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Die Gerichts- und Kriminalreporterin Sabine Rückert stellt vor:Egon Erwin Kisch, Wegbereiter der True-Crime-Reportage, als schillernder Ermittler in der Prager Unterwelt.
Was sagen uns Verbrechen über Menschen und Gesellschaften? Was waren die Umstände, die sie ermöglicht haben, was ist das Alltägliche am außergewöhnlichen Geschehen? Vor der Kulisse Prags erzählt Egon Erwin Kisch in literarisch brillanten Reportagen von kaltblütigen Verbrechen und menschlichen Abgründen. Mal tritt er als investigativer Ermittler in Erscheinung, mal lässt er seine Heldinnen und Schurken zu Wort kommen, dann wieder mischt er sich direkt in das Geschehen ein. In ganz eigener Weise verband er journalistische Genauigkeit mit literarischem Stil, noch bevor Truman Capote das Prinzip für sich entdeckte. Sabine Rückert beleuchtet, was uns bis heute daran fasziniert – und was sie anders machen würde als der »rasende Reporter«.
»Das sind ganz tolle Texte. Interessanterweise war Egon Erwin Kisch auch ein Kriminalreporter. Er ermittelte regelrecht. Und manchmal wandte er dabei Methoden an, die uns heute stark verwundern.« Sabine Rückert.
Wenn in der Zeitung von heute schon der Mord von morgen steht, kann da nur der »rasende Reporter« am Werk gewesen sein ...
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2026
Egon Erwin Kisch, Wegbereiter der True-Crime-Reportage, als schillernder Ermittler in der Prager Unterwelt
Was sagen uns Verbrechen über Menschen und Gesellschaften? Was waren die Umstände, die sie ermöglicht haben, was ist das Alltägliche am außergewöhnlichen Geschehen? In brillanten Reportagen erzählt Egon Erwin Kisch von kaltblütigen Verbrechen und menschlichen Abgründen. Und manchmal mischt er sich dabei so direkt in das Geschehen ein, dass er selbst hinter Gittern landet …
In ganz eigener Weise verband der ungewöhnliche Ermittler journalistische Genauigkeit mit literarischem Stil, noch bevor Truman Capote das Prinzip für sich entdeckte. Sabine Rückert beleuchtet, was uns bis heute daran fasziniert – und was sie anders machen würde als der »rasende Reporter«.
»Das sind ganz tolle Texte. Interessanterweise war Egon Erwin Kisch auch Kriminalreporter. Er ermittelte regelrecht. Und manchmal wandte er dabei Methoden an, die uns heute stark verwundern.« Sabine Rückert
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Egon Erwin Kisch
Prager Verbrechen
Vorgestellt von Sabine Rückert
Mit einem Vorwort von Sabine Rückert
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
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Von Sabine Rückert: Vorwort
Egon Erwin Kisch
Steckbrief
Die Prophezeiung
Steckbrief
Die Prophezeiung
Internationale Kasseneinbrecher in Prag?
Ein Henker geht in Rente
Steckbrief
Ein Henker geht in Rente
In der Strafanstalt
Steckbrief
In der Strafanstalt
Die Verhaftung
Steckbrief
Die Verhaftung
Eine Frau, die auf Hugo Schenk wartet
Steckbrief
Eine Frau, die auf Hugo Schenk wartet
Der Hinterhalt
Steckbrief
Der Hinterhalt
Der Fall des Generalstabschefs Redl
Steckbrief
Der Fall des Generalstabschefs Redl
Der Raubmord im Hotel Bristol
Steckbrief
Der Raubmord im Hotel Bristol
Mann ist Mann
Steckbrief
Mann ist Mann
Die Mutter des Mörders
Steckbrief
Die Mutter des Mörders
Der Mord an Eduard Kisch
Steckbrief
Der Mord an Eduard Kisch
Besuch bei den toten Sträflingen
Steckbrief
Besuch bei den toten Sträflingen
Steckbrief gegen eine ganze Nation
Steckbrief
Steckbrief gegen eine ganze Nation
In einem von hundert Türmen
Steckbrief
In einem von hundert Türmen
Der wiederbelebte Spielberg
Steckbrief
Der wiederbelebte Spielberg
Die letzten Schritte des K. H. Frank
Steckbrief
Die letzten Schritte des K. H. Frank
Friedhof, reichend von Industrierevolution zum Imperialismus
Steckbrief
Friedhof, reichend von Industrierevolution zum Imperialismus
Mörder bauten dem zu Ermordenden ein Mausoleum
Steckbrief
Mörder bauten dem zu Ermordenden ein Mausoleum
Wie der Türke auf der Karlsbrücke um seinen Säbel kam
Steckbrief
Wie der Türke auf der Karlsbrücke um seinen Säbel kam
Anhang
Mitwirkende
Textnachweis
Erläuterungen
Impressum
Von Sabine Rückert
Warum eine Sammlung von Kriminalreportagen? Was soll der Sinn eines solchen Unterfangens sein? Nun, es gibt wohl sonst keine Art der Reportage, die mit solcher Genauigkeit in alle Ecken und Winkel einer Gesellschaft leuchtet, auch in die finstersten. Die Kriminalreportage kann Polizeireport sein, aber auch Gerichtsbericht, sie ist Sozialreportage oder eine Recherche aus Wirtschaft und Politik, investigative Leistung und Menschengeschichte – und manchmal alles auf einmal und gleichzeitig. Und immer stehen Schicksale auf dem Spiel. Wer Kriminalreportagen schreibt (oder liest), interessiert sich für die Verhältnisse im Land. Im Verbrechen – oder was dafür gehalten beziehungsweise nicht gehalten wird – spiegelt sich die Befindlichkeit einer ganzen Nation.
Egon Erwin Kisch (1885–1948), der vor etwa hundert Jahren Kriminalgeschichten recherchierte und für Prager, Wiener und Berliner Zeitungen aufschrieb, gilt bis heute als einer der bedeutendsten Journalisten im deutschsprachigen Raum. Er war aber zuallererst ein Kriminalreporter, »dem das Kriminalbüchl wichtiger ist als das ernsteste Philosophiebüchl«, wie ein Bekannter über ihn schrieb. So begann seine Karriere. Und es ist die Kriminalreportage, die als ein Hauptmotiv durch sein Werk führt. Selber formulierte er es so: »Es zog mich hin zum Mord.«
Kisch erfand die literarisch ausgeschmückte, mitreißende (Kriminal-)Reportage, die tief eintaucht in die Biografien und die gesellschaftlichen Begebenheiten ihrer Zeit. Heute ist der »Kisch-Preis«, den das Magazin »Stern« jedes Jahr verleiht, eine der begehrtesten Auszeichnungen für die Reporter im Land. Die in diesem Buch präsentierten Reportagen sind journalistische Dokumente und gewähren ergreifende Einblicke in die Lebensverhältnisse der Menschen zur Kaiserzeit, in den sogenannten Goldenen Zwanzigern zwischen den großen Kriegen und in den zertrümmerten Jahren nach dem NS-Regime. Dazwischen musste Kisch, der Jude war, Europa verlassen und lebte in einem verzweifelten Exil in Mexiko.
Kisch, der stets postulierte, ein guter Reporter sei lediglich eine Art Kamera, die »ohne Tendenz« und »ohne Standpunkt« unbefangen und objektiv die Geschehnisse aufzeichnet, hat sich gottlob selbst nie an dieses Gebot gehalten. Er ahnte, dass der Kamerablick ohne Zoom und Führung das Langweiligste auf der Welt ist. Und dass das Bunte, Beschreibende, Einordnende, Assoziative und Subjektive den Reiz, die Spannung und die Berechtigung einer jeden Reportage ausmachen. Auch deshalb wählt Kisch fast immer das Ich als roten Faden durch seine Kriminalgeschichten. Die erste Person Einzahl entfaltet in einem guten Text eine bezaubernde, fast sogartige Wirkung und wird deshalb heute in den Reportagen amerikanischer Zeitungen gepflegt. In Deutschland tut man sich damit schwerer: Das »Ich« gilt in der Reportage immer noch als selbstbezogene Allüre. Doch ist der Augenzeugenbericht etwas anderes als ein Zugeständnis an die Subjektivität jeder Wahrnehmung? Kischs Artikel jedenfalls profitieren davon, das Ich macht sie lebendig und spannend, sie kommen daher wie Abenteuererzählungen. Der Leser, die Leserin reisen mit dem Reporter, recherchieren mit ihm, betreten mit ihm verbotene Räume und finden mit ihm die Wahrheit heraus. Bestimmt hätte Egon Erwin Kisch, der vor hundert Jahren in den Berliner und Prager Kaffeehäusern seine Freunde und Kollegen mit allerhand Schilderungen unterhielt und faszinierte, heute einen Podcast, in dem er seine Erlebnisse für die Hörerschaft in leuchtenden Farben ausmalen und sich selbst als Meisterermittler inszenieren könnte.
Denn von sich selbst berauscht ist Kisch nicht wenig. Auch in dieser Hinsicht ist er ein typischer Reporter. In seinen Texten präsentiert er sich als sympathischen Tausendsassa, dem gelingt, woran andere scheitern, der durchschaut, was den Konkurrenten entgeht, und der sich an keine Regeln hält, weil sie für Überflieger wie ihn ohnehin nicht gelten. Aus seinen Reportagen platzt das Ego förmlich heraus. Der leise und unauffällige Beobachter im Hintergrund ist seine Sache nicht. Die Texte erinnern fast ein bisschen an die des großen Fabulierers Karl May, der phänomenale Abenteuer bei den »Indianern« Nordamerikas und den Scheichs des Orients bestanden haben wollte, die es nie gegeben hat. Und auch Kisch ist in seinen eigenen Reportagen oft der, der am besten lacht. Er war ein großer Verehrer und Verteidiger des Schriftstellers Karl May und klingt vielleicht deshalb mitunter recht ähnlich.
Heute weiß man, dass auch Egon Erwin Kisch es mit den Tatsachen und Daten nicht zu genau nahm. »Er wollte einfach gute, spannende Geschichten erzählen, ohne sich durch Fakten unnötig beirren zu lassen«, schreibt Christian Buckard in seiner neuen Biografie über den von Ehrgeiz und Neugier getriebenen Journalisten. Buckard berichtet auch, wie der blutjunge Kisch, um sich ins öffentliche Gespräch der Prager Gesellschaft zu bringen, 1911 ein angebliches Kisch-Interview veröffentlichte, das ein gewisser »Pepi Schnelläufer« mit dem jungen Reporter geführt hatte. Darin wusste Kisch von tollen Eskapaden zu erzählen, die leider von vorn bis hinten erkennbar erlogen waren. Und nicht nur seine angeblichen Abenteuer waren Fantasie – auch der Interviewer Pepi Schnelläufer selbst war nichts als eine Kopfgeburt des kreativen Journalisten Kisch. Vor allem später, als er längst berühmt war und in der ganzen Welt umherreiste, hielt es Kisch immer noch für nötig, erfundene Personen und Wortwechsel in seine Augenzeugenberichte einzubauen, um seinem Reporterglück auf die Sprünge zu helfen. Und er tat das in einem Ausmaß, das jeden Boulevardreporter von heute erblassen lassen würde.
Zu Kischs Zeiten habe auch das Publikum die Trennlinie zwischen Erlebtem und Erfundenem nicht allzu scharf gezogen, bemerkt Christian Buckard. Die Leser wollten vor allem unterhalten und beeindruckt werden, woher die Informationen letztlich rührten, sei damals zweitrangig gewesen. Und viele hätten Kisch, der in der Öffentlichkeit unvorstellbar beliebt war, einfach allzu gerne alles geglaubt. »Die professionellen Autoren wussten allerdings auch damals schon: So viel Glück kann kein Reporter so oft haben.«
Am Anfang seiner Karriere als lokaler Kriminalreporter hielt sich Kisch noch zurück, seine Berichte waren in Prag, wo jeder jeden kannte, allzu leicht nachzuprüfen. Erst später, als prominenter »rasender Reporter«, überarbeitete er seine Texte so lange, bis sie fast zu Kurzgeschichten oder Novellen geworden waren.
Kischs Reportagen sollten nicht bloß irgendwelche Geschehnisse wiedergeben, sie sollten Sensationen sein (deshalb wohl auch sein Faible fürs Verbrechen). Der Berliner Literaturwissenschaftler Erhard Schütz schreibt über Kischs Faktentreue: »Man kann Kischs späteren Arbeiten zwar Wahrheit zugestehen, aber nicht die des Faktengenres, sondern solche, wie es allgemein von der Dichtung heißt, sie sei in einem ›höheren Sinne‹ wahr: Es ist poetische Wahrheit in der prosaischen Form von Reportage.« Und Schütz gelangt zu folgendem Schluss: »Kisch hätte den nach ihm benannten Preis nie und nimmer erhalten. Nicht weil er zu kritisch, sondern weil er zu wenig Reporter war.«
Im Jahr 2026, in einer Zeit also, in der die Medien gegen gestreute Fake News und Verschwörungserzählungen anarbeiten müssen, die sogar von Staatschefs und Regierungen in die Welt gesetzt werden, in einer Zeit, in der Journalisten auch in Deutschland pausenlos angegriffen und von interessierter Seite als Handlanger einer »Lügenpresse« diffamiert werden und Internet-User jeden Satz einer Reportage nachzurecherchieren und zu widerlegen versuchen, könnte sich keine Zeitung, kein Sender und kein Online-Portal einen Egon Erwin Kisch mehr leisten. Ein Reporter, der keine Quellen für seine Informationen nennen könnte, ja, der sich sogar derartige dichterische Freiheiten herausnimmt, findet in den seriösen Medien des 21. Jahrhunderts keinen Platz mehr und wird auch nicht mehr berühmt.
Der viel beachtete Skandal um den erfolgreichen »Spiegel«-Journalisten Claas Relotius, der – als mehrfacher Kisch-Preisträger sich womöglich in der Kisch-Nachfolge wähnend – diverse Reportagen fantastisch aufgehübscht oder komplett erfunden hat, stürzte das Magazin 2018 in eine gewaltige Glaubwürdigkeitskrise. Auch aufgrund des Relotius-Eklats ist die Sauberkeit der Recherche, die öffentliche Transparenz der Quellenlage und die Ehrlichkeit eines Textes heute wichtiger als alles andere. Kein Reporter kann es sich mehr erlauben, seinen Berichten irgendwelche märchenhaften Wendungen angedeihen zu lassen. Das wäre sein Untergang.
Deshalb bitten wir Sie, liebe Leser, die Texte dieses Buches als das zu lesen, was sie sind: an Wirklichkeit angelehnte Literatur. Manches ist genau so geschehen, wie es hier steht. Anderes aber nicht. Und doch illuminiert die Summe dieser Kisch-Berichte die Verhältnisse seiner Zeit aufs Packendste.
Offenherzig beschreibt Kisch seine eigenen fragwürdigen Tricks und Methoden. So erfindet er in seiner Zeitung den angeblich unmittelbar bevorstehenden Raubzug einer Einbrecherbande, der zu seinem großen Glück zufällig dann auch geschieht (»Die Prophezeiung«, Seite 23). Er täuscht Menschen über die Wahrheit seiner Absichten und bestiehlt sie sogar (»Die Frau, die auf Hugo Schenk wartet«, Seite 79). Aus der intimen Schatulle eines Dienstmädchens entwendet er Briefe und verarbeitet sie hinter dem Rücken der Adressatin zu einer atemberaubenden Story. Heute verlöre Kisch darüber seinen Arbeitsplatz und wäre ein Fall für die Gerichte. Das hintergangene Dienstmädchen, das die eigene, ohne sein Wissen recherchierte Lebensgeschichte vor hundert Jahren noch fassungslos in der Zeitung gelesen haben mag, würde heute zu einem Medienanwalt laufen oder auf seinem Instagram-Account die Recherchemethoden dieses Herrn Kisch laut und vor aller Welt anklagen. Ein karrierebeendender Shitstorm wäre das Mindeste, was Kisch zu erwarten hätte.
Und dann gibt es die andere Seite dieses Autors, die seine Reportagen heute noch so modern und lesenswert macht: Kisch schläft als vermeintlicher Obdachloser undercover in verlausten Asylen. Er stürzt sich ins Leben, er ekelt sich vor nichts und niemandem. Welcher Reporter macht das heute? Kisch geht in die Gefängnisse. In die Prager Anstalt für Zwangsarbeiter, die praktisch ausnahmslos von Mördern und Totschlägern bevölkert war, von Menschen, die keine Zukunft mehr vor Augen hatten. Er wagt sich ins Elend der »Irrenhäuser«. Ergreifend schildert er seinen Streifzug durch den Friedhof der trostlosen und unbesuchten Gräber verstorbener Gefängnisinsassen (»Besuch bei den toten Sträflingen«, Seite 223) und seine Begegnung mit dem Elend einer Frau, deren Sohn wegen Mordes verhaftet wurde (»Die Mutter des Mörders«, Seite 193). Er sitzt bei den Heizern in den Bäuchen der Schiffe, nicht auf der Brücke oder in den Speisesälen der 1. Klasse. Er stellt sich bei der Volksküche an und harrt in den Wärmestuben aus mit all jenen, denen die Welt die kalte Schulter zeigt. Kisch geht zu denen, die keine Stimme haben. Und er legt sich mit der Staatsmacht an und attackiert Polizei und Justiz. Er traut sich aufzustehen gegen das Unrecht und die schlampige Ermittlung. Stets steht er auf dem Wachposten, also da, wo die Presse hingehört. Und das macht ihn zum Vorbild des modernen Reporters.
Eine der größten und politisch folgenreichsten Kisch-Reportagen war die über den Selbstmord des Oberst Alfred Redl in Wien, der 1913, als Spion für Russland enttarnt, zur Pistole griff (»Der Fall des Generalstabschefs Redl«, Seite 109). Von oberster Stelle hatte man ihn dazu gezwungen, sich das Leben zu nehmen, damit die Sache nicht herauskommt. Und es war Kisch, der dafür sorgte, dass der Fall trotzdem öffentlich wurde. Auch wenn Kisch die Homosexualität des Suizidanten, dem Zeitgeist der Kaiserzeit folgend, eher ironisiert und nicht als zentrale Ursache für seine Verbrechen benennt, so schildert er doch das grausame, heimliche und einsame Leben eines Schwulen in der Maschinerie des k. u. k. Militärs.
In seinen Kriminaltexten nimmt Egon Erwin Kisch fast nie den damals üblichen Blickwinkel des polizeilichen Ermittlers ein, der dem bösen Verbrecher das Handwerk legt und im Bodensatz der Gesellschaft für Ruhe sorgt. Kisch erzählt vom Verbrechen aus den unterschiedlichsten Perspektiven: der von Angehörigen eines Verdächtigen, der eines Henkers, der den Verurteilten aus der Welt schaffen muss; der des zufällig davongekommenen Opfers. Und immer voll Einfühlungsvermögen und Mitgefühl.
Am frühen Morgen des 28. Februar 1933 wird Kisch selbst Opfer von Verbrechern: Die NS-Polizei holt ihn – wie viele andere linke Intellektuelle – in Berlin aus dem Bett, verhaftet ihn und bringt ihn in die »Kasematten von Spandau«. Wie grausam es dort zuging, schildert er später in verschiedenen Texten. Nur weil er einen tschechischen Pass hat, überlebt er die Verhaftungswelle und kann später nach Mexiko entkommen. »Doch in den Kerkern der Nazis war Kisch zum ersten Mal allein und wehrlos dem Bösen ausgeliefert«, schreibt sein Biograf Christian Buckard. »Auch wenn er am 11. März äußerlich unversehrt in Prag ankam, seine Seele hatte einen Sprung bekommen.« Und eine Bekannte des Reporters schrieb 1933 an Bertolt Brecht: »Kisch scheint vollkommen durchgedreht.«
Egon Erwin Kisch verlor den Boden unter den Füßen, sein Elan war dahin. Im Exil wird er zur tragischen Figur: mit fünfzig schon ein alter Mann und obendrein ein ideologisch verblendeter Stalinist, der die Verbrechen des Tyrannen schönredet und kein Wort über die verheerenden Zustände in der Sowjetunion verliert. Auch nicht über die verhafteten und ermordeten Genossen und Freunde. In seinen letzten Jahren verschließt Kisch die Augen fest vor der Wahrheit, rühmt den selbst ernannten »Vater der Völker« im Kreml und zerstört in Artikeln wissentlich durch Lügen das Leben jener Freunde, die sich vom Kommunismus abgewandt haben. Kisch wird – mittellos und abhängig von den Zuwendungen der Kommunistischen Partei – zum Verräter an der eigenen Sache. Ausgerechnet dieser tapfere Journalist taugt »vor dem Hintergrund seines fortschreitenden seelischen Zusammenbruchs« als Beweis für die Behauptung des Karl Marx, dass das Sein letztlich das Bewusstsein bestimmt. Nicht umgekehrt. Buckard konstatiert: »Kisch war einer, der am 20. Jahrhundert zerbrochen ist.«
Nach dem Untergang des NS-Regimes kehrt Kisch nach Prag zurück, wo er 1948 nach mehreren Schlaganfällen stirbt. Von den 80 000 deportierten tschechischen Juden sind nur noch wenige Tausend am Leben. Einen letzten großen Kriminalartikel veröffentlicht Kisch aber noch, er heißt: »Mörder bauten dem zu Ermordenden ein Mausoleum« (Seite 297). Der Text schildert einen Gang des Juden Egon Erwin Kisch zu den Vitrinen des Jüdischen Museums in Prag. Ausgerechnet die Nationalsozialisten hatten diesen Bau errichtet, um als Fetischisten des Hasses Schätze und geraubte religiöse und kulturelle Exponate des zu vernichtenden Volkes auszustellen. Buckard vergleicht die Sammelwut der Nazis mit dem gestörten Verhalten von Serienmördern, die Gegenstände oder Körperteile ihrer Opfer vom Tatort mitnehmen und zu Hause in einem Schrein aufbewahren. Und so wird Kisch als Museumsbesucher ein letztes Mal zum Kriminalreporter, der die heiligen Objekte seines verfolgten Volkes beschreibt als eine Beute der Täter.
Name: Egon Kisch, später Egon Erwin Kisch und »rasender Reporter«; Deckname Innozenz Scherwing, Pepi Schnelläufer
Lebensdaten:
–geboren am 29. April 1885 in Prag, Österreich-Ungarn
–gestorben am 31. März 1948 ebenda, Tschechoslowakei
Beruf: Reporter mit unkonventionellen investigativen Methoden; begnadeter Schreiber, der über literarische Mittel zum wahren Kern einer Geschichte vorzudringen sucht; Mitglied des Prager Kreises, zu dem u. a. Franz Kafka, Max Brod und Franz Werfel gehörten
Erkennungsmerkmal: Zigarette im Mundwinkel
Prag war um die Jahrhundertwende, als Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, eine vielsprachige und vielschichtige Stadt. Tschechen lebten hier neben Deutschen, Ungarn, Slowaken und Italienern. Verwaltung und öffentliches Leben wurden stark von österreichischen Beamten und Militärs geprägt. Während die tschechische Nationalbewegung auf stärkere Selbstbestimmung drängte, pochte das habsburgische Zentrum in Wien auf Kontrolle und Loyalität. Zugleich gewann das Bürgertum an Einfluss, während in den Arbeitervierteln die soziale Not zunahm. In diesem angespannten Klima wurde die Presse zu einem wichtigen Akteur.
Egon Erwin Kisch, Angehöriger der jüdischen deutschsprachigen Intelligenz, arbeitete als junger Kriminalreporter für die renommierte Tageszeitung »Bohemia«. Hier begann er, hinter einzelnen Fällen die zugrunde liegenden sozialen Ursachen sichtbar zu machen. Für ihn waren Verbrechen weniger moralische Einzelfälle als vielmehr Symptome sozialer Ungerechtigkeit und struktureller Missstände.
Diese Erfahrungen trugen entscheidend dazu bei, dass aus dem Beobachter ein Reporter wurde, der sich unmittelbar einmischte. In einer programmatischen Rede forderte er 1935 eine klare Haltung gegenüber dem Elend der Welt. Die Reportage sei »anklägerisches Kunstwerk«, das Banalität und Demagogie vermeiden müsse, und zugleich vorbehaltlos der Wahrheit verpflichtet.
Wem aber fühlte sich Kisch verbunden? Den deutschsprachigen, oft jüdischen Pragern, deren Kultur ihn geprägt hatte? Den Tschechen, an deren panslawistischen Bestrebungen er sich für die Unabhängigkeit des Landes beteiligte? Oder den Kommunisten, die ihn als Kämpfer für eine gerechte Welt feierten? Die Vielschichtigkeit seiner Identität fasste er 1938 in Paris dem Schriftsteller Friedrich Torberg gegenüber vielleicht selbst am besten zusammen: »Ich bin ein Deutscher. Ich bin ein Tscheche. Ich bin ein Jud. Ich bin aus gutem Hause. Ich bin Kommunist. Ich bin ein Corpsbursch. Etwas davon hilft mir immer.«
Tatzeit: Nacht vom 24. Dezember 1907
Fahndungsblatt: Einbruchdiebstahl
–16. September: Steueramt Przemysl
–4. Oktober: Stadtkasse Kaschau
–20. Oktober: Regierungsgebäude Teschen, mit Waffengebrauch (2 Totschlag)
–6. Dezember: Finanzamt Olmütz
Verdächtige: Wasinski-Bande, bestehend aus
–Wassili Wasinski aus Przemysl, besondere Kennzeichen: Daumen und Zeigefinger an der linken Hand fehlen
–Franz Adamski, geboren in Zloczow, ehemaliger Schmied und Wanderathlet, dreißig Jahre alt, 1,92 Meter, pockennarbig, Tätowierung auf dem rechten Oberarm
–Boris Brünner aus Lemberg, 22 Jahre, Handelsangestellter, schwarzes oder dunkelbraunes Schnurrbärtchen, spricht Polnisch, Deutsch und Russisch
–Paul Szafranski, 17 Jahre, Gelegenheitsarbeiter, hellrotes Haar, linkes Ohr verstümmelt
–Wladimir Wolodarski aus Kolomea, 28 Jahre, 1,70 Meter
1906 begann Kisch als Volontär bei dem deutschsprachigen »Prager Tagblatt« zu arbeiten, wo er sechs Wochen blieb, ohne sich recht einzugewöhnen. Ab April war er für die »Bohemia« als Lokal- und Kriminalreporter unterwegs und berichtete über Ereignisse in Prag – und verlieh ganz nebenbei seinen Ausflügen in die Prager Unterwelt einen dienstlichen Charakter. Wenn Nachrichtenflaute herrschte, half er seinem Reporterglück schon mal auf die Sprünge. Der später als »rasender Reporter« berühmt-berüchtigte Schnüffler hatte die Arbeit aufgenommen.
Ein neuer Besen, fegte ich gut durch alle Straßen, um einen Kriminalfall zu erhaschen. Keinen Taschendiebstahl meldete der Polizeibericht, den ich nicht durch ein Interview mit dem Beschädigten, durch Beschnüffelung des Tatortes und Recherchen auf eigene Hand zu einer cause célèbre auszugestalten versuchte. Nachts schlich ich in die Polizeikommissariate, hoffend, Zeuge einer aufregenden Szene zu werden oder wenigstens einen Blick in ein sensationelles Protokoll tun zu können. Selbstverständlich drang ich nicht als Berichterstatter in die Wachstube ein, da man mir dort keine Auskunft geben durfte – im Gegenteil, man hätte vor dem Reporter besondere Vorsicht walten lassen. Ich kam also unter Vorwänden: zum Beispiel zeigte ich in einer Nacht an sechs verschiedenen Stellen den Verlust meiner goldenen Uhr an, die ich niemals besessen. Ins Sicherheitsbüro, wo man natürlich wusste, wer ich war, kam ich täglich offiziell, um etwas privat zu erfahren, und es gelang mir auch, an jedem Sonntag mit einem Fall, von dem die anderen Reporter keine Ahnung hatten, eine Spalte zu füllen. Für die Weihnachtsnummer wollte ich etwas Sensationelles, etwas Ausführlicheres berichten, aber weder in der Aufnahmskanzlei noch im daktyloskopischen[1] Laboratorium, wo ich unter allerhand Ausreden gierig umherstrich, ließ sich eine Nachricht erlangen.
Als ich ins Zimmer des Beamten trat, der für das Fahndungsblatt Laufzettel über gestohlene Kleinigkeiten, Steckbriefe entwichener Landstreicher, Verzeichnisse verlorener Legitimationen oder Wertpapiere zusammenstellte, wurde ihm ein Telegramm übergeben. Das ist meine Weihnachtssensation, durchzuckte es mich, und ich bat den Beamten, mir die Depesche zu zeigen. Der tat es mit überlegenem Lächeln, denn solche Zirkulartelegramme, die an alle Polizeibehörden europäischer Hauptstädte gesandt werden, kommen täglich an und können selbst vom eifrigsten Polizeiberichterstatter nicht registriert werden. Diesmal lautete es: »nachtrag zu sechzehn körpergröße wolodarski nicht hundertfünfzig sondern hundertsechzig polizeidirektion przemyśl.« Das war höchst uninteressant für die Zeitungsleser und erst recht für den Reporter.
Trotzdem verlangte ich das Telegramm sechzehn zu sehen, zu dem das heutige der Nachtrag war. Im Index des Fahndungsblattes fand sich der Name Wolodarski viermal vor. Er war ein Mitglied der Einbrecherbande Wasinski, die im Sommer ins Steueramt von Przemyśl eingedrungen war und fast zwanzigtausend Kronen erbeutet hatte. Im Oktober gewann sie in der Stadtkasse von Kaschau vierzehntausend Kronen durch Einbruch, einige Wochen später fielen den Geldschrankknackern die Barbestände des Olmützer Finanzamtes in die Hände. Anfangs Dezember wurden sie in Teschen im Kassenraum der Statthalterei überrascht, konnten aber – durch Revolverschüsse die Verfolger einschüchternd – mit stattlichem Raub entkommen. Der Bande gehörten außer dem Chef, dem fünfundzwanzig Jahre alten ehemaligen Eisendreher Wassili Wasinski (besondere Kennzeichen: Daumen und Zeigefinger der linken Hand fehlen), folgende Mitglieder an: der ehemalige Schmied und Wanderathlet Franz Adamski, dreißig Jahre alt, ein Meter zweiundneunzig groß, Pockennarben im Gesicht (Tätowierung auf dem rechten Oberarm, darstellend zwei Hanteln und ein Herz mit dem Namen »Wanda«), der etwa zweiundzwanzigjährige Handelsangestellte Bernhard Brünner, schwarzes oder dunkelbraunes Schnurrbärtchen, abstehende Ohren, der sechzehnjährige Gelegenheitsarbeiter Paul Szafranski (hellrotes Haar, linkes Ohr verstümmelt), drei oder vier unbekannte Männer und jener Wladimir Wolodarski, dem die Nachtragsdepesche galt. Seltsamerweise hatte keiner dieser erfolgreichen Verbrecher eine Vorstrafe, Wasinski war aus dem Untersuchungsgefängnis in der Ulica Batorego geflüchtet, eine vom Bezirksgericht Strij gegen Adamski wegen Raufhandels verhängte achttägige Arreststrafe lag schon elf Jahre zurück, und von den anderen wusste man nicht einmal die genauen Personalien.
Über ihre Einbrüche war in Wiener und Berliner Zeitungen bestenfalls in kurzen Meldungen berichtet worden, es waren Ereignisse aus Polen und von der polnischen Grenze – ich aber musste einen Prager Lokalfall haben und entschloss mich daher, die polnische Verbrecherkolonne in Prag eintreffen zu lassen, wenigstens gerüchtweise.
Die Zeitungen von Przemyśl, Kaschau, Olmütz und Teschen, in denen die Notizen über die Amtseinbrüche standen, waren mit einiger Mühe und drei- bis viertägigem Zeitverlust beschafft, und mein Weihnachtsartikel konnte geschrieben werden.
»Einbruchsdiebstähle in öffentliche Ämter. – Die Wasinski-Bande in Prag eingetroffen.« Die Delikte, die Schauplätze, die Beute, die Technik und die Personalien der Täter schilderte ich ausführlich und wies nach: der Trupp, von Przemyśl über Kaschau nach Olmütz und Teschen kommend, könnte als nächste Station nur Prag gewählt haben. Ich behauptete, es seien bereits Anzeichen ihrer Ankunft vorhanden. »Da Wasinski und seine Leute«, so schloss mein Artikel, »gewiss die Stille des Weihnachtsabends zur Ausführung eines großen Coups benützen und gegebenenfalls vor einer Bluttat nicht zurückschrecken, werden die Prager Detektive heute keine Weihnachtsruhe halten können.«
Durch diese mehr als kühne Voraussage war örtlich und räumlich die Begründung für Größe und Aufmachung des Sensationsartikels gegeben, auf solche Weise war er die ersehnte Lokalaktualität. Die Weihnachtsnummer der Zeitung mit meinem Artikel war fertig. Setzer und Drucker verließen um sechs Uhr das Zeitungsgebäude, um den Heiligen Abend im Kreise der Ihren zu verbringen. Am nächsten Morgen wurde das Blatt den Lesern zugestellt, in dem die Prophezeiung für gestern Abend stand …
Inzwischen ereignete sich Folgendes: Eine Familie, in der Nähe des Hauptpostamtes wohnend, hatte gegen acht Uhr abends das Dienstmädchen um Wein in den Keller geschickt; die Magd vernahm unten Axtschläge, die ihr am Weihnachtsabend besonders verdächtig vorkommen mussten, und sie alarmierte die Hausbewohner. Als diese in den Keller einzudringen versuchten, knallten ihnen Schüsse entgegen, man eilte auf die Straße, Polizei zu holen, und sah aus dem Nachbarhause einige Männer herausstürzen; die Flüchtenden wandten sich um, schossen gegen ihre Verfolger und verletzten vier Passanten. Der zufällig des Weges kommende dienstfreie Gefängnisaufseher Kautsky ergriff einen der Fliehenden, dieser streckte ihn im gleichen Augenblick mit einer Revolverkugel nieder und verschwand im Neubau eines Eckhauses. Einer seiner Komplizen, ein Hüne, stolperte, stürzte zu Boden – bevor er sich aufzurichten vermochte, hatten sechs Männer seine Arme und Beine umklammert, und es gelang ihnen, ihn festzuhalten, bis Polizei eintraf, ihm Handschellen anlegte. Alle anderen waren entflohen.
Als ich am Tatort ankam, lag Gefängnisaufseher Kautsky auf einer Bahre, er atmete noch, jedoch der herbeigerufene Arzt erkannte, dass keine Hilfe mehr möglich sei. Die vier Verletzten wurden verbunden. Aus den Fenstern der Wohnungen, in denen Christbäume brannten, schauten erschreckte Menschen. Der Neubau war von Hunderten Neugierigen umstellt – Kommissäre, Schutzleute und Polizeihunde suchten alle Gerüste ab, alle Aufzüge, alle Ziegel- und Bretterhaufen. Das Haus, in dessen Keller die Verbrecher gearbeitet hatten, wurde gleichfalls vergeblich durchforscht; man konstatierte nur, dass sie die Kellerwände der Nachbarhäuser durchbrochen hatten, um im Falle einer Entdeckung nach zwei Seiten flüchten zu können, auch die Seitenmauer des Postgebäudes war durchlöchert und der Weg zum Kassenraum bereits frei. Dort, wo viermalhunderttausend Kronen in bar und Postwertzeichen für etwa eine halbe Million Kronen lagen, hatten die Einbrecher während der drei Weihnachtsfeiertage ihr Werk tun wollen.
Der gestolperte und festgenommene Mann war auf die Wachstube gebracht worden. Neben dem Weihnachtsbaum, dessen Lichter man verlöscht hatte, hockte er wie ein überlisteter Riese aus dem Märchen hilflos da, als ich unbeachtet eintrat. In allen Sprachen redete man auf ihn ein, denn man wusste aus den unverständlichen Worten, die sich die Verbrecher auf der Flucht zugerufen hatten, dass es sich um Ausländer handle. Die Beamten wandten ihre Kenntnis spanischer, italienischer und französischer Brocken auf, um Fragen zu stellen, aber der pockennarbige, flachstirnige Hüne schaute teilnahmslos ins Leere, mit gefesselten Füßen saß er in der Mitte des Zimmers, den Rücken an die Stuhllehne gepresst, den Kopf steif emporgerichtet, die Hände mit einer Spange vor dem Bauch aneinandergeschlossen. Ein Dorfathlet!
Sofort war mir klar, dass es einer der Bande war, mit deren Personalien und Tätigkeit ich mich in den letzten Tagen so intensiv beschäftigt hatte, und ich wusste auch, welcher. Hinter ihm und dem Christbaum stehend, verhielt ich mich vorerst ruhig. Da die Polizei jedoch nicht ahnte, mit wem sie es zu tun hatte, rief ich halblaut: »Adamski.«
Im selben Augenblick vernahm man das laute Klirren aneinanderschlagenden Metalls.
Die Beamten sprangen teils erschreckt zurück, teils auf den Giganten zu, um ihn am Arm zu fassen, denn sie dachten nichts anderes, als dass er seine Fesseln gesprengt habe. Aber er hatte sich nur jäh umgewandt.
Was also hatte so unheimlich geklungen? Die Polizisten tasteten ihn nun gründlich ab und entdeckten nicht weniger als sechs je einen Meter lange Eisenstäbe, die er auf den Rücken geschnallt trug; an dem einen war eine ungeheure Stahlschere befestigt, die Stöcke ließen sich ineinanderschrauben, so dass die Hebellänge dieser Schere sechs Meter betragen hätte.[2] Eine Maulstange von solcher Länge, deren Handhabung eine ganze Reihe von Männern erforderte, war noch niemals bei Einbrechern gefunden worden, selbst Papacosta, der König der modernen Einbruchstechnik, arbeitete mit einer Maulstange von nur zweieinhalb Metern.
Mitten in der Besichtigung fiel dem Polizeichef ein: Warum war eigentlich der Mann so erschrocken? Warum hatte er diese verräterische Bewegung gemacht? Ein Wort war hinter seinem Rücken gesprochen worden.
»Was haben Sie gerufen?«, wandte man sich an mich.
»Ich habe seinen Namen genannt.«
»Seinen Namen? Welchen Namen? Wieso wissen Sie seinen Namen?«
»Der Mann heißt Franz Adamski, ist ein Meter zweiundneunzig groß, dreißig Jahre alt, gewesener Schmied und Wanderathlet aus Złoczew und gehört der Einbrecherbande Wassili Wasinskis an.«
Ein Kommissär fragte den Gefesselten: »Franz Adamski?« Der engstirnige Riese schaute ins Leere. »Tlupa Wasinski?« Er blieb stumm.
Ich trat an ihn heran und wies auf seinen Oberarm: »Wanda?« Er zuckte bei Nennung dieses Namens und riss die Augen fassungslos-drohend gegen mich auf. Man löste die Handschellen (an deren Stelle traten mindestens zwölf Polizeihände) und entblößte seinen Arm: zwei gekreuzte Hanteln und ein flammendes Herz mit dem Worte »Wanda«.
Ich eilte in die Redaktion, um für den nächsten Vormittag ein Extrablatt vorzubereiten: »Der angekündigte Amtseinbruch in der Weihnachtsnacht – die Bluttat Wasinskis wirklich verübt«, setzte ich selbstbewusst als Überschrift. »›Da Wasinski und seine Leute gewiss die Stille des Weihnachtsabends zur Ausführung eines großen Coups benützen und gegebenenfalls vor einer Bluttat nicht zurückschrecken, werden die Prager Detektive heute keine Weihnachtsruhe halten können.‹ Das haben wir gestern geschrieben. Unsere Voraussage hat sich wörtlich erfüllt. Die Prager Detektive konnten keine Weihnachtsruhe halten. Sie forschen nach der Bande Wasinskis, von der nur einer in Haft ist …«
Das Meldeamt der Polizei wurde noch in der Nacht nach den Namen durchsucht, die ich den polnischen und mährischen Zeitungen entnommen und heute zu Protokoll gegeben hatte. Vergeblich. Der Einbrecherführer war diesmal überhaupt nicht gemeldet, und erst am nächsten Tage kam der Besitzer eines Zinshauses auf die Polizei, um anzugeben, in seinem Hause habe ein Ingenieur Stanislaus Elsnerowicz (auf diesen Namen lautete, wie ich veröffentlicht hatte, eines der Legitimationspapiere von Wasinski) vor einer Woche Wohnräume gemietet, die Beschreibung des Totschlägers passe auf ihn. In der Wohnung fand sich keine Spur der Mieter mehr vor. Sie waren abgereist, und nur durch Zufall erfuhr man, wohin. Ein Hausbewohner hatte ihnen nämlich vier Tage vorher, um halb zwölf Uhr vormittags, den Weg zum nächsten Telegrafenamt gewiesen. Dort konnte man feststellen, ein zu dieser Stunde in schlechtem Deutsch aufgegebenes Telegramm sei an einen Czernowitzer Kaufmann gerichtet gewesen und kündigte dem Adressaten an, dass der Absender, der sich »Fritz« nannte, ihn gleich nach den Feiertagen »mit Frau und Tochter« besuchen werde. Die Polizei in Czernowitz wurde nun davon benachrichtigt, sie umzingelte das Haus, und zwanzig Mann nahmen den Einbrecherkönig und fünf seiner Leute fest.
Zu diesem Resultat hatte ich durch Zufall und freche Kombination beigetragen. Aber im Sicherheitsbüro glaubte man mir weder den Zufall noch die Kombination und war von diesem Tage an doppelt misstrauisch. Selbst eines der gewöhnlichen Telegramme, enthaltend die Ergänzung zu einer Nummer des Fahndungsblattes, hätte man mir nie mehr gezeigt.
Die Prager Polizei ist gegenwärtig scharf auf der Wache. Es liegt nämlich, Mitteilungen auswärtiger Polizeibehörden zufolge, die Vermutung nahe, dass eine berüchtigte Einbrecherbande, die seit längerer Zeit zahlreiche Städte Österreichs erfolgreich mit ihrer Tätigkeit beglückte, sich nach Prag gewandt hat. Es handelt sich um dieselben Verbrecher, welche vor kurzem den großen Einbruch im Czernowitzer Steueramte verübt und eine Beute von mehr als 100 000 K gemacht haben. Wenige Tage später tauchten sie wieder in Laibach auf, und auch dort gelang ihnen ein überaus frecher und raffinierter Kasseneinbruch großen Stiles. Die Polizeibehörden fahnden eifrig nach den Mitgliedern der Bande – bisher erfolglos, trotzdem man deren Personalia, deren genaue Beschreibung, ja sogar deren Fotografien besitzt. Diese Reise-Einbrecher sind nicht nur im meisterhaften Öffnen der eisernen Geldschränke würdige Epigonen von weiland Affendakis, Papakosta und Genossen, sondern sie stehen diesen Größen der Einbrechergilde auch an weltmännisch sicherem Auftreten und an Sprachkenntnissen nicht nach. Die Führer der Bande sind ein gewisser Eduard Wasinski, der sich gewöhnlich den Namen »Waniewski« beilegt, ferner Koloman Dreßler aus Tarnopol, der sich als »Boriski aus Brooklyn« vorzustellen pflegt, und ein junger, jedoch schon kriminalbekannter Bursch namens Joachim Schwarzer. Bis jetzt wurde in Prag selbst noch keine Spur von der Anwesenheit der Kasseneinbrecher konstatiert, doch ist man durch die Meldung von einer wahrscheinlichen Prag-Reise der Bande aufmerksam geworden, und die Prager Detektivs werden keine rechte Weihnachtsruhe halten können.
Bohemia, Morgenausgabe vom 25.12.1907, Nr. 356, S. 9.
Hauptzeuge: Leopold Wohlschläger (1855–1929)
Vernehmungsdatum: 1927/28
Besonderer Vermerk: Leopolds Vater Georg starb, als Leopold sechs Jahre alt war. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt, man vermutet, dass er ermordet wurde.
Die k. u. k. Monarchie beschäftigte fünf Henker. Neben Leopold Wohlschläger in Prag je einen in Wien, Budapest, Osijek und Graz. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde Wohlschläger 1918 Staatshenker für Böhmen und Mähren in der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Die Todesstrafe wurde dort erst im Mai 1990 abgeschafft.
Den Söhnen von Scharfrichtern stand oft praktisch kein anderer Berufsweg offen – so auch Wohlschlägers Schwiegersohn Josef Nehyba, der am 28. Juni 1928 zu dessen Nachfolger bestimmt wurde und unter dem Pseudonym František Broumarský bekannt war. Die Töchter wiederum heirateten häufig in denselben Stand ein. Es entwickelten sich »Scharfrichterdynastien« mit weitverzweigten Verwandtschaftsnetzen. Besondere Bekanntheit erlangten die Sansons, die über sechs Generationen hinweg (1688–1847) die Scharfrichter von Paris und einigen anderen französischen Städten (Tours, Auxerre, Melun, Versailles, Reims) stellten. Als im 17. und 18. Jahrhundert im Zuge der Humanisierung des Strafvollzugs weniger Henker benötigt wurden, wechselten viele Angehörige dieser Familien in verwandte Berufe wie Bader, Wundarzt, Tierarzt oder Zahnreißer.
Einer der letzten Scharfrichter Deutschlands war Johann Reichhart (1893–1972). Er vollstreckte in der Weimarer Republik und während des Nationalsozialismus über 3000 Hinrichtungen mit der Guillotine, darunter die von Hans und Sophie Scholl. Nach 1945 führte er im Auftrag der US-Militärregierung 156 Hinrichtungen verurteilter NS-Funktionäre am Galgen aus.
Der letzte k. u. k. Scharfrichter in Wien, Josef Lang (1855–1925), war zunächst Assistent des Wiener Scharfrichters Karl Selinger, dessen Cousin er war, und betrieb parallel ein beliebtes Kaffeehaus in Simmering. Über seine Nebentätigkeit wusste niemand Bescheid. Nach seiner Ernennung zum Scharfrichter von Wien im Jahr 1900 musste er als Staatsbeamter den Kaffeehausbetrieb aufgeben, genoss aber weiterhin hohes gesellschaftliches Ansehen. Viele seiner Angehörigen, darunter beide Söhne, wurden später von den Nationalsozialisten in Sippenhaft genommen, in Konzentrationslager deportiert und ermordet.
Kisch besuchte einen Vertreter dieser aussterbenden Zunft.
»Den Michalko werde ich nicht mehr machen«, hat mir der alte Wohlschläger gesagt, als ich ihn während meines letzten Aufenthaltes in Prag aufsuchte, »jetzt geh ich wirklich. Am 24. Juni schreibe ich mein Pensionsgesuch, und dann ist Schluss.« – »Warum am 24. Juni?« – »Am 24. Juni sind’s vierzig Jahre her seit meiner Ernennung. Und außerdem ist gerade der neunzigste Geburtstag meines verstorbenen Vaters. Ja, ja, genau vierzig Jahre, seit ich das Dekret bekommen habe.« In deutscher Sprache, aus dem Kopf, sagt der Dreiundsiebzigjährige den Wortlaut her: »Nach dem Ableben des Scharfrichters Johann Pipperger wird hiermit der Goldarbeiter Leopold Wohlschläger zum Scharfrichter für das Königreich Böhmen ernannt.«
Sein Stiefvater und Amtsvorgänger, der genau fünfzigmal gehängt hat, ist nun selbst in der Stube aufgehängt, natürlich nur in effigie[1] . Das Bild über dem Sofa zeigt Herrn Johann Baptist Pipperger als schlanken Mann mit aufwärtsgekämmtem Schopf und sorgsam gepflegtem Schnurrbart, so wie er anno 1862, während des Standrechtes in Kroatien, Herz und Hand der vielumschwärmten Wirtin des Gasthauses »Zu den drei Hackeln« in Esseg, der Wittib[2] Johanna Wohlschläger, gewann, obwohl er das verrufene Gewerbe eines Henkers betrieb und seine Rivalen pensionierte Offiziere und wohlbestallte Staatsbeamte waren. Der Poldi, der siebenjährige Bub, den Frau Johanna in die Ehe mitbrachte, spricht jetzt mit mir. Er ist von kleiner Statur, hat einen grauen, gelichteten Krauskopf und schneeweißen Schnurrbart. Denn er ist inzwischen älter geworden, mehr als sechsundsechzig Jahre sind seither vergangen.
