Poison Princess - Der Herr der Ewigkeit - Kresley Cole - E-Book

Poison Princess - Der Herr der Ewigkeit E-Book

Kresley Cole

4,4
8,99 €

oder
Beschreibung

Wen der Tod liebt, den vergisst er niemals …

Von Jack betrogen, gefangen in einer Welt des Verderbens, nimmt Evie ihre Gabe und ihr wahres Wesen an. Doch womit sich die Herrscherin nicht abfinden will, ist das grausame Spiel, das sie und die anderen Arkana verbindet. Sie findet Verbündete in ihrem Kampf, doch sie trifft auch auf ihren erbittertsten Gegner – den schönen wie geheimnisvollen Tod, den Herrn der Ewigkeit. Evie hängt immer noch an Jack, aber mit dem Tod, das spürt sie, verbindet sie eine weit in die Vergangenheit reichende Geschichte – und eine ebenso alte Schuld. Und der Tod vergisst nie …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 505




DIE AUTORIN

Foto: © Deanna Meredith Studios

Kresley Cole lebt mit ihrem Mann in Florida. Mit ihrer paranormalen Serie Immortals after Dark eroberte sie die Bestsellerlisten und wurde mehrfach ausgezeichnet. Poison Princess ist der Auftakt ihrer ersten Jugendbuchserie.

Von Kresley Cole sind außerdem bei cbt erschienen:

Poison Princess (Band 1)

Kresley Cole

Poison

Princess

Der Herr der Ewigkeit

Aus dem Englischen

von Katja Hald

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Für meine geliebte Familie.

Ihr seid mein größtes Glück.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe März 2015

© 2013 by Kresley Cole

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Endless Knight.

The Arcana Chronicles« bei Simon & Schuster, Children’s Publishing Divisions, a trademark

of Simon & Schuster, Inc., New York.

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe

by cbt Verlag in der Verlagsgruppe

Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Katja Hald

Lektorat: Christina Neiske

Umschlaggestaltung: Carolin Liepins,

unter Verwendung eines Bildes von Shutterstock

(© Vita Khorzhevska, afitz)

he · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-10152-7

www.cbt-buecher.de

Die Großen Arkana

In jedes düstere Zeitalter werden 22 Teenager mit übernatürlichen Kräften geboren, damit sie in einem Spiel um Leben und Tod gegeneinander kämpfen. Nur einer kann überleben. Die unheimlichen und symbolischen Karten der Großen Arkana des Tarotspiels erzählen ihre Geschichten.

Und sie werden wieder spielen … jetzt.

Das Schlachtfeld

Der Blitz, eine verheerende Sonneneruption, hat die gesamte Erdoberfläche zu Asche verbrannt und alle Gewässer verdunsten lassen. Die Pflanzenwelt und nahezu alle Tiere sind ausgerottet. Ein Großteil der Menschen, sehr viel mehr Frauen als Männer, kam ums Leben. Seit acht Monaten hat es nicht mehr geregnet.

Hindernisse

Milizen und Sklavenhändler haben sich verbündet und machen unerbittlich Jagd auf Frauen. Die Pest breitet sich aus. Die Zahl an Kannibalen wächst stetig. Nachts sind gefährliche Wiedergänger unterwegs, vom Blitz erschaffene Zombies, deren Biss ansteckend ist. Sie sind auf der Suche nach Flüssigkeit, vor allem Blut.

Feinde

Die anderen Arkana. In jedes dunkle Zeitalter werden zweiundzwanzig Teenager mit übernatürlichen Kräften geboren. Wir sind dazu bestimmt, in einem Spiel um Leben und Tod gegeneinander zu kämpfen. Unser Schicksal ist auf den Karten eines Tarot-Decks abgebildet. Ich bin die Herrscherin. In diesem Moment spielen wir wieder. Der Tod, amtierender Sieger der letzten Runde, wird niemals aufgeben, bevor nicht mein Blut sein Schwert benetzt.

Arsenal

Um ihn und die anderen zu besiegen, muss ich die Kräfte der Herrscherin einsetzen. Ich habe die Fähigkeit, extrem schnell zu heilen, und kontrolliere alles, was Wurzeln schlägt oder blüht. Ich kämpfe mit Dornentornados – und Gift. Ich bin die Prinzessin der Gifte …

1

Tag 246 n. d. Blitz

Requiem, Tennessee

Vorgebirge der Smoky Mountains

Das hier ist mein wahres Ich …

Jackson taumelte nach hinten und bekreuzigte sich. Genau wie ich es vorausgesagt hatte.

Mit nur einer Geste hatte er mir das Herz gebrochen.

– Und doch könnte ich stolzer nicht sein, Herrscherin –, flüsterte die verführerische Stimme des Todes in meinem Kopf.

Ich hörte ihn so deutlich, er musste ganz in der Nähe sein. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, keinen Grund mehr, in Furcht vor ihm zu leben. Gib gut acht, Sensenmann, ich bin auf der Jagd.

Ein heiseres Kichern. – Dein Tod wartet. –

Ich begann zu lachen und konnte nicht aufhören.

Jackson wurde noch bleicher. Ich hoffte, er würde mich verlassen und die anderen drei mitnehmen. Fort von mir.

Andernfalls könnte die Herrscherin sie alle töten.

Etwas Nasses rann mir über die Wange. Eine Träne?

Regen.

Während Jackson und ich uns anblickten, fielen Tropfen zwischen uns hernieder.

Mein Lachen verstummte, als ich sah, wie er mein Haarband umklammerte. Seine zerschundenen Knöchel traten weiß hervor, als versuche er, das nette Mädchen festzuhalten, für das er mich bisher gehalten hatte.

Es war verschwunden, hatte einer Herrscherin Platz gemacht, die kampfbereit in den Überresten des Alchemisten stand. Mein rotes Haar fiel mir über die Wangen, und ich spürte, wie sich mein Gesicht zu einer fremden, drohenden Grimasse verzog.

Eigentlich hätte Jack in diesem Moment auf mich schießen müssen, aber die tödliche Armbrust hing noch immer über seiner Schulter.

Gemeinsam mit dem unheilvollen Nieselregen hatte sich ein Nebel in der Geisterstadt ausgebreitet, der alles verschwimmen ließ. Aus den Augenwinkeln nahm ich dennoch Bewegungen wahr. Ich riss den Blick von Jackson los und sah mich nach dem Rest unserer bunt gemischten Truppe um. Die anderen drei waren Arkana, genau wie ich.

Selena, Matthew und Finn.

Ich konzentrierte mich auf Selena, die ihren Bogen von der Schulter genommen hatte und einen Pfeil aus dem Seitenköcher zog.

Überrascht zog ich die Augenbrauen nach oben. Die Schützin wollte wohl nicht mehr länger damit warten, uns alle zu töten.

Sie spannte den Pfeil in den Bogen, woraufhin sich der wirbelnde Dornentornado über meinem Kopf enger zusammenzog. Die kleine Efeuranke neben meinem Gesicht schlängelte sich in ihre Richtung, bereit zuzuschlagen wie eine Viper.

»So ist das also, Schützin?« Meine Stimme war rau von den vielen qualvollen Schreien. Ich klang wie ein Filmbösewicht. Und fühlte mich auch so. Ich spürte die Hitze des Gefechts, von der Matthew schon früher gesprochen hatte. »Bringen wir es hinter uns?« Mein Körper war dabei, sich zu regenerieren, und ich fühlte mich erschöpft. Obwohl die Säureampullen des Alchemisten einen Teil meiner Kleider und auch meiner Haut zerfressen hatten, war ich noch bereit zu kämpfen.

Aber wie lange noch?

»Hey, Ladys, was geht denn hier ab?«, fragte Finn in seinem südkalifornischen Surfer-Slang. »Selena, warum zum Teufel zielst du auf Evie?«

Matthew murmelte: »Der Mond geht auf. Der Mond geht unter.«

Selena ignorierte sie beide. »Ich will dir nichts tun, Evie«, sagte sie, den Pfeil immer noch auf mich gerichtet. Auf ihrer makellosen Haut lag der rötliche Schimmer eines herbstlichen Vollmonds. Ihre langen silberblonden Haare umrahmten ihr Gesicht wie Mondlicht. »Aber solange du das Grünzeug hier nicht zurückpfeifst, werde ich mich verteidigen.«

»Ich erinnere mich jetzt an unsere Bestimmung, Selena.« Wir mussten uns gegenseitig töten. »Nenn mir einen guten Grund, dich nicht gleich umzubringen.« Ich gab den riesigen Eichen, die ich zuvor zum Leben erweckt hatte, ein Zeichen. Der Boden hinter Selena bebte, als die Wurzeln in ihre Richtung krochen, bereit, sie unter die Erde zu ziehen.

Meine Soldaten warteten nur auf meinen Befehl. Eine qualvolle Art zu sterben.

»Du brauchst mich«, sagte sie. »Du und ich und noch ein paar andere Karten könnten ein Bündnis schließen und den Tod vernichten. Für einen von uns allein ist er zu mächtig. Also kämpfen wir gemeinsam, bis wir ihn getötet haben, dann werden die Karten neu gemischt.«

»Und wenn ich Nein sage?«

Sie spannte ihren Bogen.

Je aggressiver ich wurde, umso heller leuchteten die Hieroglyphen, die sich auf meiner Haut ausgebreitet hatten. »Los, schieß auf mich, Selena! Ich will, dass du es tust. Die Wunde wird sofort heilen, und dann mach ich dich fertig.« Ich nahm den Mund ganz schön voll, dafür, dass ich mit jeder Sekunde schwächer wurde – und meine Soldaten mit mir.

Selena warf einen Blick über ihre Schulter. »Für so was haben wir jetzt keine Zeit. Eine Horde Wiedergänger ist auf dem Weg hierher. Und es sind so viele wie noch nie.« Seit der Apokalypse hatten wir es jede Nacht mit diesen blutrünstigen Zombies zu tun. »J.D. und ich«, sie deutete mit dem Kinn auf Jackson, »haben nur noch wenige Pfeile übrig. Um hierher zu kommen, mussten wir der Miliz einen Jeep stehlen. Freiwillig haben sie den nicht rausgerückt.«

Irgendwo da draußen in der Nacht hörte ich das schaurige Heulen der Wiedergänger. Es hörte sich zwar an, als ob sie noch ein gutes Stück entfernt wären, aber es mussten sehr viele sein.

»Außerdem sind uns seit Tagen andere Karten auf den Fersen«, fuhr Selena fort. »Sie wissen inzwischen, dass du einen Arkana getötet hast. Der Tod des Alchemisten wird sie hierher locken. Schon bald.«

Jacks Blick wanderte zwischen mir und Selena hin und her. Noch vor fünfzehn Minuten hatte er uns für zwei ganz normale Mädchen gehalten – so normal man in diesen Zeiten nach dem Blitz eben sein konnte.

Und nun stritten wir plötzlich darüber, ob wir uns gegenseitig töten oder doch lieber eine Karte umbringen sollten, die sich Der Tod nennt. Außerdem hatte Jack die Überreste des Alchemisten gesehen und wusste daher, dass ich gerade einen anderen Teenager buchstäblich in Stücke gerissen hatte.

Selena lockerte die Sehne ihres Bogens. »Wir sollten für heute Nacht einen Nichtangriffspakt schließen und zusehen, dass wir so weit wie möglich von hier wegkommen.«

»Ein Nichtangriffspakt, super Idee!«, rief Finn. »Los, hauen wir ab und sprechen später über alles. Bitte, Evie, sag, dass du meinen Truck noch hast.«

»Ich hab ihn, aber kein Benzin mehr.«

»Mist. Wir auch nicht. Dann müssen wir wohl zu Fuß gehen.«

Jackson reagierte nicht. Er sah völlig durcheinander und erschöpft aus. Auf seinem markanten Gesicht zeigte sich der Schatten eines Barts, seine Augen waren blutunterlaufen.

Die Hitze des Gefechts ließ langsam nach. Ich musste nicht länger gegen den übermächtigen Drang ankämpfen, die anderen Arkana zu vernichten. Vielleicht war mein Verlangen zu töten ja nur deshalb so übermächtig gewesen, weil ich die Herrscherin in mir so lange verleugnet hatte.

Es wäre tatsächlich ziemlich dumm von Selena, mich zu erledigen, solange der Tod noch am Leben war. Konnten wir wirklich ein Bündnis schließen? Ich brauchte Zeit, um meine Möglichkeiten zu überdenken.

»Schließen wir einen Nichtangriffspakt«, stimmte ich zu. »Für diese Nacht.«

Sie nahm den Pfeil aus dem Bogen und ließ ihn mit einer eleganten Bewegung in den Köcher gleiten. Ich verdrehte die Augen. Immer musste sie eine Show abziehen.

Jetzt, wo die Gefahr vorüber war, zog auch ich meine Streitkräfte zurück. Meine Klauen wurden wieder zu normalen Fingernägeln und der Dornentornado fiel zurück auf die Straße. Wie ein Schwarm sterbender Bienen stürzten die Stacheln zu Boden. Eine goldene Hieroglyphe auf meinem linken Unterarm, die drei Dornen zeigte, wurde zunächst grün und verschwand dann ganz.

Ich gab der Efeuranke, die mein Gesicht umspielte, einen Abschiedskuss, und sie kroch zurück unter die Haut meines rechten Arms, als würde sie unter Wasser tauchen. Das Zeichen mit der sich windenden Ranke leuchtete noch einmal kurz auf und verschwand. Mein rotes, mit Blättern geschmücktes Haar färbte sich blond, und auch meine grünen Augen nahmen wieder ihr normales Blau an.

Jackson war auf der Hut und verfolgte jede meiner Bewegungen und Reaktionen, als beobachte er ein wildes Tier. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Bei einem derartigen Anblick würde ich auch durchdrehen.

Schließlich hatte es mich selbst ja auch komplett aus der Bahn geworfen, als ich diese Verwandlung in Matthews Visionen zum ersten Mal gesehen hatte.

In dieser Nacht hatte Jackson erkennen müssen, dass die Welt nicht war, was sie zu sein schien. Und im Moment sah er aus, als wünsche er sich weit weg von hier.

Aber warum war er nicht abgehauen, wenn er Angst vor uns hatte – oder vor mir?

Bevor ich ihn danach fragen konnte, überkam mich ein Anfall von Schüttelfost. Mir wurde schwindelig. Die Regeneration raubte mir die letzten Kräfte. Es fielen nur wenige Regentropfen, aber die reichten aus, um mein Haar und die unbedeckten Stellen meiner Haut zu befeuchten. Ich humpelte los und suchte nach meiner Jacke. Ob mir noch Zeit blieb, das Leben aus den Eichen zu saugen und in mich aufzunehmen?

Sobald ich meine Klauen in ihre Rinde bohrte, konnte ich mich wie eine Spritze mit Energie vollsaugen. Aber dazu würde ich eine Weile brauchen. Es hatte Nachteile, Bäume als Waffen zu benutzen. Seit dem Blitz musste ich sie erst mit meinem eigenen Blut wiederbeleben. Außerdem konnte man solche Waffen nicht mit sich herumtragen.

Die anderen machten einen großen Bogen um die Lache, die einmal der Alchemist gewesen war, und folgten mir ins Haus. Oder was davon noch übrig ist … Die Szene bot einen surrealen Anblick. Obwohl das Haus in der Mitte gespalten war und Außenwände und Dach in sich zusammengebrochen waren, sahen Teile des Wohnzimmers noch völlig unberührt aus. Auf den Tischen lagen Spitzendeckchen, im Ofen brannte ein Feuer. Dem Haus war es ergangen wie mir: Noch am Morgen war alles in bester Ordnung gewesen, ein paar Stunden später war es bis auf die Grundmauern zerstört. Aber ich bin zum Teil auch immer noch die alte. Hoffe ich.

Jacksons Blick blieb an den tropfengroßen Brandlöchern auf dem Boden hängen. Dort hatte die Säure das gleiche Tupfenmuster hinterlassen wie auf meinem mit Blasen übersäten Bein. Wie Inseln zeichneten sich auf dem durchlöcherten Holz zwei perfekte Fußabdrücke ab.

Seine Augen wanderten vom Boden zu meiner heilenden Haut, und mir war klar, dass er zwei und zwei zusammengezählt hatte. Er wusste nun, was hier geschehen war. Dann hatte er sicher auch verstanden, warum ich den Alchemisten hatte umbringen müssen.

Auf einem Beistelltisch stand noch Arthurs nasser Kassettenrekorder, in dem die Kassette mit meiner Lebensgeschichte steckte. Ich hatte erst in dem Moment auf Stopp gedrückt, als er drohte, mir mit seinem Skalpell das Gesicht aufzuschlitzen …

Matthew, der so groß war, dass er auf mich herabschauen konnte, sah mich mit seinen großen braunen Augen vertrauensselig an. Er grinste. »Ich habe Evie vermisst. Die Herrscherin ist meine Freundin.«

Die unbändige Wut, die ich als Herrscherin verspürt hatte, war nahezu verschwunden. Hatte ich wirklich vorgehabt, den anderen etwas anzutun? Ich schämte mich für meine Gedanken.

Niemals könnte ich Matthew verletzen. Und damit konnte ich auch dieses Spiel nicht spielen.

Er legte den Kopf in den Nacken und hielt sein gerötetes Gesicht in den Nieselregen. Neun Monate hatte es nicht geregnet – allerdings hatte Matthew prophezeit, mit dem Regen würde alles Böse kommen.

Eine Gefahr nach der anderen.

»Wir müssen einen Unterschlupf suchen, Süßer. Am besten einen ohne Leichen, aber mit Dach.« Die Schmerzen in meinem Bein ließen mich aufstöhnen: »Hab ich noch Zeit, mir Energie aus den Eichen zu ziehen?«

Matthew wollte gerade antworten, da schrie Finn: »Nein! Wiedergänger!«

2

Wir rannten auf die Veranda. Die Schatten Dutzender Wiedergänger näherten sich dem Vorgarten. Ihre ledrige, vom Blitz verbrannte Haut sonderte einen übel riechenden Schleim ab.

»Wie sind die so schnell hierhergekommen?«, schrie Finn. »Es hörte sich doch an, als wären sie noch kilometerweit weg.«

»Wir haben uns durch den Nebel täuschen lassen.« Der Nebel lügt, Evie. Das hatte vor langer Zeit meine Großmutter zu mir gesagt.

Drei groß gewachsene Männer in Adidas-Trainingsanzügen führten den Tross an. Eine Zombie-Leichtathletik-Mannschaft? Direkt hinter ihnen torkelte eine knochige Frau in BH und Miederhose auf uns zu, einen einzelnen pinkfarbenen Lockenwickler in den fettigen Haaren. Es kamen noch mehr die Straße herauf geschlurft: ein Arzt in einem zerfledderten weißen Kittel, ein alter Mann im karierten Pyjama, ein Polizist, der einen Revolvergürtel um die magere Hüfte geschnallt hatte.

In ihren blassen, triefenden Augen war kein Anzeichen von Verstand zu erkennen. Seit der Blitz sie zu dem gemacht hatte, was sie waren, bestimmte allein der Durst ihr Handeln.

Selena rückte neben mich und spannte ihren Bogen. »Reicht ihnen der Regen denn nicht?«

Die Zombies kamen näher. »Sieht nicht so aus. Evie, greif mit deinen Bäumen an!« Prüfend schaute Selena mich an. »Verdammt! Deine Hieroglyphen sind schwächer geworden. Versuch’s trotzdem.«

Die Hieroglyphen leuchteten nur noch schwach? Ich hatte gelernt, was das bedeutete – meine Kräftereserven waren erschöpft, meine Herrscherinnen-Tankanzeige war auf null. Dennoch winkte ich gebieterisch mit dem Arm, damit die zwei gigantischen Eichen ihre Äste durch den Garten bewegten. Sie protestierten stöhnend und reagierten nur ganz langsam – als hätten sie Muskelkater. »Na los, macht schon!«

Sie schafften es, eine Reihe Wiedergänger zu treffen, die wie Kegel durch die Luft wirbelten.

»Verdammte Scheiße!«, schrie Finn. »Ich wusste ja, dass du sie zum Tanzen bringen würdest, aber der Anblick ist einfach …«

»Mère de Dieu«, hörte ich Jackson krächzen. Mutter Gottes. Es war das Erste, was er von sich gab.

Bevor ich erneut zuschlagen konnte, strömten weitere Wiedergänger in den Garten. Noch nie hatte ich so viele auf einmal gesehen, nicht einmal bei Matthew zu Hause, als ich ihn befreit hatte.

Trotz meiner Bemühungen, die Bäume unter Kontrolle zu bekommen, waren sie genauso schwach und schwerfällig wie ich. Sie schwankten sachte hin und her, kein Vergleich mit den wütenden Hydras, denen sie vorher geähnelt hatten.

Die Wiedergänger stürzten sich auf die Bäume wie Schakale, die über verletztes Wild herfallen, und kauten an ihren Gliedmaßen. Ich konnte jeden Biss spüren. Und schließlich … versagten meine Soldaten komplett. Als sie schlaff zusammensackten, schwankte ich, und Matthew fing mich auf und stützte mich.

Selena fluchte. »Wie bescheuert, deine ganze Energie zu verschleudern, du Idiotin!«

Keuchend stieß ich hervor: »Und das sagt diejenige, die nur noch einen einzigen Pfeil im Köcher hat?«

»Ladys«, brüllte Finn, »Zeit zu RENNEN!«

Selena und er rannten an mir vorbei hinter das Haus. Jackson folgte ihnen, riss im Laufen seinen Bogen vom Rücken und schoss drei Pfeile ab. Das Leichtathletik-Trio fiel um, die Pfeile ragten aus ihren Schädeln, aber Jackson zögerte, seine letzte Munition zu verfeuern.

Als er zu mir kam, verlangsamte er kaum das Tempo. Nachdem wir so viel Zeit miteinander verbracht hatten, erwartete ich fast, dass er mich am Arm packen und brüllen würde: »Beweg deinen Arsch, bébé!« Er warf mir einen finsteren Blick zu und schien einen Sekundenbruchteil zu zögern, bevor er mir bedeutete, vor ihm herzulaufen.

Ich griff nach Matthews Hand und lief humpelnd hinter das Haus, so schnell ich konnte.

Finn rief über die Schulter: »Hier sind noch mehr!«

Selena hatte sich mit gespanntem Bogen auf der hinteren Veranda in Stellung gebracht, obwohl sie ihren letzten Pfeil sicher nie benutzen würde. Das wie Mondschein glänzende Haar fiel ihr über die Schultern. »Hast du sonst noch irgendwelche Tricks auf Lager, Evie?«

Gegen Zombies taugten meine anderen Kräfte nicht. Gift wirkt nur bei lebendigen Wesen, und ein Dornentornado würde ihnen zwar die Haut zerfetzen, sie aber nicht töten. Möglicherweise könnte er sie aufhalten, aber meine Dornenhieroglyphe war dunkel. Mit erhobener Hand versuchte ich, die Dornen zu aktivieren. Der Asphalt vibrierte, als erwache ein Bienenschwarm zum Leben … dann Stille.

»Meine Kräfte sind aufgebraucht«, erklärte ich Finn. »Beschwöre eine Illusion herauf. Lass es aussehen, als würden wir in die entgegengesetzte Richtung laufen.«

»Meine Kräfte sind auch fast am Ende! Ich hab zwei Tage lang unseren Jeep versteckt, einen fahrenden Jeep! Und nicht mal der Cajun-Fahrer hat’s gecheckt. Aber ich versuch’s trotzdem.«

Er flüsterte mysteriöse Worte in seiner Magier-Sprache und die Luft um ihn herum erwärmte sich.

Schon bald waren wir unsichtbar und unsere fünf Trugbilder rannten die vordere Verandatreppe hinunter und davon. Die Wiedergänger, die uns schon fast erreicht hatten, folgten ihnen. Vorerst.

Unseren Geruch konnte Finn leider nicht verbergen.

Jackson schaute den Trugbildern verblüfft hinterher. »Da kommen noch mehr von diesen Widerlingen! Gleich haben sie das ganze Haus umstellt!«

Ich sah zur Kellertreppe.

Jackson bemerkte meinen Blick und rannte los, Selena hinterher. Auf ihr Winken hin folgte ich ihnen zusammen mit Matthew und Finn. Doch vor dem Labor sträubte sich auf einmal alles in mir. Finn griff an Matthew vorbei und gab mir einen Schubs. »Mach schon, Evie!«

Ich fuhr zu ihm herum. »Von dem letzten Jungen, der mich diese Treppe hinuntergestoßen hat, ist nur noch ein Schmutzfleck übrig.«

Mit großen Augen hob Finn die Hände. »Alles klar, Chica. Immer schön cool bleiben.« Er ließ eine neue Illusion entstehen, dieses Mal eine Laterne, die uns den Weg leuchtete.

»Mit ein bisschen Licht sieht doch alles gleich viel freundlicher aus.«

Jackson, der schon weiter unten auf der Treppe war, staunte nicht schlecht über diese Zauberei. Hatte er vorher nie etwas davon bemerkt? Wir waren uns einig, unsere Kräfte vor Nicht-Arkana geheim zu halten.

Geheim halten? Das war mir ja wohl besonders gut gelungen.

Jackson und Matthew mussten sich unter dem Türrahmen ducken. Sobald wir alle im Keller waren, schloss Jackson vorsichtig die Tür und schob einen Metalltisch davor.

Wir zogen uns tiefer ins Labor zurück, weg von der Tür, in Richtung der blutbespritzten Plastikplanen, die das Verlies abtrennten. Die anderen sahen sich zögernd um: Bunsenbrenner auf einem langen Stahltisch, Regale mit Glasgefäßen, in denen Körperteile schwammen. Der Boden war übersät mit Glasscherben und verschütteten Flüssigkeiten, alles Spuren meines Kampfes mit dem Alchemisten.

Schaudernd meinte Finn: »Das ist mit Abstand der gruseligste Ort, an dem ich je war. Als würde jeden Moment ein durchgeknallter Wissenschaftler auftauchen und uns auffordern, aus seinem Labor zu verschwinden.«

Das Schlimmste kommt noch.

Nun stieg uns auch der ranzige Geruch aus dem Verlies in die Nase. Finn hielt sich die Hand vor den Mund.

»Was zum Teufel ist das?«

»Eine Leiche«, antwortete ich tonlos. »Sie … verwest.« Ich fing wieder an zu zittern.

Matthew legte mir den Arm um die Schulter und ich drückte mein Gesicht in sein feuchtes T-Shirt.

Wie von einem Magneten gezogen, schlüpften Jackson, Selena und Finn an den blutbespritzten Plastikplanen vorbei ins Verlies.

Matthew führte mich zu einer Wand und schob mit dem Schuh die Scherben zur Seite. Wir setzten uns auf den kalten Boden. »Du weißt, was dahinten ist, richtig?«, fragte ich ihn.

»Ein Hauklotz. Abflussrinnen. Knochensägen und Hackbeile. An der Wand hängen verrostete Fußfesseln.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich sehe weit.« Er hatte mir schon Visionen aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft gezeigt – von Arkana und Nicht-Arkana.

Einmal hatte er aber auch zu mir gesagt, die Zukunft gleiche Wellen oder Wirbeln und sei nur schwer vorherzusagen. »Wusstest du, dass ich den Alchemisten töten würde?«, fragte ich ihn.

Matthew schüttelte den Kopf. Er wirkte nicht ganz so verwirrt wie sonst. »Ich sehe weit, aber nicht alles.« Er griff nach meiner rechten Hand und tippte auf das neue Mal. »Ich war mir sicher, dass du dieses Zeichen holst.«

Offenbar zeigten die Symbole in diesem kranken Spiel eine Art Punktestand an.

Ich meinte zu hören, wie im Verlies jemand tief Luft holte. Wie mochte dieser Ort auf die anderen wohl wirken? Würde ihnen klar werden, was ich durchgemacht hatte, wenn sie die angekettete Leiche sahen?

Wäre ich früher zu Arthur gekommen, hätte ich dieses Mädchen vielleicht retten können. Ich legte den Kopf in den Nacken und starrte an die niedrige Decke. Wie viele mochten in der Welt da draußen wohl noch in Ketten liegen und auf ihre Befreiung warten …?

3

Finn stolperte als Erster aus dem Verlies. Er hielt sich die Hand vor den Mund. »Mir kommt gleich alles hoch.« Er würgte, konnte sich aber gerade noch zurückhalten.

Selena kehrte mit ausdruckslosem Gesicht zurück. Schweigend setzte sie sich auf einen der Arbeitstische.

Dann tauchte Jackson wieder auf. Er schien seine Wut kaum zügeln zu können. Gewalt gegen Frauen verabscheute er, auch wenn er seine Fäuste sonst selbst ganz gerne gebrauchte.

Er ging zu dem Tisch, der die Tür verbarrikadierte, und glitt am Tischbein entlang zu Boden. Wollte er die Barrikade mit seinem Körper zusätzlich sichern? Oder hatte er sich einfach nur einen Platz im Raum gesucht, der möglichst weit von mir entfernt war?

In seinem Frust und Zorn erinnerte er an einen Tiger, der rastlos durch seinen Käfig streift – ein eingesperrtes Tier, ohne Möglichkeit zur Flucht.

Ich versuchte, mich in seine Haut zu versetzen. Was würde ich tun, wenn er mir plötzlich eine ganz andere, übernatürliche Seite offenbart hätte? Mir war klar, was für einen Anblick ich bot, wenn meine Kräfte im Kampf sichtbar wurden. Meine Albträume von früheren Herrscherinnen hatten immer das blanke Entsetzen in mir ausgelöst. Wie konnte es ihm da anders ergehen?

Wir hörten über uns ein Schlurfen, dann ein lautes Krachen, als ob die Möbel umgeworfen würden. »Sie sind wieder da«, flüsterte ich. Die Wiedergänger waren uns auf der Spur.

Wir starrten zur Decke. Jackson und Selena hoben ihre Waffen.

Wie viele waren es? Würde der verwesende Leichnam des Mädchens unseren Geruch überdecken?

Ein paar endlos erscheinende Herzschläge lang saßen wir völlig regungslos da, dann hörten wir, wie sie weiterzogen. Jackson und Selena ließen ihre Waffen wieder sinken.

Mit einem erleichterten Seufzer setzte sich Finn zu Selena. Er war ganz offensichtlich noch immer total in sie verknallt, aber sie warf ihm nur einen wütenden Blick zu.

»Ich gehe mal davon aus, dass wir noch eine Weile hierbleiben«, fing er an, »und ich hätte da noch ein paar Fragen. Zum Beispiel: Warum habt ihr beide euch benommen, als wolltet ihr euch gegenseitig umbringen? Dabei seid ihr doch die letzten beiden heißen Girls, die hier noch rumlaufen, wenn ich das mal so sagen darf.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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