Porträt eines Spenders - Lissa Price - E-Book

Porträt eines Spenders E-Book

Lissa Price

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Beschreibung

In der Zukunft gibt es nur noch sehr alte und junge Menschen. Mittellos kämpfen die 16-jährige Callie und ihr kleiner Bruder auf der Straße ums Überleben. Callie entschließt sich daher zu dem Undenkbaren: Sie verleiht ihren Körper an einen alten Menschen, dessen Bewusstsein ihren Körper übernimmt und der so wieder jung sein kann. Doch alles verläuft anders als geplant ... Wie es nach »Porträt eines Spenders« weitergeht, erfährst du im Roman »Enders« bei ivi.

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Lesen was ich will!

www.lesen-was-ich-will.de

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Birgit Reß-Bohusch

ISBN 978-3-492-96706-8

April 2015

© Lissa Price 2014

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Portrait of a Donor«

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2015

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Covermotiv: Lauren Bates / gettyimages

Datenkonvertierung: psb, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Ich hasse Marshals mit ihren Zip-Tasern und Pistolen, aber nun bleibt mir keine andere Wahl, als gegenüber einem dieser Bullen Platz zu nehmen. Der hier sieht aus, als wäre er um die hundert, vielleicht auch hundertfünfzig. Sein weißes Haar ist kurz geschoren, und er wirkt durchtrainiert wie die meisten Marshals. Zwischen uns steht ein eleganter weißer Schreibtisch. Er gehört Doris, aber sie wird dieses Büro in den Geschäftsräumen von Prime Destinations nie wieder benutzen. Den Mietservice für junge Körper gibt es seit heute Abend nicht mehr.

Ist das eine gute Sache? Ich weiß es nicht. Und ich habe das nicht zu entscheiden. Ich bin nur eine von vielen Starters, die sich ihren Lebensunterhalt als Körperspender verdient haben und nun arbeitslos sind.

Der Marshal starrt konzentriert in seinen Airscreen und macht sich noch ein paar Notizen zu dem vorangegangenen Spenderverhör. Ich trage ein silbergrünes Minikleid mit schillernden Mustern – nicht von mir, sondern von Doris ausgewählt – und friere mir fast den Hintern ab. In diesem Geschäft zählt nur der schöne Schein. Meine langen schwarzen Haare sind perfekt geglättet, aber mein Make-up – für meinem Geschmack viel zu dick aufgetragen – muss mittlerweile ziemlich verschmiert sein. Es ist nach zehn Uhr, und ich bin erschöpft. Ich will nur noch raus aus diesem Chaos. Alle, die irgendwann mal etwas mit der Body Bank zu tun hatten, scheinen an diesem Abend hier zu sein, dem Abend, der das Ende von Prime bedeutet.

Ich drehe den Kopf nach links und sehe den nächsten Starter schon bereitstehen. Er stößt mit der Schuhspitze nervös gegen den Türrahmen. Er ist Inder und hat große, schmachtende Augen, die fast zu schön für einen Jungen sind. Unsere Blicke treffen sich. Einen Moment lang weicht die Angst aus seinen Zügen, und er lächelt mir zaghaft zu.

»Name und Alter?« Die strenge Stimme des Marshals geht mir durch und durch. Meine Muskeln verkrampfen sich.

Marshals. Ich will endlich weg von hier. Wenn ich könnte, würde ich die Flucht ergreifen, aber es wuseln einfach zu viele von den Kerlen durch das Gebäude. Sie hassen alle Starters, aber insbesondere diejenigen von uns, die nicht makellos weiß sind. Ich merke, wie sich ihr Ausdruck verändert, sobald sie meine Hautfarbe sehen. Ich nenne das für mich »das schwarze Auge«.

»Briona Johnson. Sechzehn.«

»Und Sie waren bei Prime Destinations angestellt?«

»Nein«, widerspreche ich. »Ich war nur eine Spenderin.«

Er versucht mich reinzulegen. Will mir das Eingeständnis entlocken, dass ich für Prime gearbeitet habe. Damit er mich einsperren kann.

Seine Augen werden schmal. »Aber Sie wurden doch bezahlt, oder?«

»Nein. Man wollte mir als Belohnung für meine Körperspende ein Stipendium verschaffen.« Ich lächle ihn an und gebe mir Mühe, nicht allzu selbstgefällig zu wirken.

»Also wurden Sie bezahlt.« Er hat keinerlei Hemmungen, selbstgefällig zu wirken.

»Sehen Sie hier irgendwo Geld?« Ich spreize die Finger. »Ihr macht diesen Laden einfach dicht. Und wie komme ich jetzt an meine sauer verdienten – … äh, an mein Stipendium?«

Er beugt sich vor. »Sie haben hier geschlafen, Kindchen. Ich würde mein Geld auch gern mal im Schlaf verdienen.«

Der Typ hat keine Ahnung von den Erinnerungen, die mich Tag für Tag quälen. Erinnerungen an all die Dinge, die meine Mieterin anstellte, als sie meinen Körper benutzte. An Geheimnisse, Lügen, Waffen.

Aber das werde ich ihm nicht verraten. Es reicht, dass sie Doris in Handschellen abgeführt haben. Doris ist die P.D.-Mitarbeiterin, die meinen Körper übernommen hatte. Die suchen doch nur nach einem Vorwand, um mich ebenfalls einzubuchten.

Irgendwie schaffen sie es immer, uns Starters die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Von draußen dringt Lärm in das Büro. Ich drehe mich um und sehe, dass Schmachtauge immer noch an der Schwelle wartet. Er hat die Arme verschränkt und den Blick abgewandt. Tut so, als hörte er nicht zu, was wir da drinnen reden. Enders, begleitet von Wachtposten, schlurfen durch den Korridor. Werden die Marshals sie verhaften? Wohl kaum. Sie haben nur die Dienste Prime in Anspruch genommen, nicht für das Unternehmen gearbeitet. Außerdem sind sie alt und reich. Es sind immer die Starters, die leiden. Starters wie ich.

»Haben Sie Großeltern oder stehen Sie unter gesetzlicher Vormundschaft?« Der Marshal tippt mit der Fingerspitze gegen seinen Airscreen, ehe er mich prüfend ansieht.

»Eine Großmutter.«

Ich bemühe mich, seinem Blick standzuhalten. Das macht die Lüge überzeugender.

»Adresse?« Ich zögere. Diese Frage musste ich seit Monaten nicht mehr beantworten. Ich hatte eine falsche Adresse auswendig gelernt, aber in diesem Moment bin ich total blank. Was kann ich sagen?

Etwas lenkt den Bullen von mir ab. Ein zweiter, eher schmal gebauter Marshal steht im Türrahmen.