Verlag: SAGA Egmont Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Privatdetektiv Joe Barry - Eiffeltürme für Paris E-Book

Joe Barry  

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E-Book-Beschreibung Privatdetektiv Joe Barry - Eiffeltürme für Paris - Joe Barry

Stanley Fisher hat sein Heimatnest, Syracuse in Illinois, praktisch noch nie verlassen. Jetzt will er die große Welt sehen und reist nach New York. Der Anblick der Riesenmetropole überwältigt ihn. Doch schnell kommt ein böses Erwachen: Bei seiner Ankunft im Hotel erwartet ihn die Polizei. Fisher ist höchst verdächtig, am Vortag seinen New Yorker Verwandten Henry Walsh ermordet zu haben, der spurlos verschwunden ist. Nur: Fisher kennt keinen Verwandten dieses Namens. Trotzdem droht ihm jetzt Gefängnis … In seiner Ratlosigkeit wendet er sich an seinen New Yorker Freund Joe Barry. Der berühmte Privatdetektiv verspricht, sich der Sache anzunehmen und sich auf die Suche nach dem obskuren Henry Walsh zu machen. Doch er kann nicht ahnen, was er dadurch nun alles ins Rollen bringt. Joe Barry erfährt, dass Walsh in Wirklichkeit Fisher heißt, so wie Stanley. Führte er etwa ein Doppelleben? Und ist er am Ende gar nicht tot? Und dann ist da noch Walshs etwas zwielichtiger Geschäftspartner Jack Bristol. Er weiß, dass Walsh vor seinem Verschwinden bedroht wurde und außerdem einen heftigen Streit mit seinem Neffen gehabt hat. Sagt Stanley Fisher vielleicht doch nicht die Wahrheit? Dann überstürzen sich die Ereignisse. Ein Hausmeister wird ermordet. Joe Barry folgt den Spuren nach Paris. Wo er bald gefesselt mit brummendem Schädel in einer Scheune erwacht, die jeden Moment Feuer zu fangen droht … Fritjof Guntram heißt mit vollem Namen Fritjof Guntram Haft und ist ein deutscher Rechtswissenschaftler und Autor. 1940 in Berlin geboren, wurde Fritjof Guntram Haft 1968 mit einer Arbeit über die kybernetischen Systeme im Recht an der Justus-Liebig-Universität Gießen promoviert. 1982 habilitierte er sich an der Juristischen Fakultät der LMU München. Von 1982 bis 2005 hatte er den Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik an der Eberhard Karls Universität Tübingen inne. Unter dem Autorennamen "Fritjof Guntram" hat Haft in den sechziger Jahren zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht, die er vorwiegend während des Jurastudiums geschrieben hat. Als Fritjof Guntram Haft hat er auch zahlreiche rechtswissenschaftliche Werke verfasst.

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E-Book-Leseprobe Privatdetektiv Joe Barry - Eiffeltürme für Paris - Joe Barry

Joe Barry

Privatdetektiv Joe Barry

Eiffeltürme für Paris

SAGA Egmont

Privatdetektiv Joe Barry - Eiffeltürme für Paris

Copyright © 1962, 2017 Joe Barry Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711668849

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk– a part of Egmont www.egmont.com

1. Kapitel

Mit knirschenden Bremsen schob sich der Expreß in den Zentralbahnhof von New York City.

Stanley Fisher verließ den Zug als einer der letzten. Zögernd schleppte er seinen schweren Koffer durch die Menge. Wer wie Stanley die Welt praktisch nur von Syracuse, Illinois, einem Zweitausendseelennest, aus kannte, bekam hier den Mund nicht so schnell wieder zu.

Er marschierte den scheinbar endlosen Bahnsteig entlang und fuhr mit der Rolltreppe nach oben. Ein paar Minuten stand er ratlos, dann stürzte er sich in das Gewühl der riesigen Halle des Grand Central Terminal.

Aufatmend kam er ins Freie. Vor ihm lag die 42. Straße, rechts und links türmten sich die Hausgiganten der Vanderbilt- und Lexington-Avenue empor. Er setze seinen Koffer ab und tat einen Rundblick. Das also war New York.

Stanley Fisher war ein junger Mann, Automechaniker, der sein Heimatdorf nur einmal in seinem Leben verlassen hatte. Das war vor zehn Jahren gewesen, als er zur Armee kam. Nach sechsmonatiger Ausbildung in Fort Lewis hatte ihn ein Truppentransporter nach Korea gebracht, wo er weitere sechs Monate in einer Autowerkstatt tätig gewesen war. Danach hatte er ein Jahr auf einer öden Insel im Pazifik verbracht und lebte seitdem wieder in Syracuse. Seine jetzige Reise war ein verspäteter Versuch, etwas von der Welt zu sehen.

Er nahm seinen Koffer wieder auf und kämpfte sich durch den dichten Verkehr auf der 42. Straße. Gejagt von pfeifenden Cops und Autos, erreichte er eines der gelbgestrichenen Taxis. Aufatmend ließ er sich in die Polster fallen.

„California-Hotel“, sagte er zum Fahrer. „38. Straße.“

„Aye, aye, Sir!“

Zehn Minuten später war er am Ziel. Er wechselte einen seiner gesparten zehn Hunderter, zahlte und betrat die Hotelhalle.

„Mein Name ist Stanley Fisher“, sagte er zu dem Portier. „Ich hatte telefonisch ein Zimmer bestellt.“

„Ist reserviert, Sir.“ Der Portier schob ihm das Fremdenbuch über den Tisch, schlug es aber nicht auf. Sein Blick ging an ihm vorbei.

Eine schwere Hand legte sich auf Stanleys Schulter.

„Sind Sie Stanley Fisher aus Illinois?“

Er fuhr herum. Vor ihm standen zwei Männer mit breiten Schultern, gutgeschnittenen Konfektionsanzügen und gleichmütigen Gasichtern.

„Ja der bin ich.“

„Mitkommen! Polizei!“

„Einen Augenblick. Was habe ich getan?“

„Das werden Sie schon noch erfahren. Nur nicht so neugierig.“

„Woher soll ich wissen, daß Sie wirklich von der Polizei sind?“

Der Kleinere der beiden zog seinen Ausweis heraus und hielt ihn Stanley vors Gesicht. Er sah die Stempel und das Foto: Angst stieg in ihm empor.

„Ich schwöre Ihnen, daß ich nichts getan habe!“ rief er. „Ich bin eben erst in New York angekommen!“

„Vorsicht. AI! Er will dich verkohlen“, sagte der Lange.

„Schluß jetzt!“ sagte der Kleine. „Sie können uns auf dem Revier Ihre Geschichte erzählen.“

Ein Polizeiwagen nahm sie auf und brachte sie in die Polizeistation an der 40. Straße. Dort mußte Stanley eine ganze Weile warten. Dann wurde er in eines der Büros gebracht.

Ein junger Polizeifeutnant blätterte gleichmütig in einer Akte, als er hereinkam. Dann sah er hoch.

„Sie sind Stanley Fisher?“

„Yeah, das habe ich nie bestritten“, antwortete Stanley bissig.

„Seit wann sind Sie in New York?“ „Seit einer Stunde.“

„Sind Sie mit der Bahn gekommen?“

„Nein, ich bin sechshundert Meilen gelaufen.“

„Die Witze machen wir, Mr. Fisher“, sagte der Leutnant gelangweilt. Er zündete sich eine Zigarette an und legte die Füße hoch. „Wann sind Sie in Syracuse abgefahren?“

„Vorgestern früh.“

„Wollen Sie sagen, diaß Sie zwei Tage für sechshundert Meilen gebraucht haben?“

„Nein, ich habe einen Zwischenaufenthalt eingelegt, in Chikago.“

„Können Sie das beweisen?“

„Natürlich. Ich war mit vielen Leuten zusammen.“

„Freunden, Bekannten?“

„Ich kenne in Chikago keinen Menschen. Ich habe dort einen Tag Station gemacht, um mir die Stadt anzusehen. Abends war ich aus, habe einige Bars besucht – was man halt so tut.“

„Mit anderen Worten, Sie können uns niemanden nennen, der bezeugen kann, daß Sie gestern in Chikago waren.“

„Verdammt noch mal, wollen Sie mir nicht verraten, was das Ganze soll?“ platzte Stanley heraus.

Der Leutnant zog die Augenbrauen hoch.

„Hier werden nicht nur die Witze von uns gemacht, sondern wir stellen auch die Fragen, klar?“

Stanley sprang auf.

„Haben Sie überhaupt ein Recht, mich hier festzuhalten?“

„Das habe ich, und wenn Sie mir nicht vernünftig antworten, habe ich in zehn Minuten einen Haftbefehl gegen Sie.“

Fluchend setzte Stanley sich wieder. Der Leutnant betrachtete ihn gleichmütig.

„Sie sind bereits gestern nach New York gekommen. Warum leugnen Sie es?“

„Ich bin vor einer Stunde gekommen. Hier sehen Sie es: Meine Fahrkarte trägt das heutige Datum. Ich weiß gar nicht, was Sie wollen.“

„Eine Fahrkarte kann man mit jedem beliebigen Datum kaufen. Beweisen Sie mir, daß Sie gestern in Chikago waren.“

„Warum, zum Teufel, soll ich das? Wir leben in einem freien Land. Soviel ich weiß, ist es nicht verboten, nach Chikago zu fahren, oder nach New York, oder wohin immer ich auch will.“

„Hatten Sie in Chikago ein Hotelzimmer?“

„Yeah, aber …“

„Was?“

„Ich bin nicht hingegangen. Ich hatte meinen Koffer auf dem Bahnhof gelassen und wollte ihn erst nachts abholen. Abends lernte ich in einer Bar ein Mädchen kennen; es wurde spät – well, da ging ich gar nicht erst ins Hotel. Mein Zug fuhr nämlich schon um fünf Uhr früh.“

„Und das Zimmer?“

„Bestellte ich telefonisch ab, das heißt, ich muß es natürlich noch bezahlen.“

„Haben Sie die Adresse des Mädchens?“

„Nein.“

„Natürlich nicht, wie sollten Sie auch!“ sagte der Leutnant sarkastisch. „Und sonst haben Sie eine Menge Taxifahrer. Kellner. Gepäckträger und Passanten gesehen. Lauter Zeugen, die sich an nichts mehr entsinnen können. Die alte Geschichte. Sie glauben gar nicht, mein Junge, wie oft ich das schon gehört habe.“

Der Leutnant stand auf und öffnete die Tür.

„Al!“ rief er. „Schmeiß ihn raus! Das ist ein ganz Hartgesottener.“

„Ich verstehe nicht …“, stammelte Stanley.

„Come on, Gus!“ brummte der Kriminalbeamte, der ihn gebracht hatte.

Sie kletterten in den Polizeiwagen, und Stanley wurde ins Hotel zurückgebracht.

„Können Sie mir erklären, was los ist?“ erkundigte sich Stanley.

Der Mann sah ihn prüfend an.

„Ist Ihnen der Name Henry Walsh ein Begriff?“

„No.“

„Der Leutnant hat recht. Sie kennen wirklich die Spielregeln.“

„Ich verstehe kein Wort!“

Der Wagen hielt vor dem Hotel. Der Kriminalbeamte beugte sich an Stanley vorbei und stieß die Tür auf. Stanley packte ihn am Arm.

„Gebein Sie mir wenigstens einen Tip!“

„Okay!“ sagte der Mann. „Henry Walsh ist ein Verwandter von Ihnen, der in New York lebt. Seit gestern ist er verschwunden. Man nimmt an, daß er ermordet wurde. Und ausgerechnet vorgestern haben Sie Syracuse verlassen, wo Sie acht Jahre gelebt haben. Verstehen Sie jetzt, warum wir uns für Sie interessieren?“

„Allerdings!“

„Ich will Ihnen noch einen Tip geben: Übertreiben Sie nicht! Die Methode, überhaupt nichts zu wissen, kennen wir nämlich ziemlich gut. Sie sollten wenigstens Ihren Verwandten kennen.“

„Aber ich habe den Namen Henry Walsh noch nie gehört!“

Der Detektiv zuckte die Achseln.

„Wie Sie wollen. Aber eines sage ich Ihnen: Versuchen Sie nicht, sich unsichtbar zu machen. Wir halten ein Auge auf Sie. Und sollte sich heraussteilen, daß Henry Walsh den gestrigen Tag nicht überlebt hat sind Sie der erste, den wir uns schnappen.“

Die Tür knallte zu. Der Chevrolet zog an und surrte über die Avenue davon.

Kopfschüttelnd ging Stanley in die Hotelhalle. Der Portier sah ihm mit unverhohlener Neugier entgegen.

„Ärger gehabt?“ erkundigte er sich mitfühlend.

„Wo bekomme ich einen Whisky?“ erkundigte sich Stanley, ohne auf die Frage des Portiers einzugehen.

„Drüben in der Bar.“ Enttäuscht sah der Portier ihm nach.

In der Bar ließ Stanley sida ein Telefonbuch kommen und sah unter „W“ nach. Die Walshs füllten allein zwölf Seiten, die Henrys darunter allein zwei. So kam er nicht weiter.

Er zerbrach sich den Kopf darüber, ob er einen Walsh unter seinen Verwandten hatte, aber er fand keinen.

Eine Weile spielte er mit dem Gedanken, wieder zur Polizei zu gehen und sich genau zu erkundigen. Aber das hätte ihn womöglich noch mehr in Verdacht gebracht. Er konnte nicht an diese Geschichte rühren, ohne Aufsehen zu erregen. Dabei kannte er diesen verteufelten Walsh überhaupt nicht.

Was aber, wenn Walsh tatsächlich ermordet gefunden wurde? Dann saß er, Stanley Fisher, im Gefängnis. Kalter Schweiß brach ihm bei dem Gedanken aus. Er war ein Tourist und sonst nichts.

Er bestellte einen zweiten Whisky und blätterte mechanisch im Telefonbuch weiter. Es war reiner Zufall, daß er genau auf den Namen des einzigen Menschen stieß, den er in New York kannte. Der Zufall war wiederum nicht sehr groß, denn die Namen Walsh und Barry liegen nicht weit auseinander.

Aber daß Joe Barry genau der richtige Mann für Stanley Fisher war – das war Zufall.

„Du bist absolut sicher, keinen Walsh zu kennen?“ fragte Joe, nachdem Stanley ihm eine halbe Stunde lang seinen Fall geschildert hatte.

„Absolut.“

„Well – dann bleiben praktisch nur zwei Erklärungen: Entweder das Ganze ist ein Irrtum, oder du hast tatsächlich einen entfernten Verwandten, von dem du nichts weißt. Es wird nicht schwer sein, hierüber Klarheit zu bekommen.“

„Hoffentlich macht es dir nicht zuviel Mühe. Ich bin nämlich nicht gerade gut bei Kasse.“

Joe grinste.

„Wir verrechnen es mit dem halben Monatssold, den ich dir einmal auf der Kafferninsel beim Pokern abgenommen habe.“ Er stand auf. „Sowie ich etwas weiß, gebe ich dir Bescheid.“

Joe verließ das Hotel, stieg in seinen spinatgrünen Mercedes 190 SL und kurvte in die 40. Straße. Er tat Stanley gern den Gefallen. Er glaubte Stanley, daß er nichts mit der Geschichte zu tun hatte. Warum sollte der arme Junge sich in seinen Ferien mit der Polizei herumschlagen?

Was allerdings jetzt ins Rollen kam – das konnte Privatdetektiv Joe Barry nicht ahnen.

Der Leutnant im Polizeirevier hob die Augenbrauen, als Joe auftauchte.

„Ihr Heiligen des Himmels – Barry!“ rief er. „Immer wenn ich Sie sehe, habe ich das Gefühl, die Unschuld meiner Leute ist in Gefahr!“

Joe grinste den Leutnant an. Er stand zur New Yorker Polizei etwa im gleichen Verhältnis wie ein Zuschauer, der die Tricks eines Zauberers kennt und sie für das Doppelte verkauft.

„Hallo, Mahonny!“ sagte er. „Ich bin gekommen, um Sie daran zu erinnern, daß die amerikanische Verfassung auch die Menschenwürde von Landbewohnern schützt.“

Leutnant Mahonny schob ihm die Ziarettenschachtel über den Tisch.

„Stanley Fisher?“ fragte er.

„Jedenfalls seid ihr nicht sehr nett zu ihm gewesen. Dabei bin ich sicher, daß Stanley nichts getan hat – was immer auch ihr von ihm denken mögt.“

„Mit den einfachen Jungen vom Lande habe so meine Erfahrungen. Für mich zählen nur Tatsachen. Eine andere Methode gibt es nicht, um ein Verbrechen aufzuklären.“

„Danke für die Belehrung, Leutnant!“

Mahonny biß sich auf die Lippen.

„Seien Sie nicht so empfindlich, Barry! Hat Fisher Sie geschickt?“

„Allerdings, Schießen Sie los! Was haben Sie sich ausgedacht?“

Der Leutnant nahm die Akte hoch, die auf dem Tisch lag, und blätterte sie durch.

„Der New Yorker Kaufmann Henry Walsh verließ gestern morgen um sechs Uhr seine Wohnung in Minor Beach, dreißig Meilen südlich von New York. Als er um zehn Uhr noch nicht im Büro war, rief sein Partner, Jack Bristol, in der Wohnung an. Laut Auskunft des Hausmeisters war Walsh um sechs Uhr fortgefahren. Bristol wartete in seinem Büro in der 54. Straße bis fünf Uhr nachmittags. Das Verschwinden von Walsh war um so merkwürdiger, als er für den Vormittag wichtige Kunden seiner Firma bestellt hatte, die nun vergeblich kamen.“

„Nur weiter!“ sagte Joe.

„Um fünf Uhr rief Jack Bristol die Verkehrspolizei an, um zu erfahren, ob Walsh vielleicht einen Unfall erlitten hatte. Das war nicht der Fall. Doch fand eine Polizeistreife kurz darauf Walshs Wagen drei Meilen südlich von Minor Beach unmittelbar am Ufer stehen. Im Sand wurden Fußspuren sowie die Reifenspuren eines anderen Wagens gefunden, die jedoch nicht gesichert werden konnten, da sie zu stark verweht waren.“

Joe pfiff durch die Zähne.

„An Ihrer Geschichte scheint etwas dran zu sein. Mahonny!“

„Warten Sie nur ab! Es kommt noch besser. Da das Büro von Walsh zu meinem Bezirk gehört bekam ich den Fall. Ich fuhr zu Jack Bristol.“

„Was für eine Firma ist das?“ erkundigte sich Joe.

„Sie heißt Transglobe Incorporated. Soviel ich weiß, macht sie Export- und Importgeschäfte Sie hat nur ein kleines Büro.“

„Angestellte?“

„Außer Bristol und Walsh nur eine Sekretärin. Ich nahm mir also Bristol vor und versuchte, irgend etwas über Walsh seine Freunde, seine Gewohnheiten herauszubekommen das mir woiterhelfen konnte. Sie kennen den Zauber ja. Dabei machte Bristol eine höchst interessante Bemerkung. Nach seinen Angaben war Henry Walsh in den letzten Wochen von irgend jemandem telefonisch bedroht worden. Walsh hatte einmal zu Bristol darüber gesprochen und kurz darauf erwähnt, er hätte Ärger mit einem Neffen gehabt.“

„Sie suchten also einen Neffen von Walsh. Das Merkwürdige ist nur, daß Stanley keinen Onkel dieses Namens hat.“

„Warten Sie nur ab! Ich durchforschte also den Lebenslauf von Walsh. Dabei kam ich darauf, daß er vor fünfzehn Jahren den Namen gewechselt hatte. Das war 1947. Er war kurz vorher von der Luftwaffe entlassen worden und hatte plötzlich den Wunsch, sich anders zu nennen. Sie wissen ja, daß man damals in dieser Beziehung Kriegsteilnehmern gegenüber großzügig war.“

„Wie war sein ursprünglicher Name?“

„Henry Fisher!“

„Langsam nähern wir uns Stanley.“

„Ganz recht. Ich fand heraus, daß Henry Fisher einen Neffen hatte, der in Syracuse, Illinois, lebt. Ich setzte mich mit der dortigen Polizei in Verbindung und erfuhr zwei höchst interessante Tatsachen. Die eine war, daß Stanley vorgestern Syracuse mit dem Ziel New York verlassen hatte, die zweite, daß seine letzte Telefonrechnung außergewöhnlich hoch war – so, als hätte er in den letzten Wochen mehrfach mit New York gesprochen.“

„Das sieht allerdings nicht mehr so harmlos aus“, nickte Joe.

„Das Weitere war Routine“, sagte Mahonny. „Stanley hatte Syracuse acht Jahre lang nicht verlassen. Er kannte folglich niemanden in New York. Es war zu erwarten, daß er hier ins Hotel ging. Bereits unsere erste Rundfrage hatte Erfolg – er hatte im ,California‘ ein Zimmer vorbestellt. Wir holten ihn hierher, und ich fühlte ihm auf den Zahn. Der Bursche war allerdings verschlagen wie eine Auster. Und ich hatte auch keine Möglichkeit, ihn festzusetzen. Der Untersuchungsrichter verweigert den Haftbefehl, bis feststeht, was mit Henry Walsh geschehen ist.“

„Well – Sie hätten ihn nicht nach einem Verwandten namens Walsh, sondern nach seinem Onkel Henry Fisher fragen sollen. Vielleicht hätte er sich dann erinnert.“

Der Leutnant schüttelte den Kopf.

„Entweder er hat Walsh umgebracht – dann weiß er sofort Bescheid, oder er hat nichts damit zu tun – dann interessieren mich seine Geschichten über Onkel. Henry nicht. Ich wollte nur sehen, wie er reagiert.“

„Und wie war Ihr Eindruck?“

„Nicht gut, nicht schlecht.“ Mahonny grinste plötzlich. „Wollen Sie sich etwa auch noch auf die Suche nach Walsh machen? Das ist eine Aufgabe, an der die gesamte New Yorker Polizei schon herumbastelt.“

„Ich bin ein leidenschaftlicher Bastler“, erwiderte Joe. „Überlassen Sie mir doch mal für eine halbe Stunde die vollständige Akte Walsh!“

„Das ist ein Staatsgeheimnis“, empörte sich der Leutnant. „Kennedy hat verboten, sie Außenstehenden zu zeigen.“

Dann ließ er Joe mit der Akte allein.

*

Minor Beach lag zu weit entfernt, um noch ein Vorort von New York zu sein aber nahe genug, um vielen Leuten, die in der Stadt arbeiteten, als Wohnort zu dienen. Um in Minor Beach ein Haus zu haben, waren zwei Dinge notwendig: Das eine waren Dollars, das andere noch mal Dollars.

Barrys spinatgrüner SL flitzte über die Uferstraße. Auf einer Anhöhe stoppte er. Joe breitete die Karte aus und studierte sie.

„Hier muß die Stelle sein“, sagte er, bog von der Straße ab und fuhr über den Sand langsam am Wasser entlang. Ein frischer Wind kam vom Meer her; die Wellen hatten weiße Schaumkronen.

„Der arme Onkel Henry“, sagte Stanley, der neben Barry saß, mindestens zum zwanzigsten Male. „Ich habe ihn das letztemal als Kind gesehen. Ich hatte immer geglaubt, er wäre im Krieg umgekommen.“

Joe hielt an und stieg aus.

„Hier fand man den Wagen von Walsh“, sagte er. „Die Polizei nimmt an, daß er hier ermordet und mit einem anderen Wagen fortgeschafft wurde.“

„Ja“, äußerte Stanley nicht übermäßig geistreich.

„Für einen Mord ist das die ungünstigste Stelle, die man sich denken kann“, fuhr Joe fort. „Die Gegend flach wie ein Brett; nur im Norden das Panorama von Minor Beach. Wie sollte Walsh hierhergekommen sein? Die Stelle taugt zu nichts, nicht einmal zu einem Rendezvous.“ Er dachte kurz nach. „Hier wurde lediglich Walshs Wagen hergebracht“, sagte er dann überzeugt. „Und zwar nicht von ihm selbst.“

„Woher weißt du das?“ fragte Stanley verblüfft.

„Ich weiß gar nichts. Ich stelle Vermutungen an.“ Joe klappte die Tür auf. „Vorwärts! Hier ist nichts mehr zu tun.“

Sie fuhren nach Minor Beach zurück. Nach einigem Suchen fanden sie das Haus von Henry Walsh. Ein uniformierter Cop machte ihnen auf. Er gehörte zur Mannschaft des Headquarters. Joe kannte ihn.

„Hallo, Fred!“ sagte er. „Was bewachst du hier?“

„Keine Ahnung“, antwortete der Cop grinsend. „Anordnung von Leutnant Mahonny.“

„Hier soll ein Hausmeister sein. Kann ich ihn sprechen?“

„Natürlich.“

Joe durchquerte die Halle und klopfte an der Tür, die der Cop ihm gezeigt hatte. Das Haus war im alten englischen Stil erbaut, mit Holz an den Wänden und offenen Kaminen.

„Der Alte ist schwerhörig“, sagte der Cop und stieß die Tür auf. „Gestern mußte ein Streifenwagen ihm erst neue Batterien für sein Hörgerät besorgen, bevor der Leutnant ihn verhören konnte.“

Joe sah sich um. Vor ihm lag ein kleines Zimmer. Es war leer.

„Verstehe ich nicht“, brummte der Cop. „Vor einer Stunde sah ich ihn reingehen, nachdem er die Halle gebohnert hatte. Er wollte seinen Mittagsschlaf halten.“

Joe entdeckte eine weitere Tür und öffnete sie. Dahinter lag eine kleine Wohnküche.

Schweigend sah Joe zu Boden. Der Cop trat hinter ihn. Seine Augen weiteten sich.

„Verdammt!“ entfuhr es ihm.

Auf dem Boden lag der Hausmeister.

Er war tot.

„Zwei Schüsse“, faßte Lieutenant Antony Starr, der Leiter der Mordkommission, das Resultat der Untersuchung zusammen.