Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 342

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Prepper - Felix A. Münter

Doran ist ein Loner, der einsam über die bereits seit zwei Jahrzehnten zerstörte und größtenteils verlassene Welt zieht. Sein einziger Begleiter heißt Churchill, eine treue Bulldogge. Dieses einsame Leben, bei dem man nur sich selbst gegenüber Verpflichtungen hat, hätte in Mutter Natur, die sich zunehmend die Herrschaft über den Planeten Erde zurückerobert, immer so weitergehen können, wenn Doran nicht auf den sterbenden Curt gestoßen wäre. Curt scheint ebenfalls Loner zu sein. Seine letzten Informationen an Doran sind ein unglaubliches Erbe: Kartenmaterial, ein Buch und Notizen über Prepperverstecke. Dieser vermutlich größte Schatz in einer zerstörten Welt bedeutet für Doran eine unglaubliche Odyssee, die er allerdings gegen jegliche Vernunft in Angriff nehmen möchte. Denn Prepper haben sich in der Alten Welt bereits auf den Ernstfall vorbereitet, indem sie große Vorräte angelegt haben. Allerdings hat Doran nicht damit gerechnet, auf einen weiteren Loner zu stoßen, der ebenfalls durch diesen Curt von der tatsächlichen Existenz der Prepperlager erfahren hat, die man bis dahin für Märchen gehalten hat. In einer Kulisse, die mehr als zwanzig Jahre von schwindender Hoffnung gelebt hat, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um einen Schatz von unbekannter Größe zu bergen. Ein Endzeit-Thriller, wie man ihn unter allen postapokalyptischen Romanen noch nicht gelesen hat. Lesermeinungen: Sehr direkt und düster geschrieben. (Amazon Rezensent) Spannend von der ersten, bis zur letzten Minute. (Amazon Rezensent) Für alle, die Dystopien lieben, ein absolutes Muss.  (Amazon Rezensent) Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller  

Meinungen über das E-Book Prepper - Felix A. Münter

E-Book-Leseprobe Prepper - Felix A. Münter

Für Katharina.

Inhaltsverzeichnis
Prepper
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Felix A. Münter

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-127-4

Registrieren Sie sich auch für unseren Newsletter.

www.papierverzierer.de

Kapitel I

Zwei Männer und ein Hund

Der schwefelgelbe Himmel hatte seine Pforten geöffnet und der Regen stürzte rauschend und tosend herab. Donner grollte in der Ferne. Die hochgewachsene Gestalt bahnte sich ihren Weg über den schlammigen Pfad. Der Matsch schmatzte bei jedem behutsamen Schritt, die Feuchtigkeit war dem Mann längst unter den Staubmantel gekrochen. Der Hut mit der breiten Krempe tat dem Reisenden gute Dienste, der stete Regen hatte dem ausgeblichenen Akubra noch nichts anhaben können. Einen Schritt neben dem Mann trottete eine kräftige Olde English Bulldogge durch den Regen. Der Hund war vom Wetter genau so wenig beeindruckt wie sein Herrchen, jedoch verkrustete Schlamm das braun-weiße Fell des Tieres. Es konzentrierte sich auf den Pfad, hin und wieder hob es den Kopf und bedachte sein Herrchen mit einem vielsagenden Blick. Der Hund kläffte – ein Geräusch, das durch das Prasseln des Regens nicht weit zu hören war.

»Ja, ich weiß, Churchill«, murmelte der Mann. »Es wäre viel besser gewesen, heute Morgen in der Hütte zu bleiben.« Er tätschelte den Kopf des Hundes, griff in seine Manteltasche und reichte der Bulldogge einen durchweichten Hundekeks.

Churchill stellte offensichtlich keine Ansprüche an die Konsistenz und schlang den Keks hinunter.

»Guter Junge, guter Junge«, bestätige der Mann mit einem Lächeln und tätschelte der Bulldogge wieder den Kopf. Dann seufzte er, legte seine Hände in die Riemen des großen Rucksacks und marschierte weiter.

Zweiundzwanzig Jahre, zwei Monate und fünfzehn Tage waren vergangen, seitdem die Welt zu Grunde gegangen war. Wobei, das war nicht ganz richtig: Es war nicht die Welt, die untergegangen war, es war die menschliche Zivilisation. Die Welt – also den Planeten – kümmerte das Schicksal ihrer Bewohner wenig. Sie drehte sich weiter, wie sie es immer getan hatte. Es war der Mensch, dessen Position sich geändert hatte. Am Ende war es so gekommen, wie die mahnenden, aber viel zu leisen Stimmen immer prophezeit hatten: Profitgier und Borniertheit brachten die angebliche Krone der Schöpfung an den Abgrund, setzten Ereignisse in Kraft, die Millionen elendig verrecken, Städte zu Leichenhäusern und ganze Staaten zum Einsturz brachten. Panik, angeheizt durch das sich ausbreitende Chaos, machte alles nur noch schlimmer. Es dauerte wenige Jahre, um das zu vernichten, was die Menschen binnen Jahrtausenden aufgebaut hatten. Die Menschheit schaufelte sich ihr Grab selbst, und als der Kataklysmus kam, als die Seuche um sich griff, war man ihr trotz aller Errungenschaften, trotz aller Erfindungen ausgeliefert. Panik griff um sich, und diese war – wie so oft – überhaupt kein guter Ratgeber: Anstatt sich gemeinsam der Krise entgegenzustellen, herrschten Paranoia, Angst, Zorn und Hass. Was der Seuche nicht gelang, das richtete der Mensch selbst zu Grunde.

Am Ende blieb nur noch ein Bruchteil der Weltbevölkerung übrig – und die Gesellschaft hatte sich radikal verändert. Die Überlebenden sahen sich mit einem harten Leben konfrontiert und versuchten sich anzupassen. Mitgefühl und Güte fanden in dieser Transformation wenig Platz, wohl aber Misstrauen, Paranoia und Gewalt.

Churchill hob den Kopf und knurrte, wieder nur so laut, dass allein sein Herrchen es hören konnte.

Der Mann blieb stehen und nickte dem Hund zu. »Ja.« Mit der Stiefelspitze deutete er auf den schlammigen Pfad vor ihnen. »Da sind Spuren. Einer, wahrscheinlich.«

Die Bulldogge kniff die Augen zusammen und spähte durch den Regenvorhang. Die Nüstern blähten sich auf, als der Hund die Witterung aufnahm.

»Glaubst du, es wird gefährlich?«

Natürlich war die Bulldogge nicht dazu in der Lage zu antworten. Sie tapste vorsichtig mehrere Schritte nach vorne, trottete von der einen auf die andere Seite und kam dann wieder zum wartenden Mann zurück. Der Hund war weiterhin aufmerksam, jedoch nicht angespannt.

»Siehst du, Churchill? Das habe ich mir auch gedacht. Außerdem liegt die nächste Hütte genau in dieser Richtung«, antwortete der Mann dem Hund und reichte ihm einen weiteren Keks.

Das Duo setzte seinen Weg fort, wenngleich sie sich auch vorsichtiger bewegten, immer bereit zu reagieren. Eine gute halbe Stunde kämpften sie sich so auf dem schlammigen Pfad vorwärts, der Regen fiel unablässig konstant auf sie herab. Das Grollen des Unwetters war jedoch weiter in die Ferne gerückt – ein erster Hinweis darauf, dass es vielleicht besser werden würde. Die rauschenden Wassermassen jedenfalls schluckten die meisten Geräusche, das verschaffte einerseits das Gefühl von Sicherheit, andererseits auch von Bedrohung. Die eigenen Geräusche würden kaum mehr als ein paar Meter weit zu hören sein, aber genau so war es auch mit allen fremden Geräuschen. Tatsächlich konnte im nächsten Busch jemand sitzen und nur darauf warten, dass ein argloserer Wanderer daherkam. Der Mann und sein Hund wussten von der Gefahr. Sie waren ein eingespieltes Team, konnten sich aufeinander verlassen. Und dort, wo ihre Vorsicht nicht ausreichte, um Bedrohungen zu umgehen, gab es immer noch den kräftigen Kiefer von Churchill oder die Pistole des Mannes. Sie würden immer die Oberhand behalten.

Plötzlich drang ein Schrei durch das monotone Rauschen der Regenmassen. Sofort verharrte das Duo und spähte hinaus in den Dunst. Es war der Laut eines Menschen gewesen. Was wartete hinter dem Regenvorhang auf sie? Mann und Hund lauschten, aber nach dem Schrei folgten keine weiteren Geräusche. Keine Flüche, kein Kampflärm, nichts. Es schien, als hätte das Unwetter sich entschlossen, einzig und allein diesen Klang durchdringen zu lassen, seine Barrieren danach aber wieder hochzuziehen.

Der Mann kratzte sich über das unrasierte Kinn. Er kannte das Gelände, wusste, wie der Pfad verlief. Und er hatte bereits eine düstere Ahnung, was der Auslöser des Schreis gewesen sein konnte. Nachdenklich sog er die Luft durch die Nase ein und schob das Kinn vor, dann war die Entscheidung bereits getroffen. »Komm, Churchill«, raunte er und ging weiter. Mit der rechten Hand tastete er nach der Pistole an seinem Oberschenkel, versicherte sich, dass sie an Ort und Stelle war.

Der Pfad wand sich vorbei an Nadelhölzern und stieg an. Es ging einen Hügelkamm hinauf, die Bäume auf der rechten Seite wichen zurück, der Abhang auf dieser Seite wurde immer steiler. Unterhalb rauschte ein Wasserlauf, den der andauernde Regen hatte anschwellen lassen. Der Mann schlich Schritt für Schritt weiter, die Augen konzentriert auf jeden Meter Weg vor sich. Er fand die Spuren und sah sich in seinen Erwartungen bestätigt: An einer Stelle zogen sich tiefe Furchen durch den schlammigen Boden. Jemand war ausgerutscht, hatte den Halt verloren und war den steilen Abhang hinabgestürzt. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte durch den strömenden Regen bestenfalls Schemen erkennen, die auch Büsche oder Felsen am Grund der Klamm hätten sein können.

»Churchill?«, versicherte sich der Mann. Der Hund kläffte und fletschte die Zähne – es bestand kein Zweifel, dass hier jemand gestürzt war. Der Wanderer biss sich auf die Unterlippe und musterte den Abhang, Mitgefühl war in dieser Welt selten und gefährlich. Doch seine Mutter hatte ihn anders erzogen. Er sparte sich, etwas zu rufen, eilte stattdessen den Pfad zurück zu einer Stelle, an der der Abhang noch nicht so steil nach oben führte. Unter Flüchen und Verwünschungen rutschte und schlitterte er den Abhang hinab, die Bulldogge folgte.

Während es dem Mann bis dahin gelungen war, den Tag zwar durchnässt, aber einigermaßen sauber zu überstehen, war er nach diesem Abstieg völlig verdreckt. Der Wasserlauf am Fuße des Abhangs reichte normalerweise gerade einmal bis zu den Knöcheln, jetzt aber ging er hinauf bis an die Knie des Mannes. Ohne viel Zeit zu verlieren, watete er durch das Bett, der Stelle entgegen, an der jemand gestürzt sein musste.

Dort angekommen, entdeckte er eine Gestalt, die mit verdrehten Gliedmaßen auf einigen Felsen gelandet war. Es war ein kräftiger, zäher Mann mit blondem Haar und Vollbart. Seine Kleider waren zweckmäßig und funktional, ein Mann, der das Leben in der Wildnis vermutlich gewohnt war. Dennoch hatte er die Gefahr ganz offensichtlich unterschätzt, war abgestürzt und lag nun mit verdrehten Gliedern und einem blutenden Kopf am Rande des Wasserlaufs. Er stöhnte. Churchill sprang an seinem Herrchen vorbei, umrundete den Gestürzten und kläffte dabei. Die Bulldogge blieb auf Sicherheitsabstand.

Der Wanderer kniete sich bei dem Mann hin und musterte ihn. Die Beine des Verunglückten waren so verdreht, dass allein das Ansehen Schmerzen bereitete. Der Wanderer drehte den Kopf und versuchte, die Bahn des Verunglückten nachzuvollziehen. Der arme Kerl musste fast zehn Meter abgestürzt und dann genau auf den Steinen aufgeschlagen sein. Abgesehen von einer Platzwunde gab es keine blutenden äußerlichen Verletzungen, doch die Chancen standen gut, dass der Kerl sich einige Knochen gebrochen hatte. Begleitet von einem Brummen tastete der Wanderer nach dem Hals des Verunglückten, spürte noch Puls und sah, wie sich die Augen des Mannes hinter den Lidern bewegten.

»Armes Schwein«, flüsterte er. In diesem Moment schlug der Gestürzte die Augen auf und hustete. Blut lief ihm über die Lippen. »Ganz ruhig«, flüsterte der Wanderer und legte dem Bärtigen sanft die Hand auf die Schulter. Er zuckte, teils vor Schmerz, teils bei dem Versuch, sich irgendwie bewegen zu wollen. Es gelang ihm nicht, und sein Gesicht verwandelte sich zu einer schmerzverzerrten Maske, da sein Verstand wohl realisierte, was ihm geschehen war, und seine Rezeptoren mit Schmerzgefühlen geflutet wurden.

»Verdammter Abhang«, stöhnte der Verunglückte.

»Tückisch, ja.«

»Wie schlimm …?«, wollte der Mann wissen, doch der Wanderer zuckte nur mit den Schultern und unterbrach damit die dringende Frage. Er verstand viel zu wenig von Medizin, um eine Aussage treffen zu können. Der Bärtige riss die Lippen auf und presste die Kiefer vor Schmerzen aufeinander. Churchill bellte, der Wanderer nickte. Etwas unschlüssig packte er den Verunglückten bei den Schultern und wollte ihn in eine Richtung ziehen, doch der Mann schrie, als ob er sich allein bei der Berührung etwas gebrochen hätte.

»Nicht!«, presste er hervor.

»Du musst ins Trockene.«

»Kann nicht …«

Der Wanderer legte den Kopf in den Nacken und blicke hinauf in den schwefelgelben Himmel. Er hatte nicht den Eindruck, als würde das Wetter Erbarmen haben. Wortlos streifte er sich den Rucksack von den Schultern, kämpfte sich bis zu einem armdicken Ast vor, der sich ganz in der Nähe zwischen einigen Steinen verfangen hatte und kam damit zurück. Daraus und aus der Zeltbahn, die er aufgerollt seitlich am Rucksack getragen hatte, baute er binnen Sekunden einen behelfsmäßigen Unterstand. Die Bulldogge musste sich nicht bitten lassen und legte sich zu den Männern unter die Plane. Das Trio hockte auf dem kleinen Fleck und schwieg. Irgendwann hustete der Verunglückte und starrte dem Wanderer ins Gesicht.

»Warum?«

»Was?«

»Warum tust du das?«

Der Wanderer zuckte erneut mit den Schultern. Er nahm sich den durchweichten Akubra ab und strich sich mit den Fingern durch das dunkelblonde Haar.

»Was hätte ich sonst tun sollen?«

»Mich hier liegen lassen, meinen Rucksack nehmen und verschwinden.«

»Ich habe keine Eile«, meinte der Wanderer. »Deinen Rucksack kann ich immer noch durchsuchen, wenn du tot bist.«

Schwerfällig versuchte der Mann zu nicken und hustete wieder Blut.

»Stimmt. Wie heißt du, Loner?«

»Doran«, antwortete der Wanderer nach einem Moment des Schweigens.

»Curt.« Der Gestürzte nickte schwach.

Wieder trat Stille zwischen sie. Churchill hatte derweil seinen Kopf auf die Vorderläufe gelegt und beobachtete die beiden Männer.

»Also, warum, Doran?«

»Anstand.«

»Anstand?« Curt lachte und machte sogleich ein verkrampftes Gesicht. »Den gibt es nicht mehr in dieser Welt.«

»So? Soll ich wieder gehen?«, fragte Doran trocken.

»Nein!« Die Antwort kam schnell, so als ob er mit der Frage gerechnet hätte. Curt sah Doran flehend in die Augen. »Bitte nicht. Lass mich hier nicht liegen.« Er schluckte schwer und sprach dann flüsternd weiter. »Ich … ich will nicht alleine sterben.«

»Das will keiner von uns«, erwiderte der Wanderer. »Und du musst es auch nicht.«

»Danke«, nuschelte Curt.

»War es ein gutes Leben, Curt?«

»Es war hart. Anstrengend. Aber … ja, es war auch gut.«

»Dann hast du immer die richtigen Entscheidungen getroffen.«

»Wie kannst du das sagen? Du kennst mich nicht.«

»Ich habe schon Männer und Frauen gesehen, die in der letzten Stunde ihres Lebens flehten, weinten und bettelten. Du tust das nicht.«

Curt antwortete nicht. Er atmete kurz und flach, immer wieder flatterten seine Lider. Ohne dass er einen Befehl brauchte, erhob sich Churchill, rückte näher an den Sterbenden heran und legte sich wieder hin. Die Bulldogge spendete dem Mann auf seinem letzten Weg Wärme. Curt lächelte sanft.

»Hätte nicht gedacht, dass es so kommt.«

»Die meisten von uns sterben anders, als sie es sich vorgestellt haben«, antwortete Doran.

»Du hast auch auf alles eine Antwort, wie?«

»Nicht auf alles.« Der Wanderer schüttelte den Kopf.

»Dieser verdammte Abhang …«

»Es ist nicht ungefährlich, bei dem Wetter unterwegs zu sein.«

»Du bist es doch auch!«

»Ja«, räumte Doran ein. »Aber ich kenne die Gegend. Dich hingegen habe ich hier noch nie gesehen. Du bist nicht von hier.«

»Nein«, antwortete Curt. »Ich habe einen weiten Weg hinter mir.«

»Und warum hast du keine Rast eingelegt?«

»Dachte, ich könnte es schaffen.«

»Wohin wolltest du?«

Doran musterte den bärtigen Mann skeptisch und zog eine Augenbraue nach oben. Curt seinerseits schluckte schwerfällig, er schien aus seinem Ziel ein Geheimnis machen zu wollen.

»Wie du willst«, entgegnete Doran mit einem Schulterzucken.

Curt lächelte verkrampft. Seine Augen wanderten zu seiner Brust hinab. Doran folgte dem Blick und blieb an einer ausgebeulten Brusttasche hängen. Als Curt merkte, dass er sich verraten hatte, stöhnte er und presste die Zähne aufeinander.

»Steckt da die Antwort drin?«, fragte Doran neugierig. Er hätte einfach zugreifen können, sich das nehmen können, was auch immer Curt in seiner Brusttasche trug. Aber es bestand kein Grund zur Eile. Der Mann war so oder so dem Tod geweiht.

»Schau es dir an«, flüsterte Curt.

Der Wanderer öffnete den Knopf und zog ein kleines Päckchen Zigaretten hervor. Das an sich war keine Besonderheit, er hatte in seinem Leben schon genug davon gesehen. Die meisten waren zerknautscht und zerfleddert, halbvoll, wenn überhaupt. Doch dieses Päckchen war anders. Es war verschlossen, eingeschweißt in Folie und machte den Eindruck, als wäre es gerade eben erst aus einem dieser alten Automaten gezogen worden. In einer Welt, in der niemand mehr so etwas produzierte, glich der Fund einem Wunder.

»Wo hast du das her?«

»Gefunden«, meinte Curt. Die Blicke der Männer trafen sich und er schaffte es nicht, Dorans Augen lange zu widerstehen. Als wäre er ertappt worden, blinzelte der Bärtige. »Sowas findet man nicht einfach so.« Doran schüttelte den Kopf. »Sowas liegt nicht einfach auf der Straße. Nicht mehr.«

Curt lächelte schwach und zustimmend, als würde er sich erinnern. Dann klappte sein Kiefer nach unten und er holte Luft. Nicht mehr lange, bis ihn die Lebensgeister verlassen würden.

»Woher hast du sie?«, wiederholte Doran mit Nachdruck seine Frage.

»Prepper …«, flüsterte Curt.

Dorans Augenbraue zuckte und sein Schnauben war ein Zeichen des Erstaunens. Irgendwann nach dem Zusammenbruch waren die Geschichten über die Prepper in die Welt gekommen – jene Menschen, die die Zeichen der Zeit früh genug erkannt und sich auf den Zusammenbruch vorbereitet hatten. Es gab Geschichten über riesenhafte Lager voller Schätze aus einer besseren Zeit: Medikamente, Nahrungsmittel, Wasser, Brennstoff. Eben alles, was zum Überleben eines Kataklysmus notwendig war. Man konnte diese Geschichten für moderne Folklore halten, für aus der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und aus ängstlichen Träumen entstandene Mythen. Dinge, die sich die Überlebenden eben erzählten, um an etwas glauben zu können. Doran hatte in seinem Leben schon mit genug anderen Lonern am Feuer gesessen und mehr Geschichten über die Prepper gehört, als dass er sich daran hätte erinnern können. Manchmal waren es die ewiggleichen Anekdoten und jedes Mal, wenn ein Loner sie zum Besten gab, wurden sie unglaublicher. Es war das gleiche Phänomen wie bei einem stolzen Angler, der über seinen Fang berichtete: Der Fisch wurde mit jedem Mal, wenn die Geschichte erzählt wurde, größer, um andere zu beeindrucken.

Natürlich konnte man die Legenden über die Prepper – und es hatte gerade einmal zwei Jahrzehnte gebraucht, damit die Geschichten zu Legenden wurden – als Hirngespinste abtun. Doch Doran wusste, dass jede Geschichte, egal wie unglaubwürdig sie auch erschien, einen wahren Kern beinhaltete. Außer all diesen Erzählungen hatte er in seinem Leben bis zu diesem Moment keinen handfesten Beweis für die Existenz der Prepper gefunden. Jetzt aber hielt er ihn in der Hand. Und allein diese Berührung reichte aus, um eine fast vergessene Erinnerung aus den Untiefen seines Gedächtnisses hervorzuholen. Wenn er ehrlich zu sich war, dann waren es die Geschichten über die Prepper, die dafür gesorgt hatten, dass sein Leben ebenjenen Verlauf genommen hatte. Als er damals zum ersten Mal das heimische Tal verlassen und in die Welt aufgebrochen war – sehr zum Unbehagen seiner Mutter übrigens – hatte ihn nicht nur die Lust auf Veränderungen und Abenteuer angetrieben, sondern auch der Wunsch, einen Schatz der Alten Welt zu bergen. Mit der Zeit war dieser Wunsch immer mehr in Vergessenheit geraten, die Jahre waren verstrichen und andere Dinge schienen wichtiger geworden zu sein. Doran lebte sein Leben und vielleicht hätte er sich ohne diese schicksalhafte Begegnung im strömenden Regen nie wieder daran erinnert, was ihn ursprünglich hinaus in die Welt getrieben hatte.

»Unglaublich«, flüsterte Doran.

Als würde er ihn magisch anziehen, sah Doran zum Rucksack, auf dem der Bärtige mit den verkrümmten Gliedern lag. Vielleicht verbargen sich darin noch mehr Schätze aus einer vergangenen Zeit. Vielleicht sogar Hinweise darauf, wo Curt die Zigaretten gefunden hatte. Er musste den Impuls, einfach danach greifen zu wollen, regelrecht unterdrücken.

»Lass meine Arbeit nicht umsonst gewesen sein. Versprich mir das. Versprich es!«, keuchte Curt mit glasigen Augen.

»Ja. Ich verspreche es«, erklärte Doran, nachdem er tief Luft geholt hatte. Er legte Curt die Hand auf die Schulter und im letzten Moment seines Lebens glitt ein Lächeln über die Lippen des Sterbenden. Curt erstarrte, seine Schmerzen endeten.

Doran wartete einige Momente, fühlte noch einmal seinen Puls, um sich zu vergewissern, dass Curt wirklich gestorben war. Dann schloss er dem Loner die Augen.

Der Regen prasselte unvermindert weiter und eine Weile saß Doran reglos und nachdenklich unter der Zeltbahn. Unschlüssig wendete er das noch verschweißte Päckchen Zigaretten zwischen den Fingern. Vorsichtig, so als könne der Verstorbene immer noch Schmerzen erleiden, löste der Wanderer die Riemen des Rucksacks und zog ihn behutsam unter dem Toten hervor. Seine Hände glitten zu den Verschlüssen, doch dann hielt er inne. Er fühlte sich, wie ein Leichenfledderer, und beschloss, sich später Zeit dafür zu nehmen.

»Was nun, Churchill?«

Die Bulldogge hob den Kopf und schnaubte, dann machte sie behutsame Schritte um die Leiche herum und gesellte sich zu ihrem Herrchen.

»Ja, du hast recht, Junge.« Doran setzte sich den Hut wieder auf. »Wir können ihn hier nicht so liegen lassen. Das hat er nicht verdient.«

Am Abend hörte es auf zu regnen. Doran nutze das letzte Licht des Tages, um den Toten den schlammigen Abhang hinaufzuziehen. Es war mühselig und schweißtreibend, gleich zwei Mal rutschte er weg und landete im Schlamm. Doch im Gegensatz zu Curt hatte er Glück, er stürzte nicht ab und brach sich auch keine Knochen. Als er wieder oben auf dem Pfad ankam, war es bereits Dunkel geworden.

So gut es in den durchweichten, dreckigen Kleidern eben ging, richtete Doran sich auf die Nacht ein. Hund und Herrchen rollten sich im Schutze einer dicken Baumwurzel unter der Zeltbahn zusammen und sanken in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen teilten sie – wie immer – ihre Vorräte, dann war es an der Zeit, sich um die Leiche zu kümmern. Mit einem Klappspaten hob der Wanderer eine Grube in der Nähe des Baums aus, unter dessen Schutz er die Nacht verbracht hatte. Der Boden war völlig durchweicht und erschwerte die Arbeit, mehr als einmal hielt Doran inne und fragte sich, warum er sich das überhaupt antat. Diese Art des Mitgefühls, der Verpflichtung, war selten, und er ahnte, dass ihm das irgendwann einmal zum Verhängnis werden würde. Dennoch fuhr er fort, und als der Mittag kam, war die schlammige Grube groß genug, um den Leichnam aufzunehmen. Unter Stöhnen wuchtete er Curt in das Loch, dann standen er und Churchill am geöffneten Grab. Sie schwiegen. Was konnte er in diesem Moment sagen? Er wusste so gut wie nichts über Curt und Plattitüden lagen ihm nicht.

Stattdessen räusperte er sich nach mehreren Atemzügen. »Deine Reise ist nun vorbei. Mögest du Ruhe finden.«

Es war das Beste, was ihm einfiel, und sogleich griff er wieder zum Klappspaten und vergrub den Loner. Es gab nichts, mit dem er das Grab markieren konnte und vielleicht war das auch besser so: Die Chance, das irgendjemand ein frisches Grab öffnete, weil er sich darin nützliche oder wertvolle Grabbeigaben versprach, war durchaus gegeben.

Erst als die Arbeit getan war, wagte Doran sich an den Rucksack des Verstorbenen. Nachdenklich, zugleich aber auch neugierig, setzte er sich auf eine dicke Baumwurzel und löste die Schnallen. Churchill ließ sich in der Nähe nieder, den Kopf auf den Vorderläufen, und beobachtete ihn dabei. Doran hatte keine Eile. Er nahm behutsam jeden Gegenstand heraus, wendete ihn im Licht und legte ihn ordentlich neben sich auf den Boden. Es war die Ausrüstung eines Loners: einige Nahrungsvorräte, ein bisschen Verbandszeug, ein Satz Kleidung, eine gut gefüllte Munitionstasche, ein paar Medikamente. Sorgsam und von einer Plastikhülle geschützt, beförderte er ein vergilbtes Taschenbuch hervor, dazu eine zerfledderte Karte und einige handschriftliche Notizen. Buch und Notizen legte Doran auf seinen Schoß und faltete die Karte mit spitzen Fingern vorsichtig auseinander. Sie war so alt und verschlissen, dass sie bei der kleinsten falschen Bewegung in ihre Einzelteile zu zerfallen drohte. Auf der Karte fanden sich einige Markierungen, die nur schwer zu entziffern waren, doch Doran war sich sicher, das darauf verzeichnete Gebiet zu kennen. Er betrachtete die Notizen eingehend, hatte jedoch Probleme, sie zu entziffern. Curt hatte eindeutig nicht die beste Handschrift. Auf der anderen Seite war es mit Dorans Lesefähigkeiten auch nicht weit her. Er nutzte sie jedenfalls viel zu selten, um als geübt zu gelten. Genau aus diesem Grund schenkte er dem Buch und den Schriftseiten auch nur wenig Aufmerksamkeit. Es brauchte einen anderen Ort als diesen hier, mehr Ruhe und vor allem Licht, um sich den Geheimnissen darin und darauf zu widmen.

Als er mit seiner ersten Untersuchung fertig und das, was er hatte gebrauchen können, in seinen eigenen Taschen verstaut war, warf er einen Blick zum Himmel. Es würde wahrscheinlich trocken bleiben, doch dieser Tag hatte nur noch wenige Stunden Helligkeit. Er zuckte mit den Schultern, stemmte sich in die Höhe und streifte sich den Rucksack über die Schultern. Churchill betrachtete das Schauspiel gelangweilt und machte keine Anstalten, folgen zu wollen.

»Genug Faulenzerei für heute, Junge«, verkündete Doran und gab dem Hund einen Wink.

Die Bulldogge streckte die Glieder, schüttelte sich, tapste zu ihm und schnüffelte.

»Machen wir uns auf den Weg.«

Kapitel II

Heimat

Der Talkessel lag malerisch zwischen bewaldeten Hügeln. Frühnebel hing dicht und träge über den Wipfeln, doch es versprach, ein guter Tag zu werden.

Doran blieb am Rand der Anhöhe stehen, sog die Luft durch die Nase ein und lächelte. Es tat gut, wieder einmal nach Hause zu kommen. Alles, was sich vor ihm erstreckte, war vertraut. Heimat. Der Ort, an den ihn seine Mutter in den Jahren des Zusammenbruchs gebracht und wo sie ihn großgezogen hatte. Er war mehrere Monate fort gewesen, doch er kannte jeden Stein und jeden Stamm. Das saftige, fette Grün der Wiesen hieß ihn willkommen, am Horizont erhob sich die Sonne und gab dem Moment eine majestätische Note.

»Da sind wir wieder, Churchill.«

Die Bulldogge saß auf ihren Hinterläufen und es machte den Eindruck, als würde auch sie den Anblick genießen. Der Hund war auf diesem Flecken Erde zur Welt gekommen. Er kläffte zufrieden und hängte seine Zunge in den morgendlichen Wind. Doran schmunzelte, kramte aus seiner Tasche einen Hundekuchen und hielt ihn Churchill hin. Der Hund schnappte die Köstlichkeit im Ganzen herunter.

»Gierschlund«, meinte Doran kopfschüttelnd. »Komm, lass uns.«

Der Pfad schlängelte sich die Hügelflanke hinab. Sie hätten genauso gut querfeldein gehen können, doch sich an den Pfad zu halten, schonte die Kräfte. Das Duo hatte es nicht eilig und folgte dem Weg. Er passierte auf seinem Weg hinab Baumgruppen und Büsche.

Sie waren etwa zur Hälfte abgestiegen, da begann Churchill zu knurren und blieb stehen. Doran zog die Augenbraue hoch und suchte die Umgebung ab. Er wusste, dass er sich auf die Instinkte der Bulldogge verlassen konnte, und stellte das Verhalten nicht in Frage. Der Weg führte um eine Gruppe Nadelbäume herum, dahinter erklang das Geschrei von Krähen und sofort schrillten alle Alarmsignale. Der Wanderer schlug den Staubmantel zur Seite und legte den Oberschenkelholster frei. Mit der Hand an der Waffe gab er der Bulldogge ein Zeichen und das eingespielte Team bewegte sich vorsichtig weiter. Sie schlichen durch das Gehölz, und als die Bäume den Blick freigaben, entdeckten sie eine Schar Krähen, die emsig pickend und schreiend auf einem großen Felsen saß. Kaum hatten die Vögel das Duo bemerkt erhoben sie sich unter viel Gekreische und Gekrächze in den Himmel. Doch, anstatt das Weite zu suchen, begannen sie lediglich in der Luft zu kreisen. Doran und Churchill hatten sie bei einem Festschmaus gestört: Auf dem Stein lagen drei Leichname, die Körper aufgedunsen und halb verwest. Der Brodem des Verfalls drang erst zu ihnen herüber, nachdem die Vögel aufgestiegen waren, und Doran zog sogleich sein Halstuch vor die Nase. Vorsichtig nährte er sich den Leichen, Churchill blieb an seiner Seite, jederzeit zum Sprung bereit.

Die Toten mussten bereits seit Tagen dort liegen, es handelte sich um zwei Männer und eine Frau. Ihre Kleider mussten schon zuvor völlig verdreckt gewesen sein, und es bestand nicht der leiseste Zweifel, dass sie nicht auf dem Felsen, sondern an einem ganz anderen Ort gestorben waren. Trotz der Arbeit der Aasfresser erkannte Doran die Einschusslöcher: Einer der Leichen fehlte der halbe Schädel, die andere hatte zwei Schüsse in die Brust erhalten und die dritte in den Hals. Danach hatte man die Toten offenbar zum Felsen gezogen und drapiert, als eine Art der Warnung. Er konzentrierte sich, betrachtete das, was von den Toten übrig geblieben war, fand aber zu wenige Spuren, um sie irgendeiner Gruppe zuordnen zu können. Die beiden entfernten sich von den Toten, und kaum hatten sie einige Meter Abstand gewonnen, ließ die erste mutige Krähe sich wieder auf den Felsen sinken und setzte ihr Festmahl fort.

Doran drehte sich zu dem Pfad um, über den sie gekommen waren. Es gab mehrere Zugänge in das Tal, aber wenn die Leichen hier so demonstrativ aufgebahrt lagen, war das ein Indiz dafür, dass sie es über diesen Weg versucht hatten. Ihre Zurschaustellung war eine Warnung für andere und ein Hinweis darauf, dass es sich sicher nicht um einfache, friedliche Reisende gehandelt hatte. Vielleicht waren es Outcasts, vielleicht sogar Sick gewesen. Jetzt zumindest ging keine Bedrohung mehr von ihnen aus. Der Wanderer vergewisserte sich mit einem Seitenblick, ob Churchill diese Einschätzung teilte, doch der Hund war immer noch angespannt, jederzeit zum Kampf bereit.

»Ist gut, Junge, ist gut. Von denen haben wir nichts zu befürchten.«

Die Worte schienen den Hund nicht ganz zu überzeugen, wenngleich er auch etwas von seiner angriffslustigen Haltung verlor. Mann und Hund machten sich daran, ihren Weg fortzusetzen, diesmal waren ihre Schritte jedoch nicht mehr so, als ob sie Zeit hätten. Ihr Weg führte sie weiter ins Tal hinab, wo er sie zu einem überwucherten Zeltplatz brachte. Vor langer Zeit mochte dieser Ort ein echter Geheimtipp gewesen sein, ein Reiseziel für gelangweilte Städter. Ein Ort, an dem sie der Monotonie ihres Alltags entkommen und einige Tage unter freiem Himmel verbringen konnten. Heute hingegen hatte sich die Natur die angelegten Wege zurückerobert, die Parzellen waren kaum noch zu erkennen, die Wirtschaftshäuschen verfallen und halb zusammengebrochen. Zum Gelände gehörte auch eine Wasserpumpe, so dass das Duo haltmachen konnte, um die Feldflaschen aufzufüllen und sich etwas zu erfrischen. Dem Platz war alles, was von Wert war, entrissen worden, Plünderer konnten nichts mehr finden.

Gegen Mittag erreichten sie einen windschiefen Hochsitz. Früher war es für Doran zuerst eine Art Mutprobe gewesen, dort hinaufzuklettern, dann war die Plattform für zwei Sommer seine Burg geworden. Doch je größer er geworden war, umso mehr hatte das Holz geknarrt, und die Plattform schwankte unter seinen Füßen. Er hatte Abschied genommen, aber der alte Hochsitz war ihm immer noch in guter Erinnerung geblieben. Es war schön, ihn immer noch intakt zu sehen, doch jedes Unwetter, jeder Sturm und jeder Winter konnten das jähe Ende der alten Konstruktion bedeuten. Von dieser Stelle an wurde der Wald dichter und Unerfahrene hätten sich ohne weiteres verirrt. Doran und Churchill kannten das Gelände jedoch und bewegten sich mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit vorwärts. Der Wald um sie herum war voller Leben, doch das jagte ihnen keine Angst ein.

Eine halbe Stunde später erreichten sie eine Lichtung, und erst, als sie bereits durch die Bäume getreten waren, bemerkten sie die Gruppe Rehe, die am anderen Ende der Lichtung grasten. Sofort blieben sie stehen, doch die Tiere hatten sie längst bemerkt, stoben auseinander und sprangen in den schützenden Wald. Zweige knackten und Blätter raschelten, dann waren sie fort. Für den Moment lag Schweigen über der Lichtung.

»Doran, du Hornochse!«

Der Ruf kam von der Seite und der Klang der Stimme ließ den Wanderer sogleich lächeln. Er drehte sich in die ungefähre Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und zwischen den Bäumen trat eine Gestalt hervor. Sie war einen guten Kopf kleiner als der Wanderer, hatte dunkelblondes Haar wie er, doch es war zu einem straffen Zopf geflochten. Im Gegensatz zu Doran lächelte die Frau zwischen den Bäumen nicht, Verärgerung umspielte ihr hübsches Gesicht mit der etwas zu kleinen Nase. Sie trug Kleider, die sie mit dem Hintergrund verschmelzen ließen und einen Karabiner in der Armbeuge.

»Neave!«, rief Doran aus und ging ihr entgegen. Churchill bellte vergnügt und machte einen Satz, sprang der Frau entgegen.

»Einen halben Tag Vorarbeit! Einen halben Tag!«, zeterte die Frau und starrte zornig. In dem Moment, in dem die Bulldogge sie jedoch erreicht hatte und kläffend und bellend um sie herumsprang, löste sich dieser starre Blick auf. Sie ließ die Waffe ins Gras fallen, ging in die Knie und begrüßte den Hund, der sich bereitwillig kraulen ließ.

»Schön dich zu sehen«, meinte Doran, als er bei ihr angekommen war. Neave blickte auf und schnaubte, jede Regung so wie er es gewohnt war. Die Verwandtschaft der beiden war nicht von der Hand zu weisen.

»Ich freue mich über Churchill, nicht über dich!«, zischte sie, doch er nahm ihr die Entgegnung nicht ab, auch, weil es ihr nur schwer gelang, ein Lächeln zu unterdrücken.

»Und er freut sich auch.«

Die Bulldogge bellte vergnügt, legte sich auf die Seite und präsentierte Neave ihren Bauch. Sogleich kraulte die Frau des Hundes Unterseite.

»Schön, dass ihr hier seid«, sagte sie, stand auf und schloss Doran in die Arme. Er erwiderte die Geste herzlich.

»Gut, dich wohlauf zu sehen, Schwester.«

»Hast du etwas anderes erwartet?«

»Nein. Wir haben nur die drei Toten am Taleingang entdeckt.«

»Ach, die«, meinte Neave und winkte ab. »Eine Gruppe Sick, die ins Tal kam. Habe erst versucht, sie in Ruhe zu lassen, doch sie wollten sich hier niederlassen. Auf meine freundliche Bitte haben sie nicht reagiert. Dachten, sie wären in der Überzahl und hätten ein leichtes Spiel mit mir.« Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Jetzt sind sie tot.«

»Drei Sick? Warst du vorsichtig?«

»Natürlich nicht. Hab mir mit ihrem Blut die Hände gewaschen«, meinte Neave trocken und verdrehte die Augen. »Was meinst du denn? Hältst du mich für bescheuert?«

»Es war nur eine Frage.«

»Sicher war ich vorsichtig. Wie immer, Doran.«

Sie hätte das nicht mehr sagen müssen, wusste aber, dass sie ihn damit zufriedenstellte.

»Es waren die einzigen?«

»Habe seitdem keine mehr gesehen. Was machst du eigentlich hier? Ich hätte dich erst im Herbst erwartet.«

»War in der Gegend.«

Sie sah ihn an und lächelte schief. »Steckst du wieder in Schwierigkeiten? Hast du jemandem auf die Füße getreten?«

»Nein. Ich war wirklich nur in der Gegend, Schwesterherz.«

Neave verschränkte die Arme vor der Brust und rümpfte die Nase. Ihr Lächeln war spitz geworden. »Man weiß ja nie.«

»Einmal, Neave. Das war ein einziges Mal!«

Sie lachte und klopfte ihrem Bruder auf die Schulter.

»Weiß ich doch. Trotzdem finde ich es schön, dich damit jedes Mal aufziehen zu können.«

Doran brummte etwas Unverständliches, doch dann musste auch er lachen. »Ja. Ich werde mir das noch viele Jahre anhören müssen.«

»Wenigstens kannst du das noch. Es hätte damals auch ganz anders ausgehen können.« Sie schmunzelte und hob den Karabiner auf. »Ihr seid bestimmt hungrig, oder?«

»Essen geht immer.«

»Was hast du für ein Glück, dass meine Jagd in den letzten Tagen nicht gestört wurde. Kommt, ich bekomme euch satt.«

Zu dritt verließen sie die Lichtung und schlugen sich wieder durch den Wald. Churchill trottete fröhlich neben ihnen her. Die Bulldogge wusste, dass von ihr jetzt nicht mehr die sonst übliche Wachsamkeit verlangt wurde, und schnüffelte hier und da, sprang über Baumstämme und durch Büsche. Bruder und Schwester sprachen miteinander und brachten sich gegenseitig auf den neusten Stand. Es waren ein paar Monate vergangen, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten, Zeit genug für mehrere Anekdoten. Jedenfalls erreichten sie nach einer weiteren Stunde dann endlich ihr Ziel.

Versteckt zwischen hohen, dichten Bäumen lag die Heimat. Es war eine Jagdhütte, die vor dem Zusammenbruch wahrscheinlich einem der oberen Zehntausend gehört haben musste. Inmitten der Natur hatte der einstige Besitzer sich ein kleines Paradies geschaffen, doch als die Menschheit krepiert war, brachte ihm dieser Zufluchtsort auch nichts. Mehr als zwei Jahrzehnte war es her, dass die Mutter der beiden Geschwister nach einer langen und gefährlichen Odyssee durch das zerrüttete Land das Tal gefunden und zu ihrer Heimat gemacht hatte. Und sie hätten es in diesen Zeiten wahrlich schlechter treffen können. Der robuste Bau war mittlerweile zwar in die Jahre gekommen, hier und da war der Putz abgeplatzt und die Farben verwittert – aber es war und blieb Heimat. Das Gebäude wuchs drei Stockwerke in die Höhe, verfügte über einen großen Keller und ein umzäuntes Grundstück. Der vormalige Besitzer hatte es sich an nichts mangeln lassen. Hinter dem Haus gab es sogar einen Pool, wenngleich das Wasser vielmehr aus einem Dickicht grüner Algen bestand. Hundegebell empfing sie, und von diesem Moment an war Churchill nicht mehr zu bremsen. Er machte große Sätze, sprang über ein Stück Mauer und hielt kläffend und aufgeregt auf die abgewandte Seite zu.

»Er freut sich auf seine Familie.« Neave lächelte.

»Gleich zwei Zusammenführungen an einem Tag«, bemerkte Doran.

Neave antwortete nicht, sondern warf ihrem Bruder nur einen Seitenblick zu. Sie erreichten die Veranda, wo einige Stühle und eine bequeme Bank um einen verwitterten Tisch herum standen. Doran setzte den Rucksack ab und ließ sich dankbar in einen der Stühle sinken.

»Ich hole uns was zu trinken«, meinte Neave und verschwand im Haus. Das Hundegebell war mittlerweile lauter geworden und gleich, nachdem sie im Haus verschwunden war, jagte Churchill mit drei anderen Bulldoggen um das Haus. Doran lächelte bei dem Anblick, nahm sich den Akubra ab und fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. Churchills Geschwister feierten die Rückkehr ihres Bruders regelrecht, sie tollten über die Wiese, jagten sich durch die Sträucher und um die Obstbäume herum. Neave kam mit einer Kanne und zwei Gläsern aus dem Haus, schenkte sich und ihrem Bruder ein. Er griff zu und trank in kleinen Schlucken. Selbst der Geschmack war wie früher, das Wasser war mit einer Note Minze und Zitrone durchzogen.

»Du kannst ein Bad gebrauchen«, meinte sie, rümpfte die Nase und setzte sich neben ihn.

»Badezimmer sind leider Mangelware geworden. Zumindest mit fließendem Wasser«, sagte Doran.

»Eine Rasur würde dir auch ganz guttun. Und vielleicht ein Haarschnitt.«

»Wenn du dabei bist, dir Gedanken um mein Aussehen zu machen, dann bist du nicht wirklich sauer auf mich.«

»Natürlich nicht.« Sie winkte ab. »Es ist schön, dich an einem Stück zu sehen.«

»Habe mir Mühe gegeben.«

Sie saßen schweigend beieinander. Die wichtigsten Dinge hatten sie auf dem Weg geklärt und für den Moment waren sie beide froh darüber, die Anwesenheit des anderen zu genießen. Irgendwann meldete sich Dorans Magen, indem er gluckste und knurrte.

»Stimmt!« Neave nickte und leerte das Glas. »Ich hatte dir ja eine richtige Mahlzeit versprochen!«

»Dachte, du meintest das Wasser«, scherzte er und schenkte sich nach.

»Wenn du damit zufrieden bist? Dann gibt es das wirklich gute Zeug eben für die Hunde und mich.«

»Ich kann ja mal probieren, ob deine Kochkünste wirklich besser geworden sind.«

Sie zeigte ihm den Mittelfinger, streckte die Zunge heraus und ging dann wortlos ins Haus zurück. Doran blieb, wo er war, nach den Wochen auf Wanderschaft erwies sich der bequeme Stuhl als echte Offenbarung. Er zog sich Stiefel und Socken aus, streckte sich und legte die Füße mit einem zufriedenen Stöhnen auf den Tisch. Die natürliche, für das Überleben notwendige Anspannung der letzten Monate wich ganz automatisch. Hier brauchte er nicht wachsam zu sein, hier lauerte keine Gefahr. Er löste den Holster und legte ihn neben sich auf die Bank. Erst dann wurde Doran klar, wie müde er eigentlich war. Normalerweise war er gut darin, gegen die Müdigkeit anzukämpfen, hatte sich wirksame Strategien dagegen zusammengelegt. Doch hier brauchte er sie nicht, hier musste er nicht kämpfen. Schneller, als er es realisierte, schlossen sich die Augen und er schlief ein.

Der Geruch von Essen und ein unsanfter Stoß gegen die Schulter ließen ihn wieder wach werden. Er konnte nicht lange eingenickt gewesen sein, trotzdem blinzelte er irritiert, als sein Geist wieder in das Hier und Jetzt hinüberglitt. Auf dem Tisch stand inzwischen ein Tablett, darauf zwei dampfende Teller. Neave sah ihn kopfschüttelnd an und deutete mit verzogenem Gesicht auf seine Füße.

»Nimm sie runter.«

Schlaftrunken tat er, was sie verlangte und massierte sich das Gesicht.

»Entschuldigung …«

»Halb so schlimm. Ich dachte nur, ich mache dich wach, bevor es kalt wird.«

Er nickte und besah sich die Teller. Allein der Anblick ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen, denn es waren große Fleischstücke in fetter, brauner Soße. Daneben dampfende Kartoffeln, das Ganze garniert mit Kräutern. Eine echte Abwechslung zu alldem, was er auf der Wanderschaft gegessen hatte. Er griff nach einer Portion und begann zu essen. »Danke«, murmelte er mit vollem Mund, die Geschmacksknospen seiner Zunge waren völlig überfordert.

»Dafür nicht«, meinte Neave. Sie setzte sich und begann ebenfalls zu essen, jedoch viel gesitteter als er. »Sieht ja fast so aus, als ob du wochenlang nichts mehr gegessen hättest.«

»Nichts, was so gut war.«

»Ein Kompliment? … Danke.«

Doran aß und sagte nichts. Wobei das noch eine höfliche Umschreibung war, denn letztlich verschlang er alles wie eine hungrige Bestie. Nachdem er mit dem Fleischstück fertig war, griff er nach einem Kanten Brot und wischte damit den Teller blank.

»Noch eine Portion?«

»Wenn du hast«, sagte er und biss von dem Brot ab.

»Ich kenne doch deinen Appetit. Drinnen ist noch genug davon.«

Bevor Doran etwas sagen konnte, stellte sie bereits ihren Teller beiseite, nahm sich seinen und verschwand mit schnellen Schritten im Haus. Eine Angewohnheit, wie sie sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Doran kannte das Spiel und wusste, dass es nichts brachte, zu protestieren. Keine Minute später stand eine zweite, dampfende Portion vor ihm und er aß wieder, diesmal jedoch mit kleineren Bissen. Während der erste Teller dazu da war, den Hunger zu stillen, konnte er es bei diesem genießen.

»Und, wie lange willst du bleiben?«, fragte Neave nach dem Essen.

Doran holte tief Luft durch die Nase und fühlte sich ertappt. Seine Schwester wusste genau, dass er nicht ohne Grund in das Tal gekommen war, und sie wusste auch, dass er nicht vorhatte, lange zu bleiben. »Du musst mir bei etwas helfen«, gab er zu.

»Also bist du doch in Schwierigkeiten?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf.

»Was ist es dann?«

Ohne zu antworten, zog Doran das Päckchen Zigaretten sowie die Schriftstücke aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Neave musterte den kleinen Stapel und sah ihn fragend an. Sogleich begann er von der Begegnung mit Curt zu erzählen. Als er fertig war, schnalzte sie verächtlich mit der Zunge.

»Mutter würde sich im Grab umdrehen.«

»Warum?«

»Weil ihr missratener Sohn das, was sie ihm mühsam beigebracht hat, verkommen lässt!«, antwortete sie bissig.

»Neave, wenn du da draußen unterwegs bist, ist Lesen und Schreiben manchmal hilfreich, aber nicht überlebenswichtig. Ich … ich habe es eben schleifen lassen.«

»Sag ich ja. Sie würde sich im Grab umdrehen!«