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Als die achtzehnjährige Sunny Fidel mit ihrer Mutter zum einkaufen fährt, ahnt sie noch nicht, dass dieser Tag ihr ganzes Leben verändern wird. Völlig verängstigt und an einer Heizung gefesselt, erwacht sie in den Fängen ihrer Entführer. Ihre heile Welt wird Stück für Stück zerstört und durch Erniedrigung, Sex und Gewalt ersetzt. Sie lernt was es heißt benutzt zu werden und ist ihren Peinigern völlig ausgeliefert. Erlebt die Geschichte eines Mädchens das mit Liebe, Sex,Erniedrigung konfrontiert wird und lasst euch in eine Spannende Story mitreissen.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2017
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PLEASE DON’T HURT ME
DIE ENTFÜHRUNG
Teil 1
PLEASE DON’T HURT ME
TEIL 1
JENNIFER NANIK
Impressum
Texte: © Copyright by Jennifer Nanik 2017Cover: © Copyright by
www.masterdansblog.files.wordpress.com
Coupeh Ruzbeh
Verlag: Nova MD GmbH Druck: Sowa-Druk Na Życzenie
ISBN 978-3-9611-1238-8
Printed in Poland
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle in diesem Buch geschilderten
Handlungen
und Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten
mit lebenden oder verstorbenen Personen wären
zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhalt
PROLOG
DER SUPERMARKT
DIE ENTFÜHRUNG
DAS KENNENLERNEN
LUISE MILLER
MEIN ERSTES MAL
DIE WOCHEN
DIE FLUCHT
DIE AUSSPRACHE
MEINE HÖLLE
MEIN PARADIES
STEVE GEWINNT
DIE FEIER
DIE HOCHZEITSNACHT
FLUCHT NUMMER ZWEI
FLUCHT NUMMER DREI
Mein Name ist Sunny Fiedel. Ich bin zwanzig Jahre alt und komme aus Düsseldorf. Vor zwei Jahren lebte ich mit meiner Mutter in einer ganz normalen Dreizimmerwohnung in einem Dreiparteienhaus mitten in der Stadt. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich zwei Jahre alt war. Meinem Vater ist es scheißegal, wie es uns geht. Er meldet sich zweimal im Jahr: zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten. Die meiste Zeit verbrachte ich mit meiner besten Freundin Sina. Wir kennen uns seit dem Kindergarten und teilen alles miteinander. Seit einem Jahr befinde ich mich in einer Therapie, um überhaupt weiterleben zu können. Meine Therapeutin Frau Tonnes ist der Meinung, dass ich aufschreiben solle, was mir passiert sei, um alles besser verarbeiten zu können.
Also erzähle ich euch heute meine Geschichte:
Ich möchte euch bitten, dieses Buch nicht weiterzulesen, wenn ihr mit sexuellen Handlungen oder Gewaltakten nichts zu tun haben möchtet und euch meine Geschichte abschrecken könnte.
Heute ist Freitag, der 30.01.2015. Ich bin vor zwei Wochen achtzehn geworden und sitze mit meiner Mutter am Esstisch. Meine Mutter ist eine ganz liebe Frau mit kleinen Grübchen und blonden, schulterlangen Haaren. Sie achtet sehr auf ihr Äußeres und betont ihre körperlichen Vorzüge; dies erst seit einiger Zeit.
Denn als sie sich vor drei Jahren von Ralf trennte, begann sie sich zu verändern. Nach der Scheidung von meinem Vater hatte meine Mutter lange keine feste Beziehung mehr. Ralf war der erste Mann, den sie wieder in ihr Leben ließ und dem sie vertraute. Sie wirkte wirklich glücklich und lachte viel an seiner Seite. Sie unternahmen viel und waren am Wochenende immer unterwegs.
Leider erwischte meine Mutter Ralf mit ihrer besten Freundin im Bett. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, hatte er es auch noch in unserer Wohnung getrieben – in Mutters Bett. Meine Mutter war außer sich und warf beide in hohem Bogen hinaus. Sie beendete die Beziehung sofort und ließ ihn die Sache nicht wiedergutmachen. Ihr Herz war zum zweiten Mal gebrochen.
Auch mein Vater war kein treuer Mann. Er war viel auf Geschäftsreise und hatte immer seine persönliche Assistentin dabei. Ihr Name war Viola, und sie war einige Male bei uns zu Hause gewesen. Als mein Vater erfuhr, dass meine Mutter mit mir schwanger war, brachte er Viola nicht mehr mit nach Hause und machte regelmäßig Überstunden. Er spielte meiner Mutter dieses Spiel zwei Jahre lang vor. Irgendwann fand sie in seiner Hosentasche eine leere Kondomverpackung. Sie wurde misstrauisch. Alsbald entdeckte sie in seiner Schublade unzählige Briefe Violas. Von gemeinsamen Wochenendein in Paris bis zum Winterurlaub in Österreich war darin die Rede. Meine Mutter hatte genug gelesen und begriff das ganze Ausmaß, in dem sie hintergangen wurde. Sie erzählte mir diese Geschichte, als ich zwölf war, damit ich mit der ganzen Scheidungssache besser umgehen könne.
Heute haben wir uns, und ich bin froh, dass sie sich etwas von der Trennung erholt hat.
„Sunny, warst du gestern einkaufen?“, fragt sie mich.
„Nein, Mama, das habe ich total vergessen. Ich war gestern mit Sina noch in der Stadt. Ich hatte dir doch erzählt, dass ich mir neue Schuhe kaufen wollte.“
Genervt räumt meine Mutter den Frühstückstisch ab und stellt das schmutzige Geschirr in die Spüle.
„Sunny, ich hatte dich gebeten, einkaufen zu gehen. Jetzt muss ich das auch noch machen und muss später noch ins Büro. Wie soll ich das alles alleine schaffen? Ich brauche wirklich mehr Unterstützung von dir.“
„Okay, okay, ich verspreche dir, dass wir gleich zusammen einkaufen fahren.“
Zufrieden nickt meine Mutter mir zu, und ich gehe in mein Zimmer. Unsere Wohnung ist nicht sehr groß, aber wir haben jeder unserer eigenes Reich. Mein Zimmer ist gemütlich eingerichtet: Ich habe eine große Ausziehcouch, auf der locker zwei Personen schlafen können, und einen ovalen Tisch. Mein Kleiderschrank ist weiß, und ich habe seine Kapazität völlig ausgeschöpft. Ich werfe mich auf die Couch und schalte den Fernseher an. Ich brauche jetzt Musik und entscheide mich für Viva. Dann nehme ich mein Handy und prüfe die sozialen Netzwerke. Heute ist Freitag, und Sina und ich haben noch keinen Plan, was wir heute Abend unternehmen sollen.
Ich finde eine Anfrage von Tom. Er möchte heute Abend auf Kneipentour gehen und fragt, wer noch alles Lust habe mitzukommen. Schnell schreibe ich Sina eine Nachricht und frage, ob sie uns begleiten würde. Ich habe Tom schon lange nicht mehr gesehen und hätte mich gefreut, ihn wieder einmal zu treffen. Tom und ich kennen uns aus der Schule und waren immer schon auf ein und derselben Wellenlänge.
Als ich weiter nach Anfragen schaue, ruft meine Mutter mich: „Sunny, wir müssen los, sonst komme ich zur spät zur Arbeit.“
„Okay, ich komme!“, rufe ich ihr entgegen.
„Gut, beeile dich! Aber ich gehe schon mal zum Auto. Bring bitte die leeren Flaschen mit!“, ergänzt sie noch.
„Okay, mache ich.“
Mein Handy vibriert, und ich sehe eine Nachricht von Sina. Hey, Süße, hast du Lust, kurz zu telefonieren? Schnell antworte ich ihr, dass ich gerade auf dem weg zum Supermarkt sei mit meiner Mutter und dass ich mich gleich melden würde. Ich schicke die Nachricht ab und stecke das Handy in die Hosentasche. Dann schnappe ich mir Jacke und Schal und nehme die leeren Flaschen. Schnell bin ich unten am Auto meiner Mutter, und wir steigen ein. Meine Mutter fährt einen alten, schwarzen Golf IV, der schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Im Radio läuft Love me like you do von Ellie Goulding.
Leise summe ich mit, da meine Mutter ununterbrochen auf mich einredet: „Sunny, wann hast du dein Vorstellungsgespräch? Hast du schon die Unterlagen vorbereitet? Was ist mit deinem Outfit?“
Seit einer Woche ständig die gleichen Fragen. Immer macht sie das. Sie fragt und nervt so lange, bis ich ihr immer alles erzählen muss, damit sie mich endlich in Ruhe lässt.
„Ich habe dir doch schon alles erzählt. Warum muss ich dir immer alles drei Mal erzählen? Hörst du etwa nicht zu?“
„Doch, meine Liebe, aber bei dir ändern deine Pläne sich wie das Wetter, und damit ich auf dem Laufenden bleibe, frage ich dich halt öfter.“
Ich komme ihrer Bitte nach und erzähle ihr, dass ich bestens vorbereitet sei. Ich habe die Unterlagen schon bei Sina fertiggestellt, da wir uns beide auf einen Ausbildungsplatz in Düsseldorf beworben haben und uns dort vorstellen möchten. Zu meiner Überraschung habe ich nur fünf Bewerbungen losgeschickt und prompt eine Einladung in eine Werbeagentur bekommen. Sina hatte leider noch nicht so viel Glück: Trotz elf Bewerbungen hat sie bisher noch keine Einladung erhalten. Ich möchte Mediengestalterin werden und freue mich schon sehr darauf. Über mein Outfit mache ich mir weniger Sorgen, da ich vorhabe, recht normal hinzugehen. Mit den Antworten ist meine Mutter einigermaßen zufrieden und schweigt endlich mal für zwei Minuten. Wahrscheinlich grübelt sie schon über die nächsten Fragen nach.
Zu meinem Glück biegen wir gerade auf den überfüllten Parkplatz des Supermarktes ein. Wie immer sind alle Parkplätze schon vergeben. War ja klar, denn wir haben Freitag. Ich entdecke einen in der zweiten Reihe.
„Mama, hier! Hier ist einer“, zeige ich mit dem Finger hin, und meine Mutter fährt in die gewünschte Richtung.
„Das ist ja super – und diesmal so nah!“
Als sie gerade in die Parklücke einfahren möchte, kommt ein schwarzer Mercedes, der sich vor meiner Mutter in dieselbe Parklücke stellt. Meine Mutter hupt und fährt das Fenster herunter.
„Hey, Sie Idiot! Ich habe den Parkplatz zuerst gesehen.“
Der Mann steigt aus und zeigt meiner Mutter unhöflich nur den Mittelfinger.
„Was für ein Arschloch!“, stimme ich meiner Mutter zu. „Komm, Mama, lass. Reg dich nicht auf. Wir finden schon noch einen anderen Parkplatz.“
Nach gefühlten fünf Minuten ergattert meine Mutter endlich einen Parkplatz fast am Ende des Supermarktes.
„Sunny, nimmst du die Flaschen? Ich hole uns einen Einkaufswagen.“
Völlig genervt sage ich meine Mutter, dass ich im Auto warten wolle, da ich überhaupt keine Lust auf einen überfüllten Markt hätte. Außerdem sei ich heute überhaupt nicht vorzeigbar.
Ich trage zerrissene Jeans und habe meinen Schmuddelpulli an. Meine Daunenjacke habe ich bis oben zugeschnürt, und mein Schal ist drei Mal um meinen Hals gewickelt. Dazu trage ich meine blauen Chucks und habe meine blonden Haare zu einem Zopf hochgebunden. Von Make-up ist heute keine Spur an mir zu finden.
„Sunny, ist das dein Ernst? Ich muss für die ganze Woche einkaufen, und mein Chef hat mir auch noch eine Einkaufsliste in die Hand gedrückt. Du weißt genau, dass ich kaum Zeit habe.“
„Mama, es tut mir leid, aber ich fühle mich echt scheiße heute. Komm, sei nicht sauer. Ich bin doch mitgekommen, und wenn du gleich wiederkommst, helfe ich dir beim Tütenpacken, okay?“
Beleidigt steigt meine Mutter aus dem Wagen und knallt die Tür zu.
Ich atme erleichternd auf und hole mein Handy raus. Sina hat mir schon drei Nachrichten über WhatsApp geschrieben. Sofort öffne ich die erste Nachricht und lese: Hey, Sunny, du Nudel, du wolltest dich doch melden. Ach ja, ich habe sie total vergessen. Schnell öffne ich die zweite Nachricht: Ich habe zwei Konzertkarten bekommen für Pink in Köln. Da müssen wir heute Abend hin.
Sina ist eine echt durchgeknallte Trulla, aber total liebevoll und die beste Freundin, die ich mir vorstellen kann. Sie hat lilafarbene, kurze Haare und kleidet sich auch sonst eher punkmäßig. Wer sie nicht kennt, könnte sich leicht ein falsches Bild von ihr machen, da sie mit ihren vielen Piercings und Tattoos echt ins Klischee passt. Sie steht total auf Punk. Sie liebt Pink und wollte schon lange auf deren Konzerte gehen.
Als ich die dritte Nachricht gerade öffnen möchte, werden die Fahrer- sowie die Hintertür geöffnet. Statt meiner Mutter setzen sich jedoch zwei Männer ins Auto: einer auf den Fahrersitz und der andere genau hinter mich. Der Mann auf dem Fahrersitz hat schwarzes Haar und trägt eine blaue, dicke Jacke. Er wirkt auf den ersten Blick sympathisch und hat sich vielleicht nur im Auto geirrt. Hektisch schaue ich mich um und verstehe überhaupt nicht, was hier gerade passiert. Der Mann auf dem Fahrersitz nimmt meinen Arm und hält mich fest. Er schmunzelt dabei leicht und wirkt auf mich unheimlich. Ich bekomme Angst! Schnell versuche ich, die Tür zu öffnen, und schreie laut um Hilfe, aber der Typ hinter mir zieht mit solch einer Gewalt an meinem Zopf, dass mir Tränen in die Augen schießen. Mit der anderen Hand presst er mir ein feuchtes Tuch gegen den Mund, und ich kann den süßlichen Geruch eines Medikaments riechen. Ich weiß, was hier gerade passiert. Die Panik steigt ins Unermessliche. Ich lasse das Handy fallen und zappele mit meinen Beinen. Meine Hände krallen sich an seine, und ich versuche mit aller Kraft, das Tuch vom Mund zu bekommen. Ich kratze meinen Peiniger an seinen Armen und Händen und mache panische Laute, so gut ich es noch kann. Meine Lider werden schwer, und ich merke, wie meine Kraft mich verlässt. Ich höre noch, wie der Motor gestartet wird, und befinde mich dann im Nichts.
Ich merke, wie ich langsam zu mir komme, und öffne die Augen. Mir ist kalt. Mein Mund ist trocken, und mein Hals brennt. Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen, und bei jeder Bewegung dröhnt mein Kopf noch schlimmer. Wie ich wahrnehmen kann, befinde ich mich in einem Raum, der aussieht wie der Keller eines Familienhauses. Er sieht nicht aus wie ein normaler Keller, den man in Mehrfamilienhäuser finden würde; eher wie ein richtiges Zimmer, nur dass sich viele Rohre an den Wänden befinden und die Mauern nicht mit Tapeten beklebt sind. Meine Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit, und ich versuche, den Raum auf mich wirken zu lassen. Er ist groß, und ich kann nicht alles erkennen. Ich will aufstehen und höre ein lautes Geräusch. Sofort drehe ich mich um und sehe eine Heizung. Ich versuche aufzustehen und spüre eine Handschelle an meiner rechten Hand. Offenbar bin ich an eine Heizung in einer Ecke gefesselt worden und versuche sofort, an ihr zu ziehen, doch nichts passiert. Die lauten Geräusche meiner Handschellen erschrecken mich, und ich höre direkt auf. Ich schaue an mir hinunter und bin wirklich froh, noch völlig angezogen zu sein. Oh Gott, mein Kopf bringt mich um. Ich versuche, mich an alles zu erinnern, und mir fällt der Parkplatz wieder ein: der Supermarkt, meine Mutter, die Männer.
Ach, du Scheiße, was ist hier los? Was mache ich jetzt? Soll ich rufen? Soll ich warten, bis jemand kommt? Ich weiß nicht, was ich unternehmen soll, um mir zu helfen. Zudem zittere ich am ganzen Körper, und meine Finger schmerzen. Meine Nägel sind eingerissen, und ich sehe Blut an den Fingerkuppen. Ich brauche Klarheit darüber, was hier los ist.
„Hallo, hallo! Ist hier jemand?“, rufe ich laut und schlage jetzt, da ich mich fürs Rufen entschieden habe, mit einer Handschelle gegen die Heizung, um noch mehr Lärm zu machen. Nach gefühlten fünf Minuten passiert immer noch nichts, und ich gebe auf. Ich schaue mir den Raum weiter an in der Hoffnung, etwas finden zu können, was mir helfen könnte. Leider habe ich nichts in Reichweite, an das ich herankommen würde.
Links von mir befinden sich Trainingsgeräte: eine Hantelbank mit mehreren Gewichten, ein Laufband und ein Crosstrainer. Auf der anderen Seite sehe ich einen Fernseher, der auf einem kleinen Schränkchen steht. Direkt vor mir steht eine dunkle Couch, die schon ihre besten Jahre hinter sich hat, soweit ich erkennen kann.
An den Wänden stehen Regale voller Krimskrams. Das große Fenster direkt mittig an der Wand lässt etwas Licht in den Raum. Ich schaue hoch und sehe Gitter davor. Mist, da passe ich nicht durch.
Ich lehne mich an die Heizung und fange an zu heulen. Wie konnte das passieren und warum mir? Was wollen die von mir? Geld? Das können sie vergessen. Meine Mutter hat kein Geld. Meine Familie ist überhaupt nicht wohlhabend, im Gegenteil. Ich habe eine Tante in Bayern und habe sie vielleicht das letzte Mal gesehen, als ich sechs Jahre alt war. Sie wäre die Einzige, die etwas auf der hohen Kante hätte, aber das war es dann auch. Meine Familie ist eh nicht allzu groß, und mit den meisten Verwanden telefonieren wir eher selten.
Wir kämpfen uns von Monat zu Monat durch, um über Wasser zu bleiben, und meine Mom arbeitet täglich acht Stunden bei einem Steuerberater, der echt geizig ist. Sie bekommt noch nicht mal Weihnachtsgeld und muss ständig Überstunden machen, um ihm gerecht zu werden. Als ich an meine Mom denke, geht es mir noch schlechter: Sie kommt aus dem Supermarkt, und der Wagen ist weg samt ihrer Tochter. Was muss sie denken? Dass ich davongefahren sei ohne Führerschein? Da meine Mutter und ich zusammenwohnen, versuchen wir, das Finanzielle gemeinsam zu regeln. Ich helfe ihr, und sie unterstützt mich. Leider hat es für den Führerschein noch nicht gereicht. Ich wollte damit anfangen, wenn ich meine Ausbildung begonnen haben würde. Meine Mutter hatte zu meiner Taufe schon achthundert Euro gespart. Ich hoffe, Mom hat schon die Polizei alarmiert, die mit Sicherheit die ganze Stadt nach mir absuchen wird.
Plötzlich öffnet sich die Tür, und das Licht geht an. Ein Mann kommt auf mich zu. Ich erkenne ihn wieder: Es ist der Fahrer.
„Warum bin ich hier? Was wollen Sie von mir? Bitte lassen Sie mich gehen!“, flehe ich ihn an, doch von ihm kommt nichts. Er steht einfach nur vor mir und blickt mich an. Ich beginne, laut und verzweifelt noch mehr zu weinen als zuvor, und halte meine Hände vors Gesicht. Er kommt zu mir und löst die Handschelle von meiner rechten Hand. Ich reibe mein Handgelenk, da ich rote Striemen habe.
„Zieh dich aus.“
„Was? Wie meinen Sie das?“
„So, wie ich es gesagt habe. Ich werde dich nicht ein zweites Mal darum bitten. Wenn du es nicht selbst tust, dann zieh ich dich aus.“
Er geht drei Schritte zurück und lehnt sich an die Couch. Ich öffne meine Jacke und werfe den Schal zu Boden. Ich möchte mich nicht weiter ausziehen und versuche, ein normales Gespräch mit dem Mann zu führen.
„Ich weiß nicht, wer Sie sind oder was Sie wollen, aber wir können doch über alles reden.“
Ich bin so nervös, und mein Herz rast wie wild. Was macht er denn jetzt? Er kommt auf mich zu und bleibt vor mir stehen. Ich kann seinen Atem spüren, so nah ist er mir, und mir ist es eindeutig zu nah. Ich gehe rückwärts und laufe gegen die Heizung. Verdammt, was mache ich jetzt?
