Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Plus Size für die Liebe E-Book

Kari Lessír  

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E-Book-Beschreibung Plus Size für die Liebe - Kari Lessír

Männer stehen nicht auf Frauen mit ordentlich Kurven. Und sie verlieben sich erst recht nicht in sie! Das denkt zumindest Mia, die nicht nur mit ihrem Körpergewicht hadert. Dass ausgerechnet sie als Sportmuffel einen Job in einem Fitnessstudio bekommt und ihr Chef Daniel, ein durchtrainierter Frauentraum, Interesse an ihr zu haben scheint, passt überhaupt nicht in ihr Weltbild. Wäre da nur nicht dieses Kribbeln, sobald Daniel sie aus graublauen Augen ansieht. Gerade als Mia sich auf ihn einlassen möchte, entdeckt sie ein Foto: das Bild einer strahlend schönen Frau mit einem Jungen, der Daniel verdammt ähnlich sieht. Ist er verheiratet und spielt nur mit ihr? Frustriert tritt Mia den Rückzug an und vergräbt sich zu Hause auf der Couch. Von Männern hat sie endgültig die Nase voll. Doch plötzlich ist da diese Stimme in ihrem Kopf, die behauptet, ein Engel zu sein. Ihr persönlicher Engel, der ihr Herz wieder zum Klingen bringen möchte. Doch Mia setzt alles daran, genau das zu verhindern. Sich zu verlieben tut nur weh und darauf kann sie verzichten. Wird es dennoch ein Happy End für die Liebe geben? »Plus Size für die Liebe« ist der dritte Teil der spirituellen Seelenreise-Reihe, in der es um das Suchen und Finden der wahren Liebe geht. Mit Mia steht diesmal eine Frau im Mittelpunkt, die sich selbst zwischen Diät und überflüssigen Pfunden aus den Augen verloren hat. Ihren Lernprozess auf dem Weg zum Glück schildert Kari Lessír gewohnt tiefgründig und berührend. Und so spüren wir ganz deutlich die tiefe innere Zufriedenheit, die uns erfüllt, wenn wir unseren weiblichen, nicht immer perfekten Körper annehmen und in voller Lebenslust zu uns selbst stehen.

Meinungen über das E-Book Plus Size für die Liebe - Kari Lessír

E-Book-Leseprobe Plus Size für die Liebe - Kari Lessír

Plus Size für die Liebe

Plus Size für die LiebeKapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtKapitel neunKapitel zehnKapitel elfKapitel zwölfKapitel dreizehnKapitel vierzehnKapitel fünfzehnKapitel sechzehnKapitel siebzehnKapitel achtzehnKapitel neunzehnKapitel zwanzigKapitel einundzwanzigKapitel zweiundzwanzigKapitel dreiundzwanzigKapitel vierundzwanzigKapitel fünfundzwanzigEpilogNachwortQindieÜber die AutorinWeitere Bücher der AutorinImpressum

Plus Size für die Liebe

Seelenreise #3

Roman

Kari Lessír

Kapitel eins

Mia

Kritisch musterte ich mich im Flurspiegel. Normalerweise versuchte ich, das zu vermeiden. Schließlich wusste ich, wie ich aussah – und wie ich mich kleiden musste, um meine deutlich zu üppige Sanduhr-Figur vorteilhaft zu verpacken. Aber heute, an meinem ersten Arbeitstag im Büro eines Fitnessstudios, konnte ich wohl nicht wie üblich mit einem seriösen Businesskostüm, kombiniert mit einer dezenten Bluse und mörderisch hohen High Heels punkten. Was zog man an einem solchen Arbeitsplatz an?

Meine beste Freundin Christiane, die mir den Aushilfsjob nach der Kündigung in der Anwaltskanzlei vermittelt hatte, hatte es als Trainerin einfacher: Für sie gab es eine einheitliche Uniform. Doch was war für mich angemessen – und wirkte zur gleichen Zeit attraktiv, ohne dass ich mir deplatziert oder overdressed vorkam?

Christianes Bemerkung gestern Abend, ich solle was Lässiges wählen, half mir auch nicht wirklich weiter. In meinem Kleiderschrank gab es nichts Bequemes, mit dem ich mich unter Menschen hätte zeigen können. Jeder sah auf den ersten Blick, dass ich zu viele Pfunde – knapp dreißig Kilo, um genau zu sein – mit mir herumschleppte und wo meine Problemzonen waren: an Bauch, Beinen und Po. Über die dramatische Oberweite dagegen war ich nicht traurig. Die wäre ein Geschenk gewesen, wenn ich denn einen Partner gehabt hätte.

Mit einem Seufzer drehte ich mich um mich selbst und begutachtete noch einmal das Outfit, für das ich mich entschieden hatte: schwarze Leggings, ein Rock, der die Knie bedeckte, ein Shirt, das meine Rundungen geschickt umschmeichelte, und eine Longweste, die – wie ich hoffte – von meinen Hüften ablenkte.

Wie konnte Christiane nur behaupten, ich hätte ein süßes Äußeres? Ich konnte nichts an mir erkennen, das nur im Entferntesten süß war. Höchstens die Süßigkeiten, die abends wie von allein in meinen Mund huschten und mir am nächsten Morgen regelmäßig ein weiteres Plus auf der Waage bescherten. Aber das meinte Christiane mit Sicherheit nicht.

Mit einem missmutigen Schnauben riss ich mich aus meinen Gedanken und von meinem kleinen kurvigen Gegenüber im Spiegel los. Mein Aussehen war in Ordnung und meine Rundungen dabei so geschickt wie möglich verpackt. Da ich zu meinem neuen Arbeitsplatz nicht mit dem Wagen fahren, sondern den knappen Kilometer zu Fuß gehen würde, schlüpfte ich in ein paar halbhohe Pumps mit Keilabsatz. Anschließend streifte ich einen Übergangsmantel über, schließlich waren die Temperaturen Ende September morgens schon recht kühl, und griff zu meinem Shopper, der farblich perfekt mit Mantel und Schuhen harmonierte. Wenn schon der Körper nicht so wollte wie ich, konnte ich mit dem richtigen Styling immer noch das Optimale herauskitzeln. Dazu gehörten für mich auch ein Make-up, das meine natürlichen Vorzüge betonte, und eine freche Frisur, die meine braunen, kurz geschnittenen Haare gekonnt in Szene setzte.

Ich war bereit.

Nun, so bereit, wie man in Anbetracht eines Aushilfsjobs nach einer Kündigung sein konnte. Trotzdem war ich guter Dinge, was mich selbst überraschte. Christiane hatte mir neulich erzählen wollen, dies bewirke meinEngel, der immer an meiner Seite und für mich da sei. Ich verdrehte die Augen, während ich die Wohnung verließ und mich auf den Weg machte. Christiane und ihre Engel! Nicht nur, dass meine Freundin schon immer einen persönlichen Engel gehabt hatte, von dem sie sich alles gewünscht und obendrein bekommen hatte. Nein, inzwischen konnte sie sogar die Engel anderer Menschen sehen und mit ihnen sprechen. Das ging mir definitiv zu weit. Ich mochte Christiane sehr und tolerierte ihren Engel-Spleen. Allerdings wollte ich nicht von ihr missioniert werden. Ich glaubte nicht daran, dass Engel uns Menschen unterstützten, sondern gestaltete mein Leben selbst. Damit war ich bisher gut zurechtgekommen und würde das auch in Zukunft tun.

Zu meinem Aushilfsjob hatte mir ein blödes Missgeschick verholfen, auch wenn Christiane das natürlich anders sah: Der Geschäftsführer des Fitnessstudios, in dem sie arbeitete, hatte vergangenes Wochenende einen Motorradunfall gehabt, direkt vor dem Unternehmen. Wie hieß es so schön: Sport ist Mord. In diesem Fall bestätigte sich die Redewendung, auch wenn der Mann genau genommen nicht tot war, sondern – so Christiane – nur schwer verletzt, und wahrscheinlich längere Zeit ausfallen würde. Aber die Buchhaltung und das Management würden betreut werden müssen, und da kam ich ins Spiel. Vorgestern hatte ich mir den Arbeitsplatz angeschaut, heute würde ich meinen ersten Tag im Studio verbringen – hinten im Büro, definitiv nicht vorne an den Fitnessgeräten! Allerdings musste ich mit dem Geschäftsführer noch ein paar offene Fragen klären, die mir Christiane nicht hatte beantworten können. Erst dann würde ich mich endgültig entscheiden.

Die Ampel am Gustav-Stresemann-Ring, einer der großen Einfallstraßen nach Wiesbaden, sprang auf grün und ich lief zügig los. Ja, ich freute mich auf meine neue Aufgabe. Endlich konnte ich wieder zeigen, was in mir steckte.

oOo

Mia

Laut juchzende Kinderstimmen empfingen mich, als ich das Fitnessstudio an der Mainzer Straße betrat. Doch sie verklangen schnell, sobald die Tür zur Kinderbetreuung wieder ins Schloss fiel. Wenn die Kleinen hier so viel Spaß hatten, während ihre Eltern trainierten, konnte das Studio nicht so schlecht sein, schoss es mir durch den Sinn. Trotzdem vermied ich es, über die Trainingsfläche zu schauen. Keinesfalls wollte ich all die schlanken muskulösen Körper sehen, die sich dort an den Geräten abrackerten.

»Angst vor der eigenen Courage?«, begrüßte mich Christiane hinter der Rezeption mit einem breiten Grinsen.

Ich verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Dass ich Sport konsequent vermied, weil ich mit meinem Übergewicht viel zu dick dafür war, war kein Geheimnis. Nur wollte ich hier und jetzt nicht darüber sprechen. Ich kannte schließlich Christianes Meinung dazu, die sich mit meiner überhaupt nicht deckte.

»Können wir nach hinten gehen?«, lenkte ich vom Thema ab.

Meine Freundin lachte leise auf. »Aber sicher. Lass mich nur gerade Susi bitten, das Ein- und Auschecken der Mitglieder zu übernehmen.«

Sie winkte einer Trainerin zu, die ihr zunickte und auf den Empfangsbereich zusteuerte.

»Gut schaust du aus«, meinte Christiane, als wir nebeneinander die Trainingshalle verließen und in den hinteren Bereich gingen, wo das Büro des Geschäftsführers direkt neben den Umkleiden lag. »Ich hatte schon befürchtet, du würdest im Businesskostüm hier aufkreuzen.«

Das meinte sie jetzt nicht ernst? Nein, tat sie auch nicht: Ich entdeckte ein freches Glitzern in ihren Augen. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Ich freue mich, dass du da bist. Das ist alles.« Sie zögerte kurz, dann blickte sie mich mit ernstem Ausdruck an. »Ich bin unendlich erleichtert, dass du gestern Abend zu uns gekommen bist und dich mit Patrick ausgesprochen hast. Deine schlechte Meinung von ihm hat mich sehr belastet. Genau wie deine Erwartung, ich solle mich zwischen dir und meinem Freund entscheiden.«

Schmerzlich verzog ich das Gesicht. Wenn ich daran zurückdachte, wie energisch ich in den letzten Wochen alles dafür getan hatte, dass Patrick aus dem Schuldienst entfernt wurde – wegen eines angeblichen Kindesmissbrauchs, den er in Wahrheit nie begangen hatte –, drehte sich mir jetzt noch der Magen um. Stur wie ein Ochse hatte ich mich allen Gesprächen und Argumenten verschlossen.

»Es tut mir so leid«, flüsterte ich. »Wie habe ich nur so verbohrt sein können … Mich bei ihm für all das Misstrauen und das Leid zu entschuldigen, das ich ihm mit meinen Anschuldigungen zugefügt habe, war das Mindeste, was ich tun konnte.«

Beschämt wandte ich die Augen ab und sah zu Boden. Doch Christiane schien mir mein Verhalten nicht mehr übelzunehmen. Sie zog mich kurz an sich, dann schloss sie die Bürotür auf und ließ mich eintreten. Durch die große Fensterfront an der Längsseite wirkte das Zimmer sehr hell, obgleich es durch die beiden über Eck stehenden Schreibtische, den Besucherstuhl sowie die Regale und Aktenschränke an den Wänden viel von seiner Leichtigkeit verlor.

Hier würde ich zweifellos Ablenkung finden, worüber ich sehr froh war. Wirklich geheuer war mir Christianes Freund nämlich immer noch nicht. Ein Mann, der behauptete, mit seinen Augen in die Seelen anderer Menschen blicken zu können. Ein kalter Schauer durchrieselte mich. Auch wenn ich an diesen übersinnlichen Kram nicht glaubte, war mir das alles unheimlich.

Ich startete den Computer des Geschäftsführers, zog die Schreibtischschublade auf und tippte das dort hinterlegte Computerpasswort in das Eingabefeld ein. Sobald der Rechner ganz hochgefahren war, öffnete ich das Mail-Programm und lud alle E-Mails herunter, die in den letzten Tagen eingegangen waren. Es waren weit über fünfzig Nachrichten, um die ich mich gleich kümmern würde.

»Die Post für Herrn Schumann habe ich dir hier ins Eingangskörbchen gelegt«, unterbrach mich Christiane in meinem Tun.

»Danke dir.« Ich warf einen Blick auf den Stapel Briefe, auf den Christiane deutete. Sie setzte ich gedanklich ebenfalls auf meine To-Do-Liste. Ich ließ meinen Blick über den Tisch streifen. Ob Herr Schumann eine Mappe zum Einsortieren der Unterlagen hatte? Oder wenigstens Einsteckhüllen? Ich würde mich gleich in seinem Schreibtisch und in den Schränken auf die Suche machen.

»Hat sich Herr Schumann eigentlich seit meinem letzten Besuch hier gemeldet?«, erkundigte ich mich.

»Nein. Soll ich ihn anrufen? Ist es dringend?«

»Ein paar Tage hat es schon noch Zeit …« Aber spätestens nächste Woche benötigte ich Antworten – und einen Vertrag für meinen Aushilfsjob. Ich konnte nicht einfach die Buchhaltung eines Unternehmens in die Hand nehmen, ohne damit offiziell beauftragt zu sein.

Christiane nickte. »Ich schaue, ob ich ihn erreichen kann.«

Damit verließ sie das Büro ihres Chefs, während ich meine Wasserflasche auspackte und mir etwas zu trinken einschenkte, bevor ich mich an die Papierpost und anschließend an die E-Mails machte. Es erfüllte mich mit Zufriedenheit, endlich wieder gebraucht zu werden. Und vor allen Dingen: in Eigenregie meiner Arbeit nachgehen zu können. Manche Anfragen blieben für mich unklar, sodass ich telefonisch bei den Absendern nachfasste, um mir ein Bild zu machen. Dabei informierte ich meine Gesprächspartner gleich über Herrn Schumanns Abwesenheit. Rechnungen wies ich an und verbuchte sie im System. Schließlich blieben nur noch zwei Briefe, über die ich mit dem Geschäftsführer des Studios sprechen musste. Alles lief perfekt und so ertappte ich mich gegen Mittag dabei, wie ich verträumt aus dem Fenster sah. Es war wirklich schön, hier zu sein. Niemals hatte ich gedacht, dass es mir Spaß machen könnte, in einem Fitnessstudio zu arbeiten. Aber das tat es. Schließlich saß ich im Back Office-Bereich und das unterschied sich nicht wesentlich von meiner bisherigen Arbeit. Das, was ich konnte und liebte, war endlich wieder gefragt.

Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Ich nahm das Gespräch entgegen.

»Hier ist Christiane. Ich habe Herrn Schumann in der Leitung«, erklang es an meinem Ohr.

»Wunderbar. Vielen Dank.«

Mit einem Klicken verschwand Christiane, und ich eröffnete das Gespräch mit diesem unbekannten Mann, für den ich mir ein gut gelauntes Lächeln ins Gesicht zauberte.

»Hallo Herr Schumann. Hier spricht Mia Kaiser, Ihre Vertretung.«

»Hallo Frau Kaiser«, antwortete eine Männerstimme leise und ein wenig nuschelnd. »Sie haben einige Fragen an mich?«

Sein Atem ging schwer, und seine Worte kamen abgehackt, fast ein wenig mühevoll durch die Leitung. Ich schluckte. Ich würde mich kurzfassen und schauspielern müssen, um mein Strahlen nicht zu verlieren.

»Danke, dass Sie mich zurückrufen, Herr Schumann. Ein paar Vorgänge sind mir nicht ganz klar. Und dann wäre da noch die vertragliche Seite unserer Zusammenarbeit.«

»Die Vorgänge …« Die Stimme meines Gesprächspartners brach ab. Dann holte er tief Luft. »Sind sie dringend?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich denke nicht. Wir können sicher auch nächste Woche darüber sprechen.« Wenn es Ihnen hoffentlich bessergeht, ergänzte ich im Stillen. »Nur wegen des Vertrages …«

»Lassen Sie bitte ein Schriftstück aufsetzen. Von einem Anwalt. Ich … ich schaffe das im Moment nicht. Die Schmerzen … die Medikamente …« Seine Stimme kippte weg. In meinem Bauch wuchs ein Klumpen voller Mitgefühl heran.

»Ich kümmere mich darum, Herr Schumann. Wie kann ich Sie erreichen, falls dazu Fragen auftauchen sollten?«

Er nannte mir seine Handynummer und auch das Krankenhaus, in dem er lag. Damit ich ihm den Vertrag samt der heute nicht besprochenen Unterlagen vorbeibringen könne. Ich zögerte. Einen vollkommen fremden Mann im Krankenhaus besuchen? Der Gedanke gefiel mir überhaupt nicht.

»Kann nicht jemand anderes die Sachen hier im Studio abholen und Ihnen bringen? Ihre Familie? Oder Freunde?«, fragte ich unsicher nach.

Ein keuchendes Geräusch. Ein Husten? Oder ein Lachen? »Bitte, machen Sie es nicht unnötig kompliziert. Wir … arbeiten zusammen. Zumindest vorübergehend.«

Ich gab mich geschlagen. »Na, schön. Wenn Sie darauf bestehen, komme ich, sobald ich alles beisammen habe.«

»Und bringen Sie … die Post zum Unterschreiben mit«, ergänzte er, bevor wir uns verabschiedeten. Für einen Moment starrte ich den Hörer an. Was für ein seltsamer Mann. Er klang ziemlich am Ende seiner Kräfte. Die Lücken zwischen seinen Antworten waren während unseres Telefonats immer länger geworden, seine Stimme immer leiser und rauer. Und dennoch gab er Anweisungen und setzte seinen Kopf durch. Ich seufzte. Einmal Geschäftsführer, immer Geschäftsführer.

Nach einem Schluck Wasser und einem Sandwich aus meiner Brotbox beschloss ich, meine Anwältin anzurufen, die mich erfolgreich mit Abfindung und Freistellung aus meinem letzten Arbeitsverhältnis herausgeboxt hatte. Sie würde auch für den Aushilfsjob den passenden Vertrag entwerfen, sodass ich ihn Herrn Schumann vorbeibringen konnte. Ins Krankenhaus. Ich schüttelte den Kopf, öffnete das Telefonbuch meines Handys und wählte die Nummer der Kanzlei.

oOo

Mia

»Wenn du noch einen Moment wartest, ist meine Schicht auch zu Ende«, meinte Christiane zu mir, als ich zu ihr an die Rezeption in der Trainingshalle trat und den Büroschlüssel zurückgab. Ich warf einen Blick auf die große Wanduhr. Es war Viertel vor drei.

»Du könntest in der Zwischenzeit auf eines der Fitnessfahrräder steigen. So lange du hier arbeitest, kannst du bei uns kostenlos trainieren«, sagte sie unschuldig.

»Wie stellst du dir das vor?« Entgeistert wies ich auf meinen engen Rock und die Pumps.

»Bring beim nächsten Mal einfach ein paar Wechselklamotten und ein Handtuch mit. In meinem Spind findet sich auch für deine Sachen noch ein Plätzchen.«

»Nein, danke! Ich arbeite hier. Da tauge ich nicht zur Lachnummer des gesamten Betriebs.«

»Mia, wie oft soll ich dir noch versichern, dass dich hier niemand verspotten wird? Du bist keinesfalls zu übergewichtig, um Sport zu machen. Falls es dich beruhigt: Bei uns trainieren sogar wirklich korpulente Mitglieder mit einem Gewicht von über hundertfünfzig Kilogramm. Es kommt auf die richtige Zusammenstellung des Programms an, und dafür sind wir Trainer bestens ausgebildet.«

Warum verstand sie mich nicht? Ich war dick. Das sagte mir mein Spiegel jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeihuschte. Da konnte mir Christiane noch so oft das Gegenteil erzählen. Ich wusste es besser.

»Lass es, Christiane. Ich will nicht.«

»Schon in Ordnung. Ich wollte dich lediglich darauf hinweisen, dass du die Gelegenheit hast, vollkommen unverbindlich und ohne Vertragsbindung in ein gesundheitsorientiertes Fitnesstraining hineinzuschnuppern.«

Meine Augenbrauen wanderten nach oben.

»Okay, ich höre ja schon auf«, rief sie amüsiert aus. »Wie war übrigens dein Telefonat mit Herrn Schumann? Konnte er deine Fragen beantworten?«

»Nicht wirklich. Ich bin noch ratloser als zuvor«, erwiderte ich trocken.

Sie wurde wieder ernst. »Tatsächlich?«

Ich schilderte ihr das Gespräch. »Und jetzt soll ich ihm allen Ernstes die Unterlagen ins Krankenhaus bringen. Dabei kennen wir uns noch nicht mal.«

»Wo ist das Problem?«

Ich runzelte die Stirn. »Ich kann doch keinen wildfremden Mann im Krankenhaus besuchen. Privat fände ich das schon deplatziert, aber er ist mein Chef!«

»Und?«

»Ich bitte dich. Im Krankenhaus liegt man in einem Bett und ist …« Ich suchte nach dem passenden Wort. »… nicht richtig angezogen. Stell dir vor, er hat nur so ein OP-Hemdchen an und ist vielleicht noch verkabelt oder halbnackt. Vielleicht platze ich gerade bei einer Untersuchung rein oder … naja, du weißt schon.«

Sie kicherte. »Du meinst, wenn er auf der Bettpfanne sitzt.«

Mir wurde heiß, weil wir uns noch immer in aller Öffentlichkeit über den Rezeptionsdesk hinweg über ein derart intimes Thema unterhielten.

»Das ist peinlich, Christiane!«, zischte ich.

»Du steigerst dich da in was rein, Mia.« Sie schüttelte den Kopf. »Krankenzimmer haben eine Tür, an die du klopfst und auf das kleine Wörtchen Herein wartest. Ich glaube nicht, dass Herr Schumann auf dem Gang liegt.«

»Mach dich nur lustig über mich. Mir ist das unangenehm. Jemanden im Krankenhaus zu besuchen, hat für mich etwas Privates. Das mache ich nur bei guten Freunden oder meiner Familie.«

»Der Vorschlag kam doch von ihm, oder?«

Ich nickte.

»Dann zerbrich dir nicht den Kopf. Dann sollte dein Besuch für ihn in Ordnung gehen. Und wenn nicht, wird er es dir schon sagen. Herr Schumann hält normalerweise nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg. Er sagt, was Sache ist.«

»So klang er eben am Telefon nicht. Eher verwirrt und nicht ganz Herr seiner Sinne. Und genau das ist der Punkt: In diesem Zustand empfange ich keinen Besuch.«

»Du vielleicht nicht, aber für Herrn Schumann geht es um seinen Betrieb. Da hängt sein Einkommen davon ab … und wir Mitarbeiter. Es ist etwas anderes, selbständiger Unternehmer zu sein als nur eine Angestellte in einer Firma.«

Unsere Blicke trafen einander.

»Lass es auf dich zukommen, Mia. Aber streich den Begriff Besuch aus deiner Vorstellung. Das ist ein Geschäftstermin. Eher so was wie ein Vorstellungsgespräch unter besonderen Umständen. Er kennt dich nicht. Er möchte wissen, wem er sein Unternehmen anvertraut.«

Das klang plausibel. Zögernd nickte ich. »Damit magst du recht haben.«

»Du packst das. Als Businessfrau bist du großartig. Kopf hoch.«

Jetzt lächelte ich wieder. »Dann werfe ich mich in eins meiner Businesskostüme. Steht er auf so was?«

Christiane verdrehte die Augen. »Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? Wir sind hier in einem Fitnessstudio und nicht in einer Anwaltskanzlei. So wie heute siehst du prima aus. Es geht um deine Arbeit. Alles andere steht nicht zur Diskussion.«

»Alles andere?«, fragte ich irritiert nach.

»Du weißt schon, was ich meine.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Und das wäre?«

»Mensch, Mia. Privates.«

»Das ist ja wohl eher dein Ding«, erwiderte ich spitz und erinnerte mich an ihre Kurzaffäre mit Rico, den sie hier im Studio kennengelernt hatte – sehr zum Ärger ihres, nein, unseres gemeinsamen Chefs.

»Schnee von gestern«, winkte sie mit einem Schmunzeln ab. Wir beide hatten Rico ziemlich schnell als falschen Fünfziger enttarnt – und damit den Platz frei gemacht für ihre große Liebe Patrick. So glücklich, wie sie jetzt gerade wirkte, mussten ihre Gedanken in eine ähnliche Richtung gehen. Doch von einer Sekunde zur nächsten krümmte sie sich zusammen und stieß zischend die Luft aus.

»Verdammt«, keuchte sie.

»Christiane!«, rief ich erschrocken und eilte um die Rezeption herum an ihre Seite. »Was ist los? Geht’s dir nicht gut? Hast du Schmerzen?«

»Es ist nichts«, wehrte sie ab.

»Nichts? Entschuldige bitte, ich glaube dir kein Wort.«

Mühsam richtete sie sich auf und atmete mehrmals tief durch, während ich kurzerhand die Herausgabe der Schlüssel und Mitgliedsausweise an die Trainingsgäste übernahm. Bislang hatte sie sich darum gekümmert.

»Hast du das öfter?«, fragte ich.

»Nein. Das war eben das erste Mal«, murmelte sie gedankenverloren, als spräche sie zu sich selbst.

»Du solltest zum Arzt gehen und dich durchchecken lassen.«

»Nein, es ist alles in Ordnung, Mia. Es geht schon wieder.«

Ich musterte sie aufmerksam. Sie sah noch immer blass aus und wirkte verkrampft. Irgendwas verschwieg sie mir. Aber der Empfangsbereich des Fitnessstudios war nicht der richtige Ort, weiter in sie zu dringen. »Ganz bestimmt?«

Sie nickte und lächelte zaghaft. »Ja. Ich zieh mich nur schnell um, und dann können wir gehen.« Sie eilte in den Personalraum, während ich den Empfang weiterbetreute, bis mich die Spätschicht ein paar Minuten später ablöste.

Christiane hielt etwas zurück. Dessen war ich mir hundertprozentig sicher. Dafür kannten wir uns zu lange und zu gut.

Kapitel zwei

Christiane

Irgendetwas war nicht in Ordnung mit ihr, davon war Christiane überzeugt. Seit gestern hatte sie immer wieder ein merkwürdiges Gefühl, ganz so, als sei sie nicht sie selbst. Doch am erschreckendsten war der Anfall eben an der Rezeption gewesen. In Mias Beisein! Mia, die Gute, hatte ihr natürlich helfen wollen. Deswegen war sie ja auch ihre beste Freundin. Aber wie hätte sie ihr erklären sollen, was vor sich ging? Christiane wusste es ja selbst nicht genau. Irgendetwas überfiel sie wie aus heiterem Himmel. Eben gerade waren es Schmerzen gewesen, die sie zwar körperlich empfunden hatte, die aber – wenn sie in sich hineinspürte – nicht wirklich zu ihr gehörten. Das hörte sich vollkommen verrückt an, dennoch war es genau so. Christiane hatte das Gefühl gehabt, als hätte ihr jemand ein Messer ins Herz gerammt. Dabei hatte sie sich nur mit Mia unterhalten – und hin und wieder ihre Gedanken zu Patrick schweifen lassen. Wie konnte sie dabei solche Schmerzen empfinden? Konnte man mit zweiunddreißig Jahren einen Herzinfarkt bekommen? Vielleicht hatte ihr Mia deswegen empfohlen, sich von einem Arzt durchchecken zu lassen. Aber es war Mittwochnachmittag. Es hätte bedeutet, in die Notaufnahme eines Krankenhauses fahren zu müssen. Christiane schüttelte energisch den Kopf. So schlimm konnte es nicht um sie stehen, sonst ginge es ihr jetzt nicht wieder gut. Sie beschloss, später darüber nachzudenken, wenn es überhaupt notwendig wäre. Vielleicht würden diese seltsamen Attacken genauso plötzlich wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht waren.

Christiane packte ihre Trainerbekleidung in die Sporttasche, schloss den Spind und verließ den Personalraum.

»Alles okay?«, fragte Mia und musterte sie mit einem besorgten Blick, als sie zu ihr in den Wartebereich kam.

Christiane verdrehte die Augen. »Natürlich. Mir geht’s prima.«

Mia erhob sich aus dem Loungechair. »Wollen wir? Magst du noch mit zu mir kommen? Auf einen Kaffee?«

»Tut mir leid. Ein anderes Mal gerne.« Heute würde es ihr reichen, gemeinsam bis zur Bushaltestelle zu laufen. Sie wollte alleine sein.

Mia lächelte und nickte, auch wenn Christiane klar war, dass ihre Freundin ihr die Unbekümmertheit nicht abnahm. Dafür kannten sie einander schon zu lange und zu gut. Trotzdem spielte sie mit. Bis zum Wartehäuschen plauderten sie scheinbar unbekümmert miteinander. Dann verabschiedeten sie sich. Mia ging ohne sie weiter, während Christiane zurückblieb und auf den Bus wartete.

Nur wenige Sekunden später erstarrte sie. Flüssiges Eis breitete sich in ihrem Körper aus. Sie keuchte auf. Ihr Herz flatterte aufgeregt in ihrem Brustkorb, als wollte es jeden Moment ausbrechen. In ihren Ohren rauschte es, sodass sie kaum noch etwas von ihrer Umgebung wahrnahm. Auch nicht den beständig an ihr vorbeifließenden Straßenverkehr auf einer der Haupteinfallstraßen in die Wiesbadener Innenstadt. Nach Kurzem kam sie wieder zu sich – und sah direkt in die Augen eines Busfahrers, der sie vom Fahrersitz durch die geöffnete Bustür musterte. Konnte er ihr ansehen, wie durcheinander sie war?

Hoffentlich nicht, dachte Christiane, warf einen Blick auf die Buslinie, stieg ein und drückte sich mit einem gezwungenen Lächeln an dem Mann vorbei, ohne ihn anzusehen. Eigentlich war es ja positiv, dass er sich Gedanken über sie zu machen schien. Aber gebrauchen konnte sie das nicht.

Erst die Schmerzen, jetzt das Erstarren. Was ging hier vor sich?

Christiane lief durch den Bus nach hinten, setzte sich auf einen rückwärtsgewandten Einzelplatz, um in Ruhe nachdenken zu können, und schloss die Augen.

Ein Bild tauchte in ihrem Kopf auf: Patrick in der Schule, umringt von seinen Schülern, bis ihn ein etwa mannshoher Wirbelwind ergriff und aus ihrer Mitte trug. Das Bild verblasste. Für einen Moment hielt Christiane die Luft an, alle Muskeln angespannt. Die Vision war eine Botschaft ihres Engels; das kannte sie aus der Vergangenheit.

›Ylo’omzak?‹, erkundigte sie sich im Stillen. ›Bist du in meiner Nähe?‹

›Wo sollte ich sonst sein?‹, hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf, eindeutig amüsiert.

›Du hast dich noch nie in der Öffentlichkeit an mich gewandt.‹

›Nun, es bot sich gerade eine günstige Gelegenheit. Aber ich kann auch gerne wieder verschwinden, wie du das so schön formulieren würdest.‹

›Nein, nein‹, versicherte sie ihm. ›Jetzt, wo du da bist, möchte ich gerne wissen, was dein Hinweis zu bedeuten hat.‹

›Kannst du dir das nicht denken?‹

Sie zögerte kurz. ›Willst du mir allen Ernstes weismachen, dass meine seltsamen Zustände mit Patrick zu tun haben?‹

›Genau das will ich dir sagen.‹

›Aber wie ist das möglich?‹

›Denke nach. Was hast du gerade gesehen?‹

Mit zusammengezogenen Augenbrauen ließ sie die Bilder noch einmal in ihrer Erinnerung ablaufen.

»Patrick«, murmelte sie gedankenverloren und ließ sich treiben.

›Und? Was noch?‹, hakte Ylo’omzak nach.

»Nein!«, rief sie aus. Das konnte nicht sein.

Mit einem Keuchen richtete sie sich auf – und blickte sich verstohlen im Bus um, doch niemand schien auf sie zu achten. Wahrscheinlich war es fast schon normal, laut in der Öffentlichkeit Selbstgespräche zu führen. Sie könnte ja mit jemandem telefonieren.

Christiane presste ihre Sporttasche an die Brust und sah aus dem Fenster, während sie sich erneut auf den Austausch mit Ylo’omzak konzentrierte.

›Willst du mir zu verstehen geben, dass ich Patrick gespürt habe? Dass er es war, der eigentlich die Schmerzen und dieses eiskalte Entsetzen erlebt hat?‹

›Treffender hätte ich es nicht formulieren können. Ich bin zufrieden mit dir.‹

›Verdammt noch mal! Wir sind doch nicht in der Schule‹, maulte sie im Stillen. Dabei hatte sie einfach nur Angst vor dem, was ihr Engel ihr hier gerade eröffnete.

›Du meinst, ich spüre die Seelenverbindung auch? Genau wie Patrick?‹

›Da ihr Seelenpartner seid und eine gemeinsame Aufgabe in diesem Leben habt, lautet meine Antwort: Ja.‹

Sie schüttelte den Kopf. Patrick hatte immer betont, nur er habe diese Gabe. Nur er sei mit einer Frau auf diese besondere Weise verbunden, sobald er Sex mit ihr gehabt hatte. Und jetzt stellte sich heraus, dass es ihr nicht anders erging? So was Blödes, schoss es ihr durch den Sinn.

Ylo’omzak ließ sich davon nicht beirren. ›Im Augenblick empfindest du die Seelenverbindung als Last, weil Patrick sie dir so geschildert hat. In Wahrheit jedoch ist sie ein Geschenk.‹

›Ein Geschenk?‹, keuchte sie innerlich auf.

›Sie ermöglicht es euch, miteinander zu kommunizieren, auch wenn ihr nicht zusammen seid. Denn das werdet ihr nicht immer sein.‹

›Das wird ja immer schöner‹, stöhnte sie.

›Ihr seid Seelenpartner, kein schlichtes Liebespaar.‹

Jetzt reichte es. »Aber ich liebe ihn!«, rief sie aus. Es war ihr egal, dass sie im Bus saß. Diese Worte mussten ausgesprochen werden, sodass jeder sie hören konnte. Nicht nur Ylo’omzak.

›Ich weiß‹, erwiderte ihr Engel mit sanfter Stimme. Wahrscheinlich wollte er sie beruhigen, aber danach stand ihr gerade nicht der Sinn.

›Allerdings musst du wissen‹, fuhr er fort, ›eine Seelenpartnerschaft geht weit über eine Liebesbeziehung hinaus. Ihr lernt voneinander und wachst aneinander. Und habt außerdem eine gemeinsame Aufgabe.‹

›Und jetzt noch diese Seelenverbindung‹, murrte sie erneut.

›Du kannst deinem Weg nicht ausweichen.‹

»Ich weiß«, seufzte sie. Ihre Gedanken überschlugen sich, während die Bandansage des Busses die Haltestelle ankündigte, an der sie aussteigen musste. Einem Roboter gleich erhob sie sich und tappte zum Ausgang. Ihre Vorstellung von einer normalen Liebesbeziehung löste sich mit jedem Tag weiter auf. All diese Besonderheiten, dieses Außergewöhnlichsein, das Patrick und sie miteinander verband, wollte sie nicht – weder jetzt noch in der Vergangenheit. Niedergeschlagen lief sie den kurzen Weg nach Hause. Wie sollte sie mit dieser neuen Herausforderung zurechtkommen? Ob sie tatsächlich ab sofort jedes Gefühl von Patrick wahrnehmen würde? Angst, Sorgen, Ärger und nicht zuletzt auch positive Emotionen wie Freude und Lust? Wie sollte sie damit umgehen? Wie seine Gefühle von ihren trennen?

Sie würde mit Patrick sprechen müssen und ihm alles erzählen. Er würde wissen, wie sie sich zu verhalten hatte. Schließlich lebte er schon sein ganzes Leben mit dieser Fähigkeit.

›Das Wichtigste ist, dass du eure Verbindung als etwas Positives wahrnimmst‹, schaltete sich Ylo’omzak wieder in Christianes Kopf ein.

»Was soll denn daran gut sein?«, brummte sie.

›Es kommt immer darauf an, was du aus den Dingen machst. Die Wertung kommt von dir. Das ist deine Sicht der Dinge. Die Seelenverbindung selbst ist grundsätzlich neutral.‹

»Was schlägst du vor?«

›Betrachte sie als ein weiteres Band zwischen Patrick und dir, das euch über Zeit und Raum vereint.‹

Einen kurzen Moment hielt Christiane inne, spürte den Worten ihres Engels nach, dann schloss sie die Haustür auf und betrat das Treppenhaus.

»Moment!« Erst jetzt begriff sie die volle Tragweite der ganzen Sache. Nicht sie hatte fast einen Herzinfarkt erlitten und war in flüssiges Eis getaucht worden, sondern Patrick.

Hatte er ihr nicht versichert, der Vorwurf des Kindesmissbrauchs wäre vom Tisch? Und er sei vollständig rehabilitiert? Nur deswegen hatte sie sich auf diesen ganzen Wahnsinn eingelassen, als sie endlich mit ihm geschlafen hatte. Aber weiterhin auf Sex zu verzichten, war keine echte Option gewesen. Dafür liebte sie ihn zu sehr. Sie hatte sich das volle Paket von ihrem Engel gewünscht – und es bekommen. Sogar mit einem Bonus, den sie gar nicht bestellt hatte. Was mochte Patrick erlebt haben? Beunruhigt stieg sie die vier Etagen bis zu ihrer Wohnung hoch.

oOo

Christiane

Am späten Nachmittag hörte Christiane endlich die Tür zur Nachbarwohnung ins Schloss fallen. Sie richtete sich auf ihrem Diwan auf, der aus zwei aufeinandergestapelten Matratzen bestand, über die Decken und Tücher gebreitet waren. Richtig gemütlich wurde er aber mit den vielen bunten Kissen, die überall an der Wand lehnten und zum Anschmiegen und Hineinlümmeln einluden. Und zum Nachdenken, wenn man neue Hinweise seines Engels zu verdauen hatte.

Aber jetzt war Patrick zurück, und damit war anderes wichtiger. Ihr war gleichgültig, ob er gerade seine Ruhe brauchte oder nur seine Sachen abstellte, um anschließend zu ihr zu kommen. Sie wollte sofort mit ihm sprechen. Also erhob sie sich, ließ Musik und Licht an und zog lediglich ihre Wohnungstür hinter sich zu.

Es dauerte einen Moment, bis Patrick ihr auf ihr Klingeln hin öffnete. Sein Blick wirkte verschlossen, den Mund hatte er zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Er zögerte kurz, als wollte er etwas sagen, dann trat er zur Seite und ließ sie hinein.

Christiane ging ebenso wortlos in Patricks Küche, einen der beiden möblierten Räume in seiner Wohnung. Nur das Arbeitszimmer war ebenfalls eingerichtet, während Wohn- und Schlafzimmer – bis auf eine Matratze auf dem Boden – leer waren. Sie stützte sich mit beiden Händen auf der Arbeitsplatte ab und fragte sich, ob es richtig war, jetzt sofort über ihr Erlebnis zu sprechen, aber für sie war es ganz entscheidend. Und vielleicht würde es auch ihm helfen, wenn er in Worte fasste, was ihm widerfahren war.

Sie drehte sich um und heftete ihren Blick auf ihn. Noch immer trug er seine Alltagskleidung für die Schule: eine dunkle Jeans und ein Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Auch den Haaren hatte er noch keine Aufmerksamkeit gewidmet; sie zeigten deutlich die Abdrücke des Fahrradhelms. Das genügte ihr als Bestätigung, um zu wissen, wie aufgewühlt er war.

»Ich habe heute Nachmittag zweimal gespürt, dass es dir nicht gut geht“, meinte sie.

Patrick erstarrte, griff nach einem Stuhl und ließ sich darauf nieder. »Du …« Seine Stimme versagte.

»Ja, auch bei mir ist die Seelenverbindung aktiviert«, bestätigte sie. Nur ungern erinnerte sie sich an die Anfälle, die sie im Studio und an der Bushaltestelle übermannt hatten. Sie zwang sich, im Hier und Jetzt zu bleiben und sich ganz auf Patrick zu konzentrieren.

Er schloss für einen Moment die Augen, dann sah er sie aufmerksam an. »Wie hast du das gemerkt?«

Sie atmete tief durch, dennoch zitterte ihre Stimme ein wenig. »Mir ist gestern schon aufgefallen, dass irgendetwas anders als sonst ist. Aber richtig überfallen haben mich deine Emotionen heute Nachmittag.«

»Das tut mir leid«, meinte er zögerlich.

»Das muss es nicht. Wir sind Seelenpartner, da scheint es dazuzugehören. Zumindest hat mir das Ylo’omzak so vermittelt, als ich nicht mehr weiterwusste.«

»Das mag sein«, murmelte er, in Gedanken versunken. »Ich hatte diese Gabe schon immer … ohne irgendeine Erklärung dafür bekommen zu haben.«

Seine Worte ließen ihre Hoffnung schwinden, dennoch sprach sie sie aus: »Du hast doch bestimmt über die Jahre eine Art Gebrauchsanleitung entwickelt. Wie gehe ich mit dieser Seelenverbindung um? Es kann ja nicht sein, dass ich jedes Mal zusammenzucke oder mich vor Schmerzen krümme, wenn es dir nicht gut geht.«

Ihre Stimme war laut, fast schrill geworden. Sie fühlte sich hilflos – trotz der Tipps ihres Engels. Sie brauchte Patricks Unterstützung, seine Liebe und seinen Trost. Doch im Augenblick saß er mit hängenden Schultern auf dem Küchenstuhl und schien genauso überfordert zu sein wie sie. Endlich straffte er sich, erhob sich und zog sie in seine Arme. Dankbar schmiegte sie ihren Kopf an seine Schulter und genoss die Nähe zu ihm. Ihre Anspannung nahm langsam ab.

»Mir hat es geholfen, die Gefühle von außen zu betrachten«, meinte er. »Dafür musste ich allerdings erst unterscheiden lernen, welche Emotionen von mir und welche von meiner jeweiligen Partnerin stammten.«

»Und das funktioniert?« Skeptisch hob sie den Kopf.

»Für mich schon. Meine Emotionen sind klar, bunt und sehr lebendig. Die fremden wirken für mich eher gedämpft, wie durch einen Filter abgemildert. Sie sind verwaschener und diffuser.«

Wieder bildete sich ein Klumpen in ihrem Bauch. Das klang so einfach – und war es doch nicht. Zumindest nicht für sie.

»So genau, wie du das beschreibst, konnte ich das heute Mittag nicht trennen. Bei mir kamen deine Emotionen überaus heftig an. Sie haben mich regelrecht überrollt. Mir blieb jedes Mal fast die Luft weg.« Sie dachte an Mia und den Busfahrer, die ihr sehr deutlich angesehen hatten, dass mit ihr in diesem Moment etwas nicht stimmte. »Ich wollte schon zum Arzt gehen, weil ich befürchtete, einen Herzinfarkt zu haben.«

Patrick strich ihr durch die Haare. »Ich spüre deine Angst, jetzt in diesem Moment, … und deine Unsicherheit. Nur heute Mittag war ich so mit mir beschäftigt, dass ich nichts davon mitbekommen habe.« Sie konnte den Frust darüber aus seiner Stimme heraushören.

»Ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass ich nicht in Erwägung gezogen habe, auch bei dir könnte sich die Seelenverbindung zeigen. Sonst hätten wir früher schon mal darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, wenn sie aktiv ist.«

Christiane hob den Kopf von seiner Brust.

»Bist du allwissend?«, neckte sie ihn.

Er lachte leise auf. »Nein, natürlich nicht.«

»Dann hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Wie kann ich denn nun lernen, damit umzugehen?«, bohrte sie nach.

Er stieß den Atem aus und zuckte mit den Schultern. »Dafür kann ich dir leider kein Rezept anbieten. Ich habe so lange experimentiert, bis ich meinen Weg gefunden hatte.«

»Das ist nicht wirklich hilfreich«, stöhnte sie und ließ die Schultern hängen.

»Ich weiß.« Er strich ihr über den Rücken. »Wichtig ist nur, dass dich meine Emotionen nicht belasten. Halte sie aus deinem System heraus.«

 »Hm«, brummte sie und erinnerte sich nur ungern daran, mit welcher Wucht Patricks Gefühle sie vorhin überrollt hatten. Sie brauchte dringend eine Methode, wie sie sich in solchen Momenten verhalten sollte. Aber offensichtlich würde sie sich später damit auseinandersetzen müssen. Ohne ihn. Außerdem gab es Wichtigeres zu klären.

Sie setzte ihm den Zeigefinger auf die Brust. »Jetzt will ich allerdings wissen, was bei dir los war. Was hat dich derart entsetzt, dass es mich fast umgeworfen hat?«

Patrick verkrampfte sich augenblicklich. »Es mag naiv von mir gewesen sein anzunehmen, dass alle Kollegen so verständnisvoll auf mein Coming-out reagieren würden wie der Schulleiter. Er hatte sich am Montag hundertprozentig hinter mich gestellt und auch meine Gabe akzeptiert. Allerdings mit dem Auftrag, sie nur noch in Absprache mit den Eltern einzusetzen. Das hätte ich auch nicht mehr anders gehandhabt.«

Er sah über Christiane hinweg in die Ferne und seine Stimme klang tonlos. »Aber einige Kollegen empfinden offensichtlich anders. Es ist mir schon gestern aufgefallen, dass sie mir aus dem Weg gehen und mir komische Blicke zuwerfen.« Er lachte rau auf. »So lange ich stotterte und definitiv ein Sonderling war, behandelten sie mich tolerant. Seit ich mein Verhalten begründet habe und mich wie jeder andere gebe, bin ich für sie ein Aussätziger.«

»Meinst du wirklich?« Sie zweifelte an seiner Begründung; so einfach war die Welt doch nicht.

Er nickte. »Leider. Ich habe heute Nachmittag nach Unterrichtsschluss meinen Kollegen Stefan, mit dem ich mich bislang ganz gut verstanden habe, zur Seite genommen und gefragt. Die Antwort hat mich eiskalt erwischt und mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Aus jedem seiner Worte sprach nackte Angst. Und Vorurteile. Ich versuchte, mit ihm zu reden, aber sein Urteil stand fest. Unverrückbar, wie ich befürchte. Schade.«

»Ach, Patrick«, seufzte Christiane. Jetzt verstand sie seinen Schmerz – und die Emotionen, die sie überrollt hatten.

Er straffte sich und wandte ihr wieder den Blick zu. »Trotzdem ist es wunderbar, nach der Achterbahnfahrt der letzten Wochen endlich wieder zu unterrichten. Vor der Klasse zu stehen und auf jedes einzelne Kind einzugehen, hat mir so unendlich gefehlt. Meinen Beruf habe ich zurück. Alles andere wird sich klären. Irgendwie und irgendwann.« Seine Stimme brach ab und machte Wehmut Platz.

»Hattest du Beistand bei dem Gespräch?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Es war nur eine informelle Unterhaltung … unter Freunden, wie ich dachte.«

»Das meinte ich nicht, Patrick. Hattest du deine Engel oder zumindest deinen Drachen um Unterstützung gebeten?«

Mit großen Augen sah er sie an, dann senkte er den Blick. »Ich war so verletzt und darauf fixiert, Antworten zu bekommen, dass ich alleine vorgeprescht bin. Mein Drache Ximaio hat mich deswegen schon angeraunzt.«

»Weil er ohne deine Bitte um Hilfe nicht eingreifen kann«, flüsterte sie ihm zu.

»Ja«, brummte er eindeutig missmutig. »Ich weiß auch nicht, warum ich das schon wieder vergessen habe.«

Christiane umfasste seine Wange mit ihren Händen. »Auch als Drachenreiter und Botschafter der Seelen steckt im Alltag immer noch der alte Patrick in dir. Der Eigenbrötler, der niemanden an sich heranlässt und niemanden braucht.«

»Aus deinem Mund klingt das absurd.«

»Ist es das nicht auch, zumindest ein bisschen, nachdem du in den letzten beiden Wochen eine intensive Ausbildung bei Alma, der Schamanin, erhalten hast?«, fragte sie ihn liebevoll. »Noch ein paar Mal auf die Nase fallen und du wirst wissen, dass es besser ist, mit deinen himmlischen Begleitern zu agieren.«

»Vielleicht sollte ich es mir zur Angewohnheit machen, mich jeden Morgen nach dem Aufwachen mit ihnen zu verbinden. Mit Ximaio sollte das problemlos klappen. Nur zu den Engeln bekomme ich noch keinen rechten Kontakt.«

»Doch, den hast du. Du kannst sie nur noch nicht hören und mit ihnen sprechen. Sie empfangen aber dich und sind für dich da, wenn du sie darum bittest.«

»Woher weißt du das so sicher?«, fragte er und klang halb zweifelnd, halb neugierig.

»Ich erhalte ihre Botschaften für dich. Gerade eben haben sie mir signalisiert, dass es genau so ist, wie ich es dir weitergegeben habe.«

Patrick sah sie zweifelnd an.

»Die Verbindung zu den Engeln ist meine Gabe«, erinnerte Christiane ihn.

»Ja, eigentlich weiß ich das.«

»Du musst nicht alleine die Welt erobern. Oder retten. Du hast Hilfe. Du musst sie nur anfordern“, bekräftigte sie.

»Ja, verdammt noch mal«, rief er schließlich aus und fügte leiser hinzu: »Der Alltag hat mich nachlässig werden lassen. Ich bin wieder in alte Gleise zurückgefallen. Ab sofort werde ich mich morgens mit Ximaio und den Engeln verbinden … und meinen energetischen Schutz aktivieren. Den habe ich heute morgen auch vergessen.«

Christiane lauschte einen Moment, dann lächelte sie und meinte: »Die Engel sagen, du sollst nicht so streng mit dir sein.«

»Ich werde es versuchen«, brummte er.

Sie schmiegte sich an ihn. »Weißt du, was ich jetzt brauche?«

»Ich vermute, dasselbe wie ich.« Endlich blitzte wieder Leben in seinen Augen auf.

Christiane war erleichtert. Eng umschlungen verließen sie seine Wohnung und betraten ihre, in der sie sich unter den zarten Klängen aus dem Wohnzimmer ihren Sehnsüchten und deren Erfüllung hingaben.

Kapitel drei

Daniel

»Warum hörst du mir nicht zu? Ich weiß nicht, wohin mit unserem Sohn. Ich habe fest mit dir gerechnet. Ich finde so kurzfristig niemanden, bei dem Paul ein ganzes Wochenende verbringen kann.«

Es gab Zeiten, da hatte Daniel Schumann die helle Stimme seiner Ex-Frau und ihren leichten französischen Akzent geliebt, der nur dann zu hören war, wenn sie aufgebracht war. So wie jetzt, als sie an seinem Krankenbett stand und ihn wütend anblitzte. Natürlich war sie damals noch nicht seine Ex, sondern seine große Liebe gewesen, mit der er hatte alt werden wollen. Aber heute, mit all den Schmerzmitteln intus, die den Aufruhr im Becken und im rechten Unterschenkel auf ein einigermaßen erträgliches Level dämpften, bohrten sich ihre Worte wie eine übergroße Schraube in seinen Schädel.

»Claire …«, murmelte er und wusste doch, dass er sie so nicht erreichen, geschweige denn besänftigen konnte.

»Hättest du nicht besser aufpassen können? Du immer mit deinen waghalsigen Motorradstunts. Ich werde definitiv nicht auf mein Weiterbildungswochenende verzichten. Wir hatten ganz klar abgesprochen, dass du mich dabei unterstützt. Schließlich stehe ich seit der Scheidung wieder voll im Beruf. Da ändert das bisschen Kindesunterhalt nichts daran. Du kannst mir glauben, dass es nicht einfach ist, den ganzen Tag zu arbeiten und dabei ein Kind großzuziehen. Alleine.«

Er legte einen Arm über die Augen, als ob das gegen die aufkommenden Kopfschmerzen helfen würde. »Es war ein Unfall, Claire. Ich bin … auf dem Weg zur Arbeit ausgerutscht … und mit dem Motorrad unter einen Laster geraten.« Hatte er ihr das nicht schon einmal gesagt? Über den letzten Tagen lag ein dichter Schleier aus Schmerzen und Schmerzmitteln. Er sah Gesichter und hörte Stimmen, aber alles war diffus und ungenau.

»Wenn du erwartest, dass ich Mitleid mit dir habe, muss ich dich enttäuschen. Ich bin stinksauer, weil du mich so hängen lässt! Seit Anfang der Woche telefoniere ich mir die Finger wund, um eine andere Betreuung für Paul zu finden, aber niemand hat Zeit.«

Sie verzog das Gesicht, das – selbst mit vierzig – immer noch makellos aussah. So wie alles an seiner Ex-Frau.

»Und komm mir nicht mit meinen Eltern, Daniel. Das Elsass liegt für ein Weiterbildungswochenende, das von Samstagmorgen bis Sonntagabend geht, zu weit entfernt. Schließlich muss der Junge am Montagmorgen wieder in die Schule. Ausgeschlafen.«

Allmählich fiel es ihm schwer, sich auf Claire zu konzentrieren. Die Physiotherapie heute Morgen hatte ihn nach zehn Minuten Anwendung für anderthalb Stunden in den Tiefschlaf geschickt. Und direkt nach dem Aufwachen: Claires Vorwürfe. Es war ja nicht so, dass er sie nicht verstand und ihr nicht gern geholfen hätte. Aber er lag nach einem schweren Motorradunfall im Krankenhaus, und Pauls Papa-Wochenenden waren damit gestrichen. Was sollte ein Siebenjähriger von Freitagnachmittag bis Sonntagabend im Krankenhaus? Eine Antwort darauf wollte nicht in seinen Kopf. Wenn wenigstens sein Verstand wieder normal arbeiten würde, aber er war noch immer ziemlich matschig.

»Wir finden eine Lösung«, murmelte er. »Es ist ja noch eine Woche hin.«

»Ich nehm’ dich beim Wort, Daniel. Du hast aufgrund des gemeinsamen Sorgerechts Paul gegenüber auch Pflichten, nicht nur Vorteile.«

»Claire, bitte …«

Sie hängte sich ihre Handtasche über, die sie beim Betreten des Zimmers auf einem Stuhl abgestellt hatte. Hoffentlich ging sie jetzt. Merkte sie nicht, wie viel Kraft sie ihn kostete? Seine Augenlider begannen zu flattern, dann senkte sich Ruhe über ihn.

oOo

Mia

Heute, zwei Tage nach meinem Arbeitsbeginn im Fitnessstudio, war es soweit: Mein Krankenhaus-Vorstellungsgespräch bei Herrn Schumann stand an, und mir war entsprechend mulmig zumute.

Vor der Rezeption des Studios drehte ich mich noch einmal um die eigene Achse, damit mir Christiane ihre Zustimmung – oder Ablehnung – zu meiner Kleiderwahl signalisieren konnte.

»Und?«, fragte ich meine Freundin. »Hop oder Top?«

Sie lachte. »Als ob Herr Schumann darauf achten würde, was du trägst. Er braucht dich. Selbst wenn du in Lumpen kämst, würde er dich nicht wegschicken.«

Ich wollte schon aufbrausen – ›Lumpen!‹ –, als Christiane den Kopf schüttelte.

»Du siehst wunderbar aus in deinem Kleid und den Stiefeln. Mach dich bitte nicht so verrückt. Es ist lediglich ein Geschäftstermin, der zufällig an einem ungewöhnlichen Ort stattfindet.«

Ich seufzte. »Ich weiß, und trotzdem bin ich schrecklich nervös. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.«

»Ihr besprecht deinen Arbeitsvertrag, und du klärst die offenen Fragen, bei denen dir bislang niemand weiterhelfen konnte. Das ist schon alles«, sagte Christiane beruhigend und legte mir eine Hand auf den Arm.

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. »Du hast recht. Ich habe alle Unterlagen dabei, auch die Vertragsentwürfe, die ich heute Morgen bei meiner Anwältin abgeholt habe. Es kann nichts schiefgehen.«

»Genauso ist es. Kopf hoch, du packst das.«

Ich nickte ihr zu. Dann straffte ich meine Schultern und griff nach dem prall gefüllten Shopper. Ich war bestens vorbereitet und würde auch diesen Termin wie so viele vor ihm meistern. Meine Unsicherheit hatte hier nichts zu suchen. Auch ohne Businesskostüm war ich eine beruflich erfolgreiche Frau. Ich benötigte keine Hülle, um mich davon zu überzeugen. Mit meinen fünfzehn Jahren Berufserfahrung machte mir so schnell niemand etwas vor. Ich wusste, professionell aufzutreten – selbst wenn der Geschäftstermin an einem Krankenbett stattfand. Mit einem unbekannten Mann.

Verdammt noch mal! Reiß dich zusammen, forderte ich mich auf. Von mir selbst genervt, wandte ich mich um und marschierte zum Ausgang des Studios.

»Meldest du dich später?«, rief mir Christiane nach.

»Selbstverständlich erstatte ich Bericht, wie es eurem Chef geht«, meinte ich und drückte die Tür des Windfangs auf.

»Unserem Chef«, hörte ich noch hinter mir, bevor die Tür zufiel und ich zum Auto ging. Heute war mein fahrbarer Untersatz unerlässlich – bei zwei Außenterminen vor und nach der Arbeit im Studio. Deswegen hatte ich die Gelegenheit genutzt, meine Kurven in ein Outfit zu verpacken, von dem ich wusste, dass ich damit in jedem Fall attraktiv wirkte. Das Auge isst bekanntlich mit, selbst bei Geschäftsterminen.

oOo

Mia

Nervös faltete ich bereits zum dritten Mal den Zettel auf, auf dem ich mir die Zimmernummer von Herrn Schumann notiert hatte, um ja im Krankenhaus an der richtigen Tür anzuklopfen. Nicht auszudenken, wie peinlich das würde, wenn ich jemand Wildfremden mit meinen Fragen belästigte. Nun gut, auch Herr Schumann war mir im Augenblick unbekannt, was ja genau mein Problem war. Ich empfand es als äußerst unangenehm und – trotz Christianes moralischer Unterstützung – als extrem schwer, meinem Arbeitgeber ausgerechnet im Krankenhaus zum ersten Mal gegenüberzutreten. Ich hätte mich gar nicht erst auf dieses ›Machen Sie es nicht unnötig kompliziert. Wir arbeiten zusammen.‹ einlassen dürfen, mit dem er mich am Telefon überredet hatte, aber jetzt war es zu spät. Ich fröstelte.

Eine Schwester eilte an mir vorbei.

»Entschuldigung«, bat ich um ihre Aufmerksamkeit.

Kurz hielt sie inne und sah mich an. »Ja?«

»Ist das das Zimmer von Herrn Schumann?«

»Der Motorradunfall? Ja, das stimmt.«

»Danke.«

Mit einem Nicken lief sie weiter, während ich tief durchatmete, den Shopper an mich presste, mich straffte – und endlich an die Tür klopfte. Hörte ich ein Herein? Nichts. Ich pochte erneut. Wieder keine Reaktion. Schlief Herr Schumann? Sollte ich wieder gehen? Mist, verdammter! Genauso hatte ich mir die Situation in meiner Fantasie ausgemalt. Was sagten die Businessknigge? Platzte man als Mitarbeiterin in das Krankenzimmer des Chefs einfach so herein – oder besser nicht? Und wie war das als Noch-nicht-Mitarbeiterin? Erhöhten sich die Chancen, angestellt zu werden – oder verringerten sie sich, wenn man den Chef aus dem Schlaf riss? Christianes Worte kamen mir wieder in den Sinn. Er hatte mich ins Krankenhaus bestellt, und Herr Schumann war nicht im üblichen Sinn mein Vorgesetzter; ich war seine Krankheitsvertretung und machte seinen Job. Also konnte ich auf alle Knigge dieser Welt pfeifen und nach meinem eigenen Gutdünken vorgehen – und das schrie Alarm! Am liebsten wäre ich weggerannt.

Angsthase, schallt ich mich und drückte kurzerhand die Klinke herunter. Langsam tastete ich mich ins Zimmer vor, bis ich einen Blick auf das einzelne Krankenhausbett und den Mann darin werfen konnte. Er hatte den Kopf abgewandt, sodass ich nur dunkelblonde kurze Haare erkennen konnte.

Ich Glückspilz, dachte ich mit einem Anflug von Sarkasmus, da lerne ich meinen neuen Arbeitgeber kennen, und er schläft.

Ich räusperte mich und sagte halblaut in den Raum hinein: »Herr Schumann? Hier ist Mia Kaiser.«

Leise schloss ich die Tür hinter mir, blieb aber am Eingang des Zimmers stehen.

»Ich kann auch ein anderes Mal wiederkommen, wenn …«

Ich registrierte, wie er den Kopf schüttelte. Seine Hände strichen über die Bettdecke und sein höher gelagertes Bein zuckte leicht.

»Nein, ist schon in Ordnung … Ich muss eingeschlafen sein.« Endlich sah er mich aus überraschend hellen Augen an. »Frau Kaiser, ich freue mich, Sie endlich persönlich zu treffen.«

Er fuhr sein Kopfteil ein wenig nach oben und streckte mir dann die Hand entgegen. Erleichtert kam ich auf ihn zu und schüttelte sie.

»Ich auch«, erwiderte ich.

»Bitte nehmen Sie sich doch einen Stuhl.«

»Danke.« Ich tat wie geheißen, ließ mich nieder und fühlte mich noch immer befangen. Ein wenig Halt gaben mir die Unterlagen, die ich aus dem Shopper genommen und auf meinen Schoß gelegt hatte. Dass er mich unentwegt ansah, machte es für mich nicht leichter. Im Gegenteil. Seine Augen, die zwischen Eisgrau und pudrigem Himmelblau zu changieren schienen, nahmen mich gefangen und stellten merkwürdige Dinge mit meinem Magen an. Nervös presste ich die Mappe an meinen Bauch und leckte mir die trockenen Lippen.

»Frau Kaiser, ich bin Ihnen wirklich ausgesprochen dankbar, dass Sie so spontan für mich eingesprungen sind«, meinte er jetzt mit einem kleinen Lächeln, das nur einen Sekundenbruchteil in seinem bleichen, eingefallenen Gesicht aufblitzte, und mehreren Pausen zwischen den Worten, als würde es ihn anstrengen zu sprechen. »Ohne Sie …«

Ich räusperte mich.

»Na ja«, wiegelte ich ab, weil mir das doch ein bisschen zu dick aufgetragen war. »Ich habe gerade Zeit, und die Tätigkeiten liegen mir. Es passt also gut.«

»Sie sind von Ihrem bisherigen Arbeitgeber freigestellt«, präzisierte er.

Ich zog die Augenbrauen hoch und wollte schon fragen, ob er ein Problem damit habe, als er hinzufügte: »Zum Glück für mich.«

Verdutzt schaute ich ihn an. Christiane hatte recht. Der Mann war direkt.

»Ich bin erleichtert, dass Sie das so sehen. Entsprechend musste meine Anwältin beim Vertrag etwas tricksen, damit ich trotz der Freistellung von meinem alten Job für Sie arbeiten und vor allen Dingen auch ein Gehalt beziehen kann.«

»Das hatte ich gehofft.«

Ich zog die beiden Vertragsentwürfe aus dem Packen Unterlagen und reichte sie ihm, damit er sie sich durchlesen konnte. Mehrmals ließ er sie sinken und hob sie wieder an, kniff die Augen zusammen und presste eine Hand an die Schläfe.

»Stimmt etwas nicht mit dem Vertrag?«, fragte ich schließlich besorgt nach und rutschte nach vorne auf die Stuhlkante.

»Nein, soweit ich den Text verstehe, ist alles okay.« Er zögerte. »Nur leider liegt genau da die Schwierigkeit. Ich habe so viele Medikamente intus, dass mir das Denken schwerfällt.«

Sein Blick blieb auf mir ruhen. »Ich werde Ihrer Anwältin … und Ihnen vertrauen müssen.«

Ich schluckte. Ein solches Eingeständnis hatte ich nicht erwartet, auch wenn mir natürlich schon seit unserem Telefonat klar war, dass es sich genauso verhielt. »Soll ich Ihnen die Zusammenhänge kurz erklären?«

Er nickte. Täuschte ich mich oder bekamen seine Wangen tatsächlich einen Hauch Farbe? Schämte er sich etwa? Ich ließ mir nichts anmerken und tat, worum er mich gebeten hatte.