Porträt eines Starters - Lissa Price - kostenlos E-Book

Porträt eines Starters E-Book

Lissa Price

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Beschreibung

Nach dem Ausbruch eines tödlichen Virus gibt es nur noch sehr alte und junge Menschen. Mittellos kämpfen die 16-jährige Callie und ihr kleiner Bruder auf der Straße ums Überleben. Callie entschließt sich daher zu dem Undenkbaren: Sie verleiht ihren Körper an einen alten Menschen, dessen Bewusstsein übernimmt ihren Körper und kann so wieder jung sein. Doch alles verläuft anders als geplant ... Wie es nach "Porträt eines Starters" weitergeht, erfährst du im Roman "Starters", erschienen bei ivi.

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Lesen was ich will!

www.lesen-was-ich-will.de

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Birgit Ress-Bohusch.

Vollständige E-Book-Ausgabe

1. Auflage 2012

ISBN 978-3-492-95649-9

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Portrait of a Starter« bei Delacorte/Random House USA, New York 2012

© , ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2012

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagabbildung: © Lauren Bates

Datenkonvertierung: psb, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Ich sitze auf dem Fußboden und greife nach meinem Kohlestift, vorsichtig, um Callie nicht zu wecken. Sie liegt auf meinem Schlafsack, mit geschlossenen Augen und einem sanften Lächeln auf den Lippen. Träumt wohl von unserem Leben vor dem Krieg. Danach gab es kaum noch einen Anlass zum Lächeln.

Ihr kleiner Bruder Tyler schläft auf der anderen Seite des Raumes, verborgen hinter den umgedrehten Schreibtischen. Ich kann ihn atmen hören, ein Rasseln und Schnarchen, das kommt und geht. Seine Lunge. Vielleicht hat es sich Callie deshalb auf meinem Schlafsack bequem gemacht – um mal zur Ruhe zu kommen und einen kurzen Nachmittagsschlaf zu halten.

Ich balanciere meinen Skizzenblock auf den übereinander geschlagenen Beinen. Meinen kostbaren Skizzenblock. Jedes Blatt ist an den Rändern ausgefranst und fleckig, aber immer noch gut zum Zeichnen zu gebrauchen.

Callies Kopf neigt sich ein wenig zu mir. Meine Hand zögert, hält den Stift reglos in der Luft. Ich bin in sie verknallt, seit ich sie mit dreizehn zum ersten Mal in unserer früheren Wohngegend sah. In den drei folgenden Jahren entwickelte sich das unbeholfene Kind zu einer … nun ja, ganz und gar nicht unbeholfenen jungen Frau. Ich schiebe die Erinnerung beiseite, um der Person vor mir besser gerecht zu werden. Ohne den Schmutz auf ihrer Wange und das Zottelhaar zu beachten, das – wie bei uns allen – nach ausführlicher Behandlung mit Shampoo schreit, versuche ich Callies Wesen zu erfassen. Ich finde nicht die Worte, um sie zu beschreiben. Besser schaffe ich das vielleicht mit Strichen und Schraffuren.

Meine Hand nähert sich dem Papier. Ich zeichne das Oval, das ihr Kopf werden soll. Eine Eiform, der Anfang. Ich umfahre es immer wieder mit dem Stift, wie ein Auto die Rennbahn, ziehe weiche graue Linien, um ihr mehr Volumen zu geben. Volumen – was für ein Witz! Sie ist so mager wie ich, so mager wie alle Starters, die seit einem Jahr auf der Straße leben, ohne Geld und ohne Verwandte, die sie bei sich aufnehmen. Da setzt niemand Fett an.

Ich hasse mein Dasein als Starter. Ich hasse es, erst sechzehn zu sein. Ich hasse es, hungrig zu sein. Warum verbieten sie uns, zu arbeiten?

Ich konzentriere mich wieder auf das Porträt. Obwohl Callies Nase zart ist, verrät sie Willenskraft. Ich wende mich ihren Lippen zu, versuche einen Mittelweg zu finden, der sie weder zu voll noch zu schmal erscheinen lässt. Ein halber Zenti­meter bewirkt den Unterschied zwischen Härte und Schmollen, und weder das eine noch das andere trifft auf Callie zu.

Im Moment ist ihr Gesicht nicht mehr als ein Umriss, genau wie es sein soll. Ich beginne mit der Augenpartie. Erst die Brauen. Flüchtige Linien für den Anfang. Dann zeichne ich zwei einfache Ovale als Platzhalter für die Augen. Als nächstes ihr langes Haar, das auf dem Schlafsack ausgebreitet liegt. Ein schwungvoller Bogen. Nein, so stimmt das nicht. Ich radiere ihn weg.

Warum hat das nicht geklappt?