Promised - Kiera Cass - E-Book

Promised E-Book

Kiera Cass

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Beschreibung

Nach »Selection« die neue große Liebesgeschichte von Kiera Cass Wie jedes Mädchen am Hofe hofft Hollis, dass sie diejenige ist, die König Jamesons Herz erobert. Als sie auf einem Ball stolpert und ihm buchstäblich in die Arme fällt, verliebt Jameson sich Hals über Kopf in sie. Er beginnt, ihr mit extravaganten Geschenken den Hof zu machen, und Hollis kann ihr Glück kaum fassen. Doch ist das wirklich das Happy End? Der mysteriöse Fremde Silas bringt Hollis‘ Welt ins Wanken. Silas ist kein König. Luxus und Macht kann er ihr nicht versprechen. Aber jeder Blick von ihm trifft sie mitten ins Herz. Die Augen des ganzen Volkes sind auf die zukünftige Königin gerichtet. Und niemand ahnt, welche Stürme in ihr toben, während sie lächelt. Band 1 von 2. Der zweite Band erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2021. Das Hörbuch erscheint bei Argon.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 349




Kiera Cass

Promised

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Angela Stein

FISCHER E-Books

Inhalt

WidmungMotto 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 DanksagungLeseprobe1

Für meinen tollkühnen Bruder Gerad.

Der mich durch die ganze Serengeti tragen würde.

Behauptet er jedenfalls.

 

 

AUS DEN CHRONIKEN DER COROISCHEN GESCHICHTE, BAND I

 

Und darum, Coroer, schützt die Gesetze.

Denn missachten wir eines, missachten wir alle.

 

 

1

Um diese Zeit des Jahres gab es morgens noch Raureif. Doch der Winter neigte sich dem Ende entgegen, die ersten Blumen blühten, endlich wurde es wieder wärmer.

»Ich träume schon vom Frühling«, seufzte ich und blickte durchs Fenster auf die Vögel, die unterm blauen Himmel umhersegelten. Delia Grace knüpfte die letzten Bänder meines Kleids und geleitete mich zur Frisierkommode.

»Ja, ich auch. Turniere. Freudenfeuer. Und bald ist auch Krönungstag.«

Delia fand wohl, dass ich deshalb besonders aufgeregt sein müsste. Aber ich hatte so meine Zweifel.

An ihren Bewegungen spürte ich, dass sie ungeduldig wurde. »Hollis, ganz bestimmt wirst du bei den Feierlichkeiten an der Seite des Königs sein! Ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst!«

»Wir können den Sternen danken, dass der König sich dieses Jahr für uns interessiert«, erwiderte ich lässig, während Delia meine Locken flocht. »Sonst wäre es hier so öde wie in einem Grabmal.«

»Du hörst dich echt an, als sei die Brautwerbung ein Spiel«, sagte Delia erstaunt.

»Ist sie doch auch. Der König wird sich garantiert bald dem nächsten Mädchen zuwenden. Deshalb sollten wir das alles in vollen Zügen genießen, solange wir noch die Gelegenheit dazu haben.«

Ich beobachtete im Spiegel, wie Delia Grace mit gesenktem Blick an ihrer Lippe nagte.

»Stimmt was nicht?«, fragte ich.

Sie schaute ruckartig hoch und setzte ein Lächeln auf. »Nein, alles in Ordnung. Es wundert mich nur, dass du das so leicht nimmst. Weil ich nämlich glaube, dass das Interesse des Königs an dir viel mehr zu bedeuten hat, als du denkst.«

Meine Finger trommelten einen Rhythmus auf der Kommode, und ich sah ihnen nachdenklich dabei zu. Ich mochte Jameson. Es wäre verrückt gewesen, ihn nicht zu mögen. Er sah gut aus, war reich und natürlich außerdem der König. Tanzen konnte er auch wunderbar, und solange er gute Laune hatte, machte es Spaß, mit ihm Zeit zu verbringen.

Aber ich wollte mir nichts einbilden. Seit Monaten beobachtete ich, wie er von einem Mädchen zum nächsten zog. Mich eingeschlossen waren es mindestens sieben gewesen – und es gab sicher noch viele, von denen man bei Hofe gar nichts wusste. Ich hatte vor, das alles so lange wie möglich auszukosten und mich dann mit irgendeinem beliebigen Trampel zufriedenzugeben, den meine Eltern für mich aussuchen würden. Zumindest würde ich dann als gelangweilte Greisin in schönen Erinnerungen schwelgen können.

»Jameson ist noch jung«, antwortete ich schließlich. »Er wird sich bestimmt erst binden, wenn er einige Jahre König war. Und sicher wird erwartet, dass er zu seinem politischen Vorteil heiratet. Da hab ich nicht viel zu bieten.«

Es klopfte an der Tür, und Delia Grace ging hin, um zu öffnen. Ihre Enttäuschung war mir nicht entgangen, denn Delia glaubte, dass ich eine echte Chance hatte. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich so schwierig war. In unserer zehnjährigen Freundschaft hatten wir uns bisher immer gegenseitig unterstützt, aber das hatte sich inzwischen geändert.

Adlige Damen bei Hofe hatten Kammerfrauen. Doch die hochstehendsten Edelfrauen und Mitglieder des Königshauses hatten eine Zofe, die nicht nur Dienerin, sondern auch Vertraute und Freundin war. Delia Grace bereitete sich schon auf eine Rolle vor, die sie so bald vielleicht gar nicht spielen durfte.

Und ich wusste nicht recht, wie ich damit umgehen sollte. Andererseits, denken Freunde nicht immer, dass man zu Höherem befähigt ist, als man selbst glaubt?

Als Delia Grace mit einem Brief zurückkehrte, funkelten ihre Augen. »Da ist das Siegel des Königs drauf«, sagte sie vergnügt und drehte den Brief hin und her. »Aber da es uns ja egal ist, was der König für dich empfindet, brauchen wir den Brief auch nicht aufzumachen, oder?«

»Zeig her.« Ich stand auf und streckte die Hand aus, doch Delia Grace versteckte ihn grinsend hinter dem Rücken.

»Böses Mädchen, gib ihn mir!«

Sie wich zurück, ich hechtete nach dem Brief, und im Nu jagte ich sie unter Kreischen und Kichern durch meine Gemächer. Zweimal gelang es mir, Delia Grace in eine Ecke zu drängen, aber sie war schneller als ich und entkam mir. Ich war atemlos vom Rennen und Lachen, als ich sie endlich erwischte und umklammerte. Den Brief hielt sie hoch über ihren Kopf, und als ich gerade danach greifen wollte, kam meine Mutter durch die Flügeltüren zwischen unseren Gemächern gestürmt.

»Bist du von Sinnen, Hollis Brite?«, schimpfte sie.

Delia Grace und ich legten hastig die Hände hinter den Rücken und knicksten.

»Ich höre euch hier herumkreischen wie wilde Tiere. Wie sollen wir einen geeigneten Ehemann für dich finden, wenn du dich so aufführst?«

»Verzeihung, Mutter«, murmelte ich zerknirscht.

Vorsichtig blickte ich auf. Meine Mutter sah so ärgerlich und mürrisch aus wie immer, wenn sie mit mir sprach.

»Die Tochter der Copelands ist letzte Woche verlobt worden«, sagte sie, »und die Devaux sind jetzt auch in Gesprächen. Und du benimmst dich wie ein Kind.«

Ich schwieg, Delia Grace war jedoch noch nie auf den Mund gefallen. »Glauben Sie nicht, Lady Brite, dass es ein wenig zu früh ist, Hollis zu vermählen? Sie könnte doch ebenso gut wie die anderen Mädchen das Herz des Königs erobern.«

Meine Mutter konnte ihr überhebliches Lächeln kaum verbergen. »Wir wissen doch alle, dass der König zur Flatterhaftigkeit neigt. Außerdem ist Hollis eher nicht als Königin geeignet, oder?« Meine Mutter zog streng eine Augenbraue hoch. »Und du, Delia Grace, bist wohl kaum die Richtige, um solche Qualitäten zu erkennen, wie?«

Delia Grace schluckte schwer, und ihr Gesicht wirkte steinern. Ich hatte schon oft miterlebt, wie sie diese Maske aufsetzte.

»Das wäre alles«, schloss meine Mutter, machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte hinaus.

Mit einem Seufzer sah ich Delia Grace an. »Tut mir leid.«

»So was höre ich nicht zum ersten Mal«, sagte sie und gab mir den Brief. »Mir tut es auch leid. Ich wollte nicht, dass du Ärger kriegst.«

Ich brach das Siegel am Kuvert. »Macht nichts. Wäre es nicht das gewesen, dann irgendwas anderes.«

Delia Grace war anzusehen, dass sie dasselbe dachte. Ich las den Brief. »Oje«, sagte ich und tastete nach einigen losen Haarsträhnen. »Ich fürchte, du musst das hier rasch wieder in Ordnung bringen.«

»Wieso?«

Lächelnd schwenkte ich den Brief wie eine Flagge. »Weil Seine Majestät heute unsere Anwesenheit auf dem Fluss erwünscht.«

 

»Was meinst du, wie viele Leute da sein werden?«, fragte ich Delia Grace.

»Schwer zu sagen. Der König umgibt sich gerne mit vielen Menschen.«

Ich schürzte die Lippen. »Stimmt. Dabei hätte ich ihn so gern mal ganz für mich alleine.«

»Und das sagt das Mädchen, das glaubt, es sei alles nur ein Spiel.«

Ich sah Delia Grace an, und wir grinsten beide. Meine Freundin schien immer mehr über mich zu wissen, als ich mir selbst eingestehen wollte.

Als wir um die Ecke bogen, sahen wir, dass die Palasttüren bereits geöffnet waren und die strahlende Sonne hereinschien. Mein Herz schlug schneller, als ich die schlanke, stattliche Gestalt mit dem hermelingesäumten roten Umhang sah, die mit dem Rücken zu uns stand. Allein die Anwesenheit des Königs schien die Luft mit einem aufregenden Knistern zu erfüllen.

Ich machte einen tiefen Knicks. »Majestät.«

Und die glänzenden schwarzen Schuhe vor meinen Augen wandten sich mir zu.

2

»Meine liebe Hollis«, sagte der König und hielt mir seine beringte Hand hin. Ich nahm sie, erhob mich und blickte in wunderschöne honigbraune Augen. Wenn König Jameson mich so ansah, wurde mir immer ein bisschen schwindlig, so wie wenn ich mit Delia Grace zu wild im Kreis herumgetanzt war.

»Es ist mir eine große Freude, Ihre Einladung anzunehmen, Majestät. Ich liebe den Colvard River.«

»Das hattest du erwähnt. Wie du siehst, habe ich es nicht vergessen«, erwiderte der König und umfasste meine Hand fester. Dann sagte er leiser: »Ich habe mich auch daran erinnert, dass deine Eltern in letzter Zeit ein bisschen … anstrengend waren. Doch wegen der Hofetikette musste ich sie einladen.«

Hinter ihm sah ich eine viel größere Menschenmenge, als ich für diesen Ausflug erwartet hatte. Meine Eltern waren da, auch einige Lords vom Kronrat. Und etliche Mädchen, die garantiert ungeduldig darauf warteten, von Jameson bemerkt zu werden. Ich entdeckte die hochnäsige Nora, Anna Sophia und Cecily. Die glaubten bestimmt alle, dass meine Zeit mit Jameson bald vorbei sein würde.

»Keine Sorge, deine Eltern werden nicht auf unserem Boot sein«, versicherte mir der König. Ich lächelte dankbar, doch während der langen Kutschfahrt auf der gewundenen Straße zum Fluss blieben sie mir leider nicht erspart.

Keresken Castle thronte prächtig und imposant auf dem Felsplateau von Borady. Um zum Fluss zu gelangen, mussten die Kutschen durch die Gassen der Hauptstadt Tobbar zockeln, was endlos lange dauerte.

Die Augen meines Vaters leuchteten, weil er diese Gelegenheit zu einer langen Audienz beim König bekam. »Wie sieht es denn nun an der Grenze aus, Majestät?«, begann er. »Mir kam zu Ohren, dass Eure Männer im letzten Monat zum Rückzug gezwungen wurden.«

Es gelang mir im letzten Moment, nicht die Augen zu verdrehen. Hielt mein Vater es für eine gute Idee, den König auf Niederlagen anzusprechen? Doch Jameson ließ sich von der Frage nicht erschüttern.

»Das ist leider wahr. Unsere Soldaten an den Grenzen sollen lediglich den Frieden bewahren. Was sollen sie also tun, wenn sie angegriffen werden? Berichten zufolge behauptet König Quinten, das Land der Isolter erstrecke sich bis zu den tiberischen Ebenen.«

Mein Vater blickte finster. »Dieses Land gehört seit Generationen den Coroern.«

»Ganz recht. Doch ich fürchte nichts. Hier sind wir geschützt vor Angriffen, und Coroer sind hervorragende Krieger.«

Ich starrte zum Fenster hinaus, gelangweilt vom Gerede über alberne Grenzstreitigkeiten. Unterhaltungen mit Jameson machten mir sonst immer Spaß, aber meinen Eltern gelang es, sogar das zu verderben.

Ich seufzte erleichtert, als wir am Ufer ankamen und ich der stickigen Kutsche entkommen konnte. »Du hast nicht übertrieben, was deine Eltern angeht«, bemerkte Jameson, als wir endlich alleine waren.

»Also, ich würde die zwei nie zu einem Fest einladen, so viel steht fest.«

»Und dennoch haben sie das bezauberndste Mädchen der Welt erschaffen«, erwiderte Jameson und küsste mir die Hand.

Ich errötete, und als ich den Blick abwandte, sah ich Delia Grace aus einer Kutsche steigen, gefolgt von Nora, Cecily und Anna Sophia. So unerträglich ich die Fahrt auch gefunden hatte – angesichts der geballten Fäuste von Delia Grace konnte ich mir denken, dass sie es noch viel übler erwischt hatte.

»Was ist passiert?«, flüsterte ich.

»Nur das, was schon tausendmal vorher passiert ist.« Sie hob das Kinn.

»Wenigstens sind wir zusammen in einem Boot«, sagte ich besänftigend. »Komm. Ich freu mich schon auf die Gesichter, wenn wir beim König einsteigen.«

Wir gingen den Steg entlang, und mir wurde ganz heiß, als Jameson meine Hand ergriff, um mir beim Einsteigen behilflich zu sein. Delia Grace folgte mir, dann zwei Berater des Königs, während meine Eltern und die restlichen Gäste sich in andere Boote der Flotte begaben. Die königliche Standarte im leuchtend coroischen Rot flatterte so heftig im Wind, dass sie einer Flamme glich. Glücklich nahm ich meinen Platz an der rechten Seite des Königs ein, der noch immer meine Hand hielt.

Es gab Felle, um uns vor dem kaltem Wind zu schützen, und allerlei Leckereien. Alles, was das Herz begehrte, war vorhanden, und darüber staunte ich immer wieder: Kein Wunsch blieb unerfüllt, wenn man neben einem König saß.

Während die Boote den Fluss entlangglitten, verbeugten sich die Menschen an den Ufern oder riefen Jameson Segenswünsche zu. Er hielt sich kerzengerade und neigte würdevoll den Kopf.

Ich wusste wohl, dass nicht jeder Herrscher zugleich auch schön war, aber von Jameson konnte man das behaupten. Er achtete sehr auf sein Aussehen, trug sein dunkles Haar kurzgeschnitten und sorgte dafür, dass seine bronzefarbene Haut glatt und weich war. Gekleidet war er nach der neuesten Mode, aber niemals übertrieben, und seine Besitztümer stellte er gerne zur Schau. An diesem sonnigen Wintertag einen Bootsausflug zu machen, war typisch für Jameson. Und ich genoss es, neben ihm zu sitzen und mich königlich zu fühlen.

Am Ufer stand in der Nähe einer neu erbauten Brücke eine verwitterte Statue. Ihr Schatten fiel auf das blaugrüne Wasser. Wie es die Tradition gebot, erhoben sich beim Vorbeifahren sämtliche Männer, und die Frauen neigten ehrfürchtig den Kopf. In vielen Büchern und Sagen wurde geschildert, wie Königin Albrade durch die Lande ritt und gegen die Isolter kämpfte, während ihr Gemahl, König Shane, wegen Staatsangelegenheiten in Moorland weilte. Nach seiner Rückkehr hatte der König sieben Statuen von seiner Frau in ganz Coroa aufstellen lassen. Jedes Jahr im August wurden am Hofe Tänze abgehalten, bei denen die Damen Holzschwerter in den Händen hielten, um des Sieges von Königin Albrade zu gedenken.

Tatsächlich wurden die Königinnen von Coroa mehr geehrt als die Herrscher, und Königin Albrade war noch nicht einmal die berühmteste. Königin Honovi hatte alle Grenzen des Landes mit Bäumen und Steinen markiert und mit Küssen gesegnet. Noch heute küssten die Menschen diese Grenzsteine, weil das Glück brachte. Königin Lahja hatte sich während der isoltischen Pest – so benannt, weil die Haut der Toten so blau war wie die isoltische Flagge – der verwaisten Kinder Coroas angenommen. Todesmutig war sie in die Stadt gegangen, um die einsamen Kinder zu retten und in neuen Familien unterzubringen.

Sogar Königin Ramira, Jamesons Mutter, war im ganzen Land für ihre Güte bekannt. Ganz im Gegensatz zu ihrem kampflustigen Gatten, König Marcellus, hatte sich Ramira immer für den Frieden eingesetzt. Mindestens drei Kriege waren durch ihre besonnenen Verhandlungen verhindert worden. Die jungen Männer von Coroa und deren Mütter waren der Königin zu großem Dank verpflichtet.

Coroische Königinnen waren für ihre Ruhmestaten auf dem ganzen Kontinent bekannt, und das trug auch zu Jamesons Attraktivität bei. Er war nicht nur gut aussehend und reich und konnte ein Mädchen zur Königin machen … sondern auch zur Legende.

»Ich bin so gern auf dem Wasser«, bemerkte er jetzt, was mich wieder zur Schönheit des Augenblicks zurückbrachte. »Als Junge bin ich für mein Leben gern mit meinem Vater nach Sabino gesegelt.«

»Ich weiß noch, dass Euer Vater ein exzellenter Segler war, Majestät«, warf Delia Grace ein.

Jameson nickte. »Das war eine seiner vielen Begabungen. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich mehr Eigenschaften von meiner Mutter geerbt als von ihm, aber das Segeln habe ich auf jeden Fall mit ihm gemein. Und die Liebe zum Reisen. Wie ist das bei dir, Hollis? Reist du gern?«

Ich zuckte die Achseln. »Bisher hatte ich kaum Gelegenheit dazu. Mein Leben hat sich nur zwischen Keresken Castle und Varinger Hall abgespielt, dem Anwesen meiner Familie. Aber ich habe mir immer gewünscht, Eradore zu sehen«, hauchte ich. »Ich liebe das Meer und habe gehört, dass die Strände wunderschön sein sollen.«

»Das sind sie, ja.« Jameson lächelte und wandte den Blick ab. »Mir wurde berichtet, dass junge Ehepaare heutzutage nach ihrer Hochzeit gemeinsam eine Reise machen.« Er sah mich wieder an. »Du solltest dafür sorgen, dass dein Gemahl mit dir nach Eradore fährt. An den weißen Stränden würdest du ganz besonders bezaubernd aussehen.«

Wieder schaute er beiseite und steckte sich Beeren in den Mund, als sei absolut nichts dabei, über Heiraten und Reisen zu reden. Ich warf Delia Grace einen Blick zu. Sobald wir allein wären, würden wir diese Szene bis ins letzte Detail zerlegen.

Wollte der König mir sagen, dass ich heiraten sollte? Oder etwa, dass ich … ihn heiraten sollte?

Diese Fragen schwirrten mir durch den Kopf, während ich zu den anderen Booten hinüberschaute. Nora starrte mich grimmig an. Auch die übrigen nervigen Mädchen vom Hof beobachteten mich. Und das waren nicht die einzigen Augenpaare, die nicht auf die schöne Landschaft, sondern auf mich gerichtet waren. Doch nur Nora wirkte so wütend.

Ich griff nach einer Beere, holte aus und warf sie. Sie traf Nora mitten auf der Brust. Cecily und Anna Sophia lachten lauthals auf, und Nora blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Dann nahm sie sich auch rasch eine Frucht, warf sie auf mich und sah dabei ziemlich vergnügt aus. Kichernd schnappte ich mir die nächste Beere, und im Nu war eine Art Krieg im Gange.

»Hollis, was um alles in der Welt tust du da?«, rief meine Mutter, gerade laut genug, um das Plätschern der Paddel zu übertönen.

Ich sah sie an und antwortete ernsthaft: »Ich verteidige meine Ehre.« Bevor ich mich wieder Nora zuwandte, hörte ich Jameson amüsiert glucksen.

Unter lautem Gelächter auf beiden Seiten flogen Beeren hin und her. Ich hatte lange nichts so Lustiges mehr erlebt … bis ich mich für einen besonders schwungvollen Wurf etwas zu weit vorbeugte und Hals über Kopf in den Fluss stürzte.

Die erschrockenen Aufschreie hörte ich unter Wasser. Aber ich hatte vorher schnell so tief Luft geholt, dass ich, ohne zu prusten, wieder an die Oberfläche kam.

»Hollis!« Jameson streckte mir die Hand hin. Ich packte sie, und der König zog mich blitzschnell an Bord. »Liebe Hollis, bist du verletzt?«

»N-Nein«, stotterte ich zähneklappernd. »Aber ich hab meine Schuhe verloren, glaub ich.«

Jameson blickte auf meine schuhlosen Füße und lachte schallend. »Dagegen müssen wir wohl rasch etwas unternehmen, nicht wahr?«

Überall war erleichtertes Gelächter zu hören, weil ich unversehrt war. Jameson legte mir seinen Umhang um die Schultern.

»Zurück zum Ufer«, befahl er, noch immer lächelnd. Er hielt mich umschlungen und schaute mir tief in die Augen, und ich spürte, dass der König mich so – tropfnass, ohne Schuhe, mit zerzaustem Haar – absolut hinreißend fand. Doch da er von meinen Eltern und einem Haufen gestrenger Lords beobachtet wurde, musste er sich damit begnügen, mich auf die Stirn zu küssen.

Seine warmen Lippen auf meiner kühlen Stirn brachten wieder etwas in meinem Bauch zum Flattern, und ich fragte mich, ob sich wohl jeder Moment mit Jameson so anfühlen würde. Ich sehnte mich nach einem richtigen Kuss. In jeder Sekunde, in der wir ungestört gewesen waren, hatte ich gehofft, dass es endlich so weit sein würde. Doch bisher hatte sich nichts getan. Ich wusste, dass Jameson Hannah und Myra geküsst hatte, aber die anderen Mädchen schwiegen sich darüber aus. Deshalb fragte ich mich, ob es wohl ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, dass ich noch keinen richtigen Kuss bekommen hatte.

»Kannst du stehen?«, fragte mich Delia Grace beim Aussteigen.

»Nass ist das Kleid viel schwerer«, gab ich zu.

»Hollis, es tut mir ja so leid! Ich wollte nicht, dass du ins Wasser fällst!«, rief Nora, als sie am Ufer ankam.

»Ach Quatsch, ich war ja selbst schuld. Und ich hab meine Lektion gelernt. Ab jetzt schaue ich mir den Fluss von oben aus dem Fenster an.« Ich zwinkerte Nora zu.

Sie lachte, obwohl sie ziemlich betroffen aussah. »Ist auch wirklich alles in Ordnung?«

»Ja. Vielleicht läuft mir morgen die Nase, aber weiter ist nichts passiert. Keine Sorge, ich nehme dir nichts übel.«

Ihr Lächeln wirkte aufrichtig.

»Komm, ich helfe dir«, bot sie an.

»Das mache ich schon«, fauchte Delia Grace.

Noras Lächeln erstarb, und sie sah plötzlich gar nicht mehr vergnügt, sondern ärgerlich aus. »Ja, keine Frage. Da Jameson auf ein Mädchen wie dich keinen Blick verschwendet, musst du dich an Hollis’ Röcke klammern.« Nora zog eine Augenbraue hoch und wandte sich mit den Worten ab: »Und die solltest du auch lieber nicht loslassen.«

Ich wollte gerade erwidern, dass Delia Grace an ihrer Lage keine Schuld trug, aber eine Hand legte sich auf meine Schulter und hielt mich davon ab.

»Jameson könnte dich hören«, raunte Delia Grace mit zusammengebissenen Zähnen. »Lass uns einfach gehen.«

Ich spürte, wie verletzt sie war. Aber sie hatte natürlich recht. Männer kämpften auf offenem Feld, Frauen hinter Fächern. Ich befürchtete, dass Delia Grace sich am nächsten Tag wieder mal verkriechen würde, weil man sie unfair behandelt hatte. Als wir noch jünger gewesen waren, hatte sie das oft gemacht, wenn sie die boshaften Worte nicht mehr ertragen konnte.

Doch am nächsten Morgen erschien sie wie immer in meinem Zimmer und frisierte mein Haar zu einem Kunstwerk. Währenddessen klopfte es an der Tür, und als Delia Grace öffnete, marschierte eine Schar Dienerinnen mit wunderschönen Blumensträußen herein.

»Woher kommen die?«, fragte Delia Grace und wies die Dienerinnen an, die Vasen auf allen freien Flächen abzustellen.

Eine Dienerin knickste und überreichte mir ein gefaltetes Papier. Ich schmunzelte, als ich die Nachricht vorlas. »Für den Fall, dass du erkältet bist und keinen Ausflug in die Natur machen kannst, kommt die Natur zu ihrer Königin.«

Delia Grace riss die Augen weit auf. »Ihrer Königin?«

Ich nickte. Mein Herz klopfte wie wild.

»Such mir bitte mein goldenes Kleid heraus, Delia Grace. Ich will mich beim König bedanken.«

3

Hocherhobenen Hauptes schritt ich den Gang entlang, Delia Grace ging rechts hinter mir. Ich nickte den Besuchern in den Korridoren freundlich zu, aber die meisten beachteten mich gar nicht. Sie hielten es sicher für überflüssig, die jüngste Liebelei des Königs ernst zu nehmen.

Doch als wir uns dem Thronsaal näherten, hörte ich etwas, das mich betroffen machte.

»Das ist die, von der ich dir erzählt habe«, raunte eine Frau in abfälligem Tonfall einer anderen zu.

Ich erstarrte und warf einen raschen Blick auf Delia Grace. Sie blinzelte, hatte die Bemerkung also auch gehört und wusste nicht, was davon zu halten war. Vielleicht hatten diese Frauen über sie geredet. Über ihre Eltern, ihren Vater. Doch der Klatsch über Delia Grace’ Familie war ein alter Hut und wurde nur noch von den jüngsten Hofdamen benutzt, wenn sie gehässig sein wollten. Alle anderen waren viel mehr an neuen, spannenderen Geschichten interessiert.

Wie dem Tratsch über König Jamesons neuestes Lieblingsmädchen.

»Tiefe Atemzüge«, befahl mir Delia Grace. »Du willst doch gut aussehen vor dem König.«

Ich tastete nach der Blume, die ich mir hinters Ohr gesteckt hatte. Sie saß noch an Ort und Stelle. Dann strich ich meine Röcke glatt und ging weiter. Meine Freundin wusste, wovon sie sprach. Diese Strategie wandte sie bereits seit Jahren an.

Als wir den Thronsaal betraten, waren die Blicke unverhohlen feindselig. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, zitterte aber innerlich.

Ein Mann, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte, schüttelte den Kopf.

»Das wäre eine Schande für das ganze Land«, murmelte ein anderer, als er an mir vorbeiging.

Aus dem Augenwinkel sah ich Nora. Obwohl ich sie wirklich nicht sonderlich mochte, trat ich jetzt auf sie zu, und Delia Grace folgte mir wie ein Schatten.

»Guten Morgen, Nora«, sagte ich. »Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber einige Leute bei Hofe sind heute …« Mir wollte kein passendes Wort einfallen.

»Ja«, erwiderte sie leise. »Offenbar hat jemand die Geschichte von unserer kleinen Schlacht gestern herumerzählt. Niemand scheint sich über mich aufzuregen. Aber ich bin auch nicht die Favoritin des Königs.«

Ich schluckte. »Aber Seine Majestät hat doch im letzten Jahr die Gespielinnen mir nichts, dir nichts gewechselt. Gewiss wird er sich mit mir auch nicht viel länger abgeben. Deshalb verstehe ich die ganze Aufregung nicht.«

Nora verzog das Gesicht. »Aber mit dir hat er einen Ausflug unternommen und dich unter seine Flagge gesetzt. Dem hast du gestern vielleicht keine Bedeutung beigemessen. Doch das hat er bisher noch mit keinem Mädchen gemacht.«

Oh.

»Die Lords stecken dahinter, oder?«, fragte Delia Grace. »Die Lords aus dem Kronrat?«

Nora nickte kurz.

So ein höfliches Gespräch hatte es zwischen den beiden noch nie gegeben.

»Aber was hat das zu bedeuten?«, fragte ich. »Wieso sollte der König überhaupt etwas auf die Meinung anderer geben?«

Delia Grace, die sich mit Themen wie Regierung und Hofetikette besser auskannte, verdrehte die Augen. »Die Lords regieren ihre Countys für den König. Deshalb ist er von den Lords abhängig.«

»Wenn der König will, dass es friedlich bleibt und dass die Steuern korrekt gezahlt werden, dann braucht er dafür die Lords«, fügte Nora hinzu. »Denn wenn die unzufrieden sind mit ihrem Herrscher … na ja, sagen wir mal, dann könnten sie etwas faul werden.«

Ah. Die Macht des Königs wäre also bedroht, wenn er sich mit einer Person liieren würde, die von den Lords nicht gebilligt wurde. Einem Mädchen zum Beispiel, das während einer Beerenschlacht in den Fluss fiel. Und das auch noch direkt unter der Statue einer der bedeutendsten Königinnen des Landes.

Einen kurzen Moment lang fühlte ich mich schrecklich gedemütigt. Ich hatte in Jamesons Worte und seine Zuwendung viel zu viel hineingedeutet. Hatte mir wirklich eingebildet, ich könnte womöglich Königin werden.

Doch dann fiel mir wieder ein: Ich hatte immer schon gewusst, dass ich keine Königin sein würde.

Zwar wäre es bestimmt lustig, die reichste Dame von Coroa zu sein und im ganzen Land Statuen von mir zu sehen … aber diese Vorstellung war vollkommen unrealistisch. Jameson würde sich garantiert bald vom nächsten hübschen Lächeln betören lassen. Einstweilen sollte ich einfach genießen, was ich mit ihm erleben konnte.

Ich ergriff Noras Hand »Danke. Für den Spaß gestern und deine Aufrichtigkeit heute. Du hast was gut bei mir.«

Nora lächelte. »In ein paar Wochen ist Krönungstag. Solltest du dann noch in der Gunst des Königs stehen, wirst du doch sicher einen Tanz für ihn entwerfen. Falls ja, würde ich gerne daran teilnehmen.«

Viele Mädchen entwickelten neue Tänze für den Krönungstag und hofften, mit dieser Ehrung des Königs seine Gunst zu gewinnen. Wenn Jameson dann tatsächlich noch an mir interessiert war, würde man einen Tanz von mir erwarten. Meiner Erinnerung nach bewegte Nora sich sehr anmutig. »Dann kann ich bestimmt jede Hilfe gebrauchen. Du kannst auf jeden Fall mitmachen.«

Ich bedeutete Delia Grace, dass wir weitergehen sollten. »Komm, ich muss mich jetzt beim König bedanken.«

»Bist du verrückt geworden?«, flüsterte sie mir erbost zu, als wir ein Stück entfernt waren. »Du willst doch nicht im Ernst diese Nora mit uns tanzen lassen, oder?«

Ich drehte mich erstaunt um. »Sie war doch gerade sehr nett zu mir. Und dich hat sie richtig höflich behandelt. Es ist nur ein Tanz, und sie ist sehr leichtfüßig. Das ist für uns auch von Vorteil.«

»Aber mit ihrem Benehmen heute kann sie doch nicht alles wettmachen, was sie früher verpfuscht hat«, widersprach Delia Grace.

»Ach komm, wir werden älter«, erwiderte ich. »Alles ändert sich.«

Meiner Freundin war anzusehen, dass meine Worte sie nicht besänftigten. Aber sie schwieg, während wir uns durch die Menschenmenge drängten.

König Jameson saß auf der Estrade, einem Podium am Ende des Saals. Sie war breit genug für eine große königliche Familie, doch gegenwärtig stand nur der Thron darauf, flankiert von zwei niedrigeren Sitzgelegenheiten für wichtige Gäste.

Der Thronsaal wurde für allerlei benutzt: zum Empfang von Besuchern, für Bälle und sogar für das abendliche Diner. Hinter der Treppe zur Empore der Musiker an der Ostseite schien die Sonne durch hohe Fenster, doch mein Blick fiel immer als Erstes auf die Wand nach Westen. Sie bestand fast vollständig aus Buntglasfenstern, die den Saal in schillernd buntes Licht tauchten. In jedem der sechs Fenster war eine Szene aus der coroischen Geschichte dargestellt.

Man sah die Krönung von König Estus oder Frauen, die auf einem Feld tanzten. Während eines Krieges war ein Fenster zerstört worden, doch es war durch eine Szene ersetzt worden, in der König Telau einen Kniefall vor Königin Thenelope machte. Das war mein Lieblingsbild. Ich wusste nicht allzu viel über die Königin, aber immerhin war sie in einem Raum verewigt worden, in dem alle wichtigen Geschehnisse des Palastes stattfanden. Allein das beeindruckte mich sehr.

Für die Mahlzeiten wurden Tische herein- und wieder hinausgetragen, auch die Menschen kamen und gingen, doch Fenster und Estrade blieben immer gleich. Ich wandte den Blick von den Herrschern früherer Zeit zum heutigen König. Er war ins Gespräch mit einem Lord vertieft, doch als Jameson das goldene Schimmern meines Kleids bemerkte, schaute er zu mir herüber und beendete die Unterhaltung sofort. Ich knickste und trat zum Thron, wo Jameson meine Hände ergriff.

»Hollis«, sagte er kopfschüttelnd, »du bist die aufgehende Sonne. Atemberaubend schön.«

Das brachte alles wieder durcheinander, was ich mir so schön zurechtgelegt hatte. Wie konnte ich mir einreden, dass ich dem König nichts bedeutete, wenn er mich so ansah? Ich hatte ihn damals nicht mit den anderen Mädchen beobachtet, weil es mir nicht wichtig gewesen war. Aber jetzt strich er mit dem Daumen über meine Hand, als sei ihm dieses kleine Stück Haut nicht genug. Und gab mir das Gefühl, einzigartig zu sein.

»Majestät ist zu großzügig«, erwiderte ich und neigte graziös den Kopf. »Nicht nur mit Worten, sondern auch mit Gaben. Ich möchte Euch dafür danken, dass Ihr mir einen Garten in mein Zimmer geschickt habt.« Jameson lachte, worauf ich gehofft hatte. »Und ich möchte Euch mitteilen, dass ich wohlauf bin.«

»Prächtig. Dann musst du beim Diner heute Abend an meiner Seite sein.«

Mein Magen schlug einen Purzelbaum. »Majestät?«

»In Gesellschaft deiner Eltern selbstverständlich. Ich brauche dringend Abwechslung.«

Ich machte erneut einen Hofknicks. »Wie Ihr wünscht.« Da ich wusste, dass hinter mir noch andere auf ihre Audienz warteten, wich ich zurück, schwindlig vor Freude, und griff nach Delia Grace’ Hand, um mich zu stützen.

»Du wirst neben dem König sitzen, Hollis«, murmelte sie.

»Ja.« Die Vorstellung machte mich so atemlos, als sei ich gerade kreuz und quer durch den Park gerannt.

»Und deine Eltern. Das hat er noch mit keinem Mädchen gemacht.«

Ich umklammerte ihre Hand. »Ich weiß. Sollen … sollen wir es ihnen sagen?« Ich blickte in die weisen Augen von Delia Grace, die meine Freude ebenso erkannten wie meine Furcht und mein Erstaunen.

Diese Augen leuchteten jetzt, als Delia Grace mit verschmitztem Grinsen antwortete: »Ich finde, eine so ehrwürdige Dame wie du sollte nur einen Brief schicken.«

Lachend verließen wir den Thronsaal, und es war uns ganz egal, ob jemand missbilligend blickte oder abfällige Bemerkungen machte. Noch immer durchschaute ich Jamesons Absichten nicht, und ich wusste, dass der Hofstaat über meine Anwesenheit alles andere als begeistert sein würde. Doch das war mir einerlei. Heute Abend würde ich neben einem König dinieren, und das war nun wirklich ein Grund zum Feiern.

 

Delia Grace und ich hielten in meinem Zimmer die Lesezeit ab, auf der meine Zofe täglich bestand. Sie hatte breit gefächerte Interessen – Geschichte, Mythologie, die berühmten Philosophen –, ich dagegen las am liebsten Romane. Für gewöhnlich ließ ich mich leicht zu den Orten in Büchern entführen, aber heute war ich angespannt. Ich horchte und schaute alle paar Minuten zur Tür, rechnete damit, dass meine Eltern jeden Moment hereinstürzen würden.

Als ich dann endlich von einer Passage im Buch gefesselt war, sprangen die Flügeltüren auf.

»Ist das ein Scherz?«, fragte mein Vater. Er klang nicht aufgebracht, sondern erschütternd hoffnungsvoll.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Der König hat diese Einladung heute Morgen ausgesprochen. Ihr wart so beschäftigt, dass ich einen Brief für passender hielt.«

Ich warf Delia Grace einen verschwörerischen Blick zu, doch die tat, als sei sie in ihr Buch vertieft.

Meine Mutter schluckte. Sie wirkte regelrecht zappelig. »Wir sollen alle drei heute Abend beim König dinieren?«

Ich nickte. »Jawohl. Du, Vater und ich. Da ich Delia Grace an meiner Seite brauche, dachte ich, ihre Mutter könnte auch dabei sein.«

Meine Mutter hörte schlagartig mit dem Gezappel auf. Mein Vater schloss die Augen, was er immer tat, wenn er zuerst nachdenken wollte, bevor er sprach.

»Gewiss wirst du doch bei einem so bedeutsamen Anlass nur von deiner Familie umgeben sein wollen.«

Ich lächelte. »An der Tafel des Königs ist genug Platz für uns alle, das spielt sicher keine Rolle.«

Meine Mutter beäugte mich scharf. »Delia Grace, wir möchten mit unserer Tochter unter vier Augen sprechen.«

Ich schaute meine Zofe ergeben an. Delia Grace schlug ihr Buch zu und legte es auf den Tisch, bevor sie hinausging.

»Mutter, ganz im Ernst!«

Sie schoss auf mich zu, ragte über mir auf. »Hollis, es handelt sich hier nicht um ein Spiel. Dieses Mädchen hat einen schlechten Leumund und sollte nicht in deiner Nähe sein. Zunächst war deine Freundschaft mit ihr ein wohltätiger Akt. Doch jetzt … solltest du dich von ihr trennen.«

Mir verschlug es fast die Sprache. »Auf keinen Fall! Sie ist meine engste Freundin am Hof!«

»Sie ist ein außereheliches Kind!«, zischte meine Mutter.

Ich schluckte. »Das ist doch lediglich ein Gerücht. Ihre Mutter hat geschworen, dass sie ihrem Gatten treu war. Lord Domnall hat diese Anklage nur vorgebracht – und auch noch acht Jahre nach der Geburt von Delia Grace! –, damit er die Scheidung durchsetzen konnte.«

»Eine Scheidung ist ohnehin genug Grund, sich von diesem Mädchen fernzuhalten!«, versetzte meine Mutter.

»Aber Delia Grace kann doch gar nichts dafür!«

Mein Vater beachtete meinen Einwand nicht, sondern sagte zu seiner Gattin: »Wie recht du doch hast, meine Liebe. Sollte das Blut der Mutter nicht schon schlecht genug sein, dann ist es das des Vaters. Geschieden. Und dann hat er auch noch schleunigst das Weite gesucht.«

Ich seufzte. Gesetze spielten eine wichtige Rolle in Coroa, und es gab eine Vielzahl, die sich auf Familie und Ehe bezogen. War man dem Ehemann oder der Ehefrau untreu, wurde man im besten Fall ausgestoßen, im schlimmsten Fall hingerichtet. Zu einer Scheidung kam es so selten, dass ich es noch bei niemandem erlebt hatte. Aber Delia Grace hatte das durchmachen müssen.

Ihr Vater hatte behauptet, seine Gattin, die einstige Lady Clara Domnall, habe eine außereheliche Liebschaft gehabt, bei der das einzige Kind, Delia Grace, entstanden sei. Man hatte dem Lord recht gegeben, und er war geschieden worden. Doch binnen drei Monaten war er mit einer anderen Frau durchgebrannt und hatte ihr und künftigen gemeinsamen Kindern die Adelstitel übertragen, die ansonsten Delia Grace geerbt hätte. Doch was hätten ihr die Titel bei ihrem ruinierten Ruf auch genützt? Durchzubrennen galt als eines der schlimmsten Verbrechen, manche heimlichen Geliebten trennten sich lieber, als diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Lady Clara, die bereits vor der Ehe einen Adelstitel besessen hatte, nahm ihren Mädchennamen wieder an und lebte mit ihrer Tochter am Hofe, damit sie unter Edelleuten aufwachsen konnte. Doch Delia Grace musste ständig qualvolle Demütigungen ertragen.

Ich hatte die ganze Geschichte immer schon dubios gefunden. Wenn Lord Domnall seine Gattin der Untreue bezichtigte und Delia Grace für ein uneheliches Kind hielt, warum hatte er dann acht Jahre mit der Anklage gewartet? Es hatte nie Beweise für seine Beschuldigung gegeben, doch die Scheidung war genehmigt worden. Delia Grace glaubte, er habe sich Hals über Kopf in die Frau verliebt, mit der er dann durchgebrannt war. Ich hatte versucht, ihr zu erklären, das sei Unsinn, doch es war mir nicht gelungen.

»Nein«, hatte meine Zofe hartnäckig widersprochen. »Er muss die Frau mehr geliebt haben als meine Mutter und mich. Weshalb sollte man für etwas Geringeres alles aufgeben?« Sie sah so entschieden aus, dass mir keine Entgegnung mehr eingefallen war, und seither hatte ich nie wieder darüber geredet.

Es war auch nicht nötig, denn der halbe Hofstaat tat das ohnehin. Und wer Delia Grace nicht offensichtlich verachtete, tat es zumindest in Gedanken. Meine eigenen Eltern waren leider das beste Beispiel dafür.

»Ihr seid zu voreilig«, sagte ich jetzt. »Es ist sehr großzügig vom König, uns zum Diner zu laden, aber das bedeutet vorerst nichts weiter. Und selbst wenn es so sein sollte – hat dann Delia Grace, die sich immer tadellos benommen hat, nicht ein Recht darauf, an meiner Seite zu sein?«

Mein Vater seufzte. »Die Leute haben sich bereits über deine Eskapaden auf dem Fluss ereifert. Willst du ihnen noch mehr Anlass dafür geben?«

Ich legte die Hände in den Schoß. Es war völlig sinnlos, mit meinen Eltern zu debattieren. Hatte ich mich jemals durchsetzen können? Höchstens wenn Delia Grace mir zur Seite gestanden hatte.

Das war die Lösung!

Ich atmete tief durch und blickte zu meinen Eltern auf, die mich eisern entschlossen anstarrten.

»Eure Besorgnis leuchtet mir ein, doch vielleicht sollte man auch die Wünsche anderer Menschen berücksichtigen«, brachte ich vor.

»Diesem anrüchigen Mädchen bin ich nichts schuldig«, fauchte meine Mutter.

»Nein, ich meine den König.«

Darauf verstummten die beiden. Schließlich sagte mein Vater: »Erkläre dich.«

»Es ist ja so, dass Seine Majestät mich offenbar lieb gewonnen hat. Und einer der Gründe, warum mein Leben am Hofe so angenehm ist, ist Delia Grace. Außerdem ist Jameson wesentlich einfühlsamer als sein Vater und wird gewiss verstehen, dass ich sie unter meine Fittiche genommen habe. Mit eurer Erlaubnis würde ich gerne ihm die Entscheidung überlassen.«

Ich hatte meine Worte sorgfältig gewählt und ruhig gesprochen. Niemand hätte mich als trotzig oder weinerlich bezeichnen können, und eine höhere Autorität als den König gab es schließlich nicht.

»Nun gut«, sagte mein Vater. »Wir können ihn heute Abend fragen. Aber das Mädchen ist nicht eingeladen. Diesmal nicht.«

Ich nickte. »Ich werde ihr gleich schreiben, damit sie es versteht. Entschuldigt mich bitte.« Ich gab mich unbekümmert und stand auf, um ein Pergament aus meinem Schreibtisch zu holen.

Meine Eltern, sichtlich verwirrt, verließen das Zimmer.

Als sich die Tür hinter ihnen schloss, kicherte ich vergnügt.

Delia Grace,

es tut mir sehr leid, aber meine Eltern haben sich wegen des Diners heute Abend durchgesetzt. Ärgere dich nicht! Ich habe einen Plan, wie du immer bei mir sein kannst. Komm später am Abend zu mir, dann erkläre ich dir alles. Sei unverzagt, liebe Freundin!

Hollis

Auf dem Weg zum Diner trafen mich erneut abfällige Blicke, und ich fragte mich, wie Delia Grace diese Behandlung ertragen hatte, noch dazu als sehr junges Mädchen.

Meine Eltern beachteten die Blicke gar nicht, sondern schritten hocherhobenen Hauptes in den Saal, als wollten sie eine reinrassige Stute präsentieren, die sie gerade geerbt hatten. Was dazu führte, dass die Leute uns nur noch unverschämter musterten.

Meine Mutter überprüfte mein Aussehen noch, als wir uns bereits der Tafel näherten. Ich trug das goldene Kleid, und sie hatte mir ein Diadem mit Juwelen geborgt, das jetzt mein blassgolden schimmerndes Haar zierte.

»Man sieht es gar nicht richtig«, bemerkte meine Mutter. »Ich weiß nicht, weshalb deine Haare so hellblond geraten sind, aber dieser Farbton zerstört jedenfalls die Wirkung des Diadems.«

»Dagegen kann ich wohl nichts tun«, erwiderte ich. Meine Haare waren um einiges heller als die der meisten Menschen in Coroa. Das hatte ich auch schon oft zu hören bekommen.

»Es muss an deinem Vater liegen.«

»Wohl kaum«, erwiderte er unwirsch.

Ich schluckte, weil ich merkte, wie angespannt die beiden waren. Es gehörte zu unseren Benimmregeln, dass Streitigkeiten nur in unseren privaten Räumen stattfinden durften. Das fiel meinen Eltern offenbar auch wieder ein, denn sie verstummten schlagartig, als wir die Estrade betraten, auf der sich nun der Tisch des Königs befand.

»Majestät«, sprach mein Vater mit künstlich strahlendem Lächeln. Doch Jameson nahm meine Eltern kaum wahr, sein Blick war auf mich gerichtet.

Ich machte einen tiefen Hofknicks. »Majestät.«

»Lady Hollis. Lord und Lady Brite. Sie sehen wohl aus. Bitte nehmen Sie Platz.« Jameson wies auf die Stühle an seiner Seite. Mein Herz schlug schneller, als ich mich neben dem König niederließ, und als er meine Hand küsste, war ich so überwältigt, dass ich die Tränen wegblinzeln musste. Dann ließ ich den Blick über den Thronsaal schweifen, den ich aus dieser Perspektive noch nie gesehen hatte.

Von der Estrade aus konnte ich alle Gesichter erkennen und beobachten, wer gemäß der Hofetikette welchen Platz einnahm. Die Blicke, die mir beim Hereinkommen Unbehagen verursacht hatten, fand ich von dieser Warte aus berauschend. Denn in ihnen zeichnete sich ganz deutlich ein Gedanke ab: Ich wünschte, ich wäre an ihrer Stelle.

Nachdem Jameson mir einige Momente stumm in die Augen gesehen hatte, holte er tief Luft und wandte sich meinem Vater zu.

»Es heißt, Ihr Anwesen, Varinger Hall, gehört zu den schönsten von ganz Coroa, Lord Brite.«

Mit stolzgeschwellter Brust erwiderte mein Vater: »Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Wir haben einen prachtvollen Park und fruchtbare Ländereien. Es gibt sogar noch einen Baum mit einer Schaukel aus meiner eigenen Kindheit dort. Hollis ist als kleines Mädchen einmal an den Seilen in die Baumkrone geklettert.« Er verzog das Gesicht, als bereue er diese Äußerung. »Doch es fällt nicht leicht, dorthin zurückzukehren, weil Keresken Castle so prächtig ist. Vor allem während der Feiertage. Der Krönungstag auf dem Land ist nicht zu vergleichen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, erwiderte Jameson. »Dennoch würde ich Ihr Anwesen gerne einmal besuchen.«

»Seine Majestät ist jederzeit willkommen.« Meine Mutter legte meinem Vater die Hand auf den Arm. Ein Besuch von einem Mitglied der Königsfamilie bedeutete viel Vorbereitung und hohe Kosten, war aber eine Ehre und sorgte für großes Ansehen.

Jameson sah wieder mich an. »Du bist also an den Seilen deiner Schaukel hinaufgeklettert?«

Ich lächelte verschmitzt, als ich daran zurückdachte. »Ja, ich hatte ein Nest entdeckt und wünschte mir, selbst ein Vogel zu sein. Wäre es nicht wunderbar, fliegen zu können? Ich wollte in dem Nest wohnen und von der Vogelmutter in die Familie aufgenommen werden.«

»Und was geschah?«

»Ich wurde ausgeschimpft, weil ich mein Kleid zerrissen hatte.«

Der König brach in schallendes Gelächter aus, worauf alle im Saal zu ihm schauten. Ich spürte die zahllosen neidischen Blicke auf mir, konnte aber nur an die Augen des Königs denken. Wenn er lachte, bildeten sich kleine Fältchen in den Augenwinkeln, was sehr schön aussah.

Ich konnte Jameson zum Lachen bringen. Diese Gabe besaßen nur wenige, und es wunderte mich, dass ihn diese alberne kleine Geschichte so amüsierte.

Tatsächlich war ich oft an den Seilen der Schaukel ins Geäst des Baumes hinaufgeklettert, nicht zu weit allerdings, weil ich sowohl die Höhe als auch die Schelte meiner Eltern fürchtete. Doch an diesen Tag damals erinnerte ich mich sehr genau, an die Vogelmutter, die davonflog, um Nahrung für ihre Jungen zu suchen. Sie wirkte so fürsorglich, so besorgt um ihren Nachwuchs. Später irgendwann sagte ich mir, dass ich wohl recht verzweifelt gewesen sein musste, wenn ich einen Vogel als Mutter haben wollte.