Ponts de Paris - Mara Ferr - E-Book
Beschreibung

Marie ist schnell und schmerzhaft gefallen: Ehemals elegante Gattin eines reichen Schönheitschirurgen, lebt sie heute als Obdachlose in Paris. Ihr tristes Dasein nimmt eine dramatische Wende, als ihr ein Geschäftsmann ein lukratives Angebot macht: Für ein fürstliches Einkommen soll sie in seinem Etablissement als Hausdame fungieren. Das Fatale daran: Lehnt sie das Angebot ab, sterben ihr Sohn und Enkel. Nimmt sie es an, wird sie selbst sterben.

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Sammlungen



Mara Ferr, geboren 1965 in Österreich, studierte Psychologie und schloss eine Ausbildung zur Pädagogin ab. Sie betätigte sich als freie Lektorin und beschäftigte sich mit journalistischer Pressearbeit, bevor sie ihren ersten Kriminalroman veröffentlichte. Auf ihren häufigen Reisen in die »Stadt der Liebe« entdeckt sie abseits des Glamours immer wieder neue Romanideen. Im Emons Verlag erschien »Aux Champs-Élysées«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: Bruno Monginoux/Photo-Paysage.com Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Irène Kost, Biel/Bienne (CH) eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-586-0 Paris Krimi Originalausgabe

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Für Julia

Das Angebot

Der auberginefarbene Reisekoffer hatte wahrlich schon bessere Tage gesehen.

Ein seitlicher Plastikgriff war gebrochen und mit Klebeband notdürftig umwickelt, damit sie sich an den scharfen Kanten der Bruchstellen nicht Finger oder Handflächen zerschnitt. Das linke hintere Rad war bereits hoffnungslos verkeilt gewesen, als Marie das ramponierte Gepäckstück inmitten des Sperrmülls im Rinnstein vor einer eleganten Geschäftspassage an der Rue de Rivoli erspäht und hervorgezerrt hatte. Auf den vor Nässe glänzenden, groben Pflastersteinen des Kais unter der Pont de l’Alma holperte der Koffer mit seinem unrhythmischen ta-tack, ta-tack hinter Marie her, verfing sich regelmäßig in den ausgewaschenen Rillen und Furchen und ließ sich nur widerspenstig von ihr in die richtige Richtung lenken.

Marie manövrierte ihn geduldig und bewahrte ihn mit geschickten Handbewegungen davor, aus dem Gleichgewicht zu geraten und in den schmierigen Dreck zu kippen. Von den drei filigranen Kofferschlössern war kein einziges mehr brauchbar; sie waren alle ruiniert, obwohl Marie mit einem rostigen Nagel in den winzigen Löchern herumgestochert und sich alle Mühe gegeben hatte, sie wieder in Gang zu bringen. Allerdings machte sich Marie nicht viel daraus. Sie hielt den prall gefüllten Koffer mit einer ausgefransten Paketschnur zusammen, die sie straff um seine verbeulten Hälften schnürte und ihn damit täglich aufs Neue wie ein überdimensionales Weihnachtspaket aussehen ließ.

Über der Seine folgten dunstige Nebelschwaden gemächlich dem träge ziehenden Wasser in Flussrichtung und verdichteten sich unter der Brücke, um auf der anderen Seite wie zerrissene Schleier hervorzuquellen. Der strömende Regen verebbte zögernd und ging schließlich in ein sanftes Nieseln über, das auf der trüben Oberfläche des Flusses winzige gewellte Schaumkrönchen hinterließ.

Marie lockerte das Zugband ihrer Kapuze und freute sich, dass das lang ersehnte nächtliche Sommergewitter endlich Abkühlung gebracht und das verdorrte Paris von Staub und flirrender Hitze befreit hatte. Die Pont de l’Alma glänzte unter der gelblichen Beleuchtung ihrer tulpenförmigen Laternen wie frisch poliert, die steinerne Statue des Soldaten Zouave schien erleichtert zu lächeln, und die feuchte Luft kondensierte in unzähligen Wassertröpfchen auf Maries Gesicht.

Energisch steuerte sie auf die dunkle Nische in der Kaimauer zu. Sie war todmüde, und es war bereits kurz vor Mitternacht. Von all ihren Brückenplätzen entlang der Seine war diese enge Mauervertiefung, an deren hinterer Stirnseite eine längst vergessene, eingerostete Eisentür zu einem aufgelassenen Kanalschacht des Pariser Abwassernetzes führte, ihre heimeligste Schlafstelle: trocken, abgeschieden und gut vor allzu neugierigen Blicken der Touristen geschützt. Schräg vor dem Gewölbeeingang stand eine Holzbank, flankiert von einem Hibiskusstrauch, dessen Wildwuchs zum Glück von keinem übereifrigen Stadtgärtner beschnitten wurde und der auch im Winter mit seinem blattlosen, aber dicht verzweigten Astwerk einen Sichtschutz auf ihre dahinterliegende Unterkunft bot.

Resolut zerrte Marie den unhandlichen Koffer um die Parkbank herum, schob ihn in den dunklen Eingang und löste behutsam die verknüpften Knoten der Paketschnur. Sie war spät dran heute und musste sich beeilen, wenn sie ihr Lager für die Nacht fertig aufschlagen wollte, bevor der Pater eintraf.

Dem Koffer entnahm sie eine mit verblichenen Sonnenblumen gemusterte Luftmatratze, blies sie keuchend auf und legte sie auf eine löchrige Decke über den feuchten Zementboden. Darüber breitete sie ein verwaschenes Leinenlaken, schüttelte ein rostbraunes, zerfleddertes Zierkissen zurecht, stapelte ihre spärlichen Habseligkeiten fein säuberlich rund um ihre Schlafstatt und stellte den leeren Koffer aufgeklappt so in den Mauerdurchbruch, dass er als wackelige Trennwand zwischen ihrem Liegeplatz und der Außenwelt fungierte. Sie streifte sich die um eine Nummer zu engen Sandalen stöhnend von den schmutzigen Füßen und ließ sich ächzend auf die nachgiebige Matratze sinken. Durch den breiten Spalt zwischen Koffer und Mauerwerk konnte sie in der Dunkelheit eine schemenhafte Bewegung ausmachen und hörte kurz darauf das vertraute Knarzen der Parkbank, auf die sich der Priester niederließ.

Marie unterdrückte ein Seufzen; nun war es vorbei mit ihrer ungestörten Nachtruhe. Wohl oder übel würde sie wieder einmal unfreiwillige Ohrenzeugin des ausgiebigen und verhalten geflüsterten Liebesspiels werden, dem sich der Gottesmann mit einer seiner jungen Gläubigen hingab. Es war Mittwochnacht, vermutlich war daher die kleine Alette heute die Auserkorene. Marie zog sich die Kapuze ihrer Regenjacke über den Kopf, versuchte, sich so geräuschlos wie möglich zur Wandseite zu drehen, schloss die Augen und flehte stumm um schnellen Schlaf. Sie würde nie begreifen, warum er sich ausgerechnet eine öffentliche Parkbank für seine Verstöße gegen den Zölibat ausgesucht hatte. Vielleicht wollte er entdeckt werden, damit ihm die Entscheidung, sich zu sich selbst anstatt zu Gott zu bekennen, von höherer Stelle abgenommen wurde.

Ein leises Scharren an der harten Schale des Koffers ließ sie erstarren.

»Marie! Marie, ich weiß, dass du da drinnen bist«, flüsterte der Priester, ohne den Koffer beiseitezuschieben.

Sie rührte sich nicht, versuchte mit der Finsternis ihrer schmalen Kammer zu verschmelzen und hielt angestrengt den Atem an.

»Marie, ich habe Arbeit für dich.« Er machte eine kurze Pause und wartete auf eine Reaktion.

Marie verharrte abwartend und blieb stumm.

»Morgen um acht hält ein Taxi an der Ampel erste Kreuzung Cours Albert. Ein silberner Citroën mit einem indischen Fahrer. Steig hinten ein. Alles andere erfährst du dann. Deinen Koffer kannst du hierlassen, ich kümmere mich darum. Hol ihn nach der Abendmesse in der Kirche ab. Nutz diese Chance, mein Kind.«

Marie schwitzte unter dem knisternden Nylon ihrer Jacke und nahm die schwerfällige Bewegung, mit der sich der ältere Mann mühsam abwandte, nur vage wahr, hörte aber gleichzeitig das unverkennbare Klappern von Alettes Stöckelschuhen auf dem Pflaster. Kurz darauf vernahm sie die typischen Laute und Geräusche, mit denen Alette dem Pater zu seiner himmlischen Erlösung verhalf.

»Mein Kind« hatte er sie genannt, obwohl er mit seinen sechzig Lenzen nur um einige Jahre älter war als sie selbst.

Was aber konnte das für eine Arbeit sein, die er ihr heimlich mitten in der Nacht anbot und nicht im offenen Gespräch von Angesicht zu Angesicht nach dem morgendlichen Gottesdienst oder bei einer abendlichen Ausspeisung in der Suppenküche?

Grundsätzlich mochte sie Pater François; er war kein schlechter Mensch, und für die heimliche Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse hatte sie vollstes Verständnis. Er behandelte die Mädchen respektvoll, bezahlte großzügig, war nicht gewalttätig und forderte keine abartigen Praktiken. Außerdem kümmerte er sich tatkräftig um seine bescheidene Gemeinde rund um die Église américaine und predigte vor allem nicht ständig Wasser, nur um sich selbst am Wein zu laben. Hin und wieder hatte er Marie zu einfachen Handlangerarbeiten verholfen, etwa Altkleider sortieren oder Plastikmüll entlang der Avenue de New York einsammeln. Diese wurden nicht mit barem Geld, dafür mit zwar abgelaufenen, aber völlig tadellosen Lebensmitteln oder Gutscheinen für einmaliges Duschen in der heillos überfüllten Obdachlosenherberge entlohnt.

Er wusste, dass sie zu alt war, um ihren abgemagerten Körper erfolgreich zu verkaufen. Auch war sie glücklicherweise weder von Drogen noch von Alkohol abhängig und besaß auch nicht die Fähigkeit, mit Drogen zu dealen.

Für welche Art von Arbeit also hielt er sie geeignet? Sollte sie stehlen? Betrügen oder gar morden im Namen des Herrn?

Es musste etwas Geheimes, Verbotenes, Sträfliches sein – so einfach war das.

Er vermittelte sie mit Sicherheit nicht als Putzfrau oder Kindermädchen. Nicht um Mitternacht, verstohlen wispernd hinter einer Parkbank.

Der Morgen

Blutrünstige Stechmücken waren während der schwülen Nacht in Schwärmen über Marie hergefallen und hatten auf jedem nackten Millimeter Haut ihr dunkelrotes Lebenselixier aus ihrem Körper gesogen.

Leise vor sich hin schimpfend kroch sie beim ersten Morgengrauen aus der stickigen Mauernische, schnappte sich ihre hellblaue Plastiktüte mit Zahnbürste, einem kleinen Stück Seife, zerschlissenem Lappen sowie dem beinahe zahnlosen, verbogenen Plastikkamm und kramte in dem abgegriffenen Lederbeutel, der an einem geflochtenen Wollband um ihren Hals hing, nach einer Münze.

Bevor sie sich auf den Weg zur öffentlichen Toilettenanlage in der Metrostation Alma-Marceau machte, zog sie das Ventil aus der Luftmatratze und steckte es in die vordere Hosentasche. Ihr gesamtes Hab und Gut ließ sie offen liegend in dem Verschlag zurück; außer der Matratze, die ohne Ventil wertlos war, gab es darunter nichts, was sich zu stehlen lohnte. Außerdem wäre sie ohnehin in ein paar Minuten wieder zurück.

Die Mückenstiche juckten wie verrückt, und sie merkte, dass sie sich im Schlaf blutig gekratzt hatte. Vielleicht hatte sie ja Glück, und der Spender in der Toilette war wieder mit neuen Papierhandtüchern aufgefüllt. Dann konnte sie sich einige davon nehmen, in kaltes Wasser tränken und zur Linderung auf die wunden Stellen ihrer Beine und Arme drücken.

Sie roch Schweiß und den Gestank verfaulter Äpfel in ihrem blassgelben Shirt, von der fleckigen Khakihose ging ein eindeutig scharfer Geruch aus, und ihr dichter blonder Zopf hing, von der feuchten Nachtluft schwer, im Nacken und muffelte nach verschimmeltem Brot.

Zu dieser frühen Morgenstunde waren nur wenige Jogger oder Spaziergänger mit ihren Hunden auf dem Quai des Rive Droite unterwegs. Marie genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen, die sich nach dem reinigenden Gewitter vom Vortag langsam ihren Weg durch vereinzelte Quellwölkchen erkämpften. Bis zum Mittag würde ganz Paris unter der glühenden Hitze wieder stöhnen, und unzählige Touristen würden ihre Trinkflaschen halb voll in die Müllkörbe werfen, weil das Wasser in kürzester Zeit lauwarm und schal in seiner weichen Plastikhülle schmeckte.

Taya, die afrikanische Putzfrau der städtischen Reinigung, war gerade dabei, das eiserne Rollgitter vor der Toilette der Metrostation zu entsperren, als Marie gemeinsam mit vereinzelten müden Passanten, die bereits zur Arbeit fuhren, die letzten Stufen in die stickige Untergrundwelt hinabstieg.

Sie blieb in einiger Entfernung vor dem für den Tag gerüsteten Gerätewagen von Taya stehen. Ruhig und unbeirrt wartete sie darauf, dass Taya ihre routinierten Vorbereitungen zur täglichen Öffnung der Toilette beendete und Marie mit einem stummen Nicken dazu aufforderte, ihr Eurostück in das massive Drehkreuz einzuwerfen. Dieses gab mit einem metallischen Klacken den Zugang frei.

Marie dankte ihr ebenfalls mit einer wortlosen Kopfbewegung und begann, über das stählerne Waschbecken gebeugt, ausgiebig die Zähne zu putzen, Gesicht und Hände zu waschen und sich zu kämmen. Das kalte Wasser fühlte sich auf ihren verschorften und geröteten Stichen wundervoll an, und als sie ihre staubigen Füße in eine frisch gesäuberte Toilettenschüssel tauchte, atmete sie erleichtert auf. Um diese Zeit gab es hier kaum Besucher, und Marie genoss die nach scharfen Reinigungsmitteln duftende Sauberkeit, das kühle Nass und die Freiheit, sich nahezu ungestört ihrer Körperpflege widmen zu können.

Taya war heute gut gelaunt, sie gurrte einen rhythmischen Gesang vor sich hin, schrubbte dazu im Takt mit einem breiten Wischer den dunkelgrau gefliesten Boden und hielt auf ihrer hellen Handfläche Marie lächelnd das Eurostück entgegen, als sie aus der Kabine trat. Marie senkte mit ernstem Blick den Kopf, griff nach der Münze, steckte sie in ihren Lederbeutel zurück und sah dankbar zu Taya auf. Taya drehte sich abrupt zu den Waschbecken um, summte ihr Lied weiter und begann damit, diese mit einer stechenden Lösung aus einer giftgrünen Flasche zu besprühen.

Bedächtig und langsam ging Marie zurück zu ihrem verborgenen Lager und leistete sich den seltenen Luxus, das dank Taya für die Toilette eingesparte Eurostück in einen Getränkeautomaten am Ausgang der Metrostation zu stecken. Dafür erhielt sie einen halb vollen, winzigen Plastikbecher mit heißem Kaffee. Wasser- und Croissantreste würde sie sich aus den spätestens in zwei Stunden übervollen Mülltonnen besorgen. Sie setzte sich auf die Bank in den Schatten des Hibiskusstrauches – sie wollte nicht erneut ins Schwitzen geraten, nachdem sie sich trotz der immer noch schmutzigen Kleidung der Illusion von Frische und Sauberkeit hingab – und grübelte darüber nach, ob sie um acht Uhr bei der Ampel auf das Taxi mit dem indischen Fahrer warten sollte oder lieber nicht.

Wenn dieser Job von Pater François vorgeschlagen wurde, konnte er nicht so schlimm sein, oder? Auch wenn sein Getue darum etwas geheimnisvoll und verschwörerisch gewesen war. Was hatte sie zu verlieren? Man würde sie kaum vergewaltigen oder verstümmeln, dazu hätte es in den letzten Jahren unter den Brücken und auf der Straße weiß Gott Gelegenheiten genug gegeben. Sollte sie keinen Gefallen an der Arbeit finden, könnte sie immer noch ablehnen. Im schlimmsten Fall war sie in ihrem kümmerlichen Lebensplan keinen Schritt weiter als jetzt. Im besten Fall hatte sie Arbeit, verdiente ein wenig Geld und konnte sich damit vielleicht sogar eine Kammer im staatlichen Obdachlosenheim in Nanterre leisten, von dem sie gehört hatte.

Sie gab sich einen Ruck, packte ihren Koffer sorgfältig nach einem von ihr selbst ausgetüftelten Ordnungssystem, verschnürte ihn fest und lehnte ihn an die verrostete Eisentür an der Rückwand der Mauernische, von wo der Pater ihn abholen und in die Kirche bringen würde.

Ein vom Alter gezeichneter Mann führte seinen hektisch an der Leine zerrenden und kläffenden Terrier zum Hibiskusstrauch, an dem er geräuschvoll sein Revier markierte. Marie fragte den Alten nach der Uhrzeit.

Es war fünf vor acht, Zeit zu gehen.

Der Arbeitgeber

Ein silbergrauer zerschrammter Citroën parkte mit eingeschalteter Alarmblinkanlage am rechten Fahrbahnrand vor der Ampel. Vorsichtig näherte sich Marie dem Wagen, dessen gelbes Taxischild in einem verbogenen Rahmen am Dach hing und zersplittert war, und spähte neugierig ins Wageninnere. Der dunkelhäutige Fahrer hatte einen grellorangen Turban aus glänzender Seide kunstvoll um seinen hageren Schädel geschlungen. Er blickte starr geradeaus durch die Windschutzscheibe. Sehnige Hände umklammerten fest das Lenkrad, und er drehte auch nicht den Kopf, als die hintere Wagentür kraftvoll von innen aufgestoßen wurde.

Marie fasste nach dem Handgriff und zog die Tür weit auf, blieb aber achtsam am äußersten Rand des Bürgersteigs stehen, während sie sich ein kleines Stück in den Wagenfond beugte, um besser sehen zu können. Das Erste, was ihr auffiel, war ein angenehm erfrischender Duft von teurem Aftershave, der aus dem kühlen Inneren strömte. Geblendet vom mittlerweile gleißenden Sonnenlicht konnte sie den Mann nicht genau ausmachen, der sie mit einer wohlklingenden Baritonstimme ruhig aufforderte: »Steig ein, Marie. Keine Angst, es passiert dir nichts.«

Es war der sonore Klang dieser Stimme, tief und kräftig, ruhig, irgendwie vertrauenerweckend, mit kultivierter Aussprache, der den endgültigen Ausschlag dafür gab, dass Marie ihre letzten Bedenken und Zweifel über Bord warf, sich auf die Rückbank setzte und die Tür rasch zuzog, um der Hitze den Einlass zu verwehren.

Drei Dinge passierten in den nächsten fünf Sekunden gleichzeitig.

Der Fahrer trat so vehement auf das Gaspedal, dass der kleine Wagen unvermittelt nach vorne schoss.

Der Mann neben ihr befahl ihr scharf: »Setz dich auf den Boden!«

Eine schrille Frauenstimme kreischte: »Oh mein Gott, wie kann man nur so dämlich sein. Raus hier! Das ist nichts für dich. Ich bitte dich, du musst hier raus. Schnell!«

Erschrocken, fast reflexartig glitt Marie auf den Boden und bemerkte erst jetzt, dass der Beifahrersitz ausgebaut worden war. Sie zog dennoch ihre nackten, mit roten Quaddeln übersäten Beine an und kauerte nun mit dem Rücken an die Sitzbank gelehnt auf dem schmutzigen Filzbelag der vibrierenden Bodenplatte.

Verwirrt drehte sie den Kopf nach hinten und blickte direkt in das sonnengebräunte Gesicht eines attraktiven grauhaarigen Mannes, dessen faltenloser Sommeranzug an den Ärmelaufschlägen mit dezenten Etiketten von Hugo Boss versehen war und der auf Hochglanz polierte Lederschuhe trug, die verdächtig nach italienischer Handarbeit aussahen.

Er musterte sie interessiert aus eisblauen Augen, rümpfte geziert die vornehm schmale Nase und stellte mit gerunzelter Stirn beinahe amüsiert fest: »Du stinkst.«

Hinter seinen schmalen Lippen blitzten perlweiße Zähne hervor, die niemals von Natur aus so regelmäßig gewachsen sein konnten, und die Andeutung eines Lächelns spiegelte sich in feinen Augenfältchen wider. Er mochte um die fünfzig sein, vielleicht aber auch sechzig, es war schwer zu sagen. Sein gepflegtes, schickes Aussehen täuschte womöglich über sein wahres Alter hinweg, und die geschliffene Sprache zeugte von Bildung. Die selbstverständliche Autorität und Entschlossenheit, die er ausstrahlte, beeindruckten Marie kaum, schon gar nicht ließ sie sich davon einschüchtern oder erstarrte vor Angst und Ehrfurcht. Weit Schrecklicheres hatte sie im täglichen Überlebenskampf ihres unbarmherzigen Straßendaseins mit eigenen Augen gesehen und auch am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Der Tod machte ihr keine Angst mehr; was sie fürchtete, war ein schmerzhaftes oder qualvolles Sterben.

Suchend blickte sie sich nach der schreienden Frau um, die sie nirgendwo im Wagen entdecken konnte. War das Gekreische aus dem Kofferraum gekommen? Der Gedanke daran, dass keinen Meter von ihr entfernt eine hilflose Frau ihr verzweifelt Warnungen zurief, verursachte Marie nun doch ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Sie registrierte aus dem Augenwinkel ein nervöses Zucken ihrer kleinen Finger, wie es immer völlig unkontrolliert eintrat, wenn sie gezwungen war, ihre innere Anspannung durch verlogenes Verhalten zu überspielen. Aus zusammengekniffenen Augenlidern betrachtete sie unverwandt die raue Haut an den zarten Knöcheln ihrer zappelnden Finger und sagte mit zwar belegter Stimme, aber klar und deutlich verständlich: »Sie stinken.«

Der Mann beugte sich nach vorne, stützte die Ellbogen auf seine Knie und legte die Fingerspitzen seiner manikürten Hände dabei wie zum Gebet aneinander.

»Wie bitte?«, fragte er.

»Es heißt: ›Sie stinken.‹ Und nicht: ›Du stinkst.‹ Höflichkeitsform«, erklärte Marie sachlich, ohne ihm den Blick zuzuwenden.

Nach einer verblüfften, atemlosen Sekunde brach der Mann in heiteres Lachen aus. Es war ungekünstelt und ehrlich und schien aus den Tiefen seines breiten Brustkorbes hervorzusprudeln.

»Welch erfrischende Unverfrorenheit! Was bildest du dir eigentlich ein? Was denkst du, wer du bist?«, lachte er spöttisch.

»Marie Croix«, erwiderte sie ernst, den Kopf noch immer gesenkt.

Ungläubig schüttelte er den Kopf, schwieg aber, setzte sich wieder aufrecht hin und zog aus der knitterfreien Innentasche seines Sakkos ein schmales schwarzes Ledermäppchen, das er aufschlug und aus dem er wie der gelehrte Dozent in einer wissenschaftlichen Vorlesung rezitierte:

»Marie Croix, geboren 1961, verwitwet, ein homosexueller Sohn, der samt Ehemann und vierjährigem Adoptivsohn in der Tasmanstraat 8 in Amsterdam lebt.

Monsieur Croix hinterlässt seiner Witwe nach seinem tödlichen Rennbootunfall vor acht Jahren eine hoch verschuldete Schönheitsklinik in Saint Tropez, vier laufende Prozesse mit Anklage auf fahrlässige Körperverletzung, inszeniert von enttäuschten Patientinnen, Regressforderungen in astronomischen Höhen sowie einen erzürnten und zum Äußersten bereiten Immobilienmakler, der die horrenden ausstehenden Raten der luxuriösen Villa am Meer einfordert.

Madame Croix flüchtet nach gerichtlichen Zwangsversteigerungen, staatlichen Enteignungen sowie einem Brandanschlag auf ihren verbliebenen Kleinwagen völlig mittellos nach Paris. Ein in jungen Jahren abgebrochenes Medizinstudium sowie keinerlei abgeschlossene Ausbildungen und das nicht mehr ganz so junge Alter machen die Arbeitssuche in der Metropole zu einem erfolglosen Unternehmen. Marie Croix, zu diesem Zeitpunkt fünfundvierzig, rutscht durch das engmaschige Hilfsnetz unseres hochgepriesenen Sozialstaates und fällt tief. Gelegentliche Handlangertätigkeiten erweisen sich als zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel und reichen nicht einmal für den minimalen Obolus, den Wohlfahrtseinrichtungen für ein kärgliches Loch verlangen, zumal Madame jeden einzelnen Cent aus ihrem Bettelbecher eisern spart, um jährlich an Weihnachten eine Zugreise zu Sohn und Enkel unternehmen zu können. Einem schwulen Sohn, der noch immer davon überzeugt ist, seine Mutter habe sich aus Verzweiflung der Religion zugewandt und lebe in einem erzkonservativ geführten Kloster, in dem Besuche strengstens verboten sind. Wie grotesk ist das denn?«

Die eng beschriebenen Seiten des Mäppchens knisterten, als er es sinken ließ, um trocken zu schlucken und eine Sprechpause einzulegen.

In Maries Kopf überschlugen sich die Gedanken, das Herz pochte einen Tick zu schnell, und sie schob ihre Hände unter die Oberschenkel, um das Zittern zu verbergen.

Was wollte er von ihr? Wozu hatte er all diese Informationen über sie gesammelt?

»Hab ich es dir nicht gesagt?«, jammerte plötzlich wieder die Frau weinerlich. »Warum bist du überhaupt eingestiegen?«

Erstaunt riss Marie den Kopf nach oben und drehte ihn ruckartig in alle Richtungen, um nach der Frau zu sehen. Außer dem verhutzelten Fahrer, dessen spitzer Adamsapfel die faltige Haut über seinem Hals zu durchbohren schien, und dem sie abwartend fixierenden Fremden sah sie in dem beengten Kleinwagen niemanden.

»Hör endlich auf zu jammern, Lilille«, mischte sich eine ungeduldige Männerstimme ein, »du machst Marie ja ganz nervös. Das können wir im Moment am wenigsten gebrauchen. Jetzt ist ein kühler Kopf gefragt.«

Gehetzt irrte Maries Blick umher, erfasste jedoch nur dieselbe Szenerie: Der indische Fahrer links vor ihr, verbissen an der Schaltung rüttelnd, links schräg hinter ihr der elegante Unbekannte.

»Aber du musst zugeben, dass ich recht habe«, fauchte Lilille.

Wer auch immer die beiden im Kofferraum waren, Marie wünschte, sie würden endlich still sein, damit sie sich darauf konzentrieren konnte, was eben mit ihr in diesem Wagen geschah.

»Ist ja gut jetzt«, lenkte der Ungeduldige schroff ein. »Am besten wird sein, wir hören uns an, was dieser eingebildete Schnösel will. Im Augenblick haben wir sowieso keine andere Möglichkeit. Blind aus dem Auto zu springen, ist bei dem dichten Morgenverkehr viel zu gefährlich.«

Marie erschien dieser Vorschlag vernünftig, und unwillkürlich nickte sie zustimmend.

»Nun?«, fragte der elegante Ältere kühl.

Marie blickte in sein durchaus ansehnliches Gesicht und zuckte gleichgültig mit den Schultern.

»Ich verstehe«, seufzte er, »du bist in den wenigen Jahren auf der Straße zu einer Richtigen der zigtausend ›Losen‹ in Paris geworden, nicht wahr?«

Ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Mitgefühl schwang in seinen Worten mit.

»Du bist obdachlos und mittellos. Bis auf ein paar wenige Tage im Jahr bist du eigentlich auch kinderlos. Du bist arbeitslos. Alles zusammengenommen, ist dein Leben trostlos und hoffnungslos, um nicht zu sagen sinnlos.«

Über die erbärmliche Wahrheit, aus der er seine pathetischen Wortspielereien zimmerte, dachte Marie nur äußerst selten nach. Zu viele dunkle Gefahren barg die nähere Auseinandersetzung damit, wie lähmend und armselig Tag für Tag ihres Lebens seit acht Jahren dahintröpfelte. Der Versuchung, Tristesse und Verzweiflung der elenden Gedanken mit Alkohol oder Drogen in Schach zu halten, hatte sie bis jetzt zwar widerstehen können, war sich aber nicht sicher, wie lange ihr diese an schlimmen Tagen beinahe übermenschliche Anstrengung noch gelingen würde.

»Wie kann er nur so gemein sein«, wimmerte Lilille leise vor sich hin.

»Hör auf zu flennen!«, fuhr sie der Ungeduldige gereizt an. »Dein Gejammer hilft uns jetzt auch nicht weiter.«

»Claude, du hast nicht das geringste Mitgefühl. Du bist kalt und herzlos.«

Claude schwieg. Endlich.

Das streitbare Gezänk der beiden zerrte an Maries Nerven. In ihrer sitzenden Haltung versuchte sie, anhand der vorbeifliegenden Fassaden der Gebäude herauszufinden, wo sie sich befanden.

Es gelang ihr nicht. Zu schnell waren sie gefahren, zu weit gekommen, zu oft hatte der Wagen die Fahrspuren gewechselt, als dass sie sich von ihrer tiefer liegenden Perspektive aus hätte orientieren können, und die kunstvoll verzierten Stukkaturen an den mächtigen Bauten entlang des Rive Droite huschten nur als unscharfe graue Fetzen an den verschmierten Autoscheiben vorbei. In rasanten Abfolgen beschleunigte und bremste der Inder, niemand sprach, und Marie verwarf den Gedanken, aus dem Wagen zu hechten. Bevor sie sich aufgerappelt haben würde, hätte sie der Fremde entweder erschossen oder zumindest zurückgezerrt. Nach geraumer Zeit – Marie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon unterwegs waren – wurde die Geschwindigkeit auf Schritttempo gedrosselt, und sie fuhren steil bergab in eine Art finsteren Tunnel. Marie spürte mehr, als sie es wusste, dass es sich um die Einfahrt in eine Tiefgarage handeln musste. Der Wagen hielt mit laufendem Motor, der Unbekannte forderte sie leise zum Aussteigen auf. Marie zog sich mit steifen Knien am Armaturenbrett hoch, öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Sofort gab der Inder wieder Gas.

Marie sah sich kurz um. Tatsächlich befanden sie sich in einer Tiefgarage, allerdings war diese völlig leer – ein für das gesamte Paris absolut unvorstellbarer Zustand. Es musste sich um ein privates Gelände handeln.

Ungehalten hörte sie den namenlosen Mann nach ihr rufen, und sie folgte ihm zu einer beinahe unsichtbar in die Wand eingelassenen Tür. Er presste seine Handfläche fest auf die glatte Oberfläche direkt über dem Knauf, und die Tür schwang mit einem sanften hydraulischen Summen auf. Sie führte in das kühle Innere eines geräumigen Zimmers, dessen Stirnseite zur Gänze mit einem Spiegel versehen war. Dieser reflektierte die purpurnen Stoffbahnen, mit denen die Wände überzogen waren, sowie das blitzende Weiß der Marmorfliesen am Boden. Sanfte Klaviertöne erklangen aus unsichtbaren Lautsprechern, und der längliche Raum war so gut klimatisiert, dass schlagartig Maries Oberarme von einer Gänsehaut überzogen wurden. Fein eingesponnene Silberfäden in den Stoffen sandten funkelnde Sterne an den glänzenden Spiegel. Marie erhaschte einen flüchtigen Blick auf ihr Spiegelbild, und entsetzt warf sie den Kopf in den Nacken, um die in die Decke eingelassenen Spots zu fixieren, die wahrscheinlich die Milchstraße darstellen sollten.

Der Unbekannte warf ihr einen kurzen Blick zu und stellte ungerührt fest: »Du gehst langsam vor die Hunde, Marie.«

»Sie gehen langsam vor die Hunde«, antwortete Marie der Milchstraße. »Ich bin nicht mit Ihnen befreundet, Monsieur.«

»Sie sind sehr hartnäckig, Madame Croix.«

Sie konnte sein sardonisches Lächeln nicht sehen, doch seine Stimme konnte den triefenden Spott nicht verbergen und strafte seine betonte Höflichkeit Lügen.

Erneut presste er seine Handfläche auf eine unscheinbare Glasplatte, die in der Seitenwand neben der Tür eingelassen war, und sofort begann sich der Raum zu bewegen, er schien nach oben zu schweben.

Sie befanden sich in einem Aufzug, erkannte Marie erstaunt.

Nach wenigen Sekunden kam der Raum zum Stillstand, die Tür schwang lautlos automatisch nach außen auf und gab den Blick auf eine junge Frau frei, die sie ganz offensichtlich erwartete.

Ihr feines asiatisches Gesicht war von faszinierender Schönheit, das blauschwarz glänzende Haar fiel in kunstvollen Wellen bis über die schmalen Hüften. Unter ihrem eng gewickelten cremeweißen Sarong erahnte man einen feingliedrigen Körperbau, von dem nicht einmal die üppige Perlenstickerei abzulenken vermochte. Die Andeutung eines zurückhaltenden, unverbindlichen Lächelns auf ihren kirschrot bemalten Lippen verlieh ihrem Gesicht eine nichtssagende Starre.

»Mi Li«, sagte er freundlich, während er Marie mit einer winkenden Handbewegung aufforderte, den Aufzug zu verlassen, »ihr habt zwei Stunden für sie.«

Die Verwandlung

Mi Li nickte kurz. »Jawohl, Monsieur Mondieu.«

Marie war während des knappen Wortwechsels unbeholfen aus dem Aufzug gestolpert, noch immer mit den Bildern einer verwahrlosten Alten im Kopf, die sie als ihr eigenes Ich im Spiegel erkannt hatte. Hinter ihr schloss sich sofort die Tür mit einem kaum wahrnehmbaren zischenden Seufzen.

Wortlos glitt die bildschöne Chinesin einen hell erleuchteten, weiß getünchten Gang entlang. Marie rührte sich nicht von der Stelle, bis Mi Li sich endlich umdrehte und sie mit gerunzelter Stirn auffordernd anblickte.

»Wo bin ich?«, fragte Marie forscher, als sie es eigentlich war.

Mi Li blieb stumm.

»Wohin soll ich mit Ihnen gehen?«, versuchte es Marie erneut.

»Zur Kosmetik.«

Ein beinahe hysterisches Lachen entfuhr Marie.

»Im Ernst?«

Mi Li wandte sich um und ging bis zu der einzigen Tür, die sie mit einem flachen Händedruck auf eine Glasplatte über dem Türknauf, gleich der im Aufzug, öffnete.

Noch immer leise glucksend betrat Marie den fensterlosen Raum, der mindestens so groß war wie der Speisesaal der Suppenküche des Antonius-Hilfswerkes.

Aus langen Deckenleuchten flutete helles Licht. Jede der vier Wände war in einer anderen sanften Pastellfarbe gestrichen, und der Boden war mit denselben Marmorplatten ausgelegt wie Aufzug und Gang. Von mehreren in den Plafond eingelassenen Schienen fielen Vorhänge, die den weitläufigen Raum in einzelne Kojen aufteilten. In jeder dieser Abteilungen befanden sich Massageliegen, Entspannungssessel und Regale mit Geräten, die Marie von ihrer Vorher-Zeit aus Wellnesstempeln oder Kosmetikstudios vertraut waren. Drei attraktive Asiatinnen standen mit hinter dem Rücken verschränkten Händen vor einer gläsernen Trennwand, hinter der sich ein muschelförmiger Whirlpool befand. Sie trugen weiße Overalls, die sich wie eine zweite Haut an ihren makellosen Körpern festzusaugen schienen.

»Zwei Stunden«, sagte Mi Li, und die Mädchen neigten gehorsam den Kopf.

Mi Li wandte sich an Marie und forderte sie ausdruckslos auf. »Ziehen Sie sich aus. Sie beginnen mit einem Bad.«

Marie war zu verblüfft, um etwas zu entgegnen, und wie ferngesteuert streifte sie ihre zerschlissene Kleidung ab. Eines der Mädchen brachte einen geflochtenen Korb, um ihre Habseligkeiten darin zu sammeln.

»Was soll das alles hier?«, erkundigte sich Marie bei ihr, doch sie erhielt keine Antwort, das Mädchen neigte schweigend den Kopf.

In der Zwischenzeit hatten die beiden anderen jungen Frauen die Wanne gefüllt und duftende Essenzen dem warmen Wasser beigefügt. Mit stummen Gesten bedeuteten sie Marie, in die überdimensionale Muschelwanne zu steigen.

Marie hatte begriffen, dass niemand mit ihr sprechen durfte. Sie kletterte umständlich über den Wannenrand und ließ sich in das angenehm temperierte Wasser gleiten. In einer Muschelschale am Wannenrand lagen kleine Seifen, Schwämmchen und Bürsten. Marie begann genüsslich, sich einzuseifen, Hände und Füße zu schrubben, Nägel zu bürsten, sich abzuspülen und die ganze Prozedur von vorne nochmals zu wiederholen. Es war ein himmlisches Vergnügen, das sie dabei empfand und bis zur letzten Minute auskosten wollte. Seit acht Jahren hatte sie einen solchen Luxus nicht mehr genossen, und das wohlige Gefühl ließ sie ihre Nacktheit vergessen. Eines der Mädchen beugte sich über sie, löste ihren dicken Zopf, entwirrte vorsichtig verfilzte Knoten, wusch das lange Haar sorgsam und massierte dabei in langsam kreisenden Bewegungen Maries Kopfhaut, nicht ohne mit den Fingerspitzen verschorfte Stellen oder winzige Nester verschmutzter Krusten aufzuspüren.

Die beiden anderen Mädchen liefen in der Zwischenzeit geschäftig im Raum hin und her, richteten flauschige Badetücher und bereiteten mit goldenen Schriftzügen versehene Cremetiegel und Tuben vor. Nachdem ihr Haar mehrmals sorgfältig gespült und die ausgetrocknete Haut vom vielen Bürsten gerötet war, reichte man ihr einen Bademantel und dazu passende Pantoffeln aus plüschigem Stoff, wie sie in exklusiven Hotels verwöhnten Gästen zur Verfügung standen. Marie verbot sich, darüber nachzudenken, was hier vor sich ging, schon gar nicht wollte sie wissen, was man nun mit ihr vorhatte. Sie wurde zu einem bequemen Polstersessel geführt, der vor einer hohen Spiegelwand stand, in der sie beobachten konnte, wie sich ihr von hinten ein Mädchen mit Kamm und Schere in den Händen näherte.

»Nein, auf keinen Fall die Haare schneiden!«, plärrte Lilille aus dem Nichts.

Zutiefst erschrocken fuhr Marie im Sessel herum und blickte mit weit aufgerissenen Augen der jungen Asiatin ins Gesicht, die ihrerseits zusammenzuckte und ängstlich einen Schritt zurückwich.

Maries Augen irrten im Raum umher, doch Lilille war nicht zu entdecken. Die Kojen waren leer, soweit Marie den Raum überblicken konnte, auch hinter der gläsernen Wand konnte sie in der mittlerweile geleerten Wanne niemanden ausmachen.

Die drei Mädchen standen verwirrt um sie herum und flüsterten leise in einer fremdartigen Sprache miteinander.

»Lilille, wo bist du?«, rief Marie laut in den Raum.

Lilille musste vor ihr hierhergekommen sein, und vielleicht hatte Marie sie nicht bemerkt, weil sie zu sehr mit den eigenartigen Vorgängen um sich herum beschäftigt gewesen war.

Lilille antwortete nicht.