Platte machen - Jens Gattringer - E-Book

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Jens Gattringer

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Beschreibung

Diplomarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Soziale Arbeit / Sozialarbeit, Note: 1,7, Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt, Sprache: Deutsch, Abstract: Armut gehört heute noch zu den größten ungelösten Problemen in der Gesellschaft. Auch in den wohlhabenden Wohlfahrtsstaaten ist soziale Mindestsicherung nicht für jeden Menschen selbstverständlich und eine gesellschaftliche Ausgrenzung existent. Armut und Reichtum stehen in Kausalität zueinander und beides wird vom Menschen, eingebettet in gesellschaftlichen Strukturen, hervorgerufen. U.a. kann Armut nach dem so genannten Lebenslagenkonzept gemessen werden. Wohlergehen und Zurechtkommen mit entsprechenden materiellen und immateriellen Ressourcen, nach subjektivem Urteil der Betroffenen in ihren individuellen Lebenssituationen, stehen im Vordergrund. So sind z.B. manche Menschen in den Bereichen Arbeit, Gesundheit, Bildung oder Wohnen benachteiligt bzw. ganz ausgeschlossen. Hiermit wird u.a. auf folgende Menschengruppe angespielt: Personen, die über keinen eigenen Wohnsitz verfügen. Diese äußerst prekäre Lebenssituation Betroffener, gehört zur extremsten Form der Armut. Der Anteil der wohnungslosen Menschen die tatsächlich „Platte machen“, ist in den letzten Jahren deutschlandweit wieder deutlich angestiegen. Diese fatale Lebensweise hat verheerende Folgen vor Allem bezogen auf Gesundheit und Leben der Betroffenen. Daraus ergibt sich u.a. folgende Frage: Welche Ursachen und Gründe sind für die Wohnungslosigkeit Betroffener verantwortlich? Anfangs wird die Einrichtung "Julius-Itzel-Haus" und die dort geleistete Arbeit vorgestellt. Aus dieser Institution konnten die drei später interviewten Klienten gewonnen werden. Außerdem wird in die Theorie des lebensweltlichen Ansatzes nach Hans Thiersch (2002,2005) eingeführt. Es wird vor allem anhand von Mayrings Werken (2002,2003) eine Einführung in die darauf folgende empirische Untersuchung von Langzeitwohnungslosigkeit gegeben. U.a. wird anhand des aktuellen Statistikberichts der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) ein kurzer, statistischer Überblick über die Gründe von Wohnungsverlusten und Auslöser dieser Lage dargestellt. Durch theoretische Erklärungsansätze u.a. durch ein Werk von Stefan Gillich und Frank Nieslony (2000), wird eine mögliche Verursachung von Wohnungslosigkeit und deren denkbare längere Existenz dargelegt. Es werden durch subjektive Interviewaussagen dreier Langzeitwohnungslosen einzelne, ihrer Biografie entsprechenden Einflüsse aufgezeigt, die eine derartige Lebensweise verursachen und festigen können. Am Ende wird dargestellt, wie den Menschen innovativ geholfen werden kann.

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Veröffentlichungsjahr: 2008

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Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

Einleitung

1 Die Wohnungslosenhilfe im Julius-Itzel-Haus Bruchsal

1.1 Die Ambulante Fachberatung für Wohnungslose und ihre Ursprünge

1.2 Entstehung der Begriffe Wohnungslosigkeit, Wohnungslosenhilfe

1.2.1 Definition einheitlich verwendeter Begriffe

1.3 Der „lebensweltliche Ansatz“

2 Die empirische Untersuchung

2.1 Meine Interviewpartner

2.1.1 Dieter P.: „(..)wegen einer Wohnung meinen Hund aufgeben?!“61

2.1.2 Andreas O.: „(..)in der Schulzeit habe ich auch schon mitgetrunken!“65

2.1.3 Ralf A.: „(…)obwohl ich eigentlich ein wohl behütetes Kind war, hat sie mich einfach ins Leben geschmissen!“67

3 Erklärungsversuche, die Wohnungslosigkeit und Verlauf begründen

3.1 Theoretische individuumorientierte Ansätze früherer Studien in der „Nichtsesshaftenhilfe“

3.1.1 Psychiatrisch-neurologische Erklärungen zur Wohnungslosigkeit

3.1.2 Der psychologische Ansatz für die Ursachenklärung von Wohnungslosigkeit

3.2 Moderne, gesellschaftlich-strukturelle Erklärungen für Wohnungslosigkeit nach soziologischen Forschungen

3.2.1 Ursachenerklärung von Wohnungslosigkeit anhand des Armutsansatzes

3.2.2 Verdeutlichung des Entstehens und der Aufrechterhaltung von Wohnungslosigkeit anhand des Unterversorgungsansatzes

3.2.3 Darstellung der Manifestierung von Wohnungslosigkeit anhand des Etikettierungs- bzw. Stigmatisierungsansatzes

3.2.4 Neuste Erkenntnisse

3.2.5 Zusammenfassende Darstellung von Anwendbarkeit und Brauchbarkeit der beschriebenen theoretischen Erklärungsansätze

4 Auswertung der subjektiven Interviewaussagen Wohnungsloser

4.1 Zum Anteil der Herkunftsfamilie an der wohnungslosen Lebensweise

4.2 Die Auswirkungen des Verlustes von sozialen Beziehungen auf Betroffene

4.3 Die Verursachung der Wohnungslosigkeit durch entsprechende Beschäftigungsbereiche oder Arbeitslosigkeit

4.4 Krankheiten und Süchte als Einflussfaktoren

4.5 Der Beitrag von Obdachlosenunterkünften zu einer dauerhaften Wohnungslosigkeit

4.6 Die Auswirkungen eines dauerhaften Straßenlebens auf das weitere Leben

4.7 Abriss der Untersuchungsergebnisse und Interpretation

5 Zusammenfassung und Reflexion

6 Ausblick für die Wohnungslosenhilfe am Beispiel des Julius-Itzel-Hauses

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

 

Vorwort

 

Über wohnungslose Menschen in Deutschland möchte Gesellschaft und Öffentlichkeit hier zu Lande leider kaum etwas wissen. Die Betroffenen sind dagegen eher mit Vorurteilen und Diskriminierungen jeglicher Art behaftet. Wohnungslose sind in sämtlichen Bereichen des Lebens in extremer Form unterversorgt, ausgegrenzt und gehören zu den Menschengruppen, die im höchsten Maße verachtet, isoliert und sozial benachteiligt sind. In Deutschland hat sich der Begriff „Penner“ als eine Bezeichnung für wohnungslose Männer und Frauen mit verachtendem Format in den Köpfen der Menschen unserer Gesellschaft festgesetzt. In unterschiedlichsten persönlichen, sozialen und ökonomischen Lebenslagen vorfindbar, gehören Wohnungslose zu einer heterogenen Menschengruppe mit dem gemeinsamen Merkmal der Wohnungslosigkeit.1 Viele Betroffene leben jahrelang auf der Straße unter entwürdigenden, gesundheitsschädlichen und lebensbedrohlichen Verhältnissen. Um nun der dargestellten Sichtweise in der Bevölkerung - Wohnungslosigkeit als Charaktermerkmal - entgegenzuwirken und um ein besseres Verständnis von Wohnungslosigkeit und im Umgang mit den Betroffenen zu erreichen, werden die Hintergründe angesprochener Erscheinungsform, anhand einer wissenschaftlichen Darstellung der Ursachen und Verlaufsformen von Langzeitwohnungslosigkeit aufgedeckt. In der vorliegenden Arbeit werden Gründe dargelegt, warum die betroffenen Menschen in einem reichen und sozial abgesicherten Land wie der Bundesrepublik jahrelang auf der Straße verbringen müssen. Am Schluss dieser Arbeit wird anhand eines kurzen Ausblickes auf die Handlungspraxis am Beispiel des Julius-Itzel-Hauses, einer Hilfeeinrichtung für Wohnungslose in Bruchsal, eingegangen. Mit theoretischen Erklärungen, verschiedenen Interviews anhand subjektiver Perspektiven Betroffener und selbst gemachten Erfahrungen im Julius-Itzel-Haus werden Gründe für ein Leben auf der Straße festgehalten.

 

Einleitung

 

Gewidmet Frau Argus

 

„Wie ein Blatt im Wind

 

hin und her getrieben.

 

An jedem Ort unerwünscht.

 

Platte machen,

 

mit einem Auge wachen.

 

Mit Gott und sich selbst

 

Im Zerwürfnis liegen.

 

Wie ein Blatt im Wind

 

hin und her getrieben.

 

Auf der Suche nach einem Ort

 

und Wurzeln finden.“2

 

Armut gehört heute noch zu den größten ungelösten Problemen in der Gesellschaft. Wenn auch der europäische durchschnittliche Lebensstandard, verglichen mit dem anderer Bevölkerungen auf der Welt, als hoch und abgesichert anzusehen ist, kann festgehalten werden, dass auch in den wohlhabenden Wohlfahrtsstaaten Europas arme Menschen zu verzeichnen sind. Auch dort ist soziale Mindestsicherung nicht für jeden Menschen selbstverständlich und eine gesellschaftliche Ausgrenzung existent.3 Vom Alltags- und Wissenschaftsverständnis des Begriffs Armut ausgehend, wird diese äußerst vielschichtige Thematik im Zusammenhang mit übergreifenden Problemstellungen, sowie im Vergleich zum konträren Status des Reichtums untersucht. Armut und Reichtum stehen in Kausalität zueinander und beides wird vom Menschen, eingebettet in gesellschaftlichen Strukturen, hervorgerufen. Hiernach ergibt sich die grundsätzliche Frage: wer ist von Armut inwiefern betroffen und wie wird Armut definiert? Im Regelfall wird Armut als eine Mittellosigkeit, sprich als Einkommensarmut gedeutet. So wird die Bevölkerungsgruppe, die nicht über genügend Einkommen besitzt um ihren Lebensunterhalt selbst sichern zu können, als arm angesehen. Die offizielle Grenze der Einkommensarmut wird mit dem Sozialhilferegelsatz bestimmt. Nach dem Armutskonzept der „relativen Armut“, als eines der verschiedenen Messverfahren von Armut, werden diejenigen Menschen als arm bezeichnet, die unter dem generell anerkannten Mindestmaß des Konsumstandards in einer Gesellschaft liegen. Bei dem relativen Armutskonzept wird die Unterversorgung betroffener Menschen im Verhältnis zum Wohlstand der Gesellschaft gesehen. Basis ist das Durchschnittseinkommen der Bevölkerung. Wem nach Vorschlag der EG-Kommission von 1981 unter 50 Prozent dieses durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung steht (mittleres Armutspotential), gilt als relativ arm, in Relation zur Gesamtbevölkerung. Ein Verdienst von 40 Prozent des Durchschnitteinkommens gilt als strenge Einkommensarmut. Nach dem „absoluten Armutskonzept“ dagegen besitzen die betroffenen Menschen nicht einmal das Mindestmaß an Kleidung, Nahrung oder sogar Wohnung, sodass ein kleinstmöglicher Lebensstandard nicht gegeben ist. Doch Armut kann zudem nach dem so genannten Lebenslagenkonzept gemessen werden. Wohlergehen und Zurechtkommen mit entsprechenden materiellen und immateriellen Ressourcen, nach subjektivem Urteil der Betroffenen in ihren individuellen Lebenssituationen, stehen im Vordergrund. Die Erfassung des Zusammenwirkens verschiedener Problemlagen sowie einer Benachteiligung und Unterversorgung in einzelnen Bereichen des täglichen Lebens wird angestrebt. So sind beispielsweise manche Menschen in den Bereichen Arbeit, Gesundheit, Bildung oder Wohnen benachteiligt bzw. ganz ausgeschlossen. Hiermit wird auf folgende Menschengruppen angespielt: diejenigen, die Zuhause oder im Heim beispielsweise aufgrund von Pflegebedürftigkeit vereinsamen; Menschen die von Arbeit und Freizeit oft ausgeschlossen sind (z. B. Behinderte); oder die Personen, die über keinen eigenen Wohnsitz verfügen. Die zuletzt genannte, äußerst prekäre Lebenssituation Betroffener, gehört zur extremsten Form der Armut.4 Der Anteil der wohnungslosen Menschen die tatsächlich „Platte machen“, sprich auf der Straße bzw. im Freien leben, wie es beim Autor des oben aufgeführten Gedichtes der Fall war, ist in den letzten Jahren deutschlandweit wieder deutlich angestiegen. Diese fatale Lebensweise hat verheerende Folgen bezogen auf Gesundheit und Leben der Betroffenen. Die Menschen sind den größten Gefahren und Benachteiligungen ausgesetzt. Mindestens 225 Wohnungslose sind in der Zeit zwischen 1991 und 2004 erfroren. Wohnungslose Frauen und Männer laufen regelmäßig in Gefahr, auf der Straße überfallen, misshandelt oder getötet zu werden. In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts sind mindestens 107 Person die „Platte machten“ umgebracht worden. Zudem wird eine rechtswidrige Handlungspraxis von Sozialämtern im Bezug auf Tagessätze oder Kommunen bezüglich der Unterbringung von wohnungslosen Frauen und Männern nach wie vor ausgeübt.5

 

Daraus ergeben sich folgende Fragen: Welche Ursachen und Gründe sind für die Wohnungslosigkeit Betroffener verantwortlich und wie kommt es zu einer dauerhaft gefestigten wohnungslosen Lebensweise? Welche Einflussfaktoren sind dabei Ausschlag gebend bei den Einzelnen und welche Veränderungen des Hilfesystems können den Menschen weitere Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Situation geben?

 

Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit wird die Einrichtung des Julius-Itzel-Hauses, insbesondere der ambulante Bereich kurz vorgestellt, aus diesem die drei später interviewten Klienten gewonnen werden konnten. Weiter sind im ersten Teil die gesetzlichen Grundlagen bei der sozialen Arbeit mit entsprechender Klientel dargestellt, die wichtigsten themenbezogenen Begrifflichkeiten, Definitionen und ihre Entstehungsgeschichten demonstriert. Außerdem wird in die Theorie des lebensweltlichen Ansatzes nach Hans Thiersch (2002, 2005) eingeführt, die meist als Ausgangspunkt bei der Arbeit mit Wohnungslosen und so auch für die folgende Diplomarbeit dient.

 

Im zweiten Kapitel wird vor allem anhand von Mayrings Werken (2002, 2003) eine Einführung in die darauf folgende empirische Untersuchung von Langzeitwohnungslosigkeit gegeben. Die dabei angewendete Methodik bzw. Techniken werden kurz erläutert und die Interviewpartner vorgestellt.

 

Im dritten Oberpunkt wird anhand des aktuellen Statistikberichts der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe6 (BAG W) ein kurzer, statistischer Überblick über die Gründe von Wohnungsverlusten und Auslöser dieser Lage dargestellt. Weiter wird dann anhand gesellschaftlich-struktureller, sozialer und persönlicher Faktoren, Wohnungslosigkeit und ein möglicher einhergehender sozialer Abstieg begründet, der u. a. die weitere Festigung einer „Platte machenden“ Lebensweise verdeutlicht.

 

Durch theoretische Erklärungsansätze aus den 70er-Jahren wird in erster Linie versucht diese Lebensweise allgemein zu begründen und weiter anhand von Faktorenbenennung neuer Erkenntnisse, u. a. durch ein Werk von Stefan Gillich und Frank Nieslony (2000), eine mögliche Verursachung von Wohnungslosigkeit und deren denkbare längere Existenz darzulegen.

 

Anhand der so theoretisch vorgearbeiteten wissenschaftlichen Untersuchung, werden im vierten Kapitel durch subjektive Interviewaussagen dreier Langzeitwohnungslosen einzelne, ihrer Biografie entsprechende Einflüsse aufgezeigt, die eine derartige Lebensweise verursachen und festigen können.

 

Nach einer Zusammenfassung der Gesamtergebnisse dieser Diplomarbeit im fünften Punkt, wird im sechsten Kapitel ein Ausblick auf die Handlungspraxis am Beispiel des Julius-Itzel-Hauses gegeben, der zeigen soll, wie den Menschen weiter innovativ geholfen werden kann.

 

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich so vor allem mit Langzeitwohnungslosen. Da im Folgenden hauptsächlich auf männliche Wohnungslosigkeit eingegangen wird, befragtes Klientel ausschließlich aus Männern besteht und aus Gründen der Vereinfachung die männliche Form angemessen ist, wird bei Subjektbezeichnungen die maskuline Benennung vorgezogen und angewendet. Die weibliche Person gilt auch als angesprochen, soweit sich Aussagen nicht speziell auf Männer beziehen.

 

1 Die Wohnungslosenhilfe im Julius-Itzel-Haus Bruchsal

 

Die Wohnungslosenhilfe als eines der vielen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit, deren Einrichtungen Maßnahmen zur Bewältigung sozialer Schwierigkeiten Betroffener zur Verfügung stellen, bietet neben den stationären Angeboten folgende ambulante Hilfen an: Fachberatungsstellen einschließlich Straßensozialarbeit, Aufnahmehäuser, Tagesstätten, betreute Wohnformen, Beschäftigungsgesellschaften und andere Angebote der Hilfe zur Arbeit. Mit den entsprechenden Maßnahmen soll die Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten bewirkt und die Teilnahme der Hilfeempfänger am gemeinschaftlichen Leben ermöglicht werden.7 Diese sind nach §1 (erstes Kapitel) SGB (Sozialgesetzbuch) XII so anzuordnen und auszugestalten, dass die Hilfeempfänger, auch unter Einsatz ihrer eigenen Kräfte und der Zusammenarbeit mit den Trägern der Sozialhilfe, ein würdiges Leben unabhängig von Sozialhilfe führen können. Grundlage bei der Arbeit mit wohnungslosen Menschen sind die Paragrafen 67 bis 69 (achtes Kapitel) SGB XII. Nach §67 SGB XII sind bei den Menschen Leistungen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten zu erbringen, bei denen besondere Lebensverhältnisse wie beispielsweise ungesicherte wirtschaftliche Grundlage oder Gewalt prägende als auch nicht gesicherte Lebensverhältnisse, sowie fehlender oder unzureichender Wohnraum, mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind und die Personen eine Überwindung dieser Probleme nicht aus eigener Kraft zustande bringen.8 Soziale Schwierigkeiten liegen vor, wenn ein gemeinschaftliches Leben unmöglich oder stark eingeschränkt ist, Schwierigkeiten bei der Wohnungserhaltung oder bei Erwerb einer Wohnung existieren, Probleme bei Beschaffung oder Sicherung eines Arbeitsplatzes bestehen, wenn eine Person straffällig wurde oder gestörte familiäre bzw. anderweitige soziale Beziehungen deren Leben beeinflussen.9

 

Das Julius-Itzel-Haus Bruchsal, in dem ich während meines Studiums die geforderten vier Praxisphasen absolvierte und derzeit mit 30-prozentiger Festanstellung in der Ambulanz tätig bin, ist eine Institution der Wohnungslosenhilfe mit stationärer Aufnahme inkl. Eingliederungsbereich, einer ambulanten Fachberatung für wohnungslose Menschen und Betreuten Wohnens in eigenem Wohnraum, das der Ambulanz zugeordnet ist. Die Einrichtung unterliegt der Trägerschaft des Caritasverbandes, einem Verband der freien Wohlfahrtspflege. Investor und eigentlicher Gründungsverantwortlicher des Hauses war der 1905 in Werden geborene Julius Itzel, nach dem die Institution benannt wurde. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1974 wünschte sich der ehrliche und fleißige Geschäftsmann mit einer ausgeprägten Grundeinstellung Menschen zu helfen, eine Stiftung die seinen Namen tragen sollte. Julius Itzel veranlasste, dass ein Teil seines Vermögens nach dessen Tode für gute Zwecke verwendet wurde. Mittellosen und alten Menschen, Kindern in Not, zum Wohl der Tiere wie auch als Katastrophenhilfe sollte sein erspartes Vermögen von mehreren Millionen dienen.10 1996 wurde für etwa 6,5 Millionen Mark das Julius-Itzel-Haus errichtet. Von diesem Zeitpunkt an übernahm der Caritasverband Bruchsal die Trägerschaft der Einrichtung für Wohnungslose. Vom 50,98 A großen Gelände am Stadtrand Bruchsals sind sämtliche infrastrukturellen Einrichtungen relativ leicht erreichbar. Bis auf noch einige übrig gebliebene Durchwanderer setzt sich die Klientel aus dem Landkreis Karlsruhe zusammen, speziell aus den Gebieten Bruchsal und Bretten.11 Im Julius-Itzel-Haus sind zur Zeit 13 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt. Dem Team gehören an: sieben SozialarbeiterInnen bzw. SozialpädagogInnen, zwei Arbeitsanleiter, eine Verwaltungskraft, zwei Hauswirtschafterinnen und ein Student mit 30-prozentiger Stelle.12

 

Die Einrichtung gibt Wohnsitzlosen kurzfristig oder in Verbindung mit Maßnahmen zur Eingliederung in das gesellschaftliche Leben eine Schlafgelegenheit, bietet warme Mahlzeiten, Dusch- und Waschmöglichkeiten, als auch die notwendigste Ausstattung an Kleidern und Schuhen, sowie Decken, Isomatten und Schlafsäcke. Für die Vierbeiner der Hilfesuchenden steht eine Hundehütte im Angebot. Unter Aufbau einer Beziehung zwischen Klient und Sozialarbeiter wird dem Betroffenen eine ganzheitliche Hilfe in einer mehrgliedrigen Institution in Bruchsal geboten. Die einzelnen Bereiche des Julius-Itzel-Hauses vervollständigen sich hierbei zu einem durchlässigen Hilfesystem: auch unabhängig der üblichen Dienstzeiten wird den Hilfesuchenden in Vertretung für den Landkreis Karlsruhe an 365 Tagen im Jahr eine notwendige Erstversorgung, Krisenintervention oder regelmäßige Fachberatung über die Ambulanz gewährleistet, mögliche stationäre Maßnahmen als Eingliederungsangebot genehmigt und die Möglichkeit der endgültigen Ablösung oder auch begleitenden Dauerbetreuung in Form von Betreutem Wohnen gegeben. Folgende Bereiche wirken im Julius-Itzel-Haus zusammen:

 

 StationäresWohnheim mit Aufnahme- und Übernachtungsbereich (18 Plätze), Eingliederungsbereich (12 Plätze), Arbeitsbereich (15 Plätze)

 

 AmbulanteFachberatungsstelle mit Tagesstätte zum Tagesaufenthalt, Tagessatzauszahlung und Straßensozialarbeit

 

 Betreutes Wohnen im eigenen Wohnraum.

 

Das Julius-Itzel-Haus, die einzige Einrichtung ihrer Art im gesamten Landkreis Karlsruhe, geht der Zielvorstellung nach, den Menschen die Möglichkeit zu geben ihre eigene Lebenssituation selbst zu begreifen und die Betroffenen unter Aktivierung der Selbsthilfekräfte zu einer regsamen Mitarbeit bei Veränderung ihrer prekären Situation zu motivieren. Unter Einbeziehung der sozialen Umwelt und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, werden neben Gesprächs- und Therapietechniken auch materielle Unterstützungen, gesundheitliche Fürsorge, Sicherstellung von Unterkunfts- und Wohnangeboten und Hilfen zur Arbeit in den Beratungs- und Behandlungsansätzen berücksichtigt. Nach gemeinsamer Beseitigung der Notlage um eine weitere Verschlimmerung dieser zu vermeiden, meist anhand materieller Hilfen, werden Ursachen aufgedeckt und sinnvoll bekämpft. Anhand eines Hilfeplanes soll die soziale Eingliederung des Klienten erreicht werden. Auf ein eigenständiges und würdiges Leben, mit Teilnahme an sozialen und kulturellen Aktivitäten, sowie auch am Arbeitsleben wird hingearbeitet.13Um genauere Einblicke zu erhalten, wird im nächsten Punkt dieser Arbeit die Ambulanz und deren Aufgaben sowie ihre Entstehungsgeschichte detaillierter beschrieben.

 

1.1 Die Ambulante Fachberatung für Wohnungslose und ihre Ursprünge