Praxis Dr. Norden Staffel 1 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book
Beschreibung

Sein Vater hat eine große Aufgabe übernommen: Dr. Daniel Norden leitet ab sofort die Behnisch-Klinik. Das führt natürlich zu entscheidenden Veränderungen in seiner Praxis. Wie gut, dass bereits seit einiger Zeit mit ihm gemeinsam sein vielversprechender Sohn Danny die Arztpraxis geleitet hat. Jetzt wird es ernst für Danny, den Mädchenschwarm und allseits bewunderten jungen Mediziner. Er ist nun für die Praxis allein verantwortlich – wobei zwischen der Klinik des Vaters und der Arztpraxis des Sohnes ein idealer Austausch besteht. Die Praxis ist bestens etabliert, die Familie Dr. Norden startet in eine neue Epoche. Privat ist Dr. Danny Norden dabei, sein großes Glück zu finden. Seine Freundin, die sehbehinderte, zauberhafte Tatjana, ist mehr und mehr zu seiner großen Liebe geworden. Die neue Serie Praxis Dr. Norden ist prädestiniert, neben den Stammlesern der Erfolgsserie Dr. Norden auch viele jüngere Leserinnen und Leser hinzuzugewinnen. E-Book 1: Der Druck war zu groß E-Book 2: Liebe ist anders E-Book 3: Wenn du geredet hättest ... E-Book 4: Krank vor Enttäuschung E-Book 5: Dem Schicksal ins Getriebe greifen? E-Book 6: Aufbruchstimmung E-Book 7: Was soll aus Carlo werden? E-Book 8: Ein Fall für den Psychiater? E-Book 9: Danny Nordens Hochzeitskrimi E-Book 10: Du brauchst nicht mehr zu suchen

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Inhalt

Der Druck war zu groß

Liebe ist anders

Wenn du geredet hättest ...

Krank vor Enttäuschung

Dem Schicksal ins Getriebe greifen?

Aufbruchstimmung

Was soll aus Carlo werden?

Ein Fall für den Psychiater?

Danny Nordens Hochzeitskrimi

Du brauchst nicht mehr zu suchen

Praxis Dr. Norden – Staffel 1–

E-Book 1-10

Patricia Vandenberg

Der Druck war zu groß

Maurice tanzte auf zwei Hochzeiten

Roman von Vandenberg, Patricia

»Das geht ja gut los.« Auf dem Weg zum Tisch sah Tatjana Bohde hinüber zur Wanduhr über der Tür. Sie war so groß, dass sie die Ziffern auch mit ihrem eingeschränkten Sehvermögen erkennen konnte. »Schon am ersten Tag kommt meine neue Aushilfe zu spät.«

Sie stellte das Tablett auf den Tisch und servierte ihrem Freund eine ihrer stadtbekannten Vanilleschnecken. Dazu gab es Latte Macchiato und für sie eine heiße Schokolade.

Ihr Freund, der Allgemeinmediziner Danny Norden, dankte ihr mit einem Lächeln. Er zog die Tasse zu sich heran und löffelte Zucker in den Milchkaffee.

»Das ist wahrlich kein gutes Omen. Willst du sie trotzdem einstellen?«

Tatjana saß ihm gegenüber und zuckte mit den Schultern.

»Ich habe keine Wahl. Service-Personal ist schwer zu finden.«

»Du hast mir gar nicht erzählt, dass du überhaupt eine neue Aushilfe suchst«, reklamierte Danny und biss in seine Schnecke.

»O, doch! Mindestens drei Mal«, versicherte Tatjana.

Danny erschrak. Hörte er wirklich so schlecht zu?

»Bist du sicher? Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern.«

»Das liegt daran, dass du in Gedanken meistens bei Grippewellen, Streptokokkeninfektionen, Lungenfunktionstests und solchen Sachen bist.« Das, was scherzhaft gemeint war, besaß einen Funken Ernst.

Seit Danny Nordens Vater Daniel als Chefarzt die Privatklinik Dr. Behnisch übernommen hatte, waren Tatjanas Befürchtungen schneller als geahnt Wahrheit geworden. Beliebt, wie Danny war, hatte er als alleiniger Chef in der Praxis alle Hände voll zu tun. Da auch Tatjana als Inhaberin einer Bäckerei mit Café und Klinik-Kiosk fast rund um die Uhr beschäftigt war, blieb nicht viel gemeinsame Zeit übrig. Diese Herausforderung war Danny von Anfang an klar gewesen, und er nahm die Bemerkung seiner Freundin sehr ernst.

»Bitte habe ein bisschen Geduld mit mir, Jana«, bat er. »Noch befinde ich mich in der Anfangsphase. Wenn sich alles erst eingespielt hat, werden wir wieder mehr Zeit zusammen haben. Und jetzt erzähl mir von deiner neuen Aushilfe!«

Tatjana musterte ihn nachdenklich, beschloss dann aber, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

»Florentina ist erst vor Kurzem hierher gezogen. Sie geht zur Uni und war auf der Suche nach einem Job.«

»Und da ist sie zufällig über deine Schwelle gestolpert.«

»So ähnlich.« Tatjana war mit den Gedanken woanders. »Sie hatte sich verlaufen und hat in der Bäckerei nach dem Weg gefragt. Dabei ist ihr das Schild im Fenster aufgefallen.« Sie nippte an ihrer heißen Schokolade. »Eigentlich hatte ich jemanden mit Erfahrung gesucht. Aber irgendwie hat sie mir leidgetan. Florentina kennt niemanden in München. Außerdem ist sie schüchtern wie ein Veilchen im März. Keine Ahnung, wie sie so Freunde finden will«, erzählte sie, als sie bemerkte, dass Danny ihr gar nicht mehr zuhörte.

»Was macht die Frau auf dem Rad denn da draußen?«, murmelte er und starrte angestrengt durch das große Schaufenster.

Das Fahrrad schlingerte über die Fahrbahn. Die Frau darauf wirkte wie von Sinnen. Sie schien nicht zu bemerken, welches Chaos sie anrichtete. Autofahrer hupten, ihre gefährlichen Bremsmanöver ließen die Reifen quietschen. Mit Schrecken bemerkte Danny ein Mädchen auf dem Gehweg. Ahnungslos, den hochkonzentrierten Blick auf die Pflastersteine gerichtet, hüpfte es auf einem Bein. Es war so in sein Spiel vertieft, dass es die Welt um sich herum vergessen hatte. Und die Fahrradfahrerin schoss direkt auf das Mädchen zu.

»Neeeeeiiiiinnnn!« Dannys gellender Schrei hallte durch das kleine Café.

Die Gäste zuckten erschrocken zusammen. Doch sein Ruf erreichte das Mädchen draußen nicht. Der Zusammenstoß war unausweichlich. Und dann ging alles ganz schnell. Nur einen Sekundenbruchteil später passierte es. Ein Krachen, Schreien, das Klirren von Aluminium und Blech auf dem Asphalt.

Danny zögerte nicht. Auf dem Weg zur Tür stieß er an einen Tisch. Tassen und Teller fielen zu Boden und zersprangen in tausend Scherben. Er achtete nicht darauf und stürzte hinaus auf die Straße. Die Frau und das Mädchen lagen nebeneinander auf dem Asphalt, ein Passant war bei ihnen.

»Ich bin Arzt«, erklärte Danny. »Kümmern Sie sich um die Frau. Ich übernehme das Mädchen.« Er beugte sich über das Kind. Im selben Moment spürte er die Ruhe, die von ihm Besitz ergriff. Routiniert und ohne eine Sekunde darüber nachzudenken tat er all das, was getan werden musste. Außer einem gehörigen Schrecken, ein paar Abschürfungen und Prellungen schien dem Mädchen nicht viel passiert zu sein. Anders sah es bei der Frau aus. Obwohl sie einen Helm trug, war sie bewusstlos geworden.

»Ruf einen Krankenwagen!«, befahl Danny seiner Freundin, die neben ihm aufgetaucht war.

Tatjana zog das Handy aus der Tasche und drückte die Taste, unter der die Nummer der Behnisch-Klinik eingespeichert war. Unterdessen untersuchte Danny die Frau und entdeckte die Bauchtasche mit einem roten Kreuz darauf. Der Inhalt alarmierte ihn.

»Sie ist Diabetikerin! Wahrscheinlich ist sie in den Unterzucker gekommen. Deshalb diese Geisterfahrt.« In Windeseile brach er die Spitze einer Ampulle ab, zog eine Spritze mit der durchsichtigen Flüssigkeit auf und verabreichte sie der Bewusstlosen. Wenige Augenblicke später blinzelte sie stöhnend ins helle Licht des Tages.

»Wo bin ich? Was ist passiert?«, stöhnte sie und versuchte, sich aufzurichten.

Ihre Stimme war so klar wie der Ausdruck ihrer Augen, und Danny atmete erleichtert auf. Der Fahrradhelm hatte ganze Arbeit geleistet.

Tatjana dagegen traute ihren Ohren nicht.

»Ich glaube es nicht. Das ist Florentina. Meine Aushilfe.«

»Wenn sie genauso schlecht serviert, wie sie Fahrrad fährt, würde ich mir das mit dem Job noch einmal überlegen.« Danny schnitt eine Grimasse und half ihr hoch.

Auch das Mädchen stand inzwischen wieder auf seinen eigenen zwei Beinen.

Als Florentina klar wurde, was sie angerichtet hatte, wäre sie am liebsten im Erdboden verschwunden.

»Es tut mir so leid. Ich habe mich verfahren. Ich war schon viel zu spät dran. Und dann ist alles um mich herum ganz schummrig geworden … Ich dachte, wenn ich mich nur ganz fest konzentriere, schaffe ich es noch.«

»Lieber zu spät kommen, als zwei Menschenleben riskieren«, mahnte Danny streng. »Das hätte auch ins Auge gehen können.«

Aus der Ferne war ein Martinshorn zu hören, das schnell näherkam.

»Ihr zwei Hübschen fahrt jetzt in die Klinik und lasst euch untersuchen. Und du gibst mir bitte die Telefonnummer deiner Mama, damit ich sie beruhigen kann«, bat Danny die zehnjährige Laura, ehe sie hinter Florentina im Bauch des Rettungswagens verschwand.

Tatjana sah dem Wagen nach.

»Hoffentlich ist Florentina gesund und kommt bald zurück.«

Danny zog eine Augenbraue hoch.

»Du willst sie immer noch einstellen?«

»Ich liebe das Abenteuer«, erwiderte Tatjana und blitzte ihn vergnügt an. »Du bist der beste Beweis dafür«, erklärte sie frech und küsste ihn, ehe er Gelegenheit hatte zu protestieren.

*

»Raus aus den Federn! Es ist schon spät!« Lottes Stimme hallte schrill durch das Dunkel im Zimmer und zerriss Maurices schönen Traum.

Stöhnend wollte sich der Student zwischen den Decken in Sicherheit bringen. Vergeblich! Nur einen Augenblick später erschauerte sein Körper unter einem kalten Luftzug. Sein Kopf dröhnte vor Müdigkeit und seine Augenlider waren schwer wie Blei. Stöhnend hob er den Kopf und sah gerade noch, wie seine Bettdecke in hohem Bogen auf dem Boden landete.

»Wie spät ist es?«

»Halb acht.«

Stöhnend ließ Maurice den Kopf zurück in die Kissen fallen.

»Ma! Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass du das lassen sollst. Ich bin kein Kindergartenkind mehr.«

Mit verschränkten Armen stand Lotte vor dem Bett ihres Sohnes. Sie erinnerte ihn an das Gemälde ›Portrait of a young girl‹, von Gustav Klimt. Das widerspenstige Blondhaar umrahmte ihren Kopf wie eine Aureole. Doch das war das einzig Engelhafte an diesem Anblick. Strenge Augen starrten aus einem alterslosen Gesicht auf ihn hinab. Die Lippen seiner Mutter waren verkniffen.

»Du benimmst dich aber wie eines!«, lautete ihr hartes Urteil.

»Ich bin nur müde. Das ist alles!« Maurice streckte die Hand aus und griff nach dem Handy auf dem Nachttisch. »Du weißt ganz genau, dass ich heute nicht ins Konservatorium muss. Felix treffe ich erst in zwei Stunden«, schimpfte er so ärgerlich, wie es seine Erschöpfung zuließ. »Warum lässt du mich nicht schlafen?«

»Da fragst du noch?« Lottes Miene war unverändert. Doch ihre Stimme bebte vor Empörung. »Du wirst doch wohl nicht das gestrige Desaster vergessen haben? Das Ende des zweiten Satzes der C-Dur-Fantasie von Schumann … Mir kommen die Tränen, wenn ich nur daran denke«, rief sie und warf die Hände in die Luft. »Ich frage mich, was los ist mit dir. Seit ein paar Wochen bist du wie ausgewechselt.«

Stöhnend verdrehte Maurice die Augen. Seit Jahren an Lottes Hang zur Theatralik gewöhnt, war sie trotzdem manchmal einfach zu viel für ihn. Dieser Morgen war so ein ›Manchmal‹.

»Du tust gerade so, als würde das Glück der Menschheit von meinem Spiel abhängen«, beschwerte er sich und machte Anstalten aufzustehen. Selbst wenn er noch den ganzen Tag Zeit gehabt hätte, wäre an Schlaf ohnehin nicht mehr zu denken gewesen.

»Das Glück der Konzertbesucher hängt davon ab. Und meines natürlich auch«, erwiderte sie spitz. »Aber das ist dir ja ohnehin nicht wichtig.« Ehe sich Maurice über diese Unterstellung beschweren konnte, hob Lotte die Nase und schnupperte. Wie ein Tier, das Witterung aufgenommen hat!, schoss es ihm durch den Kopf. »Hast du etwa geraucht?«

Maurice schluckte. Warum hatte er nur vergessen, die Kleider auf den Balkon zu hängen? Er dachte blitzschnell nach und beschloss, sich mit Sarkasmus aus der Affäre zu ziehen.

»Klar, drei Schachteln. Am Fenster. Wie jeden Abend. Du kannst die Nachbarn fragen.«

Einen Moment lang sah Lotte so aus, als wollte sie sich auf ihren Sohn stürzen. Schließlich siegte aber ihre vornehme Zurückhaltung. Sie drehte sich wortlos um und marschierte aus dem Zimmer wie ein Feldwebel. An der Tür machte sie noch einmal kurz Halt. »In fünf Minuten sitzt du am Klavier.«

»Aber ohne Kaffee kann ich nicht spielen. Nicht heute Morgen«, reklamierte Maurice verzweifelt.

»Strafe muss sein.« Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte Lotte. Es war kein freundliches Lächeln. »Und falls du es doch versuchen solltest: Chopins Futter steht neben der Kaffeemaschine.«

Fassungslos saß Maurice auf der Bettkante und lauschte den Schritten seiner Mutter, die auf dem Parkett leiser wurden. An diesem Morgen meinte es Charlotte wirklich ernst. Sie wusste, dass Sohn und Kater keine Freunde waren. Und wenn es um sein Fressen ging, verstand das Tier noch weniger Spaß als ohnehin schon.

Maurice blieb nichts anderes übrig, als ins Bad zu schlurfen. Beim Blick in den Spiegel sah er aber nicht etwa sich selbst. Wie im Traum tauchte ein Mädchen hinter ihm auf und blinzelte ihm neckisch über seine Schulter zu. Augenblicklich schlug sein Herz schneller. Doch als er sich zu Helen umdrehen wollte, löste sie sich in Luft auf. Seine Fantasie hatte ihm einen Streich gespielt. Oder war es die Müdigkeit, die der durchwachten Nacht in einem kleinen Münchner Hardrockschuppen geschuldet war? Maurice wusste es nicht. Er wusste nur, dass seine Mutter nie erfahren durfte, warum er in letzter Zeit so müde war. Da kämpfte er tausend Mal lieber mit dem Kater. Und das mochte etwas heißen.

*

Als Felix Norden an diesem Morgen aufwachte, blinzelte er verwundert in die gedämpfte Helligkeit. Es dauerte einen Moment, bis er sein ehemaliges Kinderzimmer wiedererkannte. In der Zeit seiner Abwesenheit waren seine Eltern nicht untätig gewesen. Die Wände erstrahlten in makellosem Weiß, und die Hälfte der Möbel kannte er nicht. Auch das Bild an der Wand war neu. Es zeigte eine Sehnsuchtslandschaft am Meer. Sonnenstrahlen, die durch einen Spalt in den Vorhängen fielen, tanzten auf den Wellen. Sofort ging Felix’ Herz auf vor Glück. Nicht mehr lange, und er würde all diese Flecken Erde mit eigenen Augen sehen. Doch zuerst freute er sich auf die Tage mit seiner Familie und den lange vermissten Freunden. Bevor der Ernst des Lebens losging, wollte er mit ihnen seine bestandene Ausbildung zum Verkehrspiloten feiern. Diese Gedanken vertrieben auch noch den letzten Rest Müdigkeit aus Kopf und Gliedern. Er sprang aus dem Bett, zog mit beiden Händen die Vorhänge auf und trat, nur mit Boxershorts bekleidet, hinaus auf den Balkon. Obwohl der Himmel strahlend blau war, raubte ihm die kühle Luft kurz den Atem.

»Felix? Träume ich oder bist du das wirklich?« Eine helle Stimme ließ ihn vergessen, dass er nach Luft schnappen wollte. Schlagartig erinnerte er sich seiner luftigen Bekleidung. Doch für Flucht war es zu spät, und der Vorhangschal war unerreichbar. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich der Situation tapfer zu stellen.

»Das ist nichts weiter als ein Traum«, erwiderte er und winkte hinunter zur Nachbarstochter Carina. Auch sie hatte er lange nicht gesehen und hätte sie um ein Haar nicht wiederkannt. »Wenn du die Augen schließt und wieder aufmachst, wirst du es feststellen.«

»Haha, das könnte dir so passen. Auf so einen plumpen Trick falle ich nicht herein.«

Felix schnitt eine verzweifelte Grimasse.

»Na ja, einen Versuch war es wert. Hast du was dagegen, wenn ich mir schnell etwas anziehe?«

Es war nicht zu übersehen, dass Carinas Blick prüfend an seinem nackten Oberkörper hinab und dann wieder hinauf wanderte. Offenbar gefiel ihr, was sie zu Gesicht bekam.

»Eigentlich schon. Aber ich will ja nicht, dass du dich erkältest. Deshalb bekommst du zehn Minuten von mir.« Sie zwinkerte ihm vergnügt zu. »Wenn du versprichst, mit mir einen Kaffee zu trinken.«

Felix dachte kurz nach. Dieses Angebot kam ihm gerade recht.

»Das trifft sich gut. Ich bin nämlich mutterseelenallein zu Hause. Meine Eltern sind zur Arbeit, und meine verbliebenen Geschwister in der Schule. Sogar Lenni, unsere Haushälterin, und ihr Freund Oskar sind ausgeflogen.«

»Ohhh, der arme kleine Felix allein zu Hause«, spottete Carina gutmütig. »Wenn das mal gut geht.«

»Bestimmt nicht. Deshalb musst du mir unbedingt beim Frühstück Gesellschaft leisten.«

Mit dieser Antwort war Carina zufrieden.

»Ich kann’s kaum erwarten«, gestand sie und verschwand in ihrem Haus.

Als Felix ihr exakt zehn Minuten später die Tür öffnete, war klar, dass auch sie die Zeit gewinnbringend genutzt hatte.

»Hallo!« Mehr brachte Felix beim Anblick der großen blauen Kulleraugen und des Schmollmunds nicht heraus. Oder war es das unübersehbare Dekolleté, das ihn schlucken ließ? Um seine Verlegenheit zu überspielen, machte er einen Schritt zur Seite und ließ sie ein.

Neugierig und gar nicht schüchtern sah sich die Nachbarstochter um.

»Schön habt ihr es hier.«

»Danke. Komm, gehen wir in die Küche.« Er winkte sie mit sich und bot ihr einen Platz am Tresen an.

Früher war die Küche das Reich der Haushälterin Lenni gewesen. Doch seit die Sprösslinge der Familie Norden fast alle erwachsen waren, hatte sie sich ein anderes Betätigungsfeld gesucht.

»Wohnt Lenni nicht mehr bei euch?« Carina schien seine Gedanken lesen zu können.

»Doch, natürlich. Aber seit sie mit Oskar in Tatjanas Kiosk in der Klinik aushilft, bekommen wir sie hier kaum mehr zu Gesicht.« Felix stand vor der offenen Kühlschranktür und studierte den Inhalt. »Worauf hast du Lust? Ich hätte Eier, Käse und frisches Obst im Angebot.«

»Danke, mir reicht Kaffee.« Carina saß auf einem der hohen Hocker und beobachtete ihn ungeniert, wie er Wasser in die Kaffeemaschine füllte und Pulver in den Filter löffelte. Einen dieser modernen Kaffeeautomaten suchte man vergeblich im Hause Norden. In dieser Hinsicht waren seine Eltern hoffnungslos altmodisch. »Seit wann bist du zurück?«, erkundigte sich Carina in seine Gedanken hinein.

»Ich bin gestern Abend mit dem Zug gekommen.« Felix schlug Eier in eine Pfanne und steckte zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster.

»Schade. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass du mit einer Cessna im Garten landest. Wie so eine Art moderner Ritter.« Carina kicherte.

Felix dagegen riss die Hände hoch.

»In so ein Ding bekommen mich keine zehn Pferde mehr rein.« Auch wenn er sich nicht mehr an den Absturz selbst erinnern konnte, musste er schon beim Gedanken an Kleinflugzeuge gegen ein Gefühl der Panik ankämpfen. Äußerlich war nur eine Narbe auf der Stirn zurückgeblieben. Doch sein Unterbewusstsein wusste offenbar nur zu gut, dass er nur knapp mit dem Leben davongekommen war.

Carina deutete sein Schweigen richtig.

»O Mann, ich benehme mich wie ein Elefant im Porzellanladen.« Ehrliches Bedauern stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Tut mir leid. Ich wollte keine schlimmen Erinnerungen wachrufen.«

»Tust du nicht.« Die Kaffeemaschine zischte und brodelte. Felix schaltete sie ab und schenkte zwei Tassen ein. Er servierte sie mit Milch und Zucker, ehe er sich mit seinem Frühstück zu Carina gesellte. »Erzähl mir von dir! Was hast du in letzter Zeit so getrieben?«

»Nach dem Abitur war ich ein paar Monate auf Reisen und habe dann eine Ausbildung zur Flugbegleiterin absolviert. Das mache ich jetzt, bis ich im Herbst mein Tourismuswirtschaftsstudium anfange.«

Mit wachsender Begeisterung hatte Felix zugehört.

»Flugbegleiterin? Das ist ja ein toller Zufall. Wer weiß, vielleicht begegnen wir uns ja mal auf irgendeinem Flughafen der Welt.«

»Warum nicht?« Carina lächelte. »Die Welt ist bekanntlich klein.«

Inzwischen hatte Felix sein Frühstück beendet. Die beiden Tassen Kaffee waren geleert. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es höchste Zeit für seine Verabredung mit seinem Kumpel Maurice wurde.

»Ich würde mich wahnsinnig gern noch länger mit dir unterhalten. Leider bin ich in einer halben Stunde mit einem Freund verabredet«, sagte er laut, während er das Geschirr in die Spülmaschine stellte. »Aber wie sieht es denn morgen bei dir aus?« Felix schickte ihr einen hoffnungsvollen Blick. In der engen Jeans und dem weißen Shirt machte sie eine gute Figur. In Uniform sah sie bestimmt zum Anbeißen aus.

Carina war sich ihrer Wirkung wohl bewusst und lächelte geschmeichelt, als sie vom Hocker rutschte.

»Morgen Mittag muss ich schon wieder los. Ich fliege nach Jiddah. Dort bleiben wir eine Nacht, bevor es am nächsten Tag weiter nach Äthiopien geht. Ich bin also leider erst in ein paar Tagen zurück«, erklärte sie bedauernd, während sie Felix zur Tür folgte.

Dort angekommen, drehte er sich zu ihr um.

»Mein Bruder und seine Freundin geben heute Abend eine Party für mich. Hast du Lust zu kommen? Dann können wir uns noch ein bisschen unterhalten.«

»Sehr gern.« Carina strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Ehe Felix es sich versah, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Wenige Augenblicke später lief sie leichtfüßig über den Gartenweg. Zufrieden sah Felix ihr nach. Die Aussichten waren in jeder Hinsicht perfekt.

*

»Morgen Vormittag geht es leider nicht mehr, Frau Herder. Da ist unser Terminkalender voll.« Wendy, langjährige Assistentin der Praxis Dr. Norden, saß am Schreibtisch. In der einen Hand hielt sie den Telefonhörer, mit der anderen blätterte sie durch den großen Terminkalender. Ihre Kollegin Janine war im Labor mit der Auswertung von Blutproben beschäftigt. »Das Einzige, was ich Ihnen anbieten kann, wäre ein Termin morgen Mittag um zwölf Uhr dreißig.«

Danny, der eben aus dem Sprechzimmer kam und eine Mutter mit Kind an den Tresen begleitete, schickte Wendy einen tadelnden Blick.

»Auf Wiedersehen, Lisa«, verabschiedete er sich von dem kleinen Mädchen. »Und nicht vergessen: Heute ist Fruchteis ausdrücklich erlaubt.«

»Aber es ist doch erst März«, krächzte das Mädchen. »Mami sagt immer, dass es in den Monaten mit ‚r’ kein Eis gibt. Und Barfußlaufen darf man auch nicht.«

Danny lachte.

»Natürlich hat deine Mami recht. Und das mit dem Eis ist nur eine Ausnahme wegen der Halsentzündung.«

Lisa strahlte von einem Ohr bis zum anderen.

»Zu dir komme ich öfter. Du bist nett.«

Zufrieden richtete sich Danny auf. Der kritische Blick der Mutter traf ihn.

»Sind Sie sicher, dass Eis bei einer Halsentzündung das richtige Mittel ist?«, fragte sie. »Ich habe im Internet gelesen, dass Kälte zwar den Schmerz lindert, aber auch die Durchblutung vermindert.«

Seit das Internet in fast allen Haushalten Einzug gehalten hatte, sah sich Danny Norden – wie viele seiner Kollegen – mit solchen Aussagen konfrontiert.

»Lisa leidet unter einer nichtinfektiösen Halsentzündung und nicht unter einer Mandelentzündung«, wiederholte er geduldig das, was er vorhin im Sprechzimmer schon erklärt hatte. »Die Kälte von Eis bewirkt den Rückgang der Schwellung, lindert zumindest kurzfristig die Schmerzen und hemmt die Entzündung. Zugegeben halten diese Effekte nur kurz an. Aber allein die Erlaubnis, Eis zu essen, hebt die Stimmung der kleinen Patienten enorm. Und das wiederum trägt zu einer schnellen Genesung bei.« Er zwinkerte Annegret Pecher zu.

»Natürlich. Sie haben recht.« Lächelnd reichte sie ihm die Hand. »Tut mir leid, dass ich an Ihnen gezweifelt habe.«

»Kritische Fragen sind nie verkehrt«, erwiderte Danny und hielt ihr die Tür auf.

Nicht immer waren seine Patienten so vertrauensvoll, und er dankte Annegret im Stillen.

Als Mutter und Tochter gegangen waren, kehrte er an den Tresen zurück. Wendys Worte klangen ihm noch im Ohr.

»Was habe ich da gehört? Sie haben meine Mittagspause morgen verplant?«

Ratlos zuckte die langjährige Assistentin mit den Schultern.

»Tut mir leid. Aber du siehst es ja selbst.« Sie deutete auf den eng beschriebenen Kalender. »In den nächsten Tagen hast du gerade einmal Zeit, zwischen den Terminen Luft zu holen.«

»Wie großzügig von Ihnen.« Danny schnitt eine Grimasse. »Dann bleibt nur zu hoffen, dass ich nach dem Fest heute Abend morgen fit bin.«

»Ja, richtig.« Janine streckte den Kopf zur Tür heraus. »Die Party hatte ich ja ganz vergessen.«

Wendy lehnte sich zurück und musterte ihren jungen Chef aus schmalen Augen.

»Ehrlich gesagt verstehe ich deine Eltern nicht. Dass sie so etwas in ihrem Haus erlauben.«

»Es ist nur ein kleines Willkommensfest.«

»Ich kenne diese Feste.« Wendy verdrehte die Augen. »Geschätzte hundert halbnackte Wilde toben durch sämtliche Zimmer und bringen deine Eltern um die wohlverdiente Erholungspause. Die werden sie mit Renovierungsarbeiten verbringen.«

»Was Sie immer denken!« Danny schnalzte mit der Zunge. Nur mit Mühe konnte er sich ein Grinsen verkneifen. »Wir sind doch keine Teenies mehr, sondern anständige junge Leute. Und von Hundert kann keine Rede sein. Es werden höchstens fünfzehn.«

»Also, Tatjana hat neulich was von zwanzig gemurmelt«, verkündete Janine belustigt.

Noch immer ruhte Wendys kritischer Blick auf ihrem jungen Chef. Sie hätte niemals offen zugegeben, dass ihr Dr. Daniel Norden senior fehlte. In all den Jahren war ihr der Chef ans Herz gewachsen. Wenn sie sich nun schon nicht mehr persönlich um sein Wohl kümmern konnte, musste sie eben über andere Wege versuchen, ihn zu unterstützen.

»Warum macht ihr das Fest nicht in eurer Wohnung?«, stellte sie eine berechtigte Frage. »Da ist doch Platz genug.«

Ihre Hartnäckigkeit amüsierte Danny.

»Stellen Sie sich vor: Mum hat sich neulich darüber beschwert, dass das Haus die meiste Zeit wie ausgestorben ist. Sie spielt schon mit dem Gedanken, es zu verkaufen. Das wollen Tatjana und ich unter allen Umständen verhindern. Das verstehen Sie doch sicherlich.«

Dieses Argument konnte selbst Wendy nachvollziehen. Sie wusste, wie sehr der Senior an seinem Haus hing.

»Wenn das so ist …«, gab sie sich schließlich geschlagen.

Danny dachte kurz nach. Sollte er verraten, dass er ihre Gedanken lesen konnte?

»Warum kommen Sie nicht einfach auch? Dann können Sie auf Dad aufpassen und dafür sorgen, dass ihm auch ja kein Leid geschieht.« Es kostete ihn alle Mühe, ernst zu bleiben.

Wendy fühlte sich durchschaut. Eine heiße Röte überzog ihre Wangen. Rasch beugte sie sich wieder über ihren Terminkalender.

»Eine Party? Nein, das ist nichts mehr für mich. Außerdem braucht dein Vater nun wirklich keinen Babysitter«, murmelte sie und war froh, als das Klingeln des Telefons dem Gespräch ein Ende bereitete.

Es war Danny anzusehen, dass er am liebsten laut herausgelacht hätte. Da er Wendy aber nicht bloßstellen wollte, riss er sich zusammen und begnügte sich mit einem Zwinkern in Richtung Janine, der es nicht anders erging als ihrem jungen Chef.

*

Bald nach Carinas Abschied machte sich Felix gut gelaunt auf den Weg in die Bäckerei ›Schöne Aussichten‹. Als Tatjana dort als Aushilfe angefangen hatte, gehörte es noch der alten Frau Bärwald, der Laden mit dem kleinen Café war in die Jahre gekommen. Seitdem war viel passiert. Tatjana hatte ihre Ausbildung zur Bäckerin und Konditorin abgeschlossen und das Geschäft von Frau Bärwald übernommen. Inzwischen erstrahlte nicht nur das Ladengeschäft, sondern auch das Café in neuem Glanz. Mit viel Liebe zum Detail hatte Tatjana ein kleines Paradies geschaffen, das in der ganzen Stadt nach seinesgleichen suchte. Das bemerkte auch Felix wieder einmal, als er durch die altehrwürdige Tür trat und von dem Glöckchen über der Tür begrüßt wurde. Ein süßer Duft nach Vanille, Butter und Zucker flog ihm entgegen. Stimmengewirr, vermischt mit leiser Musik, umwehte ihn. Doch er hatte nicht viel Gelegenheit, die heimelige Atmosphäre in sich aufzusaugen.

Ein Freudenschrei, gefolgt von einer innigen Umarmung, riss ihn aus den Gedanken.

»Da bist du ja!«

»Tatjana! Traum meiner schlaflosen Nächte! Endlich sehe ich dich wieder«, begrüßte er sie in dem scherzhaften Tonfall, der sich zwischen ihnen etabliert hatte.

»Ich habe dich so vermisst, Kindskopf!«

Sie musste sich strecken, um ihm durch die Haare wuscheln zu können.

»Ich muss doch sehr bitten.« Felix schob sie von sich und nahm Haltung an. »Vor dir steht ein frischgebackener Pilot.«

»Glückwunsch«, entgegnete Tatjana ungerührt. »Für mich wirst du trotzdem immer mein allerbester Kumpel bleiben.«

Felix machte ein trauriges Gesicht.

»Und ich hatte gehofft, dass du endlich meinen Bruder verlassen und mit mir fliehen würdest.«

In gespieltem Gram schüttelte Tatjana den Kopf.

»Das Schicksal meint es nicht gut mit uns. Ich habe leider keine Zeit. Und du auch nicht. Du wirst nämlich schon sehnsüchtig erwartet.« Sie deutete hinüber ins Café, wo Maurice schon bei der zweiten Tasse Kaffee saß.

»Darüber reden wir noch!«, versprach Felix, drückte ihr einen übermütigen Kuss auf die Wange und gesellte sich zu seinem Freund aus Kindertagen. Bei seinem Anblick erschrak er.

»Meine Güte, Maurice! Auf der Straße hätte ich dich nicht erkannt«, gestand er. »Was ist denn mit dir passiert? Du siehst ja aus wie ein Gespenst.« Ohne ihn aus den Augen zu lassen, schlüpfte er auf den Stuhl gegenüber.

»So schlimm?« Maurice lächelte schief. »Ist alles ein bisschen viel zurzeit. Aber das wird schon wieder.« Er winkte ab. »Erzähl mir lieber, wie es dir ergangen ist. Alles wieder in Ordnung?« Er deutete auf die Narbe, die gut sichtbar auf Felix’ Stirn prangte.

In diesem Moment trat Florentina an den Tisch. Tatjanas Wunsch war in Erfüllung gegangen. Nach dem Okay von Notarzt Dr. Weigand war sie in die Bäckerei und Laura nach Hause zurückgekehrt.

»Entschuldigung, ich will nicht stören …«, begann Florentina leise, hielt aber sofort inne, als Felix’ Blick sie traf.

»Aber dafür bist du doch hier. Sonst müssten wir auf dem Trockenen sitzen bleiben.« Er lachte sie freundlich an und gab seine Bestellung auf. Als wäre der Teufel persönlich hinter Florentina her, floh sie in Richtung Theke. Dabei stieß sie an einen Stuhl, der rumpelnd umfiel.

Kopfschüttelnd drehte sich Felix wieder zu Maurice um. Als aufgeschlossenem, lebensfrohem Menschen war es ihm ein Rätsel, wie man so schüchtern sein konnte.

»Wo waren wir stehen geblieben?«

»Die Narbe!«, erinnerte Maurice ihn lächelnd.

Felix winkte ab.

»Es war die einzig richtige Entscheidung, die Ausbildung nach dem Absturz weiterzumachen. Sonst hätte ich mich womöglich für den Rest meines Lebens nicht mehr in ein Flugzeug gesetzt.«

»Du hast ein bewundernswertes Naturell. Ich wünschte, ich wäre ein bisschen mehr wie du.«

Der Ernst in Maurices Stimme machte Felix hellhörig.

»Was ist los, Kumpel?« Als Florentina mit dem bestellten Cappuccino an den Tisch trat, ließ er sich nicht mehr ablenken. Ohne den Blick von Maurice zu wenden, dankte er ihr mit einem Kopfnicken. »Ist etwas passiert?«, erkundigte er sich mit bangem Herzen.

»Wie man es nimmt.« Maurice senkte den Kopf und rührte in seinem Kaffee. »Meine Eltern haben sich im vergangenen Jahr getrennt. Seitdem ist meine Mutter besessener denn je.«

Felix ahnte, um was es ging. Schon immer war die Musik das Thema Nummer eins im Leben seines Freundes gewesen. Nicht ganz freiwillig, wie er wusste.

»Deine Karriere?«

»Übermorgen findet ein Konzert in der Philharmonie statt. Dort trete ich als Solist auf. Lotte bildet sich ein, dass das mein Durchbruch werden soll. Sie hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sämtliche Größen aus dem Musikgeschäft nach München zu locken.«

Felix trank einen Schluck Milchkaffee.

»Das klingt so, als hättest du andere Pläne.« Mit der Serviette wischte er sich den Schaum von der Lippe.

Maurice zögerte.

»Ich habe seit ein paar Wochen eine Freundin. Helen. Sie spielt in einer Heavy-Metal-Band, und ich probe regelmäßig fast jede Nacht mit ihnen.«

Felix schnappte nach Luft.

»Alter! Du? Hardrock?« In seiner Stimme schwang offene Bewunderung.

Maurice lächelte geschmeichelt.

»Das hättest du mir nicht zugetraut, was?«

»Stimmt auffallend. Aber stille Wasser sind ja bekanntlich tief. Was sagt denn Charlotte dazu?«

Seufzend lehnte sich Maurice zurück und streckte die langen Beine aus.

»Das ist ja das Problem. Sie hat keine Ahnung davon. Aber lange halte ich die Geheimniskrämerei nicht mehr aus. Nur noch das Konzert übermorgen. Dann lege ich die Karten auf den Tisch.«

»Richtige Entscheidung!«, lobte Felix anerkennend. »Alt genug bist du jedenfalls dafür.«

»Das sehe ich genauso.« Maurice schob den Stuhl zurück und stand auf. »Leider muss ich mich jetzt auch schon wieder verabschieden. Mein Hausdrachen wartet auf mich.«

Felix erhob sich und umarmte seinen Jugendfreund.

»Wir sehen uns heute Abend? Und bring deine Helen mit. Ich bin gespannt.« Er sah Maurice nach, wie er sich an Tischen und Stühlen vorbei Richtung Tresen schlängelte, bezahlte und das ›Schöne Aussichten‹ verließ. Seine gebückte Haltung verriet, wie sehr ihn die Situation belastete. Felix hätte ihm gern geholfen. Doch es gab Dinge im Leben, die musste man selbst regeln. Sicher, er konnte für Maurice da sein und ihm zuhören. Das war aber auch schon alles.

Gedankenverloren setzte sich Felix wieder und griff nach der Zeitung, die neben ihm an einem Halter an der Wand hing. Nicht mehr lange, und auch ihn würde der Alltag mit aller Macht einholen. Doch bis es so weit war, wollte er sein Leben in vollen Zügen genießen.

*

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf heute Abend freue.« Eine Stunde später umarmte Felix seine Schwägerin in spe zum Abschied. Dabei warf er einen Blick über ihre Schulter hinüber zum Tresen.

Dort stand Florentina und versorgte ein paar Kunden mit Brezen, Brötchen und Kuchen. Auch ihr war der gut aussehende junge Mann aufgefallen. Sein herzliches Lachen wärmte das Café wie die Sonnenstrahlen, die durch die großen Scheiben hereinfielen. Als sie seinen Blick fühlte, sah sie kurz hoch und schnell wieder weg.

Der Schalk blitzte Felix aus den Augen, als er sich wieder zu Tatjana hinab beugte.

»Wenn du willst, entführe ich dich heute Nacht, und du wirst meine Muse«, machte er ihr einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag.

Tatjana lachte.

»Erstens bin ich mir sehr sicher, dass dein großer Bruder etwas dagegen hätte. Und zweitens bist du Pilot und kein Künstler.«

»Pffft!« Felix schob sie von sich und schnaubte verächtlich. »Du bist ein Banause. Ein Pilot kein Künstler? Ich male dir Figuren an den Himmel …«

»… und zerschellst dabei versehentlich auf dem Boden.« Mütterlich kniff sie ihn in die Wange. »Du bist und bleibst mein Lieblingsschwager in spe. Mehr aber auch nicht. Und ob ich mich je in dein Flugzeug wage, steht in den Sternen.«

Mit einer theatralischen Geste ballte Felix die Hände zu Fäusten und presste sie an die Brust, dorthin, wo sein Herz fröhlich schlug.

»Harte Worte! Dabei stehe ich doch erst am Anfang meiner großartigen Karriere …« Wieder sah er hinüber zu Florentina. »Du bist meiner nicht würdig. Ich sollte mein Glück bei dieser holden Maid versuchen, statt meine Energie an dich zu verschwenden.« Voller Übermut lächelte er hinüber zu Tatjanas Aushilfe. Nicht vergeblich, wie er zufrieden feststellte.

Als Florentina sein Lächeln erwiderte, wirkte sie schön wie Dornröschen, aus einem hundertjährigen Schlaf geweckt.

»Untersteh dich und entführe mein Personal!«, warnte Tatjana und schob Felix kurzerhand zur Tür hinaus.

»Du bist mehr als unbarmherzig«, schimpfte er gut gelaunt, als er vor der Bäckerei im Licht der Frühlingssonne stand. »Ich frage mich, wie mein Bruder es so lange mit dir aushält. Offenbar hat er ein Faible für Schmerzen.«

»Das kannst du ihn ja heute Abend fragen«, lächelte Tatjana, winkte Felix zum Abschied und schloss die Tür, ehe sie sich zu Florentina hinter den Tresen gesellte, um sie bei der Arbeit zu unterstützen.

Sie füllte Körbe mit frischen Brötchen aus der Backstube, ordnete das Gebäck in der Vitrine neu und wischte mit einem Tuch über die Spuren, die Kinderhände auf dem Glas hinterlassen hatten.

»Das vorhin war übrigens Felix Norden, mein Schwager in spe«, erklärte sie schließlich, als Florentina den vorerst letzten Kunden versorgt hatte. »Er war eine Zeit lang weg, und wir haben heute Abend eine kleine Party für ihn geplant. Ich glaube, er würde sich sehr freuen, wenn du auch kämst.«

Diese Bemerkung trieb Florentina das Blut in die schmalen Wangen.

»Aber wir kennen uns doch gar nicht«, wagte sie einen Einspruch.

Jeder andere hätte nur ein leises Summen vernommen. Es war Tatjanas hervorragendem Gehör zu verdanken, dass sie Florentina überhaupt verstand.

»Aber offenbar gefallt ihr euch ganz gut. Oder denkst du, das hätte ich nicht bemerkt?«

In diesem Moment hätte sich Florentina am liebsten in Luft aufgelöst.

»Ja … Nein … Ich weiß nicht«, stammelte sie verlegen.

Tatjana betrachtete sie schmunzelnd.

»Du siehst aus, als hätte ich dir vorgeschlagen, Direktorin eines Flohzirkus’ zu werden.« Wie unterschiedlich die Menschen doch waren. An Florentinas Stelle hätte sie nicht gezögert und das Angebot angenommen. »Also, was ist jetzt? Gehst du mit auf die Party oder nicht?«

»Ein paar Leute kennenlernen … Das wäre schon nicht schlecht. Aber … Aber …« Als sie so vor ihrer Chefin stand und verzweifelt nach Worten suchte, ging Tatjana ein Licht auf.

»Was für ein Problem hast du, Florentina? Und jetzt erzähl mir bitte nicht, dass nichts ist«, nahm sie eine mögliche Antwort gleich vorweg.

Florentina biss sich auf die Unterlippe.

Auch der letzte Ausweg war verbaut. Jetzt blieb ihr nur noch die Wahrheit.

»Hoffentlich ist es kein Problem, dass ich keinen Alkohol trinke.«

Überrascht legte Tatjana den Kopf schief. Sie hatte mit vielem gerechnet. Aber nicht damit.

»Du bist ein freier Mensch und kannst tun und lassen, was du willst.«

Florentinas Lachen war bitter.

»Das denkst du!«, stieß sie durch die Zähne. »Du hast ja keine Ahnung, wie es ist, anders zu sein.«

Nur mit Mühe konnte sich Tatjana ein Lächeln verkneifen. Auf keinen Fall wollte sie Florentina das Gefühl geben, nicht ernst genommen zu werden.

»Das weiß ich leider sehr gut. Ich bin nämlich sehbehindert und kann dich kaum erkennen.«

Florentina schnappte hörbar nach Luft.

»Du nimmst mich auf den Arm!«

Diesmal lachte Tatjana, wenn auch nur leise.

»Mit solchen Dingen macht man keine Scherze«, erwiderte sie. »Du kannst mir vertrauen. Willst du mir jetzt dein Problem verraten? Vielleicht kann ich dir helfen.«

Florentina musterte ihre Chefin eingehend. Ein weicher Zug lag um Tatjanas volle Lippen. Ihr ganzes ungewöhnliches Gesicht strahlte Zuneigung und Wärme aus. Das gab den Ausschlag.

»Ich bin doch Diabetikerin. Deshalb darf ich keinen Alkohol trinken.«

»Und deshalb willst du nicht auf die Party?« Tatjana konnte es nicht fassen.

Florentina nickte.

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dumm ich deshalb schon angeredet worden bin. Das will ich nicht mehr erleben.«

»Verstehe.«

»Und essen kann ich auch nicht richtig.«

»Aber heutzutage sehen die Ärzte das mit der Ernährung doch nicht mehr so streng. Oder täusche ich mich?« Aus dem Café drangen murmelnde Stimmen zu ihnen herüber. Tatjana hatte im Kopf, dass im Augenblick fünf Gäste anwesend waren. Sie alle waren mit Getränken und Leckereien versorgt, sodass sie sich guten Gewissens mit Florentina unterhalten konnte.

»Das stimmt. Als Kind war es wirklich die Hölle. Immer um dieselbe Uhrzeit essen, sich streng an Ernährungspläne halten, kein Eis mit anderen Kindern, keine Schokolade. Ausnahmen gab es keine.« Jetzt, da das Eis gebrochen war, stellte sie überrascht fest, dass es gar nicht so schwer war, über ihre Krankheit zu sprechen. »Das ist zum Glück jetzt anders. Aber an Alkohol habe ich mich trotzdem bis heute nicht herangetraut.«

»Gratulation. Das ist eine reife Leistung.« Tatjanas Lob war ehrlich gemeint. »Ich kenne nicht viele Menschen, die der Versuchung widerstehen können.«

Diesmal leuchteten Florentinas Wangen vor Freude. »Danke.«

Doch noch immer hatte Tatjana ihr Ziel nicht erreicht.

»Für die paar Tapferen unter uns haben wir aber auch Rhabarberschorle, Kombucha, alkoholfreies Bier und Wasser besorgt«, fuhr sie hartnäckig fort. »Du siehst, du kannst bedenkenlos zu uns kommen und mit uns feiern.«

Florentina konnte sich dem Charme ihrer Chefin nicht länger entziehen.

»Also gut. Überredet.«

»Super!« Das Glöckchen über der Tür klingelte hektisch, als freute es sich über die Zusage. Natürlich hatte die Aufregung einen anderen Grund. Die Mittagszeit nahte, und die ersten Mittagsgäste stürmten die Bäckerei, um sich mit Flammkuchen, Gemüsequiche und Pizzataschen gegen die Herausforderungen des Nachmittags zu wappnen.

Tatjana spürte Florentinas hilfesuchenden Blick.

»Du kümmerst dich um die Kunden am Tresen. Ich versorge inzwischen die Gäste im Café«, beruhigte sie ihre Angestellte und machte sich sofort auf den Weg.

Florentina sah ihr mit einer Mischung aus Bewunderung und Freude nach. Tatjanas Geständnis beeindruckte sie zutiefst. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, dass die Frau, die sich mit schlafwandlerischer Sicherheit an Tischen und Stühlen vorbeischob, servierte, abräumte und schwere Tabletts balancierte, sehbehindert war.

Dieses leuchtende Vorbild vor Augen, nahm sie sich vor, in Zukunft nicht mehr ganz so zimperlich zu sein und endlich selbstbewusster zu werden.

*

Die Sonne stand schon tief am Frühlingshimmel, als Maurice den Fängen seiner Mutter endlich entkam. Völlig entnervt trat er vor das Haus und holte tief Luft. Als sich von hinten zwei Hände unvermittelt über seine Augen legten, fuhr er erschrocken herum.

»Was soll das?«, fauchte er.

Ein helles Lachen war die Antwort.

»Seit wann bist du so schreckhaft?« Helen legte den Kopf mit der schwarz gefärbten Mähne schief und lächelte ihren Freund frech an. »Vielleicht sollte ich dich Mauricia nennen?«

Beim Anblick seiner großen Liebe atmete Maurice auf. Ohne lange nachzudenken, nahm er sie an der Hand und zog sie mit sich um die Ecke. Erst dann wagte er es, sie in die Arme zu nehmen und sanft zu küssen.

»Tut mir leid. Meine Mutter hat mich den ganzen Nachmittag mit dieser dämlichen Sonate gequält.« Er fuhr sich mit der Hand über die Augen.

Helen trat einen Schritt zurück und musterte Maurice besorgt.

»Du siehst aus wie ein Zombie.«

»Vielen Dank für die Blumen.« Er schnitt eine Grimasse. Doch anders als sonst erwiderte sie sein Lächeln nicht.

»Im Ernst. Du bist total bleich im Gesicht. Und deine Augen sind ganz rot.«

Maurice dachte kurz nach. Sollte er leugnen?

»Ehrlich gesagt kann ich auch nicht mehr. Nachts proben mit der Band, tagsüber Konservatorium oder die Proben mit meiner Wahnsinnsmutter …«

»Du hast doch Semesterferien. Warum schläfst du nicht mal aus?«, stellte Helen eine berechtigte Frage.

Inzwischen waren sie weit genug vom Haus entfernt, dass sie es wagen konnten, Hand in Hand den Gehweg entlang zu schlendern. Dass Helen in der obligatorischen engen Lederhose und der schwarzen Fransenjacke sämtliche Blicke auf sich zog, daran hatte sich Maurice längst gewöhnt. Noch schlimmer würde es im Sommer sein, wenn sie kurze Ärmel trug und ihre Tätowierungen sichtbar wurden. Aber daran dachte Maurice in diesem Augenblick nicht.

Er wartete, bis der ältere Herr, der das ungleiche Pärchen neugierig musterte, vorbei gegangen war. Dann erlaubte er sich ein abgrundtiefes Seufzen.

»Semesterferien interessieren Lotte nicht. Sie weckt mich jeden Morgen um halb acht. Wenn ich, wie in den vergangenen Wochen, erst um drei oder halb vier ins Bett komme, ist das ein bisschen wenig.« Ein stechender Kopfschmerz fuhr durch seine Schläfen, und er zuckte zusammen.

Schweigend und mit gesenktem Kopf ging Helen neben ihm her. Sie war so in Gedanken vertieft, dass sie das Zucken nicht bemerkte.

»Deine Mutter bringt dich um, wenn sie rauskriegt, dass du in unserer Metalband spielst.« Sie blieb stehen und stellte sich vor ihn. Zärtlich, wie nur sie es war, streichelte sie ihm über die Wange. Dieser weiche Kern in der schwarz-bedrohlichen Schale war das, was Maurice fast am meisten an seiner Freundin faszinierte. Manchmal dachte er, dass die schwarze Verkleidung und die harte Rockmusik von ihrem verletzlichen Inneren ablenken und es beschützen sollten. »Sie wird es dir verbieten.«

»Das kann sie nicht. Ich bin erwachsen, schon vergessen? Außerdem ist sie viel zu sehr mit meinem Konzert beschäftigt, als dass sie an irgendetwas anderes denken könnte.« Ohne Helen aus den Augen zu lassen, hielt er ihre Hand fest und küsste jeden einzelnen ihrer Finger. »Mal abgesehen davon, dass sie keine Ahnung davon hat, dass man mit einem Klavier auch Rockmusik spielen kann. Das übersteigt ihr Vorstellungsvermögen bei Weitem.«

Sie lachten beide, und ihre Stimmen vermischten sich zu einem perfekten Ton. Maurice küsste Helen, ehe sie Hand in Hand weitergingen. Helens Nähe besänftigte das wütende Stechen in seinen Schläfen.

»Nur noch ein Semester, dann bin ich fertig mit dem Konservatorium. Danach bin ich frei und kann machen, was ich will.«

Helen schickte ihm einen schelmischen Blick.

»Das tust du hoffentlich jetzt schon, oder?«

»Natürlich.« Maurices Stimme war rau. »Aber dann müssen wir uns nicht mehr verstecken. Heute Abend übrigens auch nicht. Weißt du eigentlich, wie sehr ich mich auf die Party bei den Nordens freue?«

Helen wiegte nachdenklich den Kopf.

»Hoffentlich mögen mich deine Freunde.«

»Felix ganz sicher. Heute Vormittag im ›Schöne Aussichten‹ habe ich ihm von dir erzählt. Er kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen.«

Es war Helen anzusehen, dass sie sich freute. Trotzdem mischten sich Zweifel in ihr Glück.

»Hast du ihm auch wirklich alles gesagt? Nicht, dass er erschrickt.«

»Ich habe ihm erzählt, dass du das hübscheste Mädchen bist, das ich je kennengelernt habe.«

»Oh, du Mistkerl!« Helen versetzte ihrem Freund einen ärgerlichen Knuff. »Das kannst du doch nicht machen! Jetzt erwartet er bestimmt so ein Modepüppchen in Minirock und Absätzen bis zum Himmel.« Oft genug hatte sie diese Erfahrung machen müssen. Ihre Kleidung, ihr Haarschnitt und ihre Haarfarbe genügten, damit die Menschen sie in eine Schublade steckten, aus der es kaum ein Entrinnen gab.

Trotz seiner Schmerzen musste Maurice lachen.

»Da kennst du Felix aber schlecht«, versuchte er, Helen zu beruhigen.

»Ich kenne ihn gar nicht.«

»Stimmt. Aber wenn ihr beide euch kennenlernt, werdet ihr begeistert voneinander sein. Vertrau mir!«, verlangte er von seiner Freundin.

Seine Sicherheit kam nicht von ungefähr. Er kannte Felix und wusste um seine heimliche Schwäche für die Freundin seines ältesten Bruders Danny. Mit ihren strohblonden, raspelkurzen Haaren, der Vorliebe für schwarze Kleidung und ihrer bewegten Vergangenheit war auch die Bäckerin Tatjana Bohde alles andere als konventionell.

Seine Bitte beruhigte Helen.

»Also gut«, erklärte sie nach kurzer Bedenkzeit. »Dann hoffe ich mal, dass unsere Begeisterung füreinander nicht allzu groß ist«, fügte sie augenzwinkernd hinzu.

»Keine Sorge.« Maurice drückte sie an sich. »Ich werde dich rechtzeitig daran erinnern, zu wem du gehörst. Außerdem ist Felix in ein paar Tagen auf und davon. Er ist frisch gebackener Verkehrspilot und tritt demnächst seine erste Stelle an.«

»Ein Pilot?« Helen rümpfte die Nase. »Dann doch lieber ein als Konzertpianist verkleideter Ro­cker.« Sie schubste Maurice, ehe sie sich an ihn schmiegte. Alle Welt sollte sehen, dass sie zusammengehörten und es nichts und niemanden gab, der sich zwischen sie stellen konnte.

*

»Na wunderbar. Dann sehen wir uns hoffentlich nicht so schnell wieder.« Freudestrahlend rutschte der Patient Herbert Krososka von der Behandlungsliege und zog den Pullover herunter.

»Das klingt ja ganz so, als ob Sie mich nicht mögen«, erwiderte Danny auf dem Weg zur Tür. Das Lächeln um seine Lippen verriet, dass er scherzte.

»Nichts für ungut, Herr Doktor. Am Anfang hatte ich ja wirklich meine Zweifel«, gestand der Patient vor dem Abschied. »Ich bin ein glühender Verehrer Ihres Vaters und konnte mir nicht vorstellen, je einen anderen Arzt an mich heranzulassen. Aber Sie haben mich im Handumdrehen überzeugt.« Er schickte Danny einen ungläubigen Blick. »Und das, obwohl Sie so jung sind, dass man meinen könnte, Sie wären noch feucht hinter den Ohren.«

Danny wollte eben in schallendes Gelächter ausbrechen, als es klopfte und Janine hereinstürmte. Um ein Haar hätte sie den Patienten umgerannt. Mit einem beherzten Schritt zur Seite brachte sich Herbert Krososka in Sicherheit.

»O là là! Nicht so stürmisch, junge Frau.« Wohlwollend musterte er Janine.

Doch die hatte keine Zeit für einen kleinen Flirt.

»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich hastig, ehe sie sich an Danny wandte. »Ich weiß, dass Sie gleich nach Hause wollten. Aber gerade ist noch eine Perle hereingekommen.« Sie musste die Stimme heben, um das ohrenbetäubende Gebrüll im Hintergrund zu übertönen.

Die Party! Danny schickte eine heiße Entschuldigung zu Tatjana, ehe er sich ganz auf Janine konzentrierte.

»Eine Perle? Wie meinen Sie das?«

»Ein Junge hat sich einen Perlenohrring einverleibt, und die Mutter ist verzweifelt.«

Diese Worte waren das Signal zum Aufbruch für Herbert Krososka.

»Dann kümmern Sie sich mal um die Perle«, erklärte er und verabschiedete sich von Danny. Für Janine hatte er ein freundliches Zwinkern übrig, ehe auch schon Heike Hasselt hereinkam, den brüllenden Jonas auf dem Arm.

Danny schloss die Tür hinter den beiden und bugsierte die Mutter auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Das Geschrei des Kindes machte ein Gespräch unmöglich. Danny Norden überlegte noch, wie er dieses Problem lösen konnte, als sein Blick auf die selbstgenähte Stoffblume im Topf fiel, ein Geschenk seiner jüngsten Schwester Dési. Bis jetzt hatte er nicht recht gewusst, was er mit dem Präsent anfangen sollte. Das änderte sich in diesem Moment. Er drückte auf den kleinen Knopf am Plastikblumentopf. Musik ertönte, und wie von Zauberhand begann die Blume, sich zu bewegen. Sie wackelte mit dem Blütenkopf und schwenkte ihre Blätterarme im Takt. Dazu erklang das Lied ›Lachen ist die beste Medizin‹. Danny hörte es zum ersten Mal und wäre um ein Haar in Lachen ausgebrochen. Das Geschrei verstummte augenblicklich. Mit rotgeweinten Augen starrte Jonas die tanzende Blume an. Seine Mutter atmete auf.

»Danke. Sie haben soeben mein Trommelfell gerettet.«

»Es war mir ein Vergnügen.« Danny zupfte ein Papiertuch aus dem Spender, kam um den Schreibtisch herum und ging vor Heike und ihrem Sohn auf die Knie. »So, und jetzt möchte ich gern wissen, was passiert ist.« Behutsam tupfte er die tränennassen Wangen trocken.

Der Vierjährige keuchte und schöpfte Atem durch den Mund. Noch immer hingen seine Augen an der tanzenden Blume.

»Lassen Sie mich raten. Der Ohrring steckt in der Nase«, stellte Danny fachmännisch fest.

Heike nickte unglücklich.

»Ich habe Jonas auf dem Arm getragen. Er hat mit meinem Ohrläppchen gespielt, und ich habe mir gar nichts dabei gedacht. Mein Freund hat gerade noch gesehen, wie er sich die Perle in die Nase gesteckt hat. Er wollte Jonas noch daran hindern. Dabei hat er ihn so am Arm gerissen, dass der Kleine erschrak.« Und etwas leiser fügte sie hinzu: »Und seit einer schmerzhaften Behandlung hat er vor Ärzten sowieso panische Angst.«

Danny Norden hatte genug gehört. Er drehte sich um und schaltete die Blume aus. Einen Blätterarm am Blütenkopf, erstarrte sie mitten in der Bewegung.

Jonas quietschte vor Freude.

»Mama, schau! Die Blume bohrt in der Nase!«

Heike tat ihrem Sohn den Gefallen.

»Stimmt.« Sie zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. »Dabei darf man das gar nicht.«

Diese Gelegenheit ergriff Danny beim Schopf.

»Aber weißt du, was die Blume nicht kann?«, fragte er den Jungen.

Jonas schüttelte den Kopf.

»Sie kann sich nicht den Mund zuhalten und durch die Nase pusten. Und du kannst das bestimmt auch nicht.«

Der Plan ging auf.

»Und ob!«

Der Kleine plusterte sich auf wie ein Pfau. Er hielt sich den Mund zu und blies nach Leibeskräften durch die Nase.

In gespieltem Erstaunen riss Danny die Augen auf.

»Das ist ja unglaublich!« Er legte den Zeigefinger ans Kinn und dachte angestrengt nach. Plötzlich hellte sich seine Miene auf. »Ich weiß etwas, was ihr ganz bestimmt nicht könnt!«

»Was denn? Was denn?« Aufgeregt hüpfte Jonas auf dem Schoß seiner Mutter auf und ab.

Heike konnte es kaum glauben. Danny sah es an ihrem Gesicht.

»Du kannst dir nicht den Mund und ein Nasenloch gleichzeitig zuhalten und dann pusten.« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schüttelte er den Kopf. »Nein, das kannst du nicht. Und die Blume auch nicht.«

»Was bekomm ich, wenn doch?«, fragte Jonas herausfordernd.

»Hmmm, ich weiß nicht …«

Doch der vorwitzige Kleine hatte schon eine Idee.

»Dann krieg ich die Blume!«, verlangte er.

»Aber Jonas, das geht doch nicht.«

Danny hob die Hand. Heike Hasselt hielt inne.

»Diese Blume kannst du wirklich nicht haben. Aber ich weiß, wer dir eine basteln könnte. Ich spreche gleich heute Abend mit ihr«, versprach er. »Aber nur, wenn du mir beweist, was du kannst.«

Mit heiligem Ernst auf dem Gesicht hielt sich Jonas ein Nasenloch und den Mund zu. Dann holte er kräftig Luft und pustete aus Leibeskräften. Im nächsten Moment war ein leises Klackern zu hören. Der Perlenohrring hüpfte über den Holzboden und blieb unter dem Stuhl liegen.

»Ich bin sprachlos!« Zufrieden streckte Danny die Hand aus und griff mit dem Papiertuch nach dem Schmuckstück.

Er freute sich noch über seinen Erfolg, als Janine draußen mit Tatjana telefonierte.

»Tut mir leid, aber der Chef hat noch einen Notfall hereinbekommen«, entschuldigte sie sich mit tonnenschwerem Gewissen, als wäre sie persönlich dafür verantwortlich. »Ich weiß, dass ihr auf die Party müsst. Ihr seid schließlich die Gastgeber … Ja, natürlich schicke ich ihn gleich heim … Direkt zum Senior? Also gut. Dann direkt.« Janine wechselte noch ein paar Worte mit der verärgerten Tatjana, als Danny im Sprechzimmer notgedrungen Lobeshymnen über sich ergehen ließ.

»Sie sind genial, Herr Dr. Norden. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.« Heike Hasselts Begeisterung kannte keine Grenzen. »In Zukunft kommen wir nur noch zu Ihnen. Sie haben ein richtiges Händchen für Kinder.«

»Das ist doch wirklich nicht der Rede wert«, versicherte Danny, während er Mutter und Sohn zur Tür begleitete. »Und die Blume besorge ich. Wenn Sie nächste Woche noch einmal hereinschauen wollen? Ich sage meinen Assistentinnen Bescheid«, erklärte er und öffnete die Tür in dem Moment, in dem Janine den Hörer auflegte.

»Jana hat angerufen«, teilte sie Danny mit. »Wenn Sie nicht selbst in absehbarer Zeit Patient hier sein wollen, sollten Sie sich auf den Weg machen.«

»Aber …« Danny deutete auf Heike Hasselt, die an der Garderobe vor ihrem Sohn kniete und ihm half, die Jacke zuzuknöpfen.

Janine wusste, was er sagen wollte.

»Das schaffen die beiden schon allein. Und ich begleite sie hinaus«, versprach sie augenzwinkernd. »Schlimm genug, dass ich für die Verspätung verantwortlich bin.«

»Patienten gehen vor Privatleben«, sprach Danny laut das aus, was er von seinem Vater gelernt hatte. Keine leichte Lektion, die allen große Opfer abverlangte. Doch er war zuversichtlich, diese Hürden auch gemeinsam mit Tatjana zu überwinden. Seine Eltern hatten es schließlich auch geschafft. Sie gingen als leuchtendes Beispiel voran.

*

»Hereinspaziert in die gute Stube!« Gut gelaunt hieß Felicitas Norden die ehemalige Haushälterin Lenni und ihren Lebensgefährten Oskar Roeckl willkommen. Aus dem Wohnzimmer wehten fröhliche Stimmen und Musik zu ihnen herüber.

»Dass Sie sich das antun!«, brummte Lenni, während sie sich von ihrem Galan aus der Jacke helfen ließ.

»Ich finde es schön, dass in diesem Haus endlich mal wieder Leben ist.« Fee winkte fröhlich ab. »Manchmal habe ich das Gefühl, in einem Mausoleum zu leben.«

»Aber Dési und Jan sind doch noch zu Hause«, wandte Oskar ein und klopfte Daniel Norden freundschaftlich auf die Schulter.

»Das bemerken wir nur an den Spuren, die sie ziehen. Hier ein Schulrucksack und ein einsamer Schuh im Flur, dort eine vergessene Chipstüte auf dem Wohnzimmertisch«, erwiderte Daniel. »Das ist doch auch der Grund, warum ihr beide euch eine andere Beschäftigung gesucht habt.«

»Nicht nur. Es liegt auch daran, dass auch Sie beide kaum mehr zu Hause sind.« Lenni hatte im Spiegel den Sitz ihrer Frisur geprüft und war nun bereit, sich ins Partygetümmel zu stürzen.

»Das Ehepaar ist das Subsystem der Familie.« Alle drehten sich zu Janni um, der in der Flurtür aufgetaucht war. Er rückte seine schwarz umrandete Brille zurecht und blickte ernst in die Runde. »Wenn das Hauptsystem auseinander bricht, indem die Kinder aus dem Haus gehen, wird das Subsystem entweder wichtiger oder distanziert sich, was bei Mum und dir offenbar der Fall ist.« Er musterte seinen Vater mit strengem Blick. »Ihr solltet einmal einen Psychologen konsultieren und über eure Probleme sprechen.« Wieder einmal machte er seinem Spitznamen ›Professor‹ alle Ehre.

Fee lachte belustigt auf.

»Solange wir dich im Haus haben, ist das nicht nötig.« Sie wuschelte ihm durchs Haar. »Und jetzt rein mit euch! Schließlich seid ihr hier, um zu feiern und Spaß zu haben.« Sie schob ihre Gäste durch den Flur Richtung Wohnzimmer. Daniel bog in die Küche ab, um für Getränkenachschub zu sorgen.

Gemeinsam mit Lenni und Fee hatte Tatjana ein beeindruckendes Buffet aufgebaut, wie auch Felix’ Freund Maurice befand. Die beiden standen in der Küche am Tresen und bewunderten Lachsröllchen und Melonen-Mozzarella-Kugeln, Paprika-Schiffchen, Forellentaler und all die anderen Köstlichkeiten.

»Ich weiß gar nicht, was ich nehmen soll. Die Auswahl ist gigantisch«, stellte Maurice fest.

Helens Sorge, wieder einmal zum Gesprächsthema Nummer eins zu werden, hatte sich nicht bewahrheitet. Schon allein der Beruf brachte es mit sich, dass die Familie Norden mit jeder Facette menschlicher Eigenarten vertraut war. So war auch die Rockmusikerin mit offenen Armen empfangen worden und unterhielt sich prächtig mit Dési, der jüngsten Tochter des Hauses. Guten Gewissens konnte Maurice mit Felix über die Speisenauswahl diskutieren.

»Die kleinen Quiches da drüben sehen aber auch lecker aus«, bemerkte er nachdenklich.

Bewaffnet mit drei Flaschen Bier gesellte sich Daniel zu den beiden jungen Männern.

»Am besten, du nimmst von allem etwas. Du kannst es brauchen«, erklärte er mit einem Blick auf Maurices viel zu schmale Gestalt.

Der lächelte gutmütig.

»Sie reden schon wie meine Freundin.«

»Zumindest nicht wie deine Mutter«, scherzte Felix. Täuschte er sich, oder huschte ein Schatten über das Gesicht seines Freundes?

»Meine Mutter interessiert sich nicht für so was.« Maurice winkte ab. »Sie hat nur Musik im Kopf. Aber nicht solche, wie hier gespielt wird.« Er nickte in die Richtung, aus der rockige Klänge ertönten. Die jüngeren Leute unter den Gästen sangen lautstark mit. »Lotte akzeptiert nur Klassik. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert.«

Auch ohne psychologische Kenntnisse bemerkte Daniel, dass das Herz des jungen Mannes übervoll war.

»Ich erinnere mich. Du warst immer derjenige, der Klavier üben musste, während sich alle anderen auf dem Fußballplatz tummelten.«

Maurice schnitt eine Grimasse.

»Daran erinnern Sie sich noch?«

»Du hast mir sogar einmal erzählt, dass du deinen Vornamen dem berühmten Komponisten Ravel zu verdanken hast.«

»Chapeau!« Maurice deutete eine Verbeugung an. »Sie haben ein Gedächtnis wie ein Elefant.«

Daniel lachte.

»Manche Dinge bleiben einfach im Gedächtnis haften«, erwiderte er. Allmählich wurde das Bier in seinen Händen warm. Trotzdem wollte er das Gespräch mit Maurice nicht abbrechen. »Übrigens habe ich mich vorhin mit deiner Freundin unterhalten. Sie ist sehr nett.«

Als die Sprache auf Helen kam, leuchteten Maurice’ Augen auf.

»Das müssen Sie ihr unbedingt selbst sagen. Sie hatte schon Angst, dass sie wieder einmal wegen ihrer Frisur und ihrer Kleider aneckt.« Das Strahlen auf seinem Gesicht verblasste. Er konnte nicht anders, als seinen Freund Felix um dessen toleranten Vater zu beneiden. »Meine Mutter könnte sich eine Scheibe von deinem Dad abschneiden.«

Diese Bemerkung verwunderte Daniel.

»Sie mag Helen nicht?«

Maurice verzog das Gesicht.

»Sie weiß nichts von ihr. Wenn Lotte erfährt, dass Helen in einer Heavy-Metal-Band spielt, ihr Vater arbeitslos und ihre Mutter Putzfrau ist, ist der Ofen sowieso aus.«

Daniel wiegte nachdenklich den Kopf. »Ihre Traumschwiegertochter sieht wahrscheinlich anders aus«, musste er einräumen.

»Wer redet denn von Schwiegertochter?«, schnaubte Maurice unwillig. »Helen und ich lieben uns. Dazu brauchen wir kein Papier. Wir wollen zusammen Spaß haben und Musik machen. Ich bewundere sie. Sie ist der kreative Kopf der Band, hat alle Lieder und Texte selbst geschrieben.« Er seufzte. »Aber das zählt für meine Mutter nicht.«

»Was für ein Instrument spielt Helen denn?«, erkundigte sich Felix. Die gemeinsame Zeit am Morgen war viel zu kurz gewesen, um jedes interessante Thema zu besprechen, wie er eben feststellte.

»Ein bisschen Klavier. Außerdem hat sie eine klassische Gesangsausbildung.«

An dieser Stelle horchte Daniel auf.

»Wenn das so ist, dann könnte sie doch auch klassische Lieder singen, oder?«

»Klar. Aber …«

Daniel ahnte, was Maurice einwenden wollte, und ließ ihn nicht ausreden.

»Ich würde sie sehr gern einmal singen hören.«

Maurice musterte den Vater seines Freundes, als hätte er ihm einen Joint angeboten.

»Sie?«

Daniel lachte.

»Warum denn nicht? Fee kommt bestimmt auch gern mit. Schließlich habe ich vorhin erst erfahren, dass wir als Subsystem dafür sorgen müssen, bedeutungsvoller zu werden. Und was ist besser dafür geeignet als ein Rockkonzert?«

In diesem Augenblick betrat die Nachbarstochter Carina die Bühne.

»Sieh mal einer an. Hier steckt ihr.« Mit wiegenden Hüften stöckelte sie auf die Männer zu. Vor Daniel machte sie Halt, überlegte kurz, ehe sie ihm frech eine Flasche Bier aus der Hand nahm. »Und wir warten drüben vergeblich auf Nachschub.« Sie prostete ihnen zu und nahm einen tiefen Zug.

»Wir hatten etwas zu besprechen.« Daniel zwinkerte Maurice zu. »Wann ist die nächste Probe?«

»Morgen Abend um zehn Uhr, im Keller vom Rockschuppen.«

»Gut. Wir sind dabei«, bestätigte Daniel und machte sich endlich auf den Weg, um das Bier unter den Gästen zu verteilen, ehe es endgültig warm war.

*

Die Musik im Wohnzimmer war so laut, dass nur Tatjana das Klingeln an der Tür hörte. Sie ging, um zu öffnen.

»Schönen guten Abend!«, begrüßte sie den Mann draußen.

»Jana!« Danny wollte seine Freundin umarmen. Doch sie wich ihm geschickt aus.

»Was fällt Ihnen ein? Ich kenne Sie nicht. Sind Sie immer so aufdringlich?« Um ihn von weiteren Annäherungsversuchen abzuhalten, verschränkte sie die Arme vor der Brust. Ihre Augen funkelten, und ihr Blick war abschätzig.

Bis zuletzt hatte Danny gehofft, seine Freundin würde großmütig über die Verspätung hinwegsehen. In diesem Moment zerplatzte diese Hoffnung lautlos wie eine Seifenblase.

»Ich weiß, dass ich zu spät bin«, seufzte er zerknirscht. »Es tut mir leid. Gerade als ich gehen wollte, ist noch eine Perle im Nasenloch hereingeschneit.« Der Versuch, Tatjana zum Lachen zu bringen, scheiterte kläglich.

»Du hättest mir vorher sagen sollen, dass du der einzige Arzt im ganzen Landkreis bist.« Ihre Stimme troff vor Ironie. »Dann hätte ich es mir einen anderen Mann suchen können.«

»Jana, bitte!« Allmählich schlugen seine Schuldgefühle in Ärger um. »Ich kann doch keinen Notfall ablehnen. Warum verstehst du das nicht?«

»Tue ich doch. Seltsam nur, dass sie immer dann auftauchen, wenn wir etwas vorhaben«, erwiderte Tatjana kühl. Diesmal wollte sie nicht so schnell nachgeben. »Darf ich dich daran erinnern, dass dieses Fest deine Idee war? Nicht nur, dass du dich kein bisschen an den Vorbereitungen beteiligt und alles Lenni, deiner Mutter und mir überlassen hast, jetzt kommst du auch noch zu spät. Findest du das in Ordnung?«

»Ich habe doch schon gesagt, dass es mir leid tut«, wiederholte Danny und drängte sich an Tatjana vorbei ins Haus. Er hatte nicht vor, sich zum Gespött der ganzen Nachbarschaft zu machen. Unter Tatjanas grimmigen Blicken schloss er die Tür und hängte seine Jacke an die Garderobe. Dann holte er tief Luft und drehte sich zu seiner Freundin um.

»Jana, wir haben das doch schon hundert Mal besprochen. Im Augenblick steht die Praxis für mich an erster Stelle. Ich will meine Arbeit gut mach …«

»Das verstehe ich ja.«

»Lässt du mich bitte ausreden!«, verlangte er streng.

Tatjana verdrehte die Augen und schwieg.

»Ich kann mich nicht auf den Lorbeeren meines Vaters ausruhen. Ich will meiner neuen Position gerecht werden und meine Patienten auch ohne Dad zufriedenstellen. Deshalb musst du im Augenblick einfach ein bisschen zurückstecken.«

»Und wie lange soll das so sein?«, stellte sie eine berechtigte Frage.

»Gib mir Zeit!« Danny schlug einen versöhnlichen Tonfall an. »So gut solltest du mich doch inzwischen kennen, dass du weißt, wie wichtig du mir bist.«

»Na ja …«

Er spürte, dass Tatjanas Widerstand schwand.

»Wenn sich das alles eingespielt hat, werde ich wieder genauso viel Zeit für dich haben wie vorher.«

Tatjana ließ die Arme sinken.

»Das klingt sehr schön. Allein, mir fehlt der Glaube.«

»In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, du trennst dich von mir. Das haben wir allerdings schon einmal erfolglos ausprobiert.« Danny grinste frech. »Bleibt also nur Möglichkeit zwei: Du musst mir vertrauen und an mich glauben.« Er legte die Arme um ihre Schultern, zog sie an sich und sah ihr tief in die Augen. »Und jetzt habe ich einen riesigen Hunger. Hast du mir was aufgehoben, oder aus Rache alles selbst aufgegessen?«

»Was denkst du denn?«

»So, wie ich dich kenne, mein kleiner Vielfraß …« Mit diesen Worten nahm Danny sie an der Hand und zog sie mit sich.