Polaris - Jack McDevitt - E-Book
Beschreibung

Die Luxus-Raumjacht Polaris startet mit einer exklusiven Passagiergruppe ins All, von wo sie jedoch nie zurückkehrt. Suchmannschaften finden sie schließlich menschenleer im All treibend. Was ist mit den Menschen passiert? Jahre später werden die persönlichen Gegenstände der Vermissten auf einer Auktion versteigert und Alex Benedict, der bekannte Archäologe und Antiquitätenhändler, kann sich einige der Stücke sichern. Dann geht alles ganz schnell: Zuerst zerstört eine gewaltige Explosion einen Großteil der Sammlung. Kurz darauf wird ein Attentat auf ihn verübt. Jemand scheint mit allen Mitteln zu versuchen, die Wahrheit über die Polaris zu unterdrücken. Alex beschließt, diese Wahrheit zu enthüllen, ganz gleich, wie weit er dafür durchs All reisen muss und ganz gleich, wie hoch das Risiko ist ... Die weiteren Abenteuer von Alex Benedict bei beBEYOND: Die Legende von Christopher Sim. Die Suche. Das Auge des Teufels. Echo. Firebird. Apollo. eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:658

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit

Sammlungen



Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

Danksagung

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Epilog

Über den Autor

Jack McDevitt gehört zu den führenden SF-Autoren unserer Zeit. Seine Werke waren schon oft für den »Nebula«- und »Hugo-Award« nominiert. So schillernd wie seine erfunden Welten ist auch seine eigene Vita: McDevitt war Marineoffizier, Taxifahrer, Motivationstrainer und Zollbeamter, um nur einige seiner ausgeübten Berufe zu nennen. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in Georgia, USA.

Jack McDevitt

POLARIS

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Frauke Meier

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstveröffentlichung

Originaltitel: Polaris

© 2004 by Cryptic, Inc.

© für die deutschsprachige Ausgabe 2006 by

Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Rainer Schumacher/Ruggero Leò

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München unter Verwendung einer © Arndt Drechsler, Regensburg

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-1736-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Bob Carson,den besten Geschichtslehrer der Welt

Danksagung

Dank schulde ich David DeGraff von der Alfred University und Walter Cuirle für die technische Unterstützung; Christopher Schelling für seine Geduld und Ralph Vincinanza für viele Jahre der Ermutigung. Athena Andreadis, deren beeindruckendes Buch To Seek Out New Life (Three Rivers Press, 1998) sehr hilfreich war; und Michael Shara, dessen hervorragender Artikel When Stars Collide (Scientific American, November 2002) mir eine Inspiration für den Aufbau geliefert hat. Ginjer Buchanan für die redaktionelle Unterstützung. Julie E. Czerneda und Maureen McDevitt, die mir bei den frühen Versionen des Manuskripts geholfen haben. Und Sara und Bob Schwager für ihre wertvollen Einsichten.

Prolog

I.

Es sah nicht mehr aus wie eine Sonne. Als sie vor ein paar Tagen angekommen waren, war Delta Karpis ein gewöhnlicher Stern der Klasse G gewesen, der ruhig und friedlich mit seiner Planetenfamilie durch die endlose Tiefe trieb, wie er es schon seit sechs Milliarden Jahren getan hatte. Nun jedoch war er eine Art missgestalteter Sack, der von einer unsichtbaren Hand durch die Nacht geschleift wurde. Seine Masse schien unter dem Druck der Gezeiten zusammengeschrumpft zu sein, und aus dem Flaschenhals auf der schmalen Seite des Sacks schoss ein Strom radioaktiven Gases hervor, der sich über Millionen von Kilometern zog und den angeschlagenen Stern mit einem glühenden Punkt in der Dunkelheit verknüpfte.

Einem Punkt. Chek Boland betrachtete ihn lange Zeit und staunte, dass etwas, das so klein war, dass es im Grunde unsichtbar war, zerstörerisch genug sein konnte, eine Sonne buchstäblich zu verformen.

»Bisher habt ihr noch gar nichts gesehen«, verkündeten die Astronomen auf den anderen Schiffen. »Es hat noch nicht einmal angefangen.«

Boland richtete seine Aufmerksamkeit auf Klassner. »Noch neun Stunden, Marty«, sagte er. »Showtime.«

Klassner saß auf seinem Lieblingsstuhl, dem graugrünen neben dem Beistelltisch, die Augen blicklos auf das Schott gerichtet. Nach einer Weile blinzelte er und drehte sich zu Boland um. »Ja«, erwiderte er. Und dann: »Showtime? Wofür?«

»Die Kollision.«

Klassner trug den verwirrten Gesichtsausdruck zur Schau, den sie in jüngster Zeit allzu oft zu sehen bekamen. »Werden wir mit etwas zusammenstoßen?«

»Nein. Der Zwerg wird mit Delta Kay zusammenstoßen.«

»Ja«, sagte er. »Das ist bemerkenswert. Ich bin froh, dass wir hergekommen sind.«

Die Teleskope entlarvten den Punkt als mattrote Scheibe, die von einem schimmernden Ring aus Gas umgeben war. Es war ein weißer Zwerg, das nackte Herz eines kollabierten Sterns. Seine Elektronen waren aus den Kernen gerissen und zusammengepresst worden und hatten ein Objekt hervorgebracht, das nur noch einen Schritt von einem schwarzen Loch entfernt war. Vor einem Jahr war er in das Planetensystem eingedrungen, hatte Welten und Monde verstreut und sich nun zu dem Dolch entwickelt, der direkt auf das Herz von Delta Karpis selbst zielte.

Klassner war während des letzten Abends bei Sinnen gewesen, und sie hatten über die menschliche Tendenz diskutiert, Persönlichkeitsmerkmale auf leblose Objekte zu projizieren: Loyalität gegenüber einem Schiff zu entwickeln, zu glauben, das Haus, in dem man seine Kindheit verbracht hat, würde einen stets willkommen heißen – so etwas halt. Nun konnten sie sich eines Gefühls der Trauer nicht erwehren, während sie den Todeskampf eines Sterns beobachteten, als wäre er lebendig und wisse irgendwie, was mit ihm geschah.

Nancy White hatte sich ebenfalls an diesem Gespräch beteiligt. Nancy hatte sich auf die gemeinverständliche Darstellung wissenschaftlicher Themen spezialisiert und produzierte eine Sendung, die von Millionen verfolgt wurde. Sie hatte erklärt, das sei Unsinn und sie könne sich nicht dazu überwinden, sich dieser speziellen Fantasie zu ergeben, während auf der dritten Welt, der Heimat großer Tiere, lebendiger Ozeane und ausgedehnter Wälder, eine echte Katastrophe stattfand. Aus einem verdrießlichen Impuls heraus hatten sie die Welt Kissoff genannt. Kissoff hatte den allgemeinen Tumult bisher überstanden, den der Eindringling innerhalb des Systems entfacht hatte. Sein Orbit hatte sich verzerrt, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was ihm und seiner Biosphäre bevorstand. Binnen der nächsten paar Stunden würden seine Ozeane verdampfen und die Atmosphäre fortgerissen werden.

Der fortschreitenden Zerstörung von Martin Klassner zuzusehen, war ebenso schmerzhaft, nur auf andere Weise. Klassner hatte nach Tausenden von Jahren voller Spekulationen bewiesen, dass alternative Universen existierten, ein wissenschaftlicher Durchbruch, den jedermann für unmöglich gehalten hatte. Sie sind da draußen, und Klassner hatte vorausgesagt, dass es eines Tages möglich sein würde, sie aufzusuchen. Nun wurden sie Klassner-Universen genannt.

Im letzten Jahr war er am Bentwood-Syndrom erkrankt, das gelegentliche Wahnvorstellungen und anfallartigen Gedächtnisverlust mit sich brachte. Seine langen, schmalen Hände zitterten unentwegt. Diese Krankheit war unheilbar, und es gab berechtigte Zweifel daran, dass er dieses Jahr noch überleben würde. Die medizinische Gemeinschaft arbeitete natürlich daran, und eine Behandlungsmethode war zu erwarten, doch Warren Mendoza, einer der beiden Forscher an Bord des Schiffs, war der Ansicht, das würde zu lange dauern – es sei denn, Dunningers Forschungen lieferten die notwendigen Antworten.

»Kage«, wandte sich Klassner an die KI. »Wie hoch ist die Geschwindigkeit jetzt?« Die Geschwindigkeit des Zwergs.

»Sie hat leicht zugenommen und liegt nun bei sechshundertzwanzig Kilometern, Martin. Während der letzten Phase der Annäherung wird sie um weitere vier Prozent steigen.«

Sie hatten soeben das Abendessen beendet. Der Aufprall würde um 04:14 Uhr Schiffszeit stattfinden.

»Ich hätte nie erwartet«, sagte Klassner und richtete seine wässrig grauen Augen auf Boland, »je so etwas zu erleben.« Er war wieder da. Die Art, wie er kam und ging, war faszinierend.

»Niemand von uns hat das, Marty.« Die Zeitabstände zwischen derartigen Ereignissen innerhalb der Transportrouten war auf eine halbe Milliarde Jahre eingeschätzt worden. Und nun geschah es tatsächlich. Unfassbar. »Gott meint es wirklich gut mit uns.«

Klassners Atem war deutlich zu hören. Er klang flüsternd, rau, mühsam. »Trotzdem hätte ich mir gewünscht«, sagte er, »die Kollision, wenn wir schon eine zu sehen bekommen, würde zwischen zwei richtigen Sternen stattfinden.«

»Ein weißer Zwerg ist ein richtiger Stern.«

»Nein. Im Grunde nicht. Es ist nur ein ausgebrannter Leichnam.« Ein Teil der Problematik des Bentwood-Syndroms bestand darin, dass es, neben seinen anderen Auswirkungen, auch die Intelligenz in Mitleidenschaft zu ziehen schien. Klassners enormer Intellekt hatte sich einst strahlend in seinen Augen gezeigt. Man hatte ihn anschauen und seine Brillanz buchstäblich sehen können. Nun aber gab es Zeiten, zu denen es schien, als befände er sich in einem Automatikbetrieb, als säße niemand am Steuer. Zwar wäre es nicht korrekt gewesen zu behaupten, sein Blick sei leer geworden, aber die Genialität war abgesehen von einem gelegentlichen Aufflackern verschwunden. Und er wusste es, wusste, was er einmal gewesen war. Es ist nur ein ausgebrannter Leichnam.

»Ich wünschte, wir könnten näher heran«, sagte Boland. Die Sprechverbindung zur Brücke war aktiviert, und er hatte Madeleine English, ihre Pilotin, zu einem Kommentar verleiten wollen.

»Was mich betrifft«, entgegnete sie, »sind wir jetzt schon zu nahe dran.«

Ihre Stimme klang kühl und schneidend. Die sechs Berühmtheiten, welche die vollständige Passagierliste der Polaris ausfüllten, beeindruckten sie nicht im Mindesten.

Die Sentinel befand sich irgendwo über dem Nordpol von Delta Kay; die Rensilaer lag auf der abgewandten Seite des Zwergs. Beide waren voll gestopft mit emsigen Forschern, die maßen, zählten, aufzeichneten und Daten sammelten, deren Analyse die Spezialisten noch über Jahre hinweg beschäftigen würde. Eines der Hauptziele der Mission bestand darin, endlich die natürliche Krümmung der Raumzeit zu messen.

Die Konversation zwischen den Schiffen hatte im Zuge der sich dramatisch zuspitzenden Ereignisse einen zunehmend enthusiastischen Ton angenommen. Haben Sie je etwas Ähnliches gesehen? Mir ist, als hätte alles, was ich je getan habe, mich nur zu diesem einen Moment führen sollen. Sehen Sie sich den Hurensohn an. Cal, wie sind die Beschleunigungswerte? Aber in den letzten paar Stunden waren sämtliche Gespräche verstummt. Die Commlinks schwiegen, und sogar Bolands Mitpassagiere hatten nur wenig zu sagen.

Sie alle waren nach dem Abendessen in ihre Kabinen zurückgekehrt, um zu arbeiten, zu lesen oder die verbleibenden Stunden so gut wie möglich hinter sich zu bringen. Aber bald hatte der Herdeninstinkt sich durchgesetzt, und einer nach dem anderen war wieder zurückgekommen. Mendoza, eine stets grüblerische Erscheinung in weißer Freizeithose und Pullover, war von dem Drama am Himmel so sehr in Anspruch genommen, dass er den Rest der Welt überhaupt nicht mehr wahrnahm. Nancy White, machte sich Notizen, während sie sich mit Tom Dunninger unterhielt, welcher wiederum von Zeit zu Zeit mit Mendoza zusammenarbeitete. Sie alle waren Mikrobiologen. Dunninger genoss in seinem Spezialgebiet einen außerordentlichen Ruf. Er hatte die letzten Jahre seiner Karriere damit zugebracht, eine Methode zu finden, die den Alterungsprozess aufhalten konnte. Und dann war da noch Garth Urquhart, der für zwei Amtszeiten einer der sieben Ratsherren des Staatenbündnisses gewesen war.

Auf den Schirmen zeigte sich die Peinigung von Delta Karpis in immer umfangreicherer Form. Der Sonnenbeutel wurde länger und länger. »Wer hätte je gedacht«, bemerkte Mendoza, »dass so ein Ding so verformt werden kann, ohne einfach zu explodieren.«

»Das kommt schon noch«, sagte White.

Die Stunden vergingen, und die Konversation drehte sich beständig um das Spektakel. Welche Masse hat das Ding eigentlich? Bilde ich mir das nur ein, oder wechselt die Sonne wirklich die Farbe? Der Ring um den Zwerg wird heller.

Kurz vor Mitternacht bauten sie ein Buffet auf. Sie schlenderten um den Tisch herum, bedienten sich an Früchten und Käse. Dunninger öffnete eine Flasche Wein, und Mendoza brachte einen Toast auf den sterbenden Giganten im All aus. »Sechs Milliarden Jahre lang ist er unbemerkt geblieben«, sagte er, »und die ganze Zeit über hat er nur auf uns gewartet.«

Im Gegensatz zu den Forschern an Bord der Sentinel und der Rensilaer waren sie nicht mehr als flüchtige Beobachter. Hier wurde keine Arbeit getan, wurden keine Messungen vorgenommen, keine Aufzeichnungen angefertigt. Sie alle waren lediglich hier, um sich an der Show zu erfreuen, die den Datenstrom aller drei Schiffe und Dutzender Sonden und Satelliten umfasste. Sie würden einfach still oder lärmend dasitzen und zusehen, ganz wie es ihnen gefiel. Die Vermessung und die wissenschaftliche Gemeinde sagten Danke für ihre gesammelten Spenden.

Die Polaris war nicht für den Forschungseinsatz gebaut worden. Sie war ein Transportschiff, ein (gemessen an den spartanischen Maßstäben der Vermessung) luxuriöses Vehikel, das den prominenten Persönlichkeiten Raum bot, die der Direktor zu beeindrucken gedachte. Üblicherweise handelte es sich um politische Größen. Dieses Ereignis hier war jedoch etwas vollkommen anderes.

Die Bilder von Delta Karpis und dem weißen Zwerg, die auf dem großen Bildschirm an der Wand zu sehen waren, waren besser als alles, was mit bloßem Auge zu erkennen gewesen wäre. Dennoch stellte Boland, ein Psychiater, fest, dass sie alle dazu neigten, sich in der Nähe eines Sichtfensters zu positionieren, als wäre dies die einzige Möglichkeit, bei diesem Ereignis wirklich anwesend zu sein.

Gewaltige Eruptionen zeigten sich in regelmäßigen Abständen auf der Oberfläche der Sonne, und mächtige Wogen glühender Gase wurden in die Finsternis des Alls geschleudert.

Ein Streifen weißen Lichts löste sich aus dem Zwerg. »Sieht aus, als wäre ein Stück herausgebrochen«, sagte Urquhart.

»Unmöglich«, entgegnete Klassner. »Aus einem Neutronenstern bricht nichts heraus und fliegt einfach davon. Das war Gas.«

Boland war der jüngste unter den Passagieren. Etwa vierzig, gut aussehend mit schwarzem Haar, trug er eine selbstsichere Haltung zur Schau, die die Blicke der Frauen unfehlbar auf sich zog. Ursprünglich hatte er sich mit Gedächtnislöschungen und Persönlichkeitsrekonstruktionen gewalttätiger Krimineller einen Namen gemacht, die mit seiner Hilfe zu zufriedenen – oder zumindest gesetzestreuen – Bürgern geworden waren; aber vor allem war er für seine Arbeit auf dem Gebiet der neurologischen Wissenschaft bekannt und für das Boland- Modell, angeblich das verständlichste Erklärungsmodell für die Funktionsweise des Gehirns.

Delta Kays verbliebene Welten wanderten friedlich über ihren jeweiligen Orbit, als wäre alles vollkommen normal. Bis auf die innerste Welt, ein Gasriese, der der Sonne so nahe war, dass er buchstäblich durch deren Atmosphäre seine Bahnen zog. Diese Welt war Delta Karpis I, einen anderen Namen hatte sie nicht, und nun war sie fort, verschluckt von der lodernden Hitze. Sie hatten gesehen, wie es geschehen war. Sie war hineingestürzt, aber auf der anderen Seite waren nur einige ihrer Monde wieder zum Vorschein gekommen.

Als der Zwerg vor einem Jahr eingetroffen war, hatte Delta Kay ein Planetensystem mit fünf Gasriesen, sechs terrestrischen Welten und ein paar Hundert Monden umfasst. Die äußerste Welt war immer noch da, eine Welt wie blauer Kristall, umgeben von silbernen Ringen und nur drei Satelliten. In Bolands Augen war sie der schönste Himmelskörper, den er je gesehen hatte.

Kissoff war von der Katastrophe bisher auch kaum in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Ozeane lagen still, und am Himmel herrschte Ruhe, abgesehen von einem Wirbelsturm über einem der südlichen Meere. Er baute sich gerade auf, aber er würde keine Gelegenheit bekommen, sich voll zu entwickeln. Die meisten anderen Welten waren aus ihren Umlaufbahnen gerissen und aus dem System geschleudert worden. Delta Karpis IV war ein Doppelplanet gewesen, zwei terrestrische Welten mit einer gefrorenen Atmosphäre. Diese waren auseinander gerissen worden und trieben nun in beinahe entgegengesetzter Richtung davon.

Der Zwerg war kleiner als Rimway, kleiner sogar als die Erde; doch er besaß mehr Masse als Delta Kay, und Boland wusste, dass er, könnte er irgendwie die Oberfläche erreichen, dort Milliarden Tonnen schwer sein würde.

Um 02:54 Uhr a. m. glitten der Zwerg und sein leuchtender Ring in das Chaos und verschwanden. Urquhart erklärte, es sei ihm egal, was andere sagten, etwas, das so klein war wie dieses Ding, könne nie und nimmer dieser Feuersbrunst entkommen. Tom Dunninger bemerkte, es hätte ebenso gut eine Sonne treffen können, deren Strahlen eine der Konföderierten Welten wärmten. »Das ist ein ernüchternder Augenblick«, verkündete er. »Er beweist, dass niemand sicher ist.«

Der Kommentar wirkte ein wenig anzüglich, und Boland fragte sich, ob Dunninger ihnen damit etwas mitteilen wollte.

Gewaltige Explosionen erschütterten die schwer geprüfte Sonne, und die KI meldete, dass die Temperatur auf der Oberfläche stieg. Die ursprünglich gelb-orange Farbe verblasste zu gleißendem Weiß. Wilde Waldbrände waren auf Kissoff ausgebrochen, und riesige Nebelbänke erhoben sich aus den Ozeanen. Plötzlich färbte sich der Bildschirm schwarz.

»Kontakt zur Aufzeichnungsstation ausgefallen«, meldete die KI.

Delta Kay V trieb durchs All und wurde in den Bereich der Kollision gesogen. Normalerweise war die Welt von Eis bedeckt und besaß nur den Hauch einer Atmosphäre. Aber das Eis war geschmolzen und der Himmel nun voller dichter grauer Wolken. Zwei der Satelliten, die den Gasriesen Delta Kay VII umkreisten, kollidierten. Seine Ringe, braun und golden wie ein Sonnenuntergang, fingen an zu schimmern und sich aufzulösen.

Maddys Stimme ertönte über die Sprechverbindung. »Die Rensilaer meldet, dass die Sonne in der nächsten Stunde so viel Energie freisetzen wird wie in den letzten hundert Millionen Jahren.«

Die Sentinel berichtete, dass sie einer Menge an Strahlung ausgesetzt sei, für die sie nicht erbaut worden war, und sich zurückziehen müsse. Ihr Captain bat Madeleine im Zuge einer Transmission, die versehentlich auch an die Passagiere weitergeleitet wurde, vorsichtig zu sein. »Da draußen herrscht ziemlich schlechtes Wetter.«

Madeleine English blieb auf der Brücke. Normalerweise zögerte sie nicht, sich im Gemeinschaftsraum zu ihren Passagieren zu gesellen, wenn die Umstände es erlaubten, aber die Bedingungen des Augenblicks erforderten ihre Anwesenheit auf dem Pilotensitz. Sie war eine schöne Frau mit blauen Augen, üppigem blondem Haar und perfekten Zügen. Aber sie hatte nichts Zartes an sich, zeigte sich in keiner Weise verletzbar.

Mendoza erkundigte sich, ob sie dem Geschehen zu nahe seien.

»Wir befinden uns in sicherer Distanz«, antwortete Maddy. »Keine Sorge. Beim ersten Anzeichen einer Überlastung hauen wir ab.«

Eine Stunde und acht Minuten nachdem der Zwerg in dem Inferno verschwunden war, tauchte er wieder auf. Er war direkt durch die Sonne geschossen, gesegelt, schenkte man den Experten auf den anderen Schiffen Glauben, wie ein Fels durch eine Nebelbank. Der Solarsturm, der sich ihm während seiner Annäherung entgegengereckt hatte, war wieder in den Turbulenzen untergegangen, und ein neuer formte sich auf der anderen Seite des sterbenden Sterns, hinausgezerrt durch die enorme Gravitation. Dann verschleierte eine gigantische Explosion den Blick auf das Geschehen.

»Ich schließe die Sichtluken«, meldete Maddy. »Sie werden sich nun mit den Einspeisungen der Aufzeichnungsgeräte begnügen müssen. Sollte es vorzeitig losgehen, wollen wir schließlich nicht, dass irgendjemand geblendet wird.«

Dunninger döste, und sogar Mendoza schlummerte ein wenig. Nancy White sah müde aus. Sie hatte versucht, sich während des Tages ein wenig auszuruhen, aber das hatte ihr nicht geholfen. Der Tagesrhythmus ließ sich nicht in die Irre führen, und bisweilen traf die Schiffszeit, wie jetzt, mit der andiquarischen Zeit zusammen; also war es tatsächlich ungefähr 04:00 Uhr morgens. Aber sie hatte etwas eingenommen, um wach zu bleiben. Boland wusste nicht, was sie genommen hatte, aber er kannte die Symptome.

Der Schub der Maschinen überraschte ihn. Madeleine erschien kurz an der Tür, um sie darüber zu informieren, dass es »draußen ein bisschen heiß« herginge und sie das Schiff in sichere Entfernung bringen wolle. »Alle anschnallen!«

Sie sicherten Mendoza und Dunninger, ohne sie zu wecken. Dann legte Boland sein eigenes Geschirr an.

Unglaublicherweise sah es nicht so aus, als wäre der Zwerg auch nur langsamer geworden. Er zerrte noch immer die Eingeweide der Sonne hinter sich her. Die Szene erinnerte Boland an eine Art kosmischen Schmelzkäse.

Der herausragendste Experte für stellare Kollisionen befand sich an Bord der Sentinel. Er hatte vorausgesagt, dass die Sonne im Zuge der Ereignisse kollabieren würde. Die endgültige Zerstörung würde, so sagte er, stattfinden, wenn die verschiedenen Kräfte, welche die Passage des Zwergs begleiteten, Zeit gehabt hatten, die äußeren Lagen zu durchdringen. Delta Karpis besaß etwa ein Viertel mehr an Masse als ihre Heimatsonne und ein Drittel mehr als Sol.

Maddy speiste die Stimme eines Experten auf der Rensilaer in das Kommunikationssystem ein. »Es muss jede Minute so weit sein.«

Sie weckten Mendoza und Dunninger.

»Es fängt an«, sagte Klassner. »Zuerst werden wir einen allgemeinen Zusammenbruch erleben.« Augenblicke später überkam ihn wieder einmal die Persönlichkeitsveränderung, und plötzlich war er ein anderer. Zuerst sah er verwirrt aus, dann schläfrig. Boland sah, wie ihm die Augen zufielen. Binnen weniger Minuten schlief Klassner tief und fest.

Zuerst erblickten sie ein helles, weißes Licht, das sämtliche Bilder von den Monitoren auslöschte. Jemand atmete hörbar ein, aber niemand sagte ein Wort. Mendoza, der neben Klassner saß, sah sich zu Boland um, und ihre Blicke trafen sich. Boland kannte Mendoza gut. Sie waren schon lange befreundet, aber in diesem Moment spielte sich etwas Tiefgreifenderes zwischen ihnen ab, als wären sie Kameraden, die gemeinsam an einem finsteren Gestade standen.

Sie sprangen jenseits des Orbits des fünften Planeten heraus, direkt an der vorbestimmten Position, an der sie wieder mit den anderen Schiffen zusammentreffen sollten. Klassner war während des Sprungs erwacht und hatte einen verzweifelten Eindruck gemacht, als er erfahren hatte, dass bereits alles vorbei war. »Sie haben geschlafen, Marty«, sagte Mendoza. »Wir haben versucht, Sie zu wecken, aber Sie waren zu weit weg.«

»Das ist nicht so schlimm«, sagte White zu ihm. »Sie bekommen eine zweite Chance.« Aus dieser Entfernung hatte die Explosion noch gar nicht stattgefunden. Ihnen blieben erneut vierzig Minuten, und so konnten die Forscher sich wieder vorbereiten und darauf warten, dass das Ereignis noch einmal stattfand. Klassner schluckte seine Enttäuschung hinunter und erklärte, seine Tochter wäre gewiss nicht im Mindesten überrascht, wenn er ihr erzählte, was geschehen war. Soweit Boland wusste, hatte Klassner keine Kinder.

Aus der derzeitigen Entfernung hätte sich Delta Karpis normalerweise als relativ kleine Scheibe zeigen müssen; aber die Scheibe war fort, war einem gelblichen Fleck gewichen, verzerrt, bis er die Form einer Birne hatte.

Nancy White saß an einem Notebook und hielt ihre Eindrücke fest, als hätte sie vor, sie eines Tages zu veröffentlichen. Ihren Ruf verdankte sie der Erfindung und Moderation einer ganzen Reihe von Sendungen, Nancy White’s Kamingespräche, in denen sie mit ihrem Publikum über Wissenschaft und Philosophie diskutierte; und Time Out, eine Podiumsdiskussion, die es ihr gestattete, jede Woche mit simulierten historischen Figuren von Hammurabi über Adrian Cutter bis hin zu Myra Kildare zusammenzusitzen und das Tagesgeschehen zu diskutieren. Die Show war nie überwältigend populär gewesen, aber – wie die Produzenten gern zu sagen pflegten – die Leute, auf die es ankam, liebten sie.

Urquhart sprach leise mit Mendoza. Dunninger hatte ein Buch aufgeschlagen, schenkte ihm aber keine weitere Beachtung.

Sie zählten die Zeit hinunter, und alles passierte noch einmal. Nur, dass der Anblick aus dieser Entfernung nicht so schmerzhaft war. Die Birne krümmte sich, und das Licht, das durch die Sichtluken hereinfiel, wurde abwechselnd heller und dunkler und wandelte sich schließlich zu einem feindseligen roten Glühen.

Es war merkwürdig, ein Ereignis zweimal zu erleben; aber das war eines der Dinge, die erst durch die Überlichtgeschwindigkeit möglich wurden. War man schneller als das Licht, konnte man in der Zeit reisen.

Binnen zwei Stunden war Delta Karpis verschwunden, und das Licht in dem Sonnensystem war erloschen. Nur die Glut leuchtender Gase und der helle goldene Ring des Zwergs waren noch da. Und sie sahen zu, wie der Neutronenstern lautlos seinen Weg fortsetzte.

II.

Rondel (Rondo) Karpik war Leiter der Kommunikationsabteilung auf der Indigo Station nahe der Außengrenze des Konföderierten Raums. Sein Titel, Chief, war, abgesehen von größeren Operationen, vorwiegend nominell, denn er war die einzige Person in der Kommunikationszentrale. Die Delta-Kay-Mission war nun keine große Operation mehr. Sensorpakete waren an strategisch wichtigen Punkten positioniert worden; Daten dreier Schiffe waren weitergeleitet und gespeichert worden, und die Experten auf der Station hatten ihre Anerkennung für die Effizienz zum Ausdruck gebracht, mit der die Forscher die ihnen übertragene Aufgabe erledigt hatten, wenngleich sie schon vorhergesagt hatten, dass es Monate dauern würde, bis sie wissen würden, was sie dort hatten erfahren dürfen. An Bord der Sentinel befand sich auch ein Journalist, der seine Berichte einer Arbeitsgemeinschaft übermittelte, die sogleich begonnen hatten, Berichte über die Herrlichkeit all dessen zu verfassen, bis Rondo sich am liebsten übergeben hätte. Dann hatte die Flotte ihre Heimkehr angekündigt, und die Experten und Journalisten hatten sich in Cappy’s Gumposhop zurückgezogen. Seither hatte er sie nicht mehr gesehen.

Noch immer kamen Daten herein, Kleinigkeiten über dies und das, aber die Aufregung war unzweifelhaft vorüber. Und schließlich musste Rondo zugeben, dass auch er noch nie zuvor einen Stern hatte explodieren sehen, jedenfalls nicht aus nächster Nähe.

»Indigo, wir sind sprungbereit.« Bill Trasks Gesicht sah ihn aus der Mitte des Raums an. Bill war der Captain der Rensilaer und, aus Rondos Blickwinkel, der schlimmste Pferdearsch unter all den Skippern, die Indigo aufsuchten. Trask hatte keine Zeit für Belanglosigkeiten, und er ließ jedermann unzweifelhaft spüren, welche Wertschätzung er ihm zukommen ließ. Er war groß, massig, hatte weißes Haar und eine tiefe Grabesstimme, und jeder hatte Angst vor ihm. Zumindest unter den Kommunikationsangehörigen. »Wir rechnen mit einer pünktlichen Ankunft bei Indigo. Halten Sie das Essen warm.«

Die Botschaft war vor fünfzehn Minuten abgeschickt worden. Trask meldete sich ab, und sein Bild verschwand.

Rondo öffnete einen Kanal, nur Audio. »Bestätigt, Rensilaer«, sagte er. »Wir werden nach Ihnen Ausschau halten.«

Natürlich würden alle drei Schiffe hier Station machen, ehe sie ihren Weg nach Rimway fortsetzten. Indigo war eine Zylinderwelt im Orbit von Planter’s Delight, der erst vor dreißig Jahren besiedelt worden war, aber schon jetzt siebzehn Millionen Bewohner hatte. Indigo selbst hatte beinahe eine halbe Million mehr.

Die letzten paar Tage waren von historischer Bedeutung gewesen, aber es fiel schwer, der Aufregung zu verfallen. Rondo wollte zum Department Manager aufsteigen, und das war augenblicklich alles, was ihn wirklich kümmerte. Ereignisse wie dieses stellten stets ein Risiko dar, bei dem er nichts zu gewinnen hatte. Erledigte er seine Arbeit ordnungsgemäß, würde niemand es bemerken. Beging er einen Fehler, sagte er im Beisein eines Journalisten ein falsches Wort, dann hieße es auf Wiedersehen. Also konzentrierte er sich darauf, eine professionelle Haltung beizubehalten; die Spezialisten bei Laune zu halten, und dafür zu sorgen, dass die diversen Hyperlichttransmissionen alle ordnungsgemäß empfangen und an Rimway weitergeleitet wurden. Das war keine große Sache. Im Grunde genommen konnte er die Details der KI überlassen und sich darauf konzentrieren, einen guten Eindruck zu hinterlassen, Nettigkeiten über jedermann zu verbreiten und die Stellung zu halten, für den Fall, dass doch Probleme auftreten sollten.

Er beobachtete die Statuslampen der Rensilaer, und als sie sich blau färbten, informierte er die Operationsleitung darüber, dass das Schiff seinen Sprung durchgeführt hatte, und gab die geschätzte Ankunftszeit durch.

Zehn Minuten später meldete sich der Captain der Sentinel, Eddie Korby, jung, still, fleißig. Auf den ersten Blick wirkte er recht zaghaft. Er war die letzte Person auf der Welt, der man zugetraut hätte, Pilot eines Sternenschiffs zu sein; aber er war stets in Begleitung einer attraktiven Frau. Manchmal waren es auch zwei oder drei.

»Indigo«, sagte er, »wir starten in vier Minuten. Ich hoffe, ihr hattet Gelegenheit, euch die Show anzusehen. Delta Kay ist buchstäblich explodiert. Die Passagiere scheinen mit dem Missionsverlauf zufrieden zu sein. Wir sehen uns in ein paar Wochen. Sentinel, Ende.«

Dann folgte Maddy. »Wir kommen nach Hause, Rondo«, sagte sie. »Abflug steht unmittelbar bevor.« Hinter ihr, auf dem Arbeitsmonitor, verlieh ihr der sterbende Stern eine besondere Aura. Sie sah aus wie ein übernatürliches Wesen, als sie, kaum mehr als eine Silhouette, vor der Feuersbrunst stand. Sie war ein verflucht scharfes Teil, aber sie hatte etwas an sich, etwas, das Rondo unzweifelhaft sagte, dass er sich besser zurückhalten sollte. »Polaris, Ende.«

Die Statuslampen der Sentinel färbten sich blau. Sie war unterwegs.

Rondo leitete die Information weiter. Nicht, dass das irgendjemanden in der Einsatzleitung wirklich gekümmert hätte, aber so war nun einmal der Ablauf. Er kontrollierte sein Logbuch, fertigte einen Eintrag für die Sentinel an und wartete darauf, dass die Statuslämpchen der Polaris die Farbe wechselten.

Die Lampen leuchteten weiß, wenn sich das Schiff im linearen Raum befand, und sie färbten sich blau, wenn es den Sprung durchgeführt hatte. Zwanzig Minuten nachdem Maddy erklärt hatte, sie seien abflugbereit, leuchteten sie immer noch weiß.

Das sollte nicht passieren. »Jack«, sagte er zu der KI, »führ eine Diagnose der Kommunikationsanlage durch. Vergewissern wir uns, dass das Problem nicht bei uns liegt.«

Die Systeme flüsterten untereinander, Statuslämpchen blinkten auf und erloschen wieder, leuchteten gelb, grün, dann wieder weiß. »Ich kann kein Problem im System feststellen, Rondo«, meldete Jack.

Verdammt. Er verabscheute Komplikationen. Er wartete noch ein paar Minuten, aber die Lampe leuchtete beständig, herausfordernd, in unveränderter Farbe.

Weiß.

Er hasste Probleme, hasste sie absolut. Jedes Mal gab es einen Riesenzirkus, und am Ende stellte sich für gewöhnlich heraus, dass irgendjemand geschlafen oder vergessen hatte, einen Schalter umzulegen. Widerstrebend informierte er die Einsatzleitung.

»Die Polaris ist fünfundzwanzig Minuten über Sprungzeit. Status ungeklärt.«

Rondos Vorgesetzter, Charlie Wetherall, tauchte wenige Minuten später auf. Dann einer der Techniker, der ebenfalls schon gehört hatte, was los war. Der Techniker führte einige Tests durch und sagte, das Problem läge auf der anderen Seite. Nach fünfundvierzig Minuten trafen die ersten Journalisten ein, die gehört hatten, dass irgendwas passiert sei. Was stimmt denn nicht?

Rondo hielt sich im Hintergrund und überließ Charlie das Reden. »So etwas passiert nun mal«, sagte dieser. »Kommunikationsstörung.« Sicher doch.

Was Rondo nicht verstand, war, warum Maddy sich nicht gemeldet haben sollte, wenn sie den Sprung nicht hatte durchführen können.

»Defekte Verbindung«, meldete sich Charlie hilfreich zu Wort, und seine Miene wies Rondo an, den Journalisten gegenüber keine Alarmstimmung aufkommen zu lassen – oder gegenüber sonst irgendjemandem.

»Dann denken Sie nicht, dass sie in Schwierigkeiten sind?«, fragte eine von ihnen. Ihr Name war Shalia Wie-auch-immer. Sie war eine dunkelhäutige Frau, die wochenlang geschmollt hatte, weil man ihr keinen Platz bei der Mission bereitgestellt hatte.

»Teufel auch, Shalia«, sagte Charlie, »im Augenblick können wir nur warten, bis wir mehr Informationen haben. Aber, nein, es gibt nichts, worum wir uns sorgen müssten.«

Er scheuchte die Journalisten in ein Konferenzzimmer und suchte sich jemanden, der bei ihnen bleiben, mit ihnen reden und sie bei Laune halten konnte. Er versprach, sie sofort zu informieren, sobald die Station etwas von der Polaris hörte.

Charlie war klein und rund und stets kurz angebunden, wenn sich die Fehler anderer Leute auf ihn auswirkten. Offensichtlich war er derzeit der Ansicht, dass Maddy irgendwie Mist gebaut hatte, und er wurde ernsthaft wütend auf sie. Besser auf sie als auf mich, dachte Rondo. Wieder in der Kommunikationszentrale spielte er die Nur-Audio-Transmission der Polaris erneut ab. »Wir kommen nach Hause, Rondo. Abflug steht unmittelbar bevor. Polaris, Ende.«

»Das verrät uns nicht viel«, stellte Charlie fest. »Was bedeutet unmittelbar?«

»Eine Stunde jedenfalls nicht.«

»Okay. Ich werde das oben besprechen. Sie warten.«

Zehn Minuten später kam er mit dem Direktor der Einsatzleitung wieder zurück. Inzwischen hatte sich eine Menge versammelt, und die Journalisten, die aus ihrer Arrestzelle ausgebrochen waren, waren ebenfalls wieder da. Der Direktor versprach, eine Erklärung abzugeben, sobald er genügend Informationen habe, und er versicherte jedermann, dass es sich lediglich um eine technische Fehlfunktion handele.

Wieder und wieder hörten sie sich Maddys Transmission an. Der Direktor gestand, dass er keine Ahnung hatte, womit sie es zu tun haben mochten, und er fragte Charlie, ob so etwas schon einmal passiert sei. Das war nicht der Fall.

»Geben wir ihnen noch eine Stunde«, sagte der Direktor. »Wenn sich bis …«, er warf einen Blick zur Uhr, »… bis fünf nichts ändert, schicken wir jemanden hin. Können wir eines der beiden anderen Schiffe zurückschicken?«

Charlie zog sein Display zurate. »Negativ«, antwortete er. »Sie haben nicht genug Treibstoff für eine Kehrtwende.«

»Sonst jemand da draußen?«

»Niemand in der Nähe.«

»Okay. Wer ist nicht in der Nähe?«

Rondo tippte auf den Monitor, um seinen Boss zu informieren. »Sieht nach Miguel aus«, sagte Charlie.

Miguel Alvarez war der Captain der Rikard Peronovski. Er flog Ausrüstungsgegenstände nach Makumba, um irgendwelche KI-Tests durchzuführen.

»Wie lange wird es dauern, ihn dorthin zu bekommen?«

Während Charlie zusah, führte Rondo die Berechnungen durch. »Wenn er den neuen Kurs erhalten hat und sprungbereit ist, noch vier Tage. Dazu kommt die Zeit, die die Anfrage braucht, um ihn zu erreichen, und die Zeit, die er braucht, um bei Delta Kay zu manövrieren. Eine Woche. Auf keinen Fall weniger.«

»Okay. Wenn wir bis fünf nichts hören, sagen Sie ihm, er soll sich auf die Suche nach der Polaris machen.« Der Direktor schüttelte den Kopf. »Verdammter Mist. Was auch immer wir tun, wir werden es mit einigen sehr unzufriedenen Leuten zu tun bekommen. Wie ist noch gleich der Name des Captains, Charlie?«

»Miguel.«

»Nein. Auf der Polaris.«

»Das ist Maddy. Madeleine English.«

»Hatten wir schon früher Probleme mit ihr?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Er sah Rondo an, woraufhin dieser den Kopf schüttelte. Nein. Keine Probleme. Nie.

»Nun gut, aber ich sage Ihnen, wenn das hier vorbei ist, dann sollte sie eine verdammt gute Entschuldigung parat haben, oder ich lasse ihr die Lizenz entziehen.«

Rondo überließ die Kommunikationszentrale seiner Ablösung und zog sich in sein Quartier zurück. Er duschte, zog sich um und ging in die Goldene Fledermaus hinunter, wo er sich, wie üblich, ein Abendessen im Kreis von Freunden genehmigte. Er machte Anstalten, ihnen zu erzählen, was passiert war, aber die Geschichte hatte bereits die Runde gemacht.

Er hatte gerade die Hälfte seines gebratenen Hühnchens gegessen, als Talia Corbett, eine KI-Spezialistin, auftauchte und ihnen erzählte, dass sich nichts verändert habe. Sie hatten noch immer keine Nachricht von der Polaris. Die Transmission an die Peronovski war übermittelt. Miguel würde der Polaris zu Hilfe kommen.

Es gab eine Menge Gerede darüber, dass es einen größeren Schaden an den Kommunikationseinrichtungen geben müsse, weil das die einzige Erklärung für die Geschehnisse sei. Von einer Katastrophe abgesehen, jedenfalls. Und wenn man das Wort Katastrophe in einer Situation wie dieser fallen ließ, trug einem das tendenziell eine Menge Aufmerksamkeit ein.

Rondo hatte den größten Teil des Jahres über versucht, Talia ins Bett zu locken. In dieser Nacht hatte er Erfolg. Hinterher überlegte er, dass die Geschichte mit der Polaris gewissermaßen dafür verantwortlich war. Das hielt er für ein böses Omen. Derweil leuchteten die Statuslämpchen der Polaris immer noch weiß.

III.

Die überlebenden Welten und Monde von Delta Kay verstreuten sich in alle Richtungen. Ein mächtiger Ring weißen Lichts kennzeichnete den Weg des Zwergsterns. In der Nähe der Position, an der die Polaris ihre letzte Botschaft abgesetzt hatte, blinkten einige Lichter auf, und der eisengraue Rumpf der Rikard Peronovski tauchte scheinbar aus dem Nirgendwo auf.

Miguel Alvarez, der zumeist allein in seinem großen Frachtschiff unterwegs war, war froh, dass er dieses Mal einen Passagier an Bord hatte. Sollte die Polaris tatsächlich in Schwierigkeiten stecken, wäre ein zweiter Mann sicher nützlich.

Er kannte Madeleine. Nicht gut, aber gut genug, um zu wissen, dass sie kein Dummkopf war. Seit Maddys letzter Transmission waren beinahe sechs Tage vergangen, und seither hatte sich das Schiff nicht mehr gemeldet. Ein Kommunikationsproblem, kein Zweifel. Es konnte gar nicht anders sein. Alvarez rechnete nicht damit, in diesem Gebiet irgendetwas zu finden, denn Maddy war zweifellos bereits im Armstrong-Raum. Ihre Kommunikationsanlage mochte ja außer Funktion sein, aber sie war auf dem Weg nach Hause. Und wenn das der Fall war, dann würde sie in ungefähr zehn Tagen oder so bei Indigo eintreffen.

Die Peronovski transportierte allgemeine Ausrüstungsgegenstände, Nahrungsmittel, Ersatzteile, Umwelttechnik und alle möglichen Kleinigkeiten zu der erst kürzlich gegründeten Kolonie auf Makumba. Die Vermessung hatte beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen, um »Mariner« zu testen, ein, wie sein Passagier beharrlich zu sagen pflegte, Informations- und Andocksystem für den fernen Raum. Der Passagier war Shawn Walker, ein KI-Spezialist.

Miguel hatte damit gerechnet, schon unterwegs eine zweite Mitteilung zu erhalten: Alles in Ordnung, wir haben Kontakt zu ihnen gehabt, setzen Sie Ihren Flug planmäßig fort. Aber die stündlichen Informationen von Indigo lauteten: Noch immer keine Nachricht. Damit bestätigten sie allerdings lediglich Alvarez’ Verdacht, dass das Schiff sich bereits auf dem Heimweg befand, verborgen in den Falten des Armstrong-Raums. In seiner Vorstellung wusste Maddy, dass sie sich förmlich überschlugen, um sie zu finden, und sie war frustriert, weil sie nicht imstande war, mit irgendjemandem zu kommunizieren.

Walker war bei ihm auf der Brücke, als sie ihr Zielgebiet erreichten. Miguel wusste nicht recht, was er zu sehen erwartet hatte. Seine Instrumente verrieten ihm, dass sich dort draußen ausgedehnte Gaswolken befanden, doch sichtbar war lediglich ein Ring aus Licht rund um den Neutronenstern.

Shawn Walker war etwa vierzig, von durchschnittlicher Größe und ein wenig übergewichtig. Er sah nicht sonderlich gewitzt aus, und vielleicht war er das auch nicht. Er war einer dieser Kerle, die sich wunderbar mit KIs auskannten, die der Rest der Welt aber scheinbar nicht kümmerte. Wenn sie sich beim Essen unterhielten, ging es stets nur um die Arbeit. Walker war verheiratet, und Miguel fragte sich, ob er sich zu Hause auch so verhielt.

Miguel nahm Kurs auf die letzte bekannte Position der Polaris, beschleunigte und fing an, nach dem Schiff zu scannen, das er nicht zu finden erwartete. Gleichzeitig schickte er eine Botschaft an Indigo, um den neuesten Stand bekannt zu geben. Dann fragte er Sebastian, Shawns experimentelle KI, wann sie damit rechnen konnten, das verschwundene Schiff zu entdecken.

»Falls es sich in diesem Gebiet befindet«, antwortete Sebastian, »und falls es Kurs und Geschwindigkeit beibehalten hat, wie man erwarten sollte, dürften wir sie in wenigen Stunden sehen.«

»Was passiert«, erkundigte sich Shawn bei Miguel, »falls sie nicht dort sind?«

»Dann suchen wir woanders.«

»Nein, ich meine, was passiert, falls sie schon auf dem Heimweg nach Indigo sind?«

»Ich schätze«, sagte Miguel, »dann sitzen wir hier fest, bis Indigo meldet, dass sie aufgetaucht sind.« Walker sah angespannt aus. »Alles in Ordnung, Shawn?«

»Ich kenne Warren Mendoza. Er war an Bord. Er ist ein alter Freund von mir.«

»Ich bin sicher, dass ihnen nichts passiert ist.«

»Und Tom Dunninger kenne ich auch. Nicht gut, aber ich bin ihm schon begegnet.«

Sie aßen zu Abend, spielten Karten, schauten sich ein Video an, kehrten auf die Brücke zurück und blickten in den gnadenlosen Himmel hinaus.

Miguel schlief nicht gut. Er wusste nicht recht, warum. Bisher hatte er erst eine Rettungsmission durchgeführt und ein Schiff gerettet, dessen Maschinen explodiert waren. Das war die Borealis gewesen. Vor zehn Jahren. Sie hatten Glück gehabt: Der Captain hatte elf Leute an Bord gehabt, und zehn hatten überlebt. Das hatte ihm eine ehrenvolle Erwähnung eingetragen, und die geretteten Passagiere hatten eine Party für ihn gegeben. Es war einer der großen Augenblicke seines Lebens gewesen.

Aber das hier war etwas anderes. Er konnte nicht genau sagen, was ihm Sorgen bereitete, aber seine Instinkte hielten ihn davon ab, die Augen zu schließen oder sich auch nur ein wenig zu entspannen.

Am Morgen gab es noch immer keine Spur von dem Schiff. Miguel hatte zeitig gefrühstückt und eine Stunde später, als Shawn sein Frühstück einnahm, noch einen Kaffee getrunken. Sebastian meldete noch immer leeren Raum.

Miguel wanderte durch das Schiff, vom Gemeinschaftsraum zur Brücke, dann durch die Null-G-Röhre in den Frachtraum, beäugte die beiden zusätzlichen Kabinen gleich neben den Hauptfrachtbehältern und inspizierte die Ladung für Makumba, die sie in wenigen Tagen hätten abliefern sollen. Schließlich kletterte er in die Raumfähre und setzte sich. Dann kam Shawn herunter und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei.

»Sicher«, antwortete Miguel. »Ich habe nur keine große Lust, die nächsten zwei Wochen hier draußen zu verbringen.«

»Miguel.« Das war Sebastian. »Wir haben das ganze Gebiet abgesucht, in dem sie vermutet wurde. Die Polaris ist nicht hier.«

»Dann sind sie also gesprungen?«

»Oder sie haben den Kurs geändert. Oder beschleunigt.«

Miguel hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass sich die Polaris auf dem Heimweg befand. »Okay«, sagte er. »Wenn wir hier schon festsitzen, sollten wir das Beste daraus machen. Sebastian, Suche ausweiten. Nehmen wir einfach einmal an, das Ereignis hat sie von ihrem Kurs abgebracht. Wir werden weitersuchen. In größerem Abstand zu der Position, die das Zentralgestirn eingenommen hat.

Geld- und Zeitverschwendung«, grummelte er sodann. »Aber wir gehen nach Vorschrift vor.«

Miguel fing an, sich über Maddy zu ärgern. Sie hätte doch wenigstens einen Satelliten an der Position zurücklassen können, an der das Schiff hätte sein sollen, um potentielle Retter zu informieren, dass sie in Ordnung und auf dem Rückweg nach Indigo war. Das hätte ihnen diesen ganzen Zirkus erspart.

Sie spielten wieder Karten, und Miguel schaltete den neuesten Chug-Randall-Thriller ein, in dem Chug eine Bande interstellarer Piraten austricksen musste, die hinter einer Schiffsladung unbezahlbarer Kunstwerke her waren. Auch ein paar Talkshows sah er sich an (Miguel liebte es, zankenden Leuten zuzuschauen. Ihm war nicht wichtig, worum es ging, wenn sie nur laut und leidenschaftlich stritten. Und nichts lieferte mehr Lautstärke als Diskussionen über Politik oder Religion).

Er aß mehr, als er auf einem normalen Flug zu sich genommen hätte. Und er vernachlässigte sein tägliches Fitnesstraining. Aber er versprach sich im Stillen, gleich am nächsten Tag wieder zur Routine zurückzukehren.

Dann war wieder ein Abend vorüber, und er sagte Gute Nacht zu Shawn, der sich anscheinend damit vergnügte, Sebastians Spezifikationen zu überprüfen. Miguel hatte in der ersten Nacht nicht gut geschlafen, weil er befürchtet hatte, sie könnten die Polaris doch finden. Nun schlief er nicht gut, weil er gelangweilt und verärgert war. Das wollte er Maddy gegenüber zur Sprache bringen, sobald sie einander das nächste Mal begegneten.

Gegen 02:00 Uhr schlief er dann doch ein. Zehn Minuten später weckte ihn Sebastian. »Miguel, ich kann die Polaris sehen.«

Sie war weit von ihrem Kurs abgekommen und bewegte sich um etwa vierzig Grad abseits ihrer ursprünglichen Zielrichtung. Und in schiefem Winkel zu der Ebene, die einst das Planetensystem gewesen war. Und sie flog mit geringerer Geschwindigkeit als erwartet. Miguel schickte eine Nachricht an Indigo und weckte Shawn.

Der Spezialist machte einen erleichterten Eindruck. »Wenigstens wissen wir jetzt, wo sie sind«, sagte er.

Aber warum waren sie hier? Dafür gab es keine einfache Erklärung, die nicht entweder eine Katastrophe oder den unwahrscheinlichen Ausfall von Kommunikationssystem und Antrieb umfasst hätte. Vielleicht waren sie von Trümmerteilen getroffen worden, von Felsen, die von der sterbenden Sonne fortgeschleudert worden waren. Oder extreme Strahlung hatte die Schilde durchdrungen.

»Abstand, Sebastian?«

»Sechs-Komma-sechs Millionen Kilometer.«

»Öffne einen Kanal.«

»Kanal ist offen.«

»Polaris, hier spricht die Peronovski. Madeleine, ist alles in Ordnung?« Er atmete tief durch und setzte sich, um zu warten. Das Signal würde beinahe eine Minute unterwegs sein, zuzüglich der Zeit, die Maddy benötigte, um zu antworten.

»Energiesignatur normal«, meldete Sebastian. Ein Bild der Polaris erschien auf dem Monitor. Sie flog unbeleuchtet.

Er zählte die Sekunden. Eine Minute. Dann zwei.

»Maddy, antworten Sie bitte.«

Shawn wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. »Was denken Sie?«, fragte er.

»Keine Ahnung. Maddy, sind Sie da?«

Stille auf der Brücke.

»Sebastian«, sagte er, »kannst du Kontakt zur KI herstellen?«

»Negativ, Miguel. Ich erhalte keine Antwort.«

»Okay«, sagte er. »Sehen wir uns die Sache an.«

Die Polaris war klein und vorzeigbar, silbern und schwarz mit einem flammenden Heck, tropfenförmigen Triebwerksgondeln an den Flanken, einem pfeilförmigen Rumpf und einer Brücke, die sich komplett um den Bug zog. Keines dieser Ausstattungsdetails war notwendig. Tatsächlich benötigten Raumschiffe lediglich Symmetrie und einen Antrieb. Darüber hinaus waren Äußerlichkeiten nicht sonderlich wichtig. Aber die Polaris war konstruiert worden, um Prominente zu beeindrucken; also hatte die Vermessung etwas mehr Geld in das Design investiert.

Sie flogen mit der Raumfähre zu dem Schiff, und Miguel inspizierte den Rumpf, konnte aber keinerlei Anzeichen einer Beschädigung ausmachen. Und auf der Brücke schien sich nichts zu rühren. »Kabinendruck absenken, Sebastian. Und dann bring uns längsseits zur Hauptluftluke.«

Die KI führte die Befehle aus. Miguel und Walker kontrollierten gegenseitig ihre Druckanzüge, verließen, als die Lampen grün aufleuchteten, die Raumfähre und gingen an Bord der Polaris.

Das Bedienfeld der Außenluke funktionierte einwandfrei, und die Luke öffnete sich. Sie traten in die Luftschleuse; die Luke schloss sich hinter ihnen, und der Druck stieg allmählich. Als er den Normalwert erreicht hatte, öffnete sich die Innenluke.

Die künstliche Gravitation war aktiv, aber es war dunkel im Inneren des Schiffs. Die Temperatur lag im Normbereich. Sie schalteten ihre Unterarmlampen an und nahmen die Helme ab. »Kage«, rief Miguel die KI des Schiffs. »Hallo! Antworte, bitte. Was geht hier vor?«

Shawn ließ den Lichtstrahl seiner Lampe über Tische und Stühle gleiten. Sie befanden sich im Gemeinschaftsraum. Und abgesehen von der Tatsache, dass das Licht aus und der Raum verlassen war, sah alles ganz normal aus.

»Kage?«

Er hätte der KI keine Anweisungen erteilen können, aber sie hätte ihm antworten müssen.

Shawn versuchte ebenfalls sein Glück und schüttelte den Kopf. »Sie arbeitet nicht«, sagte er.

Miguel warf einen Blick auf die Brücke. Niemand da. Und keine sichtbaren Beschädigungen.

»Sind sie tot?«, fragte Shawn.

»Keine Ahnung.«

»Besteht die Möglichkeit?«

»Nicht, ohne dass ein Loch im Rumpf zurückbleiben würde.«

»Und wenn es ein Verrückter war? Vielleicht ist jemand durchgedreht.«

»Jemand läuft mit einer Axt in der Hand Amok?« Das war einfach lächerlich. Vor allem unter diesen Leuten. Jeder von ihnen hatte ein beispielhaftes Leben geführt. Unterwegs hatte Miguel ihre Lebensläufe studiert. Allesamt wichtige Säulen der Gesellschaft. Dennoch ließ ihn die Vorstellung schaudern. Sollte es einen Irren gegeben haben, musste der immer noch an Bord sein.

»Wir brauchen Licht«, stellte Miguel fest. Er durchquerte die Brücke und setzte sich auf den Pilotensitz. Das Bedienpult sah nicht ungewöhnlich aus. Er legte eine Reihe von Schaltern um, und es wurde hell. »Kage«, sagte er, »hörst du mich?«

Stille antwortete ihm. Shawn ging in die Knie und öffnete einen schwarzen Kasten am Fuß des Pilotensitzes. »Die Schaltkreise scheinen in Ordnung zu sein.« Er griff nach einem Schalter und drückte ihn nach vorn. »Probieren Sie es jetzt.«

»Kage, bist du da?«

»Hallo.« Eine weibliche Stimme. »Mit wem spreche ich?«

»Captain Miguel Alvarez. Von der Peronovski. Kage, was ist hier passiert?«

»Captain, es tut mir Leid, aber ich verstehe Ihre Frage nicht.«

»Ihr solltet vor sechs Tagen den Rückflug nach Indigo antreten. Stattdessen treibt ihr in der Nähe von Delta Kay – oder genauer gesagt: der Position, an der Delta Kay war. Was ist passiert?«

»Ich weiß es nicht, Captain.«

»Hat dich jemand abgeschaltet, Kage?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Er lugte in den schwarzen Kasten. Jemand könnte unbemerkt einen der zentralen Schaltkreise lahm gelegt haben. Das hätte sie abgeschaltet. Aber falls so etwas passiert wäre, hätte sich die verantwortliche Person die Mühe gemacht, den Schaltkreis wieder instand zu setzen, ohne jedoch die KI zu reaktivieren. Warum sollte irgendjemand so etwas tun?

»Kage, was ist das Letzte, woran du dich erinnerst?«

»Wir haben uns auf den Sprung in den Armstrong-Raum vorbereitet. Am Ende der Mission.«

»Und was ist dann passiert?«

»Das ist alles, woran ich mich erinnere. Als Nächstes habe ich mit Ihnen gesprochen. Über den Zeitraum zwischen diesen beiden Ereignissen weiß ich nichts.«

»Kage«, sagte er. »Wo ist Madeleine?«

»Ich weiß es nicht. Ich sehe sie nicht.«

»Was ist mit den anderen?«

»Ich sehe niemanden.«

»Miguel«, sagte Shawn, »sie hat nur einen begrenzten Einblick in das Schiff. Das ist bei allen KIs so. Wir werden uns selbst auf die Suche machen müssen.«

Sie schalteten das Licht an und machten sich auf den Weg zum Heck. Durch den Gemeinschaftsraum. Über den Hauptkorridor, der von Türen gesäumt wurde, vier auf jeder Seite. Miguel war nie zuvor an Bord der Polaris gewesen, aber er wusste, dass dies die Quartiere des Captains und seiner Passagiere waren.

»Madeleine?«, rief er. »Hallo? Jemand zu Hause?« Seine Stimme hallte durch das Schiff.

»Unheimlich«, bemerkte Shawn.

»Ja, das ist es. Bleiben Sie in meiner Nähe, bis wir herausgefunden haben, was hier los ist.« Er berührte einen Taster an der ersten Tür, der, die zum Quartier des Captains führte, und sie öffnete sich. Die Kabine war leer, aber Maddys Kleider waren ordentlich aufgehängt.

Die Kabine auf der anderen Seite des Korridors war ebenfalls leer. Das Gleiche galt für die übrigen Kabinen und sämtliche Waschräume.

»Was befindet sich unter diesem Deck?«, fragte Shawn mit einer Stimme, die kaum für ein Flüstern reichte.

»Frachtraum, Maschinenraum und Landefähre.«

Sie gingen hinunter und sahen sich um. Im Frachtraum war niemand.

»Das ist verrückt«, kommentierte Shawn.

Miguel ging zum Maschinenraum voran. Niemand lauerte zwischen den Aggregaten. Niemand im Frachtraum. Niemand im Fährenhangar.

Sie näherten sich der Landefähre, dem einzigen Platz im ganzen Schiff, an dem sie noch nicht nachgesehen hatten. Alvarez öffnete die Luke und blickte hinein.

Niemand auf dem Vordersitz. Niemand auf den hinteren Sitzen.

Sie fühlten sich wie in einem Spukhaus. »Was zum Teufel«, fragte er, »geht hier vor?«

Es gab noch einen zusätzlichen Waschraum auf dem Unterdeck, aber auch der war leer. Schränke belegten das Schott, manche davon groß genug, um sich darin zu verstecken; also öffnete Miguel einen nach dem anderen. Auch sie waren leer.

Sie entdeckten zwei Druckanzüge. »Kage«, sagte er. »Wie viele Druckanzüge sind an Bord?«

»Vier, Captain.«

»Wir haben hier zwei davon.«

»Zwei weitere befinden sich auf der Brücke.«

»Sind sie jetzt dort?«

»Ja, Sir.«

»Also sind alle vier an Bord.«

»Ja, Sir.«

Und die Landefähre lag brav in ihrer Verankerung. »Sie müssen hier irgendwo sein.«

In sieben der acht Kabinen hatten sie Kleidung vorgefunden. Das passte, denn an Bord waren ein Captain und sechs Passagiere gewesen. Schuhe standen in zwei der Räume, und persönliche Gegenstände fanden sich in allerlei Schubladen. Bücher, Zahnbürsten, Kämme, Armreife. In einer Kabine war eine Ausgabe von Verlorene Seelen zu Boden gefallen.

»Was kann hier nur passiert sein?«, fragte Shawn.

»Kage, gibt es in diesem System irgendeinen bewohnbaren Ort?«

»Negativ, Captain. Derzeit nicht.«

Er hatte es vergessen. Die Sonne war erloschen. Ein Punkt, der ihm in diesem Moment geradezu trivial erschien. »Aber es hat dort draußen eine lebendige Welt gegeben, richtig?«

»Ja. Delta Karpis III.«

»Hätten Menschen dort leben können?«

»Ja. Wenn sie sich vorsichtig verhalten hätten.«

»Das hat keinen Sinn«, stellte Shawn fest. »Sie hatten keinerlei Möglichkeit, das Schiff zu verlassen.«

Sie schalteten das Licht aus und versetzten die Polaris in den Energiesparmodus. Dann gingen sie durch die Luftschleuse hinaus, ließen die Außenluke offen und kehrten in die Raumfähre zurück.

Miguel war froh, wieder auf der Peronovski anzukommen. Bis er in die warme Luft getreten war, hatte er gar nicht bemerkt, wie sehr er gefroren hatte. Dann aktivierte er das Hypercommsystem.

»Was werden Sie ihnen erzählen?«, fragte Shawn.

»Darüber denke ich noch nach«, antwortete Miguel. Er setzte sich und öffnete einen Kanal, doch ehe er auch nur einen Ton aufzeichnete, wies er die KI an, das Schiff in sicheren Abstand zur Polaris zu bringen. »Schaff uns ein bisschen Raum«, befahl er.

Eins

Sag, was du willst, Mord ist zumindest ein redliches Verbrechen, ehrlich und direkt. Da gibt es weitaus schlimmere, feigere und grausamere Taten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!