passieren darf …«

Wege, die wir nicht durchschauen, aha, dachte Stella und konnte sich ein belustigtes Kichern gerade noch verkneifen. Ausgerechnet Assunta wollte ihr auf diesem Gebiet Ratschläge geben? Die Spezialistin für unbefleckte Empfängnis? Die ihren Lolò von einem Hausierer, der mit Bürsten und Kämmen in ihrer Gasse aufgetaucht war, bekommen hatte, ohne dass man bis heute wusste, wie? Denn immer noch schwor sie Stein und Bein, ihm nicht beigewohnt zu haben. So nannte sie das. Assunta machte sich also tatsächlich Sorgen um sie. Wie lästig. Wie schön! Sie packte den Arm der Tante fester. »Du brauchst nicht beunruhigt zu sein. Ja, wir treffen uns manchmal, aber wir reden nur.« Und benutzen diese neuen Kondome, dachte sie. Die man sogar mehrmals verwenden kann, sagt Nico.

»Hach! Nur reden? Das wüsste ich aber! Du hast doch immer diesen speziellen Ausdruck in den Augen, wenn du von wer weiß woher angerannt kommst, nachdem man stundenlang nach dir gerufen hat.«

Stella zog es vor zu schweigen. Wenn Assunta wüsste, wenn alle hier am Strand wüssten, dass sie keine Jungfrau mehr war. Schon lange nicht mehr.

»Das gehört sich nicht, das gehört sich nun wirklich nicht!«, jammerte die Tante.

»Aber wir sind verlobt«, entgegnete Stella. »Reden dürfen wir doch.«

»Ach ja? Ganz alleine? Eben nicht! Jemand von uns muss dabei sein! Was sollen die Leute sonst denken?« Assunta gab keine Ruhe, bis Stella sie vor einen Stand zog, ihre letzten Münzen zusammenklaubte und ihr eine gedrehte Papiertüte mit gebrannten Mandeln kaufte.

Die Bewohner von Marinea hatten Gerümpel aus Holz, trockene Äste und Strandgut gesammelt und zu riesigen Haufen aufgeschichtet, die nun als lodernde Feuer zu Ehren des heiligen Giuseppe in weiten Abständen am Strand des Dorfes brannten. Kleine Jungen rannten aufgeregt umher, immer mehr Menschen strömten aus den Häusern.

»Meine Familie«, sagte Assunta, die alle Mandeln in Windeseile verschlungen hatte und anstelle ihrer Nichte nun den großen Alberto an ihrem Arm präsentierte. »Mein Mann, mein Sohn, meine geliebte Ziehtochter … und tatsächlich auch dabei: mein Schwager.« Sie zeigte mit dem Daumen hinter sich, wo das Auto des Marchese ihnen im Schritttempo über die Uferstraße folgte. Er würde sich nie zu Fuß unter das gemeine Volk mischen, dennoch schien er neuerdings an ihren Unternehmungen teilnehmen zu wollen.

Auch Maria hatte die Limousine bemerkt, Stella erkannte es an dem unruhigen Geschniefe, mit dem die Hausangestellte immer wieder die Nase hochzog, während sie mit gekreuzten Armen weiterging und dabei auf die falò,die Feuer, schaute. Stella betrachtete Marias sehnigen langen Hals, die dünnen, langsam ergrauenden Haare. Sie war bestimmt schon vierzig, mein Gott, so alt, und dennoch machte sie es unaufhörlich mit dem Marchese … Schnell verdrängte Stella die Bilder, die vor ihrem inneren Auge auftauchten. Sie hatte sie damals nicht beobachten wollen, ganz bestimmt nicht … Natürlich durfte Maria über die Beziehung zu ihrem adligen Herrn niemals etwas verlauten lassen. Man würde ihr auch gar nicht glauben. Stella mochte Maria. Sie hatte sie immer freundlich in Empfang genommen, wenn sie als kleines Mädchen sonntags in die Villa kam, um die Eltern zu besuchen, die sie nicht als Tochter hatten haben wollen. Und sie tat ihrem Vater gut. Er war mit einer abweisenden, melancholischen Ehefrau geschlagen gewesen und durch die späte Liebe zu Maria aufgeblüht.

O ja, dachte Stella. Dies ist auch meine Familie. Aber was wurde uns schon alles zugetragen, was haben die Leute übel über uns geredet, liebe Assunta.

Die Leute wunderten sich immer noch, wie die behinderte Assunta einen Mann wie Alberto dazu gebracht hatte, sie zu heiraten und damit endlich von dem Namen »Signorina Puppenbein« zu erlösen. Viele Frauen beneideten sie sogar um ihn, denn er war ihr anscheinend treu und hatte Bärenkräfte. Sie, die nicht nur einen unehelichen Sohn bekommen hatte, sondern dazu noch eine von der Schwester verstoßene Nichte aufziehen musste. Stella. Eine Nichte, die zwar offiziell verlobt, aber keine Jungfrau mehr war, da sie als Mädchen vom Kutscher der Familie vergewaltigt wurde. Stella verzog den Mund, als habe sie auf etwas Bitteres gebissen. So war es nicht, so war es ganz und gar nicht gewesen, doch die Leute glaubten, was sie glauben wollten, und machten auch kein Geheimnis aus ihrer Überzeugung. Assuntas Schwager sei nur ein verarmter, verschrobener Markgraf, behaupteten sie, der seit dem Freitod seiner Frau verdächtig viel mit der mageren Hausangestellten gesehen werde … Auch Assuntas andere Nichten boten viel Anlass zum Klatsch. Sie hatten sich kurz vor dem Selbstmord der Marchesa den Kopf geschoren und die Augenbrauen abrasiert und waren in Männerklamotten durch die Straßen gelaufen, um einer erzwungenen Doppelverlobung zu entfliehen. Nach dem Skandal wurden sie in ein fernes Kloster verbannt, und man hörte noch heute schreckliche Dinge über sie. Stella atmete tief ein. Es war nicht alles wahr, was man sich in Marinea und auch in Bellaforte über die Familie di Camaleo erzählte. Aber es war auch nicht alles erfunden.

Konnte diese Gruppe von Versehrten und Behinderten, irregeleiteten Armen und verarmten Adligen, für die manche Leute sie hielten, jemals eine intakte, gesunde Familie sein?

Als sie eine Stunde später wieder vor der Villa eintrafen, stand die lange Fiat-Limousine schon vor der Tür. Die zwei Stockwerke der Villa Camaleo erhoben sich hinter der Tuffsteinmauer, hinter den oberen Fenstern war alles dunkel. Was natürlich daran lag, dass sie größtenteils nur aufgemalt waren. Stella sog die Luft ein. Es war erst der neunzehnte März, doch der Jasmin trieb bereits aus und entwickelte sogar schon die ersten Blüten. Sie schaute hinüber auf die andere Straßenseite. Hinter Nicolas Fenster brannte noch Licht. »Siehst du, er lernt.«

Assunta grunzte etwas in ihr Doppelkinn. Gemeinsam betraten sie den Hof durch die niedrige, im Tor eingelassene Tür, als der Marchese von der Freitreppe herabgelaufen kam: »Ich glaube, wir sind beraubt worden! Jemand war in der Villa!«

»Oh, heilige Muttergottes!«, rief Maria und bekreuzigte sich.

Beraubt? Stella runzelte ungläubig die Stirn. Wer immer es auch gewesen sein mochte, er war offensichtlich nicht gut unterrichtet. Sie schaute an der Fassade hoch. Dass es in der Villa Camaleo nichts zu stehlen gab, wusste ganz Marinea und auch das nahe gelegene Bellaforte. Geld gab es keines. Das hundertteilige Service war angeschlagen, das Silberbesteck unvollständig, die ehemals feinen Tischdecken aus Damast bereits unzählige Male ausgebessert. Selbst die Gemälde waren von unbekannten, weil untalentierten Malern und daher wertlos. Stella hatte sie erst vor einem Jahr schätzen lassen. »Was ist denn weggekommen?«, fragte sie ihren Vater.

»Eines der Bilder lag heruntergerissen am Boden im Flur, und in meinem Arbeitszimmer roch es nach fremdem Schweiß.«

»Na, das wollen wir doch mal sehen, wo stecken diese Lumpen?«, knurrte Alberto.

»Geliebter, sei vorsichtig! Geh da bloß nicht rein! Vielleicht hocken sie noch irgendwo hinter einer Anrichte und warten mit Pistolen auf uns.« Assunta klammerte sich an Alberto und versuchte, ihn mit ihrem Gewicht daran zu hindern, weiter auf die Villa zuzugehen.

»Und was, wenn Pupetta etwas passiert ist?«, gab Maria zu bedenken. »Was haben sie wohl mit ihr gemacht?«

»Das waren bestimmt die Statuenmörder!«, sagte der Marchese und presste seine Hände rechts und links gegen die Schläfen.

Die Statuenmörder? Stella und Maria tauschten einen Blick.

»Wo ist Lolò?«, fragte Stella. »War der nicht eben noch hinter uns? Er könnte zusammen mit dir nach Pupetta sehen.«

Alberto nickte. »Keiner von uns darf alleine hineingehen.«

Lolò war verschwunden. Stella überlegte. Sollte sie Nico holen? Besser nicht, seine Mutter Flora würde endlos herumzetern, bis sie sie überhaupt hereinließe. Die Zeit hatten sie nicht.

»Also los! Vater, wir brauchen dich hier draußen, du passt auf Assunta und Maria auf.«

Der Marchese protestierte nicht, sondern knetete nur seine weichen Hände. Stella folgte dem kräftigen Rücken von Alberto, der vor ihr auf den Dienstboteneingang zusteuerte. Was, wenn tatsächlich noch jemand in der Villa war?

Vorsichtig öffnete Alberto die Tür. Sie trat hinter ihm ein und zog die Luft durch die Nasenlöcher. Ihr Vater hatte recht, auch sie nahm den fremdartigen Geruch wahr, scharf, nach zwiebeligem Schweiß. Sie zupfte Alberto am Arm: Pupetta!, formte sie tonlos mit den Lippen.

Gleich!, antwortete er mit einer Geste, schlich die Stufen hinab in die schummrige Küche und nahm das Fischmesser vom Tisch. Stella tastete nach einem Wetzstahl, der hier irgendwo an der Wand hängen musste. Ha, da war er! Das lange Stück Metall, an dem sie schon unzählige Messer geschärft hatte, lag schwer in ihrer Hand. Sie konnte damit zuschlagen. Sie würde damit zuschlagen! Doch plötzlich war ihr, als ob sie eine Hand an ihrem Hals und in ihrem Ausschnitt spürte. Genau wie damals, als der Kutscher sie im Stall überfallen hatte. Sie fing an zu zittern, und ihr Herz raste in Panik.

Alberto schien ihre Angst zu spüren: »Du bist schon immer ein mutiges Mädchen gewesen, Stella«, sagte er leise. »Aber ich gehe erst alleine oben durch die Räume. Versteck dich hier und warte auf mich.«

Dankbar stellte sie sich hinter die Tür und lauschte seinen Schritten, die sich leise entfernten. Sie versuchte ihren Herzschlag zu beruhigen: Hier würde sie keiner finden. Das war ihre Küche, ihr Reich, ihr Zufluchtsort. Jahrelang schon. Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, und sie konnte immer mehr erkennen. Und wenn jetzt ein Schatten die Treppe herunterkam? Denk nicht dran, konzentrier dich lieber, beschwor sie sich. Dort an dem Tisch in der Mitte hast du als Kind gegessen, Hausaufgaben gemacht und Kapern sortiert. Dort hat Maria sich vor dich gestellt, um dich gegen deine eigene Mutter, die Marchesa, in Schutz zu nehmen. Und Pupetta hat dir gezeigt, wie man Nudelteig macht, Kakteenfeigen schält, ohne sich die winzigen Stacheln in die Haut zu treiben, wie man Erbsen pult und ein Huhn ausnimmt. Pupetta … Liebe alte knurrige Pupetta! Wie alt mochte die Köchin inzwischen sein? Sie war bereits uralt gewesen, als die Marchesa nach dem Tod des Großvaters darauf bestanden hatte, dass Stella das Haus der Großeltern und damit die weichen Arme von Assunta verließ. So wurde Stella als Zehnjährige wieder in die Villa zurückgezwungen, aus der sie als Neugeborenes schon nach wenigen Stunden verstoßen worden war.

Die Stille dröhnte in Stellas Ohren, ab und zu knackte es in den Wasserrohren. Genau diesen Geräuschen, diesem Ächzen und Atmen des Hauses hatte sie gelauscht, als sie nachts in ihrem Kämmerchen vor lauter Heimweh wach lag. Pupetta schlief nur zwei Türen weiter. Stella spürte, wie ihr Hals eng wurde. Sie hatte als Kind nirgendwo richtig hingehört. Doch nun würde sie alles tun, um ihre Familie, diesen zusammengewürfelten, liebenswerten Haufen, und die Villa nicht verlassen zu müssen.

Wo Alberto nur blieb? Wieder fühlte sie ihr Herz im Hals pochen. Nach einigen Minuten hielt Stella es nicht mehr aus, sie packte den Stab in ihrer Hand fester und schlich über den Flur auf das Zimmer der Köchin zu. Ein Streif Licht schimmerte unter der Kammertür hervor und beleuchtete die Tür auf der gegenüberliegenden Seite, die Lolò damals mit einem Riegel versehen hatte. Er wollte Stella vor den zerstörenden, wühlenden, stehlenden Händen der eigenen Schwestern schützen. Sie waren schlimmer als die Pest … Sofort hatte Stella wieder den säuerlichen Buttergeruch, den die beiden verströmten, in der Nase. Regina und Enza waren nach dem Eklat bei Enzas Verlobung und dem darauf folgenden Selbstmord der Marchesa von einem Kloster ins nächste gereicht worden. Nirgendwo hatte man sie haben wollen, bis sie schließlich in der Nähe von Torino gelandet waren.

»Wir betrachten uns keinesfalls als eine Strafanstalt«, hatte die Schwester Oberin in dem Brief geschrieben, den Stella am Morgen in der Schule geöffnet hatte. »Wir wollen unsere Schutzbefohlenen nicht mit Gewalt disziplinieren, denn wir sehen es als ein Privileg an, dem Herrn dienen zu dürfen. Ihre Töchter jedoch stören mit ihrem unziemlichen Verhalten unsere friedliche Gemeinschaft. Sobald Regina ihre Volljährigkeit erreicht, ist der weitere Verbleib bei uns nicht mehr möglich.« O bitte, behaltet sie doch, dachte Stella, als eine Hand sie an der Schulter packte. Sie schwang den Stahlstab nach hinten, doch der Angreifer wehrte ihn ab, indem er ihn festhielt. Stella keuchte auf vor Anstrengung und versuchte sich loszureißen. Aber die Person hinter ihr war stärker.

»Ich bin’s doch nur!« Der Wetzstahl fiel scheppernd zu Boden.

»Verdammt, Alberto, bist du wahnsinnig, mich so zu erschrecken!« Stella merkte, wie sehr sie zitterte. »Hast du was gefunden?«

»Ich glaube, sie sind durch das Gartentor in der Mauer rein, das haben sie jedenfalls aufgebrochen, und durch eine der Türen zum Untergeschoss sind sie wohl in die Villa gekommen. Die stand offen …«

Das Gartentörchen! Nicolas Zugang zur Villa. »In der Gartenmauer gibt es eine Tür? Wie leichtsinnig. Wir werden sie zumauern müssen«, sagte sie, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. »Schauen wir nach Pupetta. Komm!«

Aber Alberto hielt sie zurück. »Da!«, sagte er nur und zeigte auf den Boden. Auf dem grau gesprenkelten Stein war ein Fleck zu sehen, den Stella bis jetzt nicht bemerkt hatte. Dabei glitzerte er feucht und spiegelte das Licht. Blut!, dachte Stella sofort, und dann stieg ihr auch der metallene Geruch in die Nase. Sie schaute zurück in die Küche, auch hier war in kleinen Abständen eine Reihe dunkler Flecken. Jemand war verletzt worden und hatte sich blutend über den Flur geschleppt. Wo war Pupetta?! Was hatten sie mit ihr gemacht?

Sie drückte die Klinke hinunter und lugte vorsichtig durch den Türspalt.

Die Köchin saß in ihrem Nachthemd im Bett, das Kopfkissen gemütlich im Rücken. Auf ihrem Gesicht lag ein verträumter Ausdruck, die Augen hatte sie halb geschlossen. Mit der linken Hand umklammerte sie ein Leinensäckchen, Stella erkannte es sofort. Als Kind hatte sie die alte Köchin dabei beobachtet, wie sie goldglänzende Münzen dort hineinzählte. In der anderen Hand hielt Pupetta einen Revolver, der klein wie ein Spielzeug auf ihrem Oberschenkel ruhte. Auf dem runzeligen Mund lag ein Lächeln. Sie war tot. Stella presste die Lippen zusammen. Pupetta. Doch nicht Pupetta! Sie war gestorben. Und ein Teil von Stellas Kindheit war mit ihr gegangen.

Hinter ihnen waren Schritte zu hören. Assuntas Schnaufen, das zaghafte Gemurmel des Marchese, Marias hohe Stimme. Das Licht in der Küche ging an. Stella riss ihren Blick von dem Leichnam los und ging zu der kleinen Gruppe, die ratlos in der Mitte des Raumes stand. Alberto folgte ihr.

»Warum habt ihr nicht draußen gewartet?«

»Wir dachten, ihr seid in Gefahr!« Maria griff sich an den Hals.

Und was hättet ihr tun wollen, wenn wir tatsächlich in Gefahr gewesen wären?, fragte Stella sich, doch sie breitete die Arme aus, um alle zu beruhigen.

»Dio! Was ist das?«, rief Assunta in diesem Moment und zeigte auf den Boden. Nun sah man auch die dünne Blutspur, die die Flecken miteinander verband.

»Pupetta hat vermutlich jemanden angeschossen«, sagte Stella und ließ die Arme sinken.

»Pupetta?«, kam es einstimmig aus drei Mündern.

»Der Dieb ist geflüchtet. Wir wissen nicht, ob es einer oder mehrere waren.«

»O Alberto, hast du sie vertrieben? Hast du auch wirklich überall nachgeschaut?«

»Aber ja doch, Liebes.« Alberto brummte vor sich hin, versteckte das Messer hinter seinem Rücken und nahm mit der freien Hand Assuntas Linke. Gemeinsam gingen sie auf Pupettas Kammer zu und blieben dort ehrfürchtig am Fußende ihres Bettes stehen.

»Wenn sie jemanden erschossen hat, kommt sie dann ins Gefängnis? Allmächtiger, steh uns bei, unsere Pupettina im Gefängnis!«

»Sie ist nicht mehr bei uns, Maria. Sie ist tot«, sagte Stella mit ruhiger Stimme. Schweigend schauten sie auf die alte Köchin und bekreuzigten sich gleichzeitig.

»Niemand kann sie mehr einsperren. Außerdem war es wohl Notwehr.« Stella seufzte.

»Mit Notwehr kriegste alles durch!« Das war Lolò. Plötzlich von irgendwoher wieder aufgetaucht, kaute er an einem gebratenen Hühnerbein, das er aus dem Kühlschrank entwendet haben musste.

»Ach je. Was sollen wir denn jetzt tun, Stella?«

Alle schauten sie erwartungsvoll an. Selbst Lolò und Alberto. »Ja. Was sollen wir tun?«

»Ich weiß es nicht. Ich muss nachdenken.« Doch ihre Augen blieben an Lolò hängen. Sobald sie sich in dem Tumult und dem Trauergeschrei, das nun losbrach, unbeobachtet fühlte, nahm sie sich ihren kleinen Cousin vor. »Du weißt doch was!«

»Ich?«

Sie packte ihn wie eine Katze im Nacken.

»He. Lass los. Das tut weh!« Doch er wehrte sich nicht.

Sie ließ von ihm ab, weil Assunta zu ihnen herüberschaute, und striegelte mit vorgetäuschter Zärtlichkeit seine platt am Kopf anliegenden Haare noch glatter. »Los, raus damit! Was hast du gehört?«, zischte sie in sein Ohr.

»Ach, der Pippo quatscht immer viel. Und nichts davon stimmt.«

Stella kniff mit den Nägeln von Daumen und Zeigefinger in sein Ohrläppchen.

»Bis jetzt.« Lolò jaulte auf. »Angeblich haben sie den Kopf der Statue dem Gnaziu ins Bett gelegt.«

»Der Kopf von unserer Statue lag beim Gnaziu im Bett? Bei dem Gewerkschafter? Und du sagst uns kein Wort?«, fauchte Stella ihn an.

»Das mit der Statue war nur so eine Idee, weil sie in die Villa nicht reinkamen. Darum hamses auch noch ’n zweites Mal probiert. Obwohl ich ihnen gesagt habe, dasses in dieser Familie nix zu holen gibt.«

»In dieser Familie? Du gehörst auch dazu. Wir sind alle eine Familie, Lolò!«

»Von denen eine Hälfte im ehemaligen Pferdestall lebt.«

Sie schaute ihn entsetzt an. »Dann benimm dich so, dass man dich in einer Villa leben lassen möchte!«

2. Kapitel

Zeit. Nie hatte er genug Zeit. Irgendwann war der letzte Sauerstoff verbraucht, sein Blut floss langsamer und schien in den Adern zu stocken, die Lunge wehrte sich und wollte unbedingt einen Atemzug machen, egal wie, ob mit Wasser oder Luft, und er musste wieder aufsteigen. Aber noch nicht. Jetzt noch nicht!

Simone und Beppe, die reichen Brüder aus Bellaforte, waren letzten Sommer mit Sauerstoffflaschen und neuer Ausrüstung an den Strand nach Marinea gekommen. Sie hatten Brillen, Schnorchel und Flossen dabei und natürlich schwarze Taucheranzüge, aus diesem leichten, schnell trocknenden Material. Eine halbe Stunde waren sie unten geblieben. Neben der roten Warnboje, die sie mit sich zogen, waren alle paar Sekunden Luftblasen an der Wasseroberfläche zerplatzt. Nicola hatte es auch probieren dürfen. Der Anzug schmiegte sich wie eine zweite, warme Haut an seinen Körper. Das war toll. Warum er nicht mit Sauerstoff tauche, hatten ihn die Freunde gefragt.

Er hatte darüber nachgedacht. Atmen unter Wasser? Was für ein seltsames Gefühl, die eigenen Atemzüge in den Ohren zu hören. Zu laut, fast schon bedrohlich, und einfach falsch. Die Stille war verloren, die herrliche Stille, die sich um ihn herum, aber auch in ihm ausbreitete, ohne die er nicht leben konnte. Wie war es möglich, ein Fisch unter Fischen zu werden, wenn man mit diesem Getöse und den dauernden Luftblasen durch das Wasser lärmte?

Nein. Er hatte sich zwar einen Taucheranzug gekauft, doch die Sauerstoffflaschen verschmähte er weiterhin. Ich bleibe hier unten ohne Luft, dachte Nicola und schaute dem schillernden Butterfisch hinterher, der dicht am Boden an ihm vorbeischwamm. Dir droht keine Gefahr, du Schöner. Diesmal hatte er die Harpune und den gancio – den langen Stab mit der gebogenen Spitze, mit dem man die Fische zwischen den Felsen aufscheuchen und manchmal sogar auch aufspießen konnte – oben im Boot gelassen, in dem schon drei Zackenbarsche lagen. Er mochte eigentlich auch gar nicht mehr jagen, das machte er nur auf den Turnieren, wenn er Geld brauchte oder wenn seine Mutter Flora ihn um einen Fisch für das Mittagessen bat.

Er sparte für eine Unterwasserkamera. Damit würde er diese verborgene Welt allen, die keine Ahnung von dem hatten, was sich hier unten tat, wenigstens auf Fotos zeigen können.

Jetzt war es aber wirklich an der Zeit. Ein Blick auf die Uhr: keine vier Minuten. Mist. Er hatte keine Kondition mehr! Im Spätherbst hatte er es locker auf vier Minuten fünfzig gebracht. Er sah nach oben zum Boot, das sich dunkel wie der Abdruck eines gigantischen Bügeleisens am Wasserhimmel abzeichnete. Plötzlich verzerrte sich das Bügeleisen, und sein Kopf fühlte sich an wie kurz vor dem Einschlafen. Er musste hoch, in der nächsten Sekunde musste er einfach atmen, sonst würde etwas Schlimmes passieren. Nico stieß sich heftig vom Grund ab, dabei öffnete er mit einer Hand seinen Bleigürtel, der an ihm herabglitt und Richtung Meeresboden trudelte. Nach einer endlosen Sekunde durchbrach er die Oberfläche, seine Lunge ächzte. Endlich Luft! Die rettende Luft! Und der Himmel! Die Sonne!

»Nicola!!«

Was hatte sie denn? Sie schrie ja wie seine Mutter, als er damals schwimmen lernte und der Fischer Giacomo ihn nicht ordentlich festgehalten hatte. Er versuchte, seinen keuchenden Atem und seine gequälten Lungen zu beruhigen, holte bewusst tief Luft und ließ sich auf dem Rücken treiben. Sein Körper nahm den vermissten Sauerstoff gierig auf und schickte ihn in die feinsten Verästelungen der Blutgefäße. Seine Ohren waren halb unter Wasser, doch er hörte Stella trotzdem auf ihn herabschimpfen: »Mach das nicht noch einmal! Solltest du je wieder auf die Idee kommen, alleine zu tauchen, dann bin ich weg! Es ist mir dann schnurzegal, ob du jemals wieder hochkommst! Merk dir das!«

Mann, sie war echt wütend. Obwohl er es total süß fand, wie sie »schnurzegal« sagte. Das war seit einiger Zeit ihr Lieblingswort.

»Ich sitze hier zwischen diesen halbtoten, zuckenden, schleimigen Fischleibern und kann nicht lernen, weil ich Todesangst um dich ausstehe!«

»Angst um mich musst du doch nicht haben, meine Kleine! Meine Maristella, mein Meeresstern.« Froh, wieder Atem zum Sprechen zu haben, schwamm er auf das Ruderboot zu.

»Dein Meeresstern lässt dich nicht ins Boot, wenn du dich nicht sofort entschuldigst!« Sie schlug ihm mit einem Buch auf seine aufgeweichten Finger, mit denen er sich an der Bootskante festgehalten hatte, sodass er sie zurückzog. He, das tat richtig weh!

»So lange war das gar nicht, und nun mach keinen Scheiß, Stella, ich bin müde. Nachher ertrinke ich noch, und du bist schuld!« Er lachte zu ihr hoch, bis sie auch endlich wieder lächelte. Mein Gott, er liebte dieses Mädchen so sehr, dass es wehtat, zehnmal mehr als der Schlag auf die Finger eben.

»Ich bringe die Fische gleich zu Giacomo, und dann müsste es eigentlich schon reichen für die Kamera. Ich werde ganz viele Fotos von dir machen.«

»Von mir unter Wasser? Wo ich kaum schwimmen kann? Prima Idee! Und wann lernst du?«

Statt einer Antwort zog Nico sich über den Bootsrand und hievte sich mit letzter Kraft auf die Bank ihr gegenüber. Schwer atmend sah er zu, wie Stella ihre Bücher vor der Nässe, die er verbreitete, in Sicherheit brachte. Mit den Füßen musste er sich zwischen die großen Fische schieben, so dicht lagen sie nebeneinander. Verdammt, warum hatte der letzte Tauchgang ihn nur so angestrengt? Hatte er es vielleicht übertrieben? Es war Ende März und der erste wirklich warme Tag in diesem Jahr. Das Boot war endlich startklar, und Stella war bereit gewesen, ihn zu begleiten. Lolò war mit ihnen gekommen, aber sobald man das Boot vom Dorf aus nicht mehr sehen konnte, am ersten Felsenriff wieder ausgestiegen. So hielten sie das oft. Sie fuhren zu dritt aus Marinea los und kamen auch zu dritt wieder an. In der Zwischenzeit spazierte Lolò im Dorf herum und verstreute seine hellblauen Pfefferminzpapierchen, ging in die Villa zurück oder trieb sich sonst wo herum. Bis jetzt hatte noch niemand ihr Geheimnis aufgedeckt. Dass er den kleinen Penner, den birbantello, für seine lückenhaften Anstandswauwaudienste bezahlte, wusste Stella allerdings nicht …

Nicola seufzte. Wie immer hatte er den Winter über an Lungenvolumen verloren, aber nun fing das Frühjahr an, und danach kam der Sommer! Na ja, vor dem Sommer standen auch noch die Abiturprüfungen an … Nico streichelte über den silbriggrau geschuppten Fisch zu seinen Füßen. Wenn er nicht bald anfing, den Stoff noch einmal zu wiederholen, würde er durchfallen. So viel war sicher. Er hob einen der Fische hoch. »Machst du ein Foto von mir?«

Stella griff nach der Kamera in der Lederhülle. Nico grinste zufrieden und setzte sich in Pose. Sie wusste, dass er es liebte, mit dem Fang fotografiert zu werden, und die alte Leica von seinem Vater machte immer noch fantastisch scharfe Fotos, wenn man Belichtungszeit und Blende richtig einstellte.

Sie stand auf. »Lächeln!«, befahl sie, zielte mit der Kamera von oben auf ihn und drückte den Auslöser. Dann ließ sie die Leica sinken. »Nico, ich meine es ernst, wann lernst du?«

»Ich lerne doch schon. Da sind nur noch so schrecklich viele andere Sachen, um die ich mich kümmern muss. Du kennst meine Mutter, die will immer, dass ich ihr helfe und bei allem dabei bin, was sie macht.«

Stella nickte und verstaute die Kamera wieder im hinteren Teil des Bootes, damit sie nicht nass wurde. »Den Anzug für die Abschlussfeier hat sie allerdings alleine bei den Gebrüdern Mineo ausgesucht, und er passt dir trotzdem wie angegossen. Das hat sie mir am Sonntag ganz stolz erzählt, als ich zum Kaffeetrinken zu euch kommen durfte. Wäre doch schade, wenn der bis nächstes Jahr dort hängen müsste …«

»Du magst meine Mutter nicht. Ich weiß.«

Stella schüttelte den Kopf. »Ich mag sie, aber sie mag mich nicht. Dass ich in eine Adelsfamilie hineingeboren wurde und trotzdem wie ein Arbeiterkind aufgewachsen bin, versteht sie einfach immer noch nicht. Was soll ich also tun?«

Statt einer Antwort stand Nico auf und küsste sie. »Hoffen wir, dass Lolò schon wieder am Felsen ist. Wenn der kleine Penner uns heute wieder so lange warten lässt, wie er sich das inzwischen angewöhnt hat, kann er was erleben!«

»Ich hasse es, dass wir uns so verstecken müssen. Wenn deine Mutter uns endlich heiraten ließe, dürften wir wenigstens offiziell ohne Begleitung in einem Boot sitzen!«

»Dieser Kuss wäre dann trotzdem äußerst unsittlich in der Öffentlichkeit.« Er zeigte grinsend auf das offene Meer.

»Du sagst es. Aber ohne Heirat, so wie jetzt, bin ich das leichte Mädchen, das jeder haben kann.«

Den Ruf hast du leider sowieso schon, dachte Nicola, doch eher hätte er das Tauchen aufgegeben, als diesen Satz laut auszusprechen. Nachdem Stella von dem Kutscher im Stall der Villa überfallen worden war, hatte ihr Ruf im Dorf und auch in Bellaforte sehr gelitten. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand waren Fragen laut geworden: Warum war Stella mit dem Kutscher überhaupt allein gewesen? Hatte er das Mädchen vergewaltigt? Oder nicht vielleicht doch auf eigenen Wunsch entjungfert? Von der Tatsache, dass sie von ihm brutal geschlagen, betatscht und dann in den Verschlag des Pferdes gestoßen worden war, wollten die Leute nichts hören.

»In anderen Ländern ist das kein Problem, da sind sie schon viel weiter«, sagte Stella, die die Beine auf die Ruderbank gezogen und unter dem weiten Rock ihres Kleides versteckt hatte. »Da wohnen Männer und Frauen während des Studiums sogar zusammen, ohne verheiratet zu sein! Habe ich im Radio gehört.«

»Wir gehen nach dem Studium einfach von hier weg!« Nico lachte.

»Abgemacht!« Stella nickte zustimmend. »Wohin?«

»Nach Deutschland oder England. Oder Amerika.«

»Amerika! Da ist noch Platz, da können wir alles Mögliche entwerfen. Architektonisch sind die USA das Paradies.«

»Ist das so? Dann machen wir das, amore!«

Sie schauten sich an. Auf dem Wasser brach sich die Nachmittagssonne. Der leichte Wind roch nach Algen und Salz und den schroffen Felsen der Berge, die sich die Küste entlangzogen. Nach Zitronengärten und frisch austreibendem Grün, nach dem grandiosen Dreieck der Insel, die sich vor ihnen ausbreitete. Nach Heimat. Nach einer Heimat, die sie beide doch so sehr liebten. Niemals! Niemals werden wir weggehen, dachte Nico.

Nico griff nach den Rudern, hielt dann aber inne. »Wenn wir abhauen, Stella, dann geht das hier immer so weiter, dann ändert sich gar nichts. Nee, wir müssen direkt an Ort und Stelle kämpfen. Für die Rechte der Frauen, für mehr Demokratie, gegen die da in Rom und gegen die Mafia!«

»Mehr nicht?«, fragte Stella. Sie zuckte mit den Schultern. »Na gut. Mach du das. Ich hatte sowieso nicht vor wegzugehen. Ich muss mich um die Villa kümmern. Um meinen Vater und um alle anderen auch. Ich brauche Geld. Und zwar nicht nur, um uns ein paar Tage über die Runden zu bringen. Ich brauche so viel Geld, dass wir endlich sorgenfrei leben können.«

»Als Architekt verdient man gut, amore. Du machst dir immer zu viel Sorgen.«

»Vorher kommen noch fünf Jahre Studium, Nico. Und jedes Jahr kostet zweihundertfünfzigtausend Lire.«

»Ein halber Cinquecento pro Jahr. Ungefähr.«

»Aber teuer genug …« Sie rieb sich die Stirn. »Du hast es gut. Deine Mutter hat für dich gespart.« Doch dann lachte sie plötzlich wieder. »Weißt du, wie wir die Kosten für die Hochzeit sparen können? Wir beichten Pater Anselmo, dass wir es bereits getan haben, und heiraten wie die armen Sünder morgens um sechs vor der Messe!«

»Nooo …« Entrüstet schaute Nico auf. »No! Du weißt doch, auf was du dann alles verzichten musst. Was ist mit einem Brautkleid, ganz in Weiß, was ist mit …?«

»Du meinst, ich kann es nicht ertragen, in Schwarz zu heiraten? Ich würde das tun. Sofort. Wir wären endlich richtig zusammen, und selbst deine Mutter könnte nichts mehr dagegen sagen …«

»Tja. Meine Mutter …« Nicola schwieg eine Weile. »Hast du schon mal daran gedacht, sie ›Mama‹ zu nennen?«

»Wie bitte? Um sie darauf hinzuweisen, dass sie ja doch irgendwann meine Schwiegermutter wird?«

»Die meisten verheirateten Frauen nennen ihre suocera so.«

»Aber nur, wenn …« Stella beendete den Satz nicht, aber Nico wusste, was sie hatte sagen wollen: Nur wenn sie sie mögen.

»Ich meine es ernst, Nico. Meinetwegen müssen wir keine richtige Hochzeit feiern. Mir egal, was die Leute denken, und Geld sparen wir obendrein.« Stella kniff die Augen gegen die gleißende Märzsonne zusammen. »Glaub nicht, dass ich nicht weiß, wie man über mich redet, Nico. Mein Ruf ist sowieso längst ruiniert. Für die meisten hier bin ich die adlige Tochter ohne Moral, das gefallene Mädchen …«

»Gerade deswegen, Stella! Die Leute reden schlecht über dich, obwohl sie keine Ahnung haben, was in Wahrheit passiert ist! Wir geben ihnen auf keinen Fall auch noch die Genugtuung, uns morgens um sechs vor der Messe durch eine Nebentür demütig in die Kirche schleichen zu sehen.«

Stella stieß die Luft aus. »Okay, nächstes Mal nehmen wir Manuele zum Tauchen mit.«

Nico grinste über ihr Friedensangebot. »Aber der hält’s da unten nicht lange aus.« Er legte die Ruder beiseite. »Ich muss übrigens noch mal runter, meinen Gürtel holen.« Er wich Stellas drohendem Blick aus.

Als er kurze Zeit später wieder im Boot saß, umschloss er mit festem Griff die Ruder, um Stella nicht sehen zu lassen, wie sehr seine Hände zitterten. Er legte sich mit den Rudern zurück. Seine Kondition war dahin, seine Muskeln auch. Es war zum Verrücktwerden. Diese verdammten Wintermonate verwandelten ihn jedes Mal in einen kraftlosen Mehlwurm.

Stella packte ihre Bücher in die Tasche. »Ich mag Manuele. Er spielt Klavier, er verfolgt sein Studium und hilft seinen Eltern noch dauernd in der Apotheke. Und nach welchem Fach man ihn auch fragt, er weiß alles.«

»Manchmal glaube ich, der wäre viel eher was für dich …«

»Bitte?« Stella lachte laut auf. »Niemals! Was soll ich denn mit dem?«

»Schon gut. Ich wollte nur mal hören, ob du mir noch treu bist.«

»Treu? Das sagt der Richtige! Um wen scharwenzeln denn am Strand immer die Mädchen herum, kaum dass man ihm den Rücken kehrt?«

Er hoffte, dass Stella sich auf seinen Schoß setzen würde, wie sie es so gerne tat. Sie schlang dann die Beine um ihn und ließ ihn weiterrudern. Doch er sah, wie ihr Blick auf die Fischleiber fiel, die den Boden komplett bedeckten. Sie hasste es, die schuppig-glitschige Haut berühren zu müssen, und blieb sitzen. Einen Moment lang war er dankbar dafür, sie hätte sonst vielleicht bemerkt, wie schwach er sich fühlte.

»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, antwortete er, doch es ging ihm gleich besser, wenn er an den Sommer dachte und daran, wie sich die Mädchenhälse nach ihm reckten, wenn er braun gebrannt und durchtrainiert mit dem Boot voller Fische an den Strand gerudert kam. Na ja, eigentlich nur die von den Touristinnen. Die eine Schwedin war wirklich süß gewesen. Ingrid. Wie Ingrid Bergman. Da konnte der Wichtigtuer Marcello noch so tolle Kopfsprünge von dem hölzernen Aufbau mit den Badekabinen machen, die sie letztes Jahr in Marinea gebaut hatten. Die Mädchen fanden ihn viel interessanter … ihn, der sie nicht beachtete.

»Nico? Hörst du mir überhaupt zu?«

»Ja klar. Das nächste Mal nehmen wir Manuele für dich mit.«

Stella guckte einen kurzen Moment ernst, doch dann kicherte sie. »Sag nichts gegen Manuele! Die treue Seele hängt mit der Taucherbrille über dir im Wasser und verbrennt sich die Schultern, poverino! Aber er passt wenigstens auf dich auf.«

Geschafft! Nun stapelten sich alle Bücher, aus denen er etwas für die Abschlussprüfung lernen musste, schon mal auf seinem Schreibtisch. Verdammt hoch der Stapel, dachte Nico, ist das wirklich alles nötig? Italienisch? Komm, das beherrschst du doch gut genug. Weg damit. Geschichte? Mmm, reinschauen solltest du da schon noch mal. Und wenn das erledigt ist, gibt es zur Belohnung einen Blick in die neue Ausgabe des Mondo sommerso, die der Briefträger heute gebracht hat.

»Na, lernst du fleißig?«, fragte Flora, als sie zwei Stunden später durch einen Spalt der Zimmertür lugte, um ihren Sohn zum Abendessen zu holen.

»Ja klar!« Schnell schlug Nicola die Zeitschrift zu und zeigte auf den Bücherstapel, der sich unberührt auf dem Schreibtisch türmte, aber einen ausgezeichneten Sichtschutz bot. Versunkene Welt, meine Güte, er war wirklich abgetaucht in die Welt der Boote, der Harpunen und Tauchausrüstungen. Der Bericht über das Tauchturnier auf Ustica war mehr als zehn Seiten lang und exzellent geschrieben, und zu den interessanten Kleinanzeigen war er ja noch gar nicht gekommen.

Verdammt. Die Bücher … Der alte Buttoni hatte mit der ganzen Klasse gewettet, dass Nicola im Mündlichen in Griechisch durchfallen würde. Also musste er im Schriftlichen doppelt beweisen, dass Buttoni ihn mal kreuzweise konnte.

»Dass ihr aber auch so viel lernen müsst, ihr jungen Menschen«, sagte Flora beim Essen und lud Nico noch eine weitere Kelle pasta alla norma auf.

»Na ja, ich muss da noch einiges nachholen«, sagte Nico, der nun doch ein schlechtes Gewissen bekam, weil auch dieser Tag, wie schon so viele zuvor, ungenutzt verstrichen war.

Sie aßen schweigend unter der Rosentapete im Wohnzimmer. Abends deckte seine Mutter immer hier am runden Tisch. Obwohl Nico die Stille unter Wasser so liebte, diese hier ging ihm auf die Nerven, aber worüber konnte er mit seiner Mutter reden? Auf keinen Fall über das Tauchen, auch nicht über sein Boot, das er Stella zu Ehren in Marestella umbenannt und deshalb den ursprünglichen Namen Flora übermalt hatte. Mein Gott, war sie damals sauer gewesen! Vom Meer durfte er auch nichts erzählen, ach, sowieso erwähnte er besser nichts, was mit Wasser zu tun hatte.

Das Gespräch mit Stella im Ruderboot fiel ihm wieder ein: Es war lustig gewesen, sich gemeinsam wilden Zukunftsfantasien hinzugeben. Doch von hier weggehen? Das konnte er seiner Mutter nicht antun. Durch das Abitur rasseln ebenso wenig, sie hatte alles Geld zusammengekratzt, um ihm die Schule zu ermöglichen. Und in den nächsten Jahren würde sie umgerechnet zweieinhalbmal den Preis eines Fiat 500 für sein Studium zahlen. Als ob sie seine Gedanken lesen könnte, sagte Flora plötzlich: »Kinderarzt wäre doch auch schön.«

Er wusste sofort, was sie meinte. »Mama!«

»Oder Tierarzt? Dio, was für erbarmungswürdige Kreaturen du als kleiner Junge immer mit nach Hause geschleppt hast … Aber nein, besser nicht, dann musst du ja den ganzen Tag in den Ställen herumstehen.«

»Mama!«

»Also doch lieber Medizin? Wäre Medizin nicht etwas für dich? Mein Sohn, ein richtiger Doktor im Krankenhaus!«

»Ich habe mich doch schon für Architektur entschieden.«

»Na, da weiß man ja auch, wer dir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat!«

Nico atmete tief aus. Wenn es nach seiner Mutter ginge, würde er Stella niemals heiraten.

»Warst du heute etwa schon wieder tauchen? Lüg mich nicht an, ich sehe den Abdruck deiner Taucherbrille noch oben an deiner Stirn. Und deine Augen sind ganz geschwollen.« Ihre Stimme wurde schrill. Er hasste das. Die geschwollenen Augen kamen vom Unterdruck. Er hatte den Druckausgleich zu spät gemacht, als er auf fünfzehn Meter gegangen war. Da presste es einem alles zusammen, und die Maske zog sich am Kopf fest.

»Das Wasser ist doch noch viel zu kalt. Du holst dir noch den Tod! Wie oft muss ich dich bitten, da nicht mehr runterzugehen. Aber nein, mein Herr Sohn muss sich ja unbedingt …«

»Mama!«, unterbrach Nico sie energisch. »Ich war die ganzen letzten Monate nicht tauchen!«

»Ja, natürlich nicht, weil Winter war. Aber du würdest dich doch am liebsten auch noch zu Weihnachten in die eisigen Fluten stürzen!«

»Ja. Ich meine, nein. Und außerdem, Mama: Ich passe doch auf!«

»Das sagst du so, aber eines Tages …«

Okay, dachte Nico, bleibt mal wieder nur ein Thema, um sie abzulenken: »Wie war das«, fragte er mitten in ihre Litanei hinein, »konnte Papa eigentlich gut zeichnen?«

Flora hielt inne. Dann lächelte sie, und ihre Züge wurden weicher, als sie nun den Blick über die vielen Fotos ihres Mannes gleiten ließ, die in großen Silberrahmen an der Wand hingen. Auch Nico schaute hinauf. Von dem einen Foto, das ihn in Uniform zeigte, sah sein Vater, der im Dienst für das Vaterland gestorbene Maresciallo Messina, voller Erwartung auf ihn herab.

»Dein Vater? Der hat lieber fotografiert. Und reparieren konnte er auch kaum etwas. Aber weißt du, was er richtig gut konnte? Stimmen nachmachen, auch Tierstimmen, und andere Leute imitieren. Er konnte sich in die Menschen hineinversetzen. In Mistretta hat er einmal sogar im Radio gesprochen.«

»Wirklich? Bei einem richtigen Sender?«

»Ja. Er hat die Leute aufgerufen, ihren Müll nicht mehr in die Schlucht zu werfen. Denn das hat wilde Hunde angelockt, die dann auch in die Stadt kamen. Und weil er so eine wunderschöne, tiefe, melodiöse Stimme hatte, haben alle auf ihn gehört.«

Nico hatte diese Geschichten schon mehrmals von seiner Mutter zu hören bekommen, doch er wusste, wie gerne sie in den Erinnerungen an seinen Vater schwelgte. Wenn sie nur einen Moment lang glücklich war, war er es auch.

3. Kapitel

Es war der 1. April 1966.

Ich habe nichts für Nico, dachte Stella, als sie an diesem Morgen die Augen aufschlug. Mein Name ist Maristella Letizia di Camaleo, ich wohne in einer Villa aus dem Jahr 1751, mein Vater ist ein Graf, und auch ich könnte mich Gräfin nennen, und dennoch weiß ich nicht, wo ich das Geld für den nächsten Liter Milch hernehmen soll, und meinem Verlobten kann ich außer einem gestrickten Pullover aus alter aufgeribbelter Wolle, die ich zufällig im Ostflügel in einem Schrank gefunden habe, nichts zum Geburtstag schenken.

Mit einem Ruck stand sie auf, tappte auf nackten Füßen zur Balkontür und schaute hinaus. Die Magnolienbäume blühten, die Forsythienbüsche stachen leuchtend gelb aus dem hellen Frühlingsgrün hervor. Geburtstagswetter! Nico und sie wurden heute neunzehn Jahre alt. Neunzehn! Stella öffnete die Balkontür und sog die kühle Morgenluft tief ein. Es riecht nach Veränderung, dachte sie.

Früher hatte sie Veränderungen gehasst, weil sie nie etwas Gutes bedeuteten. Die ersten zehn Jahre bei den Großeltern und Assunta waren durch die sonntäglichen Pflichtbesuche in der Villa empfindlich gestört worden, dennoch rochen sie in ihren Erinnerungen köstlich. Nach dem süßen Ricottaschweiß der Tante, dem pudrigen Duft von Nonnas schwarzen Handschuhen für die Kirche, nach Lolòs abendlichem biberon, dem Milchfläschchen, und dem würzigen Tabak aus BabbosMaispfeife. Bis die gewaltsame Veränderung über sie hereinbrach. Die folgenden fünf Jahre in der Villa waren von dem bitteren Geruch der Kapern, die sie sortieren musste, des Laudanums für ihre Mutter und der Angst durchsetzt gewesen. Stella schloss die Tür. Dann nahm die Marchesa eine Überdosis des Opiumsafts, und es hatte sich gezeigt, dass Veränderungen auch etwas Gutes bewirken konnten.

Sie schlüpfte in das dunkelgrüne Kleid, das sie sich am Abend zuvor herausgelegt hatte, und betrachtete sich im Spiegel. Die Kleider von diesem Dior waren ihr wie auf den Leib geschneidert, doch alle viel zu schick für die Schule. Auch dieses hier hatte Assunta kürzer gemacht und den Ausschnitt verkleinert. Konnte sie das heute wirklich tragen, obwohl Pupetta erst seit knapp zwei Wochen tot war? Ach, warum denn nicht. Der alten Köchin hätte es bestimmt gefallen, und als Geburtstagskleid war es wegen seiner eleganten Schlichtheit genau richtig. Stella wusste, dass die Leute über sie redeten, weil sie ihre Garderobe ausschließlich dem wahrhaft unerschöpflichen Kleiderschrank ihrer verstorbenen Mutter entnahm. »Warum denn nicht?«, wiederholte sie laut und wandte sich wieder in den Raum. »Nicht wahr, wir beide wissen, warum?« Sie sandte einen Blick an die Decke. Ihre Mutter wurde nicht ausschließlich in der Hölle festgehalten, nein, manchmal bekam sie Ausgang, dann war sie dort oben. Aber sie machte ihr keine Angst mehr, im Gegenteil, sie hielten ab und an sogar Zwiesprache, über Stellas Kindheit und die speziellen Quälereien, die die Marchesa für sie erdacht hatte. Stella kannte mittlerweile die Gründe der tiefen Einsamkeit und des Unglücks ihrer Mutter und hegte keinen Groll mehr gegen sie. Doch es gab Tage, da lasteten die Zimmerfluchten und unbenutzten Räume der Villa wie der tonnenschwere Mahlstein einer Ölmühle auf ihr, und sowohl die Erinnerungen als auch die Gedanken an die Zukunft schnürten ihr die Luft ab.

Stella seufzte. Die Sorgen lauerten schon wie eine Katze hinter der Mauer, bereit, sie jeden Moment anzuspringen. Warum hat das Leben mich bloß mit zwei verrückten älteren Schwestern und einem toten Brüderchen bedacht und somit zur einzig ernst zu nehmenden Erbin der Familie auserkoren? Nein. Sie schob die Gedanken beiseite. Gerade heute durfte auf keinen Fall wieder so ein Sorgentag sein!