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In "Pròdrŏmŏs" entführt Peter Altenberg die Leser in eine facettenreiche, poetische Welt, die durch eindringliche Beobachtungen des Alltags und menschlichen Lebens geprägt ist. Altenbergs schnörkelloser, doch zugleich lyrischer Stil spiegelt seine besondere Affinität zur Wiener Seele wider und lässt den Leser tief in die Gedanken- und Gefühlsebenen seiner Protagonisten eintauchen. Mit einem geschulten Blick auf die Feinheiten des Lebens und den Zwiespalt der menschlichen Existenz gelingt es Altenberg, eine Atmosphäre der Melancholie und Hoffnung zu schaffen, die das literarische Erbe der Wiener Moderne maßgeblich prägt. Peter Altenberg, ein bedeutender Vertreter der Wiener Moderne, war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Versuchsanleiter der menschlichen Emotionen. Sein eigenes Leben, gekennzeichnet von tiefen emotionalen Erfahrungen und einem beinahe obsessive Interesse an der menschlichen Psyche, bildet den Hintergrund für die Erschaffung seiner Charaktere. Altenberg schätzte die Subjektivität und die fragile Schönheit des Lebens, die sich in denselben ergreifenden und oft tragisch-scherzhaften Momenten widerspiegeln, die auch in "Pròdrŏmŏs" ein zentrales Thema darstellen. Für Leser, die sich für die feinen Nuancen des menschlichen Daseins interessieren, ist "Pròdrŏmŏs" ein unverzichtbares Werk. Altenbergs meisterhafte Prosa lädt dazu ein, die Komplexität des Lebens zu erkunden und die Schönheit im Alltäglichen zu entdecken. Dieses Buch ist nicht nur eine literarische Reise, sondern auch eine tiefgreifende Reflexion über die Existenz selbst. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Im Zentrum von Pròdrŏmŏs steht die Sehnsucht, das Flüchtige der Großstadt mit einem hellwachen, menschlichen Blick festzuhalten. Peter Altenberg richtet seine Prosa-Miniaturen auf jene Augenblicke, die sonst an uns vorbeirauschen: eine Geste im Vorübergehen, ein Schimmer Natur mitten im urbanen Lärm, eine innere Regung, kaum spürbar und doch entscheidend. Nicht große Handlung, sondern Aufmerksamkeit ist sein Motor. Die Texte wirken wie leise Ankündigungen von Erlebnissen und Empfindungen, Vorstufen zu Geschichten, die sich beim Lesen im Bewusstsein vollenden. Damit lädt das Buch dazu ein, Tempo herauszunehmen und Wahrnehmung als Kunstform zu praktizieren.
Pròdrŏmŏs gehört zur kurzen, impressionistischen Prosa der Wiener Moderne und entstand im kulturellen Klima des frühen 20. Jahrhunderts in Wien. Das Buch versammelt Feuilletons, Skizzen und Miniaturen, von denen viele zunächst im Presse- und Zeitschriftenraum kursierten, bevor sie zwischen Buchdeckeln zusammenkamen. Der Schauplatz ist überwiegend die Stadt: Straßen, Parks, Kaffeehäuser, Theaterfoyers, aber auch Ausflüge ins Nahe der Natur. Der Publikationskontext ist der der literarischen Öffentlichkeit einer Metropole, die sich zwischen Tradition und Moderne neu erfindet. Leserinnen und Leser erhalten keinen linearen Plot, sondern ein Mosaik von Momenten, die gemeinsam ein atmosphärisches Stadt- und Seelenpanorama ergeben.
Das Leseerlebnis ist von einer Stimme geprägt, die zugleich innig und ironisch, verletzlich und präzise wirkt. Altenberg schreibt in konzentrierten Bildern, die ohne Umschweife auf den Kern eines Eindrucks zielen. Die Sätze sind knapp, rhythmisch und oft überraschend in der Wendung, wodurch sich eine leichte, fast tanzende Bewegung ergibt. Stimmung und Ton wechseln zwischen Zartheit und Witz, zwischen Melancholie und Aufbruch. Das Ich tritt nah, ohne sich aufzudrängen: eine beobachtende Präsenz, die Anteil nimmt und doch Distanz wahrt. So entsteht eine Prosa, die mehr andeutet als erklärt und die Fantasie der Lesenden aktiv werden lässt.
Ausgangssituation ist das tägliche Unterwegssein in einer Stadt, deren Reize und Reibungen das Erzählen antreiben. Menschen tauchen auf, verschwinden, hinterlassen Eindrücke: eine Verkäuferin, ein Kind, ein Flaneur, ein Reisender; Orte öffnen und schließen sich wie Bühnenbilder. Der Textfokus liegt auf dem Augenblick, nicht auf der Auflösung von Konflikten. Die Szenen bleiben offen, als Einladungen zum Weiterdenken. Wer Pròdrŏmŏs liest, begleitet eine Wahrnehmung, die sich schärft, stolpert, innehält, erneut ansetzt. Das ergibt ein stilles Abenteuer der Aufmerksamkeit, das nicht von Spannungskurven lebt, sondern von der Intensität eines präzisen, mitfühlenden Blicks.
Zentrale Themen sind Wahrnehmung und Mitgefühl, Einsamkeit und Nähe, die Schönheit des Alltäglichen, das Spannungsfeld zwischen Natursehnsucht und urbanem Leben. Auch Geschlechterrollen, soziale Unterschiede und die poetische Aura des Vorübergehens werden tastend erkundet. Gerade darin liegt Gegenwartsrelevanz: In einer Zeit beschleunigter Reize und fragmentierter Aufmerksamkeit erinnert das Buch daran, wie viel Bedeutung in kleinen Szenen steckt. Es regt an, Urteile aufzuschieben, Nuancen zu sehen, das Fremde im Vertrauten zu entdecken. Die Miniaturen fordern ein aktives Lesen, das nicht abhakt, sondern Resonanz zulässt – eine Haltung, die heute selten und kostbar ist.
Formal arbeitet Pròdrŏmŏs mit Verdichtung, Auslassung und Montage. Statt abschließender Erzählungen entstehen Skizzen, die wie sorgfältig gesetzte Pinselstriche wirken. Übergänge sind oft assoziativ; Pointen dienen weniger dem Effekt als der Erkenntnis. Diese Bauweise macht die Texte beweglich: Sie lassen sich einzeln genießen und im Verbund wie ein Atemrhythmus der Moderne lesen. Die Kürze ist kein Mangel, sondern Methode – ein Versuch, das Unfassbare nicht zu fixieren, sondern schimmern zu lassen. So steht das Buch in einer Tradition der Feuilleton- und Prosaskizze, die bis heute Formen des Mikroschreibens inspiriert.
Wer dieses Buch zum ersten Mal aufschlägt, liest es am stärksten, wenn er es nicht am Stück, sondern in Etappen genießt, denn die Dichte der Beobachtungen entfaltet sich im Nachhall. Jede Miniatur ist ein Fenster auf gelebte Zeit in Wien, das zugleich in andere Zeiten hinüberleuchtet. Pròdrŏmŏs schenkt keine fertigen Antworten, sondern eine Haltung: aufmerksam, zart, entschieden gegen das Grobe. In dieser Mischung liegt seine anhaltende Faszination. Die Einladungen, die es aussendet, sind leise, aber beharrlich – und wer ihnen folgt, entdeckt im Kleinen eine Welt, die groß genug ist.
Pròdrŏmŏs ist eine Sammlung knapper Prosaminiaturen, in denen Peter Altenberg das Wien der Jahrhundertwende in Momentaufnahmen festhält. Die Texte sind keine fortlaufende Erzählung, sondern ein Mosaik aus Eindrücken, Begegnungen und Beobachtungen. Der Titel verweist auf das Vorläufige: Skizzen als Vorboten einer umfassenderen Lebenssicht. Altenberg fokussiert auf Alltägliches, auf Gesten, Blicke, Nebensächlichkeiten, die sich als wesentlich erweisen. Ohne dramatische Handlung entsteht ein Panorama der Stadt und ihrer Menschen. Der Ton ist nüchtern und zugleich aufmerksam, das Vokabular schlicht, die Sätze oft kurz. So entsteht ein feines Protokoll des Augenblicks, das Wahrnehmung selbst zum Thema macht.
Zu Beginn kreisen die Stücke um das Motiv des Sehens. Spaziergänge, Cafébesuche, Blicke in Schaufenster und auf Passanten legen ein Programm der Genauigkeit nahe. Der Erzähler vermeidet erklärende Psychologie; er registriert Haltung, Kleidung, Stimme, kleine Rituale. Wiederholt befragt er die Kunst des Notierens: Was darf weggelassen werden, damit das Wesentliche sichtbar bleibt? In dieser Einleitung prägt sich die Methode ein: beschränken, verknappen, zuspitzen. Die ersten Miniaturen führen exemplarische Situationen vor, in denen ein Detail das Ganze andeutet. So bildet sich ein Erwartungshorizont, der das Folgende strukturiert: das große Thema „Stadtleben“ im Spiegel minimaler Szenen.
Die städtische Erfahrung entfaltet sich in rasch wechselnden Schauplätzen. Straßenbahnen, Promenaden, Caféhäuser und nächtliche Boulevards bilden die Kulisse. Das Tempo der Moderne erscheint als Abfolge flüchtiger Kontakte: ein Gruß, ein verpasster Blick, ein kurzer Dialog. Dabei stehen gesellschaftliche Kontraste nebeneinander, ohne kommentierende Erklärung. Repräsentation und Einfachheit treffen sich im selben Raum. Die Texte zeigen, wie Zufall, Lärm und Licht die Wahrnehmung strukturieren. Moderne Bequemlichkeiten und Unruhe werden gleichermaßen sichtbar. Statt Handlung im klassischen Sinn gibt es Intensitäten des Augenblicks, die sich zu Themenbündeln verdichten: Öffentlichkeit, Rolle, Maske, die Kunst, sich in der Menge nicht zu verlieren.
Ein wiederkehrender Schwerpunkt gilt Frauenbildern. Altenberg porträtiert Tänzerinnen, Verkäuferinnen, Mütter, junge Mädchen, stets über konkrete Details: eine Geste, eine Frisur, ein Satz. Bewunderung und Distanz halten einander die Waage. Die Texte vermerken gesellschaftliche Erwartungen, Etikette und Zwänge, ohne sie argumentativ zu diskutieren. In knappen Strichen werden Spielräume und Grenzen sichtbar, die weibliche Präsenz in der Stadt prägen. Die Stücke vermeiden dramatische Zuspitzung; sie bleiben Momentaufnahmen, die einen Übergang festhalten. Dadurch treten Schattierungen von Nähe und Fremdheit hervor, während eine unausgesprochene soziale Diagnose im Hintergrund mitläuft: Rollen entstehen aus Blicken und Konventionen.
Kinder und Natur bilden ein Gegengewicht zur urbanen Dichte. Beobachtungen aus Parks, dem Prater und Randzonen der Stadt zeigen andere Zeitmaße: Spiel, Neugier, Staunen. Kinder erscheinen als Lehrmeister spontaner Aufmerksamkeit. In diesen Miniaturen wird das Thema Erziehung berührt: nicht als Programm, sondern als Frage nach Freiheit, Sanftheit und Maß. Die Natur wird nicht romantisiert, sondern als Raum der Erholung und der genauen Wahrnehmung eingeführt. Jahreszeiten, Wetter, kleine Tiere und Pflanzen rhythmisieren die Texte. So erweitert sich das Stadtpanorama um eine leise Gegenwelt, in der Geräusche abklingen und Blickrichtungen sich ändern, ohne den Zusammenhang mit dem urbanen Alltag zu lösen.
Ein Komplex von Stücken reflektiert Kunst und Schreiben. Altenberg diskutiert, meist indirekt, den Wert der Kürze, die Wahrheit des Details und das Verhältnis von Pose und Authentizität. Pròdrŏmŏs bezeichnet sich dabei als „Vorläufer“: ein Vorspiel, das keine abschließenden Thesen setzt, sondern Haltungen erprobt. Anspielungen auf zeitgenössische Literatur und Bühnenkunst erscheinen als Randbemerkungen, nicht als Essays. Die Schreibweise wird selbst zum Gegenstand: Inwiefern kann der Miniaturtext Lebensfülle transportieren? Die Antworten erfolgen performativ, durch gelungene Beispiele. So entsteht eine Poetik der Skizze: sehend schreiben, das Unwesentliche streichen, dem Leser zutrauen, die Zwischenräume zu füllen.
Soziale Beobachtungen schärfen das Bild: Armut, Dienstboten, Gelegenheitsarbeiter, Fremde und Außenseiter treten in kurzen Szenen auf. Mitleid wird nicht pathetisch behauptet, sondern in kleinen Akten der Aufmerksamkeit erprobt. Der Ton vermeidet moralische Belehrung, doch der Blick bleibt unbeirrt. Auch das Bürgertum erscheint, mitsamt seinen Komfortzonen, Ritualen und Blindstellen. Leise Ironie ergänzt die Empirie, wenn Höflichkeit in Selbstzweck umschlägt. Die Texte zeigen, wie Öffentlichkeit zugleich Sichtbarkeit und Verdeckung erzeugt. Zwischen Wohltätigkeit und Schaulust ergeben sich Spannungen, die angedeutet, aber nicht ausformuliert werden. Dadurch entstehen Mikroszenen gesellschaftlicher Verdichtung, deren Urteilskraft im Arrangement liegt.
Obwohl die Sammlung keinen linearen Plot verfolgt, entsteht eine Dramaturgie der Wiederkehr. Motive, Orte und Haltungen tauchen versetzt wieder auf und bilden einen inneren Rhythmus. Die Anordnung legt einen Leseweg nahe: vom Programm des Sehens über städtische Dichte, weibliche und kindliche Perspektiven hin zu kunstpoetischen Reflexionen und sozialen Fragen. Wiederholungen sind bewusst gesetzt; sie variieren Blickwinkel und Ton. So entsteht aus Fragmenten ein Gesamtbild der Epoche, das weniger erzählt als komponiert ist. Der Eindruck gleicht einem Tageslauf mit Übergängen, Pausen und Nachtszenen, dessen Spannkraft aus der Balance von Beobachtung, Andeutung und Stille gewonnen wird.
Am Ende steht eine klare Botschaft: Aufmerksamkeit ist eine Praxis. Pròdrŏmŏs zeigt, wie aus kleinen Momenten Verständnis wächst, ohne große Worte und ohne abschließendes Urteil. Die Miniaturen plädieren für eine Ethik der Wahrnehmung, die Menschlichkeit nicht behauptet, sondern im Detail erprobt. Zugleich skizziert das Buch eine Ästhetik des Alltags, in der Kunst nicht abhebt, sondern den stofflichen Reichtum des Lebens ernst nimmt. Als Vorläufer markiert es eine Schwelle zur Moderne: knappe Form, beweglicher Blick, Vertrauen in die Leserin und den Leser. So erschließt sich die Essenz der Sammlung als nüchterne, präzise und nachhaltige Schule des Sehens.
Peter Altenbergs Pròdrŏmŏs erschien 1906 im Wien der späten Habsburgermonarchie. Die Stadt war Hauptstadt eines Vielvölkerreiches, administratives Zentrum und Bühne eines ausgeprägten großstädtischen Alltags zwischen Ringstraße, Vorstädten wie Leopoldstadt und Ottakring, dem Prater als Massenfreizeitraum sowie den Kaffeehäusern der Inneren Stadt. Zwischen kaiserlicher Repräsentation und dicht bewohnten Mietshäusern bewegten sich Händler, Beamte, Arbeiterinnen und flanierende Bourgeois. Diese Topografie bildet den sozialen Raum des Buches: Die Miniaturen verankern sich in Straßen, Parks, Warenhäusern und Cafés, die um 1900 Lebensrhythmen, Begegnungen und Konflikte strukturierten und in denen sich die Spannungen des späten Kaiserreichs verdichteten.
Die städtische Modernisierung prägte Wien seit dem Abbruch der Stadtmauern 1857 und der Ringstraßenbebauung (1860er–1890er). Technische Verdichtung folgte: die Stadtbahn wurde 1898–1901 eröffnet, das Straßenbahnnetz zwischen 1897 und 1903 elektrifiziert, Beleuchtung und hygienische Infrastruktur ausgebaut. Die Weltausstellung 1873 und der Prater förderten Massenkultur; Kaufhäuser an Graben und Mariahilfer Straße veränderten Konsumgewohnheiten. 1910 überschritt Wien die Marke von zwei Millionen Einwohnern. Pròdrŏmŏs spiegelt diese Beschleunigung in Szenen des Flanierens, der Verkehrsdichte und der öffentlich sichtbaren Durchmischung von Klassen; die Beobachtung kurzer Begegnungen ist ohne diese neue Taktung urbanen Lebens kaum denkbar.
Die politische Dominanz der Christlichsozialen unter Bürgermeister Karl Lueger (Amtsantritt 1897, Amtszeit bis 1910) formte das Klima der Stadt. Lueger verband kommunale Modernisierung (z. B. Kommunalisierung von Gas, Elektrizität, Verkehr) mit populistischer, oft offen antisemitischer Rhetorik; die Partei entstand 1893 und gewann in den 1890ern die Mehrheit im Gemeinderat. In einem Wien mit bedeutender jüdischer Bevölkerung – darunter der 1859 geborene, aus jüdischer Familie stammende Autor Peter Altenberg (Richard Engländer) – prägte dies Alltag und soziale Wahrnehmung. Pròdrŏmŏs reagiert indirekt: Das Buch beobachtet bürgerliche Selbstinszenierung und institutionelle Härte mit ironischer Distanz und gibt Außenseitern, Armen und „Unerwünschten“ einen Raum, der die Exklusivität christlichsozialer Stadtpolitik unterläuft.
Der Aufstieg der Sozialdemokratie formte die soziale Landschaft: Das Hainfelder Programm (1888/89) einte die SDAPÖ unter Victor Adler; am 1. Mai 1890 demonstrierten Arbeiter in Wien erstmals massenhaft für den Achtstundentag. Streikbewegungen und Vereinswesen stärkten eine urbane Arbeitersphäre; 1907 führte das Reich die allgemeine, gleiche und direkte Männerwahl ein, die politische Mobilisierung kulminierte in den Reichsratswahlen. Diese Herausbildung einer „Masse“ veränderte Straßenbilder, Freizeit (Volksprater, Heurige) und Arbeitsrhythmen. Pròdrŏmŏs zeigt Schreiberlinge, Verkäuferinnen, Dienstboten und Handwerker im flüchtigen Alltag und macht so die neue Sichtbarkeit und Erwartungen der kleinen Leute spürbar, ohne programmatisch zu agitieren.
Nationalitätenkonflikte des Vielvölkerreichs entluden sich 1897 in der Badeni-Krise: Die Sprachenverordnungen des Ministerpräsidenten Kasimir Felix Badeni (Frühjahr 1897), die Tschechisch und Deutsch in Böhmens Verwaltung gleichstellten, provozierten in Wien und Böhmen wütende deutsch-nationale Proteste, Tumulte und Parlamentsblockaden; Badeni wurde im November 1897 entlassen. Der Konflikt offenbarte die Fragilität imperialer Integrationsmechanismen und die Gewaltbereitschaft der Straße. In Pròdrŏmŏs ist dieses Klima als latentes Hintergrundrauschen präsent: die plötzliche Kipprisikio städtischer Öffentlichkeit, das Nebeneinander von Höflichkeit und Aggression, und das Bewusstsein, dass urbane Ruhe jederzeit in kollektive Erregung umschlagen kann.
Frauenbewegungen und Moralpolitik gewannen um 1900 an Dynamik. Der Allgemeine Österreichische Frauenverein (gegründet 1893) kämpfte für Bildung und rechtliche Selbständigkeit; Frauen wurden in Wien ab 1897 zu philosophischen Studien, kurz darauf auch zur Medizin zugelassen. Zugleich überwachte die Sittenpolizei die reglementierte Prostitution, Debatten über Gesundheit, „Sittlichkeit“ und Schutz von Dienstmädchen, Verkäuferinnen und Näherinnen prägten den Reformdiskurs. Pròdrŏmŏs porträtiert Ladenmädchen, Gouvernanten und junge Frauen zwischen Erwerb, Begehren und gesellschaftlicher Kontrolle; die Miniaturen zeigen die Prekarität weiblicher Lebensläufe und werfen ein kritisches Licht auf bürgerliche Doppelmoral.
Dynastische Erschütterungen prägten das Fin de Siècle: 1889 der Tod des Kronprinzen Rudolf in Mayerling, 1898 die Ermordung Kaiserin Elisabeths in Genf. Diese Ereignisse destabilisierten das Bild unantastbarer Hofordnung und beförderten eine melancholische Stimmung in der Hauptstadt; sie fielen in eine Zeit, in der die Stadt wuchs, aber soziale Sicherheiten brüchig blieben. Zugleich zog Wien Migranten aus Böhmen, Mähren und Galizien an, was Nachbarschaften veränderte. Pròdrŏmŏs verdichtet diese Gemengelage zu Momentaufnahmen von Vergänglichkeit und Verletzlichkeit: Glanz und Elend stehen dicht beieinander, Hofglorie erscheint als Kulisse für sehr moderne, soziale Unsicherheiten.
Als gesellschaftliche Kritik macht Pròdrŏmŏs die Widersprüche der späten Monarchie sichtbar: bürgerliche Selbstzufriedenheit neben Armut, moralische Rhetorik neben Ausbeutung, kommunale Modernität neben Ausschluss durch Antisemitismus und Nationalismen. Die knappen Beobachtungen ziehen die Folie politischer Konflikte in den Alltag ein, indem sie die Wirkung von Wahlrecht, Straßenpolitik und Behördenpraxis auf Körper, Zeit und Raum zeigen. So unterminiert das Buch Triumphalnarrative von Ordnung und Fortschritt und legt die Schattenseiten der Metropole offen: Klassengegensätze, weibliche Prekarität, die Unsicherheit ethnischer Minderheiten und die latente Gewalt massenpolitischer Mobilisierung.
Ein unbescheidener Titel. Im Titel liegt das, was man gewollt hat. Und im Inhalt das, was man nicht gekonnt hat. Die Gegenwart wird ihn verdammen, pardon, belächeln. Aber die Zukunft wird ernst und nachdenklich bleiben. Ein Wegweiser ist kein Ziel. Aber ein Weg-Weiser![1q]
Keiner, dem laut tönend zu sprechen ist, hat das Recht, stumm abzutreten. Und wenn er nur verkündet, welches die beste Tinte, welches die vorzüglichste Schreibfeder sei. Nur der Stumme ist unnützlich[2q]. Er könnte niemandem den Weg ein wenig verkürzen helfen, erleichtern, den er selbst zu wandeln hatte zeitlebens, vom Irrtum zum Richtigeren! Und ein jeder, ein jeder deckt Irrtümer auf, Zeit seines Wandelns. Aber er zieht es vor, es mit ins Grab zu nehmen. Weshalb?!? Aus Schadenfreude.
Die Natur ist der Embryo des Geistes.
Der Geist ist die endentwickelte Natur.
Der Geist muss die Natur in sich besiegen, wie der reife Mensch seine unsinnigen Kindlichkeiten!
Oh schöne Kinderzeit, wenn du nur nicht so stupid wärest! Oh schöne Kinderzeit, wenn du nur nicht so unsicher wärest! Immer kannst du eine Tollkirsche für eine Kirsche nehmen – – –.
„Aber das ist ja gerade das Rührende und Poetische daran“ erwiderte mir eine Dame mit verklärten Blicken.
„Das finde ich nicht“, erwiderte ich trocken.
Die Natur in uns träumt es nur dämmernd: Iss erst, bis du hungrig, höre auf, bevor du satt bist!
Der Geist in uns jedoch befiehlt es unerbittlich: Iss erst, bis du hungrig, höre auf, bevor du satt bist!
Wir reagieren leider nicht auf Träumereien[3q]. Nur auf Feldherrn-Befehle! Das Moltke-Gehirn[1] in uns! Gehirn, der Sieger! Nacht-Träume sind nicht zwingend. Aber Tag-Erkenntnisse!
Die Diätetik liegt eingesargt in Büchern.
Sie muss wieder auferstehen in Gehirnen!
An eure Pflicht, Eltern! Eltern-Liebe?!? Nein, Eltern-Erkenntnisse! Eltern-Weisheit ersetze endlich die dumme und bequeme Eltern-Liebe!
Solange du sagst: „Nun ja, ich gebe es zu, die Luft in diesem Raume ist gerade nicht Ozon-reich, Waldesluft ist anders – – –,“ solange du noch die tändelnde ironische Note zur Verfügung hast, bist du unreif und unrettbar. Erst bis du sauerstoffarme Luft in irgend einem Raume, in dem du zu atmen gezwungen bist, als eine tödliche Beleidigung deines Organismus, als ein Verbrechen an ihm, als eine Selbst-Verstümmelung empfinden wirst, bist du auf dem Wege des Reif-Werdens! Auch Erkenntnis ist noch zwanglos. Zwingend ist erst Verzweiflung!
Der junge Neger in Europa sagte: „Ich bleibe meiner Freundin in Afrika getreu. Ich gehe niemals mit Damen schlafen, die „auf mich fliegen“, oder auf die „ich fliege“, also aus Liebe. Ich gehe nur mit Damen, die ich mir kalt bezahlen darf.“
Es gibt nur „seelische Untreue“! Sonst könnte der Genuss einer ersehnten Speise auch fast bereits Treulosigkeit sein!
Ich kenne nicht absolut genau den Wert-Grad von Schlafmitteln. Professor Neusser[2] nannte mir als die überhaupt unschädlichsten Veronal[3] und Hedonal[4]. Daher sind sie es wahrscheinlich. Ferner Alkohol, insofern er einschläfernd wirkt!
Aber das ist das allein Wichtige dabei: Jedes Schlafmittel muss im Organismus seine Wirkung vollkommen zu Ende auswirken können! Es muss sich gleichsamrestlos in Schlaf umsetzen können! Das heisst, ungestörter Schal in sauerstoffreiner Luft, also bei geöffneten Fenstern, bis zum von-selbst-Erwachen! Es gibt da keine konventionelle Zeitbemessung. Eine jede wäre ein Verbrechen!
Möge das Unnatürliche wirken, bis das Natürliche zu seinem notwendigen Siege gelange! Das Schlaf-Mittel verzehrt sein Gift selbst restlos im Schlafe, wenn es durch nichts daran gehindert wird!
Ich schläfere dich künstlich ein, damit du natürlich erwachest!
Lasse dich um Gottes willen durch die übertriebenen Zahlen „15 Stunden Schlaf“, 20 Stunden Schlaf, 30 Stunden Schlaf, nicht abschrecken! Es kommt ein Augenblick, da du nicht weiterschlafen kannst! Um diesen allein handelt es sich. Ein fast Übersättigtsein von Schlaf muss eintreten. Du wirst dich matt und ungewöhnlich dabei fühlen. Die Natur hat aber alle Gifte in dir bereits besiegt! Der Sieger darf sich matt und ungewöhnlich fühlen! Vom Siege!
Irgend ein Schlaferzeugungs-Mittel nehmen und demselben nicht Zeit lassen, im Organismus sich endgültig auszuwirken als Schlaf, ist eine Art von Selbstmord.
Es ist der „tückische Selbstmord“, der ungewollt gewollte!
Es ist der idiotische Selbstmord.
Wenn ich auf der Strasse im Spätherbst oder sogar im Winter eine junge Mutter antreffe, deren Kinder noch Socken und keinerlei Unterkleider tragen, möchte ich jedesmal vor ihr ehrerbietig Front machen!
Eltern verdienen erst diesen Ehrentitel „Eltern“, wenn sie in höchster Kultur, in höchstem Wissen, in Liebe, in genialer Intuition, es zuwege bringen, das Pubertätsalter ihrer Kinder bis an die äusserste mögliche Grenze hinauszurücken! Der Natur Zeit lassen, Zeit lassen ist alles!
„Meine Tochter wurde erst Weib mit 17 Jahren, mein Sohn erst Mann mit 17“ sagte eine edle Dame stolz zu mir. Und ich segnete diese einzige Mutter innerlich.
„Das Geschlechtsleben meiner Kinder ist meine bange zitternde Sorge Tag und Nacht“, sagte eine Adelige zu mir. Anderen sind es die Dienstboten und Kleider und Hüte.
„Mein Sohn wird bestimmt zu mir kommen und mich fragen, wenn er nach dem Weibe verlangt!“ sagte ein edler Vater zu mir zuversichtlich. „Was aber soll ich ihm antworten?!? Mir bangt!“
Sagen Sie zu ihm: „Gehe zu jenem Weibe, bei dem der Gedanke, sie nie wiederzusehen, dich tief bedrücken würde! Selbst im Bordell kannst du eine solche finden. Es muss unter allen Umständen vorerst eine seelische Angelegenheit sein!“
Aus Seelischem allein erblüht Kraft und Frieden.
Bei geschlossenen Fenstern schlafen und so die Luft, die der Organismus als für seine Zwecke unbrauchbar ausatmet, wieder einatmen müssen, heisst ein idiotischer Selbstbetrüger sein!
Geld ist eine vollkommen gleichwertige Kraft zur Erhaltung unseres Organismus wie unsere übrige Nervenkraft. Es ist ganz ebenso ein Erzeuger, Erhalter, Steigerer unserer Gesamt-Lebens-Energieen. Daher gibt es eine ganz identische ökonomische Hygiene und Diätetik. Sparsamkeit ist die Tugend der Tugenden[4q]. Geiz und Verschwendung sind Laster! „Ich bin Blut-arm“ ist gleich „Ich bin Blut-arm“!
Keinerlei Unterkleider tragen! Und Franzensbad[5] wird bald verödet daliegen in seiner Moorlandschaft!
