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Sie sind auf der Suche nach dem wohl spannendsten Krimi-Adventskalender des Jahres?
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier …
Lassen Sie sich von 24 hochkarätigen deutschsprachigen Krimi-Autorinnen und Autoren auf eine mörderische Adventszeit einstimmen. In 24 Kurzkrimis wird quer durch die Länder, in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, vergiftet, gemeuchelt und gemordet und für manche Beteiligte schlägt ganz unerwartet das letzte Stündlein.
Für alle, die von der besinnlichen Weihnachtszeit genug haben, aber nicht auf Plätzchen und Punsch verzichten wollen.
Für Nervenkitzel unter dem Tannenbaum sorgen: Gert Anhalt, Wolfgang Burger, Petra Busch, Veit Etzold, Nicola Förg, Harald Gilbers, Stefan Haenni, Ines Häufler, Jutta Maria Herrmann, Rudolf Jagusch, Elisabeth Kabatek, Thomas Kastura, Ivonne Keller, Sven Koch, Felix Leibrock, Iny Lorentz, Bodo Manstein, Judith Merchant, Susanne Mischke, Gisa Pauly, Su Turhan, Karen Winter, Patrizia Zannini und Franz Zeller.
Bloody Christmas, I gave you my heart …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2016
Isabell Spanier (Hrsg.)
Plätzchen, Punsch und Psychokiller
24 Weihnachtskrimis von Sylt bis Wien
Knaur e-books
Egal, ob auf Sylt, in Berlin, Wien oder im Berner Oberland: In diesen 24 Kurzkrimis werden quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz mörderische Pläne und Intrigen geschmiedet, und für die meisten Beteiligten schlägt ganz unerwartet das letzte Stündlein.
Für Nervenkitzel unter dem Tannenbaum sorgen: Gert Anhalt, Wolfgang Burger, Petra Busch, Veit Etzold, Nicola Förg, Harald Gilbers, Stefan Haenni, Ines Häufler, Jutta Maria Herrmann, Rudolf Jagusch, Elisabeth Kabatek, Thomas Kastura, Ivonne Keller, Sven Koch, Felix Leibrock, Iny Lorentz, Bodo Manstein, Judith Merchant, Susanne Mischke, Gisa Pauly, Su Turhan, Karen Winter, Patrizia Zannini und Franz Zeller.
Im Knaur Taschenbuchverlag sind bereits folgende Weihnachtskrimi-Anthologien erschienen:
Maria, Mord und Mandelplätzchen
Glöckchen, Gift und Gänsebraten,
Süßer die Schreie nie klingen
Stollen, Schnee und Sensenmann
Türchen, Tod und Tannenbaum
Von draußen dort, da komm ich her,
und bring euch mörderische Mär.
Vom Punsch, der einst vergiftet
den Nachbarn, der Unruhe stiftet.
Doch was passiert, als der Plan eskaliert?
Auf einmal ist alles totenstill,
davon ich nun gleich schreiben will.
Su Turhan
München
Mit Verlaub, ich vermag Euren auf einer Goldwaage abgewogenen Worten nicht zu folgen, o mit Weisheit gesegneter, grundgütiger Richter. Darf ich mich der Hoffnung hingeben, in Demut Euer Ansinnen ein weiteres Mal zu Gehör zu bekommen?«
»Ach geh, was soll des? Kommen’s, stehen’s schon auf, Herr Ilkmez. Gekniet wird bei uns nicht, nicht einmal vor einem Richter, höchstens vor dem Weltenrichter in der Kirche. Sogar in München ist ein Strafrichter kein besserer Mensch.«
Der Mann mit sultanähnlicher Erscheinung trug einen Kaftan und einen Turban auf dem Kopf. Er erhob sich von den Knien und blickte mit dem Kopf im Nacken hoch zum Richter am Tisch. »Jagt mir Erdenwurm keinen Schrecken ein, o allergnädigster aller Richter. Allein die Robe macht Euch zu einem edleren Erdenbürger. Wallend hängt der Stoff an Eurem schlanken Körper ohne den Schmutz des Bodens zu berühren. Und erst Euer prachtvolles Haupthaar, das in salomonischer Ausgewogenheit in Ehrfurcht gebietendem Grau den Gerichtssaal erfüllt.«
Strafrichter Simon Hofer erhob sich nun seinerseits. Umgehend warf sich der Beschuldigte Ahmet Ilkmez mit den Armen voran auf den Boden – dabei geriet seine Hakennase mit dem Parkett in Berührung.
»Hallo? Was machen’s denn da?«, rief der Richter dem vor ihm liegenden Mann zu. »Jetzt stehen’s auf der Stelle auf! Ich verstehe Sie nicht, wenn Sie zum Fußboden reden.«
Ilkmez verharrte regungslos, woraufhin Hofer fragte: »Wenigstens scheint das Parkett frisch gebohnert zu sein. Der Boden riecht sauber, gell?«
Ilkmez hob seinen turbanbedeckten Kopf. Beim Nachdenken zupfte er sein Gewand zurecht. »Bei Allah, o Herr, Eure Frage zeugt von säbelscharfem Verstand! Bei aller Bescheidenheit, mein Zinken wird im ganzen Land für den sensiblen Umgang mit Düften gelobt. Hier jedoch dampft mir kein Wohlgeruch entgegen. Gar ist das Gegenteil der Fall – so wahr der Allmächtige Zeuge allen Geschehens auf Erden und im Himmel ist!«
»Wie jetzt?«
»Gebt mir Erlaubnis, den Eunuchen, der die Reinlichkeit Eures Palastes verantwortet, spüren zu lassen, welch Frevel er mit dieser Nachlässigkeit begangen hat.«
»Langsam …«
»Langsam? Euer ausdrücklicher Wunsch sei mein Befehl. Genüsslich langsam will ich dem seines Mannestums beraubten Übeltäter mit Peitschenhieben die Rückenhaut zerfetzen. Gestattet mir die Frage nach der angedachten Bestrafung: Soll die Anzahl der Schläge nach Gutdünken Eures Henkersknechtes ausfallen, der ich mit Freude sein will? Oder denkt Euer richterliche Gnaden an eine feste Anzahl an Hieben?«
»Nein doch, so habe ich das nicht gemeint. Der Palast gehört ja nicht mir. Ich bin hier nur angestellt. Bayerischer Beamter auf Lebenszeit, um genau zu sein. Der Staat hat die Putzfirma gewechselt. War nicht auszuhalten mit den Albanern.«
»Albaner!«, erschrak Ilkmez und blickte kampfeslustig nach links und rechts. »In Eurem Staatspalast? Wo?«
»Die sind weg, die haben mehr Dreck hinterlassen als weggeputzt. Kann sein, dass die neue Putzkolonne aus Polen auch nicht akkurat arbeitet. Sauberkeit wird im Palast großgeschrieben. Ich meine natürlich nicht Palast in Ihrem Sinne, also orientalisch mit Halbmond und Zwiebeldächern, sondern den Justizpalast. Also das Gerichts- und Verwaltungsgebäude, in dem wir uns befinden.« Richter Hofer beabsichtigte zum Gegenstand der Verhandlung zurückzukehren, doch eine Frage brannte ihm noch auf der Seele. »Reinlich sieht das Parkett von hier oben jedenfalls aus. Was für ein Duft sagten Sie dampft Ihnen entgegen?«
»Zu meiner Überraschung, o Gnaden, duftet Eurem stets zu Diensten stehenden Kommissar die Hinterlassenschaft eines Straßenköters entgegen.«
»Merkwürdig«, wunderte sich Hofer und sah hinüber zu der Protokollführerin Ingrid Schacher, die ihm nervös entgegenblickte. »Sind Hunde bei uns im Palast nicht verboten, Frau Schacher?«
Sie nickte auffallend schnell und konzentriere sich danach wieder auf ihren Bildschirm.
Der Richter beließ es dabei und fuhr fort: »So, jetzt setzen Sie sich aber wieder. Meine Protokolldame tut sich schwer, wenn Sie sich auf den Boden werfen und gleichzeitig sprechen. Stimmt’s Frau Schacher?«
Nach wie vor nervös zupfte die Angesprochene an ihrem Kostüm. Ihre geöffnete Handtasche lag auf dem Schreibtisch, und ein Päckchen Hustenbonbons lugte heraus. »Soll ich die letzte Bemerkung aus dem Protokoll streichen, Herr Strafrichter Hofer?«
»Schön mitgedacht, Frau Schacher. Einfach löschen, ganz genau. Dann habe ich das nie gesagt, sozusagen«, lächelte der Richter und warf ihr ein freundliches Augenzwinkern zu.
Der Beschuldigte richtete sich eingedenk der liebevollen Geste den Stoffgürtel des Kaftans und räusperte sich. »O Herr über die Gesetze, über deren Auslegung und kluger Anwendung. Wohin mit Eurer gütigen Erlaubnis darf sich Euer Diener zurückziehen?«
»Warum? Müssen Sie sich erleichtern? Aufs Klo?«
»Klo?«
»Toilette. Müssen’s pieseln?«
»Pieseln?«
»Ja, Wasser lassen.«
»Seht mich an, Eure Herzlichkeit. Beschämt wie ein Knabe, der in die Bettstatt genässt hat, stehe ich vor Euch.« Der Kaftanträger erhob sich und verneigte den Oberköper tief, so dass der Knoten des Turbans auf Richter Hofer deutete. »Mich mit Eurer Großzügigkeit zu bedenken, indem Ihr Euch Sorgen über die Verrichtung meiner Notdurft macht, werde ich bis zum Ende meiner von Allah geschenkten Tage nicht vergessen.« Ilkmez näherte sich der Richterbank und dimmte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Nicht grundlos erlaubte ich mir die Frage aufzuwerfen … Mir scheint Euer Säbel ist geschliffen und auf Hochglanz poliert, scharf und bereit, ins Feld zu ziehen, o mein mit abnormer Männlichkeit gesegneter …«
»Seien’s still. Was Sie da anzudeuten beabsichtigen grenzt an Beamtenbeleidigung!«, zischte Hofer flüsternd dagegen.
Abermals warf sich der Beschuldigte zu Boden und legte Verzweiflung in seine nun deutlich lautere Stimme. »Ich wünschte, der Staub vor Euren Füßen würde als siedend heißes Pech bis in die letzte Pore meiner Lunge vordringen und sie verkleben, bis mir der Odem erlischt. Ich erflehe die Vergebung Eurer richterlichen Hoheit für meine in nur bester Absicht vorgetragene Unterstellung!«
»Schon gut, ist ja nichts passiert.«
Hofer verdrehte die Augen Richtung Protokollführerin, die nichts von Ilkmez’ anzüglicher Vermutung mitbekommen hatte, bevor er das Verhaftungsprotokoll durchsah. Streifenpolizisten hatten Ilkmez am Morgen festgenommen. Als diensttuender Strafrichter hatte er nun über die Haftprüfung zu befinden. Der Beschuldigte war vor und bei seiner Ergreifung renitent geworden. Und das an Weihnachten.
Hofer spürte, wie er begann, sich darüber zu ärgern. Er fixierte den Beschuldigten, der wieder auf dem Holzstuhl Platz genommen hatte. »Bei dem Verhandlungstempo verbringen wir das Weihnachtsfest noch zusammen.«
»Weihnachtsfest?«
»Ja, das Fest der Liebe. Heute ist der Heilige Abend, der vierundzwanzigste Dezember.«
»Es schneit!«, rief plötzlich Schacher und sprang auf. Zu ihrer Bestürzung merkte sie, aus der Rolle der stummen, unbeteiligten Protokollführerin gefallen zu sein. Um die peinliche Situation zu überspielen, griff sie hastig nach einem Hustenbonbon und setzte sich nach der überstürzten Einnahme wieder.
Strafrichter und Beschuldigter reckten die Köpfe zur Protokollführerin, dann zur streifenfrei geputzten Fensterscheibe. In der Mittagssonne fielen dicke Schneeflocken. Der Karlsplatz Stachus war vom oberen Stockwerk des Justizpalastes aus zu sehen. Eine über die Weihnachtszeit aufgestellte Holzkonstruktion nahm den Großteil vor dem Brunnen ein. An den Ständen tummelten sich viele Weihnachtsmarktbesucher, die auf Plätzchen, Bratwürste und Glühwein aus waren. Lichterketten und städtisch angebrachter Straßenschmuck auf einem der zentralsten und belebtesten Plätze Münchens verbreiteten feierliche Weihnachtsstimmung.
Ilkmez’ Verhaftung fiel auf einen Werktag. Auf der Sonnenstraße wirbelte nach wie vor der Straßenverkehr. Draußen in der Welt brodelte der Endspurt zur Feier anlässlich der Geburt Jesu. Dass sich viele Mitmenschen kurz vor Ladenschluss Gedanken über den ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes machten, glaubte Hofer nicht. Vor allem nicht seine beiden Enkel. Missmutig machte er sich klar, dass die ihm gebliebene Familie am Abend nicht ihn, sondern die großzügigen Geschenke sehnlichst erwarteten.
»Na endlich, wird ja auch Zeit, dass der liebe Herrgott Erbarmen mit uns und dem Winter hat«, sagte Richter Hofer. »Letztes Jahr hat’s Heilig Abend so was von gar nicht geschneit, oder Frau Schacher?«
Die Protokollführerin überlegte. »Das stimmt, ja. Ich erinnere mich. Wir hatten Dienst, genau wie heute. Die Sitte hatte uns einen stark alkoholisierten und randalierenden Weihnachtsmann vorgeführt.« Sie betonte die Worte, als wäre damit der Beschuldigte gemeint.
Hofer lachte und weihte Ilkmez ein. »Der Weihnachtsmann war vom Glühwein derart hinüber, dass er unten am Stachus, praktisch vor unseren Augen, einen Schneetanz aufgeführt hat. Das allerdings zu guter Letzt im Adamskostüm. Angeblich weil er so geschwitzt hat.« Auf Ilkmez’ entsetztes Gesicht ergänzte er: »Der Weihnachtsmann ist splitterfasernackt herumgehüpft. War nicht schön anzusehen, oder Frau Schacher?«
Die Protokollführerin nickte bejahend. »Bitte entschuldigen Sie meinen Einwurf vorhin. Meine Freude über den Schnee war einfach zu groß.«
»Das ist doch kein Problem, meine Gute. Wir sind ja alle nur Menschen, oder Herr Ilkmez?«
Symbolisch wischte sich der Angesprochene mit den Handflächen das Gesicht. »Von Euren Wohltaten und Eurem gutherzigen Wesen will ich in jauchzende Worte gekleidete Lobeslieder verfassen – so Allah Erbarmen zeigt und mir die qualvolle Zeit im Kerker Eures Justizpalastes erspart.«
»Kerker haben wir längst abgeschafft, nur keine Sorge. Der Strafvollzug bei uns ist humaner als der gemeine Bürger denkt. Aber zurück zur Sache. Laut Protokoll sind Sie am heutigen vierundzwanzigsten Dezember um acht Uhr sieben am Sendlinger Tor aufgegriffen worden. Sie sind aus der Trambahn vom Ostfriedhof kommend an bezeichneter Haltestelle ausgestiegen und hatten eine zerschlagene Flasche Bier der Marke Augustiner bei sich. Stimmt das?«
»Euer Gnaden, nach wie vor vermag ich Euren salbungsvoll vorgetragenen Worten nicht zu folgen.«
»Was soll das, Herr Ilkmez? Das Deutsch, das Sie sprechen ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber Sie verstehen mich doch! Oder beabsichtigen Sie, von Ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch zu machen?«
»Wie meinen Eure Herzlichkeit?«
»Genau das meine ich mit gewöhnungsbedürftig. Eure Herzlichkeit sagt kein Mensch heutzutage.«
»O Erklärer der Welten, erlaubt Eurem zutiefst betrübten Diener eine zum Verständnis gereichende Erklärung. Die deutsche Sprache wurde mir dummdreisten Tölpel anhand der glorreichen Übersetzung der Erzählungen von Tausendundeine Nacht in Gehirn, Herz und Seele eingebrannt. Des Sultans Hauslehrer, der auf den Namen …«
»Verstehe schon«, unterbrach Hofer, um die zu erwartende Länge der Antwort zu verkürzen. »Passt besser als unsere Grimmschen Märchen. Die sind selbst mir stellenweise zu brutal. Uns graust’s schon genug bei der tagtäglichen Arbeit, stimmt’s Frau Schacher?«
Die Protokollführerin nickte bestätigend, ohne ihre flinken Finger von der Tastatur zu nehmen.
Mit gesenktem Blick zum Beschuldigten fuhr Hofer fort: »Also, Herr Ilkmez. Wie eingangs erwähnt: Sie können aussagen, müssen tun Sie es aber nicht. Sie können auch schweigen, also sich gar nicht zu der Sache äußern.«
Ilkmez empörte sich. »Wie könnte ich reinen Herzens vor dem richterlichen Thron in Schweigen verharren? Eure Gnädigkeit müht sich zur Klärung des unangenehmen Sachverhaltes mit wohlfeilen Fragen an einen Wurm, der es nicht wert ist, in Eure blauen, glänzenden Augen zu sehen, die wie das Goldene Horn tief und unergründlich sind.«
»Danke für Ihre freundlichen Worte. Doch mit Schmeicheleien kommen Sie bei mir nicht weit. Lassen’s jetzt bitte das ewige Herumgerede. In ein paar Stunden sitzen meine übergewichtigen Enkel auf meinem Schoß. Dann muss ich auch noch Wiener mit Kartoffelsalat in mich pressen. Außerdem machen die Geschäfte bald zu. Ich pflege Besorgungen auf dem letzten Drücker zu erledigen, wie unsereins so schön sagt.«
»Besorgungen?«
»Einkäufe. Geschenke. Päckchen. Feiern Sie kein Weihnachten?«
»O nehmt meine aus tiefster Seele kommende Entschuldigung an. Die Geburt Jesu feiern wir Muselmanen nicht.«
»Wissen wir doch! Die Entschuldigung ist aber nicht notwendig. Wir feiern Euer Opferfest ja auch nicht. Zurück zum Ermittlungsverfahren. Also: Hatten Sie eine zerschlagene Bierflasche bei sich, als Sie aus der Tram gestiegen sind?«
»Eure Frage trifft mich wie der gezielte Schwerthieb eines Janitscharen mitten in die Brust.«
»Ich will doch nur wissen, ob Sie ein Flascherl Bier … Was bitte ist ein Jani…« Hofer warf einen hilfesuchenden Blick zu Schacher.
»Janitschar«, vervollständigte sie und erklärte: »Das waren Elitekämpfer im Osmanischen Reich, die die Leibgarde des Sultans bildeten.«
»Sehr wohl, o Glückliche, die Du mit Deinem Antlitz den wohltätigsten aller Richter erfreust«, bestätigte Ilkmez und fuhr fort: »O Herr, unter Euren gestrengen Augen gestehe ich, das in Scherben zersplitterte Gerstensaftglas in meine Obhut genommen zu haben.«
»Obhut?«
»Die zu Bruch gegangene Flasche lag am Boden des Vehikels. Aus Gründen der Sauberkeit und Ordnung, wie sie in diesem Lande beispielhaft vorherrscht, wollte ich die Scherben entsorgen, Euer Wohlgeboren.«
»Dabei sind Sie von den Ordnungshütern aufgegriffen worden?«
»O welch präzise Schlussfolgerung, Euer Ehren.«
Der Richter atmete durch. »Jetzt berichten Sie, wie es zu der Schlägerei in der Tram gekommen ist.«
»Erlaubt mir, mich zu erheben, o König des Gesetzbuches. Mein Geständnis auf dem Allerwertesten ruhend zu offenbaren, käme mir allzu schwerlich über die Zunge …«
»In Gottes Namen, stehen Sie auf. Aber reden Sie!«
Ilkmez stand umständlich auf und begann vor dem Richter auf und ab zu gehen, bevor er mit erzählerischer Stimme anhob: »O mein Gebieter, so hört. Nach dem Morgengebet und dem Studium des Korans begab ich mich zum Ostfriedhof. Um die Elektrische zu betreten, bedurfte es eines unmenschlichen Willensaktes …«
»Was? Noch nie mit der Trambahn gefahren?«
»Nein, o Erhabener. Mit Rössern, in der arabischen Welt auch mit Kamelen, als Mittel zur Bewältigung von Strecken bin ich wohl vertraut, nicht aber …«
»Auf den Punkt, Herr Ilkmez! Sonst gibt’s wegen Missachtung des Gerichtes eine Ordnungsstrafe!«
»Erzürnt nicht, o Herrscher über Zeit und Raum, o Kenner der Paragraphen. Was ist der Wert einer Geschichte, wenn dieselbe nicht kunstvoll ausgeschmückt und nicht raffiniert erzählt wird?«
Ein Handy-Klingeln kam der Antwort des Richters zuvor, welches nicht nur die drei direkt an der Verhandlung beteiligten Personen erschreckte. Der Justizbeamte, eingenickt im hinteren Bereich des Saales, zog, jäh aus dem Schlaf gerissen, reflexartig die Dienstwaffe, die er vorschriftsmäßig gesichert im Holster aufbewahrte. Unsicher, ob er eine Gefahrenlage träumte oder wach war, zielte er auf Ilkmez, da dieser gerade im Begriff war, seitlich in den Gürtel seines Kaftans zu greifen, um an sein läutendes Telefon zu gehen.
»Hände hoch!«, schrie der Beamte.
Hofer beobachtete, wie Ilkmez beide Hände in die Luft streckte, und analysierte im Bruchteil einer Sekunde die heikle Situation. Dabei dachte er an die noch ausstehenden Besorgungen für das Weihnachtsfest und strich in Gedanken die Anzahl der Geschenke auf ein einziges, als er in Ingrid Schachers Gesicht Sorge und Angst entdeckte. Die Protokollführerin hatte sich hinter dem Schreibtisch versteckt und flehte ihn mit wedelnder Handbewegung an, sich selbst in Sicherheit zu bringen.
Hofer beruhigte sie mit einer Geste und widmete sich trotz schrillenden Handy-Klingelns dem Justizbeamten. »Nichts überstürzen, junger Mann. Nehmen Sie den Finger vom Abzug. Hier ist nichts geschehen, was den Einsatz einer Waffe erfordert.«
Der Beamte machte keine Anstalten, die Waffe zu senken. In voller Konzentration zielte er auf den Mann im Kaftan, der mit erstarrtem Gesicht in den Lauf der Pistole stierte.
»Haben Sie mich nicht gehört? Nehmen Sie die Pistole herunter«, insistierte der Strafrichter schärfer.
Dieses Mal reagierte der Beamte. Er zuckte entschuldigend mit den Achseln und beförderte die Dienstwaffe zurück in das Holster.
»Und Sie gehen jetzt an das Handy! Machen Sie es kurz!«, befahl der Richter dem Beschuldigten und eilte zu seiner aufgelösten Mitarbeiterin.
Während Ilkmez am Fenster stehend telefonierte, half der Richter der ziemlich mitgenommenen Protokollführerin zurück auf ihren Platz. Als sie ihn mit tränenverschmierten Augen erleichtert anblickte, berührten sich ihre Oberkörper und dem Richter rutschte etwas über die Lippen, was ihn selbst überraschte.
»Sie haben die Haare frisch gewaschen, stimmt’s, Frau Schacher? Wie herrlich sie nach Rosenblüten duften.«
Schacher nickte schniefend, noch aufgebracht von der aus ihrer Sicht lebensgefährlichen Bedrohung. »Schön, dass Ihnen das auffällt«, erwiderte sie beschämt. »Dass Sie so tapfer eingegriffen haben, Herr Richter! Ich hatte so furchtbar schlimme Angst um Sie«, flüsterte sie.
»Und ich erst um Sie«, flüsterte er zurück.
Ermutigt durch ihr Lächeln holte der Richter tief Luft und sagte: »Seit ich Witwer bin, Frau Schacher, besuche ich jedes Weihnachten die Familie meines Sohnes. Viel lieber würde ich jedoch zu Hause feiern. Den Weihnachtsbaum habe ich schon geschmückt.«
»Meine Scheidung war im selben Jahr wie Ihr schwerer Verlust.«
»Ich weiß.«
»Wenn das eine Einladung zu einem gemeinsamen Weihnachtsfest war, nehme ich von Herzen gerne an.« Sie pausierte und fügte leicht sorgenvoll hinzu: »Allerdings müsste ich den Karl mitnehmen.«
Hofers Gesichtsfarbe verblasste mit einem Mal. Fieberhaft überlegte er, wer Karl sein könnte. Aus Schachers Personalakte wusste er von ihrer Scheidung, dass sie zwei Jahre jünger war und kinderlos. War Karl möglicherweise ihr Lebensgefährte, von dem er nichts wissen konnte, weil für Privates in all den Jahren der Zusammenarbeit kein Platz gewesen war?
»Euer Hochwohlgeboren!«, ertönte Ilkmez’ störender Zwischenruf. »Wie gewünscht, habe ich das Telefonat in der angewiesenen Kürze zu einem Ende geführt.«
Gemeinsam drehten Hofer und Schacher sich um. Die kurze Zeit der Zweisamkeit war vorbei. Der Richter trat mit nachdenklichem Gesicht an seinen Platz zurück.
»Ist das Handy aus?«, nahm er die Verhandlung wieder auf.
»Verzeiht, Euer …«
»Sie wollten vor der Unterbrechung eine Aussage zu der Sache machen, und zwar im Stehen.«
Ilkmez stand ruckartig auf und verbeugte sich. »In die Obhut der zerbrochenen Bierflasche, Euer Ehren, gelangte ich nach einem entsetzlichen Zwischenfall. In der Elektrischen erblickte ich heute des frühen Morgens eine verschleierte Schwester, die sich in aller Öffentlichkeit den Verlockungen des Teufels Alkohol hingab. Mit der Autorität des Älteren habe ich die Sünderin angehalten, mir die Flasche Bier zu überlassen.«
»Merkwürdig. Die junge Frau hat ausgesagt, dass Sie ansatzlos von Ihnen gewatscht wurde.«
»Gewatscht?«
»Verzeihung. Geohrfeigt.«
»O nein, gewatscht habe ich die Sünderin nicht. Doch ist Eurem einfältigen Schafhirten in der Aufregung die Hand zu einer – wohlgemerkt einer einzigen – Ohrfeige ausgerutscht. Die warnenden Worte vorab sind mir womöglich zu leise über die verdatterten Lippen gekrochen.«
»Demnach gestehen Sie die Tat?«
»Wenn Euer Ehren dieser Auslegung zu folgen gedenkt, so füge ich mich ohne Federlesen Eurem landesweit gerühmten Sinn für Gerechtigkeit.«
»Wie anders könnte ich die Schuldfrage sonst auslegen? Sie haben mit der Ohrfeige eine Schlägerei in der Tram angezettelt. Die anderen Passagiere haben couragiert eingegriffen. Aus dem Grunde prüfe ich, ob Sie in Untersuchungshaft kommen oder nicht.«
In das ungewohnte Schweigen des Beschuldigten bat Schacher um Gehör. »Darf ich abseits des Protokolls einen Hinweis geben, Herr Strafrichter?«
»Nur zu, meine liebe Frau Schacher. Wenn es hilft.«
»Laut Personalien im Akt trägt eine Zeugin denselben Familiennamen wie Herr Ilkmez.«
»Echt jetzt?«, rief Hofer überrascht auf. Es folgte ein hektisches Blättern durch den Berg an Unterlagen. »Tatsächlich. Mein Gott, ist das peinlich! Dass die Polizisten das nicht ausdrücklich erwähnten, ist ja eine zum Himmel schreiende Ungenauigkeit.«
Mit wohlwollendem Nicken bedankte sich Hofer bei seiner aufmerksamen Mitarbeiterin und widmete sich wieder Ilkmez. »In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen Sie zu der Zeugin?«
»O Eure richterliche Sanftmut, erspart Eurem geständigen Diener den Schmerz, sich zu der Frage äußern zu müssen.«
»Gibt es ein Problem?«
»Ja, die Scham über den Vorfall zerreißt mein Innerstes und meine Sprache verschlägt es, sobald die Bilder der Bier trinkenden verschleierten Gazelle mich heimsuchen.«
»Wenn Sie sich schämen wollen, dann darüber, eine Passagierin in der Trambahn geohrfeigt und dadurch eine handgreifliche Auseinandersetzung von mutmaßlich acht Personen verursacht zu haben. Seien Sie froh, dass die Fahrgäste Sie wegen des Weihnachtsstresses nicht angezeigt haben. Hätten Sie sich mit der kaputten Bierflasche nicht renitent gegenüber den Streifenpolizisten verhalten, hätten wir uns nie kennengelernt.«
»Für dieses Verhalten, o Gütiger, schäme ich mich zutiefst, nicht aber für den Auslöser des Kampfes in der Elektrischen.«
»Jetzt raus mit der Sprache. Wer ist die Biertrinkerin?«
Ilkmez schwieg, und der Richter kontrollierte die Uhrzeit. In einer guten Stunde schloss unwiderruflich das Geschäft, in welchem er ein Geschenk – er dachte an eine hübsche Dose zum Aufbewahren der Hustenbonbons – für seinen Weihnachtsgast besorgen wollte. Er äugte zu seiner Mitarbeiterin, die statt auf den Monitor zu sehen, seinen Blick erwiderte – und etwas Verträumtes lag um ihre Lippen. Mit einem Arschtritt vertrieb der Richter Karl, wer immer das war, aus seinen Gedanken.
»Du wagst es, dem vom bayerischen Sultan einbestellten höchsten aller Richter die Antwort zu verweigern?«, brach es aus dem Strafrichter heraus. »Weißt du nicht, dass die Palastwache auf ein einziges Wort hin deinem Leben als Nichtsnutz ein qualvolleres Ende bereiten kann, als du dem Eunchen zugedacht hast?«
Ilkmez schluckte mehrmals über die Heftigkeit von Hofers Drohung. »O einziger, wahrer Richter! Verzeiht meine zögerliche Haltung. Die Scham bezog sich auf …«
»Bei Gott! Antworte! Kurz und bündig!«
»Die Biertrinkerin ist Hülya, Frucht aus einem der unzähligen lustvollen Beischlafe mit meiner vierten Ehefrau.«
»Wie bitte?«
»Hülya ist meine Tochter.«
»Von der vierten Ehefrau?«
»Verzeiht, o Gesetzesmeister, sollte mein Lebenswandel nicht Euren Vorstellungen genügen. Ein Dasein auf Erden in Monogamie hat Allah für mich nicht vorherbestimmt. Dem Allmächtigen hat es gefallen, mich mit der Liebe und Wärme von sieben Gebieterinnen zu beglücken.«
»Sieben Frauen?«
»Jede bezaubernd wie eine Scheherazade-Erzählung aus Tausendundeine Nacht und eine jede liebevoll auf wunderliche Weise. Ein betörendes Bouquet aus zärtlichen Wesen, das nicht von dieser Welt ist.«
»Wehe Ihnen, Sie werfen sich jetzt wieder in den Schmutz vor mir!«, mahnte der Richter, als sich Ilkmez vom Stuhl erhob.
Mit einem Schmunzeln überreichte der Geständige ihm eine Aufnahme. »Vergewissert Euch selbst, Eure Herrlichkeit. Die Fotografie entstand anlässlich eines Familientreffens in der Residenz im Hofgarten.«
»Hübsch. Und das sind allesamt Ihre Ehefrauen? Dass das bei uns nicht erlaubt ist, muss ich ja wohl nicht erwähnen«, zeigte sich Richter Hofer beeindruckt.
»O habt untertänigsten Dank mir derartiges Wissen zuzutrauen. Nach deutschem Recht sind all meine Blüten Ex-Frauen. Ich bin siebenfach geschieden.«
»So, so. Und vorhin haben Sie wahrscheinlich mit Ihrer Tochter telefoniert?«
»Nein, Euer Gnaden. Ihre Mutter hat angerufen und sich im Namen meines Fleisch und Blutes entschuldigt. Und was hätte ich schon auf ihre liebreizenden Worte erwidern können? Im Gegenzug habe ich Hülya vergeben.«
»Vergeben? Sie haben sich nicht wegen der Ohrfeige entschuldigt?«
»O nein! Mein Kind zählt gerade einmal dreizehn Lenze. Wie könnte ich als besorgter Vater …«
»Bitte schön, das regeln Sie in der Großfamilie unter sich. Von Ohrfeigen will ich aber nichts mehr hören. Verstanden?«
Ilkmez nickte abermals und verneigte sich tief.
»Gut, wehe, es kommt mir etwas Gegenteiliges zu Ohren!« Beim Zusammenpacken der Unterlagen in die Aktentasche erklärte er Ilkmez: »Bestellen Sie Ihrer Tochter, dass Fahrgäste, egal welchen Alters, in öffentlichen Verkehrsmitteln in München keine alkoholischen Getränke, nicht mal Flaschenbier, zu sich nehmen dürfen.«
Sodann verkündete Strafrichter Hofer den Haftantrag Ahmet Ilkmez betreffend als abgewiesen. Der Justizbeamte aus der hinteren Reihe wünschte ein frohes Fest und eilte vor allen anderen aus dem Saal.
Der auf freien Fuß Gesetzte verbeugte sich dankbar, wurde aber vom Richter nicht weiter beachtet, denn der schritt eiligst zu seiner Mitarbeiterin.
»Mich beschäftigt da etwas, Frau Schacher. Der Karl, den Sie erwähnt haben, ist nicht etwa ein Kater?«
»Ach woher, Herr Hofer, keine Sorge, mein Karl ist ein ganz ein liebes Hündchen.«
»Gott sei Dank. Wissen Sie, mich ärgert schon seit langem eine hundsgemeine Katzenallergie.«
»Weiß ich doch, Herr Richter, weiß ich doch«, entgegnete sie ihm strahlend und hakte sich bei ihm unter.
Ilkmez verfolgte, wie die beiden aufbrachen. Er nahm den Turban ab und blieb mit verschwitzter Stirn zurück. Froh über den glimpflichen Ausgang der Verhandlung, beobachtete er durch das Fenster den stärker werdenden Schneefall. Er dachte an den im Adamskostüm tanzenden Angeklagten, den Haftrichter Hofer in U-Haft gesteckt hatte. Ob Kismet oder Schicksal, er kannte den Schauspielkollegen. Bei der gemeinsamen Vorstellung letztes Jahr an Heilig Abend war er für ihn als Weihnachtsmann in der Theaterkomödie Tausendundeine Weihnacht eingesprungen.
Judith Merchant
Bonn
Die Sache ist wieder einmal total schiefgegangen. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich ihm mit einem gezielten Schlag den Schädel zertrümmere. Ich habe extra einen Knüppel dafür mitgebracht. Und einen Sack. Ich dachte nämlich, dass es nicht so eine Sauerei gibt, wenn ich ihm erst den Sack über den Kopf ziehe und dann draufhaue. Keine Spuren hinterlassen und so. Ich bin ja nicht blöd! Zumindest nicht so blöd, wie die Elli glaubt.
Darum bin ich gut vorbereitet mit der 66 in die Rheinaue gefahren, um ihm aufzulauern. Hatte den Sack und den Knüppel dabei, und im Gesicht trug ich einen Nikolausbart, der furchtbar warm war und gejuckt hat – aber wegen der Überwachungskameras in der Bahn fand ich das sicherer. So ein Junge gegenüber hat zu seiner Mutter gesagt: »Guck mal, da sitzt der Nikolaus!«, und die Mutter hat gelächelt und auf meinen Knüppel gezeigt und meinte: »Neee, das ist der Knecht Ruprecht!« Der Adi neben mir hat daraufhin voll lachen müssen und gesagt: »Eher Knecht Robert.« Das fand ich blöd, jetzt haben wir quasi eine Zeugin, die meinen Vornamen kennt. Und dann hat er mich in die Seite gepikt und gesagt: »Los, Knecht Robert, das ist unsere Haltestelle, jetzt müssen wir aussteigen.«
Klar hat die Elli gedacht, ich kriege das nicht hin, ganz klar. Hat sie auch gesagt. So ungefähr. Wegen Weihnachten war sie total gestresst, seit Anfang Dezember schon. Ist jetzt nicht so ganz neu, der Dezember war immer, ich sag mal, schwierig. Aber so schlimm wie dieses Jahr war es noch nie. Obwohl die Mama ja endlich tot ist und es damit leichter werden müsste, allein weil diese verdammte Liste kürzer ist. Als die Mama noch gelebt hat, jammerte die Elli immer: »Es ist ein Kreuz mit der Alten! Soo eine lange Liste! So viel zu tun! Was wäre Weihnachten einfach, wenn wir das alleine feiern könnten!« Wobei die Elli natürlich schon bei der Mama feiern wollte, also bei der Mama in der Villa. Die Elli liebt nämlich die Villa von der Mama. Inzwischen ist das ja meine Villa, also quasi unsere. Und die Elli könnte echt happy sein, jetzt ist die Mama im Himmel und die Villa gehört mir, also uns, jetzt können wir zu zweit feiern, wobei jetzt ja der Adi dabei ist, aber den hat sie ja gewollt. Alles gut, sollte man meinen, aber im Grunde hat sich nichts geändert. Sie behauptet, das wäre der Vorweihnachtsstress. Typisch Frau! Kaum ist das eine Problem weg, taucht ein neues auf!
Ich hab die Elli gefragt, warum sie so gestresst ist.
»Ts! Was ist denn das für eine Frage?«, hat sie gesagt. Und: »Das ist ja wieder mal typisch für dich!« Und: »Wenn du wüsstest, was alles zu tun ist!« Und dann: »Jetzt mit der neuen Situation.« Ich weiß gar nicht, ob sie damit meint, dass die Mama nicht mehr da ist, dafür aber der Adi. Jedenfalls finde ich nicht, dass die Elli gestresst sein soll, dann schimpft sie nämlich die ganze Zeit mit mir. Aber als ich gesagt habe, dass sie nicht so gestresst sein soll, weil wir ja die Liste haben, und als ich den Arm um sie gelegt habe, da hat sie ganz böse gelacht und gezischt: »Das kannst du leicht sagen, es ist Weihnachten, hallo? Da ist Zeug zu tun! Und die Liste macht sich schließlich nicht von selbst! Es ist doch klar, dass ich das wieder alles alleine schaffen muss.«
»Musst du gar nicht«, hab ich protestiert.
»Doch, doch, muss ich ja immer!«, hat sie daraufhin gerufen, und dann hat der Adi von der anderen Seite den Arm um sie gelegt und gesagt: »Dieses Jahr nicht, wir Männer kümmern uns, ne, Robert, mein Kumpel?« Und dann hat er mich auf die Schulter geboxt, wie er das immer macht. Das tut weh, aber das lass ich mir nicht anmerken. Der Adi ist ein ziemlicher Schrank, und der haut einem immer irgendwohin, wenn er findet, dass wir Kumpel sind, ich hab schon ganz viele blaue Flecken.
Ist ein bisschen anstrengend, das Geschimpfe von der Elli und das Boxen von meinem Kumpel Adi.
Den Adi kenn ich im Grunde erst seit Nikolaus. Da kam ich nämlich früher nach Hause und wollte die Elli überraschen. Ich gehe also so ins Bad, wo sie duscht, und rufe »Überraschung!« und ziehe am Duschvorhang, und dann war ich wirklich sehr überrascht und der Adi auch, denn unter der Dusche, da stand gar nicht die Elli, sondern der Adi. Zum ersten Mal sah ich seine Tattoos. Denn der Adi ist volle Kanne tätowiert, wie ein Knacki oder so. Die Elli kam dann auch gleich aus dem Schlafzimmer angerannt und machte erst sehr viel »Huch!« und »Hoppla!«, und als sie sich was übergezogen hatte, sagte sie, dass das ihr uralter guter Kumpel Adi sei, und von dem hätte sie ja sicher oft erzählt. Ich konnte mich nicht erinnern, aber das sagt man ja dann nicht.
Die Elli hat dann Kaffee gemacht, und wir haben uns in die Küche gesetzt, nachdem der Adi sich was angezogen hatte. Und er hat gesagt, dass er sich freut, mich kennenzulernen, und dass er sich auch freut, dass seine alte Freundin Elli so einen guten Fang gemacht hat mit mir und meiner schönen großen Villa. Und dann hat er ihr zugezwinkert und gesagt, alte Liebe rostet nicht und geteilte Freude ist doppelte Freude, und ich dachte mir so, der Adi, der scheint echt ein lustiger Kerl zu sein.
Ich habe jedenfalls kein Problem damit, dass meine Frau Freunde von früher mit nach Hause bringt, auch nicht, wenn so ein gutgebauter Kerl wie der Adi dabei ist – also, ich hab ihn ja gesehen, unter der Dusche, und zwar komplett. Stört mich aber überhaupt nicht. Und damit das gleich klar ist, hab ich meine Kaffeetasse hochgehoben und gesagt, wie sehr auch ich mich freue, ihn kennenzulernen, und dass der Adi jederzeit herzlich willkommen ist. Und da hat der Adi gesagt, prima, danke, das freut ihn, und dass er gleich seine Sachen holt.
Seitdem wohnt der Adi also bei uns. Im Zimmer von der Mama.
Jedenfalls feiern wir deswegen zu dritt Weihnachten. Schon wieder zu dritt. Und schon wieder mit Gans.
Bei Mama gab es immer Gans mit Klößen, ich habe mir echt mal ein Jahr ohne Gans gewünscht, weil es mit der Gans jedes Jahr sehr kompliziert ist, aber dieses Jahr will die Elli extra Gans machen, damit der Adi mal wieder ein richtiges Weihnachtsfest erlebt. Warum, hab ich gefragt, aber dazu hat die Elli nichts gesagt. Es klingt, als wäre er ein paar Jahre lang weg gewesen, irgendwo, wo es nicht so schön war. Und die Elli denkt, mit einer Gans und Klößen wird es schön. Schade, dass mich keiner fragt. Mir würde nämlich eine Currywurst reichen, Hauptsache, es ist niemand gestresst.
Aber nun, dann eben Gans.
»Jedenfalls machen wir es uns schön«, sagt die Elli, »dafür ist ja meine Liste da, und wenn die durch ist, ist alles gut, dann kann Weihnachten kommen.« Sie hat ein bisschen zweifelnd geguckt dabei, es war schon klar, dass sie uns das nicht zutraut und uns am liebsten nicht an ihre kostbare Liste ranlassen würde.
Nun. Adi und ich machen jetzt also mit. Wir helfen der Elli mit der Liste. Wir haben schon angefangen. Läuft auch ganz gut.
Gestern hat die Elli auf dem Teppich gesessen und Silber geputzt (das war Punkt 7 auf der Liste) und dazu Weihnachtslieder gehört, ich habe die Tannengirlande ans Treppengeländer gehängt (das war Punkt 1), und der Adi hat den Tannenbaum aus dem Kottenforst geholt (das war Punkt 16). »Legal«, hat er total stolz erzählt, als er nach Hause kam. »Für dreißig Euro! Hätt ich gewusst, dass man mit Tannenbäumen so viel Kohle verdienen kann, dann hätt ich nie in Autos gemacht!«
Das hab ich null verstanden, darum habe ich gesagt, »Versteh ich nicht«, aber – »Psst«, hat die Elli ganz böse gezischt, und da hat er leider nicht weitergeredet.
Lustiger Kerl, der Adi! Ich hab ihn später gefragt, was er denn eigentlich arbeitet. Und da sagte er nur, früher hätte er in Import/Export gemacht, aber dass er sich jetzt neu orientieren würde nach seiner kleinen Auszeit, die er unfreiwillig genommen hat.
Also, zur Liste. Laut Liste muss ich die Gans besorgen. Das ist einer der wenigen Punkte, zu denen die Elli in Druckbuchstaben ein WICHTIG dahintergeschrieben hat. Und da ich weiß, dass es der Elli immer wichtig ist, dass alles frisch ist, gehe ich also extra erst heute zum Metzger. Und kaum komm ich da rein, sehe ich haufenweise gerupfte Gänse hinter Glas und frage den Metzger nach einer Gans, und der lacht mich aus! »Morgen ist Heiligabend«, sagt er zu mir und lacht noch mehr.
»Ja, weiß ich«, sagte ich, »darum will ich ja eine Gans haben.« Und er hört auf zu lachen und sagt, dass die Gänse leider aus sind, und als ich sage, dass doch noch ganz viele hängen, lacht er noch mal und sagt so extraschlau, dass die ganzen Gänse hinter dem Glas vorbestellt sind, weil man das nämlich so macht zu Weihnachten, und diese Besserwisserei, die klingt irgendwie verdammt nach Elli.
Ich gehe also zu einem anderen Metzger und dann noch zu einem, und was soll ich sagen? Alle Gänse sind aus oder vorbestellt.
Bei dem Gedanken an Elli ist mir richtig schlecht geworden, genau so was hat die gemeint mit »meinst du, das kriegst du hin?«. Aber dann hat der Adi eine tolle Idee gehabt. Und da hab ich gewusst, dass das kein hohles Gerede vom Adi ist, wenn er sagt, dass er mein Kumpel ist.
Als er nämlich endlos darüber gequatscht hat, was für einen Handel man mit Tannenbäumen aufziehen könnte, hab ich von meiner Sache mit der Gans und dem doofen Metzger erzählt, und da meinte er: »Es gibt immer eine Lösung, Kumpel, merk dir das! Die Rheinaue ist doch voll mit Gänsen. Wenn wir den blöden Tannenbaum schon kaufen mussten, dann können wir wenigstens die Gans klauen.«
Der hat Ideen, der Adi! War jetzt nicht mein Traum vom Paradies, eine Gans aus der Rheinaue zu klauen und umzubringen, aber ich hab dann schnell begriffen, dass es gar nicht anders geht. Ehe die Elli sauer wird … Gans ist schließlich Gans, und eine Gans muss her.
Und darum sind wir nun hier. Im Freizeitpark Rheinaue, da, wo sonst Flohmarktstände und Festivalbesucher drängeln, ist jetzt nichts als Hügel und Wasser zu sehen, also, ein leerer Bötchensee.
Es ist wichtig, dass uns keiner sieht, hat der Adi gesagt. Und dass er keinen Bock hat, dass wir wegen der blöden Gans in den Knast kommen. So schnell kommt man nicht in den Knast, hab ich ihn beruhigt und ihm den Sack mit den Dominosteinen hingehalten. Hast du ’ne Ahnung, hat er gebrummt. Lustiger Kerl, der Adi!
Das Problem ist nur, ich sehe keine Gans weit und breit. Aber Enten. Und Schwäne.
»Vor zwanzig Jahren waren hier noch Gänse«, meint der Adi.
Ich krieg langsam Panik. »Wenn ich ohne Gans zu Hause auftauche …«, sage ich zum Adi und schüttle mich.
»Dann nehmen wir eben einen Schwan. Sieht gerupft eh keiner.«
Ich starre ihn entgeistert an. »Aber der sieht doch total anders aus!«
Adi zuckt die Schultern. »Gerupft nicht. Und der Schnabel, den können wir umlackieren. ’n alter Kumpel von mir hat eine Werkstatt.«
»Adi, ne Gans ist doch kein Auto! Die kann man doch nicht einfach so umlackieren!«
Der Adi zuckt noch mal die Achseln. »Auto oder Schnabel, kann man alles machen, dann erkennt das keiner mehr.«
Irgendwie ist er ganz schön cool, der Adi. So langsam verstehe ich, warum die Elli den so mag. »Aber wenn die Elli das merkt«, sage ich, »dann kriegen wir so richtig, richtig Ärger.«
»Wir können dem Vogel auch noch ein anderes Nummernschild dranschrauben«, sagt der Adi, und dann lacht er laut auf und haut mir wieder einen blauen Fleck.
»Jetzt müssen wir aber mal aus’m Quark kommen, Knecht Robert«, sagt er dann. Er sieht sich verstohlen um. »Gelegenheit ist günstig. Keine Zeugen weit und breit. Halt du den Sack mit beiden Armen auf. So.« Er breitet die Arme aus. »Und damit hockst du dich hin und wartest, ob ein Vogel ankommt.«
»Aber der Schwan kommt doch nicht von selbst zu seiner Hinrichtung«, werfe ich ein. »So doof ist keiner!«
»Doch, doch, so doof sind manche«, sagt der Adi und guckt mich ganz komisch an. »Wegen der Dominosteine und so. Lockfutter.«
Ich hocke mich probeweise hin und nestle am Jutesack herum. »Aber so kann ich den Knüppel gar nicht halten«, gebe ich zu bedenken.
»Den Knüppel, den nehme ich«, bietet der Adi an. »Teamwork.« Er haut mir wieder auf die blauen Flecken.
Ich streue zerkrümelte Dominosteine auf die eisige Wiese, und tatsächlich kommen sofort einige der Viecher auf mich zu. Mensch, die haben echt Hunger! Ich umklammere den Sack und gucke mir die drei Schwäne, die gerade herbeiwatscheln, genau an. Der links scheint der dickste zu sein, der gibt sicher einen schönen Schwanenbraten – den will ich!
Ich warte, bis er fast bei mir ist, meine Finger umklammern den Stoff des Sacks, und gerade, als ich zugreifen will, schießt der rechte Schwan nach vorne und beißt so richtig fies in mein Handgelenk. Ich falle um. Im selben Moment höre ich ein Sirren, und dann saust der Knüppel nur Millimeter an meinem Kopf vorbei und knallt ins Gras, wo er die Dominosteine zermalmt. Wie vom Donner gerührt drehe ich mich um. Hinter mir steht der Adi, und für einen Moment habe ich Angst vor ihm.
»Du hättest mich fast erschlagen«, stammle ich. »Wenn der Schwan mich nicht gebissen hätte, dann wäre ich jetzt tot!«
»Mensch, tut mir das leid«, sagt der Adi. »Ich hab ihn nicht erwischt!«
»Du wolltest doch warten, bis er im Sack ist«, erinnere ich ihn. »Warum hast du … Ich könnte tot sein!«
»Nee, Quatsch«, sagt der Adi und zeigt auf die Schwäne, die laut und böse zischen und dann vor uns und dem Knüppel fliehen. »Dieser blöde Vogel hat mich aus dem Konzept gebracht. Der wollte dich beißen. Darum hab ich so ’n bisschen überstürzt zugeschlagen.«
Gerührt blicke ich ihn an. Er ist wirklich ein echter Freund, der Adi!
Nur etwas ungeschickt. Das hab ich schon ein paar Mal bemerkt. Obwohl der Adi alles reparieren kann, ist er ein ziemlicher Tollpatsch. Zum Beispiel hatte ich die Sterne aufhängen wollen. Die gehören an die Fenster, von außen. Und kaum stehe ich auf der obersten Sprosse mit dem Stern in der einen und dem Tesafilm in der anderen Hand, da fällt der Adi gegen die Leiter! Und um ein Haar wäre ich aus dem Fenster gefallen! So hat es nur die Tesafilmrolle erwischt.
»Du musst echt ein bisschen aufpassen«, sage ich. »Sonst passiert nachher noch was.«
»Gott bewahre!«, sagt der Adi und schüttelt den Kopf. »Was soll denn dann aus der Elli werden und aus deiner schönen Villa?« Dazu guckt er etwas komisch.
Ich versuche mir das vorzustellen. Also: Ich versuch mir mich tot vorzustellen und dann daneben die Elli voll traurig, weil sie dann ganz allein in der großen, leeren Villa leben muss, und Mann, mir steigt echt Pipi in die Augen, aber dann fällt mir etwas ein und ich rufe erleichtert: »Mensch, Adi, die Elli wäre gar nicht allein, die hätte ja noch dich!«
Der Adi guckt mich an, wie wenns donnert, und sagt: »Jo, Kumpel, das stimmt.«
Ich würde ihn am liebsten in den Arm nehmen, so froh bin ich, einen richtigen Kumpel zu haben. Auch wenn wir uns erst seit Nikolaus kennen, ich kann mich echt verlassen auf den Adi, der würde die Elli nicht einsam und traurig in der Villa verschimmeln lassen, das weiß ich ganz genau.
»Ihr würdet dann zu zweit Weihnachten feiern«, sage ich zum Adi und schniefe ein bisschen, so rührt mich der Gedanke. »Du würdest dich gut um sie kümmern, nicht wahr?«
»Ach ja«, sagt der Adi und guckt zum grauen Himmel.
»Du musst dann natürlich meine Vorbereitungen mit übernehmen«, erkläre ich. Das alles wird für mich irgendwie immer konkreter, ich sehe das förmlich vor mir. »Die Liste. Du darfst nichts falsch machen mit der Liste. Und am Heiligabend erst recht nicht. Das mit der Gans ist natürlich am wichtigsten. Sie brennt immer ein bisschen an, und die verbrannten Stellen musst du dann essen, aber du darfst nicht sagen, dass sie verbrannt sind. Die Elli schimpft danach, dass es verbrannt ist, also, das Thema kommt sowieso. Entweder ist die Gans verbrannt, weil du sie abgelenkt hast oder weil du sie nicht dran erinnert hast, die Gans rechtzeitig aus dem Ofen zu nehmen. Und du musst dann sagen, dass es nicht verbrannt ist, nur knusprig, und dass du die knusprigen Stellen besonders gern magst.«
»Okay«, sagt der Adi.
»Sie wird dir nicht glauben. Darum musst du alles aufessen. Und nach einer zweiten Portion fragen, sonst sagt sie, dass sie ja gleich gewusst hat, dass es dir nicht schmeckt. Und wenn du Teile der Gans loswerden willst, dann merkt sie das. Du musst essen. Alles. Auch, wenn dir schon schlecht ist.«
»Schon klar«, sagt der Adi.
»Nach dem Essen ruft sie ihren Bruder an. Danach ist sie ganz schlecht gelaunt und will ein bisschen streiten. Das darfst du nicht persönlich nehmen.«
»Hmmm«, macht der Adi.
»Bescherung ist schwierig. Sie sagt vorher, dass sie nichts will, und du musst zustimmen und behaupten, dass du auch nichts willst und dass Geschenke blöd sind und so. Aber drei Geschenke müssen da sein für sie. Überraschungen! Wenn es mehr sind, ist sie gestresst, weil sie für dich ja nur das eine Überraschungshemd hat. Wenn es weniger Geschenke sind, ist sie schrecklich enttäuscht, das sagt sie dann aber nicht, aber du merkst es, glaub mir, Adi. Dann wird der Abend ganz lang, mach das bloß nicht. Drei Geschenke! Ach so – du darfst nicht tricksen und es dir einfach machen, also bloß kein Buch oder eine DVD schenken, weil sie dann sauer wird, weil sie ja gar keine Zeit hat, das anzuschauen. Am besten ist ein Kleid oder Unterwäsche. Aber das muss dann passen, sonst gibt es Streit. Wenn es zu eng ist, denkt sie, sie hat zugenommen. Wenn es zu weit ist, denkt sie, du denkst, sie wär dick. Am besten wäre ein Schal, aber das findet sie unpersönlich. Ein persönlicher Schal, das wäre gut.«
Der Adi sieht ein bisschen erschöpft aus.
»Alte Liebe rostet nicht«, sagt er dumpf. »Mensch, früher war sie einfacher.«
Ich nicke. »Sie meint es ja nicht böse, weißt du, sie ist nur immer so gestresst. Sei einfach vorsichtig. Sei sehr, sehr vorsichtig.«
Der Adi reißt mich plötzlich an sich. »Moment, Moment, Kumpel«, ruft er und drückt mir fast die Luft ab. »Du bist ja gar nicht tot! Mensch, bin ich froh, dass du nicht tot bist!«
»Ja, ich auch«, sage ich. »Ehrlich gesagt, bin ich mir gar nicht sicher, ob du das alleine so hinkriegen würdest mit der Elli.«
»Ich auch nicht«, sagt der Adi und wirkt sehr erschüttert. »Ehrlich, Kumpel, ich auch nicht.«
»Jedenfalls müssen wir uns jetzt um einen Vogel kümmern«, entscheide ich. »Sonst reißt uns die Elli den Kopf ab.« Ich seufze. »Weißt du was? Ich würde am liebsten einfach nur eine Currywurst essen. Ohne Klöße. Und ohne Liste.«
Der Adi guckt mich an, als wenn ihn der Blitz getroffen hätte. »Mensch, Kumpel«, sagt er. »Das wär mein Traum, ich schwöre. Was wär das schön!« Er blinzelt. »So eine Gans, die ist eh viel zu fett.«
»So ein Schwan vermutlich auch«, sage ich und gucke hinter den Schwänen her.
»Du«, sagt der Adi. Und dann noch mal: »Du! Ich hab mich in dir getäuscht, du. Du bist ein echter Kumpel. Weißt du was? Wir lassen den Vogel. Ich erklär das der Elli. Außerdem bin ich der Gast. Es ist mein erstes Weihnachten seit langem. Ich sag der einfach, dass ich lieber Currywurst will.«
In dem Moment denke ich, dass wir Seelenverwandte sind, der Adi und ich.
»Das wäre schön«, flüstere ich. »Aber die Elli …«
»Zwei gegen einen«, sagt der Adi. »Überstimmt. Gemeinsam sind wir stark, Kumpel. Man könnte die Currywurst vom Marktstand holen. Das war früher die beste. Und dann wärmen wir sie einfach in der Mikrowelle auf.«
»Dann werden die Pommes matschig«, wende ich ein.
»Dann lassen wir die Pommes weg«, sagt der Adi. »Es gibt immer eine Lösung.«
»Ohne Pommes werden wir nicht satt«, sage ich.
»Dann nehmen wir doppelte Portionen«, sagt der Adi. »Immer eine Lösung, Kumpel, denk daran!«
Als wir zurück in die Villa kommen, ist es dann doch nicht ganz so einfach. Alles blitzt und blinkt, die Krippe steht, und der Baum ist geschmückt, aber die Elli hat nur die Gans im Kopf. Sie kriegt fast einen Herzkasper, als wir ihr sagen, was wir uns überlegt haben.
»Currywurst zu Weihnachten? Ihr habt sie wohl nicht alle!«, schreit sie.
»Es ist mein erstes Weihnachten«, sagt der Adi.
»Vergiss es«, sagt die Elli und zischt noch viel schlimmer als vorhin der Schwan. »Ich treibe eine Gans auf. Und überhaupt, was ist mit der Weihnachtsbeleuchtung? Wofür mach ich denn diese Liste? Ich habe gewusst, dass ihr das nicht hinkriegt! Alles muss ich alleine machen!«
Das mit der Beleuchtung sind die Punkte 8 und 9 auf der Liste, die fehlen in der Tat. Wir haben zwei originalgroße Elche, die ganz wunderbar weihnachtlich in Grün und Blau und Lila und Rosa leuchten und die ich jedes Jahr auf das Vordach der Villa montiere. Also, letztes Jahr haben sie ab dem zweiten Feiertag nicht mehr geblinkt, darum hat der Adi sie repariert – das war Punkt 8, und ich muss jetzt nur noch Punkt 9 machen und sie anbringen.
Das will ich sofort machen, ehe die Elli sich noch mehr aufregt.
»Nee, stopp, lass das mal«, sagt der Adi sehr hastig. »Strom ist gefährlich. Ich will das lieber noch mal überprüfen. Nicht, dass dir was passiert, Kumpel!« Er haut mir auf die Schulter, und es tut zum ersten Mal nicht so weh wie sonst.
»Das ist ja wieder mal typisch«, keift die Elli. »Keiner kümmert sich um gar nichts, alles muss ich alleine machen! Dann mach ich das mit der Weihnachtsbeleuchtung jetzt eben auch!«
»Auf absolut gar keinen Fall«, sagt der Adi. »Ich glaube fast, die Anschlüsse sind … Nee, wenn ich mir das recht überlege, das ist mordsgefährlich. Ich kaufe besser eine neue Beleuchtung.«
»Das ist ja wieder mal so typisch«, sagt die Elli, und ich finde gut, dass sie das ausnahmsweise mal zum Adi sagt und nicht zu mir. Dann geht sie raus und ist beleidigt.
»Dumme Gans«, brummt der Adi und verdreht die Augen. »Wir könnten ein Bier trinken, aber dann schimpft sie noch mehr.«
»Ist schließlich mein Haus«, sage ich kämpferisch und gehe zum Kühlschrank, um meinem Kumpel Adi und mir ein Bier zu holen.
Gerade wollen wir uns zuprosten, da flammt es draußen auf. Das ist die Weihnachtsbeleuchtung, für eine Sekunde oder so ist alles in gleißendes, buntes Geleuchte gehüllt, dann ertönt zuerst ein Schrei, gefolgt von einem Knall, und dann ist es dunkel. Vielleicht stimmt auch die Reihenfolge nicht, und es knallt zuerst und wird dann dunkel, und dann schreit die Elli. Jedenfalls rennen wir raus, und da liegt sie im Schnee mit dem Stecker in der Hand. Und sie ist tot. Und die Weihnachtsbeleuchtung ist aus. Und qualmt ein bisschen.
»Oh nein!«, ruft der Adi und geht vor ihr in die Knie. »Warum kannst du nie auf mich hören?«
»Das war ja wieder mal typisch«, sage ich tonlos.
Der Adi und ich, wir haben es gut in der Villa.
Beruflich ist der Adi auf die Füße gekommen, Import/Export mit Gebrauchtwagen, und ich steige da demnächst mit ein, das Zeug dazu hab ich, und hier auf dem Gelände der Villa können wir auch umlackieren, sagt der Adi.
Manchmal denken wir an die Elli und sind ein bisschen traurig. Dann reden wir über sie und erzählen uns Geschichten von früher. Immer wenn die Weihnachtszeit kommt, sind wir besonders sentimental. Zum Gedenken an sie haben wir eine neue Weihnachtsbeleuchtung auf dem Vordach der Villa installiert. Mit drei Elchen statt zweien. »Das würde ihr gefallen«, sagt der Adi. Er hat sie ganz neu im Baumarkt gekauft und will die Finger von den Anschlüssen lassen, »damit dir nichts passiert, Kumpel«, hat er gesagt und mich auf die blauen Flecken geboxt. Es tut mir inzwischen gar nicht mehr weh, das Boxen fühlt sich eher an wie ein Streicheln.
An Heiligabend vermissen wir allerdings niemanden. Da sind wir froh. Wir sitzen auf dem Sofa und essen Currywurst. Ohne Pommes. Die haben wir vorher geholt und in der Mikrowelle aufgewärmt.
»Frohe Weihnachten!«, sage ich.
»Frohe Weihnachten, Kumpel!«, sagt der Adi. »Mein Gott, was haben wir es schön ohne so eine dumme Gans.«
Sven Koch
Paderborn
Du bist nicht der Weihnachtsmann, dachte Hubert und starrte auf das Foto. Ich bin der Weihnachtsmann. Du bist nur ein billiger Abklatsch. Ein mieser Betrüger.
Hubert warf die Zeitung vor Wut quer durch das Wohnzimmer. Sie flog vorbei an der Schrankwand, die noch aus den Siebzigern stammte. Vorbei an den Textiltapeten, der Yuccapalme und dem Sofa aus braunem Cord. Die Seiten fielen auf den gekachelten Tisch, die Heizdecke und den Orientläufer. Und draußen vor dem Fenster, da fiel der Schnee.
Der Betrüger hatte einen Namen. Er hieß Reinhold Obergöker. Hubert konnte seine faltige Fratze nicht ertragen. Sie war in allen Farben des Regenbogens im Anzeigenblatt der Werbegemeinschaft abgedruckt worden, weil … ja, weil.
Weil Reinhold der neue Weihnachtsmann auf dem Paderborner Adventsmarkt sein würde. Er und nicht Hubert, das war das Problem.
Hubert erinnerte sich an all die vielen schönen Jahre, die er seit Beginn seines beruflichen Ruhestands als Nikolaus und Weihnachtsmann auf dem Markt aktiv gewesen war. Er selbst hatte keine Kinder und Enkelkinder, weswegen es ihm stets viel bedeutet hatte, in die leuchtenden Augen der Kleinen zu sehen und zu fragen: »Bist du denn immer schön artig gewesen?«
Aber das war nun Geschichte, jetzt, wo sie ihn ausgetauscht hatten. Er wurde weggeworfen wie ein alter Lappen. Konnte er sich das bieten lassen? Nein, solange noch ein Funken Selbstachtung in ihm glomm. Auf keinen Fall. Leider machte der verfluchte Hund Obergöker keinerlei Anstalten, zurück in seine Hütte zu kriechen. Dabei hatte Hubert es zunächst im Guten mit dem Mistkerl versucht. Wirklich. Hubert hatte sich mit Obergöker in einem Café verabredet. Sie waren nach einigem Smalltalk über körperliche Gebrechen, miese Ärzte und das Wetter schließlich zum Thema gekommen. Hubert hatte erklärt, dass er zwar inzwischen fast achtzig Jahre alt sei, aber immer noch fit wie ein Turnschuh. Und das mit dem Trinken, ja, das sei kein Problem. Der Vorstand der Werbegemeinschaft habe in der Hinsicht eine völlig verzerrte Wahrnehmung.
Du kannst Kindern nicht mit einer Fahne Geschenke in die Hand drücken, hatten sie ihm gesagt. Und: Was sollen wir machen, wenn du uns einfach umkippst, in deinem Alter?
Hubert betonte auch Obergöker gegenüber mit Nachdruck, dass man die Fahne mit Minzbonbons professionell übertünchen könne und er schon nicht umkippen werde, wozu er auch gerne ein ärztliches Attest beibringe. Aber Obergöker war so uneinsichtig geblieben wie die Werbegemeinschaft. Hatte einfach dagesessen mit seinem bescheuerten Käsekuchen, hatte Hubert durch seine dicken Brillengläser angestarrt und mit den Schultern gezuckt, die unter einem abgewetzten olivfarbenen Pullover steckten. Schließlich hatte Hubert ihm sogar einen Deal vorgeschlagen – der eine macht den Nikolaus, der andere den Weihnachtsmann. Doch Obergöker interessierte sich nicht dafür.
Sie hatten sich schließlich eine Weile angesehen, dann aneinander vorbeigeschaut. Wie Al Pacino und Robert De Niro in diesem Gangsterfilm, als sie sich in einem Restaurant gegenübersitzen und schließlich Tacheles miteinander reden.
Hubert machte eine etwas hilflose Geste mit den Händen und sagte: »Schau, Reinhold, es ist so: Wir sitzen hier wie zwei ganz normale Kerle. Du machst deinen Kram, ich mache meinen. Aber der Eindruck trügt. Wir sind nämlich keine normalen Kerle. Wir sind Nikolaus und Weihnachtsmann, und es geht hier nicht um irgendeinen Firlefanz, sondern um eine ziemlich wichtige Sache für dich, für mich – für die ganze Stadt.«
Hubert machte eine Pause, sah Obergöker an, der wieder an ihm vorbeistarrte, aber konzentriert zuzuhören schien. Dann drohte Hubert: »Ich lege es nicht darauf an, dass es hart auf hart zwischen uns kommt. Doch falls es nicht zu ändern ist, dann ist es eben nicht zu ändern.«
Hubert lehnte sich vor. »Wenn ich zwischen dir und einem armen, traurigen kleinen Jungen entscheiden muss, der wie in all den Jahren zuvor den echten Weihnachtsmann oder Nikolaus erwartet, nämlich mich, und dann stattdessen auf einen wie dich trifft … Reinhold, dann hast du keine Chance.«
Hubert lehnte sich zurück. Gab Obergöker Raum zum Nachdenken, den dieser jedoch nur damit füllte, dass er das letzte Stück Kuchen verspeiste.
Schließlich sagte Reinhold: »Die Medaille hat eine Kehrseite.«
Hubert merkte auf.
