Potenziale entfalten - Begabungen fördern - Daniel Paasch - E-Book

Potenziale entfalten - Begabungen fördern E-Book

Daniel Paasch

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17,99 €

Beschreibung

Kinder sind heutzutage einer wahren Reizüberflutung ausgesetzt. Kommen familiäre Spannungen oder Ärger mit Mitschülern hinzu, ist der Stresspegel dauerhaft erhöht. Darunter leiden nicht zuletzt auch die schulischen Leistungen. Viele Kinder reagieren mit Nervosität, Aggression oder Unkonzentriertheit, andere haben sogar Schlaf- und Essstörungen. Ein kindgerechtes Mentaltraining schafft den nötigen Ausgleich und hilft beim "richtigen" Lernen. Alltagsnah und anhand vieler Beispiele und Übungen erläutert Daniel Paasch effektive Coaching- und Lernmethoden sowie Kommunikationsmodelle, die Kindern das Lernen erleichtern und ihre Selbstwirksamkeit erhöhen. Eltern, Pädagogen, Erzieher und Interessierte erhalten wertvolle Tipps, um "ihre" Kinder und Jugendlichen individuell zu fördern. Stress und Ängste aufseiten der Schüler werden abgebaut, ihr Selbstvertrauen wird gestärkt.

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Seitenzahl: 320

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Daniel PaaschPotenziale entfalten – Begabungen fördernKindermentaltraining in der PraxisMethoden und Übungen für Eltern, Lehrer und Erzieher

Über dieses Buch

Kinder sind heutzutage einer wahren Reizüberflutung ausgesetzt. Kommen familiäre Spannungen oder Ärger mit Mitschülern hinzu, ist der Stresspegel dauerhaft erhöht. Darunter leiden nicht zuletzt auch die schulischen Leistungen. Viele Kinder reagieren mit Nervosität, Aggression oder Unkonzentriertheit, andere haben sogar Schlaf- und Essstörungen. Ein kindgerechtes Mentaltraining schafft den nötigen Ausgleich und hilft beim »richtigen« Lernen. 

Alltagsnah und anhand vieler Beispiele und Übungen erläutert Daniel Paasch effektive Coaching- und Lernmethoden sowie Kommunikationsmodelle, die Kindern das Lernen erleichtern und ihre Selbstwirksamkeit erhöhen. Eltern, Pädagogen, Erzieher und Interessierte erhalten wertvolle Tipps, um »ihre« Kinder und Jugendlichen individuell zu fördern. Stress und Ängste aufseiten der Schüler werden abgebaut, ihr Selbstvertrauen wird gestärkt.

Daniel Paasch ist EMDR / EMI- und Hypnosetherapeut / Coach, NLP-zertifizierter Trainer und Coach, NSL®-Master sowie Trainer für angewandte Kommunikationstechniken und Veränderungsmodelle. Er gründete das Institut für Potenzialentfaltung (IPE) in Münster, welches unter anderem Kinder- und Jugendcoaches nach der Methodik der Integrativen Potenzialentfaltung ausbildet.

Copyright © Junfermann Verlag, Paderborn 2016

Coverfoto © RichVintage Photography

Covergestaltung / Reihenentwurf Christian Tschepp

Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2016

ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-475-8

ISBN dieses E-Books: 978-3-95571-476-5 (EPUB), 978-3-95571-478-9 (PDF), 978-3-95571-477-2 (MOBI).

Vorwort

„Im Wald zwei Wege boten sich mir dar, und ich ging den, der weniger betreten war. Und das veränderte mein Leben.“

(Robert Lee Frost, amerikanischer Dichter)

Junge Menschen auf das Leben vorzubereiten wird von allen Seiten als eine der wichtigsten Aufgaben beschrieben, der es sich zu stellen gilt. Das kommt nicht von ungefähr, wobei die Beweggründe recht unterschiedlicher Natur sein können.

Wenn wir den Staat als ein System begreifen, in welchem verschiedenste Gesellschaften miteinander leben, so sollte uns bewusst sein, dass sich daraus auch zahlreiche Interessen und Ansprüche ableiten lassen, die es – so gut es geht – zu berücksichtigen gilt. Ein wesentlicher Faktor für ein friedliches Miteinander ist demnach die Sicherung der ökonomischen Anliegen. Anders formuliert: Eine Aufgabe des Bildungssystems besteht darin, junge Menschen auf einen Beruf vorzubereiten, der sie dazu befähigt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und darüber hinaus über die festgelegten Abgaben die staatlichen Obliegenheiten mit zu finanzieren. Lassen wir das erst einmal so stehen, ungeachtet der Tatsache, dass diese Betrachtung jeglichen Aspekt des Menschseins außen vor lässt.

Wer Kinder hat, wünscht sich, dass sie ein Leben führen können, welches möglichst unbehelligt ist von etwaigen Widrigkeiten. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder glückliche, friedvolle, gesunde Zeiten erleben werden, die zudem mit Chancenreichtum und persönlicher Zufriedenheit gesegnet sind. Um dies zu erreichen, ist in den Augen der meisten Eltern eine möglichst umfassende Bildung zuträglich.

Und schließlich wünschen wir uns, dass unser Gedankengut weiterlebt. Kinder und Jugendliche sollen von unseren Erfahrungen profitieren, damit sie diese mit ihren eigenen Ideen verquicken und neue Vorhaben umsetzen können. Unseren Anspruch, Werte zu erhalten, weiterzugeben und neue zu schaffen, lassen wir somit in die Erziehung mit einfließen. Und auch dafür braucht es eine möglichst vielseitig ausgerichtete, breite und auch wandelbare Bildungslandschaft.

Die Fragen, die ich mir jedoch in Zusammenhang einer geeigneten – möglichst individuellen – Erziehung stelle, lauten: Wie kann es uns gelingen, dass wir angesichts der derzeitigen Herausforderungen in Gesellschaft, Schule und Beruf junge Menschen dahingehend unterstützen, dass sie sich entsprechend ihren natürlichen Neigungen und angeborenen Potenzialen entwickeln können? Wie schaffen wir es, Kinder und Jugendliche zu motivieren, Leistung und Leidenschaft für die eigenen Belange und die einer sich verändernden Gesellschaft auf einer gesunden Basis miteinander zu verknüpfen?

Bei den zuvor genannten Überlegungen, die für eine bestmögliche Bildung sprechen, scheinen wir manches Mal in unseren Bestrebungen zu vergessen, dass Kinder und Jugendliche mehr sind als lediglich ein Faktor in einer Gleichung.

Kinder bedeuten Reichtum, weil sie das sind, was sie sind: ein einzigartiges, niemals wiederkehrendes Wunder – jedes für sich.

Dieses Buch möchte Sie daher einladen, Ihren Fokus (wieder) auf einen sehr wesentlichen Aspekt in Ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu richten. Gerade die Vielzahl an didaktischen Konzepten, pädagogischen Leitmotiven oder erzieherischen Erkenntnissen, die sicherlich ihre Richtigkeit und auch Bedeutung haben, lassen uns eben auch zeitweilig den Genius im heranwachsenden Menschen übersehen. Dies aber ist meines Erachtens die Grundlage für eine wertschätzende erzieherische Arbeit, die neben dem Fördern auch das Fordern beinhaltet. Das einzigartige Potenzial eines jeden Kindes ist für mich die natürliche Antwort auf alle Überlegungen, die wir in Bezug auf unsere Kinder und damit unsere Zukunft anstellen. Wenn es uns gelingt, junge Menschen in der Entwicklung ihrer Individualität zu unterstützen, haben wir bereits vieles von dem erreicht, was wir uns gesellschaftlich, persönlich und für unsere Kinder selbst erhoffen.

Das Coaching mit Kindern und Jugendlichen kann hierbei eine sehr wertvolle Unterstützung sein.

Wir bedienen uns dabei häufig einer der natürlichsten Techniken, die jedem von uns zur Verfügung stehen. Die Rede ist von den sogenannten Mentaltrainings. Vielleicht haben Sie schon davon gehört, dass sich insbesondere Sportler typische Bewegungsabläufe immer wieder vorstellen, ohne sich dabei aktiv zu bewegen. Dieses sprichwörtliche Vor-Augen-Haben führt zu einer mentalen Referenz, welche den realen Ablauf positiv beeinflusst. Der englische Physiologe William H. Carpenter entdeckte 1873 dieses Phänomen, das als ideomotorisches Gesetz bekannt geworden ist.

Indem sich ein Mensch lediglich vorstellt, bestimmte Bewegungsabläufe auszuführen, verändert sich der Muskeltonus entsprechend. Selbst der Einfluss unserer mentalen Vorstellungskraft auf die vegetativen Systeme in unserem Körper ist nachweisbar.

Wenn Sie sich beispielsweise jetzt einmal vorstellen, wie eine Zitrone in Farbe und Gestalt aussieht, wie sie riecht und wie die Frucht schmeckt, sobald Sie beherzt hineinbeißen, dann kann es sein, dass sich gerade ihr Speichelfluss automatisch verstärkt hat. Der Schweizer Arzt Auguste-Henri Forel beschrieb dies als das Gesetz der Ideoplasie. Diese Beobachtungen schufen die Grundlage für zahlreiche Entspannungsmethoden, die den mentalen Vorstellungsaspekt beinhalten. An dieser Stelle möchte ich aber gerne den Kardiologen Herbert Benson hervorheben, der mit seiner „Relaxion-Response“-Methode etwas wirklich Bahnbrechendes nachweisen konnte. Bei regelmäßigem Entspannungstraining verändert sich der Körper auch in biochemischer Hinsicht. Die Ausschüttung von Stresshormonen wie beispielsweise dem Noradrenalin wird demnach gesenkt. Die Anwender können somit in Belastungssituationen wesentlich gelassener agieren und kommen zu positiveren Ergebnissen.

Und genau darum geht es uns in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Gezielte und regelmäßige Trainings versetzen Heranwachsende in die Lage, den Herausforderungen ihres Alltags besser zu begegnen. Somit motivieren sie sich selbst, bei Problemstellungen eigene Lösungen zu entwickeln und diese auch umzusetzen. Die in diesem Buch vorgestellten Techniken und Methoden können in die bestehenden Abläufe eines Schulunterrichts oder einer Betreuung einfach integriert werden. Beachten Sie aber bitte, dass lediglich eine regelmäßige Anwendung zu Erfolgen führen kann, da das Gehirn einige Zeit braucht, um neue stabile neuronale Netze zu bilden.

Lassen Sie uns also einen Weg begehen, von dem ich aus Erfahrung weiß, dass er sich lohnt.

Herzlichst,

Ihr Daniel Paasch

Einleitung

„Alle Kinder sind begabt – und fast allen enthält man die Gelegenheit vor, diese Begabung zu entwickeln.“

(Yehudi Menuhin, US-amerikanischer Geiger, Bratschist und Dirigent)

Einer der für mich sicherlich eindrucksvollsten Filme ist Der Club der toten Dichter (Originaltitel: Dead Poets Society) des Regisseurs Peter Weir: Der junge Todd Anderson besucht die angesehene Welton Academy. Peter ist schüchtern und meist in sich gekehrt. Zudem steht er im Schatten seines überaus erfolgreichen älteren Bruders, der die Schule mit Glanzleistungen absolviert hat. Für seine Ausbildung ist unter anderem der Englischlehrer John Keating verantwortlich, der neu an das Institut gekommen ist. Keating fällt gleich am ersten Tag mit seinen unkonventionellen Unterrichtsmethoden auf. So fordert er beispielsweise seine Schützlinge unter anderem dazu auf, auf einen Tisch zu steigen, um einen Perspektivwechsel nachzuvollziehen, oder er lässt sie auf dem Schulhof exerzieren, um den Vorgang einer Anpassung nachempfinden zu können. Immerzu animiert er die jungen Menschen, ihren persönlichen Wert anzuerkennen und die eigenen Möglichkeiten zu leben. So kommt es schließlich zur Wiederbelebung des „Clubs der toten Dichter“, welchem Keating einst selbst als Schüler angehörte.

Bei den geheimen Treffen, will man die Leidenschaft der Poesie nachempfinden können und damit den eigentlichen Wert kunstvoller Dichtung spüren. Die Worte der alten Meister werden von den Schülern förmlich aufgesogen. Man trägt sich gegenseitig die Werke vor und debattiert angeregt über deren Intention. Keatings Methoden und die geheimen nächtlichen Treffen der Schüler führen zu einem Mehr an Selbstvertrauen und gelebter Ausdrucksfülle. Nahezu mit jeder Filmszene kann der Zuschauer miterleben, wie die Schüler für ihre Sache regelrecht aufblühen. Insbesondere Todd Anderson profitiert von dem didaktischen Konzept des Englischlehrers. Sein Selbstwertgefühl gewinnt stetig. Auch sein Mitschüler Neil Perry entdeckt seine Liebe zum Theaterspiel. Tragischerweise verstößt er damit gegen das Gebot seines herrischen Vaters, was ihm zum Verhängnis wird. Perries Selbstmord wird dem Englischlehrer Keating zugeschrieben, der sich mit seinen unkonventionellen Unterrichtsmethoden innerhalb des Kollegiums keine Freunde gemacht hat. Keating wird suspendiert und muss die Schule verlassen. Als er noch einige persönliche Sachen aus dem Klassenzimmer holt, wird Todd Anderson von seinen Gefühlen übermannt. Vor der ganzen Klasse und dem anwesenden Direktor steigt er auf sein Pult und ruft ihm unter Tränen zum Abschied „Oh Captain, mein Captain“ nach. Die in dieser Szene alles sagenden Worte, welche einem Gedicht von Walt Whitman entstammen, nutzte der Englischlehrer, um den Schülern – selbst auf einem Tisch stehend – den Perspektivwechsel nahezubringen. Nach und nach folgen Andersons Mitschüler seinem Beispiel und drücken auf diese Weise ihre tiefe Verbindung zu ihrem Englischlehrer aus.

Dieser Film hat nicht nur eine sehr ausgeprägte emotionale Komponente, die nicht zuletzt durch die großartige schauspielerische Leistung von Robin Williams nachempfunden werden kann. Vielmehr möchte ich Ihnen vermitteln, dass Sie in Ihrem Wirken eigentlich schon als Coach tätig sind. Jeder, der in irgendeiner Weise mit Kindern und Jugendlichen regelmäßig zu tun hat, erfüllt eine bedeutende Aufgabe. Sie nehmen maßgeblich Einfluss auf ihre Entwicklung in geistiger und ja – in einem gewissen Sinne – auch in körperlicher Hinsicht. Für den jungen Geist sind Sie in jeglicher Beziehung eine Inspiration. Dementsprechend wichtig, bedeutend und verantwortungsvoll ist Ihre Arbeit. Aus diesem Grund wird im Buch auch mehrfach der Begriff Coaching synonym für das Tun von Eltern, Erziehern und Pädagogen verwendet, da es eben eine Vielzahl von Parallelen gibt.

Bevor ich auf die unterschiedlichen Methoden und deren praktischen Einsatz eingehe, möchte ich Ihnen gerne darlegen, wie meine Sicht auf das Coaching im Allgemeinen und in Bezug auf Kinder und Jugendlich im Besonderen ist, da Sie vielleicht auch dadurch meine Aussage besser nachvollziehen können, in gewisser Hinsicht ein Coach zu sein.

Ähnlich wie unser Englischlehrer John Keating seine Schüler zu mehr Selbstvertrauen verholfen, sie inspiriert und zu einem Blick über den Tellerrand animiert hat, so halte auch ich es mit der Arbeit eines Coaches.

Oder um es mit einer anderen Metapher zu veranschaulichen: Sie kennen sicherlich den Beruf des Schiffslotsen, dessen Aufgabe es ist, den Kapitän eines großen Frachters dabei zu unterstützen, den Ozeanriesen durch eine Meeresenge zu manövrieren. Ihm stehen seine Kenntnisse um die geografischen und meteorologischen Verhältnisse, das Wissen um mögliche Strömungen, die jeweiligen technischen Voraussetzungen des Schiffes, die Expertise des Kapitäns und seiner Mannschaft zur Verfügung. In diesem Moment besteht also die Aufgabe unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten und Variablen darin, dem Kapitän jegliches Know-how zur Verfügung zu stellen, welches er für genau diese eine Meeresenge braucht. Der Lotse gibt Hinweise, vielleicht greift er auch mal temporär zum Ruder – niemals aber übernimmt er die Kontrolle oder gar die Befehlsgewalt.

Es geht also in keinem Fall darum, vorgefertigte Meinungen oder Ansichten zu vermitteln. Vielmehr ist ein gutes Coaching das Aufzeigen möglicher Lösungen unter Einsatz der persönlichen Bordmittel und den individuellen Erfordernissen des Klienten. Die eine und allumfassende Antwort auf eine Problemlage gibt es demnach nicht. Ganz im Gegenteil: Es mag sogar passieren, dass sich die anfänglichen Herausforderungen im Zuge des Prozesses ändern. Flexibilität, eine geschärfte Beobachtungsgabe und ein vorurteilsfreies Zuhören sind daher von ungemeiner Wichtigkeit. Sobald Sie anfangen, Ihre eigenen Interpretationen in eine augenscheinliche Sachlage einfließen zu lassen, übernehmen Sie das Ruder eines fremden Schiffes. Das aber kann nicht gut gehen.

Coaching ist demnach eine Form der Begleitung, die den „Klienten“ in die Lage versetzt, sich gezielt mit einer bestimmten Problemlage zu befassen, eigene Lösungen auf Basis der persönlichen Fähigkeiten und Vorlieben zu entwickeln und sich dann im Weiteren aktiv, jedoch im eigenen Tempo, dem selbst gefassten Ziel zu nähern. Gerne wird unser Tun auch mit dem eines Trainers aus dem Sport verglichen, was in Teilen auch zutreffen mag. Ein gewichtiger Unterschied aber ist, dass wir Sieg und Niederlage gegebenenfalls anders definieren. So kann es durchaus passieren, dass das Eingeständnis, sich lange Zeit mit irgendwelchen anderen Dingen befasst zu haben, anstatt sich der eigentlichen Aufgabe zu widmen, aus Sicht des Coachings als Erfolg bewertet wird. Im Außen mag dies unter Umständen als Eingeständnis einer Schwäche gesehen werden, da diese Art der Auseinandersetzung oft als kontraproduktiv gewertet wird. Aber jene vermeintlichen Schwächen können einen wertvollen Hinweis auf die Potenziale des Menschen liefern, die daher unbedingt betrachtet werden sollten.

Was hätte, um bei dem Beispiel des Films zu bleiben, aus dem jungen Neil Perry werden können, wenn er einen Weg gefunden hätte, sich mit seinem autoritären Vater und seinem Umfeld zu arrangieren? Welchen Beruf hätte der junge Mann wohl ergreifen können, wenn er im Weiteren seine Vorliebe für das Theater ausgelebt hätte?

Wahrscheinlich hätte es Perry einfacher gehabt, sein Leben in eine für ihn beglückendere Bahn zu lenken.

In der Zeit aber, in welcher die Handlung des Films spielt (1959), und in der Schule, auf welche sich der Drehbuchautor Tom Schulman bezieht, wären solche Anwandlungen wohl eher als eine Schwäche oder als pubertierendes Gehabe abgetan worden. Sich seiner künstlerischen Begabung – also einer brotlosen Kunst – zu widmen war indes in diesen gesellschaftlichen Kreisen verpönt.

Die als real empfundenen Herausforderungen, der sich junge Menschen heute gegenüber sehen, sind im Vergleich zu den späten 1950er-Jahren gar nicht mal so unterschiedlich. Im Gegenteil: Aus der Praxis wissen wir, dass immer mehr Kinder und Jugendliche unter einem enormen Leistungsdruck leiden. Zunehmend jüngere Schülerinnen und Schüler besuchen täglich mit körperlichen Beschwerden die Schule. Diese Entwicklung ist schlicht fatal.

Während sich bei uns Erwachsenen das Coaching als unterstützendes Verfahren inzwischen in vielen Bereichen etabliert hat, tun wir uns bei Kindern und Jugendlichen damit immer noch schwer. Entweder, weil wir der Ansicht sind, dass junge Menschen „so etwas“ nicht brauchen, da es ja reichlich andere (Nachhilfe-)Angebote gibt. Oder unser Bild von einem Coaching ist überwiegend von dem Gedanken geprägt, dass es sich dabei ausschließlich um den Optimierungswahn bestimmter Berufsgruppen handeln würde.

Ich gehöre zu den Menschen, die die Vielseitigkeit des Lebens sehr zu schätzen wissen. Je mehr Möglichkeiten mir in verschiedenen Situationen zur Verfügung stehen, desto besser. Schließlich bin ich dann in der komfortablen Lage, mir das jeweils Passende auszuwählen. Daher vertrete ich auch die Ansicht, dass wir als Erziehungsberechtigte oder als erzieherisch tätige Personen die Verpflichtung haben, unseren Kindern alle Möglichkeiten einer geistigen und körperlichen Entwicklung zu offerieren, derer wir habhaft werden können. Alles andere ist meines Erachtens eine Einschränkung, die der Entwicklung des jungen Geistes nicht zuträglich ist.

Wenn ein Coaching etwas nicht sein sollte, dann die bloße Optimierung einer Person in Bezug auf einen subjektiv empfundenen Sachverhalt. Mir ist bewusst, dass viele Menschen mit einem Coaching genau das verbinden. Schwächen erkennen, um diese dann auszubügeln, Stärken stärken, um noch besser zu werden, sind Dinge, die vielleicht für das Karrieremanagement Bedeutung haben. Für junge Menschen halte ich dieses Vorgehen nicht nur für falsch, sondern sogar für verantwortungslos. Kinder sind keine Zitronen, die wir bei Bedarf ausquetschen können, um alles aus ihnen herauszuholen. Jugendliche müssen eben nicht mehr als 40 Stunden in einer Woche arbeiten, damit sie ihr Pensum schaffen. Wir haben kein Recht dazu, unsere Kinder in einer krankmachenden Weise zu erziehen.

Coaching ist vielmehr eine Symbiose zwischen Klient und Coachee. Der alleinige Zweck ist es, dass der Klient in die Lage versetzt wird, aus eigenem Antrieb heraus die als negativ empfundene Ausgangslage in seinem Sinne zu verbessern. Der Coach kann bei diesem Prozess vielleicht als eine Art Impulsgeber betrachtet werden, dessen Vorgehen sich aus den Fortschritten des Klienten ableitet.

Kinder- und Jugendliche zu coachen meint, Ihnen zunächst einen geschützten Rahmen zu bieten, in welchem sich der Coach in einen Dialog mit dem Klienten auf Augenhöhe begibt. Die dahinter stehende Absicht ist es, den eigentlichen Kern eines (vordergründigen) Anliegens freizulegen, um im Weiteren damit zu arbeiten.

Ein Beispiel: Gehen wir einmal davon aus, dass ein Schüler von sich behauptet, schlecht im Fach Englisch zu sein, und nicht in der Lage sei, sich die Vokabeln einzuprägen. Selbst das Üben mit einem Nachhilfelehrer habe nicht gefruchtet.

Diese Aussage kann tatsächlich der Realität entsprechen. Meist ist es aber so, dass das Nicht-lernen-Können einem anderen Impuls entspringt, den es zu finden gilt. Denn selbst die Abneigung gegen etwas hat eine zunächst positiv geladene Urmotivation. Wir werden im Laufe des Buches noch genauer auf solche Probleme eingehen.

Ist jedoch das zugrunde liegende Thema erst einmal eruiert und eine aus Sicht für den Klienten gewünschte und erreichbare Zielvereinbarung getroffen, kann die eigentliche Arbeit beginnen.

Und damit sind wir eigentlich auch schon mitten im Thema.

Sie werden erleben, dass der Einsatz der hier vorgestellten Techniken durchaus beachtliche Erfolge mit sich bringen kann. Meines Erachtens ist jedoch für ein gelingendes Coaching ein tiefes Verständnis der eigenen Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung. Aus diesem Grund haben wir den methodischen Aufbau der Kapitel so konzipiert, dass Sie in weiten Teilen zunächst selbst nachvollziehen können, warum das beschriebene Vorgehen angebracht ist und wie es sich auf das persönliche Verhalten auswirken kann. Es wird Ihnen dann erheblich leichter fallen, die Methoden praktisch mit jungen Menschen durchzuführen. Zudem wollten wir vor allem die zweckmäßige Komponente beherzigen. Wir wissen, dass man innerhalb eines familiären, erzieherischen oder pädagogischen Tagesablaufs nicht immer allen Ansprüchen gerecht werden kann. Daher werden in diesem Buch zunächst diejenigen Methoden besprochen, die anfänglich einer etwas intensiveren Begleitung bedürfen. Nach und nach aber wird die Verantwortung mehr und mehr in die Hände der Kinder und Jugendlichen selbst gelegt werden, was dem Prinzip des Förderns durch Fordern entspricht.

Abschließend möchte ich noch gerne anmerken, dass ein Coaching – und damit auch die hier vorgestellten Methoden – ausschließlich mit gesunden Kindern oder Jugendlichen erfolgen sollte.

Sobald Sie Kenntnis über eine medizinische oder / und psychologische Indikation haben, überlassen Sie bitte die Betreuung den entsprechenden Fachleuten. Sollten Sie sich über den Gesundheitszustand eines Kindes nicht sicher sein, kontaktieren Sie bitte umgehend die Erziehungsberechtigten oder deren gesetzliche Vertreter. Im Zweifelsfall ist ein Mentaltraining zum Wohle des Heranwachsenden abzulehnen.

Wohl können wir mit der mentalen Arbeit durchaus präventiv wirken. Eine Behandlung im medizinischen oder therapeutischen Sinne ist aber in jedem Fall auszuschließen.

Lassen Sie uns also nun beginnen.

1. Prinzip Antrieb

„Unser Problem wird nicht sein, dass günstige Gelegenheiten für wirklich motivierte Menschen fehlen, sondern dass motivierte Menschen fehlen, die bereit und fähig sind, die Gelegenheiten zu nutzen.“

(Buck Rodgers, amerik. Baseballspieler, Manager und Coach)

Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenspiel:

Wann haben Sie das letzte Mal in den Spiegel geblickt? Nein, ich meine nicht mal eben im Vorbeigehen, sondern so richtig intensiv. Was ist Ihnen aufgefallen, als Sie sich von Kopf bis Fuß betrachtet haben? Ist alles an Ihnen gelungen? Finden Sie sich attraktiv?

Ich will Sie nicht allzu lange mit diesen doch sehr persönlichen Fragen aufhalten. Wie die meisten Menschen werden wahrscheinlich auch Sie an sich Dinge ausmachen können, die Sie richtig gut leiden können, und andere, die möglicherweise weniger Ihrem persönlichen Ideal entsprechen. Wenn wir diesen Gedanken weiter ausführen, mag es sogar sein, dass wir im Hinblick auf unsere inneren Werte, wie beispielsweise Kontaktfreudigkeit, freundliches Auftreten, Bestimmtheit oder die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, unterschiedliche Bewertungen vornehmen. Wie auch immer Ihre persönliche Innenschau zum gegenwärtigen Zeitpunkt aussehen mag, so wird es mutmaßlich auch hier Charakteristiken geben, die Sie als verbesserungswürdig erachten. Hieraus leiten sich zwei ganz fundamentale Dinge ab, die wir gerne aufgrund ihrer Selbstverständlichkeit übergehen:

In jedem Menschen ist die natürliche Neigung angelegt, sich in Bezug auf eine Angelegenheit zu ändern. Da diese Wandlung immer auch eine positivere Erfahrungs- und Erlebensbilanz nach sich ziehen soll, sind wir also betrebt, aus Fehlern zu lernen – es also besser zu machen – oder diese zukünftig zu meiden. Allgemein wird dieses Hin-zu-etwas-Verlangen als Motivation bezeichnet. Das Vermeiden von negativen Erlebnissen vollzieht sich aufgrund von Befürchtungen, die wir in Bezug auf eine Angelegenheit haben. Anders ausgedrückt ist es das Gefühl der Angst, welches uns hadern lässt.

Da jeder Mensch sich selbst am besten kennt, dürfen wir getrost davon ausgehen, dass wir unsere negativen Seiten nicht übermäßig nach außen kommunzieren. Gleiches machen wir übrigens auch kaum mit unseren guten Eigenschaften. Das impliziert jedoch wiederrum zwei weitere interessante Punkte:

a) Da wir unser Gegenüber in der Gesamtheit seiner Charaktereigenschaften nicht kennen, neigen wir zu Interpretationen. Hierfür reichen uns oft wenige Sekunden, um eine Bewertung einer uns bisher unbekannten Person vorzunehmen. Dafür beziehen wir Kriterien wie etwa den Kleidungstil, die Mimik, die Klangfarbe und Lautstärke der Stimme, die Wortwahl oder auch den Geruch mit ein.

b) Da wir davon ausgehen, dass wir gleichermaßen durch andere Menschen bewertet werden, beschönigen oder entwerten wir situativ diejenigen Eigenheiten an uns, von denen wir denken, dass sie in der entsprechenden Situation auf diese oder auf jene Weise dargestellt werden sollten. Je öfter wir diesem Prozess unterliegen, desto eher wird aus einer verbogenen Darstellung ein Muster, welches sich schließlich als unsere Realität darstellt (neuronale Plastitzität1).

Wenn wir diese Punkte einmal etwas intensiver auf uns wirken lassen, dann können wir daraus nur eine einzige Schlussfolgerung ziehen: Es gibt keine Realität!

Andere Meinungen und Ansichten anerkennen

Der Blick in den Spiegel verhilft uns also zu einem tieferen Verständnis des eigenen Selbst und gestattet uns somit ein toleranteres Anerkennen unterschiedlichster Wahrnehmungen von dem, was wir für uns oft als unumstößlich real erachten. Wir erkennen nicht nur unsere Einzigartigkeit mit allen Facetten, sondern erweitern mit dieser kleinen alltäglichen Übung den Realitätsbegriff, welcher andererseits einen zu engen Rahmen der Vielfalt des Lebens überstülpen würde.

Wenn es aber keine Realität gibt – oder das, was wir im Allgemeinen darunter verstehen –, so müssen wir akzeptieren, dass sich jeder Mensch sein ganz eigenes Bild von der Welt macht. Haben wir das einmal verinnerlicht, so mag es uns leichter fallen, die Meinungen und Ansichten anderer anzuerkennen. Dies sehe ich als eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen in der Arbeit mit Menschen überhaupt.

Gerade Kinder und Jugendliche scheinen auf den ersten Blick noch über ein weniger ausgeprägtes Weltbild zu verfügen. In den ursächlichen Zusammenhängen und den Gefügen unterschiedlichster Wissensbereiche mag dies auch zutreffend sein. Sonst würde sich ein Schulbesuch wahrscheinlich auch erübrigen. Wir sollten aber nicht der Fehleinschätzung unterliegen, dass Heranwachsende nicht auch aus der Summe ihrer Erfahrungen und Wahrnehmungen heraus interpretieren würden.

Kinder entwickeln im Alter zwischen sechs und 18 Monaten die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen. Was in der Wissenschaft als Spiegel-Stadium bezeichnet wird, ist aus neuronaler Sicht wahrscheinlich eine der wesentlichen Grundlagen für die Entwicklung des Selbstbewusstseins. Auch wenn es für das Verständnis des eigenen Ichs noch erheblich mehr an körperlichen, geistigen und auch seelischen Erfahrungen braucht, so dürfen wir dennoch davon ausgehen, dass Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren die Fähigkeit entwickeln, einen Sachverhalt von Glauben zu unterscheiden. Spätestens ab dieser Entwicklungsstufe erschaffen sie sich ihre eigene Welt und damit eine ganz persönliche Sicht auf die Dinge2 (Aichhorn, 2010).

Die Realitätsgestaltung

In diesem noch recht frühen Stadium der Entwicklung werden unter anderem aber auch diejenigen Fundamente geschaffen, die für die Persönlichkeit als solche eine weitreichende Tragweite haben. Und das wiederum beruht auf folgenden Erkenntnissen: Da wir Menschen in eine bestimmte familiäre Konstellation hineingeboren werden, sind die Familienmitglieder unsere ersten Bezugspersonen. Wie wir es von der ersten Sekunde unseres Seins an gewohnt sind, überführen wir alle uns zugänglichen Informationen mittels Emotion in unser Gedächtnis. So legen Entwicklungspsychologie und empirische Forschungen an Säuglingen und Kleinkindern die These nahe, dass beispielsweise die frühen Bindungserfahrungen zur Mutter zu einem Selbstbild führen, welches im Wesentlichen durch ein emotionales Erleben geprägt ist. Alles, was wir also in dieser Zeit erfahren, übernehmen wir in unser Unterbewusstsein3. Und jede Erfahrung, die wir machen, ist an ein Gefühl gebunden – unabhängig davon, ob es sich dabei um eine negative oder positive Emotion handelt.

Die Wissenschaft hat in unserem Gehirn die sogenannte Amygdala ausgemacht, die als schier unendliche Datenbank für alle unsere gemachten Emotionen fungiert. Eine weitere Aufgabe, die diesem paarigen Kerngebiet4 des Gehirns zukommt, ist die Bewertung eines Ereignisses in gefährlich oder harmlos. Die Amygdala steht in Verbindung mit dem Hippocampus, der auch als „Wächter der Erinnerung“ bezeichnet wird. Ein hochkomplexer Verarbeitungsvorgang, an welchem natürlich noch weitere Areale unseres Gehirns beteilig sind, führt nun dazu, dass alle Informationen, die wir über unsere Sinneskanäle erhalten, bewertet und gespeichert werden. Je mehr emotionale Referenzen wir im Laufe unseres Lebens sammeln, desto eher ist es unserem Gehirn möglich, neue Informationen anhand des Erlebten zu bewerten und zuzuordnen. Insofern wird nun deutlicher, dass sich unser Tun an unseren Vorerfahrungen orientiert.

Die „Architektur“ des Ichs

Wenn ich das einmal extrem formulieren darf, so sind wir also in einem gewissen Sinne fremdbestimmt. Denn das Abwägen des emotionalen Für-und-Widers einer Situation vollzieht sich in einem kaum messbaren Tempo.

Sie erinnern sich sicherlich an meine Aussage, dass sich der Handlungsimpuls des Menschen aus lediglich zwei Motiven heraus ableitet: der Vermeidung (Angst) oder dem Wollen (Motivation).

Wenn wir also etwas unterlassen, dann begründet sich dies immer auch darin, etwas zu befürchten. Im Falle des Wollens sind wir darauf aus, neue (Lern-)Erfahrungen zu machen, die unser Leben bereichern können.

So verhält es sich auch bei jungen Menschen, die ja schließlich ihre eigene Realität ebenso aus der Summe ihrer Erfahrungen schaffen und Stück für Stück und Tag für Tag erweitern.

Diese in unserem Unterbewusstsein tief verankerten Vorannahmen kommen also nicht von ungefähr. Sie sind uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt worden. Und hier sind wir wieder bei den ersten Bezugspersonen, die wir in unserem Leben kennenlernen durften.

Als Lehrer, Erzieher, pädagogische Fachkraft oder Betreuer – gleich in welcher persönlichen oder beruflichen Beziehung Sie zu Heranwachsenden stehen – gehören auch Sie zu denjenigen Personen, die maßgeblich deren Realitätsgestaltung mit beeinflussen. Umso mehr tun dies Eltern. Sie sind die eigentlichen Architekten des sich entwickelnden Ichs und nehmen selbstredend eine ganz besondere Rolle in der Erziehung ein. Ihre Vorbildfunktion ist gerade in jungen Jahren von tragender Bedeutung, da Kinder ihnen ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken. Ein Kind will daher zunächst so sein wie seine Mutter oder sein Vater. Dabei versucht es die verschiedensten Eigenschaften der Eltern nachzuahmen, was auch als Modell-Lernen bezeichnet wird. Was die Eltern tun, steht daher zunächst außerhalb jeglicher Beurteilung.

Das, was die Eltern machen, ist aus kindlicher Sicht vorbehaltlos richtig. Versuchen Sie daher nur das zu tun, was Sie zweifelsfrei vor sich selbst vertreten können.

Bei der Vorbildfunktion der Eltern geht es nicht um Perfektion. Schließlich machen wir alle einmal einen Fehler. Und auch das ist ein wunderbarer Anreiz für Kinder, wenn sie mitbekommen, wie Missgeschicke aufgrund wahrhaftiger Bestrebungen korrigiert werden.

Zudem glaube ich, dass unserer Verantwortung nicht alleine damit Genüge getan ist, dass wir jungen Menschen Wissen vermitteln und sie gegebenenfalls auf einen Beruf vorbereiten. Vielmehr vertrete ich die Ansicht, dass wir die jeweils zugrunde liegenden Potenziale nutzen sollten, um die Lust auf das zu wecken, was ich auch gerne als eine Mission bezeichne.

Seine Mission entdecken

Kinder haben oft eine Menge unterschiedlichster Missionen. Und das ist auch gut so. Feuerwehrmann, Managerin, Tierpfleger oder Fußballprofi können manchmal solche Antriebe sein, die zudem einem gewissen Wandel unterliegen. Was auch immer gerade angesagt ist, so haben wir die Verpflichtung, diese Lust am Lernen zu unterstützen. Vielmehr noch: Wir können mittels Mentaltraining diese positiv behafteten Absichten für weitere, übergreifende Disziplinen nutzen. Aus diesem Grund ist es so bedeutend, Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, für sich eine eigene Mission zu finden, mit der sie sich auch über eine unbestimmte Zeit identifizieren können. Wir sollten Ihnen antrainieren, Gestaltungsfreiheiten zu erkennen und für sich zu nutzen, und ihnen so früh es geht vermitteln, dass sie eben nicht fremdbestimmt sind und sie immer über ihre ureigensten Ressourcen verfügen, Hindernisse dauerhaft aus dem Weg zu räumen, damit sie ihrer Leidenschaft weiterhin folgen können.

Eine Mission zu haben bedeutet also, dass wir wissen, warum wir jeden Tag aufs Neue aufstehen und uns unseren Aufgaben stellen. Es ist eine Mischung aus Entschlossenheit und Zielbewusstheit, die uns dazu verleitet, weitere Schritte in die Zukunft zu gehen. Eine Mission ist ein Konglomerat aus Ihren persönlichsten Überzeugungen, Ihren Werten, Ihren Handlungen und Ihrem Identitätsgefühl. Sie mag über eine unfassbare Größe verfügen oder ganz klein sein. Wie auch immer die Mission eines Menschen aussehen mag, so liegt ihr immer ein ganz wesentlicher Faktor zugrunde: die Freude am Tun. Steven Spielberg sagte einmal: „Wenn ich morgens aufwache, bin ich so begeistert, dass ich nicht frühstücken kann“ (Whittemore, 1990).

Vielleicht muss es nicht immer ganz so extrem formuliert (und empfunden) werden. Fakt aber ist, dass glückliche und erfolgreiche Menschen ihre Grundhaltung zu ihrem Tun so oder so ähnlich darstellen. Der Antrieb, etwas zu tun, ist hier ganz klar das Wollen.

Für erfolgreiche Menschen – wie auch immer Sie gerade den Begriff des Erfolges für sich füllen wollen – besteht keine Diskrepanz zwischen Arbeit und Spiel.

Gegenwärtig sieht es aber bei den meisten Menschen anders aus. Die Gallup Organization5 untersucht alljährlich die berufliche Zufriedenheit der Arbeitnehmer. Inzwischen ist die Veröffentlichung der Statistiken mit ihrer traurigen Grundaussage schon zu einem Ritual geworden: So verspürten im Jahre 2014 70 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer keine Verpflichtung gegenüber ihrer Arbeit und waren dementsprechend wenig bis gar nicht engagiert (Gallup, 2014).

Viele Menschen teilen ihre Zeit auf zwischen dem, was sie tun müssen, und dem, was ihnen Freude und Erholung zu bringen verspricht. Das Leben verläuft vielleicht in geregelten Bahnen, ist aber in zwei Sektoren gegliedert. Das kann dauerhaft kein gesunder Zustand sein.

Sollten Sie zu den Menschen gehören, die tagsüber gelegentlich einen Radiosender hören, so achten Sie doch mal bitte auf bestimmte Formulierungen der Sprecher in Bezug auf den Wochenablauf. Entweder bekommt man zu hören, dass gerade Montag sei und damit eine lange arbeitsreiche Woche vor den Zuhörern liege, oder – mit vorrückendem Wochentag – dass man sich zunehmend auf das bevorstehende Wochenende freue. Die Woche wird zum Wochenende runtergezählt. Gleiches gilt übrigens auch für Sender oder Internetradios, deren Zielgruppe junge Hörer sind. Nur liegt hier die Betonung verstärkt auf mögliche Partyaktivitäten.

Hier aber wird eine gefährliche, vor allem aber krankmachende Teilnahmslosigkeit vorgelebt. Denn nichts ist gefährlicher, als am eigenen Leben nicht teilzuhaben.

Viele Menschen verneinen die Möglichkeit, eine Mission für sich entdecken zu können. Schlimmer noch: Indem sie ihre Fähigkeiten, etwas Besonderes und Einzigartiges leisten zu können, zurückweisen, negieren sie gleichzeitig ihr Ego.

An diesem entscheidenden Punkt aber sollte sich meines Erachtens die Erziehung prinzipiell orientieren. Es liegt bei uns, junge Menschen dahingehend zu trainieren, ihre Stärken immer wieder neu zu entdecken. Immer wieder neu, weil sich das Leben als solches – wie wir alle nur zu gut wissen – ändert und uns stets vor neue Herausforderungen stellt, an denen wir wachsen dürfen. Es heißt, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne. Während wir in unserer Gesellschaft einen starken Fokus auf das Körperliche zu legen scheinen, liegt mir viel daran, dass wir uns vermehrt, vor allem aber frühzeitig, den geistigen Fähigkeiten widmen.

Mentaltraining ist mehr als Leistungssteigerung

Wenn wir also das Verständnis von Erziehung um eine – wie ich denke – wesentliche Komponente bereichern, so verfügen wir über ein Instrument, welches Kinder und Jugendliche besser in die Lage versetzt, ihr Potenzial zu erkennen, es zu entwickeln und auch zu leben. Dieses Instrument ist unter dem weitläufigen Begriff Mentaltraining bekannt.

Zunächst meint dies nichts anderes als das gedankliche Nachvollziehen von Verhaltensmustern. Wenn wir beispielsweise an einen Piloten denken, der sich in einem Flugsimulator in verschiedene Notfallsituationen hineinversetzt, so trainiert er hier sein Reaktionsvermögen in Bezug auf eine imaginäre Situation, die hoffentlich niemals eintreten wird. Auch wenn ein vergleichbares Erlebnis schon einmal irgendwo in der Geschichte der Flugfahrt stattgefunden hat, so erlebt der Pilot im Simulator das Geschehnis nicht nur unter ganz anderen Bedingungen. Auch erlernt er, mit seinen eigenen körperlichen und geistigen Voraussetzungen darauf zu reagieren. Er schafft sich auf diese Weise einen mentalen Handlungsplan und kann diesen wahrscheinlich auch in einer ähnlichen Begebenheit sekundenschnell umsetzen. Das bedeutet aber auch, dass er sich in einer Drucksituation nicht von seiner Angst, seiner Nervosität, dem Stress oder Blockaden leiten lässt und somit die Chance vergrößert, das Leben seiner Passagiere retten zu können.

Etwas weiter gefasst meint Mentaltraining, die gesamte menschliche Informationsverarbeitung zu verbessern. Hierzu gehören alle Arten der Wahrnehmung, des Denkens, der Gefühle, des Verhaltens und des Gedächtnisses. Wesentlich dabei ist, wie wir als Menschen in Bezug auf unsere Umwelt emotional reagieren. Denn wie zuvor erläutert, beruht unsere persönliche Realität auf den Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Entwicklung gemacht haben. Und diese haben auch immer eine emotionale Färbung. Wenn wir uns also in die Lage versetzen, der Ursache für unsere Probleme, Blockaden oder Ängste auf den Grund zu gehen, haben wir den wichtigsten Schritt vollzogen, diese auch auflösen zu können.

Vielfach wird mit dem Begriff des Mentaltrainings eine Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden. Sicherlich mag das auch dazugehören. Das vorliegende Buch aber möchte Sie dazu einladen, emotionale Belastungen von Kindern und Jugendlichen zu lindern. Diese sind ursächlich für diejenigen Hindernisse und Hürden, die sich schließlich im Außen darstellen. Wäre das Vorgehen umgekehrt, hätten wir kaum etwas erreicht. Denn wenn wir junge Menschen lediglich anleiten würden, wie man eine Hürde überwindet, so wäre der Effekt nicht von allzu langer Dauer, da die zugehörige Emotion standhaft im Gedächtnis verbleibt. Schon in einer vergleichbar schwierigen Situation gerieten sie wieder ins Straucheln, ausgelöst von jenen Gefühlen, von denen wir dachten, dass sie mit dem Lösen des äußerlichen Hindernisses ebenfalls ein für alle Mal verarbeitet seien.

Für dieses Vorgehen gibt es aber noch weitere Gründe, die hier kurz angeführt werden sollen:

Wenn es uns gelingt, eine negative emotionale Haltung gegenüber einem Sachverhalt aufzulösen, dann kommen wir ganz automatisch in einen ressourcenvolleren Zustand. Dieser erlaubt es uns, leichter auch diejenigen Aufgaben zu bewältigen, denen wir uns sonst weniger gerne widmen.

Wir leisten eine ganz grundlegende Arbeit mit und für das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen. Jeglicher Selbstzweifel ist zunächst ein Hemmnis in Bezug auf die persönliche Lebensgestaltung. Wenn wir uns aber als moderne Gesellschaft auf die Fahnen schreiben, dass ein jeder die Chance habe, sich frei und ohne äußere Einmischung zu verwirklichen, so sei die Frage erlaubt, weshalb wir jungen Menschen eine Vielzahl unterschiedlichster Beschränkungen auferlegen beziehungsweise zulassen, dass sie es selbst tun?

Aufbauarbeit für das Ego ist also eine Investition in die Zukunft und nicht das Schaffen selbstverliebter Egozentriker.

1  Die neuronale Plastizität ist ein wesentlicher Vorgang des Gehirns in Bezug auf das Lernen. Er beschreibt die Fähigkeit von Nervenzellen, Synapsen oder ganzen Hirnarealen, sich entsprechend ihrer Auslastung zu verändern. Der kanadische Psychologe Donald Olding Hebb leitete aus diesen Erkenntnissen die bekannte Hebb’sche Lernregel ab, die er erstmals in seinem Buch „The Organization of Behavior“ (Hebb, 1949) publizierte.

2  Die Fähigkeit, Gedanken und Überzeugungen anderer logisch zu ergründen und auch differenzieren zu können, wird als Theory of Mind (ToM) bezeichnet. Die Entwicklung der ToM gilt als wichtiger Baustein bei der Ausprägung der menschlichen Psyche.

3  Das Unterbewusstsein nach heutigem Verständnis beruht auf Sigmund Freuds Beobachtungen, die er mit seinen Patienten machte. Demnach handelt es sich dabei um einen Bereich der menschlichen Psyche, die dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist, aber mit diesem eine untrennbare (funktionale) Einheit bildet. Die Tiefenpsychologie geht davon aus, dass jegliche Handlungen eines Menschen in allen Lebensphasen durch unbewusste psychische Vorgänge das Handeln, Fühlen und Denken beeinflussen.

4  Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems und liegt in den medialen Bereichen der jeweiligen Temporallappen. Aufgrund ihres Aussehens wird sie auch als Mandelkern bezeichnet.

5  Die Gallup Organization gehört zu den führenden Markt- und Meinungsforschungsinstituten mit Sitz in Washington, D.C. Seit den 1930ern führt das Unternehmen mit inzwischen 27 Ländervertretungen zahlreiche Umfragen zu den verschiedensten Themen durch. Dazu gehört auch die Zufriedenheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit ihrem jeweiligen Beschäftigungsverhältnis.

2. Konstrukt der Gedanken: das Ich

„Dem Zufall unterworfen zu sein beginnt, wer einen Teil seiner selbst außerhalb sucht.“

(Lucius Annaeus Seneca, röm. Philosoph und Politiker)

Nehmen wir einmal an, dass Sie ein neuartiges Nahrungsergänzungsmittel erfunden hätten, dass die globale Ernährung revolutionieren soll. Was das jetzt mit Erziehung zu tun hat? Warten Sie es einen Moment ab. Sie werden gleich sehen, dass diese kleine Analogie geeignet ist, um sich mit Ihrer Zielgruppe der Mentaltrainings etwas vertrauter zu machen.

Möglicherweise werden Sie aber gerade etwas erstaunt das Wort „Zielgruppe“ gelesen haben. Ich kann Sie an dieser Stelle beruhigen: Auch wenn ich den Begriff ganz bewusst gewählt habe, so geht es mir dabei lediglich um die Verdeutlichung eines ganz offensichtlichen Sachverhaltes.

Alle Ihre didaktischen und erzieherischen Erkenntnisse und Fähigkeiten können Sie erst dann gewinnbringend zum Wohle der Kinder einbringen, wenn Sie um deren Fähigkeiten oder Interessen wissen.

Sie als anleitende Person, an welcher sich junge Menschen orientieren, befinden sich gleichermaßen in der Rolle des Regisseurs und der des Schauspielers. Als Filmemacher bestimmen Sie in weiten Teilen das Setting, also die spezifische Gestaltung der Lernumstände. Als Charakterdarsteller sollten Sie über die Fähigkeit verfügen, sich in die emotionalen Belange einer Figur, in diesem Fall der Ihnen anvertrauten Kinder, unter den jeweils gegebenen Umständen, hineinversetzen zu können.

Wenn Sie also beispielsweise als Lehrer arbeiten, so hat Ihr Unterrichtsablauf eine Struktur, die Sie überdies mit Ihren Fähigkeiten als Mensch und Pädagoge bereichern. Damit haben Sie in Ihrer Funktion des Lehrenden die entscheidende Position inne, die den Lernerfolg maßgeblich bestimmt, da Sie ja die Regie führen. Wie schon der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie in seiner Metaanalyse „Visible Learning“ darlegte, steht der Lernerfolg in einem direkten Zusammenhang mit der Persönlichkeit des Lehrers als solchem (Hattie, 2008).

Um aber überhaupt sinnstiftende Regie führen zu können, bedarf es der Fähigkeit, die Welt aus den Augen der Schüler zu betrachten – also in die verschiedensten Realitäten einzutauchen. Die jeweiligen Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen setzen sich – wie bei uns Erwachsenen ja auch – aus den verschiedensten Erfahrungen zusammen. Erfahrungen sind aber das konsequente Resultat, welches sich zunächst aus einer zumindest gedanklichen Intention ableitet. Und hier haben wir wieder das Verlangen – oder die Motivation –, etwas erreichen oder auch vermeiden zu wollen. Angefangen von der pränatalen Reifung über die Kindheit bis in das Erwachsenenalter stehen unsere Handlungen unter dem Einfluss des Emotionalen.

Um diese Fähigkeit zu erlangen und im Weiteren dann auch zu nutzen, bedarf es einer möglichst weitreichenden Kenntnis der Interessensgebiete Ihrer Schüler. Es geht uns also um eine positiv besetzte Motivation.