15,99 €
Studienarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Soziologie - Religion, Note: 1,0, Philipps-Universität Marburg (Soziologie), Veranstaltung: Seminar, Sprache: Deutsch, Abstract: „Die Semantik der Moderne setzt vor allem ein kulturell hochspezifisches Temporalschema voraus. Dieses platziert sich gegen die Vorstellung einer grundsätzlichen Konstanz und Wiederholung der Struktur der Humanwelt in der Zeit ebenso wie gegen Modelle zyklischer Geschichte. Es differenziert vielmehr – darin ein christlich-jüdisches Zeitmodell säkularisierend – eindeutig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, interpretiert die Vergangenheit im Lichte des Gegenwärtigen und Zukünftigen, als dessen Vorstufe es erscheint, und lädt diese unterschiedlichen Zeitperioden mit spezifischen historischen Bedeutungen auf.“ (Bonacker/Reckwitz, 2007. S.8) So lässt sich Erklären, dass eine Konfessionszugehörigkeit vormals Ausdruck ei-ner spezifischen persönlichen und kollektiven Religiosität gewesen sein kann und im Kontext der heutigen gesellschaftlichen Konstellation – durch die Transformation von (sprachlichen) Bedeutungen bzw. (Wert)Inhalten – zu einem primordialen, quasi-natürlichen Merkmal geworden ist, das sich nicht mehr überwiegend durch die Identifikation mit religiösen Überzeugungen und Weltbildern, sondern vermehrt durch Bezugnahme auf ethnische Parameter artikuliert. Im Sinne dieser Leitthese habe ich in dieser Arbeit der Auseinandersetzung mit der sozialen Situation in Nordirland (Kapitel IV.) einen theoretischen Teil vorangestellt, in welchem ich die Konzeption von Identitäten (Kapitel II.), sowie die damit verknüpften Folgen der (sprachlichen) Konstruktion einer Bedrohung (Kapitel III.) skizzieren werde. Abschließend soll ein knapper Ausblick auf die mögliche Beschaffenheit einer erfolgreichen Konfliktregelung gewagt werden (Kapitel V.).
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2008
Page 3
Protestantisch - Katholisch: Begriffe, die für weite Teile der säkularisierten und pluralisierten Gesellschaften des Alten Europas von der Aura längst überwundener „Weltordnungen“ umgeben sind, als deren Relikt sich mancherorts noch der weihnachtliche Kirchenbesuch gehalten haben mag.
Anders in Nordirland: Dort verweist die zum Wortpaar gewordene Kirchenspaltung nach wie vor auf den Kampf um ein Territorium, dessen britische Annexion bereits über 400 Jahre zurückliegt und tiefe Gräben durch die Bevölkerung zieht: „Die […] Konfliktformation in Nordirland trägt viele Züge dessen, was Helmut Dubiel in Anlehnung an Albert O. Hirschman als ‚Identitätskonflikt’ bezeichnet hat. In Abgrenzung von so genannten ‚strategischen Konflikten’ zeichnet sich dieses Genus von Konflikt durch die Unverhandelbarkeit von Streitgütern, den expressiv-rituellen Charakter ihrer öffentlichen Artikulation und die konfrontative politisch-gesellschaftliche Alltagspraxis aus.“ (Moltmann, 2002. S.4) Es wird deutlich: Der Nordirlandkonflikt ist kein Problem der Kategorie „Religion“ als solche. Vielmehr wird die konfessionelle Zugehörigkeit durch weitere soziologische Kriterien „aufgewertet“ und dadurch problematisiert. Entscheidend ist also nicht das (gleichwohl vorhandene) Maß an Religiosität, sondern die kulturellen Auswirkungen der konfessionell gespaltenen Gesellschaft. Deshalb möchte ich in dieser Arbeit keine Darstellung der Abläufe und Ereignisse des Nordirlandkonfliktes umreißen, sondern Ansatzpunkte für eine Interpretation einzelner Aspekte unter gewissen theoretischen Vorüberlegungen entwickeln. Dabei werde ich eine Perspektive einnehmen, die als kulturwissenschaftlich und - unter Berücksichtigung definitorischer Unschärfen - auch als „(post)modern“ bezeichnet werden kann. Um mein gedankliches Programm für die Analyse des Nordirlandkonfliktes zu verdeutlichen, wähle ich zunächst folgende These: „Die Semantik der Moderne setzt vor allem ein kulturell hochspezifisches Temporalschema voraus. Dieses platziert sich gegen die Vorstellung einer grundsätzlichen Konstanz und Wiederholung der Struktur der Humanwelt in der Zeit ebenso wie gegen Modelle zyklischer Geschichte. Es differenziert vielmehr - darin ein christlich-jüdisches Zeitmodell säkularisierend - eindeutig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, interpretiert die Vergangenheit im Lichte des Gegenwärtigen und Zukünftigen, als dessen Vorstufe es erscheint, und lädt diese
